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Das Weihnachtslied: Eine Erzählung für junge Mädchen

Chapter 8: 6. Die Urgroßmutter.
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About This Book

Die Erzählung begleitet eine junge Lehrerin, die in einer kleinen Stadt Schule und Haushalte mit Wärme und Einsatz belebt, und ihren Umgang mit Schülerinnen, einer gebrechlichen Kollegin und Angehörigen. In episodischen Szenen entfalten sich Festtagsfreuden, Unwetter, finanzielle Nöte, Familienverhältnisse und Abschiede; Hilfsbereitschaft, Klugheit und moralisches Erwachsenwerden stehen im Mittelpunkt. Die Handlung verbindet häusliche Alltagsbegebenheiten mit Prüfungen und Veränderungen, bis die Figuren nach Trennung und Neuanfang an Selbstständigkeit und Lebenserfahrung gewinnen, wobei die Weihnachtszeit als Anlass für Gemeinschaftsgefühle und Fürsorge dient.

6.
Die Urgroßmutter.

In den ersten Wochen ihres Aufenthaltes in H. hatte das Befinden der Mutter Marthas Sorge so in Anspruch genommen, daß der Gedanke, sie auch nur auf Stunden zu verlassen, gar nicht aufkam.

Suschen hatte schon öfter von den schönen Gottesdiensten in der nahen Pfarrkirche und ihrem lieben Pastor erzählt. Jetzt klangen die Glocken so feierlich herüber und luden zur Fastenkirche.

„Mama, möchten wir nicht auch einmal hingehen?“

„Gehe du, Martha, ich kann noch nicht unter Menschen!“

Martha rief Werners und Suschen ab und ging mit ihnen. Der Kirchgang am heiligen Weihnachtsabend war ihr letzter gewesen. Damals hatte sie vor Glückseligkeit nicht ordentlich gehört, was gesungen und gesagt wurde; heute verlangte ihre gebeugte Seele Trost und Kraft von oben und öffnete wie eine durstige Blüte den Kelch, um den Himmelstau aufzunehmen. Die schönen, wohlbekannten Fastenlieder bewegten ihr Herz und hoben es empor. Der Prediger war ein Greis mit weißen Haaren, sein Angesicht bestrahlt vom Morgenrot einer besseren Welt. Sein Thema war heute: „Wie man dem Herrn sein Kreuz nachtragen soll.“

„Das paßt sehr für mich“, dachte Martha, „ich muß ja auch mein Kreuz tragen.“ Sie erfuhr aber bald, daß noch etwas Besonderes dabei war, woran sie noch nicht gedacht hatte.

„Denkt nicht“, sagte der alte Pfarrer, „wenn euch Gott Leiden schickt und ihr müßt sie ertragen, weil ihr sie nicht los werden könnt, daß dies schon heißt: dem Herrn sein Kreuz nachtragen; o nein! das müssen auch die Heiden und die Ungläubigen thun. Dem Herrn sein Kreuz nachtragen, d. h. die Last, die er uns darreicht, willig auf unsere Schultern nehmen mit dem Gebete: ‚Herr, du hast dein Kreuz getragen für mich und meine Sünden, und hast die Nägel, die in meinem Kreuze waren, dadurch herausgezogen; nun hilf, daß ich mein Kreuz dir nachtrage ohne Murren, in dankbarer Liebe, in stillem, geduldigem Gehorsam, so wie du es von mir willst und mir es vorgetragen hast, als dein Kind und zu deiner Ehre! Dann glaubt mir, grünt das Kreuzholz auf euerer Schulter, blüht und trägt Früchte, davon ihr noch genießen könnt in der seligen Ewigkeit.“

Martha fühlte sich tief ins Herz getroffen. Nein, in dieser Weise hatte sie ihr Kreuz noch nicht getragen, davon war sie noch weit entfernt; aber sie folgte mit zagendem Herzen dem Schlußgebet, daß Gott die Seelen bereiten möge zu solchem Kreuzestrost und solcher Kraft zum Tragen, und sie konnte nicht anders, als nach der Heimkehr der Mutter von dem Eindruck sprechen.

„Mutter, ich möchte dich um etwas bitten. Darf ich nun manchmal wieder ein Lied singen?“

Die Mutter erlaubte es; zuerst flossen ihre Thränen heftiger dabei, dann verlangte sie danach, sie erinnerte auch Martha am nächsten Sonntage selbst daran, in die Kirche zu gehen; die ging so gerne, und als wieder die Glocken zur Abendkirche riefen, holte Frau Feldwart selbst ihren Mantel und begleitete ihr Kind.

Trude war fast jede Woche gekommen; gegen Ende März brachte sie Grüße vom Herrn Amtsrat Rösner, und ob er nicht einmal dürfe seinen Wagen schicken, Frau Feldwart und das Fräulein darin holen zu lassen, damit sie die alte Heimat wieder begrüßten.

Frau Feldwart konnte sich nicht entschließen: „Ja, wenn ich früher einmal hätte dort sein können! Aber in diesem Zustande? nein!“

Am andern Tage fuhren des Amtsrats Töchter, frische, blühende Mädchen, vor, und baten kindlich, doch zu erlauben, daß Martha sie für die Nachmittags- und Abendstunden mit Suschen nach dem Gute begleite; es wären all’ die jungen Mädchen dort versammelt, die an den englischen Stunden teilnehmen wollten; sie wünschten Martha kennen zu lernen.

Dagegen ließ sich nichts sagen. Martha fuhr hinaus in den freundlichen Frühlingstag in Gesellschaft der munteren Mädchen; sie freute sich, all’ die Stätten zu sehen, wo Urgroßeltern und Großeltern gelebt hatten, und ihre Mutter aufgewachsen war. Der joviale Gutsherr und seine freundliche Frau empfingen sie sehr freundlich; der Kreis von jungen Mädchen, die zum Teil noch bedeutend jünger waren als Martha, versetzte sie in ihr früheres, glückliches Leben zurück; sie bewegte sich ungezwungen und anmutig zwischen ihnen und gewann schnell das allgemeine Zutrauen. Es ward Zeit und Ort der englischen Stunde verabredet, Direktors wollten ihr großes Hinterzimmer dazu hergeben, und nur an besonders schönen Nachmittagen wollte der Amtsrat die Gesellschaft herausholen lassen.

Nach dem Kaffee eilte alles in den großen Garten, dessen feiner Rasen im ersten Grün schimmerte, um am Rain und im Gebüsch nach Veilchen zu suchen.

