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Rotterdam ist eine hübsche Stadt. Wenn man Geld hat. Ich hatte keins, nicht einmal eine Börse, wo ich es hätte hineinstecken können, wenn ich welches gehabt hätte.
Da war auch nicht ein einziges Schiff im Hafen, das einen Deckarbeiter oder einen Ersten Ingenieur gebraucht hätte. Zu jener Zeit war mir das ganz gleich. Wenn auf einem Schiff ein Erster Ingenieur verlangt worden wäre, ich hätte den Posten angenommen. Glatt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Der Krach kommt ja erst, wenn das Schiff draußen ist, auf hoher Fahrt. Und dann können sie einen doch nicht so einfach über Bord feuern. Anzustreichen gibt es immer etwas, da findet sich dann also schon die rechte Arbeit. Man ist ja schließlich auch nicht so, daß man nun mit Mord und Tod auf das Gehalt des Ersten Ingenieurs pocht. Man kann ja etwas nachlassen. Gosh, in welchem Laden wird nicht auch einmal vom Preise heruntergehandelt, wenn das Plakat „Feste Preise“ auch noch so groß gemalt ist?
Krach hätte es sicher gegeben; denn damals konnte ich eine Kurbel nicht von einem Ventil und eine Bleuelstange nicht von einer Welle unterscheiden. Das wäre ja beim ersten Signal herausgekommen, wenn der Skipper hinuntergeklingelt hätte „Totlangsam“, und gleich darauf wäre der Eimer losgeschossen, als ob er auf Tod und Leben verpflichtet sei, das „Blue Ribbon“, das Blaue Band, zu gewinnen. Ein Spaß wäre es ja doch. Aber es lag nicht an mir, daß ich den Spaß nicht ausprobieren konnte, denn niemand suchte einen Ersten Ingenieur. Es wurde überhaupt niemand gesucht, auf keinem Schiff. Ich hätte alles angenommen, was zwischen Kapitän und Küchenjunge ist. Aber nicht einmal ein Kapitän wurde vermißt.
Nun trieben sich auch schon so viele Seeleute dort herum, die alle auf ein Schiff warteten. Und nun gar noch eins erwischen, das ’rüber geht nach den States, das ist schon ganz hoffnungslos. Alle wollen sie auf einen Kasten, der rüber geht, weil sie dort alle absacken wollen, achtern raussegeln. Denn alle denken, drüben werden die Leute mit Rosinen gefüttert, sie brauchen den Schnabel nur hinzuhalten. Schiet. Und dann liegen sie dort zu Zehntausenden in den Häfen rum und warten auf ein Schiff, das sie wieder heimbringt, weil eben alles ganz anders ist, als sie sich gedacht haben. Die goldnen Zeiten sind vorüber, sonst würde mich niemand als Deckarbeiter auf der Tuscaloosa gefunden haben.
Aber die beiden netten belgischen Cops haben mir einen Tip gegeben: Mein Konsul. Mein! Die beiden Cops schienen meinen Konsul besser zu kennen als ich. Merkwürdig. Es ist doch meine Pflicht, ihn besser zu kennen, denn er ist doch meiner. Er ist ja meinetwegen in der Welt. Er wird ja meinetwegen bezahlt.
Der Konsul klariert Dutzende von Schiffen aus, da wird er ja auch etwas wissen über verlangte Deckarbeiter, besonders wenn ich kein Geld habe.
„Wo haben Sie Ihre Seemannskarte?“
„Die habe ich verloren.“
„Haben Sie einen Paß?“
„Nein.“
„Bürgerpapier?“
„Nie gehabt.“
„Ja, was wollen Sie denn dann hier?“
„Ich habe gedacht, daß Sie mein Konsul seien, daß Sie mir helfen würden.“
Er griente. Sonderbar, daß die Menschen immer grienen, wenn sie einen den Hieb versetzen wollen.
Und mit diesem Grienen auf den Lippen sagte er: „Ihr Konsul? Das müssen Sie mir beweisen, lieber Mann, daß ich Ihr Konsul bin.“
„Ich bin doch aber Amerikaner, und Sie sind amerikanischer Konsul.“ Das war doch ganz richtig.
