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Das Totenschiff

Chapter 37: 31
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

31

tanislaw hatte beim Raufgehen gesagt, daß das Herausfallen der Roste Blut kostet. Damit meinte er, wenn einer rausfällt. Jetzt waren sechs raus. Sie einzusetzen kostete nicht nur Blut und nicht nur abgestoßene Fleischstücken und abgeschmorte Hautfetzen, das kostete blutendes Sperma, herausgezerrte Sehnen, das Mark floß einem wie wäßrige Lava aus den Knochenröhren, die Gelenke krachten wie Holz, das gebrochen wird. Und während wir arbeiteten wie verblödete Maden, fiel der Dampf und fiel und fiel. Und wir sahen die Arbeit, die uns bevorstand, den Dampf wieder hochzubringen. Sie kroch und würgte sich in unsre Kadaver, während wir mit den Rosten würgten. Seit jener Nacht stehe ich über den Göttern. Ich kann nicht mehr verdammt werden. Ich bin frei, darf unbekümmert tun und lassen, was ich will. Ich darf Götter verfluchen, darf mich verwünschen, darf handeln, wie es mir gefällt. Kein menschliches Gesetz, kein göttliches Gebot mehr kann meine Handlungen beeinflussen, denn ich kann nicht mehr verdammt werden. Die Hölle ist ein Paradies. Keine menschliche Bestie kann Höllenqualen ausdenken, die mich erschrecken könnten. Wie immer auch die Hölle beschaffen sein mag, sie ist Erlösung. Erlösung vom Einsetzen rausgefallener Roste auf der Yorikke.

Der Skipper ist nie im Kesselraum gewesen und keiner der beiden Offiziere. Freiwillig ging niemand in diese Hölle. Sie machten sogar einen Umweg, wenn sie am Einsteigschacht vorbei mußten. Die Ingenieure wagten sich in den Kesselraum nur, wenn die Yorikke sanft im Hafen lag und der Kesselbums Reinigungsarbeiten machte, Rohre ziehen, Maschinenhalle putzen und ähnliche dreckige Tagesarbeiten. Selbst dann hatten die Ingenieure diplomatisch mit den Schwarzen Banditen umzugehen. Denn die waren immer und immer in einem Zustande, dem Ingenieur einen Hammer an den Schädel zu pfeffern. Was bedeutete dem Kesselbums Gefängnis, Zuchthaus oder der Henker? Nicht einen Pfifferling machten die sich daraus.

Von der Maschinenhalle aus führte ein schmaler niedriger Gang zwischen dem Steuerbordkessel und der Steuerbordwand zu dem Kesselraum. Dieser Gang war von der Maschinenhalle durch eine schwere eiserne kleine Tür, die wasserdicht war – was auf der Yorikke wasserdicht genannt werden konnte – abgetrennt. Kam jemand von der Maschinenhalle, und hatte er die Luke passiert, so mußte er mehrere Stufen hinuntergehen, um den Gang zu erreichen. Dieser Gang war drei Fuß nur breit und so niedrig, daß man ganz gebückt gehen mußte, um sich nicht den Kopf an den eisernen, scharfkantigen Querstreben einzurennen. Der Gang war, wie alles auf der Yorikke und wie auch der Kesselraum, stockdunkel bei Tage und bei Nacht. Zudem war der Gang heiß wie ein Hochofen. Wir, die Schlepps, fanden uns in dem Gange mit verbundenen Augen zurecht, denn er gehörte mit zu den Spezialmarterwegen. Durch diesen Gang hatten wir einige hundert Tonnen Kohle nach den Kesseln zu schaufeln und zu quetschen, von den Bunkern, die neben der Maschinenhalle lagen. Wir kannten diesen Martergang und seine labyrinthischen Rätsel. Andre Leute kannten ihn nicht so gut.

Fiel nun der Dampf erheblich, weit unter hundertdreißig, dann mußte der wachhabende Ingenieur etwas tun. Dafür wurde er ja bezahlt. Der Erste kam auch nicht in den Kesselraum. Auf Fahrt nie. Ein zerschlagenes Schulterblatt hatte ihn gelehrt, daß man den Kesselbums auf Fahrt nicht belästigen darf. Er rief nur von oben, vom Deck aus, den Schacht hinunter: „Der Dampf fällt!“ Dann war er aber auch schon weg. Denn von unten kam das Gebrüll: „Du gottverfluchter Hurenhund, das wissen wir selber. Komm runter, du Schwein, wenn du was willst.“ Dabei flogen aber auch schon Kohlenstücken gegen die Einsteigluke.

Man rede dem Arbeiter nichts von Anstand, Höflichkeit und guten Sitten, wenn man ihm nicht gleichzeitig die Bedingungen geben will, daß er anständig und höflich bleiben kann. Dreck und Schweiß färben ab, nach innen mehr als nach außen.

Der Zweite Ingenieur war noch verhältnismäßig jung, vielleicht sechsunddreißig. Er war ein großer Streber und wollte gern Erster werden. Er glaubte, seine Strebsamkeit am besten beweisen zu können dadurch, daß er den Kesselbums herumjagte, besonders wenn Yorikke im Hafen lag, denn dann hatte er das Maschinenkommando. Er war kein guter Lerner und lernte schwer, eigentlich nie, mit dem Kesselbums der Yorikke umzugehen. Es gibt Ingenieure, die vom Kesselbums angebetet werden. Ich habe einmal einen Skipper gekannt, der vom Kesselbums wie ein Gott verehrt wurde. Der Skipper ging jeden Tag persönlich in die Galley: „Koch, ich will das Essen sehen, das meine Heizer und Kohlschlepps heute kriegen. Will ich kosten. Das ist Dreck. Das geht über Bord. Die Heizer und Kohlschlepps fahren einen Dampfer, niemand sonst.“ Und wenn er einen Schlepp oder einen Heizer auf dem Deck traf: „Schlepp, wie war das Essen heute; genug Fleisch? Wie kommt ihr mit der Milch zurecht? Abends kriegt ihr eine Extraration an Eiern und Speck. Bringt euch der Junge auch regelmäßig den kalten Tee runter, der angeordnet ist?“ Und merkwürdig, die Heizer und Schlepps auf jenem Eimer hatten ein Benehmen, daß sie zum Gesandtschaftsball hätten eingeladen werden können.

Als beim Einsetzen der Roste der Dampf fiel und fiel, kam der Zweite, der die Wache hatte, durch den Gang, lugte um die Kesselecke und sagte:

„Was ist mit dem Dampf los? Der Kasten wird gleich stehenbleiben.“ Der Heizer hatte in dem Augenblick gerade die rotglühende Schürstange in der Hand, mit der er einen Rost vom Aschenzug aus einzustützen versucht hatte. Mit einem fürchterlichen Geheul, mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem Munde richtete er sich auf und raste wie ein Irrsinniger mit der glühenden Stange auf den Ingenieur los, um ihm die Stange durch den Leib zu rennen. Aber wie ein Funke war der Ingenieur hinter der Ecke verschwunden und sauste den Gang zurück. In der Schnelligkeit, mit der er floh, maß er die Höhe des Ganges nicht genügend und schlug sich den Schädel an einer der Querstreben auf. Der Heizer hatte die Stelle, wo der Ingenieur gestanden hatte, getroffen. Der Stoß war so gewaltig, daß ein Fladen von dem Mauerwerk, das den Kessel gegen Hitzeverlust schützte, absprang und die Stange sich oben verbog. Doch der Mann gab die Verfolgung nicht auf. Er raste hinter dem Zweiten her mit der Stange, und er hätte ihn mitleidlos erschlagen und zermanscht, wenn der Ingenieur nicht rechtzeitig, blutüberströmt von dem Gegenrennen an den Eisenstreben, die Stufen erreicht und die Luke hinter sich zugeschlagen und verrammelt hätte.

