Die Ueberlieferung
Werth der Quellen
Sprache der Handschriften
Der Verfasser und sein Werk
Die Sprache des Werkes
Verhältniss zum tschechischen Gegenstücke
Kritik des Tkadleček
Die Quellen, auf denen meine Ausgabe des Ackermannes beruht, konnte ich hier in Prag benutzen, wofür ich zugleich im Namen meines Lehrers Professor Dr. E. Martin den Herren Vorständen der Bibliotheken zu Stuttgart, Heidelberg, Wolfenbüttel und Dresden meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
Die Ueberlieferung.
Der Ackermann aus Böhmen ist uns überliefert in vier Papierhandschriften und zwölf Drucken, von welch letzteren jedoch nur die beiden ältesten Ausgaben kritischen Werth besitzen.
Die Hss., insgesammt der Mitte des 15. Jh. angehörig, sind die folgenden:
A, Hs. der königlichen Handbibliothek zu Stuttgart cod. phil. 23 in Folio. Sie ist geschrieben von zwei Händen. Von erster Hand stammen die Stücke: ›der ackerman aus beheim‹, ›der tewtsch katho‹, ›der facetus moralis zu tewtsche‹ und der ›Belial‹. Am Schlusse des letztgenannten Stückes findet sich die Jahreszahl xlix, so dass auch der Ackermann in dem Jahre 1449 geschrieben sein möchte. Die zweite Hand schrieb den Rest der Hs., eine Anzahl gereimter Fabeln. Auf der Innenseite des rückwärtigen Einbanddeckels findet sich folgende Bemerkung: ›1566 [dann folgt ein Kleeblatt] H. M. Andreas Venatorius, Canzleyschreiber‹. Vorne und rückwärts auf den hölzernen Einbanddeckeln ist ein Kreuz ausgeschnitten. Der Ackermann, das erste Stück, nimmt 16 Blätter von je 2 Spalten auf der Seite und noch eine Spalte ein. Auf jeder Spalte befinden sich 32 Zeilen. Die Ueberschriften der einzelnen Capitel sind mit rother Tinte geschrieben, ebenso auch die Initialen eines jeden Capitels, die die Höhe von 2-3 Zeilen erreichen. Besonders gross und ausgezeichnet unter den Initialen ist das J, so Seite 2b, 11a und 17a.
B, Handschrift aus Heidelberg Cod. Pal. Germ. 76. in Folio, ohne Jahreszahl, 31 Blätter enthaltend, auf jeder Seite stehen 28 Zeilen. In ihr befindet sich nur der Ackermann. Sie ist mit 35 colorierten Bildern geziert. Auf jedem Bilde befinden sich zwei Figuren: ein Landmann mit den Attributen seines Standes versehen, und der Tod, in Gestalt eines Menschen mit eingetrockneter Haut,[72] eine Krone auf dem Kopfe, ein Scepter oder einen Stock in der Hand. Die Scene ändert sich mit jedem Bilde: bald befinden sich die beiden Personen im Freien, bald in einem Zimmer. Die Farben sind sehr gut erhalten. Die Capitelüberschriften mit Ausnahme der ersten fehlen, ebenso die Initialen: letztere sollten wol nachgezeichnet werden. Auf dem ersten freien Blatte befinden sich zwei Wappen: drei schwarze Geweihe auf gelbem Felde und ein weisses Kreuz auf rothem Felde. Es sind das die Wappen von Würtemberg und Savoyen, und Besitzer der Hs. war demnach wol Graf Ulrich, der 1453 sich mit Margaretha, Tochter Amadeus VIII., vermählte: s. Stälin Wirtemberg. Gesch. III, 500. Ulrich starb 1480, Margaretha 1479: a. a. O. III, 597.
Dies ist vielleicht dieselbe Hs, die in einer andern Heidelberger Papierhandschrift auf dem 1. Blatte erwähnt wird: Item zu Hagenow py Dypold läber schreyber lert die kinder sind die bücher tütsch: ... item der ackermann vnd belyal gemalt. s. Gesch. der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen von Friedrich Wilken, Heidelberg 1817. S. 406. Nr. 314.
C, Hs. der königlichen Handbibliothek zu Stuttgart cod. philos. 22 klein 4o aus dem Jahre 1470. Der Ackermann ist in dieser Hs. das letzte Stück und steht auf 26 Blättern, die Seite zu je 24 Zeilen. Der Schluss ist defect, es fehlen etwa 4 Blätter. Voran gehen in der Hs. der ›Melibeus‹, an dessen Schlusse sich die Jahreszahl lxx findet, dann die Romane von den sieben weisen Meistern und Alexander dem Grossen. Die Capitelüberschriften im Ackermann sind hier ebenfalls roth, in gleicher Weise auch die Initialen, in der Grösse von drei Zeilen.
D, Hs. zu Wolfenbüttel signiert 75. 10 Aug. in Folio aus dem Jahre 1468, geschrieben von Konrad von Öttingen. Der Ackermann ist das vierte Stück auf 24 Blättern zu je 33 gebrochenen Zeilen. Ihm voran gehen ›Doctor Gottfrids von Witterben; Apollony strengez leben‹, ›die liepliche hystory von Grysel‹ und ›Gwistardi und Sigismunda‹. Die Ueberschriften im Ackermann sind mit brauner Tinte geschrieben, die Initialen haben verschiedene Grösse und Farbe. Am Schlusse findet sich die Jahreszahl 1468 und der Name des Schreibers. Diese Hs. wird auch von Lessing erwähnt; s. die Ausgabe von Lachmann-Maltzahn XI2 S. 93.