Aber es schien nicht richtig zu sein, denn er sagte: „Amerikanischer Konsul, wenn auch augenblicklich noch nicht Erster, bin ich allerdings. Aber ob Sie Amerikaner sind, das müssen Sie mir erst beweisen. Wo haben Sie denn Ihre Papiere?“
„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, die habe ich verloren.“
„Verloren. Wie kann man seine Papiere verlieren? Die trägt man doch stets bei sich, besonders wenn man in einem fremden Lande ist. Sie können ja nicht einmal beweisen, ob Sie überhaupt auf der Tuscaloosa waren. Können Sie das beweisen?“
„Nein.“
„Also. Was wollen Sie da hier? Wenn Sie auch auf der Tuscaloosa waren, selbst wenn es bewiesen werden könnte, daß Sie wirklich drauf waren, so wäre das noch nicht der geringste Beweis, daß Sie Bürger sind. Auf einem amerikanischen Schiffe können auch Hottentotten arbeiten. Also, was wollen Sie hier? Wie kommen Sie überhaupt von Antwerpen ohne Papiere hierher nach Rotterdam? Das ist doch merkwürdig.“
„Die Polizei hat mich doch –“
„Kommen Sie mir gefälligst nicht noch mal mit einer solchen Erzählung. Wo ist denn das erhört, daß Staatsbeamte jemand auf diesem ungesetzlichen Wege über die Grenze in ein fremdes Land schicken? Ohne Papiere. Sie können mich nicht damit aufziehen, lieber Mann.“
Und das alles sagte er grienend und ewig lächelnd; denn der amerikanische Beamte hat immer zu lächeln, selbst wenn er ein Todesurteil verkündet. Das ist seine republikanische Pflicht. Was mich aber am meisten ärgerte, war, daß er während seiner Rede immer mit dem Bleistift spielte. Bald kritzelte er damit auf der Tischplatte herum, bald kratzte er sich damit im Haar, bald trommelte er damit „My Old Kentucky Home“, und bald tippte er mit dem Bleistift so auf den Tisch, als ob er mit jedem Tippen ein Wort festnageln wollte.
Ich hätte ihm am liebsten das Tintenfaß ins Gesicht geworfen. Aber ich mußte Geduld üben, und so sagte ich: „Vielleicht können Sie mir wieder ein Schiff verschaffen, damit ich heimkomme. Es kann ja sein, daß ein Skipper um einen Mann zu kurz ist, oder daß einer erkrankt.“
„Ein Schiff? Ohne Papiere ein Schiff? Von mir nicht, da brauchen Sie gar nicht erst wiederzukommen.“
„Aber wo soll ich denn Papiere herbekommen, wenn Sie mir keine geben?“ fragte ich.
„Was geht mich denn das an, wo Sie Ihre Papiere herkriegen. Ich habe sie Ihnen doch nicht abgenommen. Oder? Da könnte ja jeder Herumtreiber, der auf seine Papiere nicht besser acht gibt, kommen und von mir Papiere verlangen.“
„Well, Sir,“ sagte ich darauf, „ich glaube, es haben auch schon andre Leute, die nicht Arbeiter sind, ihre Papiere verloren.“
„Richtig. Aber diese Leute haben Geld.“
„Ach so!“ schrie ich laut, „jetzt verstehe ich.“
„Nichts verstehen Sie,“ griente er, „ich meine, dann sind das Leute, die noch andre Ausweise haben, Leute, bei denen kein Zweifel zulässig ist, Leute, die ein Zuhause haben, die eine Adresse haben.“
„Was kann ich denn dafür, daß ich keine Villa habe, kein Zuhause und keine andre Adresse als meinen Arbeitsplatz.“
„Das geht mich nichts an. Sie haben die Papiere verloren. Sehen Sie zu, wo Sie andre herbekommen. Ich habe mich an meine Bestimmungen zu halten. Nicht meine Schuld. Haben Sie schon gegessen?“
„Ich habe doch kein Geld, und gebettelt habe ich noch nicht.“
„Warten Sie einen Augenblick.“
Er stand auf und ging in ein andres Zimmer. Nach einigen Minuten kam er zurück und brachte mir eine Karte.
„Hier haben Sie eine Verpflegungskarte für drei volle Tage im Seemannshause. Wenn sie abgelaufen ist, können Sie ruhig nochmal wiederkommen. Versuchen Sie nochmal, vielleicht bekommen Sie ein andres Schiff, von einer andern Nationalität. Manche nehmen es nicht so genau. Ich darf Ihnen keine Andeutungen machen. Sie müssen das selbst herausfinden. Ich bin hier ganz machtlos. Ich bin lediglich ein Diener des Staates. ’m sorry, old fellow, can’t help it. Good-bye and g’d luck!“ Möglich, der Mann hat recht. Vielleicht ist er gar nicht so ein Biest. Warum sollen Menschen denn Biester sein? Ich glaube beinahe, der Staat ist das Biest. Der Staat, der den Müttern die Söhne nimmt, um sie den Götzen vorzuwerfen. Dieser Mann ist der Diener des Biestes, wie der Henker der Diener des Biestes ist. Alles, was der Mann sagte, war auswendig gelernt. Das hatte er jedenfalls lernen müssen, als er seine Prüfung ablegte, um Konsul zu werden. Das ging klipp-klapp. Auf jede meiner Aussagen hatte er eine passende Antwort, die mir sofort das Maul stopfte. Aber als er fragte: „Haben Sie Hunger? Haben Sie schon gegessen?“ da wurde er plötzlich Mensch und hörte auf, Biestdiener zu sein. Hunger haben ist etwas Menschliches. Papiere haben ist etwas Unmenschliches, etwas Unnatürliches. Darum der Unterschied. Und das ist die Ursache, warum Menschen immer mehr aufhören, Menschen zu sein, und anfangen, Figuren aus Papiermaché zu werden. Das Biest kann keine Menschen brauchen; die machen zu viel Arbeit. Figuren aus Papiermaché lassen sich besser in Reih’ und Glied stellen und uniformieren, damit die Diener des Biestes ein bequemeres Leben führen können. Yesser, yes, Sir.