Hier wartete Trude: „Nun, Fräulein Martha, nun kommen Sie ’mal mit, nun will ich Ihnen zeigen, wo die Mutter groß geworden ist; die Frau Amtsrätin wollte es selbst thun, aber ich habe so lange gebeten, bis sie es mir erlaubte; ich weiß das ja doch natürlich noch viel besser! So? Fräulein Werner will auch mit? Na, meinetwegen.“

Das Haus, wo Amtsrat Rösner wohnte, war ein Anbau, den er sich selbst erst eingerichtet, da ihm das alte Wohnhaus zu kühl und düster erschienen war; in dieses führte jetzt Trude die beiden Mädchen.

„Sehen Sie, hier, was jetzt die große Wirtschaftsstube ist, das war der Saal; da ist die Hochzeitstafel gewesen, als der Herr Vater mit der Frau Mutter getraut worden waren, und hier, wo jetzt die Stube vom Inspektor ist, da war die beste Wohnstube; Sie können hineinsehen, er ist draußen beim Bestellen. Da über dem Flur drüben das war dem Großvater seine Arbeitsstube, die hat jetzt Mamsell Hannchen. Und nun kommen Sie ’mal mit die Treppe hinauf.“

Im oberen Stockwerk waren zwei Stübchen, die Marthas Interesse vorzugsweise in Anspruch nahmen: das ehemalige Zimmerchen ihrer Mutter, was jetzt sehr niedlich als Logierstube eingerichtet war, und das Gastzimmer daneben.

„Sehen Sie, hier hat nun die Frau Urgroßmutter gewohnt. Da hier in der Ecke stand ihre große, bunte Kommode und da am Fenster steht noch ihr Lehnstuhl und ihr eiserner, kleiner Tisch. Das war ’mal eine gewaltige Frau! Die Leute im Dorfe wissen noch viel Geschichten von ihr, und ich kann mich noch ganz gut auf sie besinnen. Sie ist die Mutter gewesen von allen Kranken und Armen, und in den Kriegsjahren hat sie immer den Kopf oben gehabt und mehr als einmal durch ihre Ruhe und ihr Auftreten den Hof vor Plünderung und Schaden bewahrt. Der Urgroßvater war kränklich und litt viel am Magen und an der Leber, da hat sie jung schon die Zügel mit halten müssen. Hier oben aber da hat sie gesessen eine halbe Stunde vor Tag und eine halbe Stunde des Abends, und hat gelesen und so gewaltig gebetet, daß sie es manchmal draußen verstanden haben, und in ihrem Testamente hat sie es bestimmt: der Stuhl, der Tisch und darauf die Bibel und das Starkenbuch das soll hier am Fenster bleiben und nicht verrückt werden, zum Zeugnis, daß der Segen von oben kommt.“

Martha war zumute, als hörte sie die Stimme, die aus dem feurigen Busche zu Mose sprach: „Ziehe deine Schuhe aus; der Ort, da deine Füße stehen, das ist ein heilig Land.“ Mit scheuer Ehrfurcht schlug sie die alte Bilderbibel auf, deren vergilbte Blätter mit Randbemerkungen bedeckt waren; sie hatte aufgeschlagen und las: „Ebr. 12, 1: Darum auch wir, dieweil wir solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampfe, der uns verordnet ist.“ Es war, als hörte sie die Urgroßmutter selbst diese Worte sagen, als empfinge sie von ihr in dieser Minute gewissermaßen innerlich den Ritterschlag; jetzt hätte sie lieber selbst Truden und Suschen nicht neben sich gehabt; sie konnte sich lange, lange nicht trennen. Draußen vor dem Fenster spielte der Wind in den eben erst knospenden Zweigen der alten Linden, die hatten auch schon herübergerauscht in der Jugend der Urgroßmutter, und dahinter erglänzte der kleine, klare Landsee, in dem die Mittagssonne sich spiegelte; das war alles ebenso wie sonst.

„Jetzt möchte ich ihr Grab sehen“, sagte sie endlich. Sie wanderte mit Suschen Arm in Arm durchs Dorf, Trude voran. Auf einem grünen Hügel, von Kastanien umgeben, lag die freundliche, saubere Kirche, rings um sie her unter ihren weißen Steinen und Kreuzen die schlafenden Gemeindeglieder. Ganz nahe dem Eingange ins Gotteshaus schliefen Urgroßvater und Urgroßmutter dicht nebeneinander. Die Leichensteine stellten, wie es damals Sitte war, abgebrochene Säulen dar; auf der des Urgroßvaters stand: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“; auf dem seiner Gattin: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!“

„Das hat sie selbst so bestimmt“, sagte Trude, „sonst hätte doch wohl was von allen ihren Gutthaten drauf stehen müssen.“

Die Gräber waren sehr gut gehalten, die dürren Blätter sauber abgeharkt; ein Kranz von Schneeglöckchen faßte die obere Fläche ein, sie läuteten mit all ihren feinen Glocken; schon zeigten sich auch die blauen Blüten der Amaryllis und die dunklen Köpfchen kleiner Tulpen fingen an, sich zu färben. Vom Turme klang jetzt feierlich das Feierabendgeläute, die Sonne wollte soeben zur Ruhe gehen, ihre roten Strahlen gossen flüssiges Gold auf die Grabsteine und das Gras, und eine sanfte Abendluft spielte geheimnisvoll in den welken Blättern, die an der Kirchhofsmauer noch aufgeschichtet lagen.

Die beiden jungen Mädchen hatten sich fest an der Hand gefaßt, Trude stand mit gefalteten Händen. Vom Abendläuten war der letzte Ton verklungen, da hörte man Schritte im Kieswege; die Mädchen wandten sich und standen einem jungen Manne in geistlicher Kleidung gegenüber, der offenbar den schmalen Pfad benutzen wollte, um zum nahen Pfarrhause zu gelangen. Martha und Suschen traten einen Schritt zurück; er grüßte Suschen, wie man eine alte Bekannte grüßt, und wollte dann schnell vorüber; aber Trude gab sich so noch nicht zufrieden.

„Herr Pastor! sehen Sie doch nur, das ist ja die Urenkelin hier von der seligen Frau.“

Der Pastor blieb stehen und Suschen übernahm die Vorstellung: „Herr Pastor Frank, Fräulein Feldwart!“

„Und Sie waren noch niemals hier?“ fragte der Pastor.

„Niemals!“ erwiderte Martha.

„Dann müssen Sie aber auch all’ unsere schönen Altargedecke und heiligen Geräte sehen; die rühren meistens von der Frau Urgroßmutter her.“

O ja, das wollte Martha gern. Der Pastor sprang nach seinem Hause, um die Schlüssel zu holen, und nahm dann die Erfreuten mit sich in die Kirche und in die Sakristei.

Dort schloß er eine schwere, eichene Truhe auf: „Die stammt auch von der Urgroßmutter!“ Dann enthüllte er die schönen, schweren Altargedecke: „Sehen Sie, bei jedem Stücke liegt in dem kleinen Kästchen an der Seite das Dokument der Schenkung.“

Martha beugte sich über die alten Papiere: sie waren offenbar von derselben Hand geschrieben wie ihr Weihnachtslied. Zuerst kam die Schenkung der Truhe: „Anno 1801 bei der Geburt ihres ältesten Sohnes schenkte Frau Anna Martha Waldheim aus Dankbarkeit für Gottes unverdiente Gnade und zum Gedächtnis seiner Wunder diese Truhe zur Aufbewahrung der Kanzel- und Altarbekleidungen.“ Dann kam 1806 bei der Geburt eines zweiten Sohnes das erste Gedeck. „Das blaue Laken mit dem Lamme stickte ich mit meiner eigenen Hand.“ Dieser Hans Waldheim, der hier erwähnt war, war Marthas Großvater. „1812 bei der Geburt einer Tochter Margarete schenkte ich eine Bekleidung für den Taufstein aus schwarzem Sammet und Golde: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott! zu unsern Zeiten!“

„Nun sollen Sie auch die Geräte sehen“, sagte der Pastor und öffnete ein Doppelschloß in der Mauer. 1824 war ein schöner, goldener Kelch geschenkt: „Zum Angedenken an die sel. Heimfahrt meines ältesten Sohnes, der sich im Sterben hat mit dem Sakrament erquicket“; 1828 „eine güldene Weinkanne, da mir mein Herr den bitteren Trank des Witwenleides hat eingeschenket. Dein teures Blut, dein Lebenssaft giebt mir stets neue Lebenskraft!“ „Anno 1830 bei der Taufe meiner lieben Enkelin Anna Marie ein neu Taufbecken: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig!“

Anna Marie! das war ja ihre liebe Mutter! Martha war es sonderbar ums Herz; so wohl, als sei sie in dem kleinen Gotteshause zuhause; so weh, daß von der Familie, die hier so feste Wurzeln geschlagen hatte, jetzt hier kein einziges Reislein mehr grünte. Im Amtsstuhl war noch der kleine, geschnitzte Gesangbuchsschrank der Urgroßeltern mit ihrem Namen und dem Datum ihres Einzuges. Martha fand es sehr schwer, sich von all diesen Erinnerungen loszureißen, aber die Tageszeit nötigte dazu.

Als sie ins Freie traten, war die Sonne hinunter und ein feiner, weißer Nebel zog durchs Thal. Sie dankten dem Pastor freundlich, er erkundigte sich noch nach Suschens Eltern, und dann stiegen die drei verschiedenen weiblichen Gestalten still den Hügel hinab. Pastor Frank stand an der Kirchhofsmauer und sah ihnen nach, bis das braune Kopftuch, das schwarze und das helle Kleid im Schatten der Häuser verschwanden.

„Kanntest du den Pastor Frank schon länger?“ fragte Martha.

„Ja wohl“, erwiderte Suschen; „er gab als Kandidat den deutschen Unterricht an unserer Schule; wir schwärmten damals alle für ihn.“

Daß Martha dann bei Tische und auf der Rückfahrt stiller war, wunderte Suschen eben nicht. Frau Feldwart hatte schon sehr ungeduldig nach ihrem Kinde ausgesehen.

„Mama“, sagte die Tochter, nachdem sie nur eben ihre Sachen abgelegt hatte, „kannst du dich noch ganz ordentlich auf die Urgroßmutter besinnen?“

„Freilich“, sagte Frau Feldwart; „ich war ja schon ganz erwachsen, als sie starb! An meinem Einsegnungsmorgen da hat sie an ihrem eisernen Tischchen noch mit mir gelesen und gebetet und hat mir die Bilderbibel mit dem silbernen Schloß geschenkt, die ich jetzt noch habe.“

„Mama, das Tischchen steht noch und der Lehnstuhl, und Urgroßmutters Bibel und das Starkenbuch sind auch noch da.“

„Wie mich das freut!“ rief Frau Feldwart; „sie hatte es ja im Testamente so bestimmt, und so lange meine Eltern dort waren, blieb natürlich alles so. Als wir Schwestern dann aber heirateten und die Eltern das Gut verkauften, um uns nachzuziehen nach B., da mußten wir es dem neuen Besitzer überlassen, ob er diesen Wunsch noch ferner erfüllen wollte.“

„Mama, all’ die Altardecken und heiligen Geräte sind auch noch da, auch das Taufbecken, woraus du zuerst getauft bist; du mußt mir noch viel von der Urgroßmutter erzählen.“

„Das thue ich schon gern; du kannst auch vielleicht in ihren alten Papieren manches finden.“

Der Martha war zumute, als habe sie die Urgroßmutter heute erst geschenkt bekommen; ein Pastellbildchen aus der Jugendzeit derselben hing über dem Nähtisch ihrer Mutter; das mußte sie immer ansehen; die klaren Augen und festen, bestimmten Züge waren ihr nun erst verständlich, und ihr eigener Name: Anna Martha, den sie bis dahin ganz alltäglich gefunden hatte, wurde ihr jetzt lieb als Erbstück von der Urgroßmutter.

