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Das Totenschiff

Chapter 44: 38
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

38

tanislaw mußte doch wieder nach seinem ehrlichen Handwerk sehen, um nicht zu verhungern. Da half nichts. Seine Schuld war es nicht. Arbeit gab es nicht einen Brocken. Alles saugte an der Arbeitslosenunterstützung. Stanislaw machte keinen Versuch, sie mitzunehmen. Ehrliches Handwerk war ihm lieber.

„Es drückt einen so nieder, wenn man immer zwischen Arbeitslosen steht und dort der paar Pfennige wegen halbe Tage in Reih und Glied anstehen und jeden Tag hinlaufen muß. Dann schon lieber Schmalmachen nachts auf der Straße oder aufpassen, ob nicht jemandem die Brieftasche juckt“, sagte Stanislaw. „Meine Schuld ist es nicht. Hätten die mir ein Buch gegeben, als ich das erstemal da war, wäre ich längst fort. Ich kriege schon einen Kasten.“

Auf dem Polizeipräsidium fragte man ihn: „Sie sind in Posen geboren?“

„Ja.“

„Geburtsschein?“

„Hier ist die Quittung vom Einschreibebrief. Schicken keinen.“

„Die Bescheinigung von dem Inspektor in Ihrem Revier genügt mir. Es ist nur die Staatsangehörigkeit. Haben Sie für Deutschland optiert?“

„Ob ich was habe?“

„Ob Sie für Deutschland optiert haben? Ob Sie, als die polnischen Provinzen abgegeben werden mußten, vor einer deutschen zuständigen Behörde die Erklärung persönlich zu Protokoll gegeben haben, daß Sie deutscher Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein“, sagte Stanislaw. „Das habe ich nicht getan. Davon habe ich gar nichts gewußt, daß man das tun müsse. Ich habe geglaubt, wenn ich Deutscher einmal bin und nichts andres werde, daß ich dann auch Deutscher bleibe. Ich war doch in der K. M. und habe Skagerrak mitgekämpft.“

„Damals waren Sie Deutscher. Damals gehörte die Provinz Posen noch zu Deutschland. Wo waren Sie denn, als die Optionen gemacht werden mußten?“

„Auf großer Fahrt. Draußen.“

„Da hätten Sie zu einem deutschen Konsul gehen müssen und dort Ihre Option zu Protokoll geben müssen.“

„Aber ich habe doch gar nichts davon gewußt“, sagte Stanislaw. „Wenn man draußen fährt und hat seine verfluchte schwere Arbeit, dann hat man keine Zeit, an solche dummen Sachen zu denken.“

„Hat Ihnen denn Ihr Kapitän nichts gesagt?“

„Ich fuhr einen Dänen.“

Der Beamte dachte eine Weile nach und sagte dann: „Da ist nichts mehr zu wollen. Sind Sie vermögend? Haben Sie Landbesitz oder Hausbesitz?“

„Nein, ich bin Seemann.“

„Ja, wie gesagt, da ist nichts mehr zu wollen. Alle Fristen, sogar die Versäumungsfristen sind abgelaufen. Und Sie können sich nicht einmal berufen darauf, daß Sie irgendwo durch höhere Gewalt gehindert worden seien, zu optieren. Sie waren nicht schiffbrüchig in irgendeinem Lande, das außerhalb des üblichen Verkehrs liegt. Sie konnten zu jeder Zeit einen deutschen Konsul oder den Konsul einer andern Macht, der uns vertrat, aufsuchen. Die Aufforderung zur Option ist in der ganzen Welt bekanntgemacht worden, und das ist wiederholt geschehen.“

„Wir kommen nicht dazu, Zeitungen zu lesen. Deutsche sieht man nicht, und andre versteht man nicht. Und wenn man eine Zeitung wirklich mal kriegt, da steht es dann nicht drin, weil das nicht in jede Nummer eingesetzt wird.“

„Ich kann nichts machen, Koslowski. Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen ja gerne helfen. Aber ich habe nicht die Vollmachten. Sie können sich noch an das Ministerium wenden. Aber das dauert lange, und ob Sie Erfolg haben, ist noch sehr fraglich. Die Polen kommen uns in keiner Weise entgegen. Warum sollen wir dann ihre Stuben rein fegen. Vielleicht kommt es noch so weit, daß sie in Polen alle, die für Deutschland optiert haben, ausweisen, und dann tun wir das natürlich auch.“

