Express Paris-Limoges. Ich sitze drin und habe keine Karte. Diesmal wurde kontrolliert. Aber ich verschwand spurlos. Limoges-Toulouse. Ich sitze drin und habe auch keine Karte.
Was die nur immerfort zu kontrollieren haben. Es muß doch in der Tat zu viele Eisenbahnschwindler geben, daß so oft kontrolliert wird. Aber die haben ganz recht, wenn jeder ohne Karte fahren wollte, wer sollte denn dann die Dividenden bezahlen. Das geht doch nicht. Ich verschwinde spurlos. Als die Kontrolle vorbei ist, setze ich mich wieder auf meinen Platz. Plötzlich kommt der Kontrolleur zurück, geht entlang und sieht mich an. Ich sehe ihn auch an. Ganz dreist. Er geht weiter. Man muß nur wissen, wie man Kontrolleure anzusehen hat, dann hat man auch schon gewonnen. Er dreht sich um und kommt auf mich zu.
„Bitte, wo wollten Sie umsteigen?“
Ein ganz gerissener Bursche, dieser Kontrolleur.
Ich verstehe nur das Umsteigen in diesem Augenblick, weil ich die übrigen Worte erst in Gedanken übersetzen muß. Aber dazu komme ich gar nicht, denn er sagt gleich darauf: „Bitte, lassen Sie doch mal Ihre Karte sehen, wenn ich sehr bitten darf.“
Na, Freund, wenn du noch so höflich bist und noch so höflich bittest, es tut mir sehr leid, ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen.
„Ich habe es gewußt“, sagt er ganz ruhig und unauffällig. Ich bin überzeugt, die übrigen Fahrgäste haben gar nicht beachtet, was für eine Tragödie sich hier abspielt.
Der Mann nimmt sein Notizbuch, schreibt etwas und geht dann weiter. Vielleicht hat er ein gutes Herz und vergißt mich. Aber in Toulouse auf dem Bahnhof werde ich schon erwartet. Ohne Blechmusik, aber mit einem Auto.
Es ist ein sehr gutes Automobil, feuer- und einbruchsicher, und ich kann während der Fahrt nicht hinausfallen und sehe von meinem Fenster nur einen Teil der obersten Stockwerke der Häuser, an denen wir vorübersausen. Es ist ein Spezialauto für Gäste, die man hier bewillkommnen möchte, denn aller Verkehr hat meinem Auto Platz zu machen, so daß es unbehindert durchfahren kann. Auf jeden Fall sind die Autos in Toulouse eine Marke, die ich noch nicht kenne. Weder Ford noch Dodge Brothers werden hier auf Absatz rechnen können, oder sie müßten sich den hiesigen Ansprüchen besser anpassen.
Aber ich weiß schon, wo ich landen werde. Wenn mir irgendetwas merkwürdig vorkommt an den Sitten und Gebräuchen in europäischen Ländern, dann bin ich immer auf dem Wege zu einer Polizeistation oder unter den Fittichen von Cops. Ich habe daheim nie in meinem Leben je etwas mit der Polizei oder mit dem Gericht zu tun gehabt. Hier kann ich ruhig auf einer Kiste sitzen oder unschuldig im Bett liegen oder über eine Wiese spazierengehen oder in einem Eisenbahnzuge fahren, immer lande ich auf einer Polizeistation. Kein Wunder, daß Europa vor die Hunde geht. Die Leute haben ja gar keine Zeit zu arbeiten, sieben Achtel ihres Lebens haben sie auf Polizeistationen oder mit Polizisten zu vergeuden. Darum sind die Leute auch immer so gereizt und machen so gern Krieg, weil sie sich ewig mit der Polizei herumzanken müssen und die Polizei sich mit ihnen herumzankt. Wir sollten den europäischen Ländern keinen Nickel mehr pumpen, sie geben es ja doch bloß aus, um ihre Polizei noch weiter zu vermehren. Keinen Nickel mehr, no, Sir.