Von Ostern ab begann nun für sie eine sehr fleißige Zeit. Unter Suschens Leitung nahm sie mit eigener Hand die Änderungen an ihrer Garderobe und der ihrer Mutter vor, welche die wärmere Jahreszeit nötig machte; die Besorgung der kleinen Wirtschaft fing an ihr Freude zu machen, auch das Einteilen und Sparen, als sie es nach Frau Werners Anleitung mit Erfolg that, gewann seinen Reiz für sie. Daneben begannen die englischen Übungsstunden, auf die sie sich ordentlich vorbereiten mußte; die Zeichenstunden mit den jüngeren Mädchen nahmen ihren Anfang; jede Mußestunde wurde zur Vollendung niedlicher Karten und Lesezeichen verwendet; da hieß es die Minuten benutzen und die Zeit aufs äußerste auskaufen. Frau Feldwart sah anfangs mit Befriedigung Marthas erhöhte Thätigkeit und wiederkehrende Energie, aber mit der Zeit ward es ihr lästig, die Tochter, welche bisher nur für sie allein gelebt, so in Anspruch genommen zu sehen. Seitdem sie sich in die ungewöhnlich milde Frühlingsluft einmal hinausgewagt hatte, regte sich das Bedürfnis zum Spazierengehen öfter bei ihr; wenn dann Martha sagte: „Nein, Mama, heute kann ich nicht ausgehen, heute muß das Kleid fertig werden“, oder: „Ach, ich bin eben mitten im Malen mit meinem Lesezeichen, jetzt kann ich’s unmöglich liegen lassen!“ da wurde die Mutter verdrießlich und es gab zwischen beiden darüber so manchen kleinen Zwist. Es wurden allmählich auch die Abendstunden zur Arbeit mit herangezogen, in denen Martha der Mutter früher vorgelesen hatte; Frau Feldwart, deren Augen schwach waren, nickte dann ein beim Stricken und machte bittere Bemerkungen. Dann legte Martha wohl Bücher und Zeichengeräte fort und las vor, bis die Mutter zu Bette ging, um dann bis 1 Uhr nachts zu arbeiten und müde und überwacht am anderen Morgen aufzustehen.

„Ich weiß nicht, Martha“, sagte Suschen, „Du bist jetzt viel unruhiger wie zu Anfang.“

„Ich finde es selbst“, erwiderte diese nachdenklich, „ich war noch nie so aufgeregt und zerstreut wie jetzt; ich weiß nicht, woran es eigentlich liegt.“

Es fiel ihr ein, daß Trude gesagt hatte, die Urgroßmutter hätte zweimal so viel als andere fertig gebracht. Sie nahm sich vor, am nächsten Sonntag ’mal in ihren Briefen zu studieren. Sie fand verschiedene Briefe, die von Krankheiten, Arbeiten, Kriegsunruhen handelten; endlich öffnete sie einen Brief, den Frau Anna Martha ihrer Schwiegertochter, Marthas Großmutter, geschrieben:

„Meine herzliebe Frau Tochter! Dein Brief hat mir recht viel Nachdenken und auch Sorgen gemacht, weil er klingt, als wüßtest Du vor Not und Arbeit von früh bis spät nicht aus noch ein! Ich kann mir wohl denken, wie die Obst- und Kartoffelernte, die Krankheit der beiden Kinder, das Schlachten und der viele Besuch zu der Hasenjagd alle deine Kräfte verbraucht haben, und ich will auch, so schnell ich kann, heimkommen, um Dir zu helfen; aber ich habe oft ebenso viel und noch mehr, sogar mit Feinden durchgemacht, und bin doch ruhig verblieben. Versäumt denn meine liebe Frau Schwiegertochter auch die Hauptsachen nicht? Ich las neulich in einem Buche, daß ein gelehrter Mann, ein Sterngucker, gesagt hat: ‚Gebt mir einen Standpunkt außerhalb der Welt, und ich will sie aus den Angeln heben.‘ Das hat mir ganz gewaltig gefallen. All’ unsere Arbeiten, alle Mühen, Sorgen und Erdenlasten, die unsere Herzen drücken, die können wir nur regieren und bewegen von einem Standpunkt außerhalb der Welt, und gottlob! geht es darin uns Christenleuten besser als dem armen Kerl in meinem Buche; wir haben den Standpunkt wahrhaftig; wir brauchen nur zu unserem Vater in dem Himmel zu gehen. Er hat’s erlaubt; wenn wir es nicht thun, ist es unsere Schuld. Frau Schwiegertochter! Wenn ich in meinem Leben etwas erreicht und fertig gebracht habe, so ist es nur dadurch geschehen, daß ich jeden Tag zweimal eine halbe Stunde vor Gottes Thron gegangen bin. Wenn doch alle Menschen wüßten, wie viel das Mühe, Not und Zeit erspart! Mit schwerem Herzen, matten Gliedern, unruhigem Gemüte geht man hin; mit freier Seele, gestärkten Füßen, wackeren Händen, geordnetem Willen und verständigen Gedanken kommt man wieder. Frau Schwiegertochter! Des Sonntags im Gottesdienst und des Alltags in der Betkammer da kriegt man das meiste fertig, denn da wird man selbst fertig gemacht, daß man nicht umherfährt wie eine Brummfliege, sondern fein gerade auf sein Ziel lossteuert wie ein Schiff mit reinen, vollen Segeln, in welche der richtige Wind bläst. Frau Schwiegertochter! Unter das Rezept kann man gewißlich setzen, was meistens unter denen Kuchen- und Seifen-Rezepten in den Kochbüchern stehet: probatum est! Und damit Gott befohlen!“

Martha hielt lange den Brief in der Hand. Das war es!

Wenn ein junges, begabtes Wesen zuerst seine Leistungsfähigkeit entdeckt, empfindet es natürlich Freude darüber und das Verlangen, seine Thätigkeit fort und fort reicher zu entfalten und zu steigern.

Dieser Trieb ist gewiß an und für sich nicht zu tadeln, aber es geschieht dann leicht, daß man sich fest auf die eigenen Füße stellt, der Quelle vergißt, aus der man seine Kraft empfing und erst durch die Lahmheit seiner Flügel und die Unruhe des ganzen Getriebes vom lieben Gott die Erinnerung bekommen muß: „Ohne mich könnet ihr nichts thun!“ So war es Martha ergangen.

„Was liest du da, Martha, worin du so ganz versunken bist?“ fragte die Mutter.

Martha reichte ihr den Brief hinüber.

„Ach“, sagte Frau Feldwart, nachdem sie ihn gelesen, „das ist ganz und gar meine Großmutter! Rezepte schrieb sie gar zu gern. Als ich aus meiner Freiheit auf dem Gute in die Stadt in Pension kam, hatte ich ’mal einen großen Klagebrief nachhause geschrieben, weil ich nun alles zugleich lernen sollte und niemals fertig wurde; da hat sie mir auch ’mal so ein Rezept geschickt, es war kurz vor ihrem Tode. Warte, ich will es dir gleich holen.“

Sie nahm es aus ihrem Schreibtische und Martha las:

Rezept für unser Mariechen in der Stadt.