Der Ingenieur rapportierte den Fall nicht, wie kein Unteroffizier oder Offizier, der von einem gemeinen Soldaten unter vier Augen gebackpfeift wurde, die Backpfeifen rapportieren würde, um nicht zugeben zu müssen, daß ihm das geschehen konnte. Hätte der Ingenieur den Fall rapportiert, so hätte ich als Zeuge geschworen, daß der Ingenieur hereingekommen sei und den Heizer mit einem Schraubenschlüssel habe erschlagen wollen, weil angeblich nicht genügend Dampf gewesen sei und der Heizer ihm gesagt habe, er möge machen, daß er rauskäme, er sei ja besoffen, und da ist er in seiner Trunkenheit rausgetorkelt und hat sich den Kopf aufgeschlagen. Das ist nicht gelogen. Abgesehen von allem andern, der Heizer ist mein Leidensgefährte. Und wenn die andern blöken: „Right or wrong, my country! Recht oder Unrecht, mein Vaterland!“, so habe ich, verflucht nochmal, Recht und Schuldigkeit, zu rufen: „Right or wrong, my fellow-worker! Recht oder Unrecht, meine Mitproleten!“

Am nächsten Tage fragte der Erste den Zweiten, wie er zu dem Loch im Schädel gekommen sei. Der Gefragte erzählte die Wahrheit. Aber der Erste, ein schlauer Bursche, rapportierte nichts, sondern sagte zum Zweiten: „Da haben Sie verteufelt Glück gehabt, Mensch. Machen Sie das nicht nochmal. Wenn Roste raus sind, lassen Sie sich nicht sehen, gucken Sie zum Einsteigeschacht rein, aber melden Sie sich mit keinem Atemzuge, daß Sie da sind. Lassen Sie den Dampf runtergehen, soviel er will, und wenn der Kasten stehenbleibt. Wenn Sie runtergehen, solange Roste raus sind und die nächste halbe Stunde danach, werden sie mitleidlos totgeschlagen und in den Feuerungskanal geschoben. Kein Mensch erfährt je, wo Sie geblieben sind. Ich warne Sie.“

So ein Streber war der Zweite doch nicht, daß er sich diese Warnung nicht zu Herzen genommen hätte. Er ist nie wieder in den Kesselraum gekommen, wenn Roste gefallen waren, und wenn er sonst kam, weil der Dampf büßte und nicht hochkommen wollte, dann kam er wohl rein, sagte keine Silbe, sah nach dem Dampfmeter, stand eine Weile, bot dem Heizer und dem Schlepp eine Zigarette an und sagte dann: „Wir haben ludermäßige Kohle, da kann ein Heizer von Gold gemacht sein und er kann keinen Dampf halten.“

Heizer sind ja keine Idioten und verstehen natürlich sofort, was der Ingenieur will, und tun das Beste, was sie können, um den Dampf hochzukriegen. Denn nicht nur andre Leute, sondern auch Proleten haben Sportgefühl. Aber es soll sich kein Arbeiter über seine Vorgesetzten beschweren, er hat immer die, die er verdient, und die er sich macht. Ein gutgezielter und gutsitzender Hieb zur rechten Zeit ist besser als ein langer Streik oder ein langes Herumärgern. Ob man die Arbeiter als „Rohlinge“ bezeichnet, kann ihnen gleichgültig sein. Respektieren soll man sie, das ist die Hauptsache. Nur nicht schüchtern sein, Prolet. Was Übles man der Yorikke auch immer sonst nachreden konnte, in einem Dinge verdiente sie, mit Lorbeer gekrönt zu werden: Sie war ein vortrefflicher Lehrmeister. Ein halbes Jahr Yorikke, und man hatte keine Götzen mehr. Hilf dir selbst und verlaß dich nicht soviel auf andre. Gefallene Roste einsetzen, ist selbst auf einem gesunden Eimer kein Vergnügen, wie ich später erfuhr. Es ist immer eine sehr ärgerliche Sache. Doch nicht mehr als das. Auf der Yorikke aber war es Blutarbeit.

