WeRead Powered by ReaderPub
Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen cover

Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Chapter 5: 3. Sturm.
Open in WeRead

About This Book

Die Erzählung begleitet eine junge Lehrerin, die in einer kleinen Stadt Schule und Haushalte mit Wärme und Einsatz belebt, und ihren Umgang mit Schülerinnen, einer gebrechlichen Kollegin und Angehörigen. In episodischen Szenen entfalten sich Festtagsfreuden, Unwetter, finanzielle Nöte, Familienverhältnisse und Abschiede; Hilfsbereitschaft, Klugheit und moralisches Erwachsenwerden stehen im Mittelpunkt. Die Handlung verbindet häusliche Alltagsbegebenheiten mit Prüfungen und Veränderungen, bis die Figuren nach Trennung und Neuanfang an Selbstständigkeit und Lebenserfahrung gewinnen, wobei die Weihnachtszeit als Anlass für Gemeinschaftsgefühle und Fürsorge dient.

3.
Sturm.

Der Kommerzienrat Feldwart saß in seinem Lehnstuhl, als Siegfried gegen Mittag bei ihm eintrat; zum erstenmal fiel diesem die bleiche, tonlose Farbe und die Schlaffheit der Züge seines väterlichen Freundes auf. Müde öffnete derselbe die halb geschlossenen Augen, aber als er Siegfried erkannte, flog ein freundliches Lächeln über das welke Gesicht: „Tritt näher, lieber Siegfried, du störst mich nicht!“

Siegfried trat näher, er nahm auch auf einen Augenblick den ihm gebotenen Stuhl; aber als er von seiner Liebe zu Martha anfing zu sprechen, da stand er vor dem Vater, eine schöne, kräftige jugendliche Gestalt, die wohl geeignet schien, ein zartes Mädchen zu stützen.

Herr Feldwart mochte Ähnliches denken; er sah ihn mit wehmütigem Wohlgefallen an, als sein warmes Herz die Worte rasch und fließend über die Lippen trieb, aber er unterbrach ihn bald mit demselben Schreckensruf, wie gestern die Tochter: „Aber Siegfried: Amerika!“

„Herr Feldwart“, sagte dieser, „ich denke, wenn Sie mir nur ein wenig mit Rat und That beistehen wollen, so wird es ohne den Oheim in Missouri gehen!“

„Kindskopf!“ rief der alte Herr ungeduldig, schob seinen Stuhl zurück, ging einigemal mit großen Schritten heftig durchs Zimmer und blieb dann vor Siegfried stehen, „Kindskopf! willst du deine ganze Zukunft einem Mädchen opfern, das noch ein Kind ist und noch gar nicht weiß, was es thun oder lassen soll? Da wird nichts daraus, mein Lieber!“

„Ich denke, Martha weiß, daß sie mich lieb hat, das ist mir genug. O bitte, hören Sie mich an, Herr Feldwart; der Oheim in Missouri schrieb seit meines Vaters Tode nicht wieder; er wollte mich damals bestimmen, sogleich zu ihm zu kommen; ich schlug ihm das ab, vielleicht mit etwas kurzen Worten. Er wird sich indessen andere Hilfe gesucht haben, und es widersteht mir, hinüber zu gehen und mich ihm anzubieten, gewissermaßen in der Absicht, ihn zu beerben; ich kann dies erwarten und möchte mir weit lieber hier durch meine eigene Thätigkeit eine Existenz gründen.“

„Sehr großartig“, sagte der Kommerzienrat ein wenig ironisch, „und wie, wenn ich fragen darf?“

Da kam denn wieder Rosenhof zutage.

„Verstehen Sie mich nicht falsch; ich möchte keinerlei Ansprüche an Ihre Hilfe machen; aber Martha und ich lieben uns sehr. Wenn Sie mir mit einem kleinen Vorschuß und Ihrem Kredit helfen wollten, könnte ich das Gut übernehmen. Martha und ich würden sehr fleißig und sparsam sein und es nach und nach abtragen; Sie wissen, ich bin kein schlechter, leichtsinniger Wirt, und ich habe das Meinige gelernt, und Martha will mir gerne dabei helfen.“

„Ist auch ganz dafür erzogen, versteht recht viel von der Wirtschaft“, fuhr der Vater auf.

Er hatte während Siegfrieds Worten das Zimmer ruhelos durchmessen; dennoch war dem Jüngling der Wechsel der Farbe auf seinem Gesichte, der Ausdruck von Kampf und Qual in seinen Zügen nicht entgangen. Jetzt standen sie sich gegenüber.

