Am Spätnachmittag wurde ich wieder vorgeführt, und mir wurde gesagt, ich möge den beiden Beamten in Zivil folgen. Wir gingen auf den Bahnhof und fuhren ab. Auf der Station einer kleinen Stadt stiegen wir aus und gingen in die Polizeiwache der Stadt. Dort saß ich auf der Bank und wurde von allen Cops, die von Ablösung kamen, betrachtet wie ein Tier im Zoologischen Garten. Ab und zu sprach man auch mit mir. Als es gegen zehn Uhr war, sagten zwei Männer zu mir: „Es ist jetzt Zeit. Wir wollen gehen.“
Wir gingen über Felder und gingen auf Wiesenpfaden. Endlich blieben die beiden stehen und einer sprach mit verhaltener Stimme: „Gehen Sie dort in jener Richtung, die ich Ihnen zeige, immer gerade aus. Sie werden niemand treffen. Wenn Sie aber jemand sehen sollten, so gehen Sie ihm aus dem Wege oder legen Sie sich hin, bis er vorüber ist. Wenn Sie eine Zeit gegangen sind, dann kommen Sie zu einer Bahnlinie. Folgen Sie der Bahnlinie, bis Sie zu der Station kommen. Halten Sie sich dort in der Nähe auf bis gegen Morgen. Sobald Sie sehen, daß ein Zug zur Abfahrt fertiggemacht wird, gehen Sie zum Schalter und sagen: ‚Un troisième à Anvers.‘ Können Sie das behalten?“
„Ja, das kann ich. Es ist sehr leicht.“
„Aber reden Sie sonst kein Wort weiter. Sie bekommen dann Ihre Fahrkarte und fahren nach Antwerpen. Dort kriegen Sie leicht wieder ein Schiff, wo man immer Seeleute braucht. Hier haben Sie etwas zum Beißen und auch noch etwas zum Rauchen. Kaufen Sie nichts, bevor Sie in Antwerpen sind. Hier sind dreißig belgische Franken.“
Er händigte mir ein Paket Butterbrote ein, einen Papierbeutel mit Zigarren und eine Schachtel Zündhölzer, damit ich niemand um Feuer anbetteln brauchte.
„Kommen Sie nie wieder zurück nach Holland. Sie bekommen sechs Monate Gefängnis und Internierungskamp. Sie sind also hiermit ausdrücklich verwarnt, vor einem Zeugen. Good-bye und viel Glück.“
Da stand ich in der Nacht auf offnem Felde. Viel Glück!
Eine Strecke ging ich nun in jener Richtung, bis ich überzeugt war, daß die beiden mich nicht mehr sehen konnten, oder daß sie nun fort waren. Dann blieb ich stehen und begann zu überlegen.
Nach Belgien? Da gab es lebenslänglich Gefängnis. Zurück nach Holland? Da gab es nur sechs Monate Gefängnis. Das war schon billiger. Dann kam noch das Internierungskamp für Paßlose. Hätte ich doch nur gefragt, wie lange das Internierungskamp dauert. Wahrscheinlich war das lebenslänglich. Denn aus welchem Grunde sollte es Holland billiger machen als Belgien?
Ich kam zu dem Entschluß, daß Holland auf alle Fälle billiger war. Es war auch darum besser, weil ich dort mit der Sprache zurechtkommen konnte, während ich in Belgien gar nichts reden konnte und noch viel weniger verstehen.
Nun ging ich erst einmal eine Strecke seitlich fort, ungefähr eine halbe Stunde lang. Und dann querfeldein zurück nach Holland. Das Lebenslänglich war doch zu bitter.
Es ging ganz gut. Nur immer tapfer drauf los.
„Halt! Stehen bleiben! Oder es wird geschossen!“ Recht angenehm, wenn plötzlich aus der Finsternis heraus gerufen wird: „Es wird geschossen.“
Zielen kann der Mann ja nicht und sehen kann er mich auch nicht. Aber eine nichtgezielte Kugel kann auch treffen. Und das ist schließlich doch noch schlimmer als lebenslänglich.
