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Das Totenschiff

Chapter 23: 19
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

19

anches Schiff habe ich gefahren, das wissen die Götter. Und tausend Schiffe habe ich gesehen, das glaubt mir Thomas. Aber nie vorher habe ich ein Schiff gesehen, das diesem gleich gewesen wäre. Der ganze Rahmen, um damit gleich zu beginnen, war nicht nur ein guter Spaß, nein, der war eine Unmöglichkeit. Wenn man diesen Eimer ansah, zweifelte man, daß sie je auf dem Wasser schwimmen könnte. Viel eher schon glaubte man, daß sie ein gutes Transportmittel durch die Wüste Sahara sein müsse und mit Leichtigkeit die besten Kamele schlagen könnte. Ihre Form war weder modern noch mittelalterlich. Es wäre ein ganz vergebliches Bemühen gewesen, sie in irgendeine Periode der Schiffsbaukunst einzureihen. Am Bug trug sie den Namen „Yorikke“. Aber der Name war so dünn und so verwaschen, als ob sie sich schämte, so zu heißen. Achtern sollte der Seevorschrift gemäß ihr Heimatsort zu lesen sein. Aber wo sie her war, das wollte sie niemand verraten, wahrscheinlich schämte sie sich auch ihres Wohnortes. Auch ihre Nationalität hielt sie streng geheim, offenbar war ihr Paß nicht ganz in Ordnung. Jedenfalls war die Nationalitätsflagge, die auf dem Flaggenstock am Stern auswehte, so bleich, daß sie für jede Farbe aufnahmefähig war. Außerdem war die Flagge ganz ausgefranst, als ob sie in allen Seeschlachten der letzten viertausend Jahre den kämpfenden Flotten vorangeweht hätte.

Welche Farbe ihr Kleid hatte, konnte ich nicht ergründen, obgleich das ja in mein Spezialfach schlug. Allem Anschein nach zu urteilen, war das Röckchen einmal, in einer fern zurückliegenden Zeit, schneeweiß gewesen, weiß wie die Unschuld eines neugeborenen Kindleins. Aber das muß sehr lange her sein, das muß gewesen sein in dem Jahr, als sich Abraham mit der Sarah verlobte in Ur in Chaldäa. Die Kanten der Reeling waren einmal grün gewesen. Auch das war lange, lange her. Seit jenen fernen Tagen hatte die Yorikke einige hundert neue Anstriche erlebt, wie es ja dem Laufe der Zeiten entsprach. Aber die Deckarbeiter hatten sich nie die Mühe gemacht, die alte Farbe abzuklopfen. Wahrscheinlich war ihnen das untersagt worden. Jedenfalls war der neue Anstrich immer wieder auf den alten gekommen, dadurch hatte die Yorikke nun einen Umfang erhalten, der sie doppelt so groß erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Hätte man sich die Arbeit gemacht, die einzelnen Anstriche sorgfältig abzupellen, dann hätte man genau feststellen können, welche Art von Farbe jedes einzelne Jahrhundert verwandte.

Selbstverständlich, um nicht der Übertreibung angeschuldigt zu werden, hätte man die Farbe nicht nur an dem Außenkleid abpellen dürfen, wo die Yorikke verhältnismäßig noch am jüngsten war, weil man sie ab und zu in ein Verschönerungsinstitut geschickt hatte. Nein, man hätte die Farbe an allen Teilen des Schiffes, insbesondere also an den Inneneinrichtungen abziehen müssen, um zu erfahren, in welchen Farben die große Festhalle Nebukadnezars gehalten war, worüber wir ja heute noch im unklaren sind, was uns sehr viele Sorgen bereitet.

Das Kleid sah zum Höllenerbarmen niederträchtig aus. Da waren große Flächen, wo die Deckarbeiter es mit einem schönen saftigen Bolschewistenrot versucht hatten. Dann aber schien der Eigentümer oder der Kapitän diese Farbe nicht zu lieben, und man malte weiter mit Adelsblau. Das Rot hatte Geld gekostet, und man ließ es ruhig stehen, Anstrich war Anstrich, und dem fressenden Salzwasser ist es gleichgültig, ob es Bolschewistenrot oder Freiheitsgrün zu fressen hat, die Hauptsache ist, daß Wind und Wogen etwas zu fressen kriegen, sonst fressen sie das Schiff. Der nächste Besitzer wieder dachte, daß ein schwarzes Schiff schöner sei und ein fettes Schwarz die mißtrauischen Augen der Versicherungsgesellschaften besser verkleistern möchte als irgendeine andre Farbe. Aber nie wagte jemand sich so hoch in die Kosten zu versteigen, daß er das, was einmal gestrichen war, mit der neuen Farbe überstrichen hätte, um dem ganzen Kleid eine einheitliche Nuance zu geben. Nur keine überflüssigen Ausgaben, es war ja ein – halt, das will ich noch nicht sagen, denn ich weiß es noch nicht. Aber ein alter Salzwasserfisch riecht frühzeitig, und ich bin ein alter Salzwasserfisch, wenn es aufs Riechen ankommt.

