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Das Totenschiff

Chapter 25: 21
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

21

uf dem Vordeck standen die Mannschaften, die auf Freiwache waren, und guckten über die Reeling hinunter auf den Kai, um ja noch mit ihren Augen alles an fester Erde auf die lange Fahrt mitzunehmen, was sie in diesen letzten Momenten erhaschen konnten. Ich habe verlumpte, abgerissene, verkommene, verdreckte, verlauste und verschwärte Seeleute genug in meinem Leben und in asiatischen und südamerikanischen Häfen in überreicher Vollkommenheit gesehen, aber solche Mannschaft und noch dazu eine, die nicht von einem Schiffbruch nach tagelangem Herumirren auf eine Küste geworfen wird, sondern die sich auf einem hinausfahrenden Dampfer befindet, je gesehen zu haben, konnte ich mich nicht erinnern. Daß so etwas denkbar wäre, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich sah gewiß nicht elegant aus, und wenn ich ehrlich sein soll, ich war dem Abgerissensein viel näher als dem Nichtzerlumptsein. Doch dieser Mannschaft gegenüber sah ich aus wie der Scheik eines Chormädchens der Ziegfeld-Follies in New York. Das war kein Totenschiff. Gott mag mir die Sünde vergeben. Das waren ja Seeräuber vor ihrer ersten Beute; Piraten, die seit sechs Monaten von den Kriegsschiffen aller Nationen verfolgt werden; Buccaneers, die so tief gesunken sind, daß sie keinen andern Ausweg mehr sehen, als chinesische Gemüse-Dschunken auf dem Meer zu überfallen und auszurauben.

Heilige Seeschlange, waren die zerlumpt, waren die dreckig! Einer hatte keine Mütze auf, weil er weder Hut noch Mütze besaß, sondern hatte ein Stück von einem grünen Unterrock wie einen Turban um den Kopf gewickelt. Ein andrer hatte, meine Herren! nein, Sie werden es nicht glauben, aber ich will doch gleich auf einem Auslegerboot als Kesselheizer angemustert werden, wenn es nicht wahr ist, einer hatte sogar einen Zylinderhut auf. Stellen Sie sich das vor, ein Seemann mit einem Zylinderhut. Hat die Welt so etwas je erlebt? Vielleicht war er die letzte halbe Stunde vor der Ausfahrt noch Schornsteinfeger gewesen. Oder er hatte hier auf dem Eimer den Schornstein gefegt. Vielleicht war das eine besondere Anordnung auf der Yorikke, daß der Schornstein nur im Zylinderhut gefegt werden darf. Ähnliche merkwürdige Anordnungen habe ich auf Schiffen erlebt. Aber die Yorikke gehörte nicht zu jenen Schiffen, wo man merkwürdige Anordnungen einführte; die Yorikke war ein Schiff, wo man mit den Anordnungen, die tausend Jahre alt sind, genug zu tun hat, um den Eimer in Gang zu halten. Nein, dieser Zylinder war nur darum im Gebrauch, weil der Mann keine andre Kopfbedeckung hatte, und wenn er sie gehabt hätte, offenbar Geschmack genug besaß, daß er zu der Frackweste, die er auf dem Leibe trug, nicht gut eine Tellermütze aufsetzen konnte. Es schien gar nicht so unmöglich zu sein, daß er von seiner eignen Hochzeit entsprungen war in jenem verhängnisvollen Augenblick, als es anfing, ernst zu werden. Und weil er keinen andern Zufluchtsort vor den Megären fand, er in seiner letzten Not die Yorikke erwischte, wo man ihn mit offnen Armen willkommen hieß. Hier suchte ihn keine der Megären, sicher nicht einen, der in Frack und Zylinder der Braut die Hacken zeigte.

Hätte ich gewußt, daß sie wirklich Seeräuber wären, ich hätte sie angefleht, mich mitzunehmen zu Ruhm und Gold. Aber wenn man kein Unterseeboot hat, ist Seeräuberei heute nicht mehr lohnend genug.

Nein, da es keine Seeräuber sind, dann schon lieber den Henker, als hier gezwungen sein, die Yorikke zu fahren. Das Schiff, das mich von dem sonnigen Spanien fortlocken kann, das muß schon eins sein, doppelt so gut wie die Tuscaloosa. Ach, wie lang ist das her. Ob sie noch in New Orleans zu Hause ist? New Orleans, Jackson Square, Levee und ach – na, wollen wir mal wieder Blutwurst aufspießen; sobald der bunte Eimer vorüber ist, werden wir ja vielleicht noch einen Zweipfünder machen. Wenn nicht, ist es auch gut; dann wollen wir mal sehen, was die Nudelsuppe macht, oder was es drüben auf dem Holländer zum Abendessen gibt.

Wie eine Schnecke, die sich überfressen hat, sich aber gleichzeitig trainieren muß für das nächste Schneckenwettlaufen, so zog Yorikke vorüber.

