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Mit den übrigen Mannschaften redete ich sehr wenig. Sie waren meist brummig, übelgelaunt und schläfrig, wenn sie nicht besoffen waren, was in jedem Hafen vorkam. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so waren es eigentlich sie, die nicht mit uns redeten. Ich war ja nur Schlepp, ich und der Stanislaw. Und der Schlepp ist ja nicht, bei weitem nicht so viel wie ein A. B., nicht einmal so viel wie ein Deckarbeiter. Das sind alles Herren im Vergleich zum Schlepp. Der Schlepp wühlt im Dreck und in der Asche und ist erst recht Dreck und Asche. An ihm kann man sich ja die Finger dreckig machen. Und nun gar erst der Zimmermann oder gar, um noch höher zu gehen, der Bootsmann. Denen gegenüber ist man nur ein Würmchen. Niemand versteht es so gut, feine und allerfeinste Rangunterschiede zu machen wie der Arbeiter.
Nun erst in der Fabrik. Der die Schrauben drehen darf, tausendweise, alle nach Schablone, was ist der für ein großer Mann gegenüber dem, der die Schrauben in einem Korbe wegschleppen muß. Und der die Schrauben wegschleppen darf, was ist der für eine unerreichbare Größe gegenüber dem, der die Säle ausfegen darf. Und der, der ausfegen darf, wirft sich in die Brust und sagt: „Ach der, der sucht ja bloß den Dreck durch, der muß ja die Messingspäne aussuchen, mit dem kann ich doch nicht verkehren. Wie sieht denn das aus?“
Unter den Toten hört der Rangunterschied nicht auf. Er wird noch größer beinahe. Wer da hinten an der Mauer nur gerade so verscharrt ist, weil er ja irgendwo liegen muß, der ist nichts. Der in einem Tannensarg begraben wird, ist schon mehr. Nachts, wenn sie tanzen, guckt er den Verscharrten mit keiner Miene an, sondern sieht sehnsüchtig rüber zu denen, die mit ihrem Eichensarg tanzen. Zu denen, die mit einem Metallsarg mit goldenen Ecken gravitätisch herumwandern, wagt er gar nicht aufzusehen; das würden die sich auch sehr verbitten. Damit man das alles gleich von vornherein klarstellen kann, darum werden ja die einen in Metallsärgen mit vergoldeten Ecken begraben und die andern in einer viereckigen Holzkiste in einem Winkel verscharrt. Erst die Würmer und die Maden, diese revolutionären Aufräumer und Umwälzer, die machen sich nichts aus Rangunterschieden. Die sind alle gleich weiß und alle gleich groß und sie wollen fressen; und das Fressen nehmen sie sich, wo sie es kriegen, sie holen es sich aus dem Metallsarg mit vergoldeten Ecken ebenso rasch wie aus der Kiste.
Der Herr Zimmermann und der Herr Bootsmann und der Herr Donkeyman waren Petty-Offiziere, Unteroffiziere. Sie waren genau so dreckig wie wir, waren auch nicht länger befahren als wir, waren für den geregelten Gang der Yorikke viel weniger wichtig als wir, aber die Schlepps mußten den Herrn Donkeyman bedienen. Mußten ihm das Essen aus der Galley holen, auf den Tisch stellen und wieder abservieren. Damit der Rangunterschied gewahrt blieb. Der Donkeyman ist der Wintschenmaschinist, und wenn das Schiff im Hafen liegt und die Heizer und Schlepps haben Tagarbeit, dann muß er die Kessel heizen, auch des Nachts. Auf der Fahrt murkst er im Wege herum, putzt an den Maschinen hier ein wenig, dort schmiert er ein Lager, dann muß er einen Selbstöler auseinandernehmen und auswaschen und dann wieder da ein wenig Dreck wegnehmen und ihn hier hinlegen. Dafür braucht er nicht in den großen Quartieren schlafen, sondern in kleinen, wo nur zwei oder drei Bunks sind, und dafür bekommt er Sonntag Grießpudding mit Himbeersaft und in der Woche zweimal Backpflaumen in blauer Stärke, während wir keinen Pudding am Sonntag und nur einmal in der Woche Backpflaumen in blauer Stärke fassen. Wenn wir aber zweimal Backpflaumen kriegen mit versteinertem Salzfisch, dann bekommt er dreimal Backpflaumen. Er, der Bootsmann, der Zimmermann, die Unteroffiziere. Dafür hat er hinter uns her zu sein und aufzupassen, daß wir nicht etwa einen Kesselbunker aufschrauben, wenn schweres Wetter ist und die Achterbunker noch ein paar Kilogramm haben. Was würde Cäsar mit seinen Armeen machen, wenn er keine Unteroffiziere hätte, die auf der ersten Sprosse der Leiter zum Generalfeldmarschall stehen? Unteroffiziere, die von oben kommen, sind nicht zu gebrauchen; sie müssen von unten kommen, gestern noch geprügelt worden sein, dann sind sie gut zu gebrauchen, die können am besten prügeln.