Jeder Rostbarren wog etwa vierzig bis fünfzig Kilo. Diese Barren lagen mit ihren Nocken auf einer Querleiste vorn und auf einer Querleiste am Ende des Feuerungskanals. Die Querleisten waren einmal gut und neu gewesen, zu der Zeit, als der große Streik ausbrach beim Bau des Turms von Babel und jene Sprachverwirrung eintrat, die auf der Yorikke ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Kein Wunder, daß in der langen Zwischenzeit jene Querleisten ihre stützende Wirkung verloren hatten. Die Leisten waren verschmort. Die Roste lagen mit ihren Nocken nur auf winzigen Narben jener abgeschmorten Querbalken. Beim Aufbrechen der Schlacke brauchte man nur einen Millimeter zu unvorsichtig sein, oder die Schlacke brauchte nur sehr fest sitzen, dann rutschte ein Rostbarren ab und fiel hinunter in den Aschfall. Der Rostbarren war glühend und mußte aus dem Aschfall herausgefischt werden mit einem merkwürdigen Instrument, das Rostzange hieß und etwa zwanzig Kilo wog. Hatte man den Barren gefischt, so mußte er in den Feuerungskanal gehoben und in seine alte Lage gebracht werden. Da die Querbalken abgeschmort waren im Laufe der Jahrtausende, so waren die verschrumpelten und verbrannten Narben, auf denen der Barren ruhen sollte, weniger als einen halben Zoll breit. Hatte man den Barren vorn glücklich drin, rutschte er hinten ab und fiel wieder in den Aschfall zurück, wo er abermals herausgefischt werden mußte, um das Einsetzen ein zweitesmal zu versuchen. Diesmal lag er hinten glücklich in der Narbe, aber er erreichte vorn nicht den Rest des Balkens und fiel nun vorn in den Aschfall. Fiel der Barren an einem Ende in den Aschfall, so gab auch das andre Ende nach, und der ganze Barren fiel runter. Dieses Herausfischen und Wiedereinheben mußte so lange versucht werden, bis der Barren durch ein glückliches Zusammentreffen mehrerer glücklicher Umstände an beiden Enden diesen knappen halben Zoll von Auflagefläche gewonnen hatte.

Handelte es sich nur um einen Barren, so war das schon das Schlimmste, was man sich nur an Arbeit vorstellen kann. Aber durch das Fischen und durch das Einlegen stieß man zuweilen einen Nachbar-Barren an und der folgte dem Rufe und fiel gehorsam auch nach in den Aschfall, dabei seinen nächsten Nachbar mit sich reißend. Beim Einlegen des letzten Nachbars fiel ein weiterer Nachbar herunter, der an und für sich schon nur noch einen Millimeter auflag und schon eine Stunde sehnsüchtig darauf gewartet hatte, daß ihn doch jemand berühren möge, damit er endlich einen Grund habe, auch in den Aschfall rutschen zu können und den Tanz mitzumachen.

Während dieser Fischzeit und Einlegezeit brannte das Feuer in dem Kanal natürlich lustig weiter, die Barren waren glühend, die Zange war glühend, das Schüreisen, mit dem die Barren während des Einlegens von unten aus gestützt wurden, war glühend und die Barren hatten ein Gewicht, daß sie selbst dann eine ansehnliche Last darstellten, wenn sie eiskalt waren und man sie in den Armen vor sich tragen konnte. Ununterbrochen durfte man nicht an den Barren arbeiten, weil die übrigen Feuer bedient werden mußten, damit sie nicht verlöschten. Alles, was an vorrätiger Kohle im Kesselraum lag, wurde in der Zeit aufgefressen und mußte nachgeschleppt werden.

Als wir endlich die sechs Roste drin hatten und keiner es wagte, in der Nähe der Feurungstür fest aufzutreten, um die Barren nicht zu erschüttern und sie von ihren Millimeterstütznarben abzuwerfen, fielen wir beide leblos in einen Kohlenhaufen. Leblos ist die richtige Bezeichnung; denn jegliches Leben in uns war für eine halbe Stunde erloschen. Wir bluteten, aber wir fühlten es nicht, unsre Haut war in Streifen und großen Flecken von Armen, Händen, Brust und Rücken abgeschmort, aber wir fühlten es nicht. Wir hatten nicht mehr die Kraft, zu atmen.

Ein Hauch des Lebens kam endlich zurück, und wir hatten den Dampf wieder hochzubringen. Aus den fernsten Winkeln des Schiffes mußte die Kohle geschleppt werden, denn die Kohlenbunker lagen da, wo sie am wenigsten Laderaum wegnehmen konnten. Die Laderäume waren die Hauptsache. Ihretwegen fuhr die Yorikke, ihretwegen fährt jedes Schiff. Die Kohle, das Essen für das Schiff, war Nebensache, wie das Essen für die Mannschaft Nebensache war. Wo ein Winkel frei war, der als Laderaum nicht verwendet werden konnte, da wurde Kohle verbunkert, und da mußte sie weggeschleppt werden. In einer Wache von vier Stunden verbrauchten die neun Feuer der Yorikke mehr als vierzehnhundertfünfzig volle schwere Schaufeln Kohle. Diese vierzehnhundertfünfzig Schaufeln mußten herbeigeschleppt werden. Und das mußte getan werden neben dem Ausschlacken, neben dem Aschfallziehen, neben dem Aschehieven und, in gebenedeiten Wachen, neben dem Rosteeinsetzen.

