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Das Totenschiff

Chapter 32: 26
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

26

it den schläfrigen Leuten im Quartier hatte ich alles in allem kaum zehn Worte gewechselt. Als ich meine Bunk hatte und mir gesagt war, daß es hier weder Decken noch Matratzen gäbe, war der Gesprächsstoff erschöpft.

Über mir hörte ich das übliche Rattern und Knattern der Ketten, das dröhnende Hämmern des Ankers, der gegen die Bordwand schlug, ehe er zur Ruhe kam, das Rasseln der Wintschen, das Herumlaufen, Herumtrampeln, das Kommandieren, das Fluchen, das alles notwendig ist, damit ein Schiff rausgehen kann. Dasselbe Geräusch hört man, wenn das Schiff reinkommt.

Mich ärgert dieses Geräusch immer und macht mich mißmutig. Ich fühle mich nur wohl, wenn der Eimer draußen auf hoher See schwimmt. Ganz gleich, ob er heim geht oder raus. Aber ich will draußen sein mit dem Schiff. Ein Schiff im Hafen ist kein Schiff, sondern eine Kiste, die gepackt wird, in die eingepackt oder aus der ausgepackt wird. Im Hafen ist man auch gar kein Seemann auf dem Schiff; man ist eben gerade Tagelöhner. Die dreckigste Arbeit wird im Hafen gemacht, und man arbeitet, als ob man in einer Fabrik wäre, aber nicht auf einem Schiff. Solange ich das Rasseln und Kommandieren hörte, verließ ich das Quartier nicht. Wo gearbeitet wird, da soll man nicht nahe gehen. Denn steht man erst einmal in der Nähe, dann kann leicht etwas für einen dabei abfallen: „He, langen Sie doch da rasch mal zu.“ Ich denke ja gar nicht daran. Wozu denn? Ich kriege es ja nicht bezahlt. Da hängen sie in jedes Bureau und in jeden Fabriksaal ein Plakat mit der Aufforderung: „Do more!“ oder „Tu mehr!“ Die Erklärung wird einem kostenfrei gegeben auf einem Handzettel, der einem auf den Arbeitsplatz gelegt wird: „Tu mehr! Denn wenn du heute mehr tust, als man von dir fordert, wenn du heute mehr arbeitest, als wofür du bezahlt wirst, dann wird man dir auch eines Tages das bezahlen, was du mehr tust.“

Mich hat noch nie jemand damit fangen können, darum bin ich ja auch nicht Generaldirektor der Pacific Railway and Steamship Co. Inc. geworden. Man kann es immer wieder in den Sonntagsblättern lesen und in den Zeitschriften und in den Bekenntnissen erfolgreicher Männer, daß allein durch dieses freiwillige Mehrarbeiten, das Ehrgeiz, Strebsamkeit und den Wunsch, kommandieren zu dürfen, verrät, schon manch einfacher schlichter Arbeitsmann Generaldirektor oder Milliardär geworden sei, und daß jedem, der diesen Spruch gewissenhaft befolgt, der gleiche Weg zum Generaldirektorposten offenstehe. Aber soviel Generaldirektorstellen und soviel Milliardärposten sind in ganz Amerika nicht frei. Da kann ich erst mal dreißig Jahre lang immer mehr und immer noch mehr arbeiten, ohne mehr bezahlt zu bekommen, weil ich ja doch Generaldirektor werden soll. Wenn ich dann gelegentlich einmal nachfrage: „Na, wie ist es denn nun mit dem Generaldirektorposten, ist noch nichts frei?“ so wird mir gesagt: „Bedaure sehr, momentan noch nicht, wir haben Sie aber vorgemerkt, arbeiten Sie noch eine Weile tüchtig so weiter, wir werden Sie nicht aus dem Auge verlieren.“ Früher hieß es: „Jeder meiner Soldaten trägt den Marschallstab in seinem Tornister“, heute heißt es: „Jeder unsrer Arbeiter und Angestellten kann Generaldirektor werden.“ Ich habe als Junge ja auch Zeitungen ausgeschrien und Stiefel geputzt und mir mit elf Jahren schon meinen Lebensunterhalt verdienen müssen, aber ich bin bis heute weder Generaldirektor noch Milliardär geworden. Die Zeitungen, die jene Milliardäre als Jungen ausgerufen haben, und die Stiefel, die sie geputzt haben, müssen ganz andre Zeitungen und Stiefel gewesen sein, als die, mit denen ich in Berührung gekommen bin.

