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Der Adlerwirt von Kirchbrunn

Chapter 9: 6. Abschnitt.
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About This Book

A village-centered novella that follows life and interactions around a country inn, focusing on the young innkeeper Wolfram and an eccentric visiting scholar nicknamed Professor Nix. Through episodic scenes of farewells, conversations, local gossip, and small communal rituals, the narrative sketches a rural community's characters, customs, and everyday humor while exploring themes of belonging, simple wisdom, and the tension between wanderlust and home ties. Rich in landscape detail and affectionate portraits, the work balances warm comedy with gentle moral observation.

6. Abschnitt.

Endlich war der Winter vorbei.

Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu lernen, schreibt er. Der Professor Nix.«

»Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig.

»Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem deinem Zimmer hat er immer gewohnt.«

»So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix hereinlassen?«

»Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst ihn gewiß liebgewinnen.«

»Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine Garderobe drin.«

»Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer unterbringen, es wäre bequemer für dich.«

»Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das Baumgartenzimmer bekommt er nicht!«

»So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,« sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei, weiter mit sich handeln zu lassen.

»Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts dreinzureden, ich will Ruhe haben.«

Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten: »Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den alten Nix?« in die Arme.

Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort: »Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.«

Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!«

»Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig.

Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche Worte.

Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus. »Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament. Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!«

Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife, und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur Sommerfrische gehöre.

Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen, Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.«

Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere und war's zufrieden.

Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war, hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus gebannt war, da kam's ihm — so sehr der Regen draußen auch rieseln mochte — in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst. Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die Wirtin gar nicht zu sehen.

Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. — Wenn der Wolf nichts gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas zugestoßen sein könne.

»Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« —

Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen, die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und Schnitterinnen — es war vergebens, die er suchte, fand er nicht.

Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet, daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten.

»Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten, daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.«

»Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende doch keck um die Herzliebste bewerben.

Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält, zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und Rindenwälle kletternd, auf ihn zu.

Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich an, bevor das erste Wort gesprochen wurde.

»Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite gehen?«

»Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte.

»Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.«

»Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.«

»Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?«

Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das dich an? Du hast dein Weib.«

»Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr meine Frau einen Platz verschaffen könnte.«

»Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper.

»Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.«

»Ei freilich weiß ich das.«

»Wo sie nur mag umherirren auf der weiten Welt? Und hat keinen Menschen, der ihr's gut tät meinen!«

»Adlerwirt!« sagte der Schopper ganz leise, aber nachdrucksvoll, »sie hat einen!«

»Heiratest sie, Schopper? Hast sie bei dir?« Ohne daß er es recht wollte, waren ihm diese Worte über die Lippen gesprungen, denn es war ein großer Sturm in ihm, und das Herz pochte so heftig in seiner Brust, daß es nachklang in den Schläfen.

Der Schopper sagte: »Mein lieber Adlerwirt. So dumm bin ich nicht, daß ich dir sie verrate. Geh' nur ruhig heim nach Kirchbrunn und kümmere dich um deine Leut', die Frieda geht dich nichts an.«

Damit wendete er sich seiner Arbeit zu, und dem Adlerwirt blieb nichts übrig, als den mühevollen Weg wieder zu Tale zu steigen.

»Wenn Sie bis zum Feierabend warten wollen,« rief ihm einer der Arbeiter zu, »so können Sie auch hinabfahren. Wir rutschen alle hinab. Mit dem Brettel ist man in fünf Minuten zu Tal. Aber jetzt geht's nicht, jetzt haben die Holzblöcher das Vorrecht.«

Dem Adlerwirt kam aber die ganze Gegend ein wenig unheimlich vor, und er ging angestrengt drei Stunden lang, bis er den Turm von Kirchbrunn sah.

Als er hinaus über die Wiesen schritt, saß dort an einem Wassertümpel der Professor Nix und schaute den Krebsen zu. Der Alte erhob ein Freudengeschrei, als er seinen Hausherrn sah, und wollte alsogleich wissen, was die Adlerwirtshausbewohner verbrochen hätten, daß er sie über drei Tage lang im Fegfeuer zappeln lasse.

Der Wolfram setzte sich hin auf den Rasen und seufzte: »Ach ja, lieber Professor!«

»Junge, du gefällst mir nicht!« sagte der Professor.

Der Wolfram schaute bekümmert in den Tümpel, dann sprach er: »Daß es seine Ursache haben muß, wenn einer wie halbverrückt davonläuft, ohne dem alten Vater, ohne dem Weibe zu sagen, wohin, das können Sie sich denken. Und eine Ursache hat es. — Sie wohnen gemütlich in Ihrer großen Stube, Herr, ärgern sich vielleicht ein wenig über den Lärm der Gäste am späten Abend, haben aber freilich keine Ahnung, was zwischen uns vorgeht. Sie ist hart. Sie ist herzlos, daß ich's nicht sagen kann. Sie macht mich ganz verzagt ...«

»Na, na!« beschwichtigte der Professor und neigte sich über den jungen Mann, denn dieser preßte seine Hände ins Gesicht und schluchzte.

»Ich habe mir's gedacht,« sagte der Alte gedämpft, »ich habe mir's wohl gedacht.«

Dann schwiegen beide eine lange Zeit und starrten in das klare Wasser, wo langsam die Krebse krochen und stets nach rückwärts — nach rückwärts.

»In den ersten Wochen,« so fuhr Professor Nix endlich fort, »da habe ich vorgehabt, dir Trost zuzusprechen, habe sie wohl für eine herbe Natur gehalten, aber wer den Schlüssel findet zu solchen Naturen, der hat's gut. Sie zeigen und feilen ihr Herz und Gemüt nicht auf der Gasse umher, sie geizen gegen alle Welt mit ihrer Güte, um ja recht viel davon aufzuhäufen für den einen und einzigen, den sie selig machen wollen. So eine goldene, habe ich gemeint, hättest du dir auserwählt. Freilich ist mir nach und nach anders zu Mute geworden. Ganz krampfig ist mir zu Mute geworden, mein lieber Wolf! Aber reden! Wenn er nicht redet, ich bin auch still. Wenn einer zum jungen Ehemann hingