Die Gegend wurde ziemlich einsam, alles Gebirgsland. Klettern und Klettern. Die Bauern wurden immer geringer und die Hütten immer ärmlicher. Wasser reichlich und das Essen knapp und dürftig. Nachts recht hübsch kalt und selten eine Decke und oft nicht einmal einen Sack. Der Einmarsch in Sonnenländer ist immer mühselig, das haben nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Völker erfahren. „Die Grenze ist jetzt nicht mehr weit“, war mir am Morgen gesagt worden, als ich den Hirten verließ, in dessen elender Hütte ich geschlafen hatte, und der sein bißchen Käse, Zwiebeln, Brot und dünnen Wein mit mir geteilt hatte.
Dann war ich auf einer Straße, die an den Bergen hochklomm und wieder hinunterging in die Täler, nur um abermals hochzuklimmen und wieder hinunterzuführen.
Und auf dieser Straße kam ich endlich an ein großes hochgewölbtes Tor, das sehr altertümlich aussah. Zu beiden Seiten des Tores zog sich eine Mauer hin, die ebenso graugelb und alt aussah wie das Tor. Es schien, daß diese Mauer ein großes Gut einschlösse. Die Straße führte direkt unter dem Torbogen her.
Um auf der Straße weiterzukommen, gab es gar keinen andern Weg, als durch das Tor zu gehen. Ich hoffte, daß die Straße über den Gutshof führe, an der gegenüberliegenden Seite ein ähnliches Tor sein werde, durch das man dann wieder auf die Straße komme.
Ich ging drauf los, ging durch das Tor und wanderte geradeaus weiter, ohne jemand zu sehen.
Plötzlich aber kommen zwei französische Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett aus irgendeinem Winkel hervor, kommen auf mich zu und fragen mich nach einem Paß. Hier scheinen also sogar die Soldaten nach der Seemannskarte zu fragen.
Ich erkläre ihnen, daß ich keinen Paß hätte. Dann sagen sie aber, daß sie nicht meinen Reisepaß sehen wollten, der kümmere sie nicht, sie möchten lediglich meinen Paß sehen, der vom französischen Kriegsministerium in Paris ausgefertigt sei und mir das Recht gebe, hier in den Festungswerken ohne Begleitung herumzulaufen.
„Das habe ich nicht gewußt, daß dies hier Festungswerke sind“, sage ich, „ich bin immer auf der Straße geblieben und habe geglaubt, das sei der Weg zur Grenze.“
„Die Straße zur Grenze biegt eine Stunde vorher rechts ab. Da war ein Schild. Haben Sie das nicht gesehen?“
„Nein. Das Schild habe ich nicht gesehen.“
Ich erinnere mich jetzt, daß ich eine Straße rechts abbiegen sah. Ich erinnere mich aber auch, daß ich eine ganze Anzahl von Straßen in den letzten Tagen rechts und links abbiegen sah. Aber ich hielt es für besser, immer in der geraden Richtung fortzugehen, die nach Süden führt. Das war für mich die Zielrichtung. Ich habe so viele Schilder gesehen. Aber was gingen mich denn die Schilder alle an? Wenn sie die Namen eines Ortes nannten, so wußte ich ja nicht, ob der Ort näher zur Grenze lag oder weiter. Am Ende wäre ich immer im Kreise herumgelaufen und nie nach Spanien gekommen, wenn ich allen Schildern nachgelaufen wäre. Eine Karte, auf der ich die Ortsnamen hätte ablesen können, besaß ich ja nicht.
„Wir müssen Sie zum wachthabenden Offizier bringen.“ Die beiden Soldaten nahmen mich in ihre Mitte und führten mich ab.
Der wachthabende Offizier war ein noch junger Mann. Er wurde sehr ernst, als er hörte, was los sei.
Dann sagte er: „Sie müssen erschossen werden. Innerhalb vierundzwanzig Stunden. Laut Kriegsgrenzgesetz. Artikel –“, hier nannte er eine Nummer, die mich nicht interessierte.
Als der junge Offizier das sagte, wurde er ganz bleich und konnte kaum die Worte hervorbringen. Er mußte sie hervorwürgen.
Ich durfte mich setzen, aber die beiden Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett blieben neben mir stehen. Der junge Offizier nahm einen Bogen Papier her und versuchte zu schreiben. Aber er war zu aufgeregt und mußte es sein lassen. Endlich nahm er sich aus seinem silbernen Etui eine Zigarette. Er wollte sie in den Mund stecken, aber sie fiel ihm herunter, und ich sah, wie seine Hände zitterten. Um es zu verbergen, nahm er abermals eine Zigarette heraus und brachte sie nun mit einer ganz steifen langsamen Armbewegung in den Mund. Das Zündholz ging ihm dreimal aus. Ehe er das vierte anstrich, fragte er mich: „Rauchen Sie?“ Dann drückte er auf einen Knopf, und es kam eine Ordonnanz, der er den Befehl gab, zwei Pakete Zigaretten aus der Kantine zu holen, auf seinen Namen. Ich bekam dann die Zigaretten und durfte rauchen, während die beiden Soldaten neben mir standen wie Götzenbilder und sich nicht rührten.