1) stehe die Jungfer früh auf; sie ist kerngesund und schläfet in der Nacht; da wird es ihr nichts schaden, wenn sie sich frühzeitig aus den Federn hebet. Frisch heraus, kalt gewaschen, rasch und ordentlich angezogen, ein Kapitel aus der Bibel gelesen, gebetet und an die Arbeit! Das lange Herumdrehen in den Federn mit wachen Augen ist schädlich; da gewöhnt man sich an das Träumen bei Tage, und es wird schwer sein, sich über diese verdämmerten Stunden zu entschuldigen, wenn man sich darüber einmal beim lieben Gott verantworten soll, wie man seine Zeit angewendet hat. Jeden Tag eine Stunde, giebt im Jahr 365 Stunden, also 15 Tage und 5 Stunden; sollte Dich der liebe Gott 70 Jahre leben lassen, werden 2 Jahre und 334 Tage daraus, ohne die Schalttage, also beinahe 3 Jahre; das bedenke man ordentlich, damit man die Minuten zurate hält!

2) fasse man seinen Verstand zusammen und frage sich, was zu jeder Stunde das Nötigste ist. Eine Viertelstunde dieses betrieben, die andere Viertelstunde jenes — das schafft nicht. Was man treibt, treibe man ganz, lasse alle anderen Gedanken fahren und richte seinen ganzen Fleiß darauf, nicht, so schnell wie möglich fertig zu werden, sondern so gründlich und schön als möglich seine Arbeit zu vollenden; dabei wächst die Zufriedenheit und die Tüchtigkeit;

3) bedenke man all’ seine Sachen zur rechten Zeit und Stunde, und zwar, so viel es möglich ist, immer auf einige Tage voraus; man kann sich dann mit seinen Aufgaben viel besser einrichten. Wenn Du z. B. bei Deinen weiten Wegen in B. ausgehest und vergissest die Hälfte von dem, was Du nächstens gebrauchst, mitzubringen, und mußt dann noch einmal unnützlich rennen, so sind einige Stunden weg, die weder Dir noch anderen Vorteil bringen;

4) gewöhne man sich, das nur Erwünschte und Angenehme von dem Nützlichen und Nötigen zu unterscheiden und beides nach seinem Werte zu behandeln. Zum Beispiel, Du darfst Sorgfalt und guten Geschmack auf Deinen Anzug verwenden, darfst Dir ansehen, welche Haarfrisur und Kleidung für Dich passend ist; der liebe Gott will nicht, daß wir uns vernachlässigen oder verunstalten sollen; seine Werke sind alle schön und wohlgeordnet und lieget der Zauber der Anmut darüber. Aber Du sollst nicht stundenlang vor dem Spiegel stehen, die Locken nach rechts und links drehen, die Schleifchen hierhin und dorthin wenden, und die edlen Stunden, die Deinem inwendigen Menschen und dem Wohle des Nächsten zugute kommen sollen, verthun mit „Firlefanz.“ Ja, liebes Kind, so nannte unsere Mutter all’ die Modethorheiten, die man sich jeden Tag neu ausdenket, die viel Zeit und Geld kosten und keinen Menschen glücklich und zufrieden machen; Du glaubst nicht, wie viel man davon entbehren kann und wie glücklich man ist, wenn man so wenig als immer möglich davon gebraucht;

5) darf man sehr wohl ein gutes Buch zur Unterhaltung lesen; nur daß man sich in Deinem Alter von erwachsenen, verständigen Personen muß raten lassen, welches ein gut und nützlich Buch sei. Aber, mein Kind, lies vernünftig. Sich den Kopf heiß lesen, um nur schnell vorwärts zu kommen und zu erfahren, ob der Liebste die Liebste auch kriegt, — blättern, bald hinten, bald vorne; überschlagen, was auf den ersten Augenblick nicht so ansprechend erscheinet; sich verlesen, wenn andere Pflichten rufen: das ist schlimmer, als hätte man nie ein Buch in der Hand gehabt, und macht den ganzen Charakter zucht- und haltlos. Langsam lesen, ordentlich in sich aufnehmen, bedenken, was der Verfasser von Dir will; zuweilen ein bißchen stille halten, wenn Dich was ins Herz trifft, das fördert und bringet unversehens weiter.

6) Du darfst auch mit einer Freundin umgehen, ja wohl, es ist sehr schön, wenn Du eine hast; ich gönne sie Dir von Herzen. Aber wenn Du sie willst auf eine Stunde oder mehr besuchen, dann nimm Dein Strickzeug oder Nähzeug mit, oder spielet, springet, leset und singet meinetwegen zusammen; willst Du ihr aber nur auf einige Minuten etwas bestellen, so laß dies wirklich nur Minuten sein; das Stehen und Schwätzen beim Gehen und Kommen, so zwischen Thür und Angel, daß keiner weiß, ob es jemals enden wird, das bringet die Töchter um ihre Zeit und die Mütter um ihre Geduld — das merke Dir!


Martha war sehr hingenommen von den Lehren der Urgroßmutter. Sie waren natürlich nicht alle gerade für ihr eigentümliches Wesen zutreffend, aber vieles stimmte auffallend. Sie erinnerte sich sehr deutlich, daß Frau Direktor Werner gestern dreimal „Suschen!“ gerufen hatte, als sie an der Hinterthür voneinander Abschied nahmen, und wie oft, ach, wie oft! hatte sie weite Wege machen müssen, weil sie am Morgen vergaß, der Warburgerin das Nötige aufzutragen. Das Frühaufstehen war auch ein wunder Punkt, ein recht wunder! der sollte morgen früh zuerst geändert werden.

Als Martha der Dienerin um sechs Uhr die Thür geöffnet hatte, legte sie sich nicht nach ihrer Gewohnheit noch einmal nieder, sondern sie kleidete sich ganz nach dem Rezept der Urgroßmutter leise und rasch an, und die Wohnstube war kaum fertig, so erschien sie in derselben, setzte sich ans Fenster und schlug ihre Bibel auf. Es war sehr feierlich um sie her. Drüben im Grasgarten schlugen die Finken; sie hatte die Fenster geöffnet, um die köstliche Maienluft zu atmen, und auf ihren Flügeln strömte der Duft von Flieder und Jasmin zu ihr herein; die blütenbedeckten Apfelbäume waren von der Morgensonne rötlich angeleuchtet; im Grase glänzte der Tau in tausend Perlen.