Herr Feldwart war totenbleich aber ernst und gefaßt: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Siegfried! und ich werde es nicht thun, auch nicht mit einem einzigen Pfennig; das Beste ist, ihr seht euch gar nicht wieder!“

„Das ist nicht Ihr Ernst, das können Sie nicht wollen?“

„Siegfried, du weißt, was ich deinem Vater versprochen habe; du weißt, wie ich dich lieb gehabt habe diese ganze Zeit; Gott weiß, daß es mir schwer wird! ich kann es dir auch nicht erklären, später wirst du es einmal verstehen: Siegfried, dies ist mein letztes Wort! Ich werde niemals, niemals meine Erlaubnis zu deiner Verheiratung mit Martha geben; ich werde dir keinen Heller vorstrecken zur Übernahme von Rosenhof; wenn du mich nicht töten oder um meinen Verstand bringen willst (der Arme sah aus, als sei dies sehr leicht möglich), so verlasse jetzt das Haus, sieh Martha nicht wieder, lege das Weltmeer zwischen dich und sie, da wirst du ruhiger werden.“

„Und Martha?“ fragte Siegfried tonlos.

„Martha“, sprach der Kommerzienrat, und es klang wie Schluchzen in seiner Stimme, „Martha ist jung, es geht nicht anders, Siegfried!“

Siegfried liebte, aber Siegfried war auch stolz; er wandte sich und ging zur Thüre, und der Vater, hingesunken in den Lehnstuhl, bleich und zitternd, hörte ihn die Treppe hinunterstürmen und das Haus verlassen.

Martha saß indessen mit heißen Wangen neben der Mutter, der sie ihr süßes Geheimnis anvertraut hatte; sie lauschten beide auf des Vaters Ruf; auch die Mutter zweifelte nicht an der glücklichsten Lösung; jetzt kamen eilige Schritte über den Korridor; Martha flog auf, wie sie glaubte dem Geliebten entgegen. Er stürmte vorüber. Sie hörten die Hausthüre sich öffnen und schließen, sie sahen ihn fortstürmen, ohne sich umzusehn: „Ach Mutter, liebe Mutter, was ist das?“

Frau Feldwart war eben so bestürzt als Martha. Als eine halbe Stunde lang in des Vaters Zimmer kein Ton zu hören war, ging sie leise zu ihm hinein. Martha saß mit angehaltenem Atem; es schien ihr eine Ewigkeit vergangen zu sein, bevor die Mutter zurückkam. Sie sah blaß und verweint aus, setzte sich neben Martha, nahm ihre Hände und sagte: „Mein gutes, armes Kind, du mußt dich darein finden; dein Vater hat dem Siegfried nein gesagt. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es gar nicht; aber er muß sehr ernsthafte Gründe haben; er ist selbst so erschüttert, ich fürchte, es wird ihm schaden.“

Martha starrte die Mutter an und schüttelte ganz langsam den Kopf: „Es kann ja nicht sein, es kann ja gar nicht sein!“

Sie saßen eine Weile starr und stumm.

„Martha“, sagte die Mutter nach einiger Zeit, „versprich mir eins: sei jetzt ruhig und quäle den Vater nicht; ich fürchte, es steht nicht zum besten um seine Gesundheit; ihr seid beide noch jung, Siegfried hat dich sehr lieb. Wenn die Hindernisse, welche zwischen euch liegen, überwunden werden können, so überwindet er sie mit der Zeit; es ist irgendetwas dabei, was ich nicht begreife. — Hörst du, Martha? füge dich und quäle den armen Vater in diesen Tagen nicht!“

Martha versprach es unter heißen Thränen. Der Gedanke, Siegfried werde alles versuchen, ihre Hand zu erlangen, war ihr tröstlich. Das Wiedersehn mit dem Vater erschütterte beide sehr; er drückte sie immer wieder ans Herz: „Mein armes Kind, es geht ja nicht anders! Martha, sei ruhig! mach mir das Herz nicht noch schwerer!“ Er sah so unsäglich elend aus, daß Martha wirklich den Versuch machte, sich äußerlich zu bezwingen. Langsam und trübe schlich die Festwoche dahin; die geplanten Vergnügungen wurden abgesagt mit dem Bemerken, daß Herr Feldwart unwohl sei. Die Freunde, welche ins Haus kamen, fanden Frau Feldwart nur etwas ernster als sonst, und Martha ließ sich nicht sehen.

Mit den Neujahrskarten kam ein Brief von Siegfried:

„Meine liebe Martha!

„Da mich Dein Vater abgewiesen hat, ohne mir auch nur die geringste Hoffnung zu lassen, so eile ich nun dahin, wo ich sicher glaube, mir so viel zu erwerben, daß ich, so Gott will, später mit größerem Rechte vor ihn hintreten und meinen Wünschen Geltung verschaffen kann. Bis dahin behüte Dich Gott: ich will kein Versprechen und gebe Dir keins, aber, daß ich Dich fort und fort lieben werde wie heute — das weiß ich! Der Vater meines Freundes und Kameraden, General W., war mir behilflich, meine hiesigen Verpflichtungen schnell zu lösen, und wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich bereits auf dem Wege nach Bremen, wo ich mich einschiffen will nach meiner neuen Heimat. Sei tapfer und hoffe, meine liebe Martha, wie Dein betrübter, treuer Siegfried Kraus.“

Einen Augenblick war sie glücklich; es war ja ein Lebenszeichen von ihm; im andern wurde es ihr klar: er war ja fort, weit fort! Wie lange würde sie ihn nun nicht sehen, vielleicht nicht einmal von ihm hören; es war ihr, als wäre ihr ganzes Jugendglück, aller Sonnenschein und jede Hoffnung ihres Lebens mit ihm eingeschifft und zöge von ihr fort in unabsehbare Ferne. Sie weinte — weinte, als sollte ihr das Herz brechen. Dann bezwang sie sich, so lange sie bei den Eltern war; aber abends in ihrem sonst so trauten Stübchen, da brach der Schmerz aufs neue aus. Sie wollte sich Trost suchen, sie holte ihre Bibel, aber die Worte verschwammen vor ihren umflorten Augen; sie dachte des Weihnachtsliedes: „Ich bin zum Leid nun auch bereit, da du es durch dein Leid geweiht!“ Aber dies Leid war ja zu schwer, an solche Trübsal hatte sie dabei nicht gedacht. Sie suchte ihr Lager; vor acht Tagen war sie so glückselig eingeschlafen; konnte man denn in einer Woche so unglücklich werden? Das Kopfkissen war naß von ihren Thränen, und Mitternacht war lange, lange vorüber, da erst trat mit leichtem, leisen Schritte der Schlummerengel ins Zimmer und deckte sie und ihren heißen Schmerz mit seinem kühlen, weichen Flügel zu.

Als Martha am andern Morgen erwachte, drang schon das Morgenlicht durch die halbgeöffneten Jalousieen. Wie schwer ist das Erwachen, wenn über Nacht das ganze Leben eine andere Gestalt angenommen hat. Langsam und mechanisch kleidete sie sich an zu einem Leben ohne ihn und ohne Freude. Daß es unten im Hofe unruhiger war als sonst, hörte sie anfangs nicht, und als sie es wahrnahm, schob sie es auf die vorgerückte Tageszeit. Ihr Zimmerchen lag nach dem Hofe heraus; an der gegenüber liegenden Seite desselben zogen sich die Comptoirräume hin. Als sie die Fenster öffnete, fiel ihr eine hohe, kräftige Männergestalt in die Augen, welche mit eiligem Schritt ins Geschäftslokal trat: „Onkel Konsul, so früh am Morgen?“ Der erste Buchhalter lief mit Briefen hin und her; einige der jungen Kaufleute, die sonst um diese Zeit fest im Comptoir saßen, standen im eifrigsten Gespräche mitten im Hof; das Bild war ganz anders, als sie es sonst zu sehen gewohnt war, eine unbestimmte Sorge stieg in ihrem Herzen auf, und sie eilte ins Frühstückszimmer. Hier war keine Veränderung zu bemerken, als daß die Mutter sie mißmutiger als gewöhnlich begrüßte.

„Es ist heute ein ungemütliches Frühstücken“, sagte sie. „Der Vater ist schon seit einer Stunde fort; er hat nicht einmal seine Tasse Kaffee ausgetrunken, und nun kommst du so spät! Ich dachte schon, du kämest gar nicht mehr.“

„Ich schlief so spät ein“, sagte Martha betrübt, „und beim Papa ist schon Onkel Konsul zum Besuch.“

„Onkel Konsul? Was muß der wollen? Der kommt ja sonst doch nicht so früh!“

Konsul M. war ein Vetter der Frau Feldwart und der nächste Freund ihres Mannes. Sie sollten nicht lange auf die Erklärung warten, schon nach einer halben Stunde erschien der Erwähnte mit ganz ungewöhnlich ernstem, feierlichem Gesichte, schnitt die Begrüßung seiner Cousine kurz ab, setzte sich zu den Damen und sagte: „Ich habe euch leider eine sehr ernste Mitteilung zu machen, ihr Lieben.“

„Ist Papa krank?“ rief Martha und eilte zur Thür.

„Nein, Martha, bleib! Er ist sehr angegriffen, aber krank ist er bis jetzt nicht. Ihr versteht nichts von Geschäften, aber das wißt ihr, daß in London zwei große Handelshäuser gefallen sind. Es waren Häuser, mit denen Feldwart in fortwährender Verbindung stand, und es trafen ihn infolge davon Verluste auf Verluste. Doch hatte er bis gestern immer noch einige Hoffnung, daß er sie ausgleichen und seine Handlung retten könne. Ein Brief am heutigen Morgen zeigt ihm den Fall einer Firma in Hamburg an, mit welcher er noch viel enger verbunden war. Es ist nun keine Hoffnung mehr, daß er sich halten kann, und er schickte zu mir, daß ich ihm helfen soll, alle die schlimmen Schritte zu thun, welche nötig sind bei der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit.“

Frau Feldwart saß auf ihrem Stuhle und starrte den Sprecher an, als könnte sie nicht fassen, was er sagte.

Martha sprang auf: „Mein Vater! mein lieber Vater! ich muß zu ihm!“

In diesem Augenblick trat er herein, von seinem alten Kutscher geführt — ein Bild des Jammers! Der alte Johann setzte ihn in seinen Lehnstuhl und einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein; eine tiefe Ohnmacht umschleierte seine Sinne; unter Marthas Bemühungen kam er wieder zu sich. Sie kniete neben ihm und stützte seinen Kopf, als er allmählich sich seiner Umgebung bewußt wurde. Er sah sie schmerzlich an: „Mein Kind, mein armes Kind! verstehst du es nun? ich durfte ihn ja nicht mit hineinziehen; ich versprach seinem Vater, für ihn zu sorgen.“

Ja, sie verstand alles; aber ihr ganzes Herz bebte jetzt nur im Mitgefühl mit dem Vater, der in wenigen Stunden ein Greis geworden war. Er fing jetzt an zu weinen, zu weinen wie ein Kind. Martha hatte ihn noch nie weinen sehen. Sie netzte seine Schläfen mit wohlriechendem Wasser, sie holte Wein vom Frühstückstische und nötigte ihn zu trinken. Arme Martha! Ein wenig Beruhigung für sein Herz wäre die beste Medizin gewesen. Die Mutter konnte ihm diese nicht geben, sie saß noch immer stumm und rang die Hände; aber sein Freund trat zu ihm und sagte: „Feldwart, willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du mir Vollmacht geben, mit deinen Gläubigern zu unterhandeln und Verträge abzuschließen?“

„Ja, M., ich danke dir tausendmal!“

Die gerichtliche Vollmacht wurde noch an demselben Morgen ausgestellt, und es zeigte sich bald, daß dies gut war, denn es stellte sich beim Kommerzienrat ein schlummerartiger, fieberhafter Zustand ein; er mußte zu Bett gebracht werden und fing an zu phantasieren. Martha verlebte acht schwere und sorgenvolle Tage und Nächte an seinem Lager, nur unterstützt von dem treuen, alten Johann. Frau Feldwart ging ab und zu, ordnete auch wohl dieses und jenes an; aber es schien, als sei in dem furchtbaren Augenblicke, da die Stütze des Reichtums in ihrer Hand zerbrach, alle Ruhe und Haltung von ihr gewichen. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, stand hier einmal am Fenster und dort einmal und starrte ins Leere; sie sah keinen Zielpunkt für ihre Augen, keinen Stab, an dem sie sich halten und aufrichten konnte. „Arm, arm, ganz arm!“ hörte man sie immer wieder sagen.

Es war der Vermittelung und Fürsorge des Konsuls zu danken, daß für jetzt noch die Wirtschaft im alten Gange blieb.

Am neunten Tage saß Martha des Morgens an ihres Vaters Bett, als er die Augen matt aufschlug: „Wo ist die Mutter?“

Sie trat im selben Augenblick herein.