Als sich der Offizier beruhigt hatte, nahm er ein Buch, suchte darin herum und las einzelne Stellen. Dann nahm er wieder ein andres Buch und las auch in diesem, verschiedene Stellen aufsuchend und sie mit andern vergleichend.
Es war merkwürdig. Ich, der ich doch das Opfer war, empfand nicht eine Spur von Aufregung. Als der Offizier mir sagte, daß ich innerhalb vierundzwanzig Stunden erschossen werden müsse, machte das auf mich keinen tieferen Eindruck, als ob er gesagt hätte: „Machen Sie, daß Sie hier herauskommen, aber schleunigst.“
Es ließ mich kalt wie Pflasterstein.
Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.
Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bureaukratismus, keine Grenzen, keine Pässe gäbe. Im Zeitalter des Staates sind noch ganz andre Dinge möglich und können noch ganz andre Dinge aus dem Universum ausgewischt werden als ein paar Menschen. Die intimsten, die ursprünglichsten Gesetze der Natur können ausgewischt und abgeleugnet werden, wenn der Staat seine innere Macht vergrößern und vertiefen will auf Kosten des einen, des einzelnen, der das Fundament des Universums ist. Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden. Es besteht durch das Gegeneinanderwirken von Individuen. Und es bricht zusammen, wenn die freie Beweglichkeit der einzelnen Individuen beschränkt wird. Die Individuen sind die Atome des Menschengeschlechts.
Vielleicht auch blieb die angekündigte Erschießung darum ohne jeden Eindruck auf mich, weil ich das schon einmal durchgekostet hatte und damals mit allen Grauen, die damit verknüpft sind. Aber Wiederholungen schwächen ab, selbst wenn es sich um wiederholte Todesurteile handelt. Einmal davongekommen, kommst du immer davon.
Was auch das Motiv meiner schwachen Empfindung gegenüber der angedrohten Todesstrafe sein mochte, jedenfalls war es mir ganz ausgelaugter Kaffeesatz.
„Haben Sie Hunger?“ fragte jetzt der Offizier.
„Aber tüchtig, das können Sie mir glauben“, sagte ich.
Der Offizier wurde über und über rot und fing laut an zu lachen.
„Sie haben Nerven!“ sagte er unter Lachen. „Haben Sie geglaubt, ich scherze?“
„Womit?“ fragte ich. „Doch nicht etwa mit dem angebotenen Essen? Das wäre mir gar nicht lieb.“
„Nein,“ antwortete der Leutnant, und er wurde ein wenig ernster, „mit dem Erschießen.“
„Das habe ich so ernst genommen, wie Sie es meinten. Wortwörtlich. Wenn das in Ihrem Gesetz steht, dann müssen Sie das auch tun. Aber Sie haben doch auch gesagt, laut Gesetz innerhalb vierundzwanzig Stunden. Jetzt ist doch erst eine Viertelstunde um, und Sie denken doch nicht etwa, daß ich die übrigen dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden hungere, nur des Erschießens wegen. Wenn Sie mich erschießen wollen, können Sie mir auch etwas Gutes zu essen geben. Das will ich Ihrem Staat denn doch nicht schenken.“
„Sie sollen was Gutes zu essen haben. Werde ich anordnen. Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion.“
Da will ich doch sehen, was französische Offiziere Sonntags essen. Mich zu vernehmen oder mich nach meiner Seemannskarte zu fragen, hielt der Offizier für nicht nötig. Endlich hatte ich einmal einen Menschen getroffen, der nichts über meine Privatverhältnisse wissen wollte. Nicht einmal meine Taschen wurden durchsucht. Aber der Leutnant hatte recht, wenn das Erschießen feststand, so lohnte es nicht die Mühe, Vernehmungen zu machen und Taschen durchzuwühlen. Das Resultat war ja immer dasselbe.
Es dauerte eine gute Weile, ehe ich mein Essen bekam. Dann wurde ich in einen andern Raum geführt, wo ein Tisch stand, der mit einer Tischdecke bedeckt war, auf der die Gerätschaften in verlockender Weise aufgestellt waren, die mir das Essen erleichtern und verschönern sollten. Es war nur für eine Person gedeckt, aber Teller, Gläser, Messer, Gabeln und Löffel waren in einer solchen Menge vorhanden, daß sie gut für sechs Personen reichen konnten.