Von den Drucken konnte ich bei der Textherstellung a und b benutzen. Von a hatte ich die Gottschedische Abschrift betitelt: ›Abschrift eines alten Gespräches zwischen einem Wittwer und dem Tode, welches ohngefähr 1400 u. etl. 60 zu Bamberg gedruckt und auf der herzoglichen Wolfenb. Bibl. befindlich ist.‹ Diese Abschrift befindet sich auf der königl. Bibliothek zu Dresden unter der Signatur M. 90. Eine Beschreibung des Originales folgt unten.
Den Druck b habe ich im Originale gebrauchen können. Das wie es scheint einzige Exemplar befindet sich in der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel sign. 19. Z. Eth. Es enthält 18 Blätter; hinter dem dritten, achten und fünfzehnten fehlt je ein Blatt des Druckes, weshalb jedesmal ein weisses Blatt zu etwaigem Nachtrage des Fehlenden eingefügt ist. Ebenso fehlen das drittletzte und letzte Blatt, ohne dass Ersatzblätter eingeheftet wären. Somit entgeht uns vom Texte dieser Quelle das Ende von C. VII und Anfang von C. VIII, E. v. XVII und A. v. XVIII, E. v. XVIII und A. v. XXIX, E. v. XXXI und A. v. XXXII und E. v. XXXIV. Die letzten neun Zeilen des XXIII. C. befinden sich noch auf Blatt 12b, worauf ein freier Raum von einer halben Seite folgt. Die Initialen sind bis C. XVIII incl. vorhanden, von C. XIX an fehlen sie.
Ueber die übrigen Drucke hat Herr Professor Martin mir gütigst Folgendes mitgetheilt.
›Von der ältesten Ausgabe (a) des Ackermannes konnte ich das Berliner Exemplar einsehn, welches aus dem Besitze v. Naglers in das k. Museum gekommen ist, und dort im Kupferstichcabinet unter Nummer D x 12 aufbewahrt wird.
Der Director dieser Abtheilung, Herr Dr. Lippmann, machte mich auf die Beschreibung dieser Ausgabe in der Bibliotheca Spenceriana von Dibdin, Vol. I, London 1814 aufmerksam, worin jedoch meist nach Camus, Mémoires de l’Institut app. vol. II p. 6-8 auf Grund eines in der k. Bibliothek zu Paris vorhandenen Exemplars berichtet wird. Ferner fand ich (Heinecken) Nachrichten von Künstlern und Kunst-Sachen Bd. II (Leipzig 1769) p. 21 angezogen, worin das Wolfenbüttler Exemplar kurz beschrieben ist. Dasselbe ist mit Boners Fabelbuch, welches bei Pfister zu Bamberg 1461 gedruckt ward, zusammengebunden, und stammt nach der Uebereinstimmung der Ausstattung aus derselben Druckerei und derselben Zeit.
Das Berliner Exemplar hat 23 Blätter, indem eins hinter Bl. 2 fehlt, das die Worte des III. Cap. von gethan. Wegt es selber an bis gegen den Schluss des V. wirdenloß und griß (gramig) enthielt.
Bl. 1a ist leer. 1b wird von einem Holzschnitt eingenommen, der wie alle in diesem Exemplar coloriert ist. In einer Halle sitzt der Tod gekrönt auf dem Thron, vor ihm ein Mann in der Kappe, von zwei Knaben begleitet; rechts (vom Beschauer) liegt eine Frau im Leichentuch auf einem Grabstein.
2a (G, roth nachträglich eingemalt, wie alle Initialen) rymmiger abtilger aller leut usw. Auf der Seite stehn 28 Zeilen.
3a ist leer, 3b Holzschnitt: In einer Halle sitzt hinten der Tod auf dem Thron, vor ihm steht der Ackermann; vorn kniet der Pabst und legt die dreifache Krone nieder, neben ihm ebenso ein weltlicher Herrscher, ein Mann mit einem Säckel, und noch ein vierter wird sichtbar.
8b schliesst auf der fünften Zeile von unten.
9a Holzschnitt: Oben jagt der Tod zu Pferd mit Pfeil und Bogen zwei Rittern in ein Burgthor nach; unten mäht der Tod mit der Sense junge Leute nieder; hinter ihm stehen Krüppel und Alte.
9b Des todes widerred das xiii. capitel.
(W)asz poß ist das nenne gut. was gut ist das heiße usf.
16b schliesst auf der fünften Zeile v. u.
17a Holzschnitt: Oben thront der Tod im Freien, vor ihm steht der Ackermann. Unten links treten Mönche aus einer Klosterpforte, rechts in einem Garten bekränzt eine Frau einen Jüngling, eine zweite spricht mit einem andern.
17b Des clagers widerred das xxvii. capitel usf.
21a stehn nur die letzten 10 Zeilen aus dem XXXII. Capitel.
21b Fünfter Holzschnitt: Oben erscheint Gott von Wolken getragen, von zwei Engeln und von Sternen umgeben; er erhebt die Hände, auf denen Wundenmale sichtbar sind. Unten stehn, durch einen Baum getrennt, der Tod und der Ackermann (letzterer fehlt auf dem defecten Blatt des Berl. Exemplars).
