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Das Totenschiff

Chapter 8: 4
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About This Book

The narrative explores the life aboard a cargo ship transporting cotton from New Orleans to Antwerp. It vividly describes the ship's quality and the crew's living conditions, highlighting the contrast between the vibrant atmosphere of New Orleans and the starkness of northern cities. The text emphasizes the humane treatment of the crew, with clean accommodations and ample food, suggesting that a happy crew is more productive. The narrator reflects on the changing nature of seafaring, noting that modern ships have become more like machines, reducing the need for traditional sailors.

4

m späten Nachmittag wurde ich zum Bahnhof gebracht. Zwei Mann, darunter der Dolmetscher, begleiteten mich. Offenbar dachten sie, ich sei noch nie in meinem Leben mit der Bahn gefahren, denn ich durfte nichts allein tun. Einer löste die Fahrkarten, während der andre dicht bei mir stehen blieb und aufpaßte, damit nicht etwa ein Taschendieb sich die vergebliche Arbeit machen sollte, noch einmal meine Taschen durchzusuchen, denn wo einmal die Polizei Taschen durchsucht hat, findet auch der geschickteste Taschendieb keinen Cooper mehr.

Der Mann, der die Karten gelöst hatte, gab mir aber meine Karte nicht. Wahrscheinlich dachte er, ich würde sie sofort wieder verkaufen. Sie begleiteten mich dann sehr höflich auf den Bahnsteig und brachten mich zu meinem Abteil. Ich glaubte, sie würden sich hier von mir verabschieden. Aber das taten sie nicht. Sie setzten sich zu mir in das Abteil, und um mich vor dem Hinausfallen zu bewahren, nahmen sie mich in ihre Mitte. Ob belgische Polizeibeamte immer so höflich mit Leuten sind, weiß ich nicht. Ich jedenfalls konnte mich über sie nicht beklagen. Sie gaben mir dann Zigaretten. Wir rauchten, und der Zug dampfte los. Nach einer kurzen Fahrt verließen wir den Zug und kamen in ein kleines Städtchen. Wieder wurde ich zu einer Polizeistation gebracht. Ich hatte mich auf eine Bank zu setzen in jenem Raum, wo sich alle die Polizeibeamten aufhielten, die in Reserve waren. Die beiden Leute, mit denen ich gekommen war, erzählten eine große Geschichte über mich. Die übrigen Cops, ich meine die übrigen Polizeibeamten, glotzten mich alle der Reihe nach an, manche interessiert, als ob sie noch nie einen solchen Mann gesehen hätten, und andre wieder, als hätte ich irgendwo einen Doppelraubselbstmord verübt.

Gerade diejenigen, die mich in so verhängnisvoller Weise anstarrten, die mich der Verübung der gräßlichsten Verbrechen, deren Täter man noch nicht erwischt hatte, fähig hielten, und die mir noch viel schwerere Verbrechen in Zukunft zutrauten als ich, ihrer untrüglichen Meinung zufolge, schon verübt habe, flößten mir plötzlich den Gedanken ein, daß ich hier auf den Henker zu warten habe, der augenscheinlich nicht zu Hause war und erst gesucht werden mußte.

Da war nichts zu lachen, no, Sir. Es war eine sehr ernste Sache. Man braucht nur ein wenig darüber nachzudenken. Ich hatte keine Seemannskarte, ich hatte keinen Paß, ich hatte keinen Identitätsausweis, ich hatte kein sonstiges Papier, und meine Photographie hatte der Hohepriester in seinem dicken Buche auch nicht gefunden. Wenn da wenigstens noch meine Photographie gewesen wäre, dann hätte er doch gleich gewußt, wer ich bin. Von der Tuscaloosa achtern abgeblieben zu sein, das konnte jeder erzählen, der sich da herumtrieb. Eine Wohnung hatte ich nirgendwo auf der Welt. Entweder ein Eimer oder eine Seemannsherberge. Mitglied irgendeiner Handelskammer war ich auch nicht. Ich war eben ein Niemand. Na, nun frage ich, warum sollten die armen Belgier einen Niemand durchfüttern, wo sie doch schon so viele Niemandskinder durchzufüttern haben, die wenigstens immer noch zur Hälfte hierher gehören. Ich aber gehörte mit keiner Hälfte hierhin. Ich war nur eine weitere Ursache, daß sie in Amerika wieder Geld pumpen mußten. Mich zu hängen, war der kürzeste und einfachste Weg, um mich los zu werden. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Kein Mensch kümmerte sich um mich, kein Mensch würde nach mir fragen, meinen Namen brauchten sie gar nicht einmal in ihre dicken Bücher zu schreiben. Und hängen würden sie mich, ganz sicher. Sie warteten nur noch auf den Henker, der das Geschäft versteht, sonst wäre es ja ungesetzlich und ein Mord.

