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Der Adlerwirt von Kirchbrunn

Chapter 11: 8. Abschnitt.
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About This Book

A village-centered novella that follows life and interactions around a country inn, focusing on the young innkeeper Wolfram and an eccentric visiting scholar nicknamed Professor Nix. Through episodic scenes of farewells, conversations, local gossip, and small communal rituals, the narrative sketches a rural community's characters, customs, and everyday humor while exploring themes of belonging, simple wisdom, and the tension between wanderlust and home ties. Rich in landscape detail and affectionate portraits, the work balances warm comedy with gentle moral observation.

8. Abschnitt.

Die Jungmagd Frieda einst auf dem Salmhofe. Ein paarmal hatte sie sich ihren Dienstgenossen gegenüber geäußert: die Ehre wäre ihr doch zuteil geworden, daß der junge Adlerwirt an seinem Hochzeitstage mit ihr gute Gesundheit getrunken! Und dieses Prahlen hatte ihr den Dienst gekostet. Es war schon so etwas in der Luft gelegen, und der alten Salmhoferin sogar kam es nicht ganz richtig vor. Ein Brieflein von der Kundel schlug dem Fasse den Boden aus, und die Frieda wurde verjagt.

Einen halben Tag lang war sie fortgegangen auf Wegen, Stegen und Steigen, ohne irgendwo um Arbeit zuzusprechen. Und als sie ins Gebirge gekommen war, wo die Bauerngüter seltener und die armen Waldhütten häufiger wurden, besann sie sich. Je entlegener und versteckter der Bergwinkel ist, in dem sie bleiben wird, desto besser. Es braucht's im Salmhofe niemand zu erfahren, wo sie ist, es braucht's im Adlerwirtshause niemand zu erfahren, und es braucht's der Holzknecht Schopper nicht zu wissen. Es wird sich mit Gottes Willen wohl auch anders wer finden, mit dem sich gut Freund sein läßt. Oder ist der junge Adlerwirt der einzige auf der Welt? Gott sei Dank, nein.

In der Abachleuten beim Möstl nahm sie Dienst. Die Abachleuten war ein zwischen Berghalden schräge ansteigendes Wiesental mit einigen kleinen Kornäckern und Erdäpfelgärten. Ein kaltes Wässerlein rauschte durchs Tal, und an den Wildstrüppen, die am Bachesrand standen, hingen auch an den Sommermorgen manchmal kleine Eiszapfen. An der sonnseitigen Lehne der Abachleuten stand das kleine Haus des Möstl, das letzte hier, welches sich noch kümmerlich von Feld- und Wiesenwirtschaft fristete. In diesem Waldhause lebten zwei ältliche Eheleute, die sehr arbeitsam, sehr häuslich und immer frohen Gemütes waren. Man merkte gar nicht, wie viel Sorge und Mühsal und Beschwerde es gab dahier. Der Möstl, ein rasches, gebücktes, ununterbrochen tätiges, stets glattrasiertes Männlein, war allezeit munter und aufgeräumt, und machte über jeden Graben, den das Schicksal ihm zog, einen kecken Sprung und lachte dazu. Seinem Weibe war's auch recht. Beide waren etwas schwerhörig und hatten daher sich eine laute Stimme angewöhnt, so daß man sie schon von weitem sprechen hörte mit klingendem Schall. Sie hatten sich immer etwas zu erzählen, zu fragen, zu raten, manchmal neckten sie sich einander sogar, daß ein helles Gelächter entstand. Der Ehekrieg, den auch diese Leute führten, bestand darin, daß sie einander immer zu überlisten suchten: beim Essen schmuggelte eines dem anderen möglichst unbemerkt die besseren Bissen zu, bei der Arbeit trachtete eines dem anderen die härtesten Dinge abzulasten.

Diese Möstlleute im Abachtale hatten auch ein Kind, eine bereits erwachsene Tochter, die aber schon seit Jahr und Tag in einem Strohsessel lehnte, weil infolge eines Wettersturmes, bei dem sie unter Wasser gekommen, ihre Füße lahm geworden waren. Das Mädchen mußte in vielem wie ein Kind gepflegt werden, konnte nur wenige Arbeiten verrichten helfen, hatte bisweilen Schmerzen zu leiden und blickte trotzdem mit ihrem blassen, gutmütigen Gesichte fröhlich ins Leben hinein, wenn man ihr Dasein und ihr Genießen überhaupt Leben nennen konnte.

