11
Der Konsul ist ein kleiner, hagerer Mann, ausgetrocknet im Dienst.
„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Womit kann ich dienen?“
„Ich möchte einen Paß haben.“
„Haben Sie Ihren Paß verloren?“
„Nicht meinen Paß, aber meine Seemannskarte.“
„Ah so, Sie sind ein Seemann?“
Mit diesem Satz hat er seinen Ton geändert. Und dieser neue Ton, der mit einem so merkwürdigen Mißtrauen gemischt ist, hält nun eine Weile an und bestimmt den Charakter unsrer Unterhaltung.
„Ich habe mein Schiff verloren.“
„Nein. Ich trinke nie einen Tropfen von diesem Gift. Ich bin knochentrocken.“
„Sie sagten doch, Sie seien Seemann?“
„Das bin ich auch. Mein Schiff ist drei Stunden früher abgefahren als angesagt war. Sie sollte mit der Flut rausgehen, aber weil sie keine Ladung hatte, so brauchte sie auf die Flut keine Rücksicht nehmen.“
„Nun sind Ihre Papiere also an Bord geblieben?“
„Ja.“
„Das konnte ich mir denken. Welche Nummer hatte Ihre Karte?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wo war sie denn ausgestellt?“
„Das kann ich so genau nicht sagen. Ich habe Küstenschiffe gefahren, Bostoner, N’Yorker, Balter, Philier, Golfer und sogar Wester. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo die Karte ausgestellt war.“
„Das konnte ich mir denken.“
„Man guckt sich doch seine Karte nicht jeden Tag an. Ich habe sie nie angeguckt, solange ich sie hatte.“
„Ja.“
„Sie hat immer in meiner Tasche gesteckt.“
„Naturalisiert?“
„Nein. Im Lande geboren.“
„Registriert worden, die Geburt?“
„Weiß ich nicht, da war ich noch zu klein, als ich geboren wurde.“
„Also nicht registriert.“
„Das weiß ich nicht, habe ich gesagt.“
„Aber ich weiß es.“
„Dann brauchen Sie mich doch nicht fragen, wenn Sie alles wissen.“
„Will ich vielleicht einen Paß haben?“ fragt er darauf.
„Das weiß ich nicht, Sir, ob Sie einen Paß haben wollen.“
„Sie wollen doch einen haben, nicht ich. Und wenn ich Ihnen einen geben soll, so werden Sie mir doch wohl erlauben müssen, daß ich Fragen an Sie stelle. Nicht wahr?“
Der Mann hat recht. Die Leute haben immer recht. Das ist auch ganz leicht für sie. Zuerst machen sie die Gesetze, und dann werden sie hingestellt, um den Gesetzen das Leben einzuflößen.
„Haben Sie eine feste Adresse drüben?“
„Nein. Ich wohne auf meinen Schiffen oder, wenn ich keine habe, wohne ich in den Seemannsheimen und Herbergen.“
„Also keine feste Wohnung. Mitglied eines eingetragenen Klubs?“
„Wer, ich? Nein.“
„Eltern?“
„Nein. Gestorben.“
„Verwandte?“
„Dank dem Himmel, nein. Wenn ich welche hätte, würde ich sie abschwören.“
„Haben Sie gewählt?“
„Nein. Nie.“
„Stehen Sie also auch nicht in den Wähler-Registern.“
„Sicher nicht. Ich würde auch nicht wählen, wenn ich an Land wäre.“
Er sieht mich nun eine ganze Weile an, ziemlich dumm und sehr ausdruckslos. Die ganze Zeit hat er gelächelt und, wie sein Kollege in Rotterdam, mit einem Bleistift gespielt. Was würden die Leute nur machen, wenn es keine Bleistifte mehr gäbe? Aber dann gibt es sicher ein Lineal, oder einen Löscher, oder die Telephonstrippe, oder die Brille, oder ein paar Blätter Papier oder Formulare, die man auf- und zufaltet. Eine Amtsstube hat ja so gut vorgesorgt, daß der Insasse sich nie langweilt. Gedanken, mit denen er sich beschäftigen kann, hat er nicht; und wenn er welche bekommt, hört er für gewöhnlich auf, Beamter zu sein und wird ein umgänglicher Mensch. Könnten die Finger eines Tages nicht mehr mit den Utensilien spielen, die auf der Inventarliste stehen, würden sie vielleicht an den Fundamenten spielen und bohren und das möchte den Fundamenten nicht bekommen.
