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Das Totenschiff

Chapter 41: 35
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

35

tanislaw, nun sag mal, warum frißt du denn die Margarine immer so in dich hinein? Hast du denn gar kein Schamgefühl?“

„Was willst du machen, Pippip. Erstens habe ich Hunger, und zweitens kann ich doch nicht meine Lumpen auskochen, den Saft eindicken und dann als Marmelade aufs Brot schmieren. Hab doch weiter nichts aufs Brot. Und immer das trockene Brot hinterwürgen, Mensch, du wirst ja ganz dusselig davon. Kriegst ja Betonfundamente in den Bauch.“

„Du bist schön dumm,“ sagte ich nun, „weißt du, daß wir Marmelade geladen haben?“

„Natürlich weiß ich“, sagte Stanislaw, ruhig weiter kauend.

„Warum machst du denn nicht eine Kiste dicht?“ fragte ich.

„Das ist doch keine Marmelade für uns.“

„Warum denn nicht?“

„Die ist bloß gut für Marokkaner, Spanier und Franzosen und natürlich für die Lieferanten. Aber für uns, für dich und für mich, ist das keine Marmelade. Die kannst du nicht verdauen. Die kannst du nur verdauen, wenn man sie dir in die Rippen pfeffert. Aber dann kriegst du die Lauferei, da läufst du gleich so sehr, daß du deinen Urgroßvater noch einholen und mit ihm zusammen gehen kannst.“

Der wird doch nicht etwa?

Ich platzte gleich raus: „Weißt du denn etwa schon, was da drin ist. Du hast doch nicht etwa –?“

„Nachgesehen? Für was für ein großes Kamel hältst du mich denn eigentlich? Die drei Edlen waren noch beim Skipper in der Kabine und oben wurde noch die Luke dicht gemacht, damit auch ja niemand dran kann, da hatte ich schon eine Kiste auf. Ich brauche doch nur lesen Pflaumenmus oder Marmelade oder Dänische Butter oder Corned Beef oder Ölsardinen oder Schokolade, da bin ich doch auch schon dahinter.“

„Da ist aber tatsächlich Pflaumenmus drin“, erwiderte ich.

„Es ist immer was drin. Aber das kannst du nicht essen. Das schmeckt zu sehr nach Grünspan. Stirbst an Blutvergiftung. Auf der letzten Reise, ehe du raufkamst, da hatten wir Corned Beef. Natürlich auch Blender, aber ich habe gründlich abgehäutet, das kann ich dir sagen. Das war fein. Da war nichts dran. Das war in Pergament gefettet. Manchmal hat man eben Glück. War gute amerikanische Ware. Ging nach Damaskus oder da herum.“

„Wie waren denn die Knochen?“

„Die Knochen? In Corned –? Ach so, die Knochen meinst du. Das waren K’rabben. K–rabben. Karabiner. Made in U. S. A. Feines Modell. Da hat der Skipper schwer Draht gezogen. Da gab es Kognak, Rinderbraten, Huhn und frisches Gemüse. Da mußte nicht nur das Maul, da mußten auch die Glotzen und die Riecher gepflastert werden. Ein französischer Jäger kriegte uns auf, ehe wir raus waren. Die haben geschnüffelt, mit Zigaretten und mit Franken rumgeschmissen. Aber mußten wieder abziehen und dem Skipper Verbeugungen machen.“

„Hat denn keiner für die gewinkten Franken gepfiffen?“

„Bei uns? Auf der Yorikke? Wir sind alle Dreck und haben nichts mehr zu melden. Wir sind tot. Du auch. Na, und sieh mal, jemand anders ins Portemonnaie sehen oder in den Glasschrank gucken oder Kisten aufmachen in einem Schuppen oder auf der Yorikke, dem Zweiten und dem Ersten noch dazu den Hammer an den Schädel feuern, das ist alles Ehrensache. Behältst du immer den Kopf hoch, behältst du immer deinen Murr, deinen Stolz. Aber pfeifen bei der Polizei oder der auch nur mit einem Fingernagel helfen, das ist schäbig. Da kannst du dir nicht mehr in die Augen gucken. Wenn die was wollen, laß sie doch machen. Aber du bist doch ein anständiger Kerl, da putzt man den Burschen nicht die Brillengläser. Ich will lieber auf der Yorikke und mit der Yorikke verrecken, als mit einem Polizisten tauschen.“