Wie recht ich hatte. Da war der Beweis. Einer der Cops kam auf mich zu und gab mir zwei dicke Pakete mit Zigaretten, die letzte Gabe an den armen Sünder. Dann gab er mir auch noch Zündhölzer, setzte sich zu mir und radebrechte mit mir, lachte und war freundlich, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Ist nicht so schlimm, Junge, nehmen Sie es nicht zu tragisch. Rauchen Sie, damit Ihnen die Zeit nicht lang wird. Wir müssen warten, bis es finster ist, sonst können wir es nicht gut machen.“ Nicht tragisch nehmen, wenn man gehängt werden soll. Ist nicht so schlimm. Ich möchte wissen, ob es mit ihm schon mal versucht worden ist, daß er so bestimmt sagen kann: Ist nicht so schlimm. Warten, bis es finster ist. Freilich, bei Tage trauen sie sich nicht so recht, es könnte uns ja vielleicht jemand begegnen, der mich kennt, und dann wäre der Spaß verdorben. Aber es hat ja keinen Zweck, den Kopf hängen zu lassen, er wird bald genug von selber hängen. Und ich rauche erst einmal wie ein Fabrikschlot, damit sie nicht am Ende gar noch die Zigaretten sparen.

Die Zigaretten schmecken nach gar nichts. Das reine Stroh. Verflucht nochmal, ich will nicht hängen. Wenn ich nur wüßte, wie ich hier heraus komme. Aber die sind ja immerfort um mich herum. Und jeder neue, der abgelöst ist und hereinkommt, glubscht mich an und will von den andern wissen, wer ich bin, warum ich hier sei, und wann ich gehängt werde. Und dann grient er übers ganze Gesicht. Ein widerliches Volk. Ich möchte wissen, warum wir denen geholfen haben.

Später bekam ich mein letztes Essen. Aber solche Geizhälse gibt es auf der ganzen Erde nicht mehr. Das nennen sie nun eine Henkersmahlzeit: Kartoffelsalat mit einer Scheibe Leberwurst und ein paar Schnitten Brot mit Margarine. Zum Heulen ist es. Nein, die Belgier sind keine Guten, und es fehlte nicht viel, und ich wäre beinahe verwundet worden, als wir sie aus der Suppe ziehen mußten und unser Geld los wurden. Einer, der mir die Zigaretten gegeben hatte und mir einzureden versuchte, es sei nicht so schlimm, gehenkt zu werden, sagte nun: „Sie sind doch ein guter Americain, sie trinken doch keinen Wein, nicht wahr?“ Und dabei lachte er mich an. Teufel nochmal, wenn er nicht ein solcher Heuchler wäre mit seinem Nicht-so-schlimm, man könnte beinahe glauben, daß es auch feine und nette Belgier gibt.

„Guter Amerikaner? Schiet auf Amerika. Ich trinke Wein, aber feste.“

„Das habe ich mir doch gleich gedacht,“ sagte der Cop schmunzelnd. „Sie sind echt. Das ist ja alles Alterweiberhumbug mit eurer sogenannten Prohibition. Laßt euch von Tanten und Betschwestern kommandieren. Mich geht es ja nichts an. Aber hier bei uns, da haben wir Männer noch die Hosen an.“

Gosh, da ist endlich einer, der den Pfahl im Fleische sieht. Der Mann kann nicht verlorengehen, er kann durch dickes Wasser bis auf den Grund sehen. Schade um den Mann, daß er Cop ist. Aber wenn er nicht Cop wäre, würde ich wahrscheinlich dieses Riesenglas voll guten Weines, das er jetzt vor mich hinstellte, nie gesehen haben. Prohibition ist eine Schande und eine Sünde, Gott sei’s geklagt. Ich bin sicher, daß wir irgendwann und irgendwo etwas Furchtbares verbrochen haben müssen, weil uns diese köstliche Gottesgabe genommen wurde.

