Ich setzte mich auf eine große Kiste, die da lag, und folgte der Tuscaloosa auf ihrem Wege über das Meer. Ich hoffte und wünschte, daß sie auf einen Felsen aufbrennen möchte und so gezwungen wäre, zurückzukommen oder wenigstens die Mannschaft auszubooten und zurückzuschicken. Aber sie ging den Felsenriffen schön aus dem Wege, denn ich sah sie nicht zurückkommen. Jedenfalls wünschte ich ihr von Herzen alle Unglücksfälle und Schiffbrüche, die einem Schiffe nur begegnen können. Was ich mir aber am deutlichsten ausmalte, das war, daß sie Seeräubern in die Hände fiele, die das ganze Schiff von oben bis unten ausplündern und dem Biest Bob die ganzen Sachen wieder abnehmen würden, die er sich ja nun inzwischen wohl angeeignet haben wird, und daß sie ihm eins so mächtig auf seine grinsende Fratze hauten, daß ihm sein Grinsen und Sticheln für sein ganzes Leben verginge.
Gerade als ich mich anschickte, ein wenig einzudröseln und von jenem hübschen Mädchen zu träumen, klopfte mir jemand auf die Schulter und weckte mich auf. Er begann sofort so rasend schnell auf mich einzureden, daß mir ganz schwindlig wurde.
Ich wurde wütend und sagte ärgerlich: „Oh rats, lassen Sie mich in Ruh; ich mag Ihr Gequassel nicht. Außerdem verstehe ich nicht ein einziges Wort von Ihrem Geklatter. Scheren Sie sich zum Teufel.“
„Sie sind Engländer, nicht wahr?“ fragte er nun in Englisch.
„No, Yank.“
„Aha, also Amerikaner.“
„Yes, und nun lassen Sie mich ungeschoren und machen Sie, daß Sie fortkommen. Ich will mit Ihnen nichts zu tun haben.“
„Aber ich mit Ihnen, ich bin von der Polizei.“
„Da haben Sie aber Glück, lieber Freund, guter Posten“, sagte ich darauf. „Was ist denn los? Geht es Ihnen dreckig oder was haben Sie sonst für Sorgen?“
„Seemann?“ fragte er weiter.
„Yes, old man. Haben Sie vielleicht einen Posten für mich?“
„Von welchem Schiff?“
„Tuscaloosa von New Orleans.“
„Ist rausgegangen um drei Uhr morgens.“
„Ich brauche Sie nicht, damit mir das erzählt wird. Haben Sie keinen besseren Witz auf Lager? Der ist schon sehr alt und stinkt.“
„Wo haben Sie Ihre Papiere?“ – „Was für Papiere?“
Ei, Schokoladencreme mit Appelsauce! Meine Seemannskarte? Die steckte in meiner Jacke, und die Jacke war in meinem Kleidersack und mein Kleidersack lag mollig unter meiner Bunk in der Tuscaloosa, und die Tuscaloosa war – ja, wo konnte sie jetzt sein? Wenn ich nur wüßte, was sie heute für Breakfast bekommen haben! Den Speck hat der Nigger sicher wieder anbrennen lassen, na, ich will ihm mal etwas erzählen, wenn ich die Galley streichen komme.
„Na, Ihre Seemannskarte. Verstehen doch, was ich meine.“
„Meine Seemannskarte. Wenn Sie die meinen sollten, nämlich meine Seemannskarte. Da muß ich Ihnen doch die Wahrheit gestehen. Ich habe keine Seemannskarte.“
„Keine Seemannskarte?“ Das hätte man hören müssen, in welch einem entgeisterten Ton er das sagte. Ungefähr so, als ob er sagen wollte: „Was, Sie glauben nicht, daß es Meerwasser gibt?“
Ihm war das unfaßbar, daß ich keine Seemannskarte hatte, und er fragte es zum dritten Male. Aber während er es diesmal fragte, offenbar rein mechanisch, hatte er sich von seinem Erstaunen erholt und fügte hinzu: „Keine andern Papiere? Paß oder Identitätskarte oder etwas Ähnliches?“
„Nein.“ Ich durchsuchte meine Taschen emsig, obgleich ich genau wußte, daß ich nicht einmal einen leeren Briefumschlag mit meinem Namen bei mir hatte.
