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Das Totenschiff

Chapter 22: 18
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

18

ch saß auf der Kaimauer und hielt meine Schnur ins Wasser. Kein Fisch biß an, obgleich ich sie so gut mit Blutwurst fütterte, die ich von einem holländischen Schiff mitgebracht hatte, wo ich zum Abkochen, zum Essen mit der Mannschaft, gewesen war. Dieses „Abkochen gehen“ auf die Schiffe, das Mitessen mit der Mannschaft eines Schiffes, das im Hafen liegt, ist auch nicht immer eine sehr würdige Sache. Der Arbeiter, der gute Arbeit hat oder wenigstens glaubt, in guter Stellung zu sein, fühlt sich gegenüber dem Arbeiter, der keine Arbeit hat, zuweilen sehr überlegen. Und diese Überlegenheit läßt er den Arbeitslosen auch fühlen. Der Arbeiter ist des Arbeiters größter Teufel.

„Na, ihr Beachcombers, ihr Herumtreiber, habt ihr wieder nischt zu fressen? Da wollt ihr wohl wieder hier raufkommen auf unsern Kasten, und da sollen wir euch wohl wieder was zu fressen geben, hä? Aber bloß zwei dürfen rauf. Ihr macht uns zu viel Schweinerei.“

Da durften wir dann nicht in das Quartier kommen, oft genug. Nein, wir mußten vor der Tür stehenbleiben. Dann schütteten die Mitproletarier alles, was sie auf den Tellern übrighatten, und was sie manchmal schon im Munde gehabt hatten, in die große Blechschüssel, in der die Suppe geholt worden war, dann schoben sie uns die Schüssel raus, und wir mußten auf dem Verdeck essen, wo wir auf dem Boden zu hocken hatten. Wenn wir dann um einen Löffel bitten mußten – ich hatte, durch lange Erfahrung gewitzigt, immer meinen eignen in der Tasche –, dann sagten sie, Löffel bekämen wir nicht. Wir fischten dann mit den Fingern in dem Brei herum. Oder aber sie warfen uns ein paar Löffel zu und warfen sie so geschickt, daß sie in den Brei fielen, so daß wir sie mit unsern dreckigen Fingern herausfischen mußten, was den Leuten ein höllisches Vergnügen zu bereiten schien.

Und diese Mannschaften waren noch nicht die schlimmsten. Da waren welche, die uns hinunterjagten vom Schiff, weil wir Spitzbubengesindel seien. Oder andre, die vor unsern Augen die schönsten Schüsseln voll Fleisch, Gemüse und Kartoffeln ins Meer schütteten und ganze Brote hinterher warfen, nur um uns zu ärgern. Es war dann zuweilen ganz lieblich zu erleben, wenn einer oder der andre durch irgendeinen Umstand entweder entlassen wurde oder achtern abgekantet war, dann mit uns an der Beach, am Ufer lag, mit uns dann zum Abkochen gehen mußte und dabei lernte, wie gut es tut, in der Weise von seinen eignen Klassengenossen behandelt zu werden.

Nicht alle waren so. Ich habe manchen Peseta freiwillig von Schiffsproleten bekommen, habe ganze Büchsen voll Corned Beef oder Leberwurst oder Blutwurst bekommen, Büchsen voll Gemüse, ganze Kilo Kaffee von den Köchen, ganze Brote, Kuchen und Puddings. Einmal zwölf, sage und wiederhole zwölf gebratene Hühnchen, von denen ich zehn selber wegwerfen mußte, weil ich sie nicht essen und nicht verwahren konnte, denn ich hatte ja keinen Eisschrank in meiner Hosentasche. Alles, was man besitzt auf der Welt, hat man bei sich und hat man an sich.

Wenn man in spanischen, afrikanischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, australischen und südamerikanischen Häfen an der Beach liegt, lernt man allerlei Menschen kennen und allerlei Methoden, mit deren Hilfe man sich am Leben erhält. Aber niemand läßt einen mit solcher Kaltblütigkeit verhungern wie in vielen Fällen der Arbeiter. Und der Arbeiter der eignen Nationalität ist der schlimmste aller Teufel. Während ich als Amerikaner von den amerikanischen Schiffen heruntergejagt wurde von der Mannschaft, habe ich als Deutscher auf französischen Schiffen wie ein Fürst gelebt. Die Mannschaft lud mich ausdrücklich ein, zu jedem Frühstück, zu jedem Mittagessen und zu jedem Abendessen auf dem Schiff zu erscheinen, solange es im Hafen, es war in Barcelona, läge. Und ich bekam das Beste, was nur ins Quartier kam, während mir auf deutschen Schiffen Mannschaften gleich auf der Falltreppe mit einem großen Schild entgegensprangen „Zutritt verboten!“ Die deutschen Schiffe sind die einzigen Schiffe, die ich kenne, die zuweilen ein großes Schild im Hafen aushängen mit der Inschrift „Zutritt verboten!“ in deutscher Sprache und in der Sprache des Landes, in dessen Hafen sie liegen. Yes, Sir.

