5.
Suschen von drüben.
Sie mußte sich nun ermannen und die Arbeit allein angreifen. Herr Reinhold, ihr Wirt, hatte ihr versprochen, Erkundigungen nach einem Mädchen oder einer Aufwärterin einzuziehen, aber sie auch darauf vorbereitet, daß es einige Tage dauern könne, bevor sich Hilfe fände.
„Es schadet auch nichts, Fräulein! Der Laufbursche holt Ihnen Kohlen und Wasser und kann auch in der Stadt was mit besorgen.“
Das war nun recht dankenswert, aber dennoch blieb eine große Sorgenlast auf Marthas Herzen, und sie stand recht traurig in der Küche und musterte die Reste vom vergangenen Tage, ob sich vielleicht ein Mittagsbrot daraus zusammensetzen ließe; da klopfte es an die Küchenthür, und als Martha dieselbe öffnete, erschien in ihrem Rahmen ein Frauenkopf, braun gebrannt von der Sonne, mit hundert kleinen Fältchen gezeichnet; das weiße Haar schimmerte nur wenig hervor unter einem neuen, karrierten Kopftuche, das, am Hinterkopfe regelrecht gebunden, in zwei gleichen, glatten Zipfeln nach beiden Seiten abstand, und mitten aus den freundlichen Zügen leuchtete ein ungemein helles, strahlendes Augenpaar die verwunderte Martha an: „Ach, ist’s denn möglich? nein, gar nicht verändert, noch ganz und gar wie sonst, mein liebes, liebes Fräulein!“
Marthas Verwunderung stieg: „Wen suchen Sie denn eigentlich, liebe Frau?“
„Aber, mein Fräulein Riekchen, oder meine liebe Frau Feldwart, kennen Sie mich denn nicht? Es sind ja nun wohl schon ein- oder zweiundzwanzig Jahre, daß wir nicht zusammengekommen sind; aber Ihre alte Trude, die sollten Sie denn doch wohl nicht vergessen haben.“ Martha fing an zu begreifen. Trude! den Namen hatte sie von ihrer Mutter oft nennen hören; sie lächelte: „Ja, was vor zweiundzwanzig Jahren war, kann ich freilich nicht wissen; ich werde im Sommer erst achtzehn. Sehe ich vielleicht aus wie meine Mutter damals aussah?“
Nun war das Lachen an der Alten.
„Ach freilich, freilich, Kind, accurat so! Wo dachte ich auch hin? Und die Sprache, wie Sie sich ’rumdrehen und alles! Sehen Sie, gleich wie ich aus der Schule kam, wurde ich bei ihr Kindermädchen; ich habe sie auf meinen Armen groß getragen, dann nachher war ich Zimmermädchen auf dem Gute. Als sie zum erstenmal zu Gottes Tische ging, da habe ich ihr das schwarze Kleid angezogen und an ihrem Hochzeitstage Kranz und Schleier gesteckt; ach, was war sie eine schöne Braut! All’ die Jahre daher habe ich mich gesehnt, sie einmal wiederzusehen. Nun sagte mir neulich der alte Herr, der die Wohnung hier gemietet hat, daß der Herr Vater tot ist und daß sie hierhergezogen ist, weil es ihr schlecht geht. Na, dachte ich, da mußt du hin, Trude, da mußt du hin! Ach, nicht wahr, Fräulein, ich darf mit meiner alten Herrschaft sprechen?“
Es wurde der Martha feucht in den Augen und weich um das Herz; sie war sich eben noch so grenzenlos verlassen vorgekommen, setzt sah sie wieder ein wenig Licht und Hilfe. Sie ging hinein zur Mutter: „Mama, deine alte Trude ist da; nicht wahr, du läßt sie hereinkommen? sie würde sonst zu traurig sein.“
Frau Feldwart sah erst sehr erschrocken aus; aber all’ ihre Jugenderinnerungen wurden lebendig; Trudens Güte und Treue spielte darin eine große Rolle. Nein, die konnte sie nicht abweisen — sie nickte still und traurig mit dem Kopfe.
Trude setzte ihre Kiepe in der Küche nieder, breitete sorgsam ihren dunkelblauen Mantel darüber und trat ins Zimmer. Frau Feldwart wollte ihr entgegengehen.
„Ne, bleiben Se sitzen, bleiben Se ruhig sitzen, mein liebes Fräulein Riekchen, und nehmen Sie es nicht für ungut, daß ich komme. Ich hörte, daß der liebe Gott Sie so geprüft hat, und da mußte ich doch ’mal nach Ihnen sehen. Wenn Sie als kleine Krabbe zu mir geweint kamen, da konnte ich Sie wohl leichte trösten, und jetzt mag das ja schwer sein; aber unsereiner kann doch sagen, daß man Anteil nimmt, und solche alte Bekannte, wie wir sind, die sprechen sich doch gern ’mal aus.“
Frau Feldwart reichte der Alten die Hand und winkte ihr, sich zu setzen: „Ja, Trude, wir sind sehr unglücklich geworden.“
„Nu, meine liebe Frau Feldwarten: welche der Herr lieb hat, die züchtiget er; ich habe es auch erfahren. Ich habe einen Mann und zwei Söhne begraben, und habe mich durchschlagen müssen mit drei schwachen, kleinen Mädchen; da weiß ich wohl, wie Ihnen das zu Sinne ist.“
„Ach, Trude, es ist zu schwer: mein Mann tot und alles mit ihm zusammengebrochen; nun in Armut sitzen und nicht wissen, wovon man am andern Tage leben soll, und das arme Kind, die Martha, ach Gott, ach Gott!“
Es waren die ersten Worte der Klage, die über Frau Feldwarts Lippen kamen, so lange sie hier war; es waren die ersten Thränen, die jetzt über ihre Wangen stürzten seit ihres Mannes Tode; sie kamen nun wie ein unaufhaltsamer, nicht endenwollender Strom. Trude stand leise auf, nahm den Kopf ihrer ehemaligen Herrin in ihren Arm, wie sie es gethan hatte, als dieselbe noch ein Kind war, und strich mit ihrer welken Hand sanft über das ergrauende Haar.
