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Das Totenschiff

Chapter 19: 15
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

15

inige Stunden waren vergangen, als der Leutnant hereinkam. Ich stand auf, aber er sagte mir, daß ich nur ruhig liegen bleiben möge, er wolle mir nur mitteilen, daß der Kommandant nicht erst morgen abend zurückkommen werde, wie er angesagt hätte, sondern schon morgen früh, also vor Ablauf meiner vierundzwanzig Stunden. Er habe dadurch die Möglichkeit, die Angelegenheit dem Kommandeur selbst zu übertragen. – „Freilich“, fügte er hinzu, „an Ihrem Schicksal ändert das nichts. Das Kriegsgesetz ist hier sehr eindeutig und läßt keine Lücke offen.“

„Der Krieg ist doch aber vorbei, Mr. Leutnant“, sagte ich.

„Gewiß. Aber wir befinden uns noch im Kriegszustande, und wahrscheinlich solange, bis alle Verträge endgültig geregelt sind. Unsre Grenzforts haben ihre Reglements noch nicht um einen Punkt geändert, sie sind zur Stunde genau noch so, wie sie während der Dauer des Krieges waren. Die spanische Grenze wird wegen der bedrohlichen Verhältnisse in unsrer nordafrikanischen Kolonie augenblicklich vom Kriegsministerium als größere Gefahrzone bezeichnet als unsre östliche Grenze.“

Mich interessierte das sehr wenig, was er mir über Gefahrzonen und Reglements erzählte. Was kümmerte mich denn die französische Politik. Mich interessierte nach meinem gesunden Mittagsschlaf ganz etwas andres, und das wollte ich ihn auch gleich wissen lassen.

Er wollte gehen, sah mich aber noch an und fragte dann lächelnd: „Ich hoffe, Sie fühlen sich den Umständen angemessen entsprechend wohl. Ist Ihnen das Essen bekommen?“

„Ja, danke.“

Nein, ich konnte es nicht ungesagt lassen:

„Verzeihen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich auch wieder Abendessen?“

„Natürlich. Glauben Sie denn, wir lassen Sie verhungern. Selbst wenn Sie auch ein Boche sind, verhungern lassen wir Sie doch nicht. In wenigen Minuten bekommen Sie Ihren Kaffee.“

Ich druckste ein wenig, man möchte doch gegen seinen Gastgeber nicht unhöflich sein. Aber schiet, was braucht ein zum Tode Verurteilter noch länger höflich sein.

„Entschuldigen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich wieder Offiziersessen. Doppelportion?“

„Selbstverständlich. Was dachten Sie denn? Das ist in der Verordnung. Es ist Ihr letzter Tag. Wir werden Sie doch nicht mit einem schlechten Andenken an unser Fort zu – zum – also hinwegschicken.“

„Seien Sie unbesorgt, Herr Leutnant, ich behalte das Fort in gutem Andenken. Sie können mich ruhig erschießen. Nur nicht gerade in dem Augenblick, wo das Offiziersessen, Doppelportion, auf dem Tisch steht. Das wäre eine barbarische Handlung, die ich Ihnen nie vergessen würde, und die ich oben auch gleich bei meiner Ankunft melden müßte.“

Eine Weile sah mich der Offizier an, als hätte er mich nicht richtig verstanden. Es war ja auch nicht so leicht, sich aus meinen Brocken klarzumachen, was ich meinte. Aber plötzlich begriff er und verstand er. Und da lachte er so, daß er zum Tisch kommen mußte, um sich festzuhalten. Die beiden Soldaten hatten wohl etwas verstanden, jedoch den wahren Sinn nicht begriffen. Sie standen ganz starr da wie Puppen. Aber von dem Lachen ihres Leutnants wurden sie schließlich doch angesteckt und lachten mit, ohne zu wissen, worum es ging, und wer die Kosten dieses Lachens trug. –

Der Kommandeur war sehr früh zurückgekommen, und um sieben Uhr morgens wurde ich ihm vorgeführt.

„Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen?“

„Was für Schilder?“

„Nun, jene Schilder, auf denen geschrieben steht, daß dies hier militärisches Gebiet ist, und daß, wer innerhalb dieses Gebietes angetroffen wird, nach Kriegsrecht behandelt wird. Das bedeutet, daß Sie ohne Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt sind und erschossen werden.“

„Das weißt ich bereits.“

„Also die Schilder haben Sie nicht gesehen?“

„Nein. Und wenn ich sie gesehen habe, so habe ich nicht darauf geachtet. Ich kann auch gar nicht lesen, was darauf steht. Lesen kann ich es zwar, aber nicht verstehen.“

„Sie sind Holländer, nicht wahr?“

„Nein, ich bin ein Boche.“

Wenn ich gesagt hätte, ich bin der Teufel und komme soeben auf direktem Wege aus der Hölle, um den Kommandanten persönlich abzuholen, er hätte kein erstaunteres Gesicht machen können.

„Ich habe geglaubt, Sie seien Holländer. Sie sind Offizier in der deutschen Armee oder sind es wenigstens gewesen, nicht wahr?“

„Nein, ich war nie Soldat in der deutschen Armee.“

„Warum nicht?“

„Ich bin ein C. O., ein Mann, der die ganze Zeit, während der Krieg dauerte, im Gefängnis saß.“

„Wegen Spionage?“

„Nein, weil die Deutschen glaubten, ich würde den Krieg nicht erlauben. Und da hatten sie solche Angst, daß sie mich und noch ein halbes Dutzend Leute, die den Krieg auch nicht erlauben wollten, ins Gefängnis steckten.“

„Da hätten Sie und das halbe Dutzend Ihrer Mitgefangenen den Krieg also verhindern können?“

„Wenigstens die Boches glaubten das von mir. Vorher hatte ich nicht gewußt, daß ich ein so starker Mann bin. Aber dann erfuhr ich es, weil sie mich ja sonst nicht hätten einsperren brauchen.“

„In welchem Festungsgefängnis haben Sie denn da gesessen?“

„In – in – in Südfalen.“

„In welcher Stadt?“

„In Deutschenburg.“

„Den Ort habe ich nie gehört.“

„Ja, da wird nur wenig davon gesprochen. Das ist eine ganz geheime Festung, die sogar die Boches selber nicht kennen.“

Der Kommandant wandte sich nun an den Leutnant: „Wußten Sie, daß der Mann ein Deutscher ist?“

„Jawohl, er hat es mir sofort gesagt.“

„Sofort gesagt, ohne erst Ausflüchte zu machen?“

„Jawohl.“

„Hat er einen photographischen Apparat gehabt, Karten, Bilder, Zeichnungen, Pläne oder etwas derart?“

„Nein, offen nicht. Ich habe ihn nicht durchsuchen lassen, er war immer unter Aufsicht und konnte nichts verbergen.“

„Das war richtig. Wir werden sehen, was er hat.“

Nun kamen zwei Korporale, und die durchsuchten mich. Aber sie hatten kein Glück. Alles, was sie fanden, waren ein paar Franken, ein zerrissenes Taschentuch, ein kleines Kämmchen und ein Stück Seife. Die Seife trug ich bei mir als Legitimation, daß ich einer zivilisierten Rasse angehöre, denn an meinem Äußern hätte man das nicht immer erkennen können. Und eine Legitimation mußte ich ja schließlich doch wohl haben.

„Schneiden Sie die Seife auf,“ wurde dem Korporal angeordnet. Aber auch inwendig war nichts andres als Seife. Der Kommandant hatte offenbar geglaubt, daß innen Schokolade wäre.

Dann mußte ich Stiefel und Strümpfe ausziehen, und die Sohlen meiner Stiefel wurden durchsucht.

Aber wenn schon alle die vielen Polizisten das nicht gefunden hatten, was die Leute alle gern von mir haben wollten, und die hatten doch auch gut verstanden, wie durchsucht werden muß, so fanden es die Korporale noch viel weniger. Wenn die Leute doch nur sagen wollten, was sie immer suchen, dann würde ich ihnen ja gern sagen, ob ich es habe oder nicht. Dann könnten sie sich die Mühe sparen. Freilich dann hätten sie wieder keine Arbeit.