Einen Augenblick sah der Kranke beide freundlich an, dann ging eine Erschütterung über sein Gesicht: noch ein leiser Seufzer, ein Zittern, und er war aller Angst und Not entrückt. Aber für die Seinen begann sie in doppelter Weise. Bis zum Begräbnis gelang es dem Konsul, die Ruhe um die beiden Trauernden zu erhalten; sie waren sehr verschieden, diese beiden! Bei der Mutter mischte sich die Angst vor der drückenden Lage, welcher sie entgegenging, so sehr mit der Trauer über den Verlust ihres Gatten, daß all’ ihre Klagen mit Bitterkeit gemischt waren und sie zu einer reinen, wohlthuenden Empfindung ihres Schmerzes gar nicht kommen konnte, noch viel weniger zu dem Entschluß, irgendeinen Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Martha fühlte, wenn sie an ihren zärtlich geliebten Vater dachte, eine solche Beruhigung, ihn aller Not entrückt zu wissen, daß ihre Thränen oft recht sanft und lind flossen; sie fühlte auch Mut für die Zukunft, sie hatte den ernstlichen Willen, ihrer verzagten Mutter das Leben nicht schwer, sondern leicht zu machen, zu tragen, zu arbeiten, so viel sie konnte, aber freilich: über das Wie? war sie ganz im unklaren; hier hoffte sie ganz auf den Beistand des Onkel Konsul, und dieser wurde ihnen ja auch nach Möglichkeit zuteil. Kaum war das Begräbnis seines Freundes vorüber, als er bei den betrübten Frauen eintrat, um ihnen ihre Verhältnisse klar darzulegen und über ihre nächste Zukunft zu beraten. Das Vermögen der Frau Feldwart war ganz mit im Geschäft gewesen und nicht zu retten. Aber der Verstorbene hatte in sehr hoher Achtung bei seinen Berufsgenossen gestanden; so kam den Bemühungen seines Freundes von allen Seiten viel guter Wille entgegen, und es wurde dadurch möglich, nach dem Vergleich mit den Gläubigern eine kleine Summe zu erübrigen, von welcher die Witwe, mit einer Leibrente, welche sie besaß, notdürftig leben konnte; auch wurde ihr auf demselben Wege so viel an Hausrat und Wäsche zugestanden, als sie zur ersten Einrichtung notwendig brauchte.

Das war ja klar, daß die Verwaisten sich einen kleineren und billigeren Wohnort suchen mußten. Frau Feldwart war auf einem großen Gute erzogen in der Nähe der nicht ganz unbedeutenden Kreisstadt H., die freundlich zwischen Feldern, Wiesen und baumreichen Gärten lag. Konsul M. kannte dort einen älteren Beamten, dem er den Auftrag gab, eine bescheidene Wohnung zu mieten, auch dort am Orte ein Mädchen zu besorgen, da bei der ganzen bisherigen Lebensweise der Frauen nicht zu hoffen war, daß sie sich ohne ein solches behelfen könnten. Es kam denn auch bald die Nachricht, daß beides geschehen sei. So wurde mit des alten, betrübten Johanns Hilfe und unter Leitung des Onkels Konsul der Möbelwagen gepackt, und die Frauen durften abreisen, bevor das schöne Haus mit seiner trauten, prächtigen Einrichtung unter den Hammer kam.

Konsul M. brachte seine Verwandten zur Bahn; Frau Feldwart sah starr, bleich und unglücklich aus, sie hatte in den letzten Tagen kaum ein Wort gesprochen; Martha hing weinend an des Vetters Halse. Nun saßen sie im Coupé, langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Mutter schloß die Augen, während Marthas umflorte Blicke jeden lieben, bekannten Gegenstand gleichsam noch einmal mit Liebe umfaßten, bevor sie sich von ihm losrissen. Dort entschwanden die Straßen, in denen sie so fröhlich gewandelt war; da in der Ferne die Linden, unter deren Schatten der Vater schlummerte; hier die Bäume, unter denen Er, ach, vor so kurzen Wochen, ihr gesagt, daß er sie liebe; er wußte nicht, daß sie ins Elend zog; ihn trugen jetzt die Meereswellen hinaus, weit hinaus, einer glänzenden Zukunft entgegen! Wenn er es gewußt hätte, wie es um ihren Vater stand — er wäre nicht gegangen! Er durfte es niemals, niemals erfahren; er mußte dort im fernen Westen glücklich werden. Und sie? ach, sie kam sich vor wie ein losgerissenes Blatt, ratlos, kraftlos, willenlos vom Sturm der Zukunft entgegengetrieben. Hilfesuchend falteten sich ihre Hände und unwillkürlich kamen ihr die Worte auf die Lippen, die sie zuletzt mit ihm gesungen:

„So nimm mich hin, Rat, Kraft und Held,
Und mach’ aus mir, was dir gefällt.“