Meine Wachtposten waren inzwischen abgelöst worden; ich hatte zwei neue bekommen. Einer stand jetzt an der Tür und einer hinter meinem Stuhl. Beide mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr bei Fuß. Draußen vor den Fenstern sah ich aber auch noch zwei auf und ab patrouillieren mit geschultertem Gewehr. Ehrenwachen.
Sie brauchten keine Angst zu haben, sie hätten ruhig Karten spielen gehen können in die Kantine; denn solange ich nicht das Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion, innerhalb meines Leders hatte, wäre ich nicht einen Schritt fortgegangen.
Nach den vielen verschiedenen Messern, Gabeln, Löffelchen, großen Tellern, kleinen Tellern, Glastellerchen und großen und kleinen Wein- und Likörgläsern zu urteilen, die vor mir standen, mußte ich ja etwas erwarten, wovon mich auch eine dreifache Todesstrafe nicht hätte verscheuchen können. Verglichen mit jenem Napf, in dem ich meine belgische Henkersmahlzeit vorgesetzt bekommen hatte, stand mir hier kein Kartoffelsalat mit Leberwurst bevor. Ich hatte nur eine einzige Sorge, und das war die, ob ich auch alles werde essen können, ob ich nicht etwa werde irgend etwas liegen lassen müssen, das mir die letzte Stunde meines Daseins mit den Folterqualen bitterer Reue anfüllen könnte, weil ich unausgesetzt daran denken müßte, wie es nur möglich war, daß ich gerade das liegen ließ.
Endlich wurde es ein Uhr und endlich auch einundeinhalb Uhr. Und da tat sich die Tür auf und das Fest begann.
Zum ersten Male in meinem Leben lernte ich erfahren, was für Barbaren wir sind, und was für kultivierte Leute die Franzosen sind, und ich lernte ferner erfahren, daß die Nahrungsmittel des Menschen nicht gekocht, gebraten, geschmort, geröstet oder gebacken werden dürfen, sondern daß sie zubereitet werden müssen, und daß dieses Zubereiten eine Kunst ist, ach nein, keine Kunst, es ist eine Gabe, die einem Begnadeten und Auserlesenen in die Wiege gelegt wird, wodurch er Genie wird.
Auf der Tuscaloosa war das Essen gut, vorzüglich. Aber nach dem Essen konnte ich immer sagen, was es gegeben hatte. Das konnte ich hier nicht. Was es hier gab, und wie es schmeckte, das war wie ein Gedicht, bei dem man träumt, und bei dem man in Seligkeiten versinkt, und wenn man später gefragt wird: „Wovon handelte es denn?“ man zu seinem größten Erstaunen bekennen muß, daß man darauf nicht geachtet habe.
Der Künstler, der dieses Gedicht geschaffen hatte, war fürwahr ein großer Künstler. Er ließ kein Gefühl der Reue übriggebliebener Verszeilen wegen in mir zurück. Jedes Gericht war so sorgfältig abgewogen und abgeschätzt in allen seinen Nähr- und Genußwerten, daß man kein Gabelspitzchen voll übrigließ, den nächsten Gang mit erhöhtem Genuß erwartete, und wenn er kam, mit Fanfaren zu begrüßen gedachte. Dieses Fest dauerte etwa einundeineviertel Stunde oder mehr, es hätte dauern können vier Stunden lang, und ich hätte nichts übriggelassen. Immer wieder kam noch ein solcher Bissen, dann noch ein solcher Happen, dann wieder eine solche kandierte Frucht, dann wieder eine Creme, und nach jedem Gang wollte man einen weiteren sehen. Als aber dann endlich alles vorüber war – Schönes geht ja viel schneller zu Ende als Trübes – als auch alle die Liköre, Weine, Weinchen und Tröpfchen den Weg aller guten Tropfen gegangen waren, als endlich der Kaffee, süß wie ein Mädel am ersten Abend, heiß wie sie am siebenten und schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn sie es erfährt, vorüber war, fühlte ich mich aufgefüllt wie ein Sack, aber ich fühlte mich wohlig und paradiesisch satt mit einer leisen, zart angedeuteten Sehnsucht auf das Abendessen. Meine Herren! Das war ein Essen, das nenne ich Kunstwerk. Dafür lasse ich mich jeden Tag zweimal mit Freuden erschießen.
Ich rauchte eine Importe, aus der ich alle Düfte und Sonnentänze Westindiens sog. Dann legte ich mich auf das Feldbett, das in dem Raume stand, und sah den blauen Wolken nach.
Oh, was ist das Leben schön! Wunderschön! So schön, daß man sich mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen erschießen läßt, ohne durch Murren oder Wimmern die Harmonie des Lebens zu stören.