Als die Köpfe der Buschräuber gerade über mir waren, rief einer von ihnen herunter zu mir: „Hey, ain’t ye sailor?“

„Yesser.“

„Want a dschop?“ Auf sein Englisch braucht er sich nichts einzubilden, aber für enge Familienverhältnisse reicht es aus.

Ob ich Arbeit haben will.

Ei, orgelspielender Grizzlybär, der wird das doch nicht etwa ernst meinen?

Ob ich Arbeit haben will?

Nun bin ich verloren. Da ist diese Frage, die ich mehr gefürchtet hatte als die Posaune des Erzengels Michael am Auferstehungstage. Es ist doch üblich, daß man selbst um Arbeit nachfragen gehen muß. Das ist doch ewiges unveränderliches Gesetz, solange es nun schon Arbeiter gibt. Und ich bin nie fragen gegangen, immer aus Angst, es hätte einmal jemand ja sagen können.

Wie alle Seeleute bin ich abergläubisch. Auf dem Schiff und auf dem Meer ist man auf Zufälle und also auch auf Aberglauben angewiesen, sonst hielte man es nicht aus und würde verrückt. Und dieser Aberglaube ist es, der mich zwingt, ja zu sagen, wenn mich jemand fragt, ob ich Arbeit haben will. Denn würde ich nein sagen, so würde ich mein Glück verschwören, würde nie wieder im Leben ein Schiff bekommen und am allerwenigsten bekommen, wenn ich es so bitter notwendig brauchte. Manchmal glückt das Erzählen einer Geschichte, aber manchmal glückt es nicht, und der Mann brüllt „Polizei! Betrüger!“ Wenn man dann nicht schnell ein Schiff zur Hand hat, glaubt die Polizei jenem Manne, der keinen Spaß versteht und keine Ideen hat.

Dieser Aberglaube hat mir schon manchen bösen Streich gespielt und mir Beschäftigungen auf den Hals gebracht, von denen ich nie geglaubt hätte, daß solche überhaupt in der Welt vorhanden seien. Er war die Ursache, daß ich Totengräbergehilfe in Guayaquil in Ecuador wurde, und daß ich auf einem Jahrmarkte in Irland mit meinen eignen Händen helfen mußte, das Kreuz, an dem unser Herr und Heiland Jesus Christus seinen letzten irdischen Seufzer aushauchte, splitterweise zu verkaufen. Jeder Splitter kostete eine halbe Krone, und das Vergrößerungsglas, das die Leute dazu kaufen mußten, um den Splitter auch zu sehen, kostete eine andre halbe Krone. Zu solcher Beschäftigung, die mir zweifellos nicht gut angeschrieben werden wird, kommt man aber, wenn man abergläubisch ist. Seitdem mir das in Irland zugestoßen ist, habe ich auch nichts mehr drum gegeben, ein braver und guter Mensch zu bleiben, denn ich wußte, daß ich nun alles Zukünftige verspielt hatte. Es war ja nicht, daß ich die Splitter hatte verkaufen helfen. Nein, das war nicht so schlimm, das wäre mir vielleicht gar als ein Verdienst angerechnet worden. Viel schlimmer war, daß ich auch geholfen hatte, mit dem Geschäftsinhaber in einem Hotelzimmer die Splitter aus einem alten Kistendeckel anzufertigen. Aber auch das wäre noch nicht so unverzeihlich gewesen, wenn ich nur nicht vor den Leuten meine Seele verschworen hätte, daß ich die Splitter selbst aus Palästina mitgebracht hätte, wo sie mir ein alter, zum Christentum bekehrter Araber, in dessen Familienbesitz die Splitter seit achtzehnhundert Jahren gewesen waren, anvertraut hätte mit der feierlichen Versicherung, daß ihm Gott im Traume erschienen sei und ihm anbefohlen habe, diese Splitter nur nach Irland und sonst nirgend woanders hin gelangen zu lassen. Die in arabischen Zeichen geschriebenen Dokumente konnten wir vorweisen und auch eine Übersetzung in Englisch, aus der hervorging, daß in dem Dokumente wirklich das drin stünde, was wir auf dem Jahrmarkte erzählten. Solche Streiche kann einem der Aberglaube spielen, yes, Sir.

Hätten wir das eingenommene Geld wenigstens an ein Kloster oder an den Papst abgeschickt, dann wäre es ja auch nicht so schlimm gewesen und ich hätte Hoffnung, daß mir vergeben würde. Aber wir verbrauchten das Geld für uns, und ich war sehr bedacht darauf, daß ich auch meine richtigen Prozente und Tantiemen bekam. Aber ich war keineswegs ein Betrüger, ich war nur ein Opfer des Aberglaubens, meines Aberglaubens. Denn die guten Leute glaubten mir, die waren nicht abergläubisch.