„Ja, weinen Se nur, weinen Se nur, Frau Feldwarten — immer zu! Die Thränen hat uns der liebe Gott gegeben; die fließen ab aus dem Herzen, wenn es zu voll wird, daß es nicht bricht, und glauben Sie nur, der liebe Gott hilft schon durch. Der Reichtum hat seine Freuden und seine Lasten, und die Armut hat ihre Freuden und ihre Lasten; die Hauptsache ist, daß der liebe Gott mit seiner barmherzigen Hand immer dazwischen ist; hat doch der Heiland auch nicht im Schlosse gewohnt, sondern im Stalle; ich meine, da ist’s noch lange nicht so fein gewesen wie hier in der Stube.“
Martha war hereingekommen, das Wort traf sie tief! Die Alte sah, daß die Thränen ihres Pflegekindes sanfter flossen — sie stand auf.
„Darf ich denn ’mal wieder kommen, Frau Feldwart?“
„Ach, Trude, komme ja, so oft du kannst; aber wo wohnst du denn eigentlich und was treibst du?“
„Ach, mir geht’s jetzt ganz gut; zwei von meinen Töchtern sind verheiratet, die älteste ist in recht guten Verhältnissen, die jüngste dient auf dem Amte, und mir hat der Herr Amtmann das Häuschen beim Thore gegeben, wo sonst der alte Boten-Ferdinand wohnte; ich thue die Botengänge nach L. und nach hier; ich bin glücklich auf meine alten Tage.“
Frau Feldwart sah hinaus; der Februarsturm peitschte den Regen gegen die Scheiben.
„Aber bei solchem Wetter gehst du auch? Wirst du da nicht krank?“
Die Alte lachte: „Ach, das wird man alles gewohnt. Sehen Sie, beim Schmied wird die Hand hart, daß er keine Hitze mehr fühlt, und beim Tischler wird die Hand hart, daß ihm der Hobel nicht mehr weh thut, und bei mir da ist nachgerade das ganze alte Fell hart geworden, daß mir Wind und Wetter nichts mehr anhaben kann; man glaubt nicht, was sich alles lernt im Leben.“
Sie ging; Martha begleitete sie, um ihr den Korb mit aufheben zu helfen; sie erzählte ihr das Unglück mit dem Mädchen, und die Alte versprach ebenfalls, ihre Augen und Ohren danach aufzuthun.
„Jetzt aber, Fräulein, jetzt müssen Sie mir noch die Liebe thun und die zwei Paar jungen Tauben annehmen; bei meiner Kathrine sitzen sie über dem Kuhstall, da brüten sie bald.“
Martha dankte herzlich, aber sie faßte die Thierchen mit einem ängstlichen Blick auf Trude.
Diese lachte: „Ach so! das Fräulein hat gewiß noch keine geschlachtet; da will ich die Köpfe nur gleich noch abreißen — so! Nun behüte Sie der liebe Gott, und halten Sie Ihren jungen, hübschen Kopf oben, daß die Mutter keine betrübten Gesichter sieht, es geht alles in der Welt mit der Gotteshilfe.“
Martha war ganz mit ihr einverstanden im tiefsten Innern, besonders was die großen Sorgen des Lebens betraf; wie es jetzt aber weiter gehen sollte mit ihrer Wirtschaft und speziell mit diesen zwei Paar Tauben, das war ihr sehr unklar. Für das Große, meinte sie, da könnte man doch den lieben Gott recht anrufen, aber für solche Lappalien, die man noch dazu durch seine Dummheit verschuldet hat, da erschien es ihr fast, als dürfte sie es nicht. Zunächst, das schien ihr gewiß zu sein, mußten die Tauben gerupft werden; sie setzte sich auf den Rand des Küchentisches dicht ans Fenster und begann die ungewohnte Arbeit. Es ging sehr langsam; sowie sie sich bemühte, etwas schneller vorwärts zu kommen, riß die feine Haut ein; dazu war ihr das Herz so schwer. Was sie schon längst bedrückt hatte, das war ihr heute vor dem leeren Kohlenstalle zur Gewißheit geworden; sie hatte schlecht gewirtschaftet, und ihre Gelder mußten zu Ende sein, bevor dieser Monat zu Ende war; vor dem ersten April war nichts Neues zu erwarten, und sie quälte sich mit dem Gedanken, wie es bis dahin werden sollte; sie hatte sich zusammengenommen diese ganze Zeit; jetzt tropfte langsam eine Thräne nach der anderen herab aus ihren Augen, und sie mußte immer wieder die Arbeit sinken lassen, um diese zu trocknen. Ohne es zu wissen, hatte sie dabei zwei teilnehmende Zuschauerinnen. Der Feldwartschen Küche gegenüber lag die Küche der großen Wohnung im Vorderhause; dort hatte Martha bis gestern neben dem Dienstmädchen nur eine schlanke Dame wirtschaften sehen, und zuweilen bemerkt, daß die Blicke derselben freundlich und teilnehmend auf ihr ruhten. Heute zeigte sich neben der Dame ein junges, behendes Mädchen, ohngefähr in Marthas Alter. Als Martha von ihrer Arbeit aufblickte, sah sie die junge Gestalt am Fenster stehen, und als sie nach einiger Zeit zum zweitenmale hinsah, grüßte dieselbe freundlich, und Martha dankte ihr. Jetzt bemerkte sie, wie Mutter und Tochter — das waren sie sicher — eifrig miteinander sprachen: die Mutter lachte, die Tochter verschwand, und einige Minuten später klingelte es an Feldwarts Korridorthür.
