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Das Totenschiff

Chapter 55: 46
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

46

ie Quartiere sind wie Salons. Sauber und neu. Stinken nur unerträglich nach frischer Farbe. Matratzen im Bunk, aber kein Kissen, keine Decke, kein Laken. Kaiserin von Madagaskar, bist nicht so reich wie du von draußen aussiehst. Oder die haben schon alles gezockelt und vermünzt, was gerettet werden konnte.

Geschirr gibt es auch nicht. Aber man kann es schon leichter zusammenklauben, weil da was übrig ist und dort was herumliegt. Das Essen wird von einem italienischen Jungen gebracht, damit hat man also nichts zu tun. Das Essen ist ausgezeichnet. Freilich, unter Henkersmahlzeit verstehe ich etwas andres.

Rum gibt es hier überhaupt nicht, wie mir von einem erzählt wird. Der Skipper ist Anti, schon faul.

Schiffe ohne Rum stinken wie Jauche.

Ich sitze im Meßraum des Kesselpersonals.

Der Meßboy ruft die Leute aus den Bunks zum Essen. Es kommen zwei schwere Neger herein, die Kohlschlepps. Und dann kommt ein Heizer herein, der auf Freiwache ist.

Den Heizer kenne ich. Sein Gesicht habe ich schon irgendwo gesehen. Das Gesicht ist aufgeschwommen, und um den Kopf hat er eine Binde.

„Stanislaw, du?“

„Pippip, du auch?“

„Wie du siehst. Mitgegangen, mitgefangen“, sagte ich.

„Du bist ja noch ganz gut davon gekommen. Ich habe mich mit ihnen schwer gekloppt. Ich kam gleich wieder hoch, nachdem ich den ersten Schlag weg hatte. Du lagst fest, hattest gleich einen saftigen gekriegt. Aber als du so plötzlich umknicktest, bückte ich mich nach dir und so kriegte ich nur einen halben. Gleich war ich wieder auf. Und nun ging die Bürsterei los. Waren gleich vier herum. Und ich habe ganz verflucht was auf den Schädel gekriegt.“

„Was haben sie dir denn für eine Geschichte erzählt?“ fragte ich.

„Ich hätte mich gekloppt, hätte einen erstochen und dann hätte ich mich auf dem Eimer versteckt, weil die Polizei hinter mir her gewesen sei.“

„Mir haben sie etwas Ähnliches erzählt, die Kindsräuber“, sagte ich. „Unsre Heuer von der Yorikke sind wir nun auch noch los, und hier kriegen wir nie einen Cent.“

„Dauert ja nur ein paar Tage. Ich denke übermorgen wird es schon soweit sein. Es ist ein Platz, wie er ihn sich nicht besser wünschen kann. Kann sich schön sauber hinlegen wie gemalt. Kommt niemand her und deckt das Gesicht ab. Um fünf ist Exerzieren an den Booten. Merkst was, he? Wir sind nicht dabei, wir sind gerade dann auf Wache. Wir sind beide Boot vier, Heizer von Wache zwölf bis vier. Ich habe die Liste gesehen, hängt im Gangweg.“

„Weißt du schon, wie es vor den Kesseln ist?“ fragte ich.

„Zwölf Feuer. Vier Heizer. Die beiden andern sind Neger. Auch die Schlepps sind Neger. Da die beiden, die am Tisch sitzen.“ Stanislaw deutete rüber zu den starken Burschen, die gleichgültig an ihrem Essen würgten und uns kaum zu bemerken schienen.

Um zwölf traten wir unsre Wache an. Die vorige Wache hatte der Donkeyman mit den Negern gemacht.

Die Feuer sahen bös aus, und wir hatten beinahe zwei Stunden wild zu arbeiten, bis wir sie in Ordnung hatten. Alles war verschlackt; aufzuschmeißen verstanden die schwarzen Heizer auch nicht. Sie pfefferten die Kohle hinein, und damit gaben sie sich zufrieden. Daß Heizen eine Kunst ist, die mancher nie lernt, davon schienen sie nichts zu wissen, obgleich sie offenbar schon einige Jahre vor den Kesseln arbeiteten und sicher schon eine gute Anzahl von Schiffen abgedient hatten.