„Wie schön solch ein Morgen ist!“ dachte Martha. Das Lied fiel ihr ein, das sie stets so gern gesungen: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte etc.“ Singen durfte sie es jetzt nicht, um die Mutter nicht zu wecken. Sie schlug ihre Bibel auf. Ach, die ganze Natur war heute nur ein Loblied; sie mußte sich auch hier in Gottes Wort eins suchen; sie las den 103. Psalm: „Lobe den Herrn, meine Seele! und was in mir ist seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat etc.“ Dieser köstlichste aller Lobgesänge trug ihr Herz hoch empor, und ob sie es auch in der letzten Zeit oftmals versäumt hatte, mit ihrem Vater im Himmel zu reden, die Stimme des Psalmisten weckte verwandte Stimmen in ihrer Seele; sie konnte danken, sie konnte bitten, sie konnte ihr Leben und Streben im Lichte des Wortes Gottes stille betrachten. Wie verschwindet so vieles in diesem Lichte, was uns wichtig erschien; wie verklärt erscheint manches, was wir für klein und unwichtig gehalten hatten; wie viel klarer wird die Richtschnur für unser Thun und Lassen, wenn Gottes helle Sonne darauf scheint.

Martha hatte bis jetzt ihr rastloses Arbeiten für nichts als Tugend und ihre Mutter für sehr ungerecht gehalten, wenn sie diese Thätigkeit hemmen und ihr Kind für sich in Anspruch nehmen wollte; jetzt auf einmal wurde es ihr klar, daß die Erfüllung des vierten Gebotes ihre nächste Aufgabe sei, und ihrer Mutter das Leben leicht zu machen das höchste Ziel, das sie sich stecken mußte.

So lange wir hier auf Erden leben, werden wir immer mehr oder weniger beunruhigt werden durch den scheinbaren Widerstreit unserer verschiedenen Pflichten, und das Bestreben, sie in Harmonie zu bringen, geht durch alle unsere Tage. Dies hat aber seinen Grund zumeist darin, daß wir unsere Lieblingsneigungen und Lieblingsbeschäftigungen selbstsüchtig festhalten und nicht unterordnen wollen; je mehr uns dies mit Gottes Hilfe gelingt, desto stiller und geordneter fließt unser Leben dahin.

Martha fing jetzt wirklich ernstlich an, zu kämpfen und zu ringen, um dieses Ziel zu erreichen, und die Morgenstunden, welche ihr dazu verhelfen sollten, waren ihr bald so lieb und unentbehrlich wie einst der Urgroßmutter. Sie war darin nicht immer in so gehobener Stimmung; ach nein! solche Stunden sind, so lange wir hier unten weilen, selten. Recht oft klagte sie, statt zu danken, wenn all’ die Sorgen ums tägliche Brot auf sie einstürmten, wenn die sehr wechselnde Stimmung der Mutter ihr Not machte, wenn die Sehnsucht nach Siegfried, von dem sie kein Wort wieder gehört hatte, allzu schmerzlich in ihr emporstieg. Martha hatte nicht versäumt, ihre neue Adresse in Berlin zu melden, damit ein Brief sie erreichen könne; sie hatte kein Lebenszeichen erhalten, wußte nicht, wo sie ihn mit ihren Gedanken aufsuchen sollte; auch in dieser Not war ihre einzige Beruhigung: „Er ist in Gottes Hand, wie ich es bin; wenn es zu unserem Frieden dient, bringt er uns wieder zusammen!“ Oft bat sie den Herrn mit Thränen darum, oft suchte sie nach Ergebung, wenn es anders beschlossen sei; aber so wenig sie jemals ganz mit ihrem alten Menschen fertig wurde, so kam doch nach und nach immer größere Ruhe und Sammlung in ihr Herz, und dies konnte man an ihrem Thun und Treiben gar wohl bemerken. Ohne daß sie eine der angefangenen Arbeiten vernachlässigte, gewann sie nun Zeit, sich mit der Mutter im Freien zu ergehen, ihr am Abend vorzulesen, sie in die erbaulichen Gottesdienste der nahen Pfarrkirche zu begleiten.

Als Pastor Wohlgemuth die beiden Frauengestalten so regelmäßig unter seinen Zuhörern erblickte, fing er an, ihnen mitunter einen Besuch zu machen, wie er es bei Direktor Werners schon seit langer Zeit that. Seine herzliche, ernste und doch getroste Weise, mit der er die trüben Dinge des Lebens ins heitere Himmelslicht zu setzen wußte, thaten der Mutter und Tochter wohl. Martha und Suschen verehrten ihn beide; seine Erscheinung im Hause war ein Fest für sie, ein beneidenswertes Ereignis, wenn er bei einer Begegnung freundliche Worte zu ihnen sprach, und alle Blumen, welche sie in Wald und Flur pflückten, mußte Luischen dem alten Herrn in die Konfirmandenstunde mitnehmen.

Zu Pfingsten entschloß sich Frau Feldwart zum erstenmale, einer Einladung der Frau Amtmann Rösner zu folgen und einige Tage in Weißfeld zuzubringen. Es ging dies nicht ohne große Herzensbewegung ab, aber dieselbe war überwiegend freudiger Art. Ihr eigenes früheres Stübchen war für sie und Martha zum Schlafzimmer, das der Urgroßmutter zur Wohnstube eingerichtet. Sie sah die alte Heimat im lieblichsten Lichte: alle Häuser, auch das Gutshaus, mit Maien geschmückt, Narzissen und Tulpen, Flieder und Goldregen in voller Blüte, die Linden im schönsten, lichtgrünen Schmuck. Trude war überglücklich, ihre alte Herrin zu empfangen; von Amtmanns wurde sie mit der zartesten Liebe aufgenommen und gepflegt, und gleich am Morgen nach der Ankunft hielten Mutter und Tochter zum erstenmal gemeinsam ihre Andacht am Plätzchen der Urgroßmutter. Die Mutter saß im Lehnstuhl; Martha, die Bilderbibel auf den Knieen, auf einem niedrigen Schemel davor; sie las auf Wunsch der Mutter den Lieblingspsalm der Frau, die hier so oft gebetet hatte, den 90. Psalm: „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für etc.“, den Psalm, der Ewigkeit und Vergänglichkeit ergreifend nebeneinander stellt, mit seiner kindlichen Bitte am Schlusse: „Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden; zeige deinen Knechten deine Werke, und deine Ehre ihren Kindern; und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!“

Sie saßen noch lange mit gefalteten Händen, als Martha gelesen hatte, und der Pfingstgeist, der Geist des Friedens und des Trostes, zog in ihre Herzen ein. Sie wanderten dann mit den geschmückten Landbewohnern zusammen dem Kirchlein zu.

