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Das Totenschiff

Chapter 14: 10
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

10

un blieb ich erst einmal einige Tage in Paris, um abzuwarten, was geschehen würde. Geschehnisse können einem manchmal besser voranhelfen als die schönsten Pläne. Ich hatte ja jetzt ein gutes Recht, mir Paris anzusehen. Meine Fahrkarte war bezahlt, meine Verpflegung im Gefängnis hatte ich abverdient, so war ich dem französischen Staat nichts mehr schuldig, und ich durfte sein Pflaster ablaufen.

Wenn man nun so gar nichts zu tun hat, kommt man auf allerlei überflüssige Gedanken. Einen so überflüssigen Gedanken bekam ich eines guten Tages, und er führte mich zu meinem Konsul. Daß es ganz hoffnungslos war, wußte ich im voraus. Aber ich dachte, es schadet doch nie etwas, wenn man Erfahrungen über Menschen sammelt. Alle Konsuln sind in dieselbe Form gegossen wie fast alle Beamten. Sie gebrauchen wörtlich denselben Redeschatz, den sie bei ihren Prüfungen vorweisen mußten, sie werden würdevoll, ernst, befehlshaberisch, devot, gleichgültig, gelangweilt, interessiert und tieftraurig bei denselben Gelegenheiten, und sie werden heiter, lustig, freundlich und geschwätzig bei denselben Gelegenheiten, ob sie im Dienste Amerikas, Frankreichs, Englands oder Argentiniens stehen. Zu wissen, genau zu wissen, wann sie eine dieser Gefühlsäußerungen zu zeigen haben, ist die ganze Weisheit, die ein solcher Beamter benötigt. Ab und zu vergißt aber jeder Beamte einmal seine Weisheit und wird für eine halbe Minute Mensch. Dann kennt man ihn gar nicht wieder, dann fängt er an, die innere Haut nach außen zu kehren. Der interessanteste Moment aber ist, wenn er plötzlich empfindet, daß die innere Haut bloßliegt und er sie rasch wieder verkrustet. Um diesen Moment zu erleben, und um eine Erfahrung reicher zu werden, ging ich zum Konsul. Die Gefahr bestand, daß er mich verleugnete, mich der französischen Polizei offiziell übergab und mir dann die Möglichkeit genommen wurde, frei meiner Wege zu gehen, weil ich dann unter Polizeiaufsicht geriet und ich über jeden meiner Schritte, den ich tat oder zu tun gedachte, Rechenschaft abzulegen hatte.

Zuerst konnte ich einmal den ganzen Vormittag warten. Dann wurde geschlossen. Am Nachmittag kam ich auch nicht an die Reihe. Unsereiner muß ja immer warten, wohin er auch kommt. Denn wer kein Geld besitzt, von dem nimmt man an, daß er wenigstens unermeßlich viel Zeit hat. Wer Geld besitzt, kann es mit Geld abmachen; wer kein Geld zum Hinlegen hat, muß mit seiner Zeit bezahlen und mit seiner Geduld. Denn wird man gar aufsässig oder äußert man seine Ungeduld in einer Weise, die unbeliebt ist, so weiß der Beamte so viele Wege zu gehen, daß man viermal mehr an Zeit bezahlen muß. So beläßt man es bei der Zeitstrafe, die einem auferlegt wird.

Es saßen da eine ganze Reihe solcher, die ihre Zeit zu opfern hatten. Einige saßen schon Tage. Andre waren bereits sechsmal hin und her geschickt worden, weil dies fehlte und jenes nicht die vorschriftsmäßige Form oder richtiger Uniform trug.

Da kam eine kleine, unglaublich dicke Dame hereingeschossen. So unglaublich fett. Es war nicht auszudenken, wie fett sie war. In diesem Raume, wo die dürren Gestalten wartend auf den Bänken saßen, mit ihren Hinterköpfen beinahe das an die Wand geheftete Sternenbanner berührend, dessen Dimension so riesenhaft war, daß es die ganze Wand ausfüllte, in diesem Raume, wo unschuldige, willige und arbeitsgewohnte Menschen wartend saßen mit einem Ausdruck auf den Gesichtern, als würden hinter jenen zahlreichen Türen in diesem Augenblick ihre Todesurteile unterschrieben, wirkte die fette Dame wie eine niederträchtige Beleidigung. Sie hatte pechschwarze, ölige, lockige Haare, eine auffallend krumme Nase und sehr krumme Beine. Ihre braunen Augen standen so glotzend in dem fetten Teiggesicht, als ob sie im selben Augenblick aus den Höhlen quellen wollten. Sie war gekleidet in dem Besten, was Reichtum nur kaufen kann. Sie keuchte und schwitzte, und unter der Last ihrer Perlenketten, Goldbehänge und Brillantvorstecknadeln schien sie beinahe zusammenzubrechen. Wenn sie nicht so viele schwere Platinringe an den Fingern gehabt hätte, wären die Finger sicher auseinandergeplatzt.

Kaum hatte sie die Tür aufgemacht, da schrie sie schon: „Ich habe meinen Paß verloren. Wo ist der Mister Konsul? Ich muß gleich einen neuen Paß haben.“

Ei, sieh da, auch andre Leute können ihren Paß verlieren. Wer hätte das gedacht? Ich hatte geglaubt, das kann nur einem Seemann zustoßen. Well, Fanny, du kannst dich freuen, der Mister Konsul wird dir gleich was erzählen, von wegen neuen Paß. Vielleicht nähst du das andre Ende des Schürzenbandes an. So unangenehm mir die Dame war, ihres aufdringlichen Wesens wegen, ich empfand für sie Sympathie, die Sympathie derer, die in derselben Galeere angeschmiedet sind.