Als ich in Barcelona lag, wurde mir erzählt, in Marseille lägen viele amerikanische Schiffe, die keine Mannschaft bekommen könnten, weil zu viele ausgerückt seien. Die Mannschaft eines Kohlendampfers nahm mich mit nach Marseille. Aber es war falscher Alarm. Es lag auch nicht ein einziges amerikanisches Schiff im Hafen, und auf den paar andern, die dort lagen, war auch nichts zu machen.

Ganz verzweifelt schlich ich durch die Gassen im Hafenviertel. Ich ging in eine Hafenkneipe, wo viele Seeleute verkehren, um zu sehen, ob ich nicht vielleicht einen Bekannten treffen möchte, der mir aushelfen könnte; denn ich hatte keinen Copper in meiner Tasche.

Als ich hineinkam und mich umsah nach einem Stuhl, näherte sich mir die Kellnerin, ein nettes junges Mädchen, und fragte, was ich trinken wolle. Ich sagte ihr, ich hätte kein Geld und wolle nur sehen, ob nicht ein Bekannter drin sei, von dem ich vielleicht etwas bekommen könne. Sie fragte mich, was ich sei. Ich sagte: „Deutscher Seemann.“

Da sagte sie: „Setzen Sie sich, ich bringe Ihnen zu essen!“

Ich erwiderte: „Ich habe aber doch kein Geld.“

„Das macht nichts“, sagte sie. „Sie werden gleich genug Geld haben.“

Ich verstand das nicht und wollte mich aus dem Staube machen, weil ich glaubte, es sei irgendeine Falle.

Nachdem ich gegessen und eine Flasche Wein vor mir stehen hatte, rief das Mädchen plötzlich ganz laut durch die Schenke: „Meine Herren, hier ist ein armer deutscher Seemann, der kein Schiff hat. Möchten Sie ihm denn nicht etwas geben?“

Ich fühlte, daß ich totenbleich wurde, denn ich dachte jetzt, das sei die Falle, und man wolle einen Spaß haben dadurch, daß man mir hier eine Abreibung geben würde, die nicht von schlechten Eltern sei. Aber nichts dieser Art geschah. Die Leute hörten nur alle auf zu reden und drehten sich nach mir um. Einer stand auf, kam mit seinem Glas und stieß mit mir an: „Auf Ihr Wohl, Deutscher!“ Er sagte nicht einmal „Boche“ dabei. Dann nahm das Mädchen einen Teller und ging rund, und als sie den Teller dann vor mir ausschüttete, zählte ich siebzehn Franken und einige sechzig Centimes. Nun konnte ich mein Essen und meinen Wein gut bezahlen, und als ich mit dem Kohler zwei Tage später wieder nach Barcelona fuhr, hatte ich sogar noch etwas übrig von den Franken.

Ich glaube nicht daran, daß es irgendeine Feindschaft zwischen Völkern gäbe, wenn sie nicht künstlich erzeugt und dann tüchtig geschürt würde. Man sollte eigentlich meinen, daß Menschen vernünftiger seien als Hunde. Hunde lassen sich manchmal gegen ihresgleichen hetzen, manchmal aber auch nicht. Menschen dagegen lassen sich immer aufeinander hetzen und das „Ksch-ksch“ braucht gar nicht einmal geschickt gemacht zu werden. Es braucht nur überhaupt gemacht zu werden, da gehen sie auch schon aufeinander los wie blödsinnig geworden ...

Verflucht nochmal, es beißt auch nicht ein einziges Luder an und die Büchse Blutwurst ist gleich alle. Das kommt davon, wenn man döst und seine Gedanken woanders hat, statt auf das Geschäft zu achten. Sobald ich eine Portion beieinander habe, gehe ich raus, mache mir ein Feuer an und brate die Fische an einem Stock. Es ist einmal etwas andres als die immer in Öl gebackenen Fische.

Wieder nichts dran und die Wurst abgebissen. Wie lange sitze ich hier? Sicher schon drei Stunden. Aber Fischen beruhigt die Nerven. Man hat nicht das Gefühl, daß man seine Zeit verplempert. Es ist nützliche Arbeit, die man verrichtet: man trägt seinen Teil zur Volksernährung bei, denn wenn ich die Fische esse, die ich hier jetzt fange, brauche ich nicht woanders die Nudelsuppe aufessen. Die kann dann gespart werden, und am Ende des Jahres findet man die gesparte Nudelsuppe in irgendeiner Statistik wieder, wo die Zeile, in der die gesparte Nudelsuppe erwähnt ist, mehr kostet als alle weggeschütteten Suppen des ganzen Landes zusammengenommen.

Ich könnte die Fische aber auch verkaufen gehen. Vielleicht kriege ich soviel zusammen, daß ich zwei Peseta machen kann. Dann könnte ich wieder einmal zwei Nächte in einem Bett schlafen.