Überall erzählte man dem armen Stanislaw politische Ansichten, anstatt ihm ernsthaft zu helfen. Wenn ein Beamter jemand nicht helfen will, so sagt er, er möchte ja so gerne helfen, aber er habe keine Macht und keine Vollmachten. Wenn man aber laut mit einem Beamten spricht oder ihn nachdenklich ansieht, dann kommt man ins Gefängnis wegen Beleidigung eines Staatsbeamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann ist er plötzlich der Staat selbst, ausgerüstet mit allen Vollmachten und allen Gewalten, sein Bruder spricht das Urteil, und sein andrer Bruder schließt einen in die Zelle oder schlägt einem den Knüppel über den Schädel. Was ist der Wert des Staates, wenn er dir nicht helfen kann in deinen Nöten?

„Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben, Koslowski,“ sagte der Beamte, während er mit dem Stuhle rückte, „gehen Sie zum polnischen Konsul. Sie sind Pole. Der polnische Konsul muß ihnen einen polnischen Paß ausstellen. Dazu ist er verpflichtet. Sie sind in Posen geboren. Wenn Sie den polnischen Paß haben, dann können wir eine Ausnahme hier machen und Ihnen, weil Sie hier ortsansässig sind und auch schon früher hier gewohnt haben, ein deutsches Seemannsbuch ausstellen. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.“

Stanislaw ging am nächsten Tage zum polnischen Konsul.

„Sie sind in Posen geboren?“

„Ja. Meine Eltern wohnen noch da.“

„Haben Sie in Posen oder in einer der Provinzen, die von Deutschland, Rußland oder Österreich abgetreten werden mußten, zur Zeit der Abtretung gewohnt?“

„Nein.“

„Auch nicht zwischen neunzehnhundertzwölf und dem Tage der Abtretung?“

„Nein. Ich fuhr auf See.“

„Was Sie taten und wo Sie fuhren, will ich jetzt noch nicht wissen.“

„Stanislaw, da war der richtige Zeitpunkt, ihn über die Barriere zu ziehen.“

„Weiß ich, Pippip, aber ich wollte doch erst den Paß haben, dann hätte ich ihm eine auf die Nase gesetzt, eine Stunde ehe mein Schiff abging.“

„Haben Sie bei einer polnischen Behörde innerhalb Polens, die hierfür zuständig war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie Pole bleiben wollen?“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren nicht in Posen oder in Westpreußen war.“

„Das ist keine Antwort auf meine klare Frage. Ja oder nein?“

„Nein.“

„Haben Sie vor einem rechtmäßig bestallten polnischen Konsul im Auslande, der ausdrücklich bevollmächtigt war, Willenserklärungen solcherart anzunehmen, persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie polnischer Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein.“

„Was wollen Sie denn dann hier? Sie sind Deutscher. Scheren Sie sich zu den deutschen Behörden und belästigen Sie uns ja nicht mehr.“

Stanislaw erzählte das nicht kochend, sondern mehr traurig, weil er aus Gründen andrer Art dem Konsul nicht seine Meinung nach Seemannsart hatte sagen können.

„Sieh mal einer an,“ sagte ich, „was diese neuen Staaten sich leisten. Das ist schon allerhand. Die werden es noch weit bringen. Du solltest nur mal sehen, wie weit es Amerika auf diesem Gebiete schon gebracht hat, und wie es sich abrackert, es noch viel weiter zu bringen und das muffigste und verstaubteste preußisch-kaiserliche Beamtenhirnchen an Muffigkeit und Beschränktheit zu übertrumpfen. Gehe mal nach Deutschland oder nach Polen oder nach England oder nach Amerika und hilf mal deiner Ella mit Rotwein und Zimt und Nelken aus der Appelsoße, da hast du gleich ein Jahr weg, daß es nur so hagelt. Der Staat darf keinen Menschen verlieren. Wenn du aber ausgewachsen bist, dann will dich keiner haben. Du hast ja kein Vermögen, keinen Landbesitz, keinen Hausbesitz. Da geben die Staaten Millionen an Dollar aus, halten Tausende von Vorträgen, machen Filme und drucken Bücher, damit die Jungen nicht in die Fremdenlegion gehen sollen. Aber wenn ein Junge kommt und hat keinen Paß, geben sie ihm einen Tritt in den Hintern. Dann muß er in die Fremdenlegion oder, was viel schlimmer ist, aufs Totenschiff. Das Volk, das zuerst die Pässe aufheben und den Zustand wieder herbeiführen wird, der vor dem Freiheitskriege war, und der niemand schadete und allen das Leben erleichterte, das Volk, das zuerst diese Tat vollführt, wird den Toten der Totenschiffe das Leben zurückgeben und den Besitzern der Totenschiffe den Spaß verderben.“

„Möglich“, sagte Stanislaw. „Von der Yorikke kommt keiner mehr runter. Wie es heute ist, nicht. Er hat nur eine Aussicht, wenn sie abrutscht, und man rutscht nicht mit ab. Aber so sicher ist das auch nicht, man kann leicht auf einer andern Yorikke landen.“

Stanislaw ging nun wieder zum Polizeipräsidium, Abteilung Staatsangehörigkeit.

„Der polnische Konsul nimmt mich nicht auf.“

„Das war vorauszusehen. Was machen wir nun, Koslowski. Sie müssen doch Papiere haben, sonst kriegen Sie kein Schiff.“

„Sicher, Herr Kommissar.“

„Gut, ich gebe Ihnen eine Bescheinigung, und da gehen Sie morgen früh um zehn zum Paßamt. Ist hier gleich dabei, Zimmer dreihundertvierunddreißig. Da kriegen Sie dann einen Paß. Mit dem Paß holen Sie sich dann Ihr Seemannsbuch.“

Stanislaw war froh, und die Deutschen hatten bewiesen, daß sie Leute waren, die noch am wenigsten Bureaukraten genannt werden konnten. Er ging zum Paßamt, gab seine Bescheinigung ab und seine Photographien, unterschrieb seinen schönen Paß, bezahlte vierzig Trillionen Mark und bekam seinen Paß.

Alles stimmte in dem Paß. Es war ein gutes Papier. Stanislaw hatte nie in seinem ganzen Leben je ein so gutes Papier gehabt. Damit konnte er direkt nach New York fahren, so gut war das Papier. Er hätte nicht einmal nach Ellis Island gebraucht.

Alles stimmte, Name, Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort. Was ist denn das? „Staatenlos.“ Macht nichts, brauche ich nicht. Kriege ein Seemannsbuch. Und das, was bedeutet das? „Nur für das Inland gültig.“ Wahrscheinlich denken die Beamten, daß man auch in der Lüneburger Heide mit Dampfern fahre, oder daß man auf Elbkähnen rudern wolle.

Wieder ein Tag mehr, und Stanislaw ist auf dem Seemannsamt.

„Seefahrtsbuch? Können wir nicht ausstellen. Sie haben ja keine Staatsangehörigkeit. Und die Staatsangehörigkeit, die Heimatsberechtigung ist für das Seefahrtsbuch die Hauptsache, der übrigen Sachen wegen kann man auch mit der Invalidenkarte auskommen.“

„Wie soll ich denn da ein Schiff kriegen? Sagen Sie mir das bloß.“ Stanislaw war zu Ende mit seiner Weisheit.

„Sie haben ja einen Paß, da kriegen Sie jedes Schiff. Es geht ja aus dem Paß hervor, wer Sie sind, was Sie sind, und daß Sie hier in Hamburg wohnen. Sie sind doch ein alter befahrener Mann, Sie kriegen spielend ein Schiff. Kriegen jeden Ausländer, verdienen Sie mehr als auf deutschen Schiffen bei diesem Tiefstand der Mark.“

Stanislaw bekam ein Schiff. Einen schönen Holländer. Gute Heuer. Als der Heuerbas den Paß sah, sagte er: „Feine Sache“, und als der Skipper den Paß sah, sagte er: „Gute Papiere, das habe ich gern; wir wollen jetzt zum Konsul gehen, anmustern und registrieren, Akten verlesen.“

Der Konsul registrierte und trug den Namen Stanislaw Koslowski ein. Dann sagte er: „Seemannsbuch?“

Und Stanislaw antwortete: „Paß.“

„Ebensogut“, erwiderte der Konsul.

„Paß ist ganz neu, hier vom Präsidium, zwei Tage alt. Alles in Ordnung. Der Mann ist gut.“ Das sagte der Skipper und zündete sich eine Zigarre an.

Der Konsul nahm den Paß, blätterte darin herum, nickte wohlgefällig, weil es ein Meisterwerk gutgeölter Bureaukratie war. Solche Dinge behagten dem Konsul.

Plötzlich hielt er inne und erstarrte zu einer Eiskruste.

„Können nicht mustern“, sagte er.

„Was?“ rief Stanislaw.

Und „Was?“ rief der Skipper und ließ vor Erstaunen die Zündholzschachtel auf den Boden fallen.

„Mustere ich nicht an“, sagte der Konsul.

„Warum denn nicht? Ich kenne ja den Beamten vom Präsidium, der die Unterschrift gegeben hat, persönlich.“ Der Kapitän wurde ungeduldig. „Der Paß ist durchaus einwandfrei. Aber ich kann nicht mustern. Er hat ja keine Staatsangehörigkeit“, ereiferte sich der Konsul.

„Das ist mir ganz Wurscht“, sagte darauf der Skipper. „Ich will den Mann haben, mein Erster kennt ihn, und die Schiffe, auf denen der Mann gefahren hat, sind Topp. Solche Leute, wie den hier, will ich um mich haben.“

Der Konsul hatte das Paßbüchlein zugeklappt und patschte sich damit auf die offne linke Hand.

Er sagte nun: „Sie wollen den Mann gern haben, Herr Kapitän? Wollen Sie ihn adoptieren?“

„Unsinn!“ bellte der Skipper.

„Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung dafür, daß Sie den Mann wieder loswerden können?“

„Verstehe ich nicht“, brummte der Skipper.

„Der Mann darf in keinem Lande landen. Er darf an Land gehen, solange das Schiff im Hafen liegt. Wenn das Schiff fort ist, und er wird aufgegriffen, hat die Kompanie oder Sie, Kapitän, den Mann wieder aus dem Lande herauszubringen. Wo wollen Sie ihn hinbringen?“

„Er kann doch hier nach Hamburg jederzeit zurück“, sagte der Skipper.

„Kann. Kann. Nein, er kann nicht. Deutschland kann seine Aufnahme verweigern und gibt ihn der Kompanie zurück oder Ihnen. Deutschland braucht ihn nicht mehr aufzunehmen, sobald er auch nur die Grenze übertreten hat. Er hat einen Weg. Er kann sich eine Bescheinigung verschaffen, daß er jederzeit nah Hamburg oder Deutschland zurück dürfe und da wohnen darf. Aber eine solche Bescheinigung kann nur das Ministerium ausstellen, und das Ministerium wird es kaum so ohne weiteres tun, weil diese Bescheinigung gleichbedeutend ist mit deutscher Staatsbürgerschaft. Und dann kommt es wieder zu dem Ausgangspunkt zurück. Könnte er eine Staatsbürgerschaft erwerben, dann hätte er sie, er ist ja Deutscher, ist in Posen geboren. Aber weder Deutschland, noch Polen erkennen ihn an. Nur wenn Sie oder Ihre Kompanie volle Verantwortung für den Mann übernehmen –“

„Wie kann ich denn das?“ rief der Kapitän unwillig aus.

„Dann kann ich den Mann nicht anmustern“, sagte der Konsul ruhig, strich den Namen aus dem Buche wieder aus und händigte Stanislaw den Paß ein.

„Hören Sie,“ der Skipper drehte sich noch einmal um und sagte zu dem Konsul, „hören Sie, können Sie denn keine Ausnahme machen? Ich möchte den Mann gern haben. Er ist ein vorzüglicher Rudermann.“

„Tut mir leid, Kapitän, dazu reichen meine Vollmachten nicht aus. Ich habe mich an meine Vorschriften zu halten. Ich bin nur ein Diener.“

Der Konsul hob die Schultern hoch bis zu den Ohren, als er das sagte, seine Arme gingen mit hoch, und die Unterarme hingen nun rechtwinklig und wackelnd im Ellbogengelenk. Das sah aus, als ob man ihm die Flügel gerupft und gestutzt hätte.

„Verfluchter Schietkram, verfluchter“, schrie der Skipper, warf seine Zigarre wütend auf den Fußboden, trampelte wie wild darauf rum, ging zur Tür und warf die Tür krachend zu.

Draußen auf dem Korridor stand Stanislaw.

„Was mache ich denn bloß mit dir, Junge“, sagte der alte Skipper. „Ich möchte dich ja so gerne mitnehmen. Aber nun kannst du nicht mal mehr Notmusterung machen, der Konsul kennt deinen Namen. Da hast du zwei Gulden, mach’ dir einen vergnügten Abend. Muß mich nach einem andern A. B. umsehen.“

Skipper und schöner Holländer waren weg.