Als Martha öffnete, stand das junge Mädchen mit hocherrötendem, verlegenen Gesichte ihr gegenüber: „Ach, verzeihen Sie, ich bin ja nur das Suschen von drüben.“
Martha wollte ihr die Zimmerthür öffnen.
„Ach bitte, nein! ich kann ja nicht ins Zimmer, so wie ich bin!“ sagte Suschen und lachte, indem sie auf ihren Morgenrock und ihre blaugedruckte Küchenschürze zeigte. Martha dachte, daß die zierliche Gestalt mit dem glatten, blonden Köpfchen, den klaren, blauen Augen und Grübchen in den Wangen an jedem Platze hübsch aussehen müßte, aber Visitenkostüm trug sie freilich nicht.
„Ich wollte, ach, wenn es nicht unbescheiden ist, ich wollte Ihnen Tauben rupfen helfen.“
Martha streckte ihr beide Hände entgegen: „Wie freundlich, wie sehr freundlich ist das! Wenn Sie mir zeigen wollen, wie es am besten anzufangen ist, so werde ich Ihnen sehr, sehr dankbar sein; ich bin noch so gar dumm in solchen Sachen.“
„Und ich“, lachte das Suschen, „bin vorigen Sommer schrecklich klug darin geworden, denn ich war bis vorgestern bei der Tante Pastor in S., die hatte einen großen Taubenschlag; da gab es zu manchen Zeiten mehr Tauben, als uns lieb war: einen Tag Frikassee und den andern Tag Suppe und den dritten Braten. Alt und jung und Kind und Kegel mußte dann rupfen, und als ich vorhin sah, wie Sie sich damit quälten, da konnte ich’s nicht aushalten und lief herüber.“
Während dieser Erklärung waren sie in der Küche angelangt; Suschen sah sich einen Augenblick darin um: „Jetzt müssen wir uns auf zwei Stühle nebeneinander setzen, damit meine Küchenschürze für uns beide ausreicht; Ihr dünnes, weißes Schürzchen taugt dazu nichts, Fräulein Feldwart.“
„Ich heiße Martha“, sagte diese lächelnd.
„Nun also, Martha, kommen Sie und machen Sie mir alles nach.“
Martha sah einige Zeit mit Verwunderung zu, wie die Federn unter Suschens runden Fingern verschwanden, dann ließ sie sich erklären, worauf es ankam, und da sie von Natur nicht ungeschickt war, eiferte sie bald der jungen Gefährtin nach. Als sie nun auch mit schnelleren Bewegungen an die gefährliche Stelle unter dem Flügel kam, gab es freilich noch einmal einen großen Riß, der wurde diesmal aber nicht beweint, sondern herzlich belacht.
„Ich bin so froh, daß ich endlich glücklich hier bin“, sagte Suschen. „Sehen Sie, mein Vater ist Direktor an dem Gymnasium hier, seine Kollegen haben alle nur ganz kleine Kinder, da fürchtete ich mich ordentlich, nachhause zu kommen, denn bei der Tante waren viel junge Mädchen. Mama schrieb mir vor vierzehn Tagen schon, daß Sie hier eingezogen wären, und ich habe die ganze Zeit Pläne geschmiedet, wie ich zu Ihnen gelangen wollte; nun sind die lieben Tauben so gefällig und vermitteln es.“
„Können Sie auch Tauben ausnehmen und zurecht machen?“ fragte Martha zaghaft.
„Freilich“, versicherte Suschen, „soll gleich geschehen: Wann sollen sie denn gegessen werden? Heute doch nicht mehr, sie sind ja noch warm!“
Martha wurde verlegen: „Ich war aber so froh, daß ich etwas zu Mittag hatte!“
„Na“, tröstete Suschen, „es geht am Ende auch. Wenn Sie nur ein wenig Spiritus im Hause haben, brennen wir sie damit ab; die Tante sagt, das thäten sie immer in Karlsbad, wenn die Hähnchen eine Stunde vor dem Essen noch umherliefen. Dann nehmen Sie heute wenigstens nur zwei und kochen sie zur Suppe, und morgen braten Sie die anderen; für zwei Personen reicht das ganz gut.“
Jetzt wollte Martha Feuer unter der großen Platte anbrennen.