„Also ich kann Ihnen keinen Paß geben.“
„Warum nicht?“
„Auf was denn? Auf Ihre bloßen Aussagen hin? Das kann ich nicht. Das darf ich nicht einmal. Ich muß doch Unterlagen vorweisen können. Ich muß doch Rechenschaft ablegen, auf Grund welcher Beweise ich den Paß ausgestellt habe. Wie können Sie denn beweisen, daß Sie Amerikaner sind, daß ich überhaupt verpflichtet bin, mich mit Ihnen hier zu befassen?“
„Aber das können Sie doch hören?“
„Woran? An der Sprache?“
„Natürlich.“
„Das ist kein Beweis. Nehmen Sie hier den Fall Frankreich. Hier leben Tausende, die Französisch sprechen und keine Franzosen sind. Hier gibt es Russen, Rumänen, Deutsche, die ein besseres und reineres Französisch sprechen als der Franzose selbst. Hier sind Tausende, die hier geboren sind und keine Staatsbürger sind. Anderseits sind drüben Hunderttausende, die kaum Englisch sprechen können und über deren amerikanische Staatsbürgerschaft auch nicht der geringste Zweifel besteht.“
„Aber ich bin doch im Lande geboren.“
„Dann freilich können Sie Bürger sein. Aber auch dann müßten Sie erst noch beweisen, ob nicht Ihr Vater für Sie eine andre Staatsbürgerschaft vorbehalten hat, die Sie nicht abgeändert haben, als Sie volljährig wurden.“
„Meine Urgroßeltern waren schon Amerikaner und deren Eltern auch schon.“
„Beweisen Sie mir das, und ich bin verpflichtet, Ihnen einen Paß auszustellen, ob ich will oder nicht. Bringen Sie die Urgroßeltern oder nur die Eltern her. Ich will aber viel näher kommen, beweisen Sie mir, daß Sie drüben geboren sind.“
„Wie soll ich denn das beweisen, wenn die Geburt nicht registriert worden ist.“
„Das ist sicher nicht meine Schuld.“
„Vielleicht bestreiten Sie mir gar, daß ich überhaupt geboren bin?“
„Richtig. Das bestreite ich. Die Tatsache, daß Sie hier vor mir stehen, ist kein Beweis für mich, daß Sie geboren sind. Ich habe es zu glauben. Wie ich zu glauben habe, daß Sie Amerikaner sind, daß Sie Bürger sind.“
„Also Sie glauben nicht einmal, daß ich geboren bin? Das ist aber doch die Grenze alles Möglichen.“
Der Konsul lächelte sein schönstes Amtslächeln: „Daß Sie geboren sind, muß ich ja wohl glauben; denn ich sehe Sie hier mit meinen Augen. Wenn ich Ihnen nun einen Paß ausstelle und ihn der Regierung daheim damit rechtfertige, daß ich in meinen Bericht schreibe: Ich habe den Mann gesehen und glaube, daß er Bürger ist! so kann es leicht geschehen, daß ich gesackt werde. Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt weiß, muß ich immer beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre Geburt kann ich nicht beweisen.“
Man möchte manchmal bedauern, daß wir noch nicht aus Papiermaché gemacht sind; denn dann könnte man an dem Stempel sehen, ob man in der Fabrik U. S. A. oder in der Fabrik Frankreich oder in der Fabrik Spanien angefertigt worden ist, und den Konsuln wäre die Mühe erspart, ihre wertvolle Zeit mit so törichten Dingen zu vertrödeln.
