10. Abschnitt.
Wer genug Zeit und Tiefblick hat, um die Ursachen und Wirkungen zu betrachten, der wird — sei es zu seinem Schreck, sei es zu seinem Trost — finden, daß alle Fehltritte und Verstöße des Menschen gegen Sitte und Gesetz, gegen das Gute und Rechte überhaupt, sich fast allemal strafen, und zwar an derselben schuldigen Person oder an demselben Geschlechte. Schade nur, daß die Strafe nicht unmittelbar genug folgt, um stets als Strafe für Sünde und Vergehen empfunden zu werden. So mancher, der sein Elend selbst geschmiedet, hält sich für den Unschuldigsten von der Welt und ist geneigt, die Ursache dieses Elendes anderen in die Schuhe zu schieben. Solches Mißkennen führt ihn zu weiteren Fehlern und Ungerechtigkeiten, und im Gefühle des eigenen Sturzes sucht er auch andere mit sich zu reißen. Leichter kehrt der um, welcher ein schweres Verbrechen begangen, als einer, der tausend Fehler hat und den Mitmenschen täglich im kleinen tausendmal unrecht tut. Doch ist letzterer ebenso Verbrecher als ersterer, nur schreit er Zeter und Mordio, wenn endlich auch an ihn die Nemesis herantritt mit dem Richtschwert.
Frau Kunigunde hatte kaum eine Ahnung davon, daß sie eine der Hauptursachen an dem Niedergang ihres Hauses und die einzige Ursache an ihrem und ihres Mannes Unglück war. Sie war immer nur geneigt, alles auf ihren Mann, auf seinen Vater, auf alles andere zu schieben. Und je weher ihr ward, um so höher stieg ihre Verbitterung gegen die eingebildeten Feinde. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Bei dem Adlerwirtshause zu Kirchbrunn hatte sich reges Leben entfaltet wie schon lange nicht. Allerhand Wägen kamen angefahren von oben und von unten und spannten aus, Bauern, Bürger und Herren waren da, Schacher und Händler, und die Wirtsstube war viel zu enge, auch im Vorhause und im Hofe standen Tische, und die Kellnerinnen liefen über die Gasse hin und her. Das gab doch wieder einmal ein Geschäft.
Meint ihr?
Da müßte man erst noch die Wirtsleute fragen. Der alte Adlerwirt lag bei einem Nachbar im Scheunenstroh und bat mit lallender Stimme fortwährend um Branntwein. Er wolle nie mehr nüchtern werden auf dieser verdammten Welt. Der junge Adlerwirt war seit Wochen verschollen. Im Siebenbachwald, so hieß es, wäre er einmal gesehen worden, aber ganz seltsam aufgeregt, er müsse etwas Besonderes im Sinne haben, man werde noch merkwürdige Geschichten von ihm hören. So kam es, daß auch Frau Kunigunde nicht ruhig sitzen bleiben konnte in ihrem Zimmer. Sie ließ ihre Mutter, der ja alles gleichgültig war, allein, und als sie auf einem Steirerwäglein und in ihrer tadellosen Trauerkleidung hübsch fein geputzt aus dem Hofe fuhr, klang in demselben das erste Mal der Ganthammer. Alles wurde versteigert im Adlerwirtshause, nur nach den Insassen war keine Nachfrage.
Frau Kunigunde fuhr in das Gebirge hinein. Sie hieß auf das Pferd dreinhauen, sie bewarf den Pferdeknecht mit Schimpfnamen, denn sie wußte ihrer Galle kein Ende. Was sie dem Knecht und dem Pferde antat, das war alles ihrem Manne vermeint. Dem Flüchtling! dem gewissenlosen Ausreißer! Solange er Geld erwartet von ihrem Vater, hat er den Hausherrn gespielt, jetzt weil nichts ist, weil alles in die Brüche geht, verläßt er sein armes Weib in Not und Schande und stromert in allen Weiten um, man weiß nicht wo und mit wem. Aber warte, Schelm, wir werden dich noch einfangen. Du sollst Gott erkennen lernen! Du sollst mir kirre werden! Hinwärts zieht mich noch das spottschlechte Roß, es ist aber vieltausendmal besser als du; herwärts sollst du den Bettelkarren ziehen, und daß du zahm wirst wie ein Pfründnerschaf und mir Brennesseln aus der Hand frißt, das soll meine Sorge sein. —
Unter solchen Liebesgedanken fuhr Frau Kunigunde auf die Suche nach ihrem Manne. Sie sprach bei manchen Häusern zu, schämte sich aber, geradehin zu fragen: Habt Ihr meinen Mann, den Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht irgendwo gesehen? — Ja, Frau Adlerwirtin, ist Euch Euer Mann durchgegangen? — Das wäre eine hübsche Unterhaltung gewesen.
Also faßte sie es so: »Hat nicht mein Mann hier zugefragt?« — »Wissen nichts, vor einer Woche oder wann haben wir ihn vorbeigehen gesehen.« — »Sollte er nach mir fragen, so weiset ihn, ich bin vorausgefahren in den Siebenbacherwald, wegen des Holzkaufes.«
Bei den Holzknechthütten im Siebenbachwald ließ sie ausspannen und begehrte etwas zu essen.
»Ja,« meinte ein resches Holzerweib, »kein Wirtshaus ist halt bei uns nicht. Geißmilch mit Schoten, wenn's recht wäre?«
Von Herzen gern hätte Frau Kunigunde geantwortet, daß sie Schweinefutter nicht gewohnt sei, wäre nur ihr Hunger nicht gar zu groß gewesen. Während sie die Milch trank, erzählte sie, daß mit ihrem Mann eine Zusammenkunft draußen bei den drei Brücken verabredet gewesen sei, daß sie sich aber verfehlt hätten. Und sie fragte, ob er, der Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht etwa hier herum gesehen worden wäre?
»Seid Ihr die Adlerwirtin?« fragte das Holzerweib. »Nachher glaub' ich's gern, daß er bei den drei Brücken nicht gekommen ist. Von Euch ist er ja eben davongelaufen, sagen die Leute.«
Frau Kunigunde warf eine Münze hin und machte sich entrüstet auf die Wander zu den Köhlerstätten.
Bei der Kohlenbrennerei fragte sie wieder an.
»Der Adlerwirt?!« schrie der alte Köhler, denn er war schwerhörig, daher hielt er auch andere dafür. »Weiß nichts davon. Aber der Vorknecht soll letzt' Zeit her alleweil vom Adlerwirt reden.«
»Wo ist denn dieser Vorknecht?«
»Der ist jetzt nicht da, der ist oben im Zagelwald. Für ein Weibsbild nicht gut hinaufzusteigen.«
»Ich will hinauf!« sagte Frau Kunigunde.
»Weiß nicht, ob es Euch viel nutzen wird,« meinte der Kohlenbrenner, »letzt' Zeit her ist der Schopper — so heißt der Vorknecht — nicht recht im Kopf, ganz kleinsinnig oder was lauter. Ist nichts Rechtes von ihm herauszubringen. Vom Adlerwirt redet er nächtig im Traum.«
Die Frau dingte sich einen herumlungernden Knaben und stieg mit diesem hinan gegen den Zagelwald. Mehrmals ging es in tiefen Schluchten über Sand, Gerölle und wuchtige Steinblöcke dahin an brausenden Wässern, mehrmals unter einem schwindelnd hohen Holzgerüste durch.
»Was das für ein hoher Steg wäre?« fragte die Adlerwirtin.
»Das ist kein Steg,« antwortete der Knabe, »das ist die neue Holzriesen, wo die großen Blöcker herabrutschen und zum Feierabend die Holzknechte selber. Wie viele Kreuzer krieg' ich denn dafür, daß ich mitgeh'?«
Nach einer Stunde waren sie auf der Höhe bei dem Holzschlag. Die Leute, welche hier arbeiteten, blickten einander nur so an, als sie vernahmen, die junge Frau wolle mit dem Vorknecht sprechen. Der Vorknecht sei aber gar nicht auf dem Schlag, der liege auf dem Buchenanger im Grase; er sage, er arbeite nichts mehr, und das liebe Christenvolk möge gesund bleiben und ihm an den Buckel gucken. »Wollt Ihr das, so könnt Ihr ihn ja aufsuchen,« setzte der Berichterstatter bei.
Da ist etwas dahinter! dachte Frau Kunigunde und ließ sich zum Buchenanger führen.
Der Schopper, als er sah, wer daherkam, sprang rasch vom Rasen auf. Er sah wirklich wild und wirr aus. Ohne viele Einleitung fragte sie in strengem Tone nach ihrem Manne, dem Adlerwirt.
»Was weiß ich?« knurrte der Holzknecht. »Habt Ihr mir ihn zum Aufheben geschickt?«
»Du weißt, wo er ist!« sprach sie scharf.
»So? Na, wenn ich's weiß, dann muß ich's freilich sagen. Den Adlerwirt hat sein Weib verlassen, da ist er zu einer anderen gegangen.«
»Wo er ist, will ich wissen!«
»Vor etlichen Tagen,« antwortete der Holzknecht gottlos ruhig, fast träge, »hat er sich auf der Schabelhöh' aufgehalten oder im Wirtshaus dort herum. Jetzt kann's sein, daß er drüben in der Abachleuten ist.«
»Ein Schandmensch! Ein Schandmensch!« keuchte sie, und fast verging ihr der Atem vor Wut. »Der soll das höllische Feuer beizeiten kennen lernen, dafür stehe ich gut!«
»Dieweilen sitzt er im Himmel,« sagte der Schopper. »Und ich wäre der Meinung, wer so fest drin sitzt, den laßt man sitzen.«
Frau Kunigunde hatte sich niedergelassen auf einem Baumstock, ihr zitterten die Beine.
»Wie weit ist's bis in die Abachleuten?« fragte sie.
»Zwei Stunden, wer gut antaucht.«
»Mein Gott, mich verlassen schon die Füße.«
»Wenn die Frau ein Stündlein wartet, so kann sie mit mir auf dem Brettel hinabrutschen,« sagte der Holzknecht.
Ja, sie wolle warten. Und der Schopper dachte: Herrgott im Himmel, was ist das für ein Schick! Ich rutsche mit seinem Weib auf der Riesen hinab. Und ganz plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf: Wenn er mir die Meine nimmt, so nimm ich die Seine. Wert ist sie's, daß sie mit mir kommt. Es geht nichts über die Ordnung. Und nachher ist Fried. —
Dieweilen Frau Kunigunde erschöpft auf dem Baumstock saß und mißmutig den Holzhauern zusah, die immer Blöcke an die Riesen schleppten und hinabgleiten ließen, strich der Schopper wie halb verloren auf dem Schlage um. Manchmal blieb er stehen und starrte auf den Erdboden, dann hob er das krause Haupt gegen Himmel und schnappte nach Luft. Dann lachte er hell auf, und einer der Männer hörte ihn sagen: »Besser kunnt sich's nicht mehr reimen. Wer ungeschickt ist, der muß hinab, daß er anderen nicht im Wege steht.«
»Du, Franzel,« redete er, als die Abendstunde kam, einen Arbeiter an. »Wenn du einmal beim Möstl in der Abachleuten vorbeigehst, gelt, so bist so gut und gibst das Ding dort ab. Es ist für die Magd Frieda.« Damit gab er ihm ein rotes, zusammengeknulltes Tüchlein. »Und jetzt, Leute!« rief er laut hinaus über den Schlag, »jetzt ist Feierabend. — Fahrt ihr nur voraus hinab, wir, ich und die Frau Adlerwirtin, rutschen hinten drein.«
Die Werkzeuge brachte man in Sicherheit, die Lodenröcke hing man sich über die Achsel, und da war's fertig.
Muldenförmige, vorn ein wenig aufgekurfte Bretter wurden in die Rinne der Riesen gelegt, und auf je einem solchen Fahrzeuge glitten ein oder auch zwei Mann hinab. In der Hand hatten sie lange Stöcke, mit welchen sie sich nötigenfalls leiten, anstemmen oder weiterschnellen konnten. Auf etwa hundert Schritte Zwischenräume wurden sie abgelassen. Anfangs glitt es gemächlich dahin, allmählich kam's in rascheren Lauf, und auf steileren Strecken sauste es unheimlich schnell dahin, manchmal an Erdeinschnitten und zweimal über grauenhaft tiefe Schluchten, aus welchen Schutt und Gestein und schäumendes Wasser heraufleuchtete. Über den schwindelndsten Stellen jauchzten einige. An den Rinnbäumen der Riesen dröhnte noch lange das Rollen herauf, selbst als die Bretter schon den Augen entschwunden waren.
Als die Holzknechte dermaßen alle angefahren waren, ging der Schopper zur Frau Kunigunde, die noch immer auf dem Stocke saß, machte eine kleine Verbeugung und sagte: »Also, Adlerwirtin, jetzt ist's an uns zweien.«
»Ist wohl doch keine Gefahr dabei?« fragte sie.
»Ihr seht ja, wie sie jauchzen unterwegs. In die ewige Seligkeit kann man nicht lustiger hineinfahren. Im Siebenbachwald gibt's halt keine so feinen Eisenbahnzüge wie in Geßnitz. Wir haben das lange Brettel mit zwei Sitzen. Ich setze mich voran, Ihr habt hinterwärts Platz. Nur frisch dran, Frau Adlerwirtin!«
»Es ist grauenhaft!« sagte die Frau.
»Nichts ist grauenhaft,« lachte der Schopper. »An fünf Minuten sind wir unten. Kommt nur. Prächtig wird's.«
»Ich will heut' ja noch weiterfahren.«
»Freilich, Adlerwirtin. Nur hübsch anhalten. Sitzen wir fest?«
»Ich sitze.«
»Also, im Gottesnamen!« Mit diesem Worte stieß der Schopper aus, und das Schifflein begann zu gleiten. Erst hielt der Mann mit beiden Händen den langen, derben Stock in die Luft. Vorwärts ging's rasch und rascher. Steiler wurde die Bahn, und da sauste das Brett pfeifend dahin. Es schoß über den ersten Abgrund, es schoß durch den Erdeinschnitt, es schoß dem zweiten großen Abgrunde zu, und als es hoch über der Schlucht rasend schnell hinglitt, senkte ganz plötzlich der Schopper den Stock, stemmte ihn vor sich in die Riesen, da sprang das Fahrzeug hinten empor, schlug über, und die beiden Menschen flogen in weitem Bogen durch die Luft — stürzten in die Tiefe.
Ein ganz kurzer Schrei gellte durch die abendlichen Lüfte, und dann war nichts mehr zu hören als das rauschende Wasser in der Schlucht. — —