Dann kamen die A. B.s und dann die Deckarbeiter. Stanislaw konnte mehr als alle drei A. B.s zusammen, aber er war nur Dreck. Sie hätten sich erst wohlgefühlt, wenn angeordnet worden wäre, daß die Schlepps, wenn sie an dem Donkeyman vorbeigehen wollten, zu fragen hätten, ob es ihnen auch erlaubt sei, an ihm vorbeizugehen.
Dennoch waren sie alle Tote, und dennoch waren sie alle auf dem Wege zu den Fischen.
Soweit das Erhabenheitsgefühl bei ihnen nicht verletzt wurde, konnte man mit ihnen umgehen, und sie fühlten sich durchaus im gleichen Schiethaufen mit uns. Die weniger Befahrenen unter den Deckarbeitern waren noch zu unsicher unter uns alten Seehunden, um irgendwelchen Sprossensinn uns gegenüber zu entwickeln. Mit der Zeit kam dann doch ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das seinen Grund in der uns allen gemeinsamen Schicksalslage hatte. Wir alle waren Verwehte, wenn es auch keiner für sich zugeben wollte und immer noch auf ein Entspringen hoffte. Uns allen drohte das gleiche Schicksal der Gladiatorenopferung, was wir alle wußten, ohne es offen auszusprechen. Seeleute sprechen nicht von Schiffbruch und nicht von Untergang, das ist nicht gut. Lockt nur den Gast aufs Schiff. Aber gerade dieses wartende Wissen, dieses bebende Zählen der Tage von einem Hafen zum andern, dieses verhaltene Nichtaussprechen der Tatsache, daß, wie lange es auch immer dauern möge, wir doch mit jedem Tage näher und sicherer dem letzten Tage kommen, wo es um den brutalen Kampf, ums nackte Leben gehen würde, knüpfte uns mit einem merkwürdigen Band zusammen.
Es ging nie einer allein in den Hafen, immer zu zweien oder dreien. Seeräuber konnten nicht ein Viertel so schlimm aussehen wie wir. Wir kamen nie in Händel mit den Mannschaften andrer Schiffe. Zum Teil waren wir ihnen zu dreckig und zu zerlumpt, zum Teil hakten sie nicht ein. Wir konnten sagen, was wir wollten, sie taten, als hörten sie es nicht, tranken ihren Wein aus oder ihren Schnaps und gingen ihrer Wege. Sie waren die ehrliche Arbeiterklasse, der vierte Stand; wir waren der fünfte, der noch lange nicht dran ist, solange nicht der vierte erst einmal an der Krippe sitzt. Vielleicht waren wir gar der sechste und hatten noch ein paar Jahrhunderte zu warten.
Die vom vierten, dem ehrlichen Stand, ließen sich auch darum nicht mit uns ein, weil sie uns für Desperados hielten. Das waren wir ja auch. Uns war alles gleichgültig. Was immer auch geschah, es konnte uns nichts Schlimmeres geschehen. Also los, weg mit ihm.