Wenn man des Nachts so auf dem Ausguck steht, und es ist alles ruhig, kommen einem allerlei schnurrige Gedanken. So habe ich mir schon ausgemalt, was geschehen wäre, wenn die Soldaten Napoleons plötzlich alle ihren Marschallstab aus ihren Tornistern genommen hätten. Wer macht denn dann die Nieten warm in der Kesselschmiede? Die frischgeadelten Generaldirektoren natürlich. Wer sonst? Es ist ja niemand sonst übriggeblieben, der es machen könnte, und der Kessel soll doch fertig werden, und die Schlacht soll geschlagen werden, weil man sonst weder Generaldirektoren noch Marschälle braucht. Der Glaube füllt leere Säcke mit Gold, macht Zimmermannssöhne zu Göttern und Artillerieleutnants zu Kaisern, deren Namen Jahrtausende überstrahlt. Mach’ die Menschen gläubig, und sie prügeln ihren lieben Gott zum Himmel hinaus und setzen dich auf seinen Thron. Der Glaube versetzt Berge, aber der Unglaube zerbricht alle Sklavenketten.

Als das Gerassel endlich einschlief und ich bereits Deckarbeiter müßig herumstehen sah, verließ ich das Quartier und ging hinaus aufs Deck. Gleich hoppte der Taschendieb, der sich mir als Zweiten Ingenieur vorgestellt hatte, auf mich zu und sagte in seinem unsagbar komischen Englisch zu mir: „Der Skipper will mit Ihnen sprechen, kommen Sie mit.“

Die Redewendung „Kommen Sie mit“ bereitet in neunzehn von zwanzig Fällen nur den Satz vor: „Wir werden Sie für eine gute Weile hierbehalten.“

Auch wenn in diesem Ausnahmefalle der zweite Satz nicht gesprochen worden wäre, so war seine Folge doch schon entschieden. Yorikke lief bereits wie das leibhaftige Donnerwetter auf hoher See. Der Lotse hatte das Boot verlassen, und der Erste Offizier hatte die Wache übernommen.

Der Skipper war ein noch junger Mann, sehr gut genährt, mit einem gesunden, roten und glattrasierten Gesicht. Er hatte wässerig blaue Augen, und in seinem gelbbraunen Haar waren brandrote Farbtöne. Er war außerordentlich gut gekleidet, beinahe überelegant. Die Zusammenstellung der Farben des Anzuges, der Krawatte, der Strümpfe und der eleganten Halbschuhe waren gut gewählt. Nach seinem Aussehen würde man ihn nicht für den Kapitän eines kleinen Frachtdampfers, nicht einmal für den eines großen Passagierschiffes gehalten haben. Er sah nicht aus, als ob er einen Eimer auch nur von einer offnen Reede zu einer andern offnen Reede bringen könnte, ohne dabei auf der andern Seite der Erdoberfläche zu landen. Er sprach ein gutes reines Englisch, wie man es in einer sehr guten Schule in einem nicht englisch sprechenden Lande lernen mag. Die Worte wählte er sehr sorgfältig aus, es machte den Eindruck, als ob er sehr geschickt, aber sehr rasch während des Sprechens nur solche Worte auswählte, die er fehlerfrei aussprechen konnte. Um dies mit Erfolg tun zu können, machte er im Sprechen Pausen, wodurch er die Vorstellung erweckte, daß er ein Denker sei. Der Kontrast zwischen dem Skipper und dem Zweiten Ingenieur, der ja ebenfalls Offizier war, hatte nichts Komisches an sich, sondern war so erschütternd, daß, wenn ich je im Zweifel gewesen wäre, wo ich war, ich es aus diesem Kontrast sofort gewußt hätte.