Wenn nun Yorikke auf Fahrt war oder in einem Hafen lag, reichte die Farbe nicht mehr, und es wurde mit den Farben weitergemalt, die gerade noch da waren. Der Skipper schrieb nur immer an: „Farbe gekauft. Farbe gekauft. Farbe gekauft.“ Niemand kann von seinem Lohn allein leben. Aber die Farbe wurde nicht gekauft, sondern alles, was da war, wurde aufgebraucht, ob es braun, grün, violett, zinnober, gelb oder orange war.

Also so sah die Yorikke von draußen aus. Mir wäre vor Schreck bald die Angelschnur aus der Hand geflitscht, als ich dieses Meerungeheuer zum ersten Male sah.

Das kommt aber davon, wenn man den Deckarbeitern im Hafen keinen Tagesurlaub gibt, aus lauter Geiz. Der Erste Offizier weiß nicht, was er mit ihnen machen soll, und dann müssen sie anstreichen von morgens um sieben bis nachmittags um fünf, streichen, streichen, streichen, solange noch ein Pinselstiel auf der Welt ist und noch eine alte Blechbüchse an den Rändern eine Schicht verdickter und verkrusteter Farbe hat.

Nun müssen die Deckarbeiter beim Streichen draußen an der Bordwand hängen an Tauen, oder sie sitzen auf schmalen Brettern, die an Tauen heruntergelassen werden. Kommt es nun vor, daß der ganze Kasten plötzlich einen gehörigen Schubs kriegt, sei es durch eine unerwartete große Welle oder durch das Aufrühren eines großen vorbeifahrenden Rieseneimers, oder weil beim Gezeitwechsel den Fangtauen nicht richtig nachgegeben wurde, dann fliegt der Anstreicher mit seiner Todesschaukel los von der Bordwand. Weil er nun lieber sein Leben retten will als den Farbeimer, so geht natürlich der Farbeimer über Stag und die bunte Tunke läuft an der Bordwand herunter. Der Eimer ist zwar gerettet und der Mann auch, der Eimer hing an einem Tau und der Mann angelte noch rechtzeitig ein Tau. Aber die Farbe! Aber die Farbe! An der Yorikke konnte man außer den verschiedenen Farbversuchen noch ganz genau alle Püffe nachzählen, die das gute Schifflein während des Anstreichens in den letzten zehn Jahren erlebt hatte. Diese Farbenergüsse zu überstreichen, wäre Verschwendung gewesen. Es war Farbe, und der Zweck, mit Farbe die mancherlei Schönheitsfehler der Yorikke zartfühlend zu verdecken, war ja durch den Puff erfüllt worden. An und für sich war es schon teuer genug, weil ja nicht alle Farbe bei dieser Gelegenheit auf der Yorikke blieb, sondern ein Teil im Meer verschwand und der andre Teil auf den Hosen des Deckarbeiters hängen blieb, wo er ganz überflüssig war. Mit diesen angestrichenen Hosen, die man jetzt hinstellen kann, ohne daß sie umfallen, ist das Ereignis keineswegs beendet. Nun kommt erst noch die Auseinandersetzung mit dem Ersten Offizier, der die Meinung vertritt, daß die Farbe wertvoller sei als der Mann, und statt an sein unwichtiges Leben zu denken, hätte er zuerst an die wertvolle Farbe denken sollen. Deckarbeiter kann er auf dem Straßenpflaster auflesen oder unter dem Galgen wegholen, aber Farbe kostet Geld, und der Skipper wird ihm einen Mordsspektakel machen, weil er nun wieder nicht mit dem Farbenbuch und mit der Rubrik „Farbe gekauft“ zurechtkommt. Häufig endet dieses Gespräch, nachdem die üblichen Fluchkanonaden alle Munition verschossen haben, damit, daß der gerettete Deckarbeiter sich seinen Lohn geben läßt, den Sack vollpfropft, über die Planke geht und dem Schiff Großfeuer in den Kohlenbunkern wünscht, wenn es fünfzehnhundert Meilen „off the coast“ ist. Einen verrückten Menschen erkennt man oft schon am Äußern, am Aussehen seines Gesichts, an der Zusammenstellung seiner Kleidung. Je verrückter er ist, um so auffallender wird sein Aussehen sein. Man konnte nicht gut sagen, daß die Yorikke einem vernünftigen Schiffe, einem geistig normalen Schiffe gleich oder auch nur ähnlich gesehen hätte. Das wäre eine Beleidigung für alle andern Schiffe der sieben Meere gewesen. Ihr Aussehen stimmte so vortrefflich mit ihrem Geist, mit ihrer Seele, mit ihrem Wesen und mit ihrem Betragen überein, daß man an der geistigen Gesundheit der Yorikke mit Recht zweifeln mußte. Es war ja nicht nur das äußere Kleid, nicht nur die Farbe. Alles, was man von dem Boote sehen konnte, stand in vollem, ungetrübtem Gleichklang mit der Haut und dem Gesicht. Die Lademasten standen wie dürre Äste fuchtelnd in der Luft. Wenn durch den Schornstein der Länge nach eine Kugel geschossen worden wäre, auch wenn es nur eine Revolverkugel gewesen wäre, sie wäre nie am andern Ende herausgekommen. Aber Rauch geht je auch um Ecken, andernfalls hätte die Yorikke nie rauchen können. Aus dem Schornstein jedenfalls nicht. Wie die Brücke mit dem übrigen Schiff in Verbindung stand, konnte ich nicht herausfinden. Es sah so aus, daß, wenn das Schiff abfuhr, es nach einer Stunde wieder umkehren mußte, um die Kommandobrücke abzuholen, die im Hafen zurückgeblieben war; denn der Skipper hätte es von seinem Standort aus nicht bemerken können, daß das Schiff schon eine Stunde unterwegs war, und nur wenn der Steward auf die Brücke gegangen wäre, um dem Skipper zu sagen, daß sein Essen in der Messe sei, hätte man herausgefunden, daß die Brücke mit dem Skipper drauf nicht mitgekommen war, sondern irgendwo im letzten Hafen schwebte oder festgeklemmt war.