Frau Feldwart saß an derselben Stelle, wo sie mit ihren Eltern sonntäglich gesessen hatte. Ach, um sie her saß eine fremde Gemeinde! Trude und der gebückt einhergehende alte Kirchendiener waren die einzigen Gestalten, deren sie sich erinnerte. Pastor Frank predigte in einer schönen Sprache, gar nicht ungläubig, aber noch recht jugendlich. Martha meinte, ihr alter Pastor Wohlgemuth gäbe ihr mehr, und geriet darüber mit Suschen, die am Morgen erst gekommen war, beinahe in Streit.

„Ich weiß gar nicht, was du willst, Martha; noch schöner wie der Pastor Frank kann doch gar kein Mensch predigen!“

„Er predigt mir eben zu schön“, sagte diese.

„Aber wie kannst du nur solchen Unsinn sagen!“ rief Suschen ganz gereizt und ärgerlich.

Gegen Abend kam Pastor Frank und blieb zum Abendbrot da. Es wurde musiziert; die beiden Töchter des Amtmanns spielten vierhändig, Pastor Frank sang mit seiner schönen Tenorstimme: „Tröstet, tröstet mein Volk“ aus Händels „Messias“, er begleitete Martha das schöne Lied: „Du bist die Ruh, der Friede mild, die Sehnsucht du und was sie stillt etc.“, und das war wirklich recht erquicklich. Dann, nach Tisch, wanderten alle in der lieblichen Dämmerung des duftenden Gartens; Pastor Frank schloß sich an Martha und Suschen an; er erzählte, daß am dritten Festtage großes Kinderfest sein werde, auch eine Stiftung der Urgroßmutter. Er berichtete von mancherlei Einrichtungen zum Wohl der Arbeitsleute aus alter und aus neuer Zeit. Martha interessierte sich lebhaft dafür und forderte ihn durch Fragen zu weiteren Mitteilungen auf. Er freute sich der eifrigen Zuhörerin, sie kamen in ein sehr lebhaftes Gespräch; Martha war aus der reichen Geselligkeit der Residenz gewohnt, sich leicht und fließend auszudrücken; Suschen hatte Respektspersonen und Fremden gegenüber noch ganz ihre kindliche Schüchternheit; sie hing an Marthas Arme und sagte gar nichts.

Als sie sich am Abend trennten, fiel es Martha auf, daß ihre Freundin nicht so heiter war als sonst.

„Was hast du, Suschen? Du warst heute Abend so still!“

„Ich weiß nicht, ich war wohl müde von dem Morgenweg in der Sonne.“

„Das ist ja möglich“, dachte Martha, „auch der Duft von Flieder und Goldlack macht müde; ich bin es ja auch.“

Am zweiten Festtage kamen gegen Abend einige Familien aus der Nachbarschaft; Frau Feldwart zog sich auf ihr Zimmer zurück; Martha wurde von den jungen weiblichen Gliedern der Gesellschaft, die meistens schon ihre Schülerinnen waren, schnell umringt, und war, ohne daß sie es wollte, eigentlich der Mittelpunkt aller.

Pastor Frank erschien auf eine Stunde, um zu verabreden, wie es morgen beim Brezelfest werden sollte; die Brezeln wurden vor dem Schulhause aus zwei Körben verteilt, und er wünschte, daß die Urenkelin der Stifterin mit ihrer Freundin zusammen dies Amt übernehmen möge.

Sie sagte gern zu: „Wenn es sich paßt in meinem schwarzen Anzug?“

„Gewiß“, sagte Pastor Frank; „auf dem Lande ist Schwarz immer ein Festkleid, und wenn Fräulein Suschen vielleicht wie heute in Weiß erscheint, so stellen Sie daneben zusammen die preußischen Farben dar, und das paßt ganz gut zu den Vaterlandsliedern der Knaben.“

Am dritten Feiertag nachmittags zog alles nach dem Schulhause. Trude zupfte Martha am Kleide, als sie vom Hofe gehen wollte, und stellte einen etwa achtjährigen Jungen und ein sechsjähriges dralles Mädchen vor sie hin, die in Festfreude und Festschmuck strahlten.

„Das sind meiner Kathrine ihre, Fräulein: Hans und Mariechen! So, gebt auch hübsch ein Händchen, so ist’s recht!“

Martha sah mit Wohlgefallen auf die frischen, zutraulichen Kinder, die nun dem Versammlungsplatze zueilten, und ging selbst, um mit Suschen an den weißgedeckten Tischen Platz zu nehmen, die vor dem Schulhause aufgestellt waren zu beiden Seiten der Eingangsthür.

Schön geschmückt, jedes Kind einen großen Strauß vor der Brust und eine Maie in der Hand, kam die Schuljugend gezogen, erst die Knaben paarweis, dann die Mädchen; niedliche Fahnen in den deutschen Farben trugen die ältesten Knaben vor; ihnen folgten einige Musikanten mit Blasinstrumenten und einer Trommel. Sie zogen auf den lindenbeschatteten Platz vor dem Schulhause unter dem Gesang, den ebenfalls die Urgroßmutter bestimmt hatte: „O heiliger Geist, o heiliger Gott etc.“

Der Pastor sprach ein kurzes Gebet und sagte den Kindern in einfachen Worten, der Pfingstgeist sei ein Geist der Freude und der Liebe, deshalb habe ihnen die Liebe dieses Fest bereitet; sie möchten nun in Gottes Namen fröhlich sein und mit Dankbarkeit an die alte Frau gedenken, die dieses Fest gestiftet habe, als ihr ältestes Söhnlein, sechs Jahre alt, zur Schule gekommen sei. „Und seht, dort steht ihre Urenkelin, die will euch die Brezeln heute selbst geben!“

So waren denn natürlich aller Augen auf Martha gerichtet; weil es aber strahlende Kinderaugen waren, fühlte sie sich nicht dadurch belästigt.