Bei diesen Leuten nun hatte die wandernde Frieda eines Abends um Nachtlager gebeten, und bei diesen Leuten war sie verblieben. Ein guter Lohn, wie auf dem Salmhofe, war hier nicht zu haben, die Arbeiten hatten viele Beschwer, und doch war es der Magd, als sei sie im Himmel. Was war das im großen, reichen Salmhofe für ein Streiten, Beißen, Übervorteilen und Murren gewesen der Leute untereinander! Und hier, welcher heitere Frieden, welche herzliche Einigkeit! Die Möstlleute machten aus der Arbeit eine Unterhaltung, aus jedem Werktage einen Festtag, denn alles, was da war, packten sie von der erträglichsten Seite an und taten, als machten sie eine Kurzweil daraus. Das hatte die Frieda auch noch nicht gesehen, daß man laut lacht, als ob man gekitzelt würde, wenn man schwere Schmerzen leidet am siechen Körper. Die Adelheid konnte das! Das arme Mädchen lachte in den Nächten manch halbes Stündchen lang. Die Mutter tat ihr alles, was in ihrer Macht stand, zugute und hatte bisweilen in ihrem freundlichen Auge etwas Nasses. Aber ein heiteres Wörtlein mußte doch immer gesagt werden. Und wenn es manchmal besonders schlimm ward, so daß die Adelheid nicht mehr lachte, sondern ganz still war und die Zähne aufeinanderbiß, da huben die Alten ein emsiges Beraten an, verfielen auf allerlei Mittel und ergriffen jedes mit solcher Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit, als ob alles Heil vor der Tür wäre.

Die Magd Frieda lebte neu auf in diesem Hause; neigte doch auch ihre warmlebige Natur zum Frohsinn hin. Als ob sie wieder Eltern und Schwester gefunden hätte, so war ihr, und sie trachtete, den Leuten nach ihren Kräften zu dienen, Hartes zu mildern, Liebes zu tun, und besonders verstand sie bald, sich als Pflegerin der armen Siechen so zu erweisen, daß der Möstl einmal seinem Weibe zuschrie: »Alte! an der hat uns der Herrgott eine geschickt, daß wir ihm dafür die große Zehe wegküssen sollten wie die Betschwestern zu Rom dem heiligen Petrus.«

Was das Möstlweib darauf antworten wollte, das durfte aber nicht so herausgeschrieen werden. Erst draußen am Feldraine teilte sie ihm ihre Bedenken mit: »Daß sie dir gefällt, die Frieda, wäre schon recht. Aber: auweh und auweh! möcht' ich sagen, sie gefällt auch anderen Mannsbildern. Wenn du Zehen wegküssen willst, so mußt bald anfangen, sonst frißt sie vorher der Fuchs. Schon das zweite Mal habe ich am vorigen Samstag wahrgenommen, daß einer vor ihrem Fenster steht. Ein ganz fremder Kund ist's, habe mich zuerst schier gefürchtet vor ihm, aber geplaudert mit ihr hat er ganz gutmütig.«

Und das Möstlweib hatte nicht schlecht beobachtet. Kaum daß die Magd Frieda ein paar Wochen in diesem weltverlorenen Hause gelebt, war eines Abends auch schon der Schopper-Schub da. Vor dem gab's kein Verstecken! Eben wollte sie desselben Abends einschlafen, als er durch ein leises Klopfen an ihrem Fenster sich anmeldete. Sie war zuerst sehr erschrocken und sogar empört, allmählich jedoch kam es ihr zu Sinn, daß dieser Mensch doch gar zu anhänglich wäre, fast wie ein Bruder. Sie hatte ja ohnehin keinen Bruder. Sie setzte sich in ihrem Bette auf, er setzte sich draußen auf den vorspringenden Wandschrott, und so sprachen sie eine Weile miteinander. Er sagte, daß sie ganz recht habe mit ihrem neuen Dienstorte, und daß er schon bemerkt hätte, wie brav sie den armen Krüppel pflege und die Anhänglichkeit der Möstlleute besitze. Das würde ihr gewiß den Segen Gottes bringen, und ihr würde es noch einmal viel besser ergehen, als mancher reichen und hochmütigen Großbauerntochter. Ihm — so erzählte der Schopper treuherzig — fehle auch nichts. Er habe jetzt im Siebenbachwaldgraben eine große Riesen gebaut, welche von allen Holzmeistern gelobt wurde und welche ihm auch Geld und die Vorknechtstelle eingetragen habe. Vielleicht bringe er es doch noch einmal zu einer Eigenstatt, zu einer Hütte. Er wolle mit einer solchen klüger sein als das erste Mal.