Siehst du, mein Freundchen, da habe ich dich doch endlich erwischt. Du bist es, der mir die ganze Blutwurst abgefressen hat. Schwer ist er ja nicht. Ein halbes Kilo. Ich glaube, nicht ganz. Dreihundertfünfzig Gramm. Da zappelst du aber schön. Ich kann das nachfühlen. Ich habe auch schon verschiedene Male so gezappelt, wenn mich ein Cop am Kragen hatte. Aber es hilft nichts, ich habe Appetit auf Fische.

Ja, das Wasser ist so schön kühl und die Sonne so schön warm. Hier hat mich auch noch kein Cop am Kragen gehabt. Und ich weiß, wie es tut. Die dreihundertfünfzig Gramm tun es auch nicht. Wenn du wenigstens ein Kilo hättest. Und weil du doch angebissen hast und mir die Freude machtest, mich hier nicht so vergeblich sitzen zu lassen, und weil ich liebe, frei zu sein, viel mehr liebe, als satt zu essen zu haben, und weil die Sonne lacht und das Wasser blaut, und weil du ein spanisches Fischlein bist: Hoppla, wirst nicht erschossen, schwimm wieder lustig los und freue dich deines munteren Lebens. Lauf nicht gleich einem andern ins Netz. Zieh ab und grüß dein Mädel.

Da plätschert er und schwimmt er und lacht, daß ich es bis auf die Mauer höre. Grüß’ dein Mädel! ... Ach schiet ...

„Sie sind mir aber auch ein Fischersmann“, sagt da jemand hinter mir. Ich drehe mich um und sehe einen Zollbeamten stehen, der mir die ganze Zeit zugesehen hat und jetzt laut lacht.

„Aber da sind doch mehr Fische drin, das Wasser ist ja nicht so klein“, sage ich, während ich wieder Blutwurst an den Haken spieße.

„Sicher sind da mehr drin. Das war doch aber ein ganz guter dicker Fisch.“

„Sicher war er das, er hatte ja meine ganze Büchse Blutwurst im Magen, da soll er nicht dick sein.“

„Warum fischen Sie denn da überhaupt, wenn Sie so gute Fische wieder hineinwerfen?“

„Damit, wenn mich heute abend jemand fragen sollte, was ich den ganzen Tag getan habe, ich sagen kann, ich hätte gefischt.“

„Dann fischen Sie nur weiter“, sagt der Zollbeamte und geht.

Daß Fischen betätigte Philosophie ist, verstehen die wenigsten Menschen. Es ist doch nicht des Habens wegen, daß man lebt, sondern des Wünschens, des Wagens, des Spielens wegen, daß man lebt.

Da schon wieder einer. Hätte ich nur den vorigen nicht gehen lassen, dann wäre nun schon bald eine Portion zusammen. Aber ich werde doch keine Klassenunterschiede einführen. Den andern habe ich frei gelassen, nun kann ich doch diesen nicht seiner Dummheit wegen zum Tode verurteilen. Das heißt, Dummheit verdient eigentlich immer und überall die Todesstrafe, vorläufig wird sie nur mit Sklaverei bestraft. Wenn ich wüßte, ich bekäme noch drei solche wie du einer bist, dann müßtest du hier dran glauben. Ich habe Appetit auf Fische. Aber du bist ein köstliches kleines lebendiges Wunder, na, gehe schon wieder rein in das weite Meer. Hoppla, Freiheit ist doch das Größte und Beste am Leben. Ja, Teufel nochmal, soll ich euch denn allen hier die Hand geben? Schon habe ich abermals einen in der Hand. Ich weiß genau, wenn ich dich jetzt hier behalte, beißt kein einziger mehr an, weil sie dann alle wissen, sie können sich auf mich nicht verlassen. Und mit dir allein kann ich nichts anfangen. Es würde sich gar nicht lohnen, rauszugehen und ein Feuer deinetwegen anzuzünden. Wie lange hat das liebe Leben an dir gebaut, um dich zu dieser unwichtigen Größe zu bringen? Sechs Jahre, vielleicht sieben. Nun soll ich dich in einer Sekunde mit einem Hieb töten und dein Leben beenden? Zieh ab, freue dich des blauen Meeres und deiner Gefährten. Da schwänzelt er lustig vondannen. Gelt, Bürschchen, du weißt, was Freiheit wert ist, freue dich ihrer, schätze sie und sei glücklich.

Das ist aber ein recht merkwürdiger Eimer, der da angeschwommen kommt ... Sie macht gerade los und kommt nicht gut ab. Sie schleppt und schlittert und kratzt am Kai entlang. Offenbar will sie nicht raus, sie ist wasserscheu. Aber ganz gewiß, man kann sich drauf verlassen, es gibt auch wasserscheue Schiffe, yes, Sir. Das ist überhaupt der Fehler, der so oft gemacht wird, daß man den Schiffen die Persönlichkeit abstreitet. Die haben ihre Persönlichkeit, ihre Launen genau so gut wie ein Mensch. Diese alte Tante hier hatte eine Persönlichkeit. Das sah ich auf den ersten Hieb. Mit der war nicht gut Salz lecken.