„Was machen Sie denn hier?“ Zwei Männer kamen aus der Dunkelheit heraus und auf mich zu. Einer fragte mich das.
„Ich gehe ein wenig spazieren. Ich kann nicht schlafen.“
„Warum gehen Sie denn gerade hier auf der Grenze spazieren?“
„Die Grenze habe ich nicht gesehen, es ist ja kein Zaun da.“
Zwei grelle Taschenlampen waren auf mich gerichtet, und ich wurde durchsucht. Was die Menschen nur immer zu durchsuchen haben. Ich glaube, die suchen überall nach den verlorengegangenen vierzehn Punkten Wilsons. Ich habe sie jedenfalls nicht in der Tasche.
Als sie nun nichts weiter fanden als die Butterbrote, die dreißig Franken und die Zigarren, blieb einer bei mir stehen, während der andre ein Stück des Weges, auf dem ich gekommen war, ableuchten ging. Wahrscheinlich hoffte er, dort den Weltfrieden zu finden, der in der ganzen Welt gesucht wird, seitdem unsre Jungens dafür gekämpft und geblutet haben, daß dieser Krieg der letzte Krieg sei.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Ich will zurück nach Rotterdam.“
„Jetzt? Warum denn gerade um Mitternacht und gerade hier über die Wiese? Warum gehen Sie denn nicht auf der Straße?“
Als ob man nicht nachts über eine Wiese gehen könnte! Die Leute haben merkwürdige Ansichten. Und immer haben sie gleich einen Verdacht, daß man irgendein Verbrechen begangen haben könnte. Ich erzählte nun, daß ich von Rotterdam käme, und wie ich hierher gekommen sei. Da wurden sie aber wütend und sagten, ich solle sie nicht zum Narren halten, es sei ganz klar, daß ich von Belgien käme und mich nach Holland reinschleichen wolle. Als ich ihnen nun sagte, aber die dreißig Franken bewiesen doch, daß ich die Wahrheit gesagt hätte, wurden sie noch wütender und sagten, das sei eben gerade ein Beweis, daß ich sie anlügen wollte. Die Franken seien ein Beweis, daß ich von Belgien komme, denn in Holland habe man keine Franken. Nun gar noch zu sagen, daß mir holländische Beamte dieses Geld gegeben hätten und mich mitten in der Nacht auf ungesetzlichem Wege abgeschoben hätten, das zwänge sie, mich zu arretieren und mich unter Anklage der Beamtenbeschimpfung zu stellen. Sie wollten aber noch einmal Gnade mit mir haben, weil ich offenbar ein armer Schlucker sei, der nicht die Absicht gehabt habe, zu schmuggeln, und würden mich auf den richtigen Weg führen, auf den ich wieder zurück nach Antwerpen kommen könne.
So gut waren diese Leute zu mir.
Jetzt mußte ich doch nach Belgien gehen, da half nichts. Wenn nur das Lebenslänglich nicht wäre.
Eine Stunde wanderte ich nun in der Richtung nach Belgien.
Ich wurde müde und stolperte vor mich hin. Am liebsten hätte ich mich hier hingelegt und geschlafen. Ich hielt es aber doch für besser, weiterzugehen, um aus dem gefährlichen Bereich, wo geschossen werden darf auf den, der nicht schießen darf, herauszukommen.
Da plötzlich packt mich etwas am Bein. Ich denke, es ist ein Hund. Als ich aber zufasse, ist es eine Hand. Und da flammt auch schon eine Taschenlaterne auf. Dieses Ding ist auch eine Erfindung des Satans, man sieht sie immer erst, wenn sie einem dicht vor Augen ist.
Zwei Mann stehen jetzt auf. Sie haben da in der Wiese gelegen, und ich bin ihnen so schön richtig mitten in die Arme gelaufen.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Antwerpen.“
Sie sprechen Holländisch oder mehr Flämisch.
„Nach Antwerpen wollen Sie? Jetzt zur Nachtzeit? Warum gehen Sie denn nicht auf der ordentlichen Straße, wie es anständigen Menschen gebührt?“
Ich erzähle ihnen nun, daß ich nicht aus freiem Willen käme, und sage ihnen, wie es zugegangen sei, daß ich mich hier herumzudrücken habe.