»Ja, hast schon einmal eine Hütte besessen?« fragte die Jungmagd.

»So groß wie das Möstlhaus,« antwortete er.

»Ein Häusel hast gehabt? Und hast es denn vertan? vertrunken? verspielt?«

»Verraucht,« sagte der Holzknecht.

»Jessas! So viel Tabak rauchen tust?«

»Angezündet hab' ich's, mein Haus, und niedergebrannt.«

»Nicht gescheit bist!« hauchte die erschrockene Frieda. »Aber wie hat das können sein?«

»Weil ich ein rabiater Mensch bin,« sagte der Schopper. »Zufleiß hab' ich's getan. Und gereut hat's mich auch noch nie!«

»Bei dir kennt man sich frei nicht aus,« meinte die Jungmagd.

»Bist neugierig?« fragte er. »Nachher kunnt' ich dir's ja erzählen. Aber sitzen tu ich schlecht auf dem Schrottkopf.«

»Einen anderen Platz hab' ich nicht,« gab sie schneidig zurück.

»Alsdann bleib' ich sitzen auf dem Schrottkopf,« sagte er geduldig und hub an zu erzählen: »Von Wallischdorf bin ich her. Dort hat der Schopper-Rüppel ein Gütel gehabt und zwei Söhne, meinen Bruder Juch und mich, den Schubhart. Und da geht einmal am Frohnleichnamstag nach dem Umgang, er hat noch den Himmel tragen helfen, der Schopper-Rüppel her und verstirbt. So schnell ist das gegangen, daß er nicht einmal Testament machen hat können. Nur so viel hat er gesagt: Dem Buben gehört das Häusel und den anderen soll er mit dreihundert Gulden hinauszahlen. Jetzt, weil er keinen Namen genannt, so hat jeder von uns zwei Brüdern wollen der Bub sein. Denn du kannst dir denken, der ist im Vorteil. Und haben angefangen zu streiten. Der Juch hat das Gütel haben wollen, und ich hab' es auch haben wollen. Ist eine Wirtschaft mit ihrer zwölf Joch Grundstücken. Haben uns vorher gar nicht unlieb gehabt, der Juch und ich, aber jetzt ist der Teufel los gewesen. Gestritten wie die Bettelbuben, und gar beim Gericht hat's jeder beweisen wollen, er wäre der Bub, und ihn hätte der Vater gemeint, und ihm täte das Häusel gehören. So währt's ein halbes Jahr und länger, keiner von uns hat mehr gearbeitet, jeder nur sinniert, wie er den anderen möcht' hinaustauchen. Geld hat's gekostet und Hirnschmalz und Herzblut — und die ewige Seligkeit hätt's kosten können, uns beiden. Und wie wir einmal so im Wirtshaus sitzen und schauderlich gegeneinander geraten — die Leute haben uns noch angehetzt — und wie wir schon kein gutes Haar aneinander lassen, daß einer wie der andere einem rechten Spitzbuben gleichsieht vor dem ganzen Dorf, und zuletzt noch unseren verstorbenen Vater verschandieren — da spring ich gäh auf und davon. Nächtig Stund' ist, getrunken habe ich stark gehabt. Und wie ich zu meinem Häusel komm', das wie ein schwarzes Gespenst dasteht mitten in den Feldern, da fällt's mir ein: Niederbrennen! Das Gerümpel ist's nicht wert, was wir treiben. Im Aschen hat der Streit ein End'. — Kaum gedacht, bin ich mit dem Zündholz auch schon im Strohdach. Wie es licht wird im Tal und die Leute zusammenlaufen und ich auf einmal neben meinem Bruder steh' und vor uns bricht das Elternhaus nieder, da wird mir ganz eigen. Ich halte dem Juch die Hand hin und sag': Mein Teil ist verbrannt, die Grundstücke sollen dein sein, und wir wollen Fried' machen miteinand. — Er schaut mich an im Feuerschein und sagt: Schlecht genug bist du, daß du's selber hast getan. — Auf das bin ich fort ins Gebirg herein und Holzknecht geworden im Siebenbachwald. — Jetzt weißt es.«

»Du bist ja ein grundschlechter Mensch!« sagte die Jungmagd ganz verblüfft.