„Haben Sie denn keinen Petroleumkocher?“ fragte Suschen. „So ein großes Feuer für zwei Tauben ist doch schade!“
Martha hatte keinen.
„Ich hole so lange unseren herüber, damit Sie nur erst ’mal sehen, wie hübsch das ist, und dann, wenn Sie es erlauben, werde ich die Mama fragen, ob ich nicht hier erst einmal mit fertig kochen darf.“
Martha sprach ihre Freude über diesen Gedanken aus: „Ich will ja alles so gern lernen“, sagte sie, „aber ein wenig Anleitung muß man doch haben.“
Wie gemütlich war es ihr, dieselbe von einer so lieblichen Altersgenossin zu empfangen! Als Suschen weggegangen war, erschien Frau Feldwart in der Küche.
„Wer war bei dir?“
„Das Suschen von drüben.“
„Wer ist das?“
„Ach Mama, hier unser vis à vis; sie hatte gesehen, daß ich nicht Tauben rupfen konnte, da kam sie und zeigte es mir; sie will mir auch kochen helfen.“
Frau Feldwart schüttelte den Kopf. Die schnelle Freundschaft war ihr sehr verwunderlich; aber sie hatte Martha zum erstenmale wieder lachen hören, und ihr Mutterherz lebte noch, wenn es auch jetzt im Banne der Traurigkeit lag.
„Woher hast du die Tauben?“
„Trude hat sie gebracht von ihrer Tochter, die hat einen Taubenschlag.“
Suschen kam jetzt wieder und Frau Feldwart zog sich zurück.
„Ich habe mir etwas ganz Reizendes ausgedacht“, sagte die kleine Nachbarin, „und meine Mama hat nichts dagegen: ich will Ihnen, wenn Sie es erlauben, früh jetzt immer ein wenig helfen; da kommen sie nach und nach in Übung und ich nicht heraus; darf ich das?“
Sie sah Martha so lieblich bittend an, daß diese sie gerührt umarmte.
„Ach, ich kann darüber ja nur ganz glücklich sein, und ich weiß ja ohnehin nicht, wann ich wieder ein Mädchen haben werde.“
„Ach“, sagte Suschen, „ich nähme mir gar keins wieder. Es ist doch zu erwarten, daß wir beide in der ersten Zeit noch allerlei Dummheiten machen; da ist es viel besser, wenn uns niemand dabei zusieht, und dann brauchen wir ja auch viel weniger zu kochen und können es feiner einrichten. Sie werden schon eine Frau finden, die morgens ein paar Stunden kommt und nach Tische noch ’mal; das ist viel billiger als ein Mädchen.“
„Ja, das wäre sehr gut“, sagte Martha, „ich muß mich so erst einwirtschaften. Meine Thränen heute Morgen galten viel weniger den Tauben, als der Angst und dem Kummer, daß ich viel mehr verbraucht habe, als ich eigentlich durfte.“
„Ach, da kann Ihnen gewiß meine Mutter raten; wir sind acht Kinder, da muß sie auch recht sparen, wo sie immer kann.“
Es erhob sich nun noch eine kleine Schwierigkeit. Martha meinte: nur Tauben in der Suppe — das würde ihrer Mutter doch nicht recht sein.
„Gut“, sagte Suschen, „so schneiden wir die Tauben in Viertel, machen eine Frikasseesauce darüber, und braten die Kartoffeln, da haben wir gleich noch einen besonderen Gang für unser Diner.“
Martha staunte Suschens Erfahrungen an. Es war schließlich alles wohlgeraten, und als sich die beiden Köchinnen trennten, geschah es mit einer fröhlichen Umarmung, und beide brachen zugleich in die Worte aus: „Wollen wir uns nicht lieber ‚du‘ nennen?“ Dies wurde mit einem herzlichen Kusse besiegelt, und die Freundschaft war geschlossen. Frau Feldwart war zum erstenmale befriedigt von ihrem Mittagsbrot, von dem sie heute nach des Mädchens Abgang nur wenig erwartet hatte.
Als sie ihre Mittagsruhe hielt, saß Martha still an ihrem Fenster und staunte darüber, daß sie jetzt so fröhlich und getrost war. Sie hatte den lieben Gott heute nicht um seine Hilfe gebeten, weil ihre Anliegen ihr zu klein dazu erschienen; waren ihre unausgesprochenen Seufzer doch vor seinen Thron gekommen? Ach ja! was unsere Herzen unruhig macht, das ist ihm nie zu groß oder zu klein, und wenn er seine Kinder auf sehr rauhe Pfade und durch sehr dunkle Stunden führt, thut er wie eine gute Mutter, die dem Kleinsten Süßigkeiten oder Spielwerk vorhält zu dem ersten schweren Schritte; er läßt mitten durch die dunklen Wolken einen Sonnenstrahl fallen, eine Gebetserhörung ein freundliches Erlebnis, um der Seele zu sagen: „Ich verlasse dich nicht; ich bin dennoch bei dir und halte dich an meiner Hand, wenn du mich auch nicht immer gleich finden kannst.“ An solchen Erfahrungen stärkt sich dann der Mut und das Gottvertrauen, und der Fuß lernt wieder getroste und gewisse Schritte thun. Martha hatte sich von jeher eine echte, rechte Freundin gewünscht; Suschen sah so sehr lieb und treu aus: vielleicht hatte sie in ihr gefunden, was sie suchte.