Der Konsul hat den Bleistift hingeworfen, ist aufgestanden, geht zur Tür und ruft einen Namen hinaus. Ein Sekretär kommt herein, und der Konsul sagt zu ihm: „Sehen Sie mal nach. Wie ist der Name?“ Er wendet sich mir zu. „Ach ja, es fällt mir schon wieder ein, Gale, richtig. Ja, sehen Sie also nach, sofort.“
Der Mann läßt die Tür halb offen, und ich sehe, daß er an einem Schranke, wo Tausende von gelben Karten aufgestapelt sind, das G heraussucht und nach meinem Namen forscht. Die Karten der Deportierten, der Unerwünschten, der Pazifisten und der bekannten Anarchisten.
Der Sekretär kommt wieder zurück. Der Konsul, der während der Zeit am Fenster gestanden hat und hinuntergesehen hat, dreht sich um:
„Na?“
„Ist nicht drin.“
Das wußte ich vorher. Jetzt kriege ich meinen Paß. So schnell nicht. Der Sekretär ist wieder gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht. Der Konsul sagt nichts, setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, sieht mich eine Weile an und weiß nicht mehr, was er fragen soll. Seine Prüfungsaufgaben scheinen nur bis hierher gereicht zu haben. Nun steht er auf und verläßt das Zimmer. Jedenfalls holt er sich Rat aus einem der andern heiligen Räume.
Ich habe nichts weiter zu tun und sehe mir die Bilder an der Wand an. Alles bekannte Gesichter, mein eigner Vater ist mir nicht so vertraut in seinem Gesicht als diese Gesichter. Washington, Franklin, Grant, Lincoln. Männer, denen Bureaukratismus so verhaßt war wie einem Hunde die Katzen. „Das Land soll für immer sein das Land der Freiheit, wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet, sofern er guten Willens ist.“ „Dieses Land soll gehören denen, die es bewohnen.“
Aber freilich, das kann ja nicht so fort gehen bis in alle Ewigkeit. „Das Land soll gehören denen, die es bewohnen.“ Das puritanische Gewissen ließ nicht zu, daß kurz und bündig gesagt wurde: „Das Land gehört uns, den Amerikanern.“ Denn da waren die Indianer, denen das Land von Gott gegeben war, und Gottes Gesetz hat der Puritaner zu beachten. „Wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet.“ Ganz gut, wenn alle, die da wohnen, Verfolgte und Gehetzte sind aus allen möglichen Ländern. Und die Nachfahren jener Verfolgten und Gehetzten sperren das Land ab, das allen Menschen gegeben wurde. Und um die Absperrung ganz vollkommen zu machen, damit auch nicht eine Maus durchschlüpfen kann, sperren sie die eignen Söhne ab. Denn es könnte ja unter der Verkleidung des eignen Sohnes sich der Sohn eines Nachbars einschleichen.
Der Konsul kommt zurück und setzt sich wieder. Er hat eine neue Frage gefunden.
„Sie können ja vielleicht ein entwichener Sträfling sein oder jemand, der eines schweren Verbrechens wegen gesucht wird. Und ich würde Ihnen einen Paß ausstellen auf den von Ihnen genannten Namen und würde Sie durch den Paß vor der gerechten Verfolgung schützen.“
„Ja, das würden Sie. Ich sehe nun ein, daß mein Kommen ganz und gar zwecklos war.“
„Es tut mir wirklich leid, Ihnen nicht helfen zu können. Meine Machtbefugnisse sind nicht weitreichend genug, um Ihnen den Paß oder irgendein Papier, das Ihnen zur Legitimation dienen könnte, auszustellen. Sie hätten mit Ihrer Seemannskarte vorsichtiger sein müssen. Solche Dinge verliert man nicht in dieser Zeit, wo der Paß notwendiger ist als sonst irgend etwas.“
„Nun möchte ich aber doch gern eins wissen.“
„Ja?“
„Da war hier eine sehr dicke Dame mit vielen Brillantringen, die sie kaum noch schleppen konnte, die hatte ihren Paß doch auch verloren und Sie haben ihr sofort einen gegeben. Das hat nur eine halbe Stunde gedauert.“
„Aber das war doch die Frau Sally Marcus aus New York, werden Sie doch schon gehört haben den Namen. Das große Bankgeschäft,“ sagte er mit einer Geste und einer Betonung, als ob er gesagt hätte: Das war doch der Prince of Wales und nicht ein Seemann, dem das Schiff fortgefahren ist.