„Von wo kommen Sie?“
Der Hohepriester sitzt wieder vor mir. Sie sind alle gleich. In Belgien, in Holland, in Paris, in Toulouse. Immer müssen sie fragen, und immer wollen sie alles wissen. Und selber begeht man immer wieder den großen Fehler, daß man überhaupt antwortet. Man sollte ganz still sein, gar nichts sagen und die raten lassen. Dann kämen sie alle bald ins Irrenhaus, oder sie würden die Folter wieder einführen. Aber würde man nie antworten, dann würden die Cops ja noch dümmer werden, als sie schon sind.
Das soll man aber auch erst aushalten, da zu sitzen oder zu stehen und immerfort gefragt werden und nichts antworten. Das verfluchte Maul redet ganz von selbst, sobald einem eine Frage entgegengeschleudert wird. Das macht die lange Gewohnheit. Es ist unerträglich, einen Fragesatz schwebend in der Luft hängen zu lassen, ohne ihn durch eine Antwort wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine unbeantwortete Frage läßt einem keine Ruhe, läuft immer hinter einem her, drängt sich in die Träume und raubt einem die Ruhe zum Arbeiten und zum Denken. Das eine Wort „Warum?“ mit einem Fragezeichen dahinter ist der Zentralpunkt aller Kultur, Zivilisation und Entwicklung. Ohne dieses eine Wort sind die Menschen nichts weiter als Affen, und wenn man den Affen dieses Zauberwort gibt, werden sie sofort Menschen. Yes, Sir.
„Von wo Sie kommen, will ich wissen!“
Da habe ich nun mal den Versuch gemacht, nicht zu antworten, aber jetzt halte ich es schon nicht mehr aus. Ich muß ihm etwas erzählen. Soll ich nun sagen, daß ich von Paris käme? Oder soll ich lieber sagen, ich käme von Limoges. Wenn ich Limoges sage, machen sie es vielleicht acht Tage billiger, weil Limoges ja nicht so weit ist wie Paris.
„Ich bin in Limoges eingestiegen.“
„Das ist nicht richtig, Mann, Sie sind in Paris eingestiegen.“
Sieh mal an, wie gut die raten können.
„Nein, ich bin nicht in Paris eingestiegen, sondern nur in Limoges.“
„Aber Sie haben doch hier eine Bahnsteigkarte von Paris in der Tasche.“
Da haben sie also schon wieder meine Taschen durchsucht. Ich habe das gar nicht gemerkt, weil ich schon so daran gewöhnt bin, daß es mir gar nicht mehr auffällt.
„Oh, die Bahnsteigkarte habe ich schon lange.“
„Wie lange?“
„Sechs Wochen wenigstens.“
„Das ist aber merkwürdig. Die Karte hat das Datum von gestern vormittag.“
„Dann ist sie irrtümlicherweise vordatiert worden“, sage ich.
„Offenbar. Also Sie sind in Paris eingestiegen.“
„Aber von Paris bis Limoges habe ich bezahlt.“
„Jedenfalls. Und Sie sind ein so guter Bezahler, daß Sie außer Ihrer Fahrkarte auch noch die Bahnsteigkarte gekauft haben, die Sie gar nicht brauchten, wenn Sie eine Fahrkarte hatten. Wenn Sie aber eine Karte bis Limoges hatten, wo ist dann diese Karte.“
„Die habe ich in Limoges abgegeben,“ antworte ich.
„Dann hätten Sie aber doch eine Bahnsteigkarte von Limoges haben müssen. Aber lassen wir das. Wollen wir erst einmal die Personalien festhalten.“
Gut, wenn sie nur die Personalien festhalten, das ist mir lieber, als wenn sie mich mit festhalten.