Es schien heute der Tag aller Besuche zu sein. Gegen Abend kam die Frau Direktorin selbst und bat Martha, sie bei ihrer Mutter zu melden. Frau Feldwart hatte außer Trude noch niemanden empfangen; aber sie fühlte wohl, daß sie sich nicht ablehnend oder unfreundlich gegen die Mutter verhalten durfte, nachdem die freundliche Hilfe der Tochter dankend angenommen war. Die geselligen Gewohnheiten ihres Lebens machten ihr die Sache leichter, und sie kam der Frau Werner, deren ernstes, teilnehmendes Gesicht sehr vertrauenerweckend aussah, rücksichtsvoll und artig entgegen.
„Verzeihen Sie“, sagte diese mit sanfter Stimme, „daß ich zu Ihnen komme, ohne zu wissen, ob es Ihnen jetzt schon angenehm ist, Besuche zu empfangen; ich wollte nur das Eindringen meines ungeduldigen Kindes entschuldigen und mich überzeugen, ob Ihnen die Pläne der beiden jungen Mädchen nicht lästig oder störend sind. Ich kann mir so sehr denken, wie Ruhe und Stille Ihnen jetzt vor allem wohlthun.“
„O ja“, sagte Frau Feldwart, „für mich haben Sie ja wohl recht, aber für Martha sehe ich es doch sehr gern, wenn sie junge Gesellschaft und etwas Erheiterung hat, und Ihr liebes Töchterchen kam heute in Marthas Ratlosigkeit hinein wie eine gute Fee. Ich kann Ihnen nur von Herzen dankbar sein, wenn Sie erlauben wollen, daß sie meinem armen Kinde ferner mit Rat und That beisteht; Martha ist noch so ganz unbewandert im Häuslichen, und ich“ — Frau Feldwarts Thränen waren heute einmal in Bewegung gebracht, sie flossen jetzt aufs neue — „und ich bin ja ebenso unwissend als sie.“
„Ich glaube es“, sagte Frau Werner sanft, „es ist jetzt ein sehr schwerer Übergang mit all’ dem Kummer im Herzen. Aber diese Dinge sind wirklich nicht so schwierig zu erlernen, als es scheint. Sie sollen sehen: wenn unsere beiden Kinder die Sache zusammen angreifen, haben sie schließlich noch die größte Freude davon. Würden Sie denn Ihrer Martha erlauben, manchmal ein Stündchen zu uns zu kommen? Es ist viel Leben bei uns: acht Kinder, von denen Suschen das älteste ist.“
Frau Feldwart sah etwas bedenklich aus; ihr freundlicher Besuch fuhr fort: „Ich hatte nicht daran gedacht, Ihnen die Gesellschaft Ihres Töchterchens zu entziehen; ich denke mir aber, Sie bedürfen so gut als mein Mann und ich der Mittagsruhe. Während dieser Zeit ist meine unruhige Schar im Sommer auf dem Hof oder im Grasgarten, im Winter in dem großen Hinterzimmer; sie versichern, es sei dies die fröhlichste Stunde des Tages. Da könnte Martha mit vergnügt sein.“
Die Einladung ward angenommen; Frau Werner erbot sich zu allem guten Beistande, falls derselbe gewünscht werde, und Frau Feldwart dankte ihr herzlich, bat aber, ihr noch einige Zeit den Gegenbesuch zu erlassen.
Kaum hatte Martha die gütige Nachbarin hinausbegleitet, als es abermals klingelte. Es war jetzt schon dämmerig, und Martha erschrak fast vor der großen, kraftvollen Frauengestalt, welche den Rahmen der Flurthür fast ausfüllte. Sie zündete schnell die Lampe an, und als ihr Licht das breite, von Güte und Freundlichkeit strahlende Gesicht der Eingetretenen beleuchtete, da konnte von Furcht oder Beklemmung keine Rede mehr sein.
„Ich bin die Warburgerin“, sagte die Riesin. „Die Trude schickt mich, und ich möchte hier Aufwartefrau werden. Sehen Sie, ich habe fünfe; mein Mann geht auf Arbeit in die Fabrik, und ich kann nicht mitgehen, sonst verlottert die Wirtschaft und die armen Würmer verkommen; aber so ein paar Stunden früh und nachmittags, da nimmt sich schon meine alte Nachbarin der Kinder an. Alles kann einer für sieben doch nicht schaffen.“
Die verschiedenen Eindrücke des Tages hatten Frau Feldwart doch so weit aus ihrer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit aufgerüttelt, daß sie die Verhandlungen mit der Warburgerin selbst übernahm; man wurde bald handelseinig, und kaum war dies geschehen, so hing mit unfaßbarer Geschwindigkeit der Mantel der eben Gemieteten am Nagel; sie ergriff die Brunneneimer, fragte mit einem Blick auf den Kohlenkasten nach dem Kohlen- und Holzstall, und es war noch keine halbe Stunde vergangen, da war alles Nötige für den andern Morgen vorbereitet. Frau Warburger fragte, ob noch etwas in der Stadt zu bestellen sei, und ging dann, um Mutter und Tochter in einem so befriedigten Zustande zurückzulassen, wie es beide an diesem Morgen noch nicht für möglich gehalten hatten.