Das mußte getan werden von nur einem Kohlenschlepp, dem dreckigsten Mann der Mannschaft, dem verachtetsten, der weder Matratze hatte, noch eine Decke, noch ein Kissen, noch einen Teller, noch eine Gabel, noch eine Tasse, mußte getan werden von einem Manne, dem satt zu essen zu geben nicht durchführbar war, weil die Kompanie behauptete, sonst nicht konkurrenzfähig zu sein. Und daß Kompanien konkurrenzfähig sein müssen, darauf achtet sogar der Staat. Dafür achtet er um so weniger darauf, daß die Menschen konkurrenzfähig bleiben. Beide, Kompanien und Arbeiter, können nicht gleichzeitig konkurrenzfähig gemacht werden.

Um vier wurde mein Heizer abgelöst. Ich nicht. Ich ging meine Ablösung, den Stanislaw, um zwanzig vor fünf wecken, zum Aschehieven. Ich mußte ihn aus der Bunk ziehen. Er war wie ein Klotz.

Er war schon lange auf der Yorikke. Er war daran gewöhnt. Wenn jemand, vielleicht der Passagier einer Luxuskabine, durch Neugier getrieben, an dem Kesselschacht vorbeikommt, so ist sein erster Gedanke:

„Wie ist es möglich, daß da Menschen arbeiten können?“

Aber da flüstert ihm sofort der, der immer zur Hand ist und ihm das Leben erträglich macht, ins Ohr: „Das sind die gewöhnt, die merken davon nichts.“

Damit kann man alles entschuldigen, und damit entschuldigt man alles. So wenig wie sich ein Mensch an Lungentuberkulose gewöhnt, so wenig wie er sich daran gewöhnt, dauernd zu hungern, so wenig kann sich ein Mensch daran gewöhnen, etwas zu ertragen, was am ersten Tage körperliche und seelische Qualen bereitet, die man niemand gönnen mag, der Menschenantlitz trägt. Mit der nichtswürdigen Ausrede: „Die sind daran gewöhnt!“ entschuldigt man auch das Auspeitschen der Sklaven.

Stanislaw, ein robuster Bursche, hatte sich nie daran gewöhnt, ich habe mich nie daran gewöhnen können, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der sich an Qualen je gewöhnt hätte. Weder Tiere noch Menschen können sich an Qualen gewöhnen, nicht an körperliche, nicht an seelische. Sie werden nur abgestumpft, und das nennt man Gewöhnung. Doch ich glaube nicht, daß je ein Mensch so abgestumpft werden kann, daß er sich nicht nach Erlösung sehnt, daß er nicht in seinem Herzen den ewigen Schrei trägt: „Ich hoffe, daß mein Befreier kommt!“ Nur der allein hat sich gewöhnt, der nicht mehr hofft. Die Hoffnung der Sklaven ist die Macht der Herren.

„Ist das schon fünf?“ sagte Stanislaw. „Ich habe mich doch soeben erst hingelegt.“ Er war noch so dreckig wie er raufgegangen war. Auch jetzt konnte er sich nicht waschen. Er war zu müde.

„Ich will dir sagen, Stanislaw, ich halte es nicht aus. Ich kann um elf nicht Asche hieven und um zwölf ablösen. Ich gehe über die Reeling.“ Stanislaw saß auf der Bunk, guckte mich verschlafen an, gähnte und sagte: „Tu das nicht. Ich kann nicht deine Wache auch noch machen. Ich mache auch über die Reeling. Gleich hinterher. Nein. Mache ich nicht. Dann schon lieber Pflaumenmus unter den Kessel. Dann geht alles mit und die können keinen mehr fangen. Das ist eigentlich ein Spaß. Das mit Pflaumenmus.“

Der arme Stanislaw war noch ganz im Dusel. Dachte ich.