„Nationalität?“
Eine heikle Frage jetzt. Ich habe so ein Ding nicht mehr, seitdem ich nicht beweisen kann, daß ich geboren bin. Ich könnte es eigentlich mit Franzose versuchen. Der Konsul hat mir ja erzählt, daß es Tausende von Franzosen gäbe, die nicht französisch sprechen können und doch Franzosen sind, soweit ihre Staatsangehörigkeit in Frage kommt. Glauben wird er es mir ja sicher nicht. Er wird ja auch Beweise sehen wollen. Wissen möchte ich nur, für wen es billiger ist, ohne Fahrkarte auf der Eisenbahn zu fahren, für Franzosen oder für Ausländer? Aber der Ausländer kann ja denken, in Frankreich brauche man keine Fahrkarten und er habe in gutem Glauben gehandelt. Geld haben sie in meinen Taschen aber nicht gefunden, und das ist dann schon verdächtig.
„Ich bin ein Deutscher“, platze ich nun raus; denn mir kam ganz plötzlich die Idee, daß ich doch mal sehen möchte, was sie mit einem Boche machen, wenn sie ihn ohne Paß und ohne Fahrkarte in ihrem Lande finden.
„Also ein Deutscher. Sieh an. Wohl auch noch von Potsdam?“
„Nein, nur von Wien.“
„Das ist Österreich. Aber das ist ja alles dasselbe. Also Deutscher. Warum haben Sie denn keinen Paß?“
„Den habe ich verloren.“
Nun ging die ganze Reihe wieder herunter. In jedem Lande haben sie genau dieselben Fragen. Hat einer vom andern abgeschrieben. Erfunden wurden sie wahrscheinlich in Preußen oder in Rußland, denn alles, was sich um Einmischung in die Privatverhältnisse eines Menschen handelt, kommt aus einem der beiden Länder. Da sind die Leute am geduldigsten und lassen sich alles gefallen, und vor einem blanken Knopf nehmen sie die Mütze ab. Denn in jenen Ländern ist der blanke Knopf der böse Gott, den man verehren und anbeten muß, damit er sich nicht rächt.
Zwei Tage später bekam ich vierzehn Tage Gefängnis wegen Eisenbahnbetrugs. Hätte ich gesagt Amerikaner, so würden sie vielleicht herausgekriegt haben, daß ich bereits vorbestraft war wegen Eisenbahnbetrugs, und dann wäre es teurer geworden. Aber meinen Namen erzählte ich ihnen ja auch nicht. Es hat seine Vorteile, wenn man keinen Paß und keine Seemannskarte hat, die jemand in den Taschen finden könnte.
Als die Tage der Vorbereitungen abgelaufen waren, wurde ich der Arbeitskolonne zugewiesen. Da waren kleine merkwürdige Dinger, die aus Weißblech gestanzt waren. Wozu die gebraucht wurden, wußte kein Mensch, nicht einmal die Aufsichtsbeamten wußten es. Manche behaupteten, es sei ein Teil eines Kinderspielzeugs, andre sagten, es sei ein Teil eines Panzerschiffes, wieder andre waren überzeugt, daß es zu einem Auto gehöre, und einige schworen und verwetteten hereingeschmuggelten Tabak, daß dieser Blechschnipsel ein wichtiges Stück von einem lenkbaren Luftschiff sei. Ich war der festen Meinung, daß es zu einer Taucherausrüstung gehören müsse. Wie ich zu dieser Auffassung kam, weiß ich nicht. Aber die Idee hatte sich in mir festgesetzt, und ich hatte auch irgendwo einmal gelesen, daß an Taucherausrüstungen eine ganze Anzahl von Dingen gebraucht würde, die man sonst nirgends gebrauchen könne.
Von diesen merkwürdigen Blechschnipseln hatte ich immer hundertvierundvierzig abzuzählen und auf einen Haufen zu legen. Wenn ich einen Haufen fertig abgezählt und neben mir liegen hatte und einen andern Haufen anfangen wollte, kam der Aufsichtsbeamte und fragte mich, ob ich auch ganz genau wüßte, daß dies hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ob ich mich auch ja nicht etwa verzählt hätte.
