Ich sah Stanislaw zu dem Schacht gehen, den ich soeben verlassen hatte, weil ich glaubte, ich hätte mich im Wege geirrt. Er kletterte die Leiter ohne zu zögern hinunter, und ich folgte ihm. Als wir am Ende der ersten Leiter waren und auf die Platte kamen, die unter dem heißen Dampfstrahl lag, sagte ich: „Da können wir nicht durch. Da wird uns die Haut bis auf die Knochen abgeledert.“
„Meist gibt es was ab. Ich kann dir morgen meine Arme zeigen. Aber wir müssen durch“, sagte Stanislaw. „Hilft uns nichts. Kein andrer Weg zu den Kesseln für uns. Die Ingenieure lassen uns nicht durch die Maschinenhalle gehen, wir sind zu dreckig, und es ist gegen die Vorschrift.“
Während er das noch sagte, sah ich, wie er plötzlich seine Arme um den Kopf schlug, sich so Gesicht, Ohren und Nacken schützend. Nun drehte, quetschte und reckte er sich zwischen die glühend heißen Dampfrohre, wo die Schutzpackungen längst abgefault und abgerissen waren, und der glühend heißen Kesselwand hindurch wie eine geölte Zitterschnecke. Das konnte ihm kein Schlangenmensch nachmachen, dachte ich, als ich das sah. Aber ich erfuhr nun, daß der ganze Kesselbums das so zu machen hatte, und ich verstand auch mit einemmal, warum es auf der Yorikke so viele Dinge zu essen gab, die kein Mensch essen konnte und die über Bord flankiert wurden. Das Flankieren durfte der Koch nicht sehen, dann gab es einen Mordskrach, weil alle Salzschwarten und alles Ungenießbare, das nicht in den Magen hineinwollte, weil der Magen sich sträubte, in die Küche zurückgebracht werden mußte, damit daraus Irish Stew, Frikandellen, Gulasch, Haschee und ähnliche Delikatessen gemacht werden konnten.
„Hast du nun gesehen, Sohn, wie das gemacht wird? Besinne dich nicht lange. Wenn du dich erst besinnst und dir das anguckst und darüber nachdenkst, daß du an der einen Seite verbrüht werden magst und an der andern Seite hinuntersausen kannst in den Schacht, dann geht’s gar nicht. Arme um den Kopf, sieh so – und dann Schlange gemacht. Kann dir eines Tages von Nutzen sein, wenn du andern Leuten zu tief in die Taschen gelinst hast und man dir eiserne Vorhänge an die Fenster gehängt hat. Bin ich auch schon durchgekommen. Immer gut, wenn man in der Übung bleibt, du weißt nie, wie du es gebrauchen kannst. Hopp an.“
Schwupp! da war ich durch. Ich fühlte Heißes an meinen Armen, aber das war sicher nur Einbildung.
Am andern Ende der Platte ging eine lange eiserne Leiter weiter hinunter, zu den Grundmauern der Unterwelt. Diese zweite Leiter war so heiß, daß mein Taschentuch, das ich bisher benutzt hatte, wertlos wurde. Ich mußte mich mit den gebogenen Ellbogen in das Geländer hängen, um Halt an der Leiter zu greifen. Je tiefer ich kam, desto dicker wurde die Luft, desto heißer, qualmiger, öliger und unerträglicher. Die Hölle, die ich nun endlich nach meinem Tode erreicht hatte, konnte das nicht sein. In der Hölle hatten ja auch die Teufel zu leben, hier aber konnten keine Teufel leben, das war undenkbar.
Doch da stand ein Mensch, ein nackter, schwitzender Mensch, der Heizer der Vorwache. Menschen konnten hier auch nicht leben. Aber sie mußten. Sie waren Tote. Ausgelöschte. Landlose. Paßlose. Heimatlose. Die mußten, ob sie konnten oder nicht. Teufel konnten hier nicht leben, denn ein Rest von Kultur ist selbst den Teufeln gelassen, das weiß Goethe. Aber Menschen mußten hier nicht nur leben, sie mußten hier arbeiten, und sie mußten hier so schwer arbeiten, daß sie alles vergaßen, zuletzt sogar, nachdem sie lange vorher sich selbst vergessen hatten, sogar vergaßen, daß hier zu arbeiten unmöglich sei.
Mir ist oft, ehe ich gestorben wurde, und ehe ich zu den Toten kam, unverständlich gewesen, wie Sklaverei möglich sein kann, wie Militärdienst möglich sein kann, wie es möglich ist, daß Menschen, gesunde und vernünftige Menschen, sich ohne Protest vor Kanonen und Kartätschen jagen lassen, daß Menschen nicht tausendmal lieber Selbstmord begehen, als Sklaverei, Militärdienst, Galeerenketten und Peitschenhiebe zu ertragen. Seit ich bei den Toten war, seit ich selbst ein Toter bin, seit ich ein Totenschiff fuhr, ist auch dieses Geheimnis für mich gelöst, wie sich ja alle Geheimnisse erst nach dem Tode offenbaren. So tief kann kein Mensch sinken, als daß er nicht immer noch tiefer sinken könnte, so Schweres kann kein Mensch erdulden, als daß er nicht noch Schwereres ertragen könnte. Hier ist es, wo der Geist des Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier erniedrigt. Ich habe Packzüge von Kamelen, von Lamas, von Eseln und von Maultieren getrieben. Ich habe Dutzende unter diesen Tieren gesehen, die sich hinlegten, wenn sie nur mit einem Kilogramm überladen waren, die sich hinlegten, wenn sie sich schlecht behandelt glaubten, und die sich klaglos hätten zu Tode peitschen lassen – und auch das habe ich gesehen – als aufzustehen, die Last zu übernehmen oder die schlechte Behandlung weiter zu erdulden. Ich habe Esel gesehen, die zu Leuten verkauft worden waren, die Tiere schändlich peinigten, und die Esel hörten auf zu fressen und starben weg. Nicht einmal Mais vermochte ihren Entschluß zu ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. Weil er hofft, daß es auch wieder besser gehen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen. Mitleid mit Sklaven? Mitleid mit Soldaten und mit Soldatenkrüppeln? Haß gegen Tyrannen? Nein! Nein! Nein!
Wäre ich über die Reeling gesprungen, dann würde ich jetzt nicht in einer Hölle sein, wo es selbst die Teufel nicht aushalten können. Aber ich sprang nicht und habe nun kein Recht, mich zu beklagen oder gar andre anzuklagen. Laß den Bettler verhungern, wenn du den Menschen in ihm achtest. Ich habe kein Recht, mein trauriges Schicksal zu beklagen. Warum sprang ich nicht? Warum springe ich jetzt nicht? Warum lasse ich mich peitschen und martern? Weil ich hoffe, ins Leben zurückkehren zu können. Weil ich hoffe, New Orleans wiederzusehen. Weil ich hoffe, und weil ich lieber durch die Schiet schwimme, als meine gehätschelte und getätschelte Hoffnung in die Schiet zu werfen.
Imperator, du wirst niemals um Gladiatoren verlegen sein; die schönsten und stolzesten Männer werden dich anflehen: „O angebeteter, o bewunderungswürdiger Imperator, laß mich dein Gladiator sein!“