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Das Totenschiff

Chapter 13: 9
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

9

ie dreißig Franken umgewechselt in holländische Gulden gaben nicht viel her. Aber auf Geld kann man sich ja überhaupt nicht verlassen, wenn man sonst nichts nebenbei hat.

Das Nebenbei kam an einem Nachmittag, gleich darauf.

Ich strollte am Hafen entlang, und da sah ich zwei Mann daherkommen. Als sie nahe bei mir waren, schnappte ich etwas von ihrem Geschwätz auf. Es ist ja so urkomisch, wenn man einen Engländer reden hört. Die Engländer behaupten immer, wir könnten nicht richtig Englisch sprechen; aber was die Leute reden, das ist sicher kein Englisch. Das ist überhaupt keine Sprache. Na, ganz egal. Ich kann sie ja nicht riechen, die Rotköppe. Aber uns können sie ja auch nicht verdauen. Da gleicht sich das wieder aus. Das geht nun schon so seit hundertfünfzig und ich weiß nicht wieviel Jahren.

Nun ist natürlich die ganze Suppe erst recht wieder übergekocht, seit die große Schweinerei im Gange war.

Da kommt man nun in einen Hafen, wo sie dicke sitzen wie die Brombeeren. In Australien, oder vielleicht in China oder Japan. Wie es gerade trifft. Man will einen heben gehen und rutscht in eine Hafenschenke. Da sitzen sie und stehen sie nun, und kaum hat man ein Wort ’raus, gleich geht das Vergnügen los: „Eh, Yank.“

Man kümmert sich gar nicht um die Bullköppe, man trinkt seinen Kleinen und will gehen.

Mit einem Male rasselt es aus einer Ecke: „Who won the war? Wer hat den Krieg gewonnen, Yank?“

Möchte wissen, was mich das angeht. Ich habe ihn nicht gewonnen, das weiß ich einmal ganz genau. Und die ihn wirklich gewonnen zu haben meinen, die haben auch nichts zu lachen und wären froh, wenn niemand davon überhaupt sprechen möchte.

„He, Yank, who won the war?“

Was soll man nun sagen, wenn man ganz allein ist, und da sind zwei Dutzend Rotköppe drin? Sagt man: „Wir!“, dann gibt es Senge. Sagt man: „Die Franzosen!“, dann gibt es Senge. Sagt man: „Ich!“, dann lachen sie, aber Senge gibt es trotzdem. Sagt man: „The Dominians, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika!“ dann gibt es Senge. Sagt man gar nichts, so heißt das: „Wir Amerikaner!“, und es gibt Senge. Zu sagen: „Ihr habt ihn gewonnen!“, das wäre eine unverschämte Lüge, und lügen möchte man nicht. Also gibt es Senge, und da kann man nicht dran vorbei. So sind die Bullen, und dann heißt es immer noch: die „Vettern von drüben“. Meine nicht. Da wundern sie sich noch, wenn man sie nicht riechen kann.

Aber was wollte ich denn machen?

„Auf welchem Eimer seid ihr denn?“ frage ich.

„Na, Yankchen, was machst du denn hier? Wir haben doch gar keinen Yank hier gesehen.“ Sie fühlen sich, weil sie schon Zimt riechen.

„Ich bin achtern abgekantet und kann jetzt nicht Anker hieven.“

„Keine Versicherungspolice, hä?“

„Erraten.“

„Willst du jetzt wegstauen?“

„Muß. Kiel sitzt auf. Brennt.“

„Wir sind auf einem Schotten.“

„Wo geht ihr denn ’raus jetzt?“ fragte ich.

„Boulogne. Bis dahin können wir dich stauen. Weiter geht’s aber nicht. Der Bos’n, der Bootsmann, ist ein Hund.“

„Gut, dann mache ich nach Boulogne. Wann ebbt ihr ab?“

„Am besten, du kommst ’rauf um acht. Da ist der Bos’n saufen. Wir stehen an der Schanze. Wenn ich die Mütze in den Nacken schiebe, ist alles klar; wenn ich nichts mache, wartest du noch eine Weile. Lauf nicht soviel gerade vor der Nase herum. Wenn du aber gewischt wirst, läßt du dir eher das Maul breitschlagen, ehe du sagst, wer dich gelotst hat. Ehrensache, verstanden?“

Um acht war ich da. Die Mütze wurde in den Nacken geschoben. Der Bos’n war besoffen und wurde vor Boulogne nicht nüchtern, und da stieg ich aus und war in Frankreich.

Ich wechselte mein Geld in französische Franken um. Dann ging ich zum Bahnhof, und da stand der Expreß für Paris. Ich nahm eine Karte für die erste Station und setzte mich in den Zug.

Die Franzosen sind zu höflich, als daß sie einen während der Fahrt belästigen würden.

Und da war ich mit einem Male in Paris. Aber da wurden die Karten kontrolliert, und ich hatte keine für Paris.

Wieder Polizei. Natürlich, wie könnte es auch ohne Polizei gehen? Es wurde ein grausames Radebrechen. Ich ein paar Brocken Französisch, die Leute jeder einen Brocken Englisch. Das meiste hatte ich zu erraten. Wo ich herkäme? Von Boulogne. Wie ich nach Boulogne gekommen sei? Mit einem Schiff. Wo meine Seemannskarte sei? Habe keine.

„Was, Sie haben keine Seemannskarte?“

Diese Frage würde ich jetzt sogar verstehen, wenn man sie zu mir Hindostanisch sagte. Denn die Geste und der Tonfall sind so genau die gleichen, daß man sich nie irren könnte.

„Paß habe ich auch nicht. Ich habe auch keine Identitätskarte. Ich habe überhaupt keine Papiere. Nie Papiere gehabt.“

Das sage ich gleich in einem Atemzuge. Nun können sie wenigstens diese Fragen nicht stellen und sich damit die Zeit vertreiben. In der Tat werden Sie ein wenig verblüfft, weil sie nun ganz aus der Reihe gekommen sind. Für eine Weile weiß keiner, was er fragen oder sagen soll. Glücklicherweise bleibt ihnen ja die Fahrkarte, die ich nicht hatte. Und am nächsten Tage ist wieder ein Verhör. Ich lasse sie ruhig verhören und reden und fragen. Ich verstehe nichts. Am Schluß wird mir aber klar, daß ich zehn Tage Gefängnis weghabe wegen Eisenbahnbetrugs oder so etwas Ähnlichen. Was weiß ich. Es ist mir auch gleichgültig. Aber das war meine Ankunft in Paris.

Diese Gefängnislaufbahn war recht drollig.

Erster Tag: Einlieferung, Baden, Untersuchung, Wäscheausteilung, Zellenverteilung. Der erste Tag war vorbei.

Zweiter Tag: Quittieren kommen beim Kassenverwalter über die Summe, die ich bei meiner Verhaftung im Besitz hatte. Abermalige Personenfeststellung und Eintragung in dicke Bücher. Nachmittag: Empfang beim Gefängnisgeistlichen. Er sprach gut Englisch. Behauptete er. Das muß aber das Englisch gewesen sein, als William der Eroberer noch nicht in England gelandet war, denn ich verstand von diesem guten Englisch nicht ein einziges Wort, ließ es mir aber nicht anmerken. Wenn er von Gott sprach, sagte er immer „Goat“, und ich war der Meinung, er rede von einer Ziege. Damit ging auch der zweite Tag herum.

Dritter Tag: Vormittags werde ich gefragt, ob ich schon mal Schürzenbänder angenäht hätte. Ich sagte nein. Nachmittags wurde mir mitgeteilt, daß ich in die Schürzenabteilung eingereiht würde. Damit ging der dritte Tag zu Ende.

Vierter Tag: Vormittags wurde mir Schere, Nadel, eine ganze Nähnadel, Zwirn und ein Fingerhut gegeben. Der Fingerhut paßte nicht. Aber mir wurde gesagt, einen andern hätten sie nicht. Nachmittags wurde mir gezeigt, wie ich die Schere, die Nähnadel und den Fingerhut immer sichtbar auf den Schemel zu legen und den Schemel in die Mitte der Zelle zu stellen habe, wenn ich die Zelle für den Rundgang verlasse. Außen neben der Tür wurde ein Plakat angeschlagen mit der Aufschrift: „Besitzt eine Schere, eine Nähnadel und einen Fingerhut.“ Damit war der vierte Tag herum.

Fünfter Tag: Sonntag.

Sechster Tag: Vormittags werde ich in die Arbeitshalle geführt. Nachmittags wird mir ein Platz in der Arbeitshalle angewiesen. Der sechste Tag ist ’rum.

Siebenter Tag: Vormittags wird mir der Gefangene gezeigt, der mich lehren soll, wie Schürzenbänder angenäht werden sollen. Nachmittags sagt mir der Gefangene, ich solle meine Nähnadel schon mal einfädeln. Der siebente Tag ist ’rum.

Achter Tag: Der Lehrmeister zeigt mir, wie er die Schürzenbänder annäht. Nachmittags ist Baden und Wiegen. Der achte Tag ist rum.

Neunter Tag: Vormittags muß ich zum Direktor kommen. Mir wird mitgeteilt, daß morgen meine Zeit um sei, und ich werde gefragt, ob ich Beschwerden vorzubringen hätte. Dann muß ich meinen Namen ins Fremdenbuch schreiben. Nachmittags wird mir gezeigt, wie ich ein Schürzenband anzunähen habe. Der neunte Tag ist ’rum.

Zehnter Tag: Vormittags nähe ich ein Schürzenband an. Mein Lehrmeister betrachtet sich das angenähte Band einundeinehalbe Stunde und sagt dann, es sei nicht gut angenäht, er müsse es wieder abtrennen. Nachmittags nähe ich wieder ein Schürzenband an. Als ich das eine Ende gerade angenäht habe, werde ich zur Abfertigung gerufen. Ich werde gewogen, untersucht, bekomme meine Zivilsachen, die ich anziehen darf, und kann dann im Hof spazierengehen. Der zehnte Tag ist ’rum.

Am nächsten Morgen um sechs werde ich gefragt, ob ich noch Frühstück haben wolle. Ich sage nein, werde zum Kassenverwalter geführt, wo ich eine Weile warten muß, weil er noch nicht da ist. Dann kriege ich doch Frühstück, und endlich kommt der Kassenverwalter, der mir mein Geld zurückgibt, was ich wieder zu quittieren habe. Dann erhalte ich fünfzehn Centimes für Arbeitsleistung, war entlassen und konnte gehen. Verdient hat der französische Staat nicht viel an mir, und ob die Eisenbahn sich nun einbilden darf, bezahlt zu sein, ist auch noch die Frage. Draußen wurde ich aber gleich wieder von der Polizei in Empfang genommen.

Ich wurde verwarnt. Innerhalb fünfzehn Tagen hätte ich das Land zu verlassen, auf demselben Wege, auf dem ich hereingekommen sei. Würde ich nach Ablauf von fünfzehn Tagen noch innerhalb der Landesgrenzen gefunden, so würde nach Maßgabe der Gesetze mit mir verfahren werden. Also mit mir verfahren werden. Was das bedeutete, war mir nicht klar. Vielleicht hängen oder auf dem Scheiterhaufen schmoren. Warum nicht. In dieser Zeit der vollendeten Demokratien ist ein Paßloser und damit also auch ein Nichtwahlberechtigter ein Ketzer. Jede Zeit hat ihre Ketzer, und jede Zeit hat ihre Inquisition. Heute sind der Paß, das Visum, der Einwanderungsbann die Dogmen, auf die sich die Unfehlbarkeit des Papstes stützt, an die man zu glauben hat, oder man muß die verschiedenen Grade der Folterungen über sich ergehen lassen. Früher waren die Fürsten die Tyrannen, heute ist der Staat der Tyrann. Das Ende der Tyrannen ist immer Entthronung und Revolution, ganz gleich, wer der Tyrann ist. Die Freiheit des Menschen ist zu urwüchsig mit seinem ganzen Dasein und Wollen verknüpft, als daß der Mensch irgendeine Tyrannei lange ertragen könnte, selbst wenn die Tyrannei in dem sammetweichen Lügenmantel des Mitbestimmungsrechtes erscheinen sollte.

„Sie müssen doch aber irgendein Papier haben, lieber Freund“, sagte der Offizier, der mich verwarnte. „Ohne Papier können Sie gewiß nicht immer herumlaufen.“

„Ich könnte vielleicht einmal zu meinem Konsul gehen.“

„Zu Ihrem Konsul?“

Der Ton war mir bekannt. Es scheint, daß mein Konsul in der ganzen Welt bekannt ist.

„Was wollen Sie denn bei Ihrem Konsul? Sie haben doch keine Papiere. Der glaubt Ihnen keine Silbe, wenn Sie keine Papiere haben. Er gibt nur auf Papiere etwas. Besser, Sie gehen gar nicht hin, sonst werden wir Sie nie wieder los und haben Sie für das ganze Leben auf dem Halse.“

Wie sagten die Römer? Die Konsuln sollen darauf bedacht sein, daß der Republik nichts Übles widerfahre. Und es könnte der Republik sicher sehr viel Übles widerfahren, wenn die Konsuln nicht verhindern würden, daß jemand, der keine Papiere hat, sein Heimatland wiedersieht.

„Aber irgendein Papier müßten Sie doch haben. Sie können doch nicht gut den Rest Ihres Lebens ohne Papiere herumlaufen.“

„Ja, das glaube ich auch, daß ich ein Papier haben müßte.“

„Ich kann Ihnen kein Papier geben. Worauf denn? Alles, was ich Ihnen geben kann, ist ein Entlassungsschein aus dem Gefängnis. Mit dem Schein ist nicht viel los. Dann schon besser gar nichts. Und bei jedem andern Papier kann ich nur einsetzen, der Vorzeiger behauptet, der und der zu sein und von da und da herzukommen. Ein solches Papier ist aber wertlos, denn es ist kein Beweis; es sagt nur das aus, was Sie aussagen. Und Sie können natürlich erzählen, was Sie wollen, ob es wahr ist oder nicht. Selbst wenn es wahr ist, es muß bewiesen werden können. Es tut mir sehr leid, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe Sie amtlich verwarnt, und Sie müssen das Land verlassen. Gehen Sie doch nach Deutschland. Das ist auch ein sehr schönes Land.“

Warum sie mich alle nach Deutschland schicken, das möchte ich wissen.