22b Zeile 5 ff.
Do pitt der clager fur seiner frauen sele. Die grossen rotē puchstabē die nennē den clager. Vnd dies capitel stet eins gepetes weiß das xxxiiij. capitel.
(I)mmer wachēder wachter ...
Z. 17 mich (O) licht ...
Z. 24 (H)eile und selde ...
Bl. 23a, 8 ... (E)wige lucern ...
Z. 17 ... (S)chaz ...
Z. 21 ... (A)ller ...
Z. 26 ... (N)othelffer ...
23b, 6.. (N)ahender ...
26b, Z. 3. v. u. Schluss: mit innkieit (so!) sprechen amen.
Druckort und Jahr sind also nicht angegeben, ebenso fehlen Signaturen und Custoden.
Dieselben Lettern, dasselbe Format zu 28 Zeilen hat ein Druck ohne Holzschnitte (b), welcher bereits oben beschrieben worden ist.
Alle späteren Drucke stammen wol aus einer andern handschriftlichen Recension, welche D sehr nahe stand: das beweist für die mir näher bekannten schon die Uebereinstimmung des Titels, sowie dass überall der Text beginnt Grimmer (nicht Grimmiger), dass hinter freisamer das Wort morder fehlt, und anstatt unsælden merunge es nun heisst unselige m.
Nur aus Beschreibungen kenne ich
c: s. M. Jos. v. Rieder in (Jäck und Heller) Beiträge zur Kunst- und Literaturgeschichte, I. und II. Heft. Nürnberg 1822 S. CXXI-CXXVIII. Das Exemplar, damals im Besitze Jos. Hellers, hatte 24 Bl. 4o in 3 Lagen, die beiden ersten zu 10, die 3. zu 4 Bl. Auf voller Seite standen 28 Zeilen Text. Auf der ersten Seite stand der Titel:
HIe nach volgend ettliche zů mole kluoger und subtiler rede wissend Wie einer was genant der ackerman von böhem dem gar ein schœne liebe frowe sin gemahel gestorben was Beschiltet den dot vnd wie der dot im wider antwurt und setzet also ie ein cappittel vmb das ander der cappittel sind xxxij. vnd vahet der ackerman an also zů clagen.
Neben diesem Titel links und oben läuft eine Zierleiste hin; unter dem Titel steht ein Holzschnitt, einen Bauern mit Dreschflegel und den Tod mit einer Leichenbinde und von drei Schlangen umwunden darstellend. Derselbe Holzschnitt, nur dass oben noch Gott Vater mit erhobenen Händen erscheint, steht auch unter der Capitelüberschrift: Der entscheit so got der herre dut zwuschen dem tod und dem ackerman. Ein drittes Bild folgt S. 46: Auf einem Kirchhofe kniet der Bauer betend auf einem Grabstein, rechts vor ihm die Frau im offenen Grabe in Leintücher gehüllt, oben Gott Vater mit segnenden Händen.
Am Schluss steht die Zahl LXXIIII; also ist diese Ausgabe 1474 und wie a. a. O. vermutet wird, von Conrad Finer von Gerhausen zu Esslingen gedruckt.
Mit c scheint sehr nahe zu stimmen d eine von Merzdorf im Serapeum 1850 S. 19 beschriebene Incunabel der Oldenburger Bibliothek, allerdings ein defectes Exemplar. 33 Bl. 4o zu 24 Zeilen ohne Signaturen. Merzdorf vermutet als Drucker: Sorg in Augsburg.
Selber vergleichen konnte ich auf der königl. Bibliothek zu Berlin (ebenso wie f k l m) den Druck e. o. O. u. J. und ohne Signaturen. 36 Bl. klein 4o. Unter dem Titel, der von dem in c nur in der Schreibung abweicht (ze male ... tod) steht ein Holzschnitt: die Frau todt auf einem Bette, vor ihr der Tod mit einem Bogen, hinter ihr der Ackermann mit einem Dreschflegel. Aus derselben Offizin stammen auch ein Streit der Seele und des Leibes u. a. Incunabeln der Berliner Bibliothek.
f: 18 Bl. 4o gleichfalls ohne Ort und Jahr, aber mit Signaturen und einem eigentümlichen Titel: Der Ackerman auss behme beclaget den tod seyner frawen; darunter ein Holzschnitt: der Tod mit einer Sense hinter einem Sarg, vorn der Bauer mit seinem Dreschflegel. Blatt A II beginnt (H)ienach u. s. f.
Die übrigen Ausgaben geben das Druckjahr an. Ueber die beiden zunächst folgenden entnehme ich meine Angaben aus Hain, Repertorium, wo auch a b c verzeichnet sind.
g: 32 Bl. 4o zu 22 Z. Am Schluss: Hie endet sich der ackerman. Getruckt vn̄ vollendt durch Anthoni Sorgen zu Augspurg Am Freytage nach Martini In dem LXXXIII. Jar.
h: 20 Bl. 4o zu 32 Z. Bl. 1 vorn leer, auf der Rückseite ein Holzschnitt. Am Schluss: Gedruckt und volendet durch Heinrich Knobloczer zu Heydelberg am dunerstag vor sant Margarethe tag in dem LXXXX. Jar.
i fand ich in einem Katalog der Berliner Bibliothek verzeichnet: Strassburg, Joh. Schott 1500.