Wir lagen auf der Reede an der portugiesischen Küste, um Deckungsgut einzunehmen und die Yorikke zu klären. Die Yorikke war plötzlich in Verdacht gekommen. Deshalb nahm der Skipper nur echtes Gut ein und ließ sehr saubere Deklarierungen gegen die Yorikke laufen, an denen auch nicht ein Pünktchen zu deuteln war. Es war sehr billiges Gut, denn hohes vertraute der Yorikke niemand an. Wer sie kannte, nicht. Aber da gibt es ja so unendlich viel Gut, das an sich keinen besonderen Wert darstellt, aber doch gefahren werden muß und doch wieder zu gut ist, um nur als Ballast zu gehen. Den Wert bekommt dieses Gut erst, wenn es abgeliefert ist.

Nach fünf Uhr des Nachmittags hatten wir nichts mehr zu tun, und die Arbeit begann erst wieder am nächsten Morgen um sieben. Das war die Arbeitszeit, wenn wir auf Reede oder am Kai in einem Hafen lagen. Die Arbeit in diesen Fällen war meist unangenehm, aber doch nicht gar so schwer wie auf der Fahrt.

Hier war es dann, daß wir schon manchmal einige Stunden beieinander sitzen konnten, um in Ruhe zu schwätzen. Ein Schiff ist immer groß genug, daß man irgendwo sitzen kann, ohne daß man sich mit den Ellbogen stößt.

So viele Leute auf der Yorikke waren, so viele Nationen waren auch vertreten. Jede Nation hat ihre Toten, die leben und atmen, aber gegenüber der Nation doch tot für ewig sind. Manche Staaten haben ganz offen ihre Totenschiffe. Diese Totenschiffe nennt man dann Fremdenlegion. Wer sie überlebt, kann vielleicht ein neues Leben damit erkauft haben. Er hat einen neuen Namen erworben, der ihm bestätigt wird, und er hat einen neuen Platz in einer Nation gefunden, als wäre er als Säugling eben hineingeboren.

Alle Kommandos auf der Yorikke wurden in Englisch gegeben, und alle Unterhaltung wurde in englischer Sprache gepflogen, weil sonst eine Verständigung nicht denkbar gewesen wäre. Es war ein höchst merkwürdiges Englisch. Nur der Skipper sprach ein reines, fehlerfreies Englisch. Alle übrigen dagegen sprachen etwas, das mit Englisch nichts zu tun hatte. Es war Yorikkisch. Eine eigne Sprache.

Wie die Sprache klang und aussah, läßt sich nur schwer schildern. Jeder Seemann weiß zwei Dutzend englische Worte. Und jeder weiß drei bis sechs Worte, die der andre nicht weiß, aber von ihm lernt durch das Zusammenleben an Bord, wenn nur Englisch gesprochen wird. Dadurch eignet sich jeder in kurzer Zeit etwa zweihundert Worte an. Zweihundert Worte der englischen Sprache auf diese Weise, aber nur auf diese Weise gelernt und dazu die Zahlen, die Namen der Tage und Monate in Englisch, ermöglichen jedem Menschen, alles das klar und zweifelsfrei auszudrücken, was er innerhalb dieses Kreises sagen will. Ganze Romane kann er mit diesem Sprachschatz erzählen. Er kann natürlich kein englisches Buch lesen und noch viel weniger eine englische Zeitung. Keine andre europäische Sprache kann diesen Vorteil ihren Schülern bieten, sich so leicht und so rasch im Leben verwenden zu lassen.

Ehe ich aber das Yorikkisch verstand und mich in Yorikkisch ausdrücken konnte, vergingen mehrere Tage. Hätte ich Worte und Wortverbindungen so gebraucht, wie ich sie seit meinen ersten nassen Windeln gehört und geplappert hatte, würde mich niemand auf der Yorikke, der Skipper ausgenommen, verstanden haben, und man würde mir kaum geglaubt haben, daß ich Englisch spräche.

Wie war das Yorikkische Englisch entstanden, und wie war das Englisch auf andern Totenschiffen entstanden?

Das Sprachengewirr unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die auf der Yorikke fuhren, machte eine gemeinsame Sprache notwendig. Da jeder, wenn er nur ein paar Wochen fährt, einige englische Brocken weiß und gleich mitbringt, so ergibt sich ganz von selbst das Englisch als Kommando- und Umgangssprache.

Da ist das Wort First-Mate, Erster Offizier, das die meisten wissen, und da ist das Wort Money, das jeder weiß.

Nun aber kommt die lebendige Entwicklung, eine Sprachentwicklung, wie sie sich nicht nur auf der Yorikke zeigte, sondern wie sie sich in ganzen Völkern zeigt und von jeher gezeigt hat.

Mate wird in London-West ganz anders ausgesprochen als in London-Ost, und der Amerikaner spricht achtzig Prozent der Worte anders aus als der Engländer, und sehr viele schreibt er auch ganz anders und verwendet sie in ganz andern Ideenverbindungen.

Der Zimmermann hat das Wort First-Mate nie in England gehört, sondern von einem Schweden, der das Wort von einem Seemann aus London-Ost gehört hatte. Der Schwede konnte es schon selbst nicht richtig aussprechen, außerdem hatte er es noch in dem üblen Petty-coat-lane oder Cockney-Dialekt gehört, den er für die richtige und allein gültige Aussprache halten mußte, weil er ja das Wort von einem Engländer vernommen hatte. Wie das Wort nun von dem Zimmermann ausgesprochen wurde, kann man sich vielleicht vorstellen. Ein Spanier bringt die Aussprache des Wortes Money, ein Däne bringt Coal, ein Holländer Bread, ein Pole Meal, ein Franzose Thunder und ein Deutscher Water.

Das Wort First-Mate läuft durch alle Stadien der Laute, die ein Mensch geben kann: Feist-Moat, Fürst-Meit, Forst-Miet, Fisst-Määt und noch so viel mehr als Leute auf der Yorikke sind. Nach einer kurzen Zeit aber schleifen sich die verschiedenartigen Aussprache-Färbungen gegeneinander ab und es kommt zu einer einheitlichen Aussprache, in der sich alle die Tonfarben wiederfinden in abgeschwächter Form. Wer neu hinzukommt, selbst wenn er genau weiß, wie das Wort richtig ausgesprochen wird, ja selbst wenn er Professor der Phonetik in Oxford wäre, muß das Wort Yorikkisch aussprechen, wenn er zu jemand den Befehl bringen soll, daß der First-Mate ihn zu sehen wünsche, weil der Mann sonst gar nicht wüßte, was man von ihm wolle. Der Professor merkt nach kurzer Zeit gar nicht mehr, daß er die Worte Yorikkisch ausspricht, weil er sie nur in dieser Form hört und sie sich in dieser Form in sein Gedächtnis einprägen. Von den Vokalen bleibt nicht viel an richtiger Aussprache übrig, aber von den Konsonanten bleibt genug übrig, um das Wort nach einigem Hinhören doch zu verstehen. Dadurch bleibt die Sprache immer Englisch in ihrem Skelett und kann auf jedes andre Schiff übertragen werden. Gäbe es keine Buchdruckerkunst, so würde es so viele ganz selbständige Sprachen geben wie es Dialekte gibt. Hätten die Amerikaner nicht die gleiche Schriftsprache wie die Engländer, würde heute die Sprache der beiden Völker ebenso verschieden sein wie die Sprache der Holländer und der Deutschen.

Der Seemann ist, soweit die Sprache in Frage kommt, nie verlegen. An welche Küste er auch geworfen werden mag, er kann sich zurechtfinden und kann sich verständlich machen. Und wer eine Yorikke überwinden und überleben kann, den kann nichts mehr in Schrecken versetzen, für ihn ist nichts unmöglich.