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Das Totenschiff

Chapter 29: 23
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

23

un betrachtete ich mir die Haifischjäger in der Nähe. Der Eindruck, den ich von draußen gewonnen hatte, wurde keineswegs besser. Er wurde nicht einmal schlimmer, sondern er wurde einfach vernichtend. Ich hatte ursprünglich geglaubt, daß einige der Leute Neger und einige Araber wären. Aber jetzt erkannte ich, daß sie nur unter Kohlenstaub und Dreck so aussahen. Der Deckarbeiter steht ja nun auf keinem Schiff, die russischen Bolschewistenschiffe vielleicht ausgenommen, in der gleichen menschlichen Rangstufe mit dem Skipper. Wo sollte das aber auch hinführen? Man könnte die beiden ja eines schönen Tages miteinander verwechseln und herausfinden, daß der Deckarbeiter ein ebenso intelligenter Mensch ist wie der Skipper. Zuweilen wäre das sogar noch nicht einmal ein Beweis, daß der Deckarbeiter überhaupt Intelligenz besitzt.

Hier gab es zweifellos sogar noch unter den Deckarbeitern Rangstufen. Da waren Deckarbeiter ersten Grades, Deckarbeiter zweiter, dritter und vierter Ordnung. Jene beiden Taschendiebe, die da standen, schienen Deckarbeiter fünften Grades zu sein. Ich weiß nicht, welches augenblicklich die unzivilisierteste Menschenrasse ist. Das wechselt ja mit jedem Jahre, je nachdem, wie wertvoll oder wie wertlos, für andre, das Land ist, wo diese Menschenrasse lebt. Aber diese beiden Deckarbeiter würden bei jener unzivilisierten Rasse wohl noch nicht einmal gebraucht werden können, um Kokosnüsse aufzuschlagen. So viele Deckarbeiter, daß jeder Grad seinen rechtmäßigen Vertreter hier haben konnte, hatte man für die Yorikke nicht auftreiben können. Infolgedessen waren die Deckarbeiter des ersten, des zweiten, des dritten und des vierten Grades nicht vertreten, nur zwei des fünften und drei des sechsten Grades. Die Vertreter des fünften Grades habe ich geschildert, die des sechsten kann ich nicht beschreiben, da ich sie mit nichts vergleichen kann, was sich sonst auf Erden findet. Sie waren durchaus Original, und ich muß mich damit begnügen, zu sagen, sie waren würdig vertreten, und man glaubte es ihnen ohne Legitimation, daß sie der sechsten Ordnung angehörten.

„Gauten Tahk!“ Der Anführer der Taschendiebe und der Jahrmarktsbetrüger – halt, ich wollte sagen: der Anführer der Taschendiebe und der Roßtäuscher kam auf mich zu. „Ich bing da zwiehte Inkscheneer. Disser hier, was miehn Nachtbur ist, disser iehst da Dunkymänn.“ Das war ein Englisch! – Ich muß es wohl zukünftig mehr in eine besser lesbare Sprache übersetzen, um es verständlich zu machen. Er wollte mir mitteilen, daß er der Zweite Ingenieur und damit mein direkter Vorgesetzter sei, seit ich zur Schwarzen Bande gehörte, und daß sein Nachbar, der an seiner Seite stand, der Donkeyman sei, also mein Unteroffizier.

„Und ich,“ stellte ich mich nun selbst vor, „ich bin der Generaldirektor der Kompanie, die diesen Eimer besitzt, und ich bin an Bord gekommen, um euch Burschen ordentlich Beine zu machen.“

Denn wenn die beiden glaubten, sie könnten mich aufziehen, dann müssen sie sich schon einen andern suchen, nicht gerade einen, der schon als Küchenjunge fuhr, als seine Altersgenossen noch das Abc lernten. Mit solcher Vanille müßt ihr mir nun nicht kommen, dann haben wir den rechten Ton gleich von der ersten Wache an und werden nicht viel gewürzte Schokolade miteinander trinken.