Wenn wir in eine Seemannskneipe kamen, war der Wirt immer ängstlich darauf bedacht, uns nur ja recht schnell heraus zu haben, obgleich wir alles über die Kante hauten, was wir in der Tasche hatten oder im Munde, weil die Taschen zerrissen waren, oder auch im Mützenleder, wenn es noch vorhanden war. Wir waren gute Kunden, aber solange wir in der Taverne waren, ließ der Wirt kein Auge von uns und beobachtete jeden Schritt und jeden Blick. Schien es ihm, daß einer mit den Augen zuckte und einen vom ehrlichen Stand zu deutlich anguckte, ging der Wirt sofort zu dem Manne hin, der angeguckt worden war, und bearbeitete ihn, daß er das Lokal verließe. Er mußte ihn ja vorsichtig und zart behandeln, denn hätte der Betreffende gemerkt, was los war, so hätte er vielleicht doch einmal gelippt, und dann war die Appelsoße im Gange.
Wahrscheinlich hatte sich mit der Zeit durch die übermäßige Arbeit, die wir zu leisten hatten, durch die seltsame, verlorene Lage, in der wir uns alle befanden, durch die unaufhörliche Spannung vor dem krachenden Schrei der aufgebrannten Yorikke, die nicht zu den Fischen wollte, in unsre Gesichter etwas eingegraben, das alle Menschen, die nicht auf der Yorikke fuhren, mit unsagbarem Grauen erfüllte. Es mußte etwas in unsern Gesichtern und in unsern Augen liegen, das Frauen manchmal erbleichen und aufschreien machte, wenn wir unerwartet in ihren Gesichtskreis traten. Selbst Männer sahen uns scheu an und drehten und wendeten sich, um einen andern Weg zu machen, damit sie nicht an uns vorbei brauchten. Die Polizei folgte uns mit den Augen, solange sie auch nur ein Zipfelchen von uns sah. Merkwürdig war es mit Kindern. Manche fingen an zu schreien, wenn sie uns sahen, und liefen fort wie gehetzt, manche wieder blieben stehen, rissen die Augen weit auf, wenn wir vorüber kamen, manche wieder folgten uns atemlos, als hätten sie Traumgestalten verwirklicht gesehen, und manche, und das war recht seltsam, kamen auf uns zu, gaben uns die Hand, lachten uns an und sagten: „Guten Tag, Mann!“ oder „Guten Tag, Seemann!“ oder so etwas. Unter denen, die uns die Hand gaben, waren aber wieder einige, die, nachdem sie uns die Hand gegeben hatten, aufblickten mit großen Augen, uns mit offnem Munde anstarrten, dann plötzlich wegrannten und sich nicht mehr umdrehten.
Waren wir so tot, daß die Kinderseele den Tod in uns sah und fühlte? Waren wir den Kindern erschienen, als sie noch unter dem Herzen ihrer Mütter träumten? Schlang sich ein geheimnisvolles Band um uns Fortgehende und Totgeweihte und um die Kinderseelen, die gerade über die Schwelle des Lebens getreten sind und noch den Schatten des unbekannten Reiches im Bewußtsein tragen? Wir die Gehenden – sie die Kommenden, die Verwandtschaft lag im Gegensatz.
Richtig sauber gewaschen waren wir nie. Mit Sand und Asche kann man sich nicht sauber waschen. Wenn man in einem Hafen dachte, daß man ja auch Seife haben wollte, war das Geld schon weg für andre Dinge, die einem auch wichtig erschienen, Wein und Gesang und alles das übrige. Singen konnten wir auch. Es war ein Grölen und Heulen, aber niemand rief vom Fenster hinunter, daß wir ruhig sein sollten. Sie hüteten sich. Die Polizei hörte nichts und sah nichts.
Manchmal kauften wir ja auch ein Stück Seife, aber man hatte es nur einen Tag. Dann war es weg für immer. Man kann doch nicht die Seife den ganzen Tag im Munde halten, um sie zu schützen. Und weil man das Geld auch nicht dauernd im Munde halten konnte und es auch nicht gestohlen haben wollte und sich dann noch ärgern mußte, gab man es aus. Das einfachste Ding von der Welt.
