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Das Totenschiff

Chapter 54: 45
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

45

ag sein, daß man seine Frau nicht zu sehr lieben darf, wenn man sie behalten will. Sie langweilt sich sonst und läuft zu einem andern, um geprügelt zu werden.

Es war verdächtig, sehr verdächtig, daß ich die Yorikke plötzlich so innig zu lieben begann. Aber wenn man soeben die gräßliche Geschichte eines Kindsräubers vernommen hat, in der einen Tasche eine Büchse Milch, in der andern eine Büchse guter dänischer Butter trägt, kann man wohl Liebesgedanken bekommen und diejenige lieben, die in ihren Lumpen liebenswerter ist als Leichenräuber in seidenen Kleidern.

Aber verdächtig war diese aufkeimende Liebe doch. Etwas war nicht in Ordnung. Da war die Aschenhuze gewesen. Und nun war auch noch Yorikke, die ich mit heißer Inbrunst liebte. Das wollte mir nicht gefallen. Da stimmte etwas nicht.

Im Quartier war es nicht auszuhalten. Die Luft stand dick und schwer und drückte auf das Hirn.

„Laß uns wieder rausgehen,“ sagte ich zu Stanislaw, „wir schlendern am Wasser herum bis es kühler wird. Nach neun wird sicher eine Brise aufkommen. Dann gehen wir heim und legen uns aufs Deck.“

„Hast recht, Pippip“, gab Stanislaw zu. „Hier kann man weder schlafen noch sitzen. Wir können mal raufgehen zu dem Holländer, der da oben liegt. Vielleicht sehe ich einen Bekannten.“

„Immer noch Hunger?“ fragte ich.

„Nein, aber vielleicht kann ich ihnen ein Stück Seife abnehmen und ein Handtuch. Wäre ganz gut mitzunehmen.“

Wir trotteten langsam los. Es war inzwischen ganz finster geworden. Die Hafenlampen waren nur spärlich erleuchtet. Es wurde nirgends geladen. Die Schiffe glimmerten schläfrig durch die abendliche Dunkelheit.

„Berühmt ist der Tabak aber auch nicht, den uns die Norweger gegeben haben“, sagte ich.

Kaum hatte ich das ausgesprochen und mich dabei Stanislaw zugewandt, um Feuer von ihm zu kriegen, als ich einen mächtigen Hieb über den Schädel erhielt. Ich fühlte den Schlag ganz deutlich, konnte mich aber nicht bewegen, meine Beine wurden merkwürdig plump und dick und ich fiel hin. Es sauste und brummte entsetzlich um mich herum und es tat drückend weh.

Das dauerte aber nicht lange, schien mir. Ich stand wieder auf aus meiner Betäubung und wollte weitergehen. Aber ich lief gegen eine Wand, gegen eine Holzwand. Wie konnte das sein? Ich ging links, doch auch da war eine Wand. Und rechts war eine Wand und hinter mir war eine Wand. Und alles war finster. Mein Kopf summte und dröhnte. Ich konnte nicht denken, wurde müde und legte mich wieder auf den Boden.

Als ich abermals aufwachte, waren die Wände noch immer da. Aber ich konnte nicht ruhig stehen. Ich schwankte. Nein, das war es nicht, der Boden schwankte.

Himmelkreuzdonnerwetter nochmal, ich weiß jetzt, was los ist. Ich bin auf einem Boot, auf einem Eimer, und der ist auf hoher See. Schwimmt lustig voran. Die Maschinen stampfen und bollern.

Mit beiden Fäusten und endlich auch mit den Füßen hämmere ich gegen die Wände. Es scheint niemand etwas zu hören. Aber nach längerer Zeit, als ich wieder und wieder die Wände bearbeitet und auch mit Schreien mein Trommeln unterstützt habe, wird eine Luke aufgemacht und es leuchtet jemand mit einer elektrischen Taschenlampe herein.

„Haben Sie jetzt Ihren Soff ausgeschlafen?“ werde ich gefragt.

„Scheint, ja“, sage ich.

Es braucht mir niemand etwas erzählen, ich weiß bereits, was los ist. Kindsraub, shanghaied. Ich bin auf der Empreß of Madagascar.

„Sie sollen zum Skipper kommen“, sagt der Mann.

Es ist heller Tag draußen. Ich klettere die Leiter hoch, die der Mann durch die Luke schiebt und bin bald darauf auf dem Deck.

Ich werde zum Skipper geführt.

„Feine Leute seid ihr, muß ich sagen“, schreie ich gleich, als ich in die Kabine komme.

„Bitte?“ sagt der Skipper ganz ruhig.

„Kindsräuber. Shanghaier. Engelmacher. Leichenfledderer. Das ist es, was ihr seid“, schreie ich.

Der Skipper bleibt ungerührt, steckt sich ruhig eine Zigarre an und sagt: „Es scheint, Sie sind noch nicht ganz nüchtern. Wir werden Sie mal in kaltes Wasser tauchen müssen, damit der Rauch abzieht.“

Ich sehe ihn an und sage nichts.