Als ich nun da auf der Mauer saß, so emsig mit Fischefangen beschäftigt, und ich sah die Yorikke, da lachte ich, da lachte ich so laut und so ungeheuerlich, daß die gute Yorikke einen Schreck bekam und um eine halbe Schiffslänge zurückglitt. Sie wollte nicht raus ins Wasser und wollte nicht. Sie kratzte und schrammte am Kai, daß es einen Hund jammern konnte und man Mitleid bekam mit dem beklagenswerten Tantchen, das da wieder hinausgetrieben werden sollte in die grausame Welt wilder Mächte und Elemente.

Aber niemand empfand Mitleid mit ihr.

Ich hörte das Knarren und Quietschen der Wintschen und das Hin- und Herlaufen und wußte, die werden jetzt das Tantchen gründlich vermöbeln und bös einheizen, und dann muß sie eben doch hopsen. Was kann schließlich ein alleinstehendes Mädchen gegen so viele rauhe Fäuste auf die Dauer machen? Sie kann kratzen und beißen, aber sie muß hervor hinter dem Zaun und muß mit zum Tanz gehen, ob ihr danach zumute ist oder nicht. Wenn so ein sprödes Dämchen erst einmal die Musik hört, dann ist sie die Tollste von allen. So war es sicher auch mit der Yorikke. Erst mal glücklich drin im Wasser, dann würde sie rennen wie ein junger Teufel, um nur schnell wieder in einem andern Hafen zu sein, wo sie sich ausruhen kann und von vergangenen Zeiten träumen, als man sie nicht so herumjagte wie in diesen hastigen Tagen. Sie ist doch schließlich keine Junge mehr und schon ein wenig schwer auf den Beinen. Wäre sie nicht so dick angezogen, würde sie sicher auch noch frieren in dem kalten Wasser, denn das Blut rennt nicht mehr so frisch durch die Adern wie damals als sie den Begrüßungsfestlichkeiten zusah, die von Cleopatra zu Ehren Antonius’ veranstaltet wurden.