Aber er hatte nicht begriffen, was ich gesagt hatte; denn er sprach weiter: „Gehen Sie zum Quartier und suchen Sie sich Ihre Bunk.“

Ja, da fallen mir aber doch die Holzschindeln vom Dach, der wird doch nicht etwa im Ernst geredet haben und ist tatsächlich der Zweite Ingenieur und mein Vorgesetzter, dieser ausgebrochene Galeerensträfling? Als hätte mich jemand mit einer Keule über den Schädel gehauen, so torkelte ich nun zum Forecastle, zum Quartier.

Ein paar Mann lagen faul in ihrer Bunk. Als ich hereinkam, sahen sie mich schläfrig an, ohne irgendein Interesse oder irgendein Erstaunen zu zeigen. Solche unerwarteten Auffrischungen der Mannschaft schienen zu oft vorzukommen, als daß sie wert gewesen wären, sie zu beachten. Ich habe später einmal gehört, daß in einem Dutzend Häfen, die Yorikke gelegentlich anzulaufen pflegte, immer zwei oder drei Mann am Ufer lagen, die aus diesem oder jenem Grunde kein andres Schiff kriegen konnten oder unbedingt fort mußten, weil die Kaie zu heiß wurden, und nun täglich beteten: „O Herr der Schiffe und Heerscharen, laß’ die gute alte Yorikke hereinkommen!“ Denn auf der Yorikke fehlten immer zwei oder drei Mann, und ich bin sicher, daß die Yorikke noch nie in ihrem urlangen Leben jemals mit voller Mannschaft gefahren ist. Man sagte der Yorikke auch sonst noch etwas Häßliches nach. Es wurde behauptet, ihr Skipper sei schon viele, viele Male zu den Galgen gegangen und habe die Gehenkten untersucht, ob nicht noch ein Fünkchen Leben in ihnen zurückgeblieben sei und sie noch so viel Atem hätten, um ein Ja zu flüstern und angemustert zu werden für die Yorikke. Diese Nachrede ist häßlich, das weiß ich, aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen und keiner Katze aus dem Ohrläppchen gesaugt. Ich fragte nach einer leeren Bunk. Einer der Leute deutete mit dem Kopfe nach einer oberen Schachtel. Ich fragte, ob auch niemand drin verreckt sei. Der Mann nickte und sagte dann: „Die untere Kommode ist auch frei.“

So nahm ich die untere. Der Mann verlor jegliches Interesse an mir und meinem Tun.