Martha sehnte sich zum erstenmale wieder nach einer stillen Beschäftigung; am liebsten hätte sie ein ernstes Lied gesungen, sie wußte aber, daß dies die Mutter jetzt noch nicht ertrug. Sie griff zu einer leichten, angefangenen Häkelei, aber ihre Hände sanken immer wieder nieder, weil ihre Gedanken so weit umherwanderten. Zum erstenmale dachte sie, daß doch wohl Gott in seiner Weisheit sie davor bewahrt habe, jetzt schon zu heiraten und ernstere und reichere Pflichten auf sich zu nehmen, und zwar wehmütig, aber gar nicht unlieblich erschien ihr die Aufgabe, während Siegfried im fernen Lande bemüht war, die Mittel zur Gründung eines häuslichen Herdes zu erwerben, sich hier allmählich ausbilden zu können zu einer tüchtigen und brauchbaren Lebensgefährtin für ihn. Süße Bilder der Zukunft umschwebten sie, aber das Bewußtsein, wie ungewiß, ja wie unwahrscheinlich ihre Verwirklichung sei, wollte ihr Herz wieder in Traurigkeit versenken.
Aber nein! sie hatte ja heute so viel zu danken, sie mußte den Kopf oben behalten. „Ich werde mir jetzt eine Arbeit suchen, die meine Gedanken voll in Anspruch nimmt“, dachte sie, „ich will Suschen zum Andenken an den heutigen Tag etwas malen.“
Als sie sich der Mutter gegenüber mit ihren Zeichengerätschaften eingerichtet hatte, holte sich diese ein Buch zum Lesen, und es war das erste Mal, daß beide gemütlich zusammensaßen in den neuen Räumen. Konnte man doch nun auch dem anderen Morgen mit größerer Ruhe entgegensehen. Die Warburgerin fand sich zum verwundern schnell zurecht. Als die notwendige Arbeit gethan war, scheuerte sie freiwillig noch die Hintertreppe, die von Thekla sehr vernachlässigt worden war. Als sie dann ihre Hände gewaschen und ihren Mantel umgethan hatte, stellte sie sich mit untergeschlagenen Armen noch einmal auf die oberste Stufe, blickte mit einer Art verklärter Zärtlichkeit auf das eben vollendete Werk und sagte: „Ne, was schöneres giebt es doch auf der Welt nicht, wie so ’ne schloh-blütenweiße Treppe!“
Martha hatte sie mit ihren Augen auf Schritt und Tritt begleitet; sie sah, daß sie eine geübte Arbeiterin vor sich hatte, und wollte von ihr lernen. „Welche verschiedenen Lose haben doch die Menschen!“ dachte sie; „es ist eigentlich hart, immer nur zu scheuern, zu fegen und zu putzen!“ Bei Frau Warburgers entzückter Anbetung der gescheuerten Treppe tröstete sie sich: „Es ist am Ende einerlei, was man thut, wenn es nur mit solcher Befriedigung lohnt!“
Zum Kochen kam wieder das Suschen und brachte eine Schüssel Spinat mit: „damit wir auch Gemüse zum Braten haben.“ Als nach Tische die Mutter in der Sofaecke saß, ging Martha zu Direktors, um ihr Versprechen zu halten. Sie wunderte sich, daß nicht ihre Freundin, sondern das Mädchen ihr die Thür öffnete, und sie durch den Korridor zu dem Hinterzimmer brachte. Hier stand sie staunend einem feierlichen, lebenden Bilde gegenüber. Suschens Geschwister waren in einem Halbkreis aufgestellt, der sechszehnjährige Bruder in der Mitte; von da ging es nach beiden Seiten abwärts; an einer Seite saß das Kleinste an der Erde. Jedes Kind hielt ein Schneeglöckchen in der Hand, Suschen stand vor ihnen mit dem Rücken nach der Thür, hielt einen Weidenzweig mit Kätzchen als Taktstock, kommandierte, eins, zwei, drei — und nun ging der Lärm los. Sie sangen:
Hierauf marschierten sie an Martha vorüber, und jedes Kind reichte ihr sein Schneeglöckchen, auch das zweijährige Mariechen wackelte den anderen nach. Martha wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, es war für ihre jetzige Gemütsverfassung etwas viel; aber das Ganze sah so reizend aus, die Kindergesichter strahlten fröhlich, und es war mit so viel Liebe erdacht, daß sie sich doch von Herzen freuen mußte und die kleine Marie und ihr Suschen abwechselnd umarmen. Die anderen wollten aber auch berücksichtigt sein. Da war zuerst der sechszehnjährige Sekundaner Wilhelm, die vierzehnjährige Luise, die zwölfjährigen Zwillinge Arthur und Hans, die achtjährige, schmächtige Anna, der vierjährige Gottfried und die zweijährige Marie. Alle umdrängten sie Martha, eins überschrie das andere, sie waren offenbar aufgeregt durch die Empfangsfeierlichkeit: „Hast du dieses Jahr schon Schneeglöckchen gesehen? Sie sind ganz hinten aus dem Garten, Hans hat sie unterm Schnee hervorgesucht.“ „Kannst du auch singen?“ „Kannst du Post- und Reisespiel?“ „Kannst du Zwickmühle?“ „Sieh ’mal, das ist meine Puppenstube!“ „Haben Sie ‚Die Ahnen‘ schon gelesen, Fräulein Feldwart?“
Sie wußte in der That nicht, wem sie zuerst antworten sollte, ja, zuweilen kamen Momente, wo sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte, denn solch ein Trubel war ihr gänzlich ungewohnt. Aber sie fand sich schnell darin zurecht.