»Neid ist's nicht gewesen,« setzte der Schopper bei, »daß ich etwa hätte gemeint, wenn ich das Häusel nicht kann haben, so soll's auch der Bruder nicht haben. Aber Trotz ist's gewesen und Dummheit, und hinter mir immer der Teufel: Nicht nachgeben, nicht nachgeben! — Dabei das Streit-Elend, die Bruderfeindschaft! Und wie schon manchmal ein Sturm in mich fährt, daß ich selber nicht mehr weiß, was ich tu', so ist's über mich gekommen, und so ist's geschehen. Mit meinem Bruder bin ich immer noch nicht auf gleich. Er hat seine Sach', ich gönne es ihm, und was ich getan, hat mich noch nicht ein einziges Mal gereut.«

Die Jungmagd sagte: »Ein seltsamer Mensch bist.« Und bei sich dachte sie: Weiß nicht, soll man sich vor ihm fürchten oder was? ...

Also plauderten sie von diesem und jenem, und der Schopper kam nun öfter an ihr Fenster. Von allerhand redete er, aber nie von Liebe. Nichts von dergleichen. Nur einmal fragte er sie bescheidentlich, ob es ihr wohl auch recht sei, daß er so manches Stündlein an ihrem Fenster sitze, er tue es halt gerne und wäre so froh dabei.

Die Frieda brachte es nicht übers Herz, ihm zu gestehen, daß seine Gegenwart sie beklemme, daß sie ihn vielleicht gerne haben könne wie einen Bruder, aber Brüder kämen nicht ans Fenster der Schwestern, und ob er nicht besser täte, nach seiner schweren Tagesarbeit im Bette zu rasten, als den weiten Weg zu machen in die Abachleuten her. — Mehrmals nahm sie Anlauf, ihm das zu sagen, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn so zu kränken. Sie nahm sogar die kleinen Geschenke, als Wecken, frische Kaiserbirnen, welche er ihr mitzubringen pflegte — sie nahm derlei und sagte schön »Vergelt's Gott« dafür. Insgeheim jedoch waren ihr die Gaben von diesem Menschen zuwider, und es tat ihr selber weh', daß sie so undankbar sein mußte. — Viel schlechter, so rief es einmal in ihr, viel schlechter ist der andere Wicht, der nächtig meine Ruhe stört. Was hat der junge Adlerwirt von Kirchbrunn in meinen Träumen zu tun! Das geht ihn gar nichts an, ob ich mein Haar flechte oder nicht, und er soll nur seiner Frau Adlerwirtin die Augen küssen und nicht ein armes Dienstbot foppen.

Auf der Schabelhöhe, über welche eine Bergstraße führt, stand unter sieben alten Lärchen eine Kapelle. In derselben war ein frischer Brunnen und ein Muttergottesbild, genannt: Maria unter den sieben Lärchen. Dieses Bild war als wundertätig bekannt und besonders von Leuten aufgesucht, die an heimlichem Herzweh litten. Der Volkswitz sagte: Wenn eine Jungfrau siebenmal am Brunnen bei Maria unter den Lärchen trinkt, dann bekommt sie einen Mann. Obzwar dieser Ausspruch in der Gegend nicht gerade als Glaubensartikel bezeugt war, so ließ sich doch nicht leugnen, daß jahraus jahrein viel junges Frauenvolk hinaufkam zur Schabelhöhe, andächtig vor dem alten, ungefügen Bildnis betete und dann einen kräftigen Schluck nahm aus dem Brunnen. Also war es auch der Magd Frieda schon mehrmals zu Sinn gekommen, ob sie nicht eine Wallfahrt machen sollte zu den sieben Lärchen; der Platz war vom Abachtale aus in einer guten Stunde zu erreichen. Ganz fern stand das Gnadenbild den menschlichen Liebesangelegenheiten auf keinen Fall. Ein heimlich Herzweh — das stimmt ja. War nicht einst der sterbenden Mutter letztes Wort: Frieda, wenn du nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten! — Und hatte die Frieda nicht auch dem Schopper versprochen, sie wolle so lange beten, bis sie ihn recht lieb habe?

Und eines Sommersonntags am Nachmittage ging die Magd an den Waldhängen hinan, über die sonnigen Weiden fort, bis sie zur heißen, staubigen Straße kam. Wie von diesen Höhen aus der Blick sich weitete hin auf die blauen Berge, so weitete sich auch ihr Herz, und eine frohe Hoffnung kam über sie, daß sie nicht umsonst den Wallfahrtsweg machen werde zu der lieben Mutter Gottes.

Endlich stieg sie die Stufen hinan zur hölzernen Kapelle, die schon etwas hinfällig sich an eine der Lärchen lehnte. Sie hörte das Geplätscher des Brunnens, der an der Seitenwand aus dem Rohre in einen Steinkessel rann. Niemand war da, sie war ganz allein. Ihren Überkittel ließ sie vom Kopfe hinabgleiten, ihr Gebetbuch zog sie aus dem Säcklein und also kniete sie nieder vor der Mutter Gottes mit dem Kinde, die, aus Holz geschnitzt und mit Farben bemalt, fast in Lebensgröße auf dem Altare stand. Die Maria hatte eine Krone auf dem Haupte, hielt ein Zepter in der Hand, das Christkind trug im kleinen, nackten Händchen die Weltkugel. So viel Herrlichkeit und Würde lag in diesem Bildnis, daß die Frieda sich dachte: Und hier soll ich mein sündig Herz auspacken?

Mit dem Gebetbuche ging es heute gar nicht. Da sind allerhand Anliegen darin, aber das ihre nicht. Wie soll sie es denn nur anfangen, daß sie nach ihrer Meinung jetzt beten kann? — »Der gute arme Mensch, der Schopper. Ist er denn wirklich so unbegehrt? Ist er denn häßlich, so dumm, so ungefüg und selbstisch? Das ist er nicht. Er ist ein herzensguter Mensch, und wenn er seinen Bart kämmen und pflegen möchte, wer weiß, was draus werden könnt'! Hernach, wenn man bedenkt, was er für ein tüchtiger Mann in der Arbeit ist und bringt's über kurz zum Holzmeister. Schlecht kann's bei dem ein Weib nicht haben, ernähren kann er auch etwas. Und wenn er eine so recht lieb hat, als wie er sagt, daß er mich mag, da wird's kaum einen besseren Mann geben als den. Ich habe schon Beweise genug, wie er zu mir hält. Der wird ja närrisch, wenn er mich nicht kann haben. Also warum will ich ihn denn nicht, das möchte ich wissen, du liebe barmherzige Mutter Gottes! Ich bin ja gewiß nicht zu gut für ihn, schon eher zu schlecht. Ich weiß mir ja nichts auf der Welt und soll als arme Magd alt werden und versterben. Auf wen wart' ich denn? Ja, du himmlische Maria, warum will ich ihn denn nicht? Sei mir doch gnädig und gib mir deinen Segen. — Harte Anfechtungen habe ich oft, als müßte ich wohin gehen und was anstellen, daß es groß Unglück gäbe für Zeit und Ewigkeit. O heilige Mutter Gottes, führe uns nicht in Versuchung! Gib mir die Gnade, daß ich den Holzknecht recht kann lieb haben und sein Weib werden. O liebes Christkindel mit dem krausen Haar! Und wenn es schon nicht möglich kann sein, daß ich ihn lieb hab' wie einen Herzensschatz, so gib mir die Kraft, daß ich das Opfer mag bringen, so wie es für alle drei am besten ist. Ich will dir ja nicht zu sparsam sein mit Wachskerzen, wenn du mir hilfst und den rechten Weg weisest. O gegrüßt seist du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit!«

Also dachte und murmelte die junge Magd vor sich hin, manches sprach sie laut und traumhaft, dann schlug sie das Buch auf, machte sich Vorwürfe, daß sie nicht einmal mehr beten könne, sie war sich's kaum bewußt, welch heißes, kindliches Gebet sie eben verrichtet hatte.

Und während sie so kniete in der Kapelle und mit sich rang, ehrlich und tapfer, wie noch selten ein Weibesherz gerungen, stand am Eingang einer und beobachtete sie. Sie entfaltete ein weißes Handtüchlein, fuhr sich damit über die heißen Wangen und erhob sich — da sah sie ihn.

»Schau,« sagte er und schnalzte mit der Zunge — der Wolfram war es — »da sehe ich eine Seltsame. Die will sich auch einen Liebsten erbitten.«

Sie verbarg ihre Überraschung hinter Trotz und antwortete: »Ja, das will ich auch. Aber nicht etwa so, wie es der Herr Adlerwirt meint.«

»Das hilft alles nichts, Frieda,« sagte der Wolfram. »Komm, Dirndel, setzen wir uns da auf die Bank. Wir haben schon lange nimmer miteinander geplaudert.«

Unter dem Schatten der Lärchen, am Rande von jungem Fichtendickicht hin waren aus rohen Brettern Tische und Bänke aufgeschlagen, weil alljährlich am Maria Heimsuchungs-Tage ein Fest hier abgehalten und dabei Getränke ausgeschenkt wurden. Die Frieda wollte eigentlich fest stillstehen und den Adlerwirt keines Blickes würdigen, aber ihre Füße stiegen sachte die Stufen herab und an seiner Seite über den grünen Anger zu einer Bank hin.

Als sie völlig zu sich kam, saß sie neben dem Wolfram, der, seinen Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in der Hand hielt.

»Ach ja, Dirndel!« seufzte er auf. »Seit wir zwei uns das letzte Mal gesehen, habe ich viel durchgemacht, du glaubst es nicht.« Und nun begann er zu erzählen von seinem häuslichen Elende, daß er so viel als vertrieben sei aus seinem Vaterhause, ja selbst aus Kirchbrunn, und daß er jetzt auf dem Punkte stehe, wo der Mensch nimmer weiß, ob er noch warten soll auf den nächsten Tag oder nicht.

»Mein Gott, Wolfram,« sagte sie voller Teilnahme. »Was willst denn, als warten, bis es wieder besser wird! Sollst dich nicht so viel kränken, Wolf, was hast denn davon, wenn du krank auch noch wirst!«

»Ich wollt', es hätt' alles sein Ende, alles, alles!« so rief er mit schriller Stimme und schlug sich die Faust auf die Stirn.

»Wolf! So mußt nicht. Mußt nicht auch noch selber dein Feind sein.« Sie legte ihre Hand auf seine Achsel. Er schlang mit Leidenschaft seinen Arm um ihren Nacken, sie warf dieses Joch heftig von sich, stand auf, um zu flüchten. Aber am Stamme eines Lärchenbaumes blieb sie stehen und strich wie traumhaft die losen Haarlocken aus dem Gesichte.

Der Wolfram war kauern geblieben auf der Bank, jetzt schaute er vorgeneigten Hauptes hin auf sie, in allen Enden seines Angesichtes zuckte es, dann lachte er auf.

»Das ginge noch ab,« sprach er. »Das Gedenken an dich ist meine einzige Labnis gewesen in dieser traurigen Zeit. Eine lebt doch auf der Welt, die zu mir steht. Wenn sie auch weit von mir ist und ich sie nicht mag finden, irgendwo ist sie doch und denkt an mich und wir sind beisammen. Und jetzt —«, er sprang auf, »jetzt bist auch du so?!«

Sie stand bewegungslos wie eine Bildsäule und schaute ihn an.

»Soll ich denn meines Irrtumes wegen ganz verloren sein?« sprach er weiter. »Soll ich mein junges Leben selber zertreten, wie man einen Waldwurm zertritt, vor dem sich alle entsetzen? Ja, Frieda, ich tue es. Sie, im Adlerwirtshaus, hätte mich nie so weit vermocht, sie ist mir eine Fremde. Aber wenn ich weiß, daß auch du dich von mir wendest, dann ist es aus!«

»Wann,« entgegnete nun das Dirndel zagend, »wann habe ich dir denn einen Beweis gegeben, Adlerwirt, daß ich — dir so gut wäre?«

»Leugne es nicht, Frieda!« sprach er mit Nachdruck, als wollte er einen Verbrecher überweisen. »Und wenn du mir nie was Liebes gesagt hättest, kein gutes Wort, und wenn du mir zehnmal weiter noch ausgewichen wärest, ich hätte es doch gewußt, daß du mich gern hast, und so gewiß, als du's von mir mußt wissen. Du hast es tapfer niedergedämpft, vielleicht tapferer als ich. Wir haben uns beide redlich voreinander gewehrt. Es hilft alles nichts. Von jenem Tanzabende in Schwambach an hat's so gespielt, daß wir zwei zusammenkommen sollen, wir haben's nicht verstanden, haben uns so lange gesträubt, bis es uns heute auf diesem Platze ganz zornig zusammenwirft. Ist es nicht so, Frieda? Ist es nicht so?«

Das Dirndel preßte die Hände ins Gesicht. »Ich hab' so gebetet da drinnen,« wimmerte sie, »so inständig gebetet zu der Mutter Gottes. Es ist alles umsonst! — Ich kann ja auch nicht sein, ohne deiner!« — Mit diesem Schrei stürzte sie ihm an den Hals.