k und die folgenden Drucke haben wieder einen neuen Titel: Schone red un widerred eins ackermans und des todes mit scharpffer entscheydung jrs kriegs das eim iegklichen vast nutzliche vnd kurtzweillig zů lesen ist. Pax legentibus. Darunter ein Holzschnitt: Ein Sämann spricht mit dem Tod, dahinter eine Egge von zwei Pferden gezogen, auf dem einen ein Reiter mit Peitsche. Hinten Bauernhof. 18 Bl. 4o; Rückseite des ersten und des letzten leer. Am Schluss: Getruckt zů Strassburg von Mathis hüpfuff als man zalt von Christus geburt m.ccccc. vn zwey Jar.
l ist ganz ähnlich. Der Titel ist erweitert lesen, vnd auch gůt zu hœren ist. Am Schluss: Getruckt zů Strasburg durch den erbaren Martinum Flach. Als man zalt nach der gebůrt Christi. M. D. vnd. XX. Jare.
m trägt einen ganz ähnlichen Titel wie k. Der Holzschnitt stellt den Tod mit Stundenglas und einen Mann im Pelzrock vor. Darunter Zů Basel by Rudolff Deck 1547. 20 Bl. 4o; der Ackermann endet auf Bl. 17 (E) Rückseite; dann folgt Der Seelen clag, wider den abgestorbnen Lyb.
Bschach ein jæmerlicher strit u. ff.
Eine Umarbeitung des von Th. G. v. Karajan, Der Schatzgräber, Leipzig 1842 S. 128 mitgetheilten Gedichts‹.
Unter den Hss. sind deutlich drei Gruppen zu unterscheiden. Den besten und auch relativ vollständigsten Text bietet die erste Gruppe, vertreten durch die Hss. A und B, die ohne Zweifel auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Es sind dies auch die ältesten Hss., denn auch die Entstehung von B wird bald nach 1450 anzusetzen sein.
A ist von einem gewissenhaften Schreiber geschrieben, nur selten hat sie ganz unverständliche Worte oder Constructionen. Die Interpolationen, deren es nur ganz wenige gibt, erstrecken sich meist nur auf einzelne Worte und sind leicht zu erkennen; auch steht in diesen Fällen die Hs. allein den andern gegenüber; so C. V (7, 9), C. XI (15, 8) u. a. Nur einmal, in C. XXXIII 54, 1-54, 12 haben wir es offenbar mit einer grössern Interpolation zu thun, die sich aber auch noch in B und D findet. Man vgl. die Anm. zu dieser Stelle. Auslassungen sind höchstens zwei- oder dreimal zu verzeichnen. (s. Lesearten.)
Die Hs. B hat zwar die Spracheigenthümlichkeit des Verfassers gänzlich verwischt, entschädigt aber durch genauen Anschluss im Texte an A. Sie ist offenbar von einem gedankenlosen Schreiber geschrieben ohne Absicht zu ändern. Das zeigen die zahlreichen unverständlichen Worte, so wie die Gewohnheit, Stücke zwischen zwei gleichen oder gleichschliessenden Wörtern im Texte zu überspringen.
Eine zweite Gruppe bildet die Hs. C mit den beiden Drucken a und b. Der Text ist hier schon gekürzt, allerdings mit einer gewissen Kunst. Eine Lücke ist besonders auffallend: in C. XXVI 41, 5 bis 41, 18;[73] kleinere Auslassungen finden sich öfter; so C. IV (6, 5), C. IX (12,4), C. XXXII (51, 12) u. a. Aenderungen der Construction, so wie des Sinnes durch Einfügung von Worten und selbst Sätzen, Einsetzung von Wörtern ähnlicher Bedeutung sind häufig genug und zeigen die Absicht des Schreibers zu ändern; so C. I (1, 8), C. V (7, 5), C. X (13, 9), C. XI (15, 10), C. XVIII (26, 19) u. a.
Die dritte Gruppe wird vertreten durch die Hs. D, an die sich auch einige Drucke anschliessen (s. oben). Der Text in dieser Hs. ist fast als eine freie Wiedergabe des Originals zu bezeichnen. Umfassende, oft ohne Sinn durchgeführte Kürzungen und Aenderungen sind in Fülle vorhanden, so dass diese Ueberlieferung eigentlich nur zum Ausschlaggeben bei einer sonst zweifelhaften Leseart zu benutzen war. Eine sehr bedeutende Lücke ist in C. XXXIV (57, 3-57, 22).
Gegen den Schluss des Werkes, besonders in C. XXXIV, werden fast alle Quellen mangelhaft. C und b fehlen ganz, D kürzt mehr als im Vorangehenden und selbst A ist weniger sorgfältig als sonst.
Bei der Textherstellung habe ich mich besonders an die Hs. A gehalten: denn diese hat die Spracheigenthümlichkeiten des Werkes am consequentesten durchgeführt. Am fernsten steht in dieser Beziehung die Hs. B, die auf allemannischem Gebiete geschrieben zu sein scheint.
Da ich hier die orthographischen Abweichungen der Hss. vom Texte angebe, glaubte ich sie unter den Lesearten nicht erwähnen zu müssen.
Was die Handschrift A betrifft, so habe ich über deren Abweichungen nichts zu sagen, da ich mir dieselbe auch in Bezug auf die Orthographie zur Grundlage genommen habe. Die mitunter doch vorkommenden Varianten hätte ich der Reihe nach aufzählen müssen, habe sie daher lieber unter die Lesearten eingesetzt.