„Kommt“, sagte Suschen, „jetzt schlachten wir zuerst Martha zu Ehren die beiden Apfelsinen, die der Vater mitgebracht hat; jeder bekommt ein Viertel und Mariechen ein kleines Biskuit. Dann spielen wir; Luischen soll sagen, was?“
„Ach, ich kann gar nicht spielen“, sagte Luischen, „ich muß mein englisches Gedicht noch ’mal überlernen; das ist heute so schwer.“
„Wir müssen auch arbeiten“, erklärten Hans und Arthur; „die Probe auf unser Exempel paßt nie.“
„Ach“, sagte Martha fröhlich, „da kann ich mich vielleicht dankbar erweisen für den schönen Empfang, und euch ein wenig helfen.“
Es zeigte sich, daß Luischen erst um drei Uhr in die Schule mußte; Martha vertiefte sich also zuerst mit den Zwillingen in die Exempel. Es gelang ihr bald, den wunden Punkt zu finden, und von da aus war die Sache bald berichtigt.
Darauf setzte sie sich zu Luischen: „Nun lies mir ’mal zuerst dein Gedicht. Nein, liebes Luischen, so geht es wirklich nicht, du sprichst noch sehr falsch aus, und mir scheint, daß du an einigen Stellen auch den Sinn nicht recht verstehst, ich will dir jetzt immer Strophe für Strophe vorsagen, du sprichst mir langsam nach, und am Ende jedes Verses übersetzest du, was du gesagt hast.“
Es geschah, und Martha gelang es bald, der etwas flüchtigen Schülerin ihre Aufgabe klar zu machen: sie hatte nun selbst ihre große Freude daran, als dieselbe nach und nach alle Schwierigkeiten überwand.
„Bitte“, sagte Luischen, „nun lies du es noch ’mal ganz; das klingt so hübsch.“
Martha that es. Während ihres Lesens hatte sich leise hinter ihr die Thür geöffnet und Direktor Werners kluger Kopf war in derselben erschienen. Er sah recht wohlgefällig auf die Leserin.
„Das ist ja eine sehr gute Aussprache“, sagte er, als Martha fertig war.
Sie stand errötend auf.
„Seien Sie mir, willkommen, Fräulein Feldwart; ich wollte nur hier meine junge Gesellschaft an die Schulzeit erinnern; ich denke, wir sprechen uns bald länger.“
Er hatte schon die Hefte unterm Arm, den Hut in der Hand und empfahl sich schnell.
Martha eilte zu ihrer Mutter; sie fing nun an, Licht und Luft um sich zu sehen; sie fühlte, daß sie sich bald einarbeiten werde mit der Freundin zusammen. Die Mutter war nicht mehr so teilnahmlos wie früher, und die fröhliche Kindergesellschaft drüben versprach so viel Erheiterung und Zuwachs an Interesse, wie Martha eben jetzt bedurfte und gebrauchen konnte. Nur ein großer Sorgenstein lag noch auf ihrer Seele und bedrückte dieselbe täglich mehr. Es war am 1. März, als das letzte Fünfmarkstück aus ihrem Beutelchen herauswanderte, und vor dem 1. April war an keine neue Einnahme zu denken. Sie überlegte lange: sie glaubte wohl, daß Fleischer, Bäcker und Kaufmann, die von ihr bis jetzt pünktlich bezahlt worden waren, einige Wochen gern leihen würden; aber wenn sie in diesem Vierteljahre vom nächsten schon zehrte, wie in aller Welt sollte sie da künftig auskommen? Dazu hatte sich so viel Wäsche gesammelt; es würde auch teuer sein, sie waschen zu lassen.
Die Mutter war eben erst wieder ein wenig teilnehmender geworden; sie beschloß, Frau Werner um Rat zu fragen.
Diese hörte mit der wärmsten Teilnahme Marthas Klagen an und dachte lange darüber nach: „Du mußt das doch deiner Mutter sagen, liebes Kind! Es giebt eine wahre und eine falsche Schonung. Wie willst du es anfangen, dich noch mehr einzuschränken, wenn deine Mutter keine Ahnung von euerer Lage hat? Über die Wäsche sei ruhig, das wird sich mit Hilfe der Warburgerin billig einrichten lassen; die feinen Sachen wäscht Suschen mit dir allein und lehrt dich das Stärken und Plätten! Gehe nur jetzt und sprich mit deiner Mutter ordentlich und ehrlich über euere Lage.“
Es wurde Martha recht schwer, und Frau Feldwart war sehr erschrocken; aber nach einigem Nachdenken fand sie einen Ausweg. Sie hatte einen Brillantschmuck, der ihr freies Eigentum war, für Notfälle mitgenommen; der wurde mit Hilfe der Frau Werner bei einem soliden Goldschmied verkauft und ergab immerhin so viel Einnahme, daß der nächsten, dringendsten Not damit gewehrt war. Aber Werners hatten bei dieser Gelegenheit einen tieferen Einblick in die Lage ihrer Nachbarn bekommen und dachten von dem Augenblicke ernstlich darüber nach, womöglich einige Erwerbsquellen für Martha zu finden.