Es muß ein sehr wertvolles Ding sein, was die in allen Ländern in meinen Taschen suchen. Vielleicht die Pläne einer verschütteten Goldmine oder eines versandeten Diamantenfeldes. Der Kommandant hätte sich beinahe verraten, denn er sprach schon von Plänen; aber rasch fiel ihm ein, daß er das große tiefe Geheimnis, das nur Cops und Soldaten wissen dürfen, nicht verraten darf.

„Ich verstehe nur eins nicht,“ wandte sich der Kommandant wieder an den Leutnant, „wie es möglich war, daß er die Posten an den Außenwerken passieren konnte, ohne gesehen zu werden und ohne aufgehalten zu werden?“

„Um diese Stunde ist nur wenig Verkehr auf den zuführenden Straßen. Ich hatte, dem Befehl des Herrn Kommandanten Folge leistend, für die Zeit Exerzieren in einem gegenüberliegenden Werk angeordnet, und es blieben hier nur Patrouillen zurück, die an den Straßen die Zugänge zu beobachten haben. Er ist dann sicher zwischen zwei Patrouillen durchgeschlüpft. Wenn ich mir erlauben darf, möchte ich aus dieser Erfahrung heraus dem Herrn Kommandanten den Vorschlag unterbreiten, die Übungen nur in drittel Formationsstärke abzuhalten, um die Wachen nicht zu schwächen.“

„Wir hatten geglaubt, es sei keine Annäherung möglich. Ich hatte mich an die gegebenen Vorschriften zu halten, deren Lücken ich, wie Sie sich wohl erinnern, rapportiert habe. Ich habe nun eine starke Stellung, unsern Entwurf durchzudrücken. Das ist etwas wert. Meinen Sie nicht?“

Was mich das eigentlich anging, welchen Entwurf sie für besser hielten. Warum sie nur das alles in meiner Gegenwart ausmachten? Aber warum sollten sie auch ein Blatt vor den Mund nehmen, vor einem Toten?

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte mich nun der Kommandant.

„Von Limoges.“

„Wo sind Sie denn über die Grenze gegangen?“

„In Straßburg.“

„In Straßburg? Das liegt doch gar nicht an der Grenze.“

„Ich meine da, wo die amerikanischen Truppen liegen.“

„Sie meinen im Moselgebiet? Dann sind Sie also im Saargebiet herübergekommen?“

„Ja, das wollte ich sagen. Ich habe Straßburg mit Saarsburg verwechselt.“

„Was haben Sie denn hier die ganze Zeit in Frankreich gemacht? Herumgebettelt?“

„Nein. Ich habe gearbeitet. Bei Bauern. Und wenn ich wieder ein wenig Geld hatte, habe ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin wieder ein Stück weitergefahren, bis ich wieder bei einem Bauern gearbeitet habe und wieder eine Fahrkarte kaufen konnte.“

„Wo wollten Sie denn jetzt hin?“

„Nach Spanien.“

„Was wollen Sie denn in Spanien?“

„Sehen Sie, Herr Kommandeur, nun kommt bald der Winter, und ich habe kein Feuerungsmaterial angespart. Da habe ich denn gedacht, ich gehe besser beizeiten nach Spanien, da ist es auch im Winter schön warm, und da braucht man kein Feuerungsmaterial, da kann man sich ruhig in die Sonne setzen und den ganzen Tag Apfelsinen und Weintrauben essen. Die wachsen da ja wild im Chausseegraben, man braucht sie nur abzupflücken, und die Leute sind froh, wenn man sie abpflückt, weil das für die Spanier nur Unkraut ist, das sie nicht haben wollen.“

„Also nach Spanien wollen Sie?“

„Wollte ich. Jetzt geht es ja nicht mehr.“

„Warum?“

„Weil ich doch erschossen werde.“

„Wenn ich Sie jetzt nicht erschießen lasse und Ihnen sage, Sie gehen auf dem schnellsten Wege zurück nach Deutschland, und Sie können frei gehen unter der Bedingung, daß Sie sofort nach Deutschland zurückkehren, würden Sie mir das versprechen?“

„Nein.“

„Nein?“ Er sah den Leutnant merkwürdig an.