Handschrift B hat folgende Abweichungen:
Für u fast immer o so komer 1, 13; sonne 2, 2; 8, 12; gewonden 2, 12; wonne 4, 17; dorrem (f. durrem) 5, 4; wonder 5, 11; domer (= tumer) 11, 15; 13, 1 u. ö.
â ist verdumpft zu o: on 3, 13; 5, 5; geton 4, 14; hond 5, 15; hon 5, 16; 7, 3; 11, 17 u. ö.
û ist durchweg geblieben: hus 1, 11; grusam 2, 14; lutbar 3, 3; vsz immer; tube 4, 13; vff immer; krut 9, 1; truren 10, 1; trurig 11, 18 u. ö.
î meist nicht aufgelöst in ei, so buschlin 1, 1; sin und min immer; wip 1, 2; by 1, 11; syt 1, 12; sye 1, 9; 3, 3; glich 3, 9; doch auch veintschafft 8, 6; leib 10, 5; einmal findet sich e in dressig 1, 4.
Für ei steht gewöhnlich ai: in ain immer, behendikait 1, 5; fraissamer 1, 9; laitten 1, 13; boshait 2, 5; schaiden 2, 9; geschrai 2, 16; laid 3, 3; 10, 9 u. ö.
Für iu steht 1.) u: vch 1, 11; 1, 13; 2, 1 u. ö.; vwer 7, 16; tuffeliches 7, 17; 2.) ü in lütte (= liute) 1, 8; 1, 9; 2, 7 u. ö.; üch 1, 9; 1, 10; 1, 11 u. ö.; üwer 2, 8; nüw 2, 14; rüwe 3, 15; vszgerüttet 4, 12; frünt 6, 8; lüchtend 7, 2; vernüwend 7, 12 u. ö.; 3.) ui in huit 8, 4; gezuig 6, 7; niuwe 9, 10; abentuirlich 13, 18; truiwe 43, 11; gretruilich 42, 11; vngehuir 25, 17; tuifel 44, 10 u. ö.; 4.) eu in durchlewchtigeste 6, 14; euir 1, 10; euich 1, 12 u. ö.; häufig bleibt iu ungeändert, so in abentiur 27, 4; getriuwen 17, 19; gehiur 17, 19 u. ö.
ie meist ungeändert; so in ye 1, 3; liecht 4, 11; yeglich 5, 2; 11, 11; nie 5, 12; nieman 8, 9; iemer 10, 1 u. ö. Daneben aber auch i: ymer 1, 12; 3, 16; 4, 8; nymer 7, 1; 7, 5 u. ö.
ou bleibt gewöhnlich; so in owen 2, 3; 13, 14; roup 4, 14; beroubt 4, 16; frowe 6, 4; ougenwaide 6, 14; houpt 9, 7; howe 9, 10 u. ö. Daneben findet sich au in glaube 8, 7; augen 9, 11; fraw 10, 3 u. ö. und auch o in winkoff 29, 20; lofft 30, 5; wettlofen 26, 18; hopt 38, 17.
Für öu tritt ö ein in fröde 4, 9; 4, 16; 5, 3; 7, 6; 12, 1 u. ö.
uo ist wie in A gewöhnlich zu u oder ü verwandelt: verflüchet 1, 10; 5, 9; fluchen 2, 4; tust 3, 8; buchstaben 4, 9; schlug 8, 2; suchen 10, 9; musz 11, 18 u. ö. Doch bleibt es auch; so in flůchens 2, 16; tůn 8, 11; gůtt 8, 12; stůl 9, 8 u. ö.; oder wird zu ue: bluemen 4, 11; gefluechen 9, 13; guetter 10, 6; schlueg 23, 10 u. ö.
üe wird ü; so in betrübnusz 1, 13; genüglich 3, 8; brüffen 3, 10; wüttend 3, 12; wütte 4, 15; betrübet 5, 4; fürrender 7, 10 u. ö.; einmal erscheint ö in hönner (= hüener) 12, 6.
b fehlt in komer 1, 13; bekümert 3, 14; domer 11, 15; 13, 1 u. ö.
h geht fast immer in ch über. Es fehlt in nit 1, 12; 3, 14; 8, 16 u. ö.; it 4, 15.
s geht hier übereinstimmend mit C vor w und l in sch über, so: verschwindet 2, 6; schwerlich 3, 9; geschwechen 3, 16; verschwige 4,1; schwartz 5, 4; schwach 10, 7; schlug 8, 2 u. ö.
t bleibt in twingen 8, 14, geht aber in z über in bezwinge 2, 1; 3, 9; zwenglich 4, 2. Ueber Verdopplung und Häufung der Consonanten, die in allen Handschriften sich findet, werde ich am Schlusse dieses Absatzes Einiges bemerken.
Handschrift C.
Für u (v) steht o in sone 3, 2; mogest 3, 16; sollen 10, 13; ongenugen 33, 12 u. ö.
â verdumpft zu o in on fast immer, vormolen 3, 4; vnderlosz 5, 5; do und da wechseln; auch steht ee in steen 9, 9; begeet 29, 7; gedreet 45, 7.
Statt ê steht ee in wee 14, 19; 19, 1; ee 16, 12; 17, 18; seele 48, 16.