„Solchen Schwindel können Sie andern erzählen. Nicht uns. So etwas tun Beamte nicht. Sie haben da in Holland etwas ausgefressen und wollen nun hier ’rüber. Aber das gibt es nicht. Wollen wir erst einmal die Taschen durchsuchen, um zu erfahren, warum Sie hier mitten in der Nacht über die Wiesen gehen und immer auf der Grenze.“
Sie fanden in meinen Taschen und zwischen den Nähten meiner Sachen nicht, was sie suchten. Ich wollte gern wissen, was die Leute eigentlich immer suchen und warum sie einem immer die Taschen durchwühlen müssen. Eine üble Angewohnheit dieser Leute.
„Wir wissen schon, was wir suchen. Da brauchen Sie sich gar keine Sorge machen.“
Nun bin ich auch nicht klüger. Aber finden tun sie nichts. Ich bin überzeugt, daß es bis an das Weltende eine Hälfte Menschen geben wird, die immer die Taschen durchsuchen muß und eine andre Hälfte, die sich das Durchsuchen der Taschen gefallen lassen muß. Vielleicht geht der ganze Streit der Menschheit nur darum, wer das Recht hat, die Taschen zu durchsuchen, und wer die Pflicht hat, sich das gefallen zu lassen und noch dafür zu bezahlen.
Nachdem das Amtsgeschäft vorüber ist, sagt der eine zu mir: „So, da drüben ist die Richtung nach Rotterdam, da gehen Sie jetzt immer drauf los und lassen Sie sich hier ja nicht wieder sehen. Und wenn Sie wieder einmal Grenzpolizei treffen, dann halten Sie sie nicht für so dumm, wie Sie uns gehalten haben. Habt ihr denn da drüben in eurem blödsinnigen Amerika nichts mehr zu essen, daß ihr alle hier herüber kommen müßt, um uns das bißchen Essen, das wir für unsre Leute brauchen, auch noch wegzufressen?“
„Ich bin doch aber gar nicht freiwillig hier“, widerspreche ich, und ich weiß am besten, wie recht ich habe.
„Merkwürdig, das sagt jeder von euch, den wir hier aufgreifen.“
Das ist ja ganz etwas Neues. Da bin ich vielleicht noch nicht einmal der einzige, der sich hier auf einem fremden Erdteil herumtreiben muß.
„Nun ziehen Sie ab. Und machen Sie keine überflüssigen Umwege mehr. Es wird bald hell, und dann werden wir Sie gut beobachten. Rotterdam ist ein guter Platz. Da sind viele Schiffe, die immer jemand brauchen.“ Wie oft mir das nun schon erzählt worden ist. Es müßte eigentlich durch das häufige Erzählen nun schon eine wissenschaftliche Wahrheit geworden sein.
Mit den dreißig Franken konnte ich hier in dem kleinen Städtchen nichts anfangen, das wäre sicher gleich aufgefallen.
Aber da kam ein Milchwagen, und der nahm mich eine Strecke mit. Und dann kam ein Lastauto, und das nahm mich eine Strecke mit. Dann kam wieder ein Bauer, der Schweine zu einer Stadt brachte. So kam ich Meile um Meile näher nach Rotterdam. Sobald die Menschen nicht zur Polizei gehören, und sobald sie nicht zur Polizei gerechnet werden wollen, fangen sie an, sehr liebe Geschöpfe zu werden, die ganz vernünftig denken und ganz normal fühlen können. Ich erzählte den Leuten ganz treu, wie es mir ergangen sei, und daß ich keine Papiere hätte. Und sie waren alle so nett, gaben mir zu essen, gaben mir einen warmen, trockenen Winkel, um zu schlafen, und gaben mir gute Ratschläge, wie ich der Polizei am besten aus dem Wege gehen könnte.
Es ist recht sonderbar. Keiner liebt die Polizei. Und man ruft bei einem Einbruch die Polizei auch nur darum, weil einem nicht erlaubt ist, dem Einbrecher das Leder selbst zu versohlen und ihm den Raub wieder abzunehmen.