„So, Sie sind der neue Kohlenzieher?“ grüßte er mich, als ich in seine Kabine trat.

„Ich? Kohlenzieher? No, Sir, I am fireman, ich bin Heizer.“ Mir kam schon der Leuchtturm in Sicht.

„Von Heizer habe ich nichts gesagt“, mischte sich jetzt der Taschendieb ein. „Ich habe gefragt Heizpersonal, nicht wahr, das habe ich doch gefragt?“

„Das ist richtig,“ erwiderte ich, „das haben Sie gefragt, und das habe ich mit ja beantwortet. Aber nie in meinem Leben habe ich dabei an Kohlenzieher gedacht.“

Der Skipper machte ein gelangweiltes Gesicht und sagte zu dem Roßtäuscher: „Das ist nun Ihre Sache, Mr. Dils. Ich habe geglaubt, das sei in Ordnung.“

„Ich will sofort das Boot verlassen, Skipper. Ich denke mit keiner Idee daran, als Kohlenzieher zu zeichnen. Sofort ausbooten. Ich protestiere, und ich werde mich beim Hafenamt beschweren wegen versuchten Shanghaiing.“

„Wer hat Sie shanghaied?“ fuhr jetzt der Roßtäuscher auf. „Ich? Das ist eine unverschämte Lüge.“

„Dils,“ sagte der Kapitän jetzt sehr ernst, „damit will ich nichts zu tun haben. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Das haben Sie auszubaden, das erkläre ich gleich hier. Machen Sie das draußen miteinander ab.“

Der Taschendieb ließ sich aber nicht verwirren. „Was habe ich gefragt? Habe ich nicht gefragt: Kesselgang?“

„Richtig, das haben Sie gefragt, aber Sie haben nicht gesagt –“

„Gehört der Kohlenzieher zur Schwarzen Bande oder nicht?“ fragte der Ingenieur nun lauernd.

„Allerdings gehört der Kohlenzieher dazu,“ bestätigte ich der Wahrheit gemäß, „aber ich habe –“

„Dann ist es ganz in Ordnung“, sagte nun der Skipper. „Wenn Sie Heizer meinten, so hätten Sie das ausdrücklich sagen müssen, dann hätte Mr. Dils Ihnen schon gesagt, daß wir keinen Heizer zu kurz sind. Also gut, dann können wir ja nun schreiben.“

Er nahm die Mannschaftslisten und fragte nach meinem Namen.

Unter meinem guten Seemannsnamen auf einem Totenschiff? Niemals. So tief bin ich noch nicht gesunken. Ich kriege ja nie wieder in meinem Leben einen ehrenhaften Eimer. Lieber das Entlassungszeugnis aus einem anständigen Gefängnis, das ist besser als das Quittungsbuch eines Totenschiffes.

So gab ich meinen guten Namen auf und sagte mich von meinen Familienbanden los. Ich hatte keinen Namen mehr.

„Geboren in und wann?“

Der Name war weg, aber ich hatte meine Heimat noch.

„Geboren in und wann?“

„In – in –“

„In wo?“

„Alexandria.“

„In U. S.?“

„Nein in Ägypten.“

Nun war auch die Heimat weg; denn von nun hatte ich das Quittungsbuch der Yorikke als einzigen Ausweis für den Rest meines Lebens.

„Nationalität? Britisch?“

„No. Ohne Nationalität.“

Ich sollte meinen Namen und meine Nationalität in den Listen der Yorikke für ewige Zeiten registriert wissen? Ein gutgewaschener Amerikaner, zivilisiert, ausgerüstet mit dem Evangelium der Zahnbürste und der Wissenschaft des täglichen Füßewaschens, sollte je eine Yorikke gefahren, je eine Yorikke bedient, gescheuert, angestrichen haben? Meine Heimat, nein, nicht meine Heimat, aber die Vertreter meiner Heimat hatten mich zwar ausgestoßen und verleugnet. Aber kann ich die Erde verleugnen, deren Hauch ich mit meinem ersten Atemzuge trank? Nicht der Vertreter wegen und nicht seiner Flagge wegen, aber der Liebe zur Heimat wegen, ihr zuliebe, ihr zu Ehren, habe ich sie abzuschwören. Auf der Yorikke fährt kein ehrlicher amerikanischer Junge, selbst wenn er dem Henker entlaufen sein sollte.

„No, Sir, keine Nationalität.“

Nach Seemannskarte, Heuerbuch, Paß oder sonst etwas Ähnlichem fragte er nicht. Er wußte, daß Leute, die zur Yorikke kommen, nicht nach solchen Dingen gefragt werden dürfen. Sie könnten ja sagen: „Ich habe keine Papiere.“ Was dann? Dann dürfte er sie nicht zeichnen lassen, und Yorikke würde keine Mannschaft haben. Beim nächsten Konsul mußte die Liste ja amtlich bestätigt werden. Aber dann war nichts mehr zu ändern, der Mann war bereits angemustert, hatte bereits gefahren, da war es nicht mehr möglich, ihm die konsulare Bestätigung zu verweigern. Der Konsul kennt amtlich keine Totenschiffe und nichtamtlich glaubt er nicht daran. Konsul zu sein, erfordert Talente. Die Konsuln glauben auch nicht an das Geborensein von Menschen, wenn der Geburtsschein das Geborensein nicht schwarz auf weiß beurkundet.

Was blieb von mir noch übrig, nachdem Name und Heimat verspielt waren? Die Arbeitskraft. Das allein war es, das zählte. Das allein wurde bezahlt. Nicht zum vollen Werte. Aber etwas, damit nicht die Erschlaffung den Spaß verdirbt.

„Die Heuer für die Kohlenzieher ist siebzig Peseta“, sagte der Skipper so wie nebenbei, während er in die Liste schreibt.

„Wa–a–a–s?“ schreie ich. „Siebzig Peseta?“

„Ja, haben Sie das nicht gewußt?“ fragt er mit einer müden Geste.

„Ich habe angemustert für englische Heuer“, verteidige ich nun meinen Lohn.

„Mr. Dils?“ fragt der Skipper. „Was ist das, Mr. Dils?“

„Habe ich Ihnen englische Heuer versprochen?“ sagt der Roßtäuscher grinsend zu mir.

Ich könnte diesem Hund gleich so eine in die Fresse hauen, aber hier will ich doch nicht in Eisen liegen. Nicht auf der Yorikke, wo mich die Ratten lebendig anfressen würden, wenn man sich nicht wehren kann. „Jawohl, Sie haben mir englische Heuer versprochen“, schrie ich nun in Wut auf den Gauner ein. Es ist ja das Letzte, was ich zu verteidigen habe, meinen Arbeitslohn. Den Hundelohn. Je schwerer die Arbeit, desto geringer der Lohn. Der Kohlenzieher hat die schwerste und teuflischste Arbeit auf dem Eimer und meist den schäbigsten Lohn. Englische Heuer ist ja auch nicht berühmt, aber wo in der Welt bekommt denn der Arbeiter seinen vollen Lohn? Wer den Arbeiter seinen Lohn nicht zahlt, ist ein Bluthund. Aber man braucht den Lohn mit dem Arbeiter, der die Arbeit so bitter benötigt, nur vorher ausmachen, dann ist es sein Lohn. Sein Lohn, und man ist kein Bluthund mehr. Gäbe es keine Gesetze, dann würde es auch keine Milliardäre geben. Worte kann man kneten, darum werden Gesetze in Worten niedergeschrieben. Dem Hungernden ist das Kneten bei Todesstrafe verboten; bei etwa mildernden Umständen ist Freiheitsstrafe vorgesehen, um Gnade üben zu können und die Menschlichkeit der Gesetze zu beweisen.

„Jawohl, das haben Sie, Sie haben mir englische Heuer zugesagt“, schreie ich noch einmal.