î ist fast immer in ei aufgelöst: doch ertrich 32, 20.
û auch meist in au aufgelöst. Doch vff 8, 16 u. 17; 9, 7 u. ö.; vsz 12, 6; 12, 15; 13, 8 u. ö.
Für ei steht meist ai, so in laid 1, 13; 3, 3; 3, 8; schaiden 2, 9; allain 3, 5; rain 3, 7; mainest 6, 11; kaine 6, 11; ain 8, 2 u. a., aber auch einer 5, 15; 6, 1; geiste 8, 14 u. a.
iu ist immer aufgelöst in eu (ew), so lewt immer; ebenso euch und ew; rewe, 3, 15; trew 6, 8; gehewr 6, 10; hewtt 8, 4; newe 9, 10 u. a.
Für ie steht i in immer 3, 16; 4, 8; fridel 6, 13; nyndert 5, 8 u. a.; aber auch yeglich 5, 2; 14, 8; nyemer 5, 12; nyemandt 7, 5 u. a.
ew steht für iu in genewst 22, 9.
ou ist constant in au aufgelöst; so in auch 2, 3; augen 7, 4; fraw 6, 4 u. 5; berawb 7, 16; hawbt 9, 7; tawben 14, 9 u. a.
Für uo meist u; so in fluchen 2, 16; 9, 10; tust 3, 8; 5, 13; plumen 4, 11; puchstaben 4, 9; 5, 16; 6, 2; gutter 4,16; 6, 8; musz 8, 5 u. a. Doch auch ue; so in bluemen 13, 14; muett 14, 17; frue 17, 18; begrueb 23, 14; pluet 25, 18 u. a.
Auch für üe tritt u ein in puchlein 1, 1; betrubnusz 1, 13; bruffen 3, 10; guttig 6, 9; mussen 8, 14; 8, 18; genugen 9, 4 u. a.
h geht meist vor t auch in ch über wie in der Hs. A.
Handschrift D.
â verdumpft zu o in on 3, 13; 5, 5 und 8; zergôn 11, 12; hon 17, 10 u. ö.
î ist durchweg wie in A in ei aufgelöst, ebenso ist auch û meist in au aufgelöst.
Für ei gewöhnlich ai; so laid 1, 13; layttent 1, 13; poszhait 2, 5; schaide 2, 9; ain 4, 6; 5, 12; aber doch auch freysam 1, 9 u. a.
iu ist immer in eu (ew) aufgelöst.
ie steht gewöhnlich; so in ye 1, 3; yeglicher 2, 7; nie 5, 11; liechter 7, 2; nyemant 9, 17; 11, 9; yeglich 11, 11; geniessen 14, 5 u. a.; aber auch ymmer 1, 12 und sonst auch regelmässig so und nymer 7, 1.
ou bleibt selten unverändert, wie in ouch 8, 6; geht gewöhnlich in au über.
Für öu ist gewöhnlich eu; so zerstrewen 7, 17; hewschrickeln 9, 3; aber auch ö; so fröden 12, 1; fröe 12, 18.
uo ist gewöhnlich verwandelt in u, daneben ist es aber auch unverändert; so in tůst 3, 8; pflůg 4, 7; gůter 4, 16; flůtt 5, 6; geflůcht 5, 9; slůg 8, 2 u. a.
üe ist immer in ü verwandelt.
s vor l und w wird gewöhnlich zu sch; so schwärlich 3, 14; verschweig 4, 1; geschlecht 9, 3; 14, 3; aber vereinzelt swig 10, 6.
z ist nicht immer zu s geworden; so waz 3, 3; daz 7, 5; 8, 8; jämerlichez 7, 7 u. a.
Allen Hss. gemeinsam ist die Verdoppelung und Häufung von Consonanten, z. B. kunfftig, auff, cappittell, helffen u. a., worin jedoch keineswegs irgendwie Consequenz herrscht. Ich habe daher, wo möglich, eine Vereinfachung eintreten lassen, und nur da Doppelconsonanz gelassen, wenn dieselbe mit Consequenz und in allen Hss. durchgeführt war.
Dass ich für die gewöhnlichen Schreiberzeichen (v für u, u für v, y für i u. a.) die grammatisch richtigen gesetzt habe, wird wol nicht auffallend erscheinen.
Ueber den Verfasser lässt sich mit Sicherheit nur das Wenige angeben, was er selbst in seinem Werke mitteilt. Seinen Vornamen Johann gibt er in akrostichischer Form im C. XXXIV selbst an. Er sei genannt ein Ackermann, sein Pflug sei aus Vogelwaid (s. darüber die Anmerkung), er wohne in Böhmen (C. III), so sagt er selbst. Aus C. IV erfahren wir, dass er in Saaz lebte.[74] Er war verheiratet, Vater mehrerer Kinder (C. IX, XVII, XIX, XXI, XXII); sein Weib hiess Margaretha (C. XXXIV) und starb ihm bei der Geburt eines Kindes an Petri Kettenfeste (1. August) des Jahres 6599 seit Anfang der Welt (C. XIV). Dieses Ereignis veranlasste ihn, vorliegendes Werk, eine bittere Anschuldigung und Verfluchung des Todes zu schreiben. Das Werk ist höchst wahrscheinlich noch in demselben Jahre verfasst. Dafür spricht die Stelle in C. IV (5, 15), wo der Tod sagt ›nur neulich‹ hätte er in Böhmen etwas zu thun gehabt; auch zeigt der ganze Inhalt des Werkes noch den frischen Schmerz, der ihn betroffen. Er gehörte offenbar dem gelehrten Stande an, weshalb seine eigene Angabe in C. III, er sei ein Ackermann, wol in symbolischem Sinne zu nehmen ist. Von der Gelehrsamkeit des Mannes gibt uns einen vollgültigen Beweis sein Werk. Dass er in der Bibel bewandert war, beweist theils die direkte Citierung einer Stelle: 24, 17 (= Genes. II, 17), theils Anspielungen und Anklänge an andere: 37, 14 ff. (= Genes. I, 26), 38, 14 (= Genes. I, 26 u. 27), 48, 3 (= Epist. B. Joann. Apost. I, 2, 16) und 53, 15 ff. (= lib. Ecclesiastes II, 4 ff.), theils die Anführung biblischer Namen; so Moises in Egiptenlant 26, 14, der gedultig Job 49, 4, Salomon, der weiszheit schrein 49, 5.
