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Der Adlerwirt von Kirchbrunn

Chapter 12: 9. Abschnitt.
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About This Book

A village-centered novella that follows life and interactions around a country inn, focusing on the young innkeeper Wolfram and an eccentric visiting scholar nicknamed Professor Nix. Through episodic scenes of farewells, conversations, local gossip, and small communal rituals, the narrative sketches a rural community's characters, customs, and everyday humor while exploring themes of belonging, simple wisdom, and the tension between wanderlust and home ties. Rich in landscape detail and affectionate portraits, the work balances warm comedy with gentle moral observation.

9. Abschnitt.

Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr, wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie manchmal so kindlich lachte.

Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen.

»Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.«

»So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon recht. Das Beten schadet niemandem.«

Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe. Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. — Vor Überraschung wie gelähmt blieb er einen Augenblick stehen. — Was ist das? — Was ist das? — Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. — So seine Gedanken. Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei sich habe. — Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber sicher! —

Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war, und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward — da loderte in ihm Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde. Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches. Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht! Was willst du?«

Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen oder fallen.

»Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas zu Leide tun —!« Er ballte die Fäuste.

Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich, stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. — Halb betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. — Warum hast du es denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt man so, aber einen Menschen —. Und hernach, weiß ich denn, welches fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? — Oder soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet, in Verzweiflung treibt? — Oder soll ein dritter sterben? Soll der Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. — Denn das sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! — Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht, jetzt ist sie glücklich! — Was willst du denn noch? — Einmal hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen. — Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst, so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche weg. —

Also dachte der arme Mensch und ging — ach wie traurig! — den Holzhütten seines Tales zu.