Die Karte, welche dieselbe für Suschen gemalt hatte, war vollendet. Aus jeder Ecke schwebte eine Taube; alle vier hielten im Schnabel ein blaues Band, an welchem sie zwei Herzen, als kleine Personen dargestellt, eines mit einer Distel — das andere mit einem Rosenkranze, einander entgegenzogen. Dazwischen stand geschrieben:
Das ganze Bildchen war mit Vergißmeinnicht durchschlungen und sah allerliebst aus. Suschen war entzückt darüber. Ihr Vater betrachtete es lange; dann sagte er: „Suschen, die Karte mußt du mir ein wenig borgen, Du sollst sie richtig wieder haben; ich habe eine Absicht damit.“
Frau Feldwart fand den Umgang mit Werners so entschieden erfrischend und erheiternd für Martha, daß sie bald nichts mehr dagegen hatte, wenn diese auch einmal zu einer anderen Zeit eine Viertelstunde zu Suschen ging, und sie fing auch an, sich an dem fröhlichen Geplauder der Mädchen zu erfreuen, wenn diese herüber kam. Eines Sonnabends erschien sie mit der Bitte, Martha möge doch am Nachmittag einige Stunden mit ihnen spazieren gehen, die Eltern gingen auch mit; es sollten im Stadthölzchen Schneeglöckchen, Leberblumen und Anemonen gesucht werden. Es war einer jener wunderlieblichen Märztage, da die Sonne mit ihren warmen Strahlen die letzten Schneestreifen wegküßt und durch die Milde der Luft die Täuschung hervorgebracht wird, als sei man schon viel weiter in der Jahreszeit vorgerückt.
Man zog sehr fröhlich hinaus; die Mädchen trugen im Strickkörbchen, die Knaben in der Botanisiertrommel ihr Vesperbrot. Mariechen wurde vom Kindermädchen im Wagen vorausgeschoben, Gottfried ging meistens an der Hand der Mutter, die wie eine richtige Gluckhenne ihre Augen überall hatte, damit keines der Kleinen zu Schaden kommen sollte; die anderen schwärmten umher, lachend, singend und springend. Der Vater examinierte scherzhaft bald dieses, bald jenes Kind, bald deutsch, bald lateinisch.
Suschen ging an Marthas Arme, in höchst vertrauliche Mitteilungen vertieft, als plötzlich der Direktor rief: „Fräulein Martha, sehen Sie wohl dort den Turm?“
Sie sah ihn.
„Dort ist das Dorf und Gut, wo Ihre liebe Mutter geboren und erzogen ist und die alte Trude jetzt noch ihre Heimat hat; auch Ihre Urgroßeltern liegen dort begraben.“
„Ach, da möchte ich hin“, sagte Martha. „Aber freilich, es würde der Mutter zu schwer sein“, fügte sie traurig hinzu.
Martha stand jetzt neben Direktor Werner, und er fing sogleich ein Gespräch mit ihr an, das sie neben ihm festhielt. Er fragte nach ihrer Ausbildung, ihren Lehrern, nach dem Gange ihres Unterrichtes, und fuhr dann fort: „Ich stelle dies Examen absichtlich mit Ihnen an, Fräulein Martha. Meine Frau und ich möchten so gern ein Mittel finden, um Ihre Lage zu erleichtern. Ich weiß wohl, daß Sie bei dem jetzigen Zustande Ihrer lieben Mutter nicht daran denken können, Ihr Examen zu machen und eine Stelle als Lehrerin anzunehmen; aber es ist eine ganze Anzahl junger Mädchen hier, die eine englische Konversationsstunde dringend wünschen; mein Suschen und die Töchter dort vom Amt sind auch dazwischen; ebenso suchen wir für Luise und ihren Bekanntenkreis Unterweisung im Zeichnen und Malen; würden Sie bereit sein, beides zu übernehmen? Ein Honorar wollte ich Ihnen schon ausmachen; es würde immerhin eine Hilfe für Ihre Kasse werden.“
Martha sah ihn fröhlich an: „Wenn es meine Mutter erlaubt, thue ich das sehr gern; besonders wenn Sie mir behilflich sind, passende Lektüre zu finden.“
Er versprach es, und Martha war glücklich. Sie hatte noch nie daran gedacht, daß sie imstande sein könne, etwas zu verdienen; der Gedanke war zu schön; sie schwärmte sich mit Suschen beinahe wie die berühmte Milchfrau in sehr schöne Zukunftsträume hinein, so daß beide, im Wäldchen angelangt, erst aus ihrem Phantasiehimmel heruntergeholt werden mußten, bevor sie die lieblichen Frühlingskinder erblickten, die wie eine reiche Stickerei aus dem dunklen Moosteppich hervorglänzten.
Frau Feldwart war am Abend nicht so leicht für die neuen Pläne zu begeistern; sie war zuerst entsetzt über die Idee, daß Martha etwas verdienen sollte, und klagte hart ihr Schicksal an; aber sie kannte den Ernst ihrer Lage, und die große Freudigkeit ihres Kindes besiegte sie zuletzt.
Nach einigen Tagen kam Suschen strahlend; der Direktor hatte die Taubenkarte nach M. geschickt; sie hatte dort Beifall gefunden, und Martha erhielt den Auftrag, mehr solcher Karten zu malen, unter Bedingungen, die immerhin einigen Vorteil versprachen — lauter tröstliche Aussichten!