Es kam vor, daß wir uns rasieren ließen, wenn wir daran dachten, solange wir noch Geld hatten, oder wenn wir zufällig in eine Schaufensterscheibe guckten und uns selber nicht mehr kannten. Denn einen Spiegel hatten wir nicht. Das war gut, so wußte keiner, wie er selbst aussah im Gesicht. Es war ja immer der andre, der so fürchterlich aussah, daß die Frauen aufschrien und sich in den Häusern versteckten. Nicht rasiert, das Gesicht rot und verschrammt von dem Sand und der Asche, die nackten Arme voll Brandnarben und die Kleidung versengt, verbrannt, zerrissen, verlumpt.
Nach einem englischen, französischen, deutschen, dänischen oder holländischen Hafen gingen wir nie. Da hatten wir nichts zu suchen. Immer an den Küsten Afrikas oder Syriens. Nur selten gingen wir in Spanien oder Portugal an einen Kai, meist blieben wir draußen auf der Reede liegen und nahmen die Ladung von Leichtern und von Booten über. Der Skipper mochte wohl wissen, warum er in manchen Häfen nicht an den Kai ging, sondern sich auf Reede vor Anker legte. Dann signalisierte er nach einem Boot und fuhr hinein zum Hafen, um die Papiere in Ordnung zu bringen beim Konsul oder bei den Hafenbehörden.
Wir gingen unsre eignen Wege. Es gibt keine Totenschiffe. Das sind Dinge der Vorkriegszeit. Es gibt keine, weil man sie in einem Hafen, in einem bekannten Hafen nicht sieht. Sie sind da draußen in der Ferne, wo jede Bucht ein Hafen ist, wenn ein Schuppen hingebaut wird. In den chinesischen Gewässern, in den indischen, in den persischen, den malaiischen, an den Küsten des südlichen und östlichen Mittelmeeres, an den Küsten Madagaskars, an den Westküsten und Ostküsten Afrikas, an den Küsten Südamerikas, in der Südsee. Platz genug für alle und für ein paar Tausend mehr. Sowenig wie man je alle Vagabunden von den Landstraßen der Erde wird vertreiben können, weil ja auch ganz anständige Leute darunter sein mögen, die eben gerade nur mal knapp bei Gelde sind, ebensowenig wird man die Totenschiffe von den sieben Meeren vertreiben können. Wer sie suchen wollte, findet sie nicht. Es gibt ja dreimal mehr Wasser auf der Erde als Land; und wo Wasser ist, da ist auch eine Straße für ein Schiff, aber wo Land ist, da ist noch lange nicht eine Straße für einen Vagabunden.
Die Yorikke hätte nie jemand gefunden. Sie hatte einen Skipper, der sich aufs Handwerk verstand. Er konnte mit Fürsten umgehen, sie würden ihn für ihresgleichen gehalten haben. Kam jemand irgendetwas verdächtig vor, er schlug die Geschicktesten. Seine Papiere waren immer in Ordnung, soweit sie sich auf die Yorikke und auf ihren Mageninhalt bezogen. Kein zehnmal konzessionierter und überwachter Postdampfer konnte bessere Papiere zeigen. Und das Journal? Es stimmte auf die Minute.
Da kam mal ein spanisches Kriegsboot auf, als wir noch innerhalb der Seegrenze waren. Das Boot suchte. Jedes Kind wußte, daß Corned Beef mit Knochen ein gutes Geschäft ist.