Mit den Rosten hatten wir hier nur wenig Arbeit. Brannte einer durch, so ließ er sich rasch einsetzen ohne daß er nachfiel oder gar andre mitriß. Die Schlepps, riesenhafte Neger, mit Armen wie Oberschenkel und einem Körperbau, daß man glaubte, sie könnten einen ganzen Kessel auf ihren Schultern fortschleppen, brachten die Kohle verteufelt langsam heran, und wir mußten ihnen ganz gehörig den Marsch blasen, bis sie sich endlich herbeiließen, zu arbeiten. Sie stöhnten in einem fort, daß es zu heiß sei, daß sie keine Luft bekämen, daß sie vor Staub nicht schlucken könnten, und daß sie sicher verdursten würden.

„Na, Pippip,“ sagte Stanislaw, „da mußten wir ganz anders ziehen auf der alten Yorikke. Was tun die Kerle nur mit ihren Knochen? Ehe die eine halbe Tonne heran haben, hole ich sechs und puste noch nicht einmal dabei. Und hier liegen ihnen die Kohlen direkt vor der Nase.“

„Gerade jetzt fing auf der Yorikke wieder eine schöne Zeit für eine Woche an“, sagte ich. „Sie hatte gerade frisch gekohlt und die Schächte und Kesselbunker lagen gepfropft, daß es ein wahrer Spaß hätte sein müssen für die nächste Fahrt. Aus. Schiet Yorikke. Haben jetzt andres zu denken.“

Ich sah mich um.

„Habe auch schon herumgeblickt“, sagte Stanislaw. „Wir müssen Luftlöcher suchen. Zur Leiter kommt man nicht immer. Bricht meist weg, wenn sie richtig aufknallt. Und wenn gar noch die Kessel oder die Rohre anfangen zu summen und zu spucken, dann ist die Leiter eine verfluchte Rattenfalle. Kannst nicht mehr runter, nicht mehr rauf.“

„Der Oberbunker hat eine Luke zum Deck“, sagte ich. Ich war eben oben gewesen und hatte untersucht. „Wir müssen die Luke immer klar haben, wenn wir auf Wache gehen. Dann baue ich eine Lattenleiter, und die halten wir immer hier an der Schachtluke. Wenn es knirscht, sofort raus, rauf, hoch und raus zur Deckluke.“

Wir arbeiteten uns nicht blöd. Es schien den Ingenieuren auch ganz gleich zu sein. Solange die Maschine lief, war es recht. Ob sie große Fahrt machte oder kleine, kam nicht in Betracht.

Es hätte alles ganz nach Vorschrift gehen können. Ein paar Löcher unten in den Mantel gedrillt, nicht größer als einen halben Zoll, und mit ihrer Sargeinlage Alteisen wäre die Empreß sanft und selig eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein. Nur noch der Pumpe einen Klaps gegeben. Aber vor dem Seegericht kann das manchmal fehlgehen, und wenn die ganze Mannschaft heil abkommt, so ist das immer verdächtig. Zwei Tage waren es nur. Wir hatten gerade die Wache übernommen und waren mit dem Ausschlacken halb durch, da hörte ich einen furchtbaren Knall und ein Krachen. Ich flog zuerst gegen die Kessel und dann zurück in einen Kohlenhaufen.

Gleich darauf standen die Kessel senkrecht über mir, ein paar Feuerungstüren brachen auf und die Glut fiel in den Kesselraum. Zur Lattenleiter brauchte ich nicht hinaufsteigen, ich konnte auf ebener Fläche zu der Schachtluke gehen.

Stanislaw war schon raus.

Als ich in den Bunker kam, kletterte er gerade durch die Luke.

In diesem Augenblick hörten wir einen gräßlichen Schrei aus dem Kesselraum.

Stanislaw hatte den Schrei auch gehört und drehte sich um.

„Das war Daniel, der Schlepp“, rief ich Stanislaw zu. „Ich glaube, er sitzt fest.“

„Verflucht, runter, aber rasch“, schrie Stanislaw.

Ich war schon wieder drin im Kesselraum. Die Kessel standen noch immer Kopf, und jede Sekunde konnte einer losfahren in die Lüfte. Das elektrische Licht war verlöscht, weil offenbar das Kabel durchgerissen war. Aber die Glut gab Licht genug, wenn es auch recht gespensterhaft aussah.

Daniel, der eine Neger, lag lang und war mit seinem linken Fuß von einer losgelösten Platte eingeklemmt. Er schrie und schrie, weil die Glut ihn schmorte.

Wir versuchten, die Platte zu heben, aber es ging nicht, wir kriegten sie nicht hoch und konnten mit der Schürstange nicht heran, um sie hochzuheben.

„Geht nicht, Daniel, Fuß sitzt fest.“ Ich schrie es in wahnsinniger Eile auf Daniel ein.

Was tun? Sollen wir ihn hierlassen?

„Wo ist der Hammer?“ schreit Stanislaw.

Schon ist der Hammer zur Hand, und in derselben Sekunde haben wir eine Schaufel glattgeklopft, und ohne Besinnen schlägt Stanislaw dem Neger den Fuß ab. Drei Hiebe waren nötig. Wir schleiften Daniel zur Schachtluke, schleiften ihn durch den Bunker und zerrten ihn durch die Deckluke.

Draußen packte der andre Neger unsrer Wache, der sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, sofort zu. Wir überließen ihm Daniel und kümmerten uns nun um uns selbst.

Das Quartier lag bereits im Wasser. Die Empreß ragte mit dem Stern hoch in die Luft. Das war beim Bootsexerzieren nicht ausprobiert worden. Es stand alles ganz anders, als man es gewöhnt war. Eine Weile hatte noch das Licht gebrannt. Der Ingenieur hatte es zu den Akkumulatoren durchgeschaltet. Jetzt verglimmte es langsam, weil die Akkumulatoren wahrscheinlich auszulaufen begannen oder die Kabel irgendwo Widerstände aufnahmen. Elektrische Taschenlampen und Notlaternen mußten helfen.

Vom Quartier sah ich niemand. Die waren schon fertig. Die konnten nicht mehr raus. Gegen die Tür lehnten einige Tonnen Wasserdruck.

Boot zwei riß sich los und war im Augenblick vom Seegang fortgeschwemmt, ohne daß auch nur ein Mann drin saß.

Boot vier war nicht zu holen. Lag nicht klar.

Boot eins war klar, und der Skipper kommandierte die Besatzung. Dann stand es bei und wartete auf ihn, weil er anstandshalber auf Deck blieb. Das Seegericht sieht so etwas gern und lobt es.

Nun kam auch Boot drei klar. Hier flitzten Stanislaw und ich hinein, zwei Ingenieure, der gesunde Negerschlepp und Daniel mit dem abgehackten Fuß, der jetzt mit einem Hemd verbunden war; ferner kriegten wir den Ersten Offizier und den Steward.

Die Kessel schienen brav zu halten und waren vielleicht durch die herausgefallenen Feuer beruhigt worden. Pflaumenmus gab es ja hier nicht.

Wir stießen ab. Der Skipper war inzwischen in Boot eins gesprungen, und auch dieses Boot lief klar ab.

Aber ehe es seine Riemen gestreckt hatte, wurde es von der See heftig gegen den Schiffsleib geschleudert. Immer wieder versuchten sie, klar zu kommen.

Da plötzlich löste sich ein Etwas von dem Schiffe los und schlug mit brechendem und splitterndem Getöse auf das Boot. Man hörte ein Schreien von vielen Stimmen und dann war alles still, als wären Schrei, Boot und Besatzung mit einem Ruck von einem großen Maul verschluckt worden.

Wir waren ganz schön abgekommen und pullten lustig drauf los. Kurs zur Küste.

Große Fahrt machten wir nicht mit den paar Riemen. Die Wogen gingen verteufelt hoch, und wir standen manchmal zwei Bootslängen hoch an einer steilen Wasserwand. Dann spreizten die Riemen in der Luft, konnten nicht einlegen, und wir wurden kreuz und quer geschleudert. Der Ingenieur, der mit an den Riemen saß, sagte da plötzlich: „Wir sitzen ziemlich flach. Kaum drei Fuß. Auf Fels.“

„Nicht möglich“, erwiderte der Erste Offizier. Er tastete nach dem Riemen, lotete und sagte dann: „Sie haben recht. Raus, raus.“

Er hatte den Befehl noch halb im Munde, da gingen wir steil an einer Wand hoch. Die Welle nahm uns wie eine kleine Untertasse und haute das ganze Boot mit solcher Wucht auf den Fels, daß es in tausend Splitter ging.

„Stanislaw!“ schrie ich hinaus in das Toben der Wellen. „Hast du was, wo du kleben kannst?“

„Nicht einen dürren Strohhalm“, schrie er mir zu. „Ich schwimme zurück zum Eimer. Der steht ein paar Tage gut so, wie er da steht. Der fällt dir so leicht nicht auf die Zehen.“

Die Idee war nicht schlecht. Ich versuchte, Kurs auf das schwarze Ungetüm zu halten, das sich gegen den Nachthimmel klar abhob.

Und verflucht nochmal, wir kamen beide ran, obgleich wir einige dutzendmal immer wieder zurückgeschleudert worden waren.

Wir kletterten rauf und suchten in Mittschiff zu kommen. Das war nicht so leicht. Die Achternwand bildete jetzt das Deck oder das Dach für das Mittschiff. Die beiden Korridore waren tiefe Schächte geworden, in die hinunterzukommen während der Nacht nicht gut vollführt werden konnte und selbst bei Tage seine Schwierigkeiten haben würde. Die Wogen gingen außerordentlich hoch und schienen an Wucht noch zuzunehmen. Offenbar waren wir bei Ebbe aufgebrummt, denn das Wasser begann zu steigen.

Die Empreß stand fest wie ein Turm, eingeklemmt in einer Riffspalte. Wie sie in diese unschiffsmäßige Lage kommen konnte, wußte wohl nur sie allein. Sie zitterte kaum und bebte nicht, so fest stand sie. Nur manchmal, wenn ein besonders schwerer Brecher gegen ihren Panzer tobte, zuckte sie mit den Schultern, als wolle sie ihn abschütteln. Sturm war gar nicht. Der Aufruhr lag nur in der schweren See. Es sah auch nicht danach aus, als ob Sturm aufkommen würde. Nicht in den nächsten sechs Stunden.

Dann graute der Himmel. Die Sonne ging auf. Frisch gewaschen stieg sie aus ihrem Seebade empor zu den weiten Höhen.

Zuerst lugten wir aus über die See. Es war nichts zu sehen. Kein Mann schien übrig zu sein. Daß irgendeiner aufgepickt worden war, glaubte ich nicht; auch Stanislaw bezweifelte es. Wir hatten kein Schiff passieren sehen. Außerdem lagen wir nicht in der Route. Der Skipper war herausgegangen, um nicht abermals von Patrouillen oder Passanten gesehen zu werden. Der Spaß war für ihn teuer geworden. Er hatte an eine ruhige friedliche Abwicklung des Geschäfts gedacht. Daß er vom Quartier keinen Mann mitbekommen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Wären die beiden Boote richtig bemannt gewesen, hätte das ein Vergnügen sein müssen, klar abzukommen.