Es waren aber doch einmal Leute in jener Schreckenskammer gewesen und hatten sich alles angesehen, was drin war. Diese Leute waren jetzt nicht mehr auf der Yorikke, sie waren sofort runtergefeuert worden, als es herauskam, daß sie es gewagt hatten, in jene Kammer einzudringen. Aber ihre Erzählung hatte sich doch auf der Yorikke erhalten. Solche Erzählungen erhalten sich immer, auch wenn die gesamte Mannschaft entlassen wird auf einen Ruck, besonders in jenen Fällen, wenn der Eimer auf einige Monate ins Trockendock muß.
Die Mannschaft mag das Schiff verlassen. Die Erzählungen verlassen ein Schiff nie. Wenn das Schiff die Erzählung gehört hat, bleibt die Erzählung auch drauf. Sie dringt in das Eisen, in das Holz, in die Bunks, in die Ladeschächte, in die Kohlenbunker, in den Kesselraum. Und dort erzählt das Schiff in den Nachtstunden seinen Kameraden, den Mannschaften, die Geschichten wieder, Wort für Wort, genauer als wenn die Geschichten gedruckt wären.
Auch diese Geschichten über die Schreckenskammer waren erhalten geblieben. In der Kammer hatten die beiden Eindringlinge mehrere menschliche Skelette gesehen. Wieviele es waren, hatten sie in ihrem grausigen Schreck nicht zählen können. Es wäre auch nur schwer möglich gewesen, weil die Skelette auseinandergefallen und durcheinandergeschüttelt worden waren. Es war aber eine ganze Anzahl. Es wurde auch bald festgestellt, wer die Skelette waren, oder richtiger, wem sie ursprünglich gehörten. Die Skelette waren die Überreste ehemaliger Mitglieder der Yorikke-Mannschaft, die von Ratten aufgefressen worden waren, die die Größe sehr großer Katzen hatten. Diese überlebensgroßen Ratten waren wiederholt gesehen worden, wenn sie aus irgendwelchen Löchern der Schreckenskammer herauswischten.
Warum diese bedauernswerten Opfer den Ratten zum Fraße vorgeworfen worden waren, stand zuerst nicht zweifelsfrei fest. Es kamen Gerüchte in Umlauf, die sich schließlich aber auf eines kristallisierten. Diese armen Männer waren geopfert worden, um die Fahrtkosten für die Yorikke niedrigzuhalten und die Dividenden der Kompanie oder des Einzelbesitzers der Yorikke hochzuhalten. Wenn nämlich in einem Hafen ein Mann abmusterte und er wagte es, die Bezahlung der Überstunden zu verlangen, wie es laut Vereinbarung getan werden soll, so wurde er kurzerhand in die Schreckenskammer gebracht.
Dem Skipper blieb ja kein andrer Ausweg. Die Bezahlung der Heuer und die Abmusterung wurden im Hafen vorgenommen. Dort konnte der Skipper den Mann, der seine Überstunden bezahlt haben wollte, nicht gut über Bord werfen; denn das hätten die Hafenbehörden sehen können und den Skipper wegen Hafenverunreinigung mit Geldstrafe belegt. Was er mit seinem Manne tat, darum hatten sich die Behörden nicht zu kümmern, nur was er mit dem Hafen und dem Hafenwasser tat. Hätte der Skipper nun den Mann einfach vom Boot gehen lassen, so wäre der Mann zur Polizei gegangen oder zum Konsul oder zu einer Seemannsgewerkschaft, und der Skipper hätte die Überstunden bezahlen müssen. Um das zu vermeiden, wurde der Mann kurz entschlossen in die Schreckenskammer eingeschlossen.
Wenn das Schiff nun auf hoher See war, so ging der Skipper runter, um den Mann wieder rauszulassen, denn nun war er ja nicht mehr gefährlich. Aber die Ratten wollten den Mann jetzt nicht mehr hergeben, sie hatten schon angefangen, an ihm zu essen, und eine Anzahl von Paaren wartete bereits mit Heiratslizenzen, weil die Gelegenheit so günstig war, ein ganz ausgezeichnetes Hochzeitsessen geben zu können. Der Skipper brauchte den Mann bitter notwendig zum Arbeiten, und er mußte sich in einen Kampf mit den Ratten einlassen. Bei diesem Kampfe aber zog der Skipper jedesmal den Kürzeren und mußte endlich, um sein eignes Leben zu retten, die Kammer verlassen, ohne den Mann mitzukriegen. Hilfe konnte der Skipper ja nicht herbeirufen, dann wäre das alles herausgekommen, und er hätte von nun an die Überstunden bezahlen müssen.
Seitdem ich auf der Yorikke gewesen bin und sie gefahren habe, glaube ich nicht mehr an die herzzerreißenden Geschichten der Sklaven und der Sklavenschiffe. So dicht, wie wir gepackt waren, sind Sklaven nie gepackt worden. So hart, wie wir arbeiten mußten, haben Sklaven nie arbeiten brauchen. So müde und so hungrig, wie wir immer waren, sind Sklaven nie gewesen. Sklaven waren Handelsware, für die bezahlt worden war, und für die man hohe Bezahlung erwartete. Diese Ware mußte sorgfältig behandelt werden. Für abgerackerte, ausgehungerte und übermüdete Sklaven bezahlte niemand auch nur die Transportkosten, geschweige denn einen Preis, daß der Händler noch tüchtig daran verdienen konnte.
Aber Seeleute sind keine Sklaven, für die bezahlt worden ist, und die als kostbare Handelsware hoch versichert sind. Seeleute sind freie Menschen. Sie sind frei, verhungert, verlumpt, übermüdet, arbeitslos und darum gezwungen zu tun, was von ihnen verlangt wird, und zu arbeiten, bis sie zusammenfallen. Dann werden sie über Bord geworfen, weil sie das Futter nicht mehr wert sind. Da gibt es zu dieser Stunde noch Schiffe zivilisierter Völker, auf denen die Seeleute gepeitscht werden dürfen, wenn sie sich weigern, die Arbeit von zwei Wachen dauernd zu übernehmen und von der dritten Wache noch die Hälfte, weil der Schiffsbesitzer so schlechte Löhne zahlt, daß die Mannschaft immer um ein Drittel zu kurz ist.
Und der Seemann hat zu essen, was ihm vorgesetzt wird, ob der Koch gestern noch Schneider war, weil ein richtiger Koch für die Heuer nicht zu haben war, oder ob der Skipper an der Mannschaftskost so viel zu ersparen trachtet, daß die Mannschaft nie satt wird.
Die Seegeschichten erzählen viel über Schiffe und über Matrosen. Wenn man diese Schiffe aber ein wenig aufmerksam betrachtet, dann sieht man, daß es Sonntag-Nachmittags-Schiffe sind, und die Matrosen in jenen Seegeschichten sind immer lustige Operettensänger, die sich die Hände maniküren und ihren Liebeskummer hätscheln.