Aus dem klassischen Alterthume nennt er den Aristoteles (33, 1),[75] Plato, von dem er eine Stelle citiert (50, 14), Pythagoras (23, 15), den Seneca (29, 16), aus späterer Zeit den Boëtius (46, 12) und Avicenna (49, 3). Er weiss von Paris von Troi und Helena von Kriechen (48, 18 f.), von Pyramus und Tysbe (48, 15), citiert Personen aus der alten Geschichte; so Alexander (27, 1; 48, 17), Kaiser Julius (Caesar) (27, 7), Nero (27, 5). Neben dieser humanistischen Bildung hatte er aber auch Kenntnis der deutschen Litteratur und Sage. Er kennt die Sagen von K. Karl, Markgraf Wilhalm, Dietrich von Bern, dem starken Poppen und hörnen Seifrit (C. XXX).
Die Urkunden von Saaz, die Herr Director Dr. L. Schlesinger mir in einer Abschrift gütigst zur Verfügung gestellt hat, enthalten keine Persönlichkeit des Namens Ackermann. Wol aber kommen zwei Johannes vor, die unsern Anforderungen an den Verfasser entsprechen würden; freilich sind die Zunamen verschieden. Der eine ›Johannes Tepla, rector scolarum et civitatis notarius‹ lässt sich bis zum Jahre 1389 nachweisen, der andere ›Johannes de Sytbor‹, desselben Standes wie der vorige, wird zuerst 1404 erwähnt. Ein Schulmeister könnte sich wol mit gutem Rechte Acker- oder Sämann nennen.
Sein Werk verfasste er, wie schon bemerkt, im Jahre 6599. So haben die Hss. A B D und der Druck b. C und a aber haben die Jahreszahl 6529. v. d. Hagen in seiner Ausgabe des Ackermanns[76] S. V seiner Einleitung und S. 63 in einer Anmerkung zu C. XIV hält die Zahl 6529 für ein Verderbnis der Hs. anstatt der Zahl 5429, und nimmt bis Christi Geburt die gewöhnliche Zählung von 4000 Jahren an, so dass nach seiner Meinung das Werk 1429 n. Ch. verfasst wäre. Dieser Berechnung folgt W. Wackernagel noch in seiner Gesch. d. deutschen Liter. S. 339. Anderer Ansicht ist er schon in seiner Abhandlung ›der Todtentanz‹ (kl. Schr. I S. 314 Anm.), wo er bis Chr. Geb. 5200 Jahre annimmt, und in einem Manuscripte erläutert er, diese Zählung rühre von Eusebius her und sei im Mittelalter ziemlich gebräuchlich gewesen.
Ein Einblick in die Werke des Eusebius bestätigt auch diese Angabe. In der Schöne’schen[77] Ausgabe heisst es Bd. II S. 95: ›Reperiuntur itaque secundum Septuaginta virorum versionem ab Adamo usque ad diluvium anni MMCCXLII et a diluvio ad primum annum Abrahami DCCCCXLII, in universum anni MMMCLXXXIV‹ und Bd. II S. 144: ›Jesus Christus filius Dei Bethlehemi Judaeae nascitur. Simul colliguntur ab Abraham usque ad nativitatem Christi anni MMXV.‹ Durch Summierung ergibt sich die Zahl 5199.