„Lieber erschießen. Nach Deutschland gehe ich nicht. Ich bezahle keine Schulden mit. Aber davon abgesehen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich nach Spanien gehen will, und ich gehe nach Spanien und nirgendwo anders hin. Wenn ich wohin gehen will, gehe ich da hin. Wenn ich erschossen werde, kann ich nicht hingehen. Spanien oder den Tod. Nun können Sie mit mir machen, was Sie wollen.“

Nun lachte der Kommandant, und auch der Leutnant lachte. Und der Kommandant sagte lachend: „Lieber Junge, das hat Sie gerettet. Ich will Ihnen nicht sagen, warum, damit es nicht mißbraucht wird. Aber Sie haben mich davon überzeugt, daß ich Sie frei gehen lassen darf, ohne daß ich meine Pflicht verletze. Was sagen Sie, Leutnant?“

„Ich halte die Auffassung des Herrn Kommandanten für die allein richtige, und ich finde nichts, was mein Gewissen oder meine Ehre belasten könnte.“

Der Kommandant sagte nun: „Sie werden jetzt sofort unter Bedeckung zur Grenze gebracht und der spanischen Grenzwache übergeben. Ich brauche Sie wohl nicht noch ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie je wieder hier in der Nähe, auch wenn es nicht auf rein militärischem Gebiete ist, gesehen werden sollten, daß dann keine Frage mehr besteht, in welcher Form sich Ihr Schicksal innerhalb der nächsten zwei Stunden nach dem Ergreifen gestaltet. Haben Sie genau verstanden, was ich damit meine?“

„Jawohl, Herr Kommandant.“

„Gut, das ist alles. Sie gehen sofort.“

Ich blieb aber stehen und trat von einem Fuß auf den andern.

„Noch was?“ fragte der Kommandant.

„Darf ich eine Frage an den Herrn Leutnant richten?“

Nicht nur der Kommandant schien zu erstarren, sondern erst recht der Leutnant. Der Kommandant warf einen Blick auf den Leutnant, als ob er ihn schon vor dem Kriegsgericht sähe. Er vermutete richtig: der Leutnant war in der Tat im Bunde mit mir.

„Bitte, richten Sie Ihre Frage an den Herrn Leutnant.“

„Verzeihen der Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt.“

Der Kommandant und der Leutnant platzten in ein schallendes Gelächter aus, und der Kommandant brüllte rüber zum Leutnant: „Nun ist wohl kein Zweifel mehr, daß der Mann unverdächtig ist.“

„Der Zweifel war mir gestern schon geschwunden,“ sagte der Leutnant, „als ich ihn fragte, ob er Hunger habe.“

„Gut, Sie sollen auch ein Frühstück haben“, sagte der Kommandant noch immer lachend.

Aber ich hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Herr Leutnant, da es doch schon mein letztes Essen, mein Abschiedsessen ist, darf ich um Offiziersfrühstück, Doppelportion, bitten? Ich möchte doch das Fort so gern in einem recht guten Andenken behalten.“

Der Kommandant und der Leutnant brüllten vor Lachen, daß das ganze Fort zu erzittern schien.

Und unter seinem bärenhaften Lachen schrie der Kommandant die Worte hervor, die er nur mühselig in Reihe halten konnte, weil sie immer wieder von seinem schreienden, brüllenden Lachen abgehackt wurde: „Das ist der echte verhungerte Boche, wenn er schon am Ersaufen ist, wenn ihm schon der Strick um den Hals gelegt ist, will er erst noch essen und essen und nochmal essen. Diese verfressene Teufelsbrut kriegen wir nie unter.“

Ich hoffe, daß die Boches für diese gute Meinung, die ich zwei französischen Offizieren über sie eingeflößt habe, mir ein anständiges Denkmal errichten werden. Nur nicht in der Siegesallee, dann lieber nicht. Da würde ich den schlechten Geschmack im Munde nie los, und unzulängliche Revolutionen würden mir als Gespenster erscheinen.