Gegen zehn Uhr abends sagte der Weinspender zu mir: „So, nun ist es Zeit für uns, Seemann, kommen Sie mit mir.“

Was hätte es für Sinn, zu schreien: „Ich will nicht gehenkt werden!“ wenn da vierzehn Mann um einen herum sind, und alle vierzehn vertreten das Gesetz. Das ist eben Schicksal. Zwei Stunden hätte die Tuscaloosa nur zu warten brauchen. Aber zwei Stunden bin ich nicht wert, hier bin ich noch viel weniger wert.

Der Gedanke an diese Wertlosigkeit empörte mich aber doch, und ich sagte: „Ich geh nicht mit. Ich bin Amerikaner, ich werde mich beschweren.“

„Ha!“ schrie einer höhnisch herüber, „Sie sind kein Amerikaner. Beweisen Sie es doch. Haben Sie eine Seemannskarte? Haben Sie einen Paß? Nichts haben Sie. Und wer keinen Paß hat, ist niemand. Mit Ihnen können wir machen, was uns beliebt. Und das werden wir jetzt, und Sie werden nicht gefragt. Raus mit dem Burschen.“

Es war nicht nötig, daß ich mir vielleicht erst noch einen Hieb über den Schädel holte, am Ende war ich ja nur der Dumme. So mußte ich halt lostrotten.

An meiner linken Seite ging der lustige Mann, der radebrechen konnte, und an meiner rechten Seite ging ein andrer. Wir verließen das kleine Städtchen und befanden uns bald auf offnen Feldern.

Es war entsetzlich finster. Der Weg, auf dem wir gingen, war nur ein holpriger, zerfahrener Landweg, wo man schlecht laufen konnte. Ich hätte nur gern gewußt, wie lange wir so wandern wollten, bis das traurige Ziel erreicht war.

Nun verließen wir auch noch diese elende Straße und bogen in einen Wiesenpfad ein. Eine gute Weile ging es über Wiesen.

Jetzt war es Zeit, abzuhäuten. Aber diese Burschen waren augenscheinlich Gedankenleser. Gerade als ich einen ausschwingen will, um zuerst einmal dem einen Nachbar einen sanften Bläser an die Kinnbacken zu haken, packt mich der Mann am Arm und sagt: „Nun sind wir da. Jetzt haben wir einander Lebewohl zu sagen.“

Ein entsetzliches Gefühl, wenn man die letzte Minute so klar und trocken heranschleichen sieht. Nicht einmal schleichen. Sie stand gleich ganz nüchtern vor mir. Es war mir sehr trocken in der Kehle. Ich hätte gern einen Schluck Wasser gehabt. Aber nun war ja wohl an Wasser nicht mehr zu denken. Die paar Augenblicke würde es auch noch ohne Wasser gehen, das hätten sie mir sicher geantwortet. Ich hätte den Weinspender nicht für einen solchen Heuchler gehalten. Einen Henker hatte ich mir anders vorgestellt. Es ist doch ein dreckiges, ein schäbiges Geschäft; als ob es nicht andre Berufe gäbe. Nein, gerade Henker, Bestie sein, und das sogar noch als Beruf.

Nie vorher im Leben hatte ich so stark gefühlt, wie wunderschön das Leben ist. Wunderschön und über alle Maßen köstlich ist sogar das Leben, wenn man müde und hungrig zum Hafen kommt und erkennt, daß einem das Schiff weggefahren ist und man zurückgelassen ist ohne Seemannskarte. Leben ist immer schön, wenn es auch noch so trübe aussieht. Und in einer so finstern Nacht auf freiem Felde einfach so fortgewischt zu werden, als wäre man nur gerade ein Wurm –! Hätte ich von den Belgiern nicht gedacht. Aber schuld daran ist die Prohibition, die einen so schwach macht gegen Versuchungen. Wenn ich jetzt, gerade jetzt, diesen Mr. Volstead hier zwischen meinen Fingern hätte! Was muß der Mann für eine böse Frau gehabt haben, daß er so etwas ausdenken und ausstinken konnte! Froh bin ich aber doch, daß auf mich diese Millionen Flüche nicht herabgedonnert werden, die das Leben dieses Mannes belasten.

„Oui, Mister, wir haben Lebewohl zu sagen. Sie mögen ja ein ganz netter Mensch sein. Augenblicklich haben wir aber gar keine Verwendung für Sie.“

Deshalb brauchen Sie einen doch aber nicht gleich zu henken.

Er hob seinen Arm. Offenbar, um mir die Schlinge über den Kopf zu werfen und mich zu erdrosseln; denn die Mühe, einen Galgen aufzubauen, hatten sie sich nicht gemacht. Das hätte zuviel Ausgaben verursacht.