„Schreien Sie nicht so“, sagt der Kapitän und sieht von der Liste auf. „Wie ist das nun, Dils? Ich bin das endlich leid. Wenn Sie Leute annehmen, will ich doch, daß alles in Ordnung ist.“

Der Skipper spielt fein. Yorikke darf stolz sein auf ihren Meister.

„Von englischer Heuer habe ich gar nicht gesprochen“, sagt der Roßtäuscher.

„Doch haben Sie das. Das kann ich beschwören.“ Das winzige Eckchen Recht, das mir noch geblieben ist, will ich verteidigen bis zum Äußersten.

„Beschwören? Begehen Sie nur ja keinen Meineid, Mann. Ich weiß genau, was ich alles zu Ihnen gesagt habe, und ich weiß ganz genau, was Sie geantwortet haben. Ich habe hier genug Zeugen an Bord, die bei mir standen, als ich Sie anmusterte. Ich habe gesagt ‚englisches Geld‘, aber von englischer Heuer habe ich kein Wort gesagt.“

Der Hund hat recht. Er hat in der Tat englisches Geld gesagt und das Wort Heuer gar nicht erwähnt. Ich hatte natürlich darunter englische Heuer verstanden.

„Dann ist das ja wohl nun auch in Ordnung“, sagte der Skipper ruhig. „Sie bekommen natürlich ihre Heuer in englischen Pfunden und Schillings ausgezahlt. Für Überstunden werden fünf Pence bezahlt. Und wo wollen Sie abmustern?“

„Im nächsten Hafen, den wir anlaufen.“

„Das können Sie nicht“, sagt der Roßtäuscher grienend.

„Jawohl, das kann ich.“

„Können Sie nicht“, wiederholte er. „Sie haben gemustert für Liverpool.“

„Das meine ich ja auch“, sage ich. „Liverpool ist ja der nächste Hafen, den wir anlaufen.“

„Nein,“ antwortet der Skipper, „wir haben deklariert Griechenland, aber ich habe meine Absichten geändert und mache Nordafrika.“

Deklariert und während der Fahrt Kurswechsel. Ei, lieber Freund, du bist deutlich. Marokko und Syrien bezahlen gute Preise für – –. Und wenn du das Geld noch schnell glücklich drin hast, dann wird angemustert auf große lange Fahrt. He? Einen Salzwasserfisch, der in so vielen Meeren geschwommen ist, dem kannst du nichts verstecken. Das wäre nicht der erste Blender, den ich fahre.

„Sie haben mir gesagt Liverpool, und Sie haben ausdrücklich erwähnt, daß ich in Liverpool abmustern darf“, rufe ich erregt dem Taschendieb zu.

„Kein Wort wahr, Skipper“, sagt der gerissene Bursche. „Ich habe gesagt, wir haben Stückgut für Liverpool, und er könne dort abmustern, wenn wir Liverpool machen.“

„Das ist ja dann alles in Ordnung“, bestätigt nun der Kapitän. „Wir haben acht Kisten Ölsardinen für Liverpool, Stückgut, weit unter Frachtsatz. Lieferungsgrenze achtzehn Monate. Ich werde doch nicht dieser acht Kisten wegen, die als Nebengut gehen, Liverpool machen. Die sind Gelegenheitsgut, die keine Fracht kosten sollen. Wenn ich mehr aufnehme, daß es sich lohnt, gehe ich natürlich schon innerhalb der nächsten sechs Monate rauf.“

„Das konnten Sie doch aber gleich sagen, daß es nicht Stückgut sei, sondern Schnappgut, das Sie für Liverpool haben.“

„Das haben Sie ja nicht gefragt“, widerspricht der Roßtäuscher.

Eine feine Gesellschaft. Schmuggeln, Deklarierungen fälschen, Häfen täuschen, Kurse schwindeln und Totenschiffe fahren. Denen gegenüber ist ein zünftiger Seeräuber ein Edelmann. Einen Seeräuber fahren, ist keine Schande, da würde ich weder Namen noch Nationalität abschwören. Seeräuber fahren, ist Ehrensache. Diesen Eimer fahren, ist eine Schmach, an der ich lange zu würgen haben werde, bis sie geschluckt und verdaut sein wird.