Das Boot signalisierte, aber der Skipper pfiff drauf. Dann feuerte das Boot den Stopper. Und Yorikke stoppte. Es hatte nicht mehr gelangt. Sie war noch drin. Na, solche Boote machen sich ja nichts draus. Sie versuchen auch außerhalb der Grenze zu picken. Der Skipper muß vor Gericht beweisen, daß er nicht mehr drin war, sondern schon anderthalb Seemeilen raus. Soll er mal beweisen, das ist nicht so einfach. Es steht kein Grenzpfahl im Wasser. Die Rumjäger in den States kennen überhaupt keine Seegrenze. Manchmal glückt es dem Skipper aber doch, zu beweisen, daß er raus war. Na, dann wird eben bezahlt. Und eine halbe Stunde drauf wird es woanders schon wieder versucht. Nur der Mensch, der kleine, der muß das Gesetz achten, der Staat braucht das nicht. Er ist die Allmacht. Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral. Er mordet, wenn er es für gut befindet, er stiehlt, wenn er es für gut befindet; er raubt die Kinder von den Müttern, wenn er es für gut befindet; er zerbricht die Ehen, wenn er es für gut befindet. Er tut, was er will. Für ihn gibt es keinen Gott im Himmel, an den zu glauben er den Menschen bei Leib- und Lebensstrafe zwingt, für ihn gibt es keine Gebote Gottes, die er den Kindern mit dem Knüppel einbläuen läßt. Er macht sich seine Gebote selbst, denn er ist der Allmächtige und der Allwissende und der Allgegenwärtige. Er macht sich die Gebote selbst, und wenn sie ihm eine Stunde darauf nicht mehr zusagen, übertritt er sie selbst. Er hat keinen Richter über sich, der ihn zur Rechenschaft zieht, und wenn der Mensch anfängt, mißtrauisch zu werden, dann fuchtelt er ihm mit der Flagge Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra vor den Augen herum, daß der Mensch ganz duselig wird, und brüllt ihm ins Ohr: „Haus und Herd – Weib und Kind“ und bläst ihm in die Nasenlöcher den Rauch: Blick auf deine ruhmreiche Vergangenheit. Und dann plappern die Menschen alles nach, weil der Allmächtige sie in ausdauernder Arbeit zu Maschinen und Automaten gemacht hat, die ihre Arme, Beine, Augen, Lippen, Herzen und Gehirnzellen genau so bewegen, wie es der allmächtige Staat haben will. Das hat nicht einmal der allmächtige Gott zuwege gebracht, und der konnte doch auch etwas. Aber diesem Ungeheuer gegenüber ist er nur ein armer Stümper. Seine Menschen handelten ganz selbständig, sobald sie erst einmal ihre Arme und Beine bewegen konnten. Sie liefen ihm davon, achteten seine Gebote nicht, sündigten wie toll und setzten ihn endlich ab. Bei dem neuen allmächtigen Gott haben sie es schwerer, weil er noch zu jung ist, und weil sie noch nicht wagen, ihm auf die Füße zu treten und den Apfel vom Baume zu reißen.
Wir stoppten. Blieb uns ja nichts andres übrig. Er hätte uns sonst hochgeblasen. Und dann kamen sie rauf.
„Möchten die Papiere sehen. Ja, danke, die sind in Ordnung. Wir dürfen doch wohl einmal überprüfen. Wir halten Sie nicht auf. Ein paar Minuten nur.“
„Bitte, bitte, meine Herren, aber nicht zu lange. Ich habe Verspätung, oder ich muß Ihre Regierung haftbar machen.“ Der Skipper lacht. Wie der Mann zu lachen verstand. Mit seinem Lachen, das so halb ironisch, so halb ungemein lustig war, leerte er alles aus, was da noch verdächtig sein konnte.
Die guten Leute hatten etwas von Corned Beef mit Knochen vernommen. Wie Ameisen krochen sie in dem Laderaum herum und suchten Corned Beef von Chikago. Und der Skipper lachte und lachte.
Es war kein Corned Beef da. In der Galley waren ein paar Büchsen. Zum Hausgebrauch für das Mitschiff.
Aber da war Kakao. Holländischer, garantiert reiner, entölter, Van Houtens. Kisten und Kisten voll. Aller Kakao in Blechbüchsen. Damit das Aroma nicht verlorengeht.
Der Untersuchungsoffizier tippte auf eine Kiste, die ganz mitten drin lag. Die Kiste kam hoch. Er lief sie öffnen.
Und der Skipper lachte. Und der Offizier wurde nervös. Er wollte es nicht merken lassen, aber er konnte es nicht verbergen. Das Lachen machte ihn halbverrückt.
Schöne große Büchsen. Alle mit Etiketten verklebt. Der Skipper trat an die Kiste, nahm eine Blechbüchse heraus und reichte sie dem Offizier zu, während er seinem Lachen einen ganz unterstrichnen sarkastischen Ton gab. Der Offizier sah den Skipper an, dann sah er die Büchse an und nun trat er mit einem schneidigen Schritt auf die offene Kiste zu und nahm sich selbst eine Büchse heraus, gleich neben der Lücke. Er riß das Etikett hastig ab und öffnete die Büchse. – Kakao.
Der Skipper schüttelte sich vor Lachen.
Plötzlich fiel dem Offizier wieder das Corned Beef mit Knochen ein und er schüttele den Kakao aus der Büchse völlig aus.
Kakao. Da war nichts andres drin. Nichts als garantiert reiner entölter Van Houtens Kakao.
Aber der Offizier, zitternd vor Nervosität, nahm jetzt dem Skipper die Büchse aus der Hand, riß das Etikett ab, hob den Blechdeckel ab und da war – Kakao. Er steckte den Deckel wieder auf und gab die Büchse dem Skipper mit einem „Danke!“ zurück.
Was in dem Skipper vorging, als ihm der Offizier die Büchse aus der Hand nahm, weiß nur er allein. Aber er lachte, daß man es drüben auf dem Kriegsboot, das beigedreht hatte, hören konnte.
Der Offizier entschuldigte sich, gab das Revisionsdokument, in das er das Zeichen der geöffneten Kiste einschrieb mit der Quittung für die beiden verdorbenen Büchsen Kakao, stieg mit seinen Leuten in die Schaluppe und setzte ab zu seinem Boot.
Als er abstieß, rief der Skipper rüber zur Galley: „Koch, heute abend Kakao für die Mannschaft und Rosinenstollen.“
Dann ging er näher zur Kiste, suchte eine Weile herum, bis er fand, was er haben wollte, nahm die gewünschte Büchse heraus und übergab sie dem Koch. Dann ließ er die Kiste wieder zunageln und verstauen.
Ich hatte auf Deck gestanden, als dies geschah. Und da man Gelegenheiten nie verpassen soll, so machte ich mich nachts gleich daran, ein paar Blechbüchsen Kakao flottzumachen. Im nächsten Hafen brachten sie immer ein paar Schillinge ein, oder man konnte sie für Tabak eintauschen.
Fünf zog ich ab und verstaute sie im Bunker.
Bei der Ablösung sagte ich zu Stanislaw: „Hast du schon mal an den Kakao gedacht? Ehrliches Handwerk. Ein paar Schillinge sind drin.“
„Da ist kein Schilling drin. Wenn es Kakao wäre. Aber es sind ja Kakaobohnen, und wenn du nicht die passenden Kakaomühlen dazu verkaufen kannst, kriegst du nicht einen roten Penny dafür.“
Das kam mir verdächtig vor. Stanislaw hatte also schon an das Handwerk gedacht. Wahrscheinlich schon eine Kiste aufgehabt, als die zweite noch am Lademast hing.
Ich kletterte sofort rauf in den Bunker und machte eine Büchse auf. Stanislaw hatte recht. Es waren Kakaobohnen. Sehr harte, mit Messinghülsen. In der zweiten Büchse, dasselbe. In der dritten, vierten, fünften: dasselbe. Ich machte sie wieder schön zu und packte sie zurück in die Kisten. Für arabische und marokkanische Kakaobohnen hatte ich kein Interesse; die passenden Mühlen, falls wir sie an Bord hatten, hätte ich ja doch nicht sicher heruntergekriegt.
Nur der Skipper war fähig, Kakaobohnen in Kakaopulver zu verwandeln. Er konnte es auf zwei Arten. Er konnte das Wunder vollbringen dadurch, daß er die Blechbüchse in der Kiste ließ, er konnte es aber auch dadurch, daß er die Büchse in die Hand nahm. Er war ein Meister in der schwarzen Magie, yes, Sir.