„Da drüben,“ sagte er nun und zeigte mit ausgestrecktem Arme in die Richtung, „da drüben, geradenwegs, wo ich hinweise, da ist Holland. Netherland. Haben Sie doch sicher schon davon gehört?“

„Ja.“

„Jetzt gehen Sie geradenwegs in jene Richtung, die ich Ihnen hier mit meinem Arme andeute. Ich glaube nicht, daß Sie da jetzt einen Kontrollbeamten treffen werden. Wir haben uns erkundigt. Sollten Sie aber jemand sehen, dann gehen Sie ihm sorgfältig aus dem Wege. Nach einer Stunde Gehens immer in dieser Richtung kommen Sie an die Eisenbahnlinie. Folgen Sie der Linie noch eine kurze Strecke in derselben Richtung, dann kommen Sie zur Station. Halten Sie sich da in der Nähe auf, aber lassen Sie sich nicht sehen. Gegen vier Uhr morgens kommen dann eine Menge Arbeiter, und dann gehen Sie zum Schalter und sagen nur ‚Rotterdam derde klasse‘, aber sagen Sie kein einziges Wort mehr. Hier haben Sie fünf Gulden.“

Er gab mir fünf Geldscheine.

„Und da ist noch ein Happen zu essen für die Nacht. Kaufen Sie nichts auf der Station. Sie sind bald in Rotterdam. So lange halten Sie es dann schon aus.“

Nun gab er mir ein kleines Paketchen, in dem allem Anschein nach Butterbrote waren. Dann bekam ich noch ein Paket Zigaretten und eine Schachtel Zündhölzer.

Was soll man von diesen Leuten sagen? Sie sind hinausgeschickt, um mich zu henken, und geben mir noch Geld und Butterbrote, damit ich mich aus dem Staube machen kann. Sie haben ein zu gutes Herz, mich so kalt umzubringen. Da soll man nun die Menschen nicht lieben, wenn man so gute Kerle selbst unter den Polizisten findet, deren Herz durch das ewige Menschenjagen durch und durch verhärtet ist. Ich schüttelte den beiden so sehr die Hände, daß sie Angst bekamen, ich wollte die Hände mitnehmen.

„Machen Sie nicht solchen Spektakel, einer von drüben kann Sie vielleicht gar hören, und dann ist alles im Dreck. Und das wäre nicht gut, dann könnten wir wieder von vorn anfangen.“ Der Mann hatte recht. „Und nun hören Sie gut zu, was ich Ihnen jetzt sage.“ Er sprach halblaut, bemühte sich aber, mir alles deutlich zu machen dadurch, daß er das Gesagte mehrfach wiederholte. „Kommen Sie ja nicht nochmal nach Belgien zurück, das kann ich Ihnen nur sagen. Wenn wir Sie nochmal innerhalb unsrer Grenzen finden, Sie können sich darauf verlassen, wir sperren Sie ein auf Lebenszeit. Auf Lebenszeit im Gefängnis. Lieber Freund, das ist allerlei. Also ich warne Sie ausdrücklich. Wir wissen ja nicht, wohin mit Ihnen. Sie haben ja keine Seemannskarte.“

„Aber vielleicht hätte ich zum Konsul –“

„Gehen Sie mir mit Ihrem Konsul. Haben Sie eine Seemannskarte? Nein. Na also. Da pfeffert Sie Ihr Konsul raus, vierkant, und wir haben Sie auf dem Halse. Sie wissen jetzt Bescheid. Auf Lebenszeit Gefängnis.“

„Ganz bestimmt, meine Herren, ich verspreche es Ihnen. Ich werde nicht mehr Ihr Land betreten.“ Warum sollte ich auch? Ich hatte ja in Belgien nichts verloren. Ich war eigentlich froh, daß ich raus kam. Holland ist viel besser. Die versteht man schon zur Hälfte, während man hier kein Wort versteht, was die Leute reden, und was sie wollen.

„Gut also. Sie sind nun verwarnt. Nun hüpfen Sie los und seien Sie vorsichtig. Wenn Sie Tritte hören, legen Sie sich hin bis die Schritte vorübergegangen sind. Lassen Sie sich nur nicht kriegen, sonst kriegen wir Sie, und dann geht es Ihnen schlecht. Viel Glück auf die Reise.“

Die schoben ab und ließen mich allein.

Dann, kreuzvergnügt, wanderte ich los. Immer in jener Richtung, die mir gezeigt worden war.