Nach dieser Zählung also erhalten wir als Abfassungszeit unseres Werkes das Jahr 1399. Dass diese Art der Zeitbestimmung von Erschaffung der Welt im Mittelalter[78] auch wirklich im Gebrauche war, wird von mehreren Seiten bestätigt. Franz Pfeiffer theilt in Haupts Z. VIII, 274 ff. Mariengrüsse mit, und dort erscheint auch die Zahl 5200 als Jahresangabe bis Christi Geburt. In den Predigten Bruder Bertholds von Regensburg, von dem oben Genannten herausgegeben, findet sich 75, 13 und 381, 37 die Zahl der Jahre bis Christi Geburt auf 5199 angegeben. Eben diese Jahresrechnung wird wol gemeint sein in dem ›Leben Jesu mittelniederländisch‹ von Prof. J. Kelle in der Z. f. d. A. XIX, 96.[79]
Ueber den literarischen Werth unseres kleinen Prosastückes hat Gervinus[80] ein höchst lobendes Urtheil gefällt und gewiss nicht mit Unrecht. Und so nennt auch Wackernagel[81] den Ackermann ›eine der schönsten altdeutschen Prosaschriften.‹
Das Werk ist ein Streitgespräch zwischen dem Tode, der personificiert auftritt, und einem Ackermanne, dem seine Frau gestorben ist. Der Kläger (der Verfasser selbst) hebt an mit einer Verwünschung des Todes und fordert diesen zur Rechtfertigung heraus. Auf die Anklage des Einen folgt die Vertheidigung des Anderen. ›Den zwinget leit zu klagen, diesen die anfertigung des clagers, die weiszheit zu sagen‹ (C. XXXIII). In rührender Weise klagt der Beschädigte über den Verlust, den er durch den Tod seiner lieben Gattin erlitten, er sieht nur die schönen lichten Seiten des Ehestandes; während der Tod in den dunkelsten Farben die Mängel und Gebrechen nicht blos der Frauen, sondern der Menschheit überhaupt schildert (bes. C. XXIV und C. XXVIII). Keiner will dem Andern weichen, bis sie sich endlich entschliessen, Gott die Entscheidung zu übergeben. Der Kläger muss seine Klage zurückziehen; aber auch der Tod wird daran erinnert, dass die Macht, deren er sich rühmt, ihm nur übertragen sei. Der Wittwer, dem Urtheile sich fügend, richtet nun, im Bewusstsein, nur auf diese Weise seiner verstorbenen Gattin noch Gutes erweisen zu können, ein inniges Gebet an Gott, worin er für deren Seelenheil fleht.
Der Stil des Werkes ist einfach und schlicht; kein künstlicher Periodenbau, keine seltenen Wendungen oder kühnen Wortstellungen lassen sich nachweisen. Leicht verständlich und fliessend ist die Sprache, die der Verfasser in voller Gewalt besitzt: da gibt es kein Tasten und Haschen nach Ausdrücken, aber auch keinen Schwulst, keine monotone Wiederholung. Wie viele Vergleiche, allerdings etwas derber Art, hat er in C. XXIV für den Menschen, wie viel höchst poëtische Vergleiche C. XXXIV für Gott!
Uebrigens hat der Verfasser unverkennbar auch eine poëtische Ader, die sich in dem Gebrauche von Alliterationen offenbart; so frut und fro (4, 18), singen und sagen (46, 1), stock, stein (52, 5), witwen und weisen, landen und leuten (3, 7), würm in wüstung und in wilden heiden, schuppentragender und schupfriger visch (11, 6 u. 7), selbst Reime und ganze Verse kommen vor; so liebes entspent, leides gewent (17, 8), snurret ir und wurret (25, 20), wann sie ist die beste hut, die ir ein frumes weip selber tut (43, 12), kroner und die kron, loner und der lon (55, 14). Ganz besonders poëtischen Schwung hat das Gebet in C. XXXIV. Der Verfasser wendet aber auch noch andere Schmuckmittel der Rede an. So finden wir Anaphoren (13, 20 f.; 17, 15 ff.; 18, 9 ff.; 25, 6 ff.; 37, 6 f.; 38, 18 ff.), Metaphern, wie in C. II und V in Menge und auch sonst sehr oft Parallelismen (so 14, 15; 15, 9; 18, 14 u. o.), Wortspiele, wie 17, 1 lust—unlust, willen—unwillen; Bilder und Vergleiche der schönsten Art in Menge.
Ueber die gelehrten Anspielungen in dem Werke wurde schon früher gesprochen.
Zu erwähnen wären noch die zahlreichen Sprichwörter und Sentenzen, die in dem Werke vorkommen und Zeugnis geben von der Welterfahrenheit des Verfassers, zugleich aber dem Werke einen didaktischen Charakter verleihen; so 9, 10; 17, 6; 19, 9; 29, 21 ff.; 30, 10; 30, 13; 34, 7; 40, 2; 42, 8.[82]
v. d. Hagen meint,[83] der Ackermann sei durch den Belial veranlasst und werde mit diesem von den Schreibern zusammen genannt ›ohne Zweifel wegen des ähnlichen Inhaltes‹. Die letzte Ansicht ist wol nicht stichhaltig; denn im Belial wird ein Prozess mit allen seinen Förmlichkeiten beschrieben, wie die Hölle, erbittert darüber, dass durch Christus so viele Seelen ihr entzogen worden, einen Abgeordneten, den Belial, wählt, um Jesum zu verklagen. Gott setzt als Richter den Salomo ein, als Anwalt Christi erscheint Moses. Was die erste Ansicht v. d. Hagens angeht, so lässt sie sich durch nichts beweisen. Vielmehr wird die Veranlassung zur Anwendung der Gesprächsform mit dem personificierten Tode in dem mittelalterlichen Gebrauche der Personification und bildlichen Darstellung des Todes liegen. Ich verweise hier nur auf die Abhandlung von W. Wackernagel ›Der Todtentanz‹ in den kl. Schr. I. S. 302-375. S. 305 sagt er: ›Immerfort und immer auf dem Grunde der ironisch-humoristischen Stimmung wurden neue Verbildlichungen und Personificierungen des Todes erfunden und gebraucht und aus der Poësie in die alltägliche Denk- und Sprechweise fortgepflanzt; manche derselben haben sich von da her bis auf den heutigen Tag erhalten‹.