Der Empfangssekretär sprang gleich auf: „Aber gewiß, M’me, nur einen Augenblick. Bitte!“

Er nahm einen Stuhl und bat unter Verbeugung die Dame, sie möge Platz nehmen. Er brachte drei Formulare, sprach leise mit der Dame und schrieb in den Formularen. Die dürren Gestalten hatten die Formulare alle selbst ausfüllen müssen, manche vier- oder fünfmal, weil sie nicht gut ausgefüllt waren. Aber die Dame konnte offenbar nicht schreiben, und so war es nur ein Zeichen von Hilfsbereitschaft, daß der Sekretär ihr diese kleine Mühe abnahm.

Als die Formulare ausgefüllt waren, sprang er auf und trug sie durch eine der Türen, hinter denen die Todesurteile unterzeichnet werden.

Er kam sehr rasch zurück und sagte halblaut und sehr höflich zu der Fetten: „Mr. Grgrgrgs wünscht Sie zu sehen, M’me. Haben Sie drei Photographien zur Hand?“

Die fette Schwarzhaarige hatte die Photographien zur Hand und gab sie dem hilfsbereiten Sekretär. Dann verschwand sie hinter der Tür, wo die Schicksale der Welt entschieden werden.

Nur ganz altmodische Leute glauben heute noch daran, daß die Schicksale der Menschen im Himmel entschieden werden. Das ist ein beklagenswerter Irrtum. Die Schicksale der Menschen, die Schicksale von Millionen von Menschen werden von den amerikanischen Konsuln entschieden, die Sorge dafür zu tragen haben, daß der Republik kein Schaden widerfahre. Yes, Sir.

Die Dame war nicht lange in jenem Zimmer der Geheimnisse. Als sie herauskam, schloß sie ihr Handtäschchen. Sie schloß es mit einem starken energischen Knipsen. Und das Knipsen schrie gellend: „Gott, wir haben’s ja dazu, leben und leben lassen.“

Der Sekretär stand sofort auf, kam halb hinter seinem Tisch hervor und rückte an jenem Stuhl, auf dem die Dame gesessen hatte. Die Dame setzte sich nur mit einer Kante auf den Stuhl, öffnete ihre Handtasche, kramte eine Weile herum, nahm ein Puderdöschen hervor und ließ die geöffnete Tasche auf dem Tisch liegen, während sie sich puderte. Warum sie sich schon wieder pudern mußte, obgleich sie sich eine Minute vorher gepudert haben mußte, war nicht ganz klar.

Der Sekretär tastete nun mit seinen Händen auf dem ganzen Tisch herum, um irgendein Blatt Papier zu suchen, das er weit verlegt haben mußte. Endlich hatte er das Blatt gefunden, und da die Dame inzwischen auch wieder aufgepudert war, nahm sie die Tasche an sich, steckte das Puderdöschen hinein und knipste die Tasche abermals so zu, daß die Tasche denselben gellenden Schrei ausstieß wie kurz vorher.

Die Dürren auf den Bänken hatten den gellenden Schrei nicht gehört. Sie alle schienen Auswanderungslustige zu sein, die die Weltsprache des Knipsens noch nicht verstanden, weil sie nichts zum Knipsen hatten. Deshalb mußten sie ja auch auf den Bänken sitzen. Deshalb wurde ihnen ja auch kein Stuhl angeboten unter Verbeugungen. Deshalb mußten sie ja auch warten, bis sie an die Reihe kamen, genau nach der Nummerfolge.

„Können Sie in einer halben Stunde noch mal hier vorsprechen, M’me oder sollen wir den Paß zu Ihrem Hotel schicken?“

Höflich ist man auf einem amerikanischen Konsulat.

„Ich komme vorgefahren in einer Stunde. Unterschrieben habe ich den Paß ja schon drin.“

Die Dame stand auf. Als sie nach einer Stunde wiederkam, saß ich immer noch da. Aber die fette Dame hatte ihren Paß.

Hier endlich bekam ich meinen Paß. Das wußte ich. Der Sekretär brauchte ihn mir nicht in mein Hotel schicken, ich würde ihn gleich selber mitnehmen. Und hatte ich erst wieder einen Paß, so bekam ich auch wieder ein Schiff, wenn kein heimatliches Schiff, dann sicher ein englisches oder holländisches oder dänisches. Wenigstens bekam ich wieder Arbeit und hatte die Aussicht, doch mal ein heimatliches Schiff in irgendeinem Hafen anzutreffen, wo ein Deckarbeiter gebraucht wurde. Ich konnte ja nicht nur anstreichen, ich verstand auch Messing zu putzen; denn wenn man nichts anstreichen kann, dann wird immer Messing geputzt.

Ich war wirklich zu voreilig in meinem Urteil. Die amerikanischen Konsuln sind besser als ihr Ruf, und was mir die belgische, die holländische und die französische Polizei über die Konsuln gesagt hatte, war nichts als nationale Eifersucht.

Endlich kam dann doch der Tag und die Minute, wo meine Nummer fällig war und ich gerufen wurde. Meine dürren Bankgenossen hatten alle durch eine andre Tür zu gehen, um den Todesstreich zu empfangen. Ich machte eine Ausnahme. Ich wurde zu Mr. Grgrgrgs oder wie der Mann heißen mochte, gerufen. Das war der Mann, den ich in meinem Herzen zu sehen gewünscht hatte; denn er war der, der die Nöte eines Menschen, dessen Paß verlorenging, zu würdigen weiß. Wenn mir niemand auf der ganzen weiten Welt helfen würde, er wird es tun. Er hat der Goldbehangenen geholfen, um wieviel mehr und rascher wird er mir helfen. Es war ein guter Gedanke, der mich verleitet hatte, mein Glück doch noch einmal zu versuchen.