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Das Totenschiff

Chapter 46: 40
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

40

aul war nicht der einzige Schlepp, den die Yorikke verschluckt und verdaut hat, während Stanislaw drauf war. Da war der Kurt, ein Junge von Memel, auch nicht optiert. Zu der Zeit trieb er sich in Australien herum, wurde aber nie erwischt, um interniert zu werden. Schließlich kriegte er namenloses Heimweh und mußte nach Deutschland. Irgendwo in Australien hatte er was ausgefressen. Eine Streikbrechergeschichte mit Streikbrecherverholzen, und einer von diesen Lumpen war liegengeblieben und nicht mehr aufgestanden. Kurt konnte nicht zum Konsul gehen, um auf treuem Wege wegzukommen, denn wenn es sich um Streik handelt oder um Geschichten, die nach Kommunismus riechen, dann bocken die Konsuln gleich alle zusammen, auch wenn sie ein paar Monate vorher sich noch anspucken wollten. Der Konsul hätte ihn sicher der Polizei verwinkt, und Kurt hätte seine zwanzig Jahre machen müssen. Ein Konsul ist immer auf seiten des Staatsgedankens. Des Staatsgedankens, dieses großen erlauchten Wortes, das nichts als Unfug stiftet und die Menschen zu Nummern macht. Und diese Staatsidee ist so stark in den Konsuln entwickelt, daß sie zugunsten der Staatsidee ihre eignen Söhne verkaufen, nur damit der Staat recht behalten kann. Streik ist ja gegen den Staat gerichtet. Manchmal, wenn er ein treuer und nicht ein geschobener Streik ist.

Es gelang Kurt, ohne Papiere bis nach England zu kommen. Aber England ist eine böse Sache. Eine Insel ist immer bös. Man kann rauf, aber nicht mehr runter. Kurt konnte nicht mehr runter. Er mußte zum Konsul. Der Konsul wollte wissen, warum er von Brisbane in Australien fort sei, warum er dort nicht den deutschen Konsul aufgesucht habe, und warum er auf illegalen Wegen nach England gekommen sei.

Kurt konnte das nicht erzählen und wollte es auch nicht erzählen, weil ja England für ihn auch nicht sicherer war als Australien. Die Engländer hätten ihn sofort an Australien zur Aburteilung ausgeliefert.

Auf dem Konsulat in London oder in Southampton oder in welcher Stadt in England es sein mochte, bekam Kurt in dem Bureau des Konsuls, wo alles an die Heimat erinnerte, ein so übermächtiges Heimwehgefühl, daß er bitterlich zu weinen anfing. Darauf schrie ihn der Konsul an, er möge hier kein Theater machen, sonst schmisse er ihn raus, solche Vagabunden kenne er schon zur Genüge. Kurt gab ihm die einzige richtige Antwort, die ein echter Junge für solche Gelegenheiten auf Lager hält, und um der Einladung den gehörigen Nachdruck zu verleihen, ergriff er einen Sandstreuer oder was es war und feuerte es dem Konsul an den Kopf. Der fing gleich an zu bluten und an zu schreien, aber Kurt war raus wie der Teufel.

Er hätte sich den Weg zum Konsul sparen können, denn da er von Memel war und nicht optiert hatte, konnte ihm der Konsul ja doch nicht helfen. Dazu reichten dessen Vollmachten nicht aus. Wie gewöhnlich. Er war ja nur Diener des Götzen.

Dadurch war Kurt nun endgültig tot und konnte die Heimat nicht wiedersehen. Es war ihm ja durch eine Amtsperson bestätigt worden, daß sein Heimweh nur Theater war. Was weiß eine Amtsperson davon, daß ein Vagabund, ein zerlumpter Weltherumtreiber auch Heimweh bekommen kann? Solche Gefühle sind nur denen vorbehalten, die weiße Wäsche haben und jeden Tag ein reines Taschentuch aus der Kommode nehmen können. Yes, Sir.

Ich habe kein Heimweh. Ich habe gelernt, daß das, was Heimat, was Vaterland sein sollte, eingepökelt und in Aktenmappen eingeheftet ist, daß es in Gestalt von Staatsbeamten repräsentiert wird, die einem das treue Heimatsgefühl so sicher austreiben, daß nicht eine Spur davon mehr übrigbleibt. Wo meine Heimat ist? Da, wo ich bin und wo mich niemand stört, niemand wissen will, wer ich bin, niemand wissen will, was ich tu, niemand wissen will, woher ich gekommen bin, da ist meine Heimat, da ist mein Vaterland.

Der Junge von Memel kriegte einen Spanier und kam schließlich auf die Yorikke als Schlepp.

Schutzvorrichtungen gab es auf der Yorikke nicht, erstens kosten sie Geld und zweitens hindern sie an der Arbeit. Ein Totenschiff ist keine Kleinkinderbewahranstalt. Mach die Augen auf, und wenn was abgeht, so ist das nur faules Fleisch oder ein fauler Finger, der doch nicht arbeiten wollte.

Das Wasserstandglas an den Kesseln hatte weder ein Schutzglas, noch ein Drahtgitter. Eines Tages platzte es, als Kurt auf Wache war. Es war auch kein Langhebel dran, wodurch das Rohr, das zum Wasserstandglas führte, von einem sicheren Platz aus hätte abgedrosselt werden können. Das kochende Wasser strahlte heraus, und der Kesselraum war in dichten heißen Dampf gehüllt.

Das Rohr mußte abgedrosselt werden. Mußte gemacht werden. Aber der Drosselhahn war direkt unter dem gebrochenen Glas, zwei Zoll von der Strahlöffnung entfernt. Es mußte abgedrosselt werden, sonst lag der Eimer einen halben Tag fest, und wenn schweres Wetter aufkam, konnte das Schiff nicht manövrieren und wurde gepfeffert, daß kein Splitter mehr heil blieb.

Wer drosselt ab? Der Schlepp natürlich. Der Vagabund opferte sein Leben, damit Yorikke manövrierfähig blieb und erst dann zu den Fischen ging, wenn es befohlen wurde.

Und Kurt drosselte ab. Dann brach er zusammen und wurde von dem Ingenieur und dem Heizer in seine Bunk getragen.

„So etwas von Schreien“, erzählte mir Stanislaw, „kannst du dir nicht denken. Auf dem Rücken konnte er nicht liegen und nicht auf dem Bauche und nicht auf den Seiten. Die Haut hing ihm in Fetzen herunter wie ein zerrissenes Hemd, alles Blasen und Blasen, dick wie ein Kopf, und eine neben der andern. Hätte man ihn in ein Hospital gebracht, ich weiß ja nicht, vielleicht hätte man ihm helfen können mit Hauteinsetzen. Aber man hätte schon eine ganze Kalbshaut gebrauchen müssen, um ihn wieder zurechtzuflicken. Und geschrien und geschrien und geschrien! Ich wünsche nur, daß der Konsul ihn im Schlafe gehört hätte, er wäre den Schrei nicht mehr los geworden. Die sitzen am Tisch und schreiben Formulare voll. Hundert Meilen hinter der Front des nackten Lebens.

Tapferkeit im Kriege? Quatsch! Tapferkeit auf dem Felde der Arbeit. Aber da kriegst du keinen Orden. Da bist du kein Held. Er hat sich totgeschrien. Abends kam er über Bord, der Junge von Memel. Na, Pippip, ich muß die Kappe abnehmen, guck mich nicht so an. Da mußt du Präsentiert das Gewehr! machen. Kannst nicht anders. Über Bord, mit einem Klumpen Kohle am Bein. Sah aus wie ein Sträfling. Der Zweite Ingenieur sah hinterdrein und sagte dann: „Verfluchte Geschichte, jetzt haben wir wieder keinen Schlepp.“ Das war alles, was er sagte. Und gerade er war der Mann, der es hätte machen müssen; denn es war eine Reparatur, und solche Reparaturen gehen den Schlepp gar nichts an. Ja, das war der Kurt. Steht auch nicht im Journal. Der Zweite Ingenieur steht drin. Der Koch hat es gesehen, als er Seife stehlen ging in die Kabine vom Skipper. Na, was sich unsereiner dafür schon kauft.“