„Wollen Sie hier Ihren Namen untersetzen.“

Der Skipper reicht mir einen Federhalter.

„Darunter? Nie! nie!“ Ich rufe es in Empörung.

„Wie Sie wollen. Mr. Dils, bitte, schreiben Sie hier als Zeuge hin.“

Dieser Taschendieb, dieser Roßtäuscher, dieser Gauner, dieser Betrüger, dieser Shanghaier, dieser Mann, für den der Strick, mit dem zwei Dutzend Raubmörder gehenkt worden sind, zu anständig und zu ehrenhaft wäre, soll da für mich unterschreiben. Dieses Aas soll nicht einmal unter meinem ausgedachten Namen seine aussätzige Hand hinlegen dürfen.

„Geben Sie her, Skipper, ich unterschreibe selbst, es ist ja nun doch alles schon Schiet mit Rotz.“

„Helmont Rigbay, Alexandria (Ägypten).“

Da steht es. Fest und sicher. Nun, Yorikke, hoiho! Geh’ zur Hölle meinetwegen. Jetzt ist alles, alles egal. Ausgelöscht aus den Lebenden. Verweht. Kein Hauch von mir ist mehr in der Welt.

Holla–he! Holla–he! Hoiho!

Ich liege nicht an einem Riff,

Ich fahre auf dem Totenschiff

So fern vom sonn’gen New Orleans,

So fern vom lieben Louisiana.

Holla–he! Morituri salutant! Die modernen Gladiatoren grüßen dich, o Cäsar Augustus Capitalismus. Morituri salutant! Die Totgeweihten grüßen dich, o Cäsar Augustus Imperator, wir sind bereit zu sterben für dich, für die heilige und glorreiche Versicherung.

O Zeiten, o Sitten! Die Gladiatoren zogen in glänzenden Rüstungen in die Arena. Fanfaren schmetterten und Zimbeln klangen. Schöne Frauen winkten ihnen zu von den Brüstungen und ließen ihre goldgestickten Tüchelchen fallen; die Gladiatoren hoben sie auf, preßten sie an ihre Lippen, atmeten den berückenden Hauch, und ein süßes Lächeln dankte ihnen und grüßte sie. Unter dem begeisterten Beifallsgeschrei einer erregten Menge, unter den Klängen rauschender Kriegsmusik, hauchten sie ihren letzten Atem aus.

Wir aber, die Gladiatoren von heute, wir verkommen im Dreck. Wir sind zu müde, um uns zu waschen. Wozu auch waschen? Wir verhungern, weil wir vor der Schüssel einschlafen. Wir verhungern, weil die Kompanie sparen muß, um die Konkurrenz auszuhalten. Wir sterben in Lumpen, schweigend, auf einem gesuchten Riff, tief im Kesselraum. Wir sehen das Wasser kommen, und wir können nicht mehr rauf. Wir hoffen, daß der Kessel explodiert, um es kurz zu machen, weil die Hände eingeklemmt sind, die Feuertüren aufgerissen sind und die glühende Kohle an unsern Füßen und Schenkeln langsam frißt. Der Kesselbums? Der ist dran gewöhnt. Dem macht das Verbrennen und Verbrühen nichts aus.

Wir sterben ohne Fanfarenmusik, ohne das Lächeln schöner Frauen, ohne das Beifallsrauschen einer erregten, festlich gestimmten Menge. Wir sterben schweigend und in Lumpen, für dich, o Cäsar Augustus! Heil dir, Imperator, wir haben keinen Namen, wir haben keine Nationalität. Wir sind niemand, wir sind nichts.

Heil dir, Cäsar Augustus Imperator, du hast keinen Witwen und Waisen Pension zu zahlen. Wir, o Cäsar, sind die getreuesten deiner Diener. Die Totgeweihten grüßen dich!