Er mußte wohl an meinem Gesichtsausdruck erkennen, daß ich das nicht so schnell fassen konnte, denn er fügte hinzu: „Sie werden den Namen doch schon gehört haben? Das große Bankgeschäft in New York?“
Ich zweifelte noch immer und sagte: „Ich glaube aber kaum, daß die Dame Amerikanerin ist, ich würde viel eher glauben, daß sie in Bukarest geboren ist.“
„Woher wissen Sie das? Die Frau Marcus ist allerdings in Bukarest geboren worden. Aber sie ist amerikanischer Bürger.“
„Hatte sie denn ihren Bürgerbrief bei sich?“
„Natürlich nicht. Warum?“
„Woher haben Sie denn dann gewußt, daß sie Bürger ist? Richtig sprechen hat sie noch nicht gelernt.“
„Da brauche ich keinen Beweis. Der Bankier Marcus ist doch bekannt. Sie ist doch Luxuskabine auf der Majestic herübergekommen.“
„Jetzt endlich verstehe ich. Ich bin nur in einer Forecastle-Bunk, auf einem Frachteimer herübergekommen als Deckarbeiter. Und das beweist gar nichts. Großes Bankgeschäft und Luxuskabine beweist alles.“
„Der Fall liegt eben ganz anders, Mr. Gale. Ich habe Ihnen gesagt, ich kann nichts für Sie tun. Ich darf nicht einmal etwas für Sie tun. Papiere darf ich Ihnen nicht geben. Ich persönlich glaube Ihnen, was Sie mir gesagt haben. Aber wenn die Polizei Sie hierher bringen sollte, damit wir Sie anerkennen und aufnehmen sollen, leugne ich Sie glatt ab und bestreite Ihre Staatsangehörigkeit. Ich kann nichts andres tun.“
„Dann kann ich hier einfach untergehen in fremdem Lande.“
„Ich habe nicht die Machtvollkommenheit, Ihnen beizustehen, selbst wenn ich persönlich gern möchte. Ich werde Ihnen eine Karte für ein Hotel geben für drei Tage mit voller Verpflegung. Sie dürfen sich nach Ablauf eine zweite und auch eine dritte holen.“
„Nein, ich danke sehr. Bemühen Sie sich nicht.“
„Vielleicht ist Ihnen besser gedient mit einer Fahrkarte nach der nächsten größeren Hafenstadt, wo Sie vielleicht ein Schiff bekommen können, das unter andrer Flagge fährt.“
„Nein, danke. Ich hoffe, meinen Weg allein zu finden.“
„Ja dann –. Good-bye und viel Glück!“
Aber da sind wieder die großen Gegensätze zwischen den amerikanischen Beamten und den Beamten andrer Länder. Als ich auf der Straße war und nach einer Uhr blickte, sah ich, daß es fünf Uhr vorbei war. Die Geschäftsstunden des Konsuls waren um vier Uhr zu Ende; jedoch er hatte nicht ein einziges Mal irgendein Zeichen von Ungeduld geäußert oder fühlen lassen, daß seine Zeit längst vorüber war.
Nun erst hatte ich mein Schiff wirklich verloren.
Ade, mein sonniges New Orleans. Good-bye and good luck to ye!
Mädel, mein liebes Mädel in New Orleans, jetzt kannst du warten auf deinen Jungen; auf dem Jackson Square kannst du sitzen und heulen. Dein Junge kommt nicht mehr heim. Das Meer hat ihn verschluckt. Gegen Sturm und Wellen konnte ich kämpfen, mit Farbe und mit harten Fäusten; gegen Paragraphen, Bleistifte und Papier nicht. Nimm dir beizeiten einen andern, Liebchen. Verplempere deine rosige Jugend nicht mit Warten auf den Vaterlandslosen und Nichtgeborenen. Leb’ wohl! Süß waren deine Küsse und glühend, weil wir keine Heiratslizenz geholt hatten.
Schiet das Mädel. Hoiho! Wind kommt auf. Boys, get all the canvas set. Alles, was Leinwandfetzen heißt, raus damit und hoch.