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Das Totenschiff

Chapter 48: 42
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

42

ir machten Tripolis und hatten verteufelt schweren Seegang. Wir wurden im Kesselraum hin und her gepfeffert, und in den Bunkern war es noch schlimmer. Ich betrachtete mir, wenn ich mal ein wenig zum Verschnaufen im Kesselraum auf einem Kohlenhaufen saß, zuweilen das kleine Glasröhrchen, das einen erwachsenen Seemann so martervoll verschlucken kann, wenn es dazu in der Laune ist. Dabei legte ich mir die Frage vor, ob ich das Rohr abdrosseln würde, wenn das Röhrchen zum Tanzvergnügen geht.

Natürlich sagte ich nein. Aber wer kann sagen, was er tun wird, wenn die Frage nicht gestellt wird, sondern wenn die Frage entschieden werden muß und man gar nicht daran denkt, daß die Frage überhaupt existiert? Der Heizer kann ja drunter liegen und kann nicht mehr allein fort. Meinen Heizer im Stich lassen, daß er mir mein ganzes Leben hinterher schreit: „Pippip! Pippip! Ich verbrühe! Hol mich raus, Pippip! Ich kann nicht sehen, meine Augen sind rausgebrüht, Pippip, schnell, es ist gleich vorbei! Pip–pip–p–“

Na, nu laß mal da deinen Heizer liegen. Da gehst du eben, auch wenn du weißt, ihr bleibt beide da liegen.

Vielleicht gehe ich auch nicht. Warum? Mein Leben ist auch etwas wert. Mein Leben –

„Pippip, Schlepp, spring Back, nicht gucken, Backbord und her!“

Der Heizer brüllt es, daß er das Hämmern der Maschine überkreischt.

Ohne aufzugucken, mache ich einen Satz rüber nach Backbord und falle dort in die Knie, weil ich über das Schüreisen falle, das im Wege liegt. Gleichzeitig erfolgt ein Krach und ein Rasseln, das betäubend ist.

Unter seinem schwarzen dicken Kohlenstaub, den er im Gesicht hat, sehe ich, daß der Heizer ganz bleich ist. Auch Tote können noch erbleichen. Ich klaube mich auf mit zerschundenen Schienbeinen und aufgeschlagenen Kniescheiben und drehe mich um.

Die Aschenhuze, die Aschenführung, ist runtergekommen.

Diese Aschenführung ist ein runder Blechkanal, wie ein großer Blechschornstein, mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. In ihm werden die Aschkannen hochgehievt, damit sie nicht hin und her schlenkern können, sondern oben in den Aushebeschacht geführt werden.

Die Huze hängt weit in den Kesselraum hinein bis etwa neun Fuß über dem Boden. Oben ist sie an einen Kranz festgenietet. Sie ist sicher dort an den Nieten durchgerostet, und jetzt bei dem Wetter hat sie den Rest bekommen und ist abgebrochen. Wo will sie hin? Sie muß in den Kesselraum. Sie ist senkrecht fallendes, sehr starkes Eisenblech und hat hundert Kilo oder mehr. Schneidet den Kopf und den ganzen Körper der Länge nach durch. Geht wie mit dem Rasiermesser. Oder schlägt den Arm ab und nimmt die eine Schulter mit. Wenn sie Gnade übt, nur den halben Fuß. Wer denkt an die Aschenhuze, daß die einmal abrosten könnte am Kranz. Sie hängt seit der Zerstörung Jerusalems da drin und ist nie runtergefallen. Die ganzen vielen Jahrhunderte nicht. Und nun mit einemmal fällt es ihr ein, runterzukommen.

Seemannslos. Arbeiterlos. Deine Schuld. Geh zur rechten Zeit drunter weg, dann kann dir nichts passieren.

Hallo, Heizer, da bin ich ja nochmal mit einem Sprung davongekommen. Gleich beim ersten Schrei: „Schlepp, Back!“ gesaust wie ein Affe. Nicht erst lange gedacht, was los ist. Die Yorikke entwickelt die Instinkte, sie hält einen in Form.

„Ja, Heizer, verflucht nochmal, das war ein Sprung zur rechten Zeit.“

Danke! ist nicht. Wozu? Morgen dir, übermorgen Stanislaw. Wer weiß, wen die nächste Kugel trifft. Wir sind im Kriege. Kopp weg. Aber ehe du es hörst, ist er schon weg, der Kopp. Der Rest bleibt liegen. Wird nicht bezahlt. Über Bord. Klumpen Kohle ans Bein. An die Mütze getippt. Grabmusik: „Nun haben wir wieder keinen Schlepp.“

Das Glasröhrchen ist heil. Es hat sein Opfer. Der Aschenhuze hat der Heizer den Spaß verdorben. Aber dafür wartet die Rache. Was ist das nächste Glasröhrchen? Wer ist der Nächste? Junge, zieh dir den Gürtel fest. Da ist Warnung in der Luft. Warnung für dich. Es schwirrt der Gast herum, er kriecht in den Winkeln und lauert in den Ecken. Beim nächstenmal macht er bessere Arbeit und läßt nicht gerade den Heizer zufällig nach oben blicken, daß er sieht, wie sich erst die eine Hälfte am Kranz löst und dann die andre. Beim nächstenmal ist es vielleicht das Brett da oben, auf dem du rüberbalancierst zur Bunkerluke.

Mein Junge, ich glaube, du steigst am besten aus in Tripolis. Wenn du auch tot bist, man macht doch gern noch manchmal einen Spaziergang aus den Gräbern und sieht, was draußen los ist, weil man sich so rasch an die stickige Luft im Grabe nicht gewöhnen kann. Mußt ja wieder rein ins Grab oder in ein Totenschiff, aber hast doch eine Nase voll frischer Luft mitgenommen und beim zweiten Male geht es schon besser. Aber Tripolis war nichts mit Aussteigen. Wir konnten keinen Schritt tun ohne Bewachung. Beim geringsten Versuch, achtern abzubleiben, hätten sie uns gepackt und zurückgebracht. Hätten dem Skipper eine Kostenrechnung gemacht, und er hätte sie von der Heuer abgezogen. Es war auch nichts in Syrien. Man konnte nicht abkanten. Wir waren freie Männer, freie Seeleute. Durften in die Häfen gehen, durften in den Kneipen rumsaufen, durften tanzen und unser Geld verspielen oder es uns aus den Taschen räubern lassen. Alles durften wir tun, weil wir ja freie Seeleute und keine Sträflinge waren. Aber sobald Yorikke das Blaue Peterlein flattern ließ, und man drückte sich auffällig weit vom Kai oder von den Molen herum oder gar in verschnörkelten Gäßchen und dunklen Winkeln, da hatte einen auch schon einer am Arm:

„Monsieur, s’il vous plaît, Ihr Schiff wartet, wir werden Sie begleiten, damit Sie nicht den Weg verfehlen.“

Und war man dann erst wieder drauf auf der Yorikke, hatten sie das Recht, draußen am Kai zu stehen und einem das abermalige Verlassen des Bootes zu verbieten, denn Blau Peterlein flatterte, und das hieß, nun hat die Freiheit wieder mal ein Ende.

Stanislaw hatte schon recht gehabt: „Kommst nicht mehr runter. Und wenn du kommst, die kriegen dich und stecken dich auf einen andern Toteneimer, der vielleicht noch schlimmer ist. Denn die Toten nehmen dich immer wieder auf, auch aus den Händen der Polizei. Mit Dank. Drücken dem Engelmacher noch zehn Schillinge in die Hand dafür. Füttern dich sogar, bis sie dich auf ein andres Totenschiff, das hereinkommt, verkaufen können. Müssen dich doch los werden. Können dich doch nicht nach der Heimat deportieren, hast ja keine.“

„Da brauche ich doch aber nicht raufzugehen.“

„Mußt rauf. Der Skipper sagt, er hat dich gezeichnet, auf Handschlag. Dir glaubt man nichts, dem Skipper glaubt man. Er ist ja ein Skipper und hat eine Heimat, wenn es auch nur selbst eine geschwindelte ist und er selber nicht mehr heim darf. Aber er ist der Skipper. Mußt rauf. Er hat dich gemustert. Hat dich nie gesehen. Aber auf Handschlag gemustert. Mußt rauf. Bist Deserteur.“

„Aber, Stanislaw, nun rede mal klar. Da gibt es doch noch Recht“, sagte ich, weil ich glaubte, er übertreibt.

„Das ist doch schon mein viertes. Es ist dein erstes. Und ich bin durch mit allen Zipfeln.“

„Man kann dich doch nicht zwingen. Ich bin doch freiwillig auf die Yorikke gekommen“, wandte ich ein.

„Ja, das erstemal kommt man halb freiwillig. Aber hättest du deine Sachen alle klar gehabt, wärst du nicht freiwillig gekommen. Wenn du deine Sachen in Ordnung hast, kann dir niemand mit solchem Zimt kommen, wie Handschlag, Deserteur und so. Da sagst du, du willst zum Konsul. Da müssen sie dich gehen lassen und können mitkommen. Wenn der Konsul sagt, daß er dich annimmt, daß er dich anerkennt, müssen sie abziehen. Da ist nichts von Handschlag, da heißt es zu dem Skipper: ‚Wer sind Sie? Wann wurde das Schiff zum letztenmal inspiziert? Wie sind die Gebührnisse für die Mannschaft, Essen, Löhnung, Quartiere?‘ Da zuppelt er ab, der Skipper und sagt nichts mehr von Handschlag. Kannst du zum Konsul gehen? Hast du Papiere? Hast du ein Vaterland? Na also. Können sie mit dir machen, was sie wollen. Glaubst du nicht? Steig aus, versuche es.“

„Hast du denn dein dänisches Heuerbuch nicht mehr?“ fragte ich Stanislaw.

„Eine Frage! So eine dumme Frage! Wenn ich das noch hätte, wäre ich doch nicht hier. Ich hab’s doch gleich für zehn Dollar verkauft, als ich den schönen Paß in Hamburg kriegte. Auf einen Dänen darf er nicht damit gehen, auch nicht zu einem dänischen Konsul. Der nimmt es ihm gleich ab, weil es angemeldet ist; es ist doch ein Schwimmer. Lebt doch nicht mehr. Aber für kleine Verhältnisse ist es hundert Dollar wert. Wenn ich es nur hätte. Hab mich doch auf meinen eleganten Paß verlassen. War doch wie eine Festung, so gut und so sicher. Kerngesund. Echt bis auf die Pupille. Besser als zehn Eide. Konnte von der ganzen Erde aus angeklingelt werden in Hamburg, ohne Murren. Bloß die Nummer gewinkt. Schon war die Antwort da: Paß ist klar wie ein Diamant. Aber er war doch bloß Gipsfront. Hatte bloß ein schönes Gesicht und nichts dahinter.“

„Warum hast du es denn nicht noch woanders damit versucht?“

„Habe ich doch, Pippip. Denkst du denn, ich laß so einen eleganten Schwenker gehen, ohne ihn ein halbes Dutzend mal anzuziehen und zu sehen, ob er nicht doch noch paßt? Ich hatte doch auch einen Schweden. Da sind wir gar nicht erst bis zum Konsul gekommen. Der Skipper nahm ihn, guckte rein und sagte gleich: „Nichts zu machen mit uns. Ich werde Sie nicht mehr los.“

„Die Deutschen hätten dich doch aber genommen“, sagte ich nun.

„Zuerst einmal zahlen die ja hundemäßig. Damals wenigstens. Was sie heute zahlen, weiß ich nicht. Ich hätte auch gern einen genommen. War mir ja egal. Aber wenn du da ankamst, gleich sprangen sie dir ins Gesicht: ‚Nehmen keine Pollacken. Pollacken raus. Freßt oberschlesische Steinkohle. Könnt ja euren Pollackenrachen nicht voll kriegen.‘ Und lauter solche Sachen. Das wäre dann die ganze Fahrt so gegangen. Auch wenn ich hätte mustern können. Die andern, die Mannschaften sind ja noch zehnmal schlimmer, noch zehnmal verhetzter. Hältst du gar nicht aus. Geht vom frühen Morgen bis zum Abend: ‚Saupollack. Dreckpollack. Mistpollack. Wollt ihr nicht auch noch Berlin einsacken, ihr Pollackenschweine?‘ Hältst du nicht aus, Pippip. Gehst über die Reeling. Dann schon lieber Yorikke. Da schmeißt keiner dem andern seine Nationalität vor, weil keiner mehr eine Nationalität hat, mit der er protzen kann.“

So verging ein Monat nach dem andern. Ehe ich es mir versah, war ich vier Monate auf der Yorikke. Und ich hatte gedacht, ich könnte dort keine zwei Tage leben.