Der Skipper drückt auf einen Knopf, der Steward kommt und der Skipper nennt zwei Namen.

„Setzen Sie sich“, sagt der Skipper nach einer Weile.

Es kommen zwei widerliche Kerle rein. Verbrechergesichter.

„Ist das der Mann?“ fragt der Skipper.

„Ja, das ist er“, bestätigen die beiden.

„Was tun Sie hier auf meinem Schiff?“ sagt der Skipper jetzt zu mir in einem Tone, als ob er Vorsitzender eines Schwurgerichts wäre. Vor sich hat er Papier liegen, auf dem er mit einem Bleistift kritzelt.

„Das möcht ich gern von Ihnen wissen, was ich hier auf dem Schiff mache“, antworte ich.

Nun redet der eine dieser beiden Verbrecher. Sie scheinen Italiener zu sein nach der Art, wie sie die Brocken Englisch herausbringen.

„Wir wollten gerade die Ladekammer elf reinigen, und da fanden wir den Mann hier besoffen in einer Ecke liegen, wo er fest schlief.“

„Also“, sagt darauf der Skipper, „dann ist das ganz klar. Sie wollten sich auf meinem Schiff blind wegpacken, um nach England zu kommen. Sie werden das nun wohl nicht mehr bestreiten wollen. Ich kann Sie leider nicht über Bord werfen, was ich ja eigentlich tun müßte. Verdienten eigentlich, daß ich Sie ein halbes Dutzend mal am Lademast schleifen lasse und Ihnen die Haut ein wenig abschinde, damit Sie dran denken, daß ein englisches Schiff nicht dazu dient, Verbrecher, die von der Polizei verfolgt werden, in Sicherheit zu bringen.“

Was sollte ich da lange reden. Er hätte mir von diesen italienischen Sträflingen die Knochen zerschlagen lassen, wenn ich ihm gesagt hätte, was ich von ihm denke. Er würde es überhaupt tun schon für das, was ich ihm gleich am Anfang erzählt habe. Aber er hat ja nur Interesse an meinen gesunden Knochen und nicht an meinen zerschlagenen.

„Was sind Sie?“ fragte er nun.

„Schlichter Deckarbeiter.“

„Sie sind Heizer.“

„Nein.“

„Sie haben sich doch hier gestern als Heizer angeboten?“

Ja, das hatte ich, und das war mein Fehler. Seitdem haben die mich nicht mehr aus den Augen gelassen. Hätte ich damals gesagt, Deckarbeiter, hätten sie vielleicht kein Interesse an mir gehabt. Heizer waren es, die sie brauchten.

„Da Sie also Heizer sind und Sie Glück haben dadurch, daß mir zwei Heizer krank geworden sind, so können Sie als Heizer arbeiten. Sie bekommen englische Heizerheuer, zehn Pfund zehn ist sie augenblicklich. Aber ich kann Sie nicht heuern. Wenn wir nach England kommen, habe ich Sie den Behörden zu übergeben; und Sie werden, je nachdem der Richter Ihnen geneigt sein wird, zwei bis sechs Monate abmachen müssen und dann natürlich Deportation. Aber hier werden Sie, solange wir auf Fahrt sind, als regelrechtes Mitglied der Mannschaft unsrer Empreß of Madagascar behandelt.

Wir können uns gut vertragen, wenn Sie Ihre Arbeit tun. Wenn wir uns nicht vertragen können, gibt es kein Wasser, lieber Freund. Ich denke also, wir vertragen uns lieber. Um zwölf beginnt ihre Wache. Ihre Wachen sind sechs und sechs Stunden; die zwei Stunden je Wache mehr, werden Ihnen bezahlt mit einem Schilling sechs Pence die Stunde.“

Da war ich nun Heizer auf der Empreß of Madagascar, auf der Fahrt zu dem Gedenkstein in der Dorfkirche. Ich hatte keine Dorfkirche, also blieb mir nicht einmal diese Ehre.

Die Heuer war gut, da ließ sich Geld dabei machen. Aber in England Gefängnis wegen Schiffschleichens und dann vielleicht noch Jahre im Gefängnis warten auf Deportation. Doch das war ja eben die Sache. Die Heuer bekam ich nicht, weil die Fische sie nicht auszahlen werden. Komme ich heil raus, ich kriege keinen Nickel Heuer, ich bin nicht treu gemustert. Kein englischer Konsul erkennt diese Strafmusterung an. Gefängnis und Deportation rühren mich nicht. Wir kommen nicht nach England. Nur ja keine Sorge. Wollen uns doch mal die Boote ansehen. Die Boote sind fertig. Da wird es also in den nächsten Tagen losgehen. Erste Bedingung ist, alles klarmachen, um auf alle Fälle aus dem Kesselraum zu kommen. Beim leisesten Knirscher weg vom Kessel und hoch wie der Satan.