Der kleine Hans zupfte sie am Kleide: „Du, was ist denn eine Urenkelin?“

„Weißt du denn, was eine Enkelin ist?“

„Ne!“

„Aber, was eine Großmutter ist, das weißt du!“

„Ja“, sagte der Junge lustig, „ich habe zweie!“

„Na, siehst du! wenn deiner Großmutter ihre Mutter noch lebte, das wäre deine Urgroßmutter, und du wärst ihr Urenkel.“

Der Junge sah noch nicht ganz befriedigt aus: „Da müßte sie mir doch noch erst eine Uhr schenken.“

Martha lachte: „Junge, ein Urenkel kann man auch ohne Uhr sein; ich habe auch keine.“

Aus dem Schulhause wurden nun gewaltig große Chokoladenkannen herausgebracht; jedes Kind nestelte den kleinen Becher los, den es am Gürtel trug, und nun ward gefüllt und getrunken nach Herzenslust. Dann ging es ans Spielen.

Für die Knaben waren Kletterstangen da; ein Sackhüpfen wurde angestellt, und es gab allerlei kleine Preise: Tücher, Messer, Kreisel etc. Die Mädchen liefen nach einem Ziele, mußten mit einem an einer Schnur schwebenden Ringe nach einem Haken werfen und wurden dann ebenfalls mit Scheren, Fingerhüten, Bändern und dergleichen belohnt. Suschen zeigte sich im Anordnen solcher Spiele sehr behilflich und gewandt; sie kannte dieselben von ihren Geschwistern. Dazwischen sangen die Knaben: „Die Wacht am Rhein“ und andere Vaterlandslieder; die Mädchen: „Alle Vögel sind schon da“, „Wer hat die Blumen nur erdacht“ u. s. w.

Martha merkte jetzt, daß verschiedene Kinder müde waren vom Laufen; sie setzte sich auf eine der Bänke unter der Linde, ein Kind nach dem anderen kam zu ihr heran, und sie fing an, sich mit ihnen zu unterhalten.

„Riech einmal“, sagte Hänschen und hielt ihr einen Strauß von Pfingstrosen (eine gelbe Wiesenblume, gestaltet wie eine recht volle Rose, in Farbe und Blatt der Butterblume gleich) und Sternblumen unter die Nase.

„Danke“, sagte Martha, „das riecht schön.“

„Ja, sie sind auch viel schöner als Butterblumen und Gänseblümchen.“

„Weißt du denn, Hänschen, wie sie so schön geworden sind?“

„Ne“, sagte Hänschen, legte beide Arme auf ihre Kniee und sah sie mit offenem Munde an.

„Soll ich’s dir erzählen?“

„Ja, woher weißt du es denn?“

„Ei, so etwas erzählt mir der Morgenwind, wenn er mich früh am offenen Fenster besucht.“

„Na, nu erzähle!“ sagte Hänschen.

Sie hatte nur wenige Kinder um sich gehabt; jetzt kamen immer mehr an sie heran, bis sich ein dichter Kreis gebildet hatte; über den Kinderköpfen schauten auch einige alte mit Wohlgefallen auf sie, als sie begann:

„Als es zum erstenmale Pfingsten wurde im deutschen Lande, da jubelte die ganze Erde. Im Walde bewegten die Birken ihre grünen Fähnchen, mit feinen, langen Kätzchen behangen; die Buche schmückte ihren weißen Stamm mit hellgrünen Kränzen, und die zierlichen Maiblumen läuteten, daß es eine helle Lust war!

„Aus den Büschen klang die Stimme des Buchfinken und der Nachtigall; der Pfingstvogel im gelb und schwarzen Röcklein ließ seinen Lockruf ertönen; der Kuckuck rief Tag aus und Tag ein, und die Lerche stieg aus der Furche gerade zum Himmel hinauf: ‚Tirrerillerie! Tirrerillera! Pfingsten, das schöne Pfingsten ist da!‘

„Im Garten zogen die Blumen ihre allerschönsten Kleider an; die Tulpen schmückten sich mit allen Farben; glänzend weiß standen die Narzissen; der Flieder hing seine großen, blauen Trauben aus, der Goldregen seine gelben; ja, sogar eine Rose öffnete schon ihre Knospe: es ist ja Pfingsten, da möchte ich dabei sein! Am Bache standen die Vergißmeinnicht und wuschen sich, um ganz schön himmelblau zu sein zu Pfingsten. Auf der Wiese standen ein Gänseblümchen und eine Butterblume nebeneinander, als am Pfingstsonnabend die Sonne unterging. ‚Weißt du es schon‘, sagte die Butterblume, ‚morgen ist Pfingsten.‘ ‚Ich weiß!‘ sagte das Gänseblümchen, ‚die Menschen sagen, es sei das schönste Fest, denn da sei der Geist des Trostes und des Friedens auf die Erde gekommen. Sieh nur, wie die Blumen im Garten sich putzen!‘ ‚Ich möchte mich auch schmücken‘, sagte die Butterblume, ‚aber ich weiß gar nicht, wie ich es anfangen soll.‘ ‚Ich habe mich schon im Abendtau gebadet, aber klein bin ich und klein bleibe ich‘, seufzte die Gänseblume.

„Die Sterne zogen auf; Butterblume und Gänseblümchen hatten sonst längst um diese Zeit ihre Blättchen oben zusammengeschlossen und schliefen; — heute wollte ihnen der Schlaf nicht kommen. Sie sahen zu den leuchtenden Sternen auf und sprachen: ‚Ihr schönen, goldenen Sterne! wir wollten gern schön werden, dem Pfingstfest zu Ehren; könnt ihr uns nicht dazu helfen?‘

„Die Sterne sahen freundlich herunter und die Blümchen sahen sehnend hinauf, und erst als die Sterne blaß wurden und ein kleines Streifchen Morgenrot am Himmel erschien, da schliefen die Blümchen ein, und als am anderen Morgen die Sonne sie weckte, da sahen sie sich an und sahen sich wieder an, denn aus der Butterblume war eine runde, volle, süß duftende Pfingstrose geworden, und aus dem Gänseblümchen eine prächtige Sternblume. Da weinten und lachten sie vor Freude, daß die Sterne ihnen auch ein so schönes Pfingstkleid beschert hatten. Seitdem kommen und blühen sie immer zu Pfingsten. Gänseblümchen und Butterblumen kommen früher, sobald der Lenz auf die Erde tritt: aber wenn es zu Pfingsten läutet, erwachen die Sternblumen und Pfingstrosen auf den Wiesen, denn die beiden haben viele, viele Kinder bekommen, die feiern alle mit, und Hänschens Strauß gehört auch dazu!“

„Hänschens Strauß gehört auch dazu! Hänschens Strauß gehört auch dazu!“ riefen die Kinder. „Erzähle noch was, erzähle noch was!“

„Ach ich kann nicht immer erzählen; jetzt könnt ihr ein Rätsel raten: