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„Was ist denn das, wo wir drauf sind?“ fragte Stanislaw.
„Weiß ich selbst nicht. Mit einemmal war ich drauf, weiß gar nicht, wie es zuging. Ich denke, daß es eine Wand vom Ruderhaus ist. Hier sind die Haltegriffe überall.“
„Sicher. Ist vom Ruderhaus“, bestätigte Stanislaw.
„Gut, daß die Esel noch nicht alles aus Eisen machen und manchmal noch ein paar Stückchen Holz übriglassen. In den alten Schwarten siehst du immer den Schiffsjungen an einen Mast angeklammert, auf dem er sich rettet und mit dem er losschwimmt. Das ist heute aus. Die Masten sind auch schon aus Eisen, und wenn du dich dran festklammerst, kannst du dir auch ebenso gut einen Stein an den Bauch hängen. Wenn du wieder mal so ein Bild siehst, dann sag ruhig, der Maler ist ein Schwindler.“
„Du hast aber einen Redefluß unter diesen verdammten Umständen hier“, kritisierte Stanislaw.
„Ja, du Esel, soll ich denn hier jammern und Trauer flöten? Wer weiß, ob ich dir in einer Viertelstunde noch erzählen kann, daß man sich heute nicht mehr auf Maste verlassen darf. Und das muß gesagt werden, denn das ist wichtig.“
„Bürsten und Bimsstein, da sind wir ja nochmal glatt davongekommen“, rief er nun.
„Kreuzverhagelt nochmal“, schrie ich ihn an. „Halt dein gotteslästerliches Maul, verflucht nochmal. Schreist ja das ganze Gesindel heran. Wenn du im Trocknen sitzt, dann freu’ dich im stillen, aber schrei es nicht raus so unverschämt. Ich gebe mir die größte Mühe, das in unauffälliger und höchst eleganter Form zu sagen und vornehm zu umschreiben, was ich meine, und du Prolet brüllst das glatt hinaus.“
„Rede nicht so große Töne. Jetzt ist doch alles egal, ist doch alles im –.“
Mit diesem Stanislaw ist nichts zu erreichen, die Redewendungen, die er zuweilen braucht, werden mich noch veranlassen, seine Gesellschaft zu meiden.
„Alles egal?“ wiederholte ich. „Ich denke ja gar nicht dran. Alles egal ist blöd. Es ist nie etwas egal. Jetzt geht das Vergnügen ja erst richtig los. Bisher haben wir uns nur um Papiere herumgeschlagen, dann mit dem Rattenfraß, dann wieder mit den verfluchten Rosten. Jetzt geht es endlich um den letzten Atemzug, mit dem wir uns herumzuschlagen haben. Alles übrige, was ein Mensch haben kann, ist weg. Alles, was wir noch haben, ist der Atem. Und so schnell und willig laß ich mir den nicht auch noch wegnehmen.“
„Ein Vergnügen denke ich mir aber anders“, sagte Stanislaw.
„Sei nicht undankbar, Lawski. Ich sage dir, es ist ein höllisches Vergnügen, sich mit den Fischen um den Bissen zu prügeln, wenn man der Bissen sein soll.“
Stanislaw hatte natürlich durchaus recht. Es war kein Vergnügen. Man mußte sich ankrallen an den Handgriffen wie toll, um nicht runtergeschwemmt zu werden. Die Brecher fühlte man nicht so hart auf der schwimmenden Wand hier wie auf dem Schiff, weil die Brecher die Wand mit hoch nahmen und nicht in voller Wucht darüber hinwegbrandeten. Aber getaucht wurden wir doch oft genug, damit wir auch nicht vergessen sollten, wo wir waren.
„Ich denke, wir müssen nun etwas tun“, sagte ich. „Meine Arme sind so zerknüppelt, ich kann nicht mehr lange halten.“
„Wollen wir festlegen“, sagte Stanislaw. „Ich gebe dir hier mein Tauende, und ich nehme deinen Bindfaden. Ich kann schon besser halten. Der Bindfaden ist ja lang genug, daß man ihn dreifach nehmen kann.“
Stanislaw half nun, mich mit dem Tau festzuholen; ich konnte es mit meinen lahmen Armen nicht gut allein tun. Dann band er sich ebenfalls fest, und wir warteten nun auf die Geschehnisse.
Keine Nacht ist so lang, daß sie nicht endlich doch vorübergeht und dem Tage weichen muß.
Mit dem neuen Tage ließ das schwere Wetter nach, aber der hohe Seegang blieb.
„Siehst du was von Land?“ fragte Stanislaw.
„Nein. Ich wußte es ja, so leicht werde ich kein Entdecker neuer Erdteile. Wenn nichts vor der Nase liegt, sehe ich keins.“
Plötzlich sagte Stanislaw: „Mensch, ich habe ja den Kompaß. War gut, daß du ihn fandest.“
„Ja, ein Kompaß ist eine feine Sache, Lawski. Können wir immer sehen, in welcher Richtung die afrikanische Küste liegt. Aber ein Segel wäre mir lieber als zehn Kompasse.“
„Kannst nichts mit einem Segel machen auf dem Brett.“
„Warum nicht? Wenn Seebrise auf Land geht, gehen wir mit.“
„Wir werden wohl woandershin mitgehen, Pippip.“
Am Nachmittag wurde es wieder diesig und ein leichter Nebel legte sich über die See. Er wirkte beruhigend auf das Toben des Meeres.
Die unermeßliche Weite der See wurde immer kleiner. Bald hatten wir die Täuschung, daß wir nur auf einem Binnensee seien. Dann wurde auch der See kleiner und kleiner und endlich glaubten wir, auf einem Flusse dahinzugleiten. Es schien, als ob wir die Ufer mit den Händen ergreifen könnten, und ehe wir einschliefen, sagte bald Stanislaw, bald ich: „Da ist das Ufer, laß uns runtergehen und das kleine Stückchen rüberschwimmen. Kannst es ganz deutlich sehen, es sind noch keine hundert Schritt.“
Aber wir waren zu müde, um uns loszubinden und diese hundert Schritte zu schwimmen.
Wir sprachen dann kaum noch und schliefen ein.
Als ich erwachte, war es Nacht.
Der dunstige Nebel lag noch immer auf dem Meer. Aber hoch in den Lüften sah ich Sterne funkeln. Zu beiden Seiten sah ich die Ufer des Flusses, auf dem wir hinglitten. Zuweilen wurde an einem der Ufer der Nebel dünner, und ich sah die tausende funkelnden Lichter des nahen Hafens. Es war ein großer Hafen. Er hatte hohe Wolkenkratzer und Miethäuser, deren Fenster alle erleuchtet waren. Und hinter den Fenstern saßen die Leute traulich beisammen und wußten nichts davon, daß hier auf dem Flusse zwei Tote dahinglitten.
Und die Wolkenkratzer und die hohen Wohnhäuser wuchsen und wuchsen. Welch ein gewaltiger Hafen war es, an dem wir vorüberglitten. Immer höher und höher wuchsen die Wolkenkratzer bis sie endlich den Himmel erreichten. Und die tausende funkelnden Lichter des Hafens, der Wolkenkratzer und der traulichen Wohnhäuser, wo man nichts wußte von den vorübergleitenden Toten, waren wie Sterne des Himmels. Und oben steil über meinem Haupte trafen die Wolkenkratzer zusammen, und ich sah ihre Fenster leuchten, und ich hoffte, die Gebäude möchten zusammenbrechen und mich unter sich begraben. Es war die große Sehnsucht des Toten, begraben zu werden und nicht mehr wandern zu müssen.
Ich bekam Angst und rief: „Stanislaw. Da ist ein großer Hafen. Sieht aus wie New York.“
Stanislaw wurde munter, guckte sich um, sah durch den dünnen Nebel zu den Ufern des Flusses, rieb sich die Augen, guckte hoch über sich und sagte dann: „Du träumst, Pippip, die Lichter des großen Hafens sind Sterne. Da ist auch kein Ufer. Wir sind auf hoher See. Spürst du doch an den langen Wellen.“
Er konnte mich nicht überzeugen. Ich wollte nun doch zum Ufer schwimmen und den großen Hafen erreichen. Aber als ich das Tau lösen wollte, fielen mir die Hände schlaff herunter, und ich schlief ein.
Durst und Hunger machten mich wach. Es war Tag.
Stanislaw sah mich an mit verquollenen Augen. Mein Gesicht war verkrustet von dem Salzwasser. Ich bemerkte, wie Stanislaw würgte, als wollte er seine eigne Zunge kauen oder als sei sie ihm im Wege und lege sich vor die Luftröhre.
In seinen Augen glomm Wut auf, und er rief mit rauher Stimme: „Du hast immer gesagt, das Wasser auf der Yorikke stinkt. Das ist nicht wahr. Das ist Quellwasser, ganz frisches, klares Quellwasser aus dem Tannenwalde.“
„Das Wasser stank nie,“ bestätigte ich, „das Wasser war Eiswasser. Und der Kaffee war guter Kaffee. Ich habe nie etwas gegen den Kaffee auf der Yorikke gesagt.“
Stanislaw schloß die Augen. Doch nicht lange darauf schreckte er zusammen und schrie: „Zwanzig vor fünf, Pippip, raus. Hol’ das Frühstück. Hiev die Asche. Das Frühstück zuerst. Pellkartoffeln und Rauchhering. Den Kaffee. Viel Kaffee. Bring Wasser mit.“
„Ich kann nicht aufstehen“, gab ich ihm zur Antwort. „Bin gebrochen. Zu müde. Mußt heute allein hieven. Wo ist denn der Kaffee?“
Wie war das? Ich hörte Stanislaw schreien, aber er war zwei Meilen fort. Und meine Stimme war auch zwei Meilen weit fort von mir.
Nun brachen auch noch drei Feuertüren auf und die Hitze war nicht zu ertragen. Ich lief zur Windhuze, um Atem zu schöpfen. Aber der spanische Heizer schrie: „Pippip, die Feuertüren zu, der Dampf fällt.“
Aller Dampf fiel in den Kesselraum, und es wurde immer heißer. Ich lief zum Trog, wo das Schlackenlöschwasser drin war, um meinen Durst zu löschen, aber es schmeckte salzig und widerlich. Ich schnappte und schnappte und trank es wieder, und der Feuerungskanal stand ganz weit offen über meinem Kopfe am Himmel und war die Sonne, und ich trank Seewasser.
Dann schlief ich wieder ein und die Türen der Feuerkanäle waren geschlossen und der Heizer goß den Trog mit dem Schlackenwasser über den Kesselraum, und ich war auf dem offnen Meer und ein Wellenkamm war über die Wand hinweggebrochen.
„Da ist die Yorikke!“ schrie Stanislaw viele Meilen weit fort von mir. „Das ist das Totenschiff. Der Hafen. Der Norweger liegt da. Er hat Eiswasser. Siehst du nicht, Pippip?“
Mit beiden Armen, die Fäuste geballt, deutete Stanislaw über das weite Meer.
„Wo ist die Yorikke?“ rief ich.
„Siehst du sie denn nicht, Mensch? Da liegt sie ja. Sechs Roste sind rausgefallen. Verflucht. Jetzt acht. Himmelkreuzdonnerwetter! Wo ist der Kaffee, Pippip? Habt ihr wieder alles weggesoffen. Das ist keine Schmierseife, du Hund, das ist Butter. Gib den Tee jetzt her, verflucht nochmal.“
Stanislaw fuhr herum, bald zeigte er in diese Richtung, bald in jene. Immer fragte er, ob ich denn die Yorikke und den Hafen nicht sähe.
Aber mir war das gleichgültig. Es tat mir weh, den Kopf nach dem Hafen zu drehen.
„Wir kommen ab! Wir kommen ab!“ brüllte nun Stanislaw. „Ich muß rüber zur Yorikke. Die Roste sind alle raus. Der Heizer liegt im Kessel. Wo ist das Wasser? Habt ihr denn keinen Kaffee mehr für mich gelassen? Ich muß rüber, rüber, rüber.“
Er zerrte nun an dem Bindfaden, um ihn zu lösen. Er konnte aber die Knoten nicht öffnen. Er drehte wie unsinnig an den Knoten und verknotete sie immer mehr.
„Wo ist die Schaufel?“ rief er. „Ich muß das Tau kappen.“
Aber der Bindfaden hielt nicht lange. Stanislaw zerrte, riß und scheuerte mit solcher Kraft an den dreifach gedrehten Verschnürungen, daß er sich immer weiter daraus hervorwinden konnte. Die letzten Stringe riß er durch.
„Die Yorikke fährt weg. Schnell, Pippip. Der Norweger hat Eiswasser. Er winkt mit der Kanne. Ich bleibe nicht auf dem Totenschiff.“
Immer wilder brüllte Stanislaw.
Er hing nur noch am Fuß fest, und jetzt zerrte er auch dort die Stringe los.
Ich sah das alles in meilenweiter Ferne, wie auf einem Bilde oder durch ein Fernrohr.
„Da ist die Yorikke. Der Skipper tippt an die Mütze.“ Stanislaw rief es und sah mich an mit starren Augen. „Komm rüber, Pippip. Tee und Rosinenstollen mit Kakao und Wasser.“
Ja, da lag die Yorikke. Ich sah sie deutlich liegen. Erkannte sie an ihrem bunten närrischen Kleide und an ihrer Brücke, die immer in der Luft hängen blieb und von irgendeinem Schiff zurückgelassen worden war, das sie nichts anging.