„Ich habe ganz genau gezählt, es sind genau hundertvierundvierzig.“
„Ist das auch ganz bestimmt, kann ich mich ganz bestimmt darauf verlassen?“
Er sah mich so sorgenvoll an, als er diese Frage an mich stellte, daß ich aufrichtig zu zweifeln begann, ob das auch wirklich und wahrhaftig hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ich sagte, es sei vielleicht doch besser, ich zähle sie nochmal nach. Darauf sagte der Beamte, das sollte ich nur tun, es sei auf jeden Fall besser, damit auch ja kein Irrtum vorkomme; denn wenn sie nicht ganz genau gezählt seien, so gäbe das eine Mordsschweinerei, und er könnte vielleicht gar seinen Posten hier verlieren, was ihm sehr unangenehm wäre, weil er drei Kinder und eine alte Mutter zu versorgen hätte.
Als ich nun das Häufchen das zweite Mal durchgezählt hatte und gefunden hatte, daß die Summe stimmte, kam gerade wieder der Beamte heran. Ich sah, daß er sein Gesicht wieder in besorgte Falten legte, und um ihm den Kummer zu sparen und ihm zu zeigen, wie sehr ich an seinen Sorgen teilnahm, sagte ich, ehe er Zeit hatte, den Mund aufzutun: „Ich glaube, ich zähle lieber noch mal nach; ich könnte mich vielleicht doch um einen oder gar zwei verzählt haben.“
Über sein sorgenvolles Gesicht huschte da ein so verklärtes Lächeln, als ob ihm jemand erzählt hätte, er bekäme in vier Wochen eine Erbschaft von fünfzigtausend Franken ausgezahlt.
„Ja, tun Sie das nur, um Gottes willen, zählen Sie lieber nochmal genau nach. Denn wenn da ein Schnipsel zu viel wäre oder eines zu wenig und der Herr Direktor würde mich zum Rapport kommandieren, ich weiß nicht, was ich da täte. Ich würde ganz sicher meinen Posten verlieren, und da sind die armen Würmer, und meine Frau ist auch nicht ganz wohlauf, und da ist noch meine alte Mutter. Oh, zählen Sie nur ganz genau hundertvierundvierzig, genau zwölf Dutzend. Vielleicht zählen Sie die Schnipselchen überhaupt Dutzendweise, da können Sie sich nicht so leicht verzählen.“
An dem Tage, als ich entlassen wurde und meine Zeit abgedient hatte, hatte ich alles in allem drei Häufchen Schnipselchen gezählt. Ich weiß heute noch nicht, ob ich mich nicht doch vielleicht bei einem verzählt haben mag. Aber ich hege die stille Hoffnung, daß der treue Beamte und brave Versorger seiner Familie die drei Häufchen noch einmal zwei Wochen lang hat nachzählen lassen, so daß ich also nicht die Verantwortung zu tragen habe, wenn der Mann vielleicht doch zum Rapport kommandiert wird.
Ich bekam vierzig Centimes Arbeitslohn ausbezahlt. Eins ist sicher, wenn ich noch zweimal ohne Fahrkarte auf einer französischen Bahn fahre und erwischt werde, muß der französische Staat unweigerlich bankrott machen. Das hält kein Staat aus, auch wenn er viel günstiger dastände als Frankreich.
Das möchte ich diesem Staate auch nicht antun, und ich möchte mir auch nicht nachsagen lassen, daß ich vielleicht gar schuld sei, wenn der französische Staat seine gepumpten Gelder nicht verzinsen kann.
Darum mußte ich raus aus diesem Lande.
Das heißt, ich will nicht verschweigen, daß es nicht nur meine Sorge um das Wohlergehen und das geregelte Zinsenbezahlen des französischen Staates war, was mich veranlaßte, an eine beschleunigte Abreise zu denken. Bei meiner Entlassung war ich wieder einmal verwarnt worden. Diesmal sehr ernsthaft. Wäre ich innerhalb vierzehn Tagen nicht raus aus dem Lande, dann bekäme ich ein Jahr und Deportation nach Deutschland. Das hätte den armen Staat wieder allerlei gekostet, und ich bekam aufrichtiges Mitleid mit diesem geplagten Lande.