In der Bunk war keine Matratze, kein Strohsack, kein Kissen, keine Decke, kein Bettuch. Nichts. Nur das nackte wurmstichige Holz. Und sogar an dem Holze hatte man jeden Millimeter gespart, der nur gerade noch abzusparen war, damit man den Koffer für menschliche Gebeine noch Bunk nennen könne und nicht etwa einen Schirmkoffer. In jedem der beiden Bunks, die meinem gegenüber lagen, der eine oben der andre unten, lagen Lumpen und zerrissene alte Säcke. Das waren die Matratzen für die Mannschaften, die jetzt auf Wache waren oder auf dem Deck herumlungerten. Als Kissen hatten sie altes Tauwerk. Daß man auf altem Tauwerk schlafen könnte, mußte also doch keine Sage aus fernen Zeiten sein. In der Bunk, die über der meinen lag, in der also einer kürzlich verreckt war, vielleicht gestern erst, lagen keine Lumpen. Wenn ich auf meiner Bunk saß, so konnte ich die gegenüberliegende Bunk erreichen, ohne daß ich die Beine hätte lang ausstrecken brauchen. Ich stieß bereits mit den Knien an, während ich hier saß. Der Schiffsbauer war ein guter Rechner gewesen. Er hatte ausgerechnet, daß auf einem Schiff immer ein Drittel oder manchmal gar die Hälfte der Mannschaft auf Wache ist in der Zeit, wo die Bunks im Gebrauch sind. Aber es traf sich, daß wir drei Mann, die wir in diesem Abteil wohnten, alle dieselbe Wache hatten, so daß wir alle zu gleicher Zeit uns hier in diesem Raum, der zwischen den Bunks kaum einen halben Meter breit war, aus- und ankleiden mußten. Dieses Gewimmel von sich bewegenden Armen, Beinen, Köpfen und Schultern wurde noch unübersichtlicher, als in einem Nachbarquartier ein Mann mit seiner Bunk herunterbrach und die gebrauchen mußte, wo der eine verreckt war. Wie sich das ja immer so fügt, so war es auch hier; der neue Quartierbewohner gehörte mit zu unsrer Wache, und nun waren die Einzelheiten des Gewimmels beim An- und Auskleiden überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Wenn es gar zu arg durcheinanderging, so daß die Schiffsglocke schon die Wache ausrief, dann schrie der eine oder der andre plötzlich ein brüllendes Halt! aus, bei dem nach stillem Übereinkommen jeder von uns still hielt für die Dauer einer Sekunde. Dieses Halt! durfte nicht unnützlich geführt werden, sondern nur dann, wenn einer in höchster Not war, daß er seinen linken Arm verloren hatte oder sein rechtes Bein sich mit dem linken Bein eines der andern Insassen so vertauscht hatte, daß man ohne dieses Halt! nie herausgefunden hätte, daß der Martin mit dem rechten Bein des Bertrand auf Wache ging, während Bertrand erst bei Tagesanbruch merkte, daß er die ganze Wache hindurch mit der rechten Hand des Martin und mit der linken des Henrik das Ruderrad gequirlt hatte, während ich die Hände Bertrands verdreckte und überhaupt nicht wußte, wer meine abnutzt.

Ernstere Folgen hatte es schon, wenn im trüben Halbschlummer der rußenden Quartierlampe Bertrand mit seinem rechten Bein in das linke Bein seiner eignen Hose stieg, während er mit seinem linken Bein voll angezogen im rechten Bein der Hose Henriks steckte. Manchmal kostete es zwei halbe Hosen, manchmal kostete es nach allen Seiten herumfliegende Püffe, manchmal eine eingebrochene Bunk oder eine durchstoßene Tür. Immer aber kostete es eine ganze Freiwache Streitens und Zankens, um festzustellen, wer zuerst in das falsche Hosenbein gestiegen sei, wodurch der Unschuldige gezwungen wurde, sich rasch nach einem freien Hosenbein umzusehen, damit er nicht etwa mit einem unbekleideten Beine auf die Wache zu gehen gezwungen war. Es ist in der Tat zweimal vorgekommen, daß ein Hosenbein im Quartier zurückblieb, das beidemal von seinem rechtmäßigen Besitzer erst vermißt wurde als der Morgen aufkam. Es wäre ja vielleicht gegangen, wenn man sich geeinigt hätte. Aber wer sollte denn der Ausgestoßene sein, der eine Minute früher aufzustehen verdammt wurde? Beim Aufstehen begann ja gleich der wütende Streit darüber, daß eine halbe Stunde zu früh geweckt worden sei, wodurch gleich alle in die nötige Stimmung versetzt wurden, um jede Einigungsverhandlung auszuschließen und im Keime zu ersticken. Dieses Streiten und Wüten und Androhen, daß man der Wache das Zufrühwecken schon anstreichen wolle, erreichte seinen Höhepunkt gerade immer dann, wenn die Schiffsglocke die Wache aufrief. Dann paarte sich die Wut mit Nervosität, daß man nicht fertig würde, und gleich mit einem Anranzer die Wache beginnen müsse, weil der Hund wieder einmal zu spät geweckt habe, was er aus reinem Schabernack täte, wenn man an und für sich schon mit dem Zweiten nicht gut steht.