Da war die Yorikke, und jetzt hatten sie Frühstück oder Abendessen oder Pflaumen in blauem Stärkeschleim. Der Tee war nicht schlecht. Das war Lüge und Verleumdung. Der Tee war gut auch ohne Zucker und Milch. Und das Trinkwasser stank nicht.
Ich begann, an meinem Tau zu knoten. Aber ich bekam den Knoten nicht auf. Dann rief ich Stanislaw, er möge mir helfen, den Knoten aufzuziehen. Aber er hatte keine Zeit. Er wurde mit seinem Fuße nicht fertig und arbeitete wie toll, um den Fuß loszukriegen. Nun gehen auch noch die Wunden auf, die man ihm auf dem Kopfe geschlagen hatte. Das Blut sickert über sein Gesicht, aber er läßt sich nicht stören.
Und ich zerrte und zerrte an meinen Banden. Aber das Tau war zu dick. Ich konnte es nicht durchscheuern und konnte meine Glieder nicht herauswinden. Ich verstrickte mich immer mehr. Dann suchte ich nach der Axt, nach dem Messer und endlich nach der Schaufel, die wir glatt geklopft hatten, um einen hölzernen Mast daraus zu machen, aber der Kompaß fiel immer wieder ins Wasser, und ich mußte ihn mit dem durchgebrannten Rost fischen. Das Tau gab nicht nach. Der Knoten zog sich immer fester. Das versetzte mich in namenlose Wut.
Stanislaw hatte seinen Fuß jetzt los.
Er drehte sich halb um nach mir und rief: „Komm rüber, Pipplaw. Sind nur zwanzig Schritte zu laufen. Die Roste sind alle raus, und es ist Wasserminute vor fünf. Aufstehen. Rasch auf. Raus. Asche hieven.“
Aber die Aschenhieve kreischte: „Da ist keine Yorikke!“ Und ich schrie, so laut ich konnte: „Da ist keine Yorikke! Da ist keine Yorikke! Da ist keine Yorikke!“
Ich klammerte mich an das Tau in furchtbarer Angst; denn die Yorikke war fort, und ich sah nur Meer, Meer, sah nichts als die gleichmäßigen Wogen der See.
„Stasinkowslow, spring nicht!“ Ich schrie es in namenloser Angst; denn ich konnte seinen Namen nicht finden, der mir aus der Hand gerutscht war. „Stanislaw, nicht springen! Nicht springen! Nicht. Bleib hier!“
„Die holt den Anker ein. Ich gehe nicht auf ein Totenschiff. Ich renne rüber zur Yorikke. Renne, ich renne, renne. Rüber. Komm!“
Und er sprang. Er sprang. Da war kein Hafen. Da war kein Schiff. Da war kein Ufer. Alles See. Alles Wogen.
Er tat nur ein paar patschende Schläge. Dann sank er für immer weg. Ich starrte rüber zu dem Loch, in das er gefallen war. Ich sah es in unendlich weiter Ferne. Und ich rief: „Stanislaw! Lawski! Bruder! Lieber, lieber Kamerad, komm hierher! Hoiho! Hoiho! Hierher! Hierher!“
Er hörte nicht. Er kam nicht. Er kam nicht mehr hoch. Er tauchte nicht mehr auf. Da war kein Totenschiff. Da war kein Hafen. Da war keine Yorikke. Er tauchte nicht mehr auf, no, Sir.
Und das war merkwürdig. Er tauchte nicht mehr auf, und ich konnte es nicht fassen, wie das zuging.
Er hatte angemustert für große Fahrt, für ganz große Fahrt. Aber wie konnte er nur mustern? Er hatte doch kein Seefahrtsbuch. Sie würden ihn gleich wieder runterfeuern.
Aber er kam nicht hoch. Der große Kapitän hatte ihn gemustert. Und treu hatte er ihn gemustert, auch ohne Papiere.
„Komm, Stanislaw Koslowski“, sagte der große Kapitän, „komm, ich mustere dich treu und ehrlich für große Fahrt. Laß nur die Papiere. Brauchst keine bei mir. Fährst auf treuem und ehrlichem Schiff. Geh zum Quartier, Stanislaw. Kannst du lesen, was über der Tür steht?“
Und Stanislaw sagte: „Ja, Käp’n. Wer hier eingeht, ist ledig aller Qualen!“