„Kommen Sie mit mir!“ sagte darauf der Mann.
„Wohin kommen?“ fragte ich, denn ich wollte doch wissen, was der Mann vorhat und auf welches Schiff er mich verschleppen will. Auf ein Rumboot gehe ich nicht, das kann ich ihm schon jetzt vorher erzählen. Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr rauf.
„Wohin? Das werden Sie gleich sehen.“ Daß der Mann besonders freundlich gewesen wäre, hätte ich nicht behaupten können, aber die Heuerbase sind nur dann schietfreundlich, wenn sie für einen Kasten durchaus niemand kriegen können. Das also schien hier ein ganz wackeres Bötchen zu sein, auf das er mich bringen wollte. Ich hätte nicht gedacht, daß ich so schnell wieder auf einen Eimer kommen würde. Glück muß man haben und nur nicht immer gleich verzagen.
Endlich landeten wir. Wo? Richtig geraten, Sir, in der Polizeistation. Da wurde ich nun gleich gründlich durchsucht. Als sie mich durch und durch gesucht hatten und ihnen keine Naht mehr ein Geheimnis war, fragte mich der Mann ganz trocken: „Keine Waffe? Keine Werkzeuge?“
Na, da hätte ich ihm aber doch so schlankweg eine brennen können. Als ob ich ein Maschinengewehr in der oberen Hälfte des Nasenloches und eine Brechstange unter dem Augenlid hätte verstecken können! Aber so sind die Leute. Wenn sie nichts finden, behaupten sie, man habe es versteckt; denn daß man das nicht besitze, wonach sie suchen, das können sie nicht begreifen und lernen sie auch nie begreifen. Damals wußte ich das noch nicht.
Dann hatte ich mich vor einem Schreibpulte aufzustellen, an dem ein Mann saß, der mich immer so ansah, als hätte ich seinen Überzieher gestohlen. Er öffnete ein dickes Buch, in dem viele Photographien waren. Der Mann, der mich hierher gebracht hatte, spielte den Übersetzer, weil wir uns sonst nicht hätten verständigen können. Als sie unsre Jungens brauchten, im Kriege, da haben sie uns verstanden; jetzt ist das längst vorbei, und da brauchen sie nichts mehr zu wissen.
Der Hohepriester, denn so sah er aus hinter seinem Schreibpult, sah immer auf die Photographien und dann auf mich, oder genauer, auf mein Gesicht. Das tat er mehr als hundertmal, und seine Halsmuskeln wurden nicht müde, so gewohnt war er diese Arbeit. Er hatte viel Zeit, und die nahm er sich auch ganz unbekümmert. Andre hatten es ja zu bezahlen, warum sollte er sich da beeilen.
Endlich schüttelte er den Kopf und klappte das Buch zu. Offenbar hatte er meine Photographie nicht gefunden. Ich konnte mich auch nicht erinnern, daß ich mich jemals in Antwerpen hätte photographieren lassen. Schließlich wurde ich hundemüde von diesem langweiligen Geschäft, und ich sagte: „Jetzt habe ich aber Hunger. Ich habe heute noch kein Frühstück gehabt.“
„Das ist recht“, sagte der Dolmetscher und führte mich in einen schmalen Raum. Viel Möbel waren nicht drin, und die, die drin waren, die waren nicht in einer Kunstwerkstätte angefertigt worden.
Aber was ist denn das mit dem Fenster? Merkwürdig, das Zimmer hier scheint für gewöhnlich dazu zu dienen, den belgischen Staatsschatz aufzubewahren. Der Staatsschatz liegt hier sicher, denn es kann ganz bestimmt niemand von draußen hier herein, durchs Fenster einmal sicher nicht, no, Sir.
Ich möchte wissen, ob die Leute hier das wirklich Frühstück nennen. Kaffee mit Brot und Margarine. Sie haben sich von dem Kriege noch nicht erholt. Oder wurde der Krieg nur darum gemacht, um sich größere Frühstücke zu verschaffen? Dann haben sie ihn sicherlich nicht gewonnen, was immer auch die Zeitungen schreiben mögen, denn ein solches Krümchen müssen sie schon vor dem Kriege Frühstück genannt haben, weil es das Minimum an Qualität und Quantität ist, das man gerade noch Frühstück nennen kann, weil man das Stück früh bekommt.
Gegen Mittag wurde ich wieder vor den Hohenpriester gebracht.
„Wünschen Sie nach Frankreich zu gehen?“ Das wurde ich gefragt.
„Nein, ich mag Frankreich nicht, die Franzosen müssen immer setzen und können nie sitzen. In Europa müssen sie immer besetzen und in Afrika immer entsetzen. Und dieses Setzen macht mich nervös, sie können vielleicht sehr schnell Soldaten brauchen und mich, da ich ja keine Seemannskarte habe, unabsichtlich verwechseln und mich für einen ihrer Setzer halten. Nein, nach Frankreich gehe ich auf keinen Fall.“
„Wie denken Sie über Deutschland?“
Was die Leute alles von mir wissen wollen!
„Nach Deutschland mag ich auch nicht gehen.“
„Warum? Deutschland ist doch ein recht hübsches Land, da können Sie auch wieder leicht ein Schiff bekommen.“
„Nein, ich mag die Deutschen nicht. Wenn ihnen die Rechnungen vorgelegt werden, dann sind sie die Entsetzten, und wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen können, dann sind sie die Besetzten. Und weil ich doch keine Seemannskarte habe, könnte man mich dort vielleicht auch verwechseln, und ich müßte mit bezahlen. Soviel kann ich ja als Deckarbeiter nie verdienen. Da könnte ich nie die unterste Schicht der Mittelklasse erklimmen und ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden.“
„Was reden Sie soviel herum? Sagen Sie einfach, ob Sie dahin wollen oder nicht.“
Ob sie das verstehen, was ich da sage, weiß ich nicht. Aber es scheint, daß sie viel Zeit haben und froh sind, daß eine Unterhaltung im Gange ist.
„Also, dann kurz und bündig und abgemacht, Sie gehen nach Holland“, sagt der Hohepriester und der Dolmetscher erzählt es mir wieder.
„Ich mag aber die Holländer nicht“, erwiderte ich, und ich will nun auch gleich erzählen warum, als mir gesagt wird: „Ob Sie die Holländer mögen oder nicht, das geht uns gar nichts an. Machen Sie das mit den Holländern ab. In Frankreich wären Sie am besten aufgehoben gewesen. Aber da wollen Sie ja nicht hin. Nach Deutschland wollen Sie auch nicht, das ist Ihnen auch nicht gut genug, und jetzt gehen Sie einfach nach Holland. Fertig und Schluß. Eine andre Grenze haben wir nicht. Ihretwegen können wir uns auch keinen andern Nachbar aussuchen, der vielleicht Ihre Wertschätzung erwerben könnte, und ins Wasser wollen wir Sie vorläufig noch nicht schmeißen, das ist die einzige Grenze, die uns noch bleibt als letzte. Also es geht nach Holland und nun Schluß. Seien Sie froh, daß Sie so billig davonkommen.“
„Aber meine Herren, Sie sind im Irrtum, ich will gar nicht nach Holland. Die Holländer sitzen –“
„Ruhig nun. Die Frage ist entschieden. Wieviel Geld haben Sie?“
„Sie haben doch meine Taschen und Nähte alle durchsucht. Wieviel Geld haben Sie denn gefunden?“ Da soll man nun nicht wütend werden. Sie durchsuchen einen stundenlang mit Vergrößerungsgläsern, und dann fragen sie noch ganz scheinheilig, wieviel Geld man habe.
„Wenn Sie nichts gefunden haben, dann habe ich kein Geld“, sage ich.
„Das ist gut. Das ist jetzt alles. Nehmen Sie ihn wieder in die Zelle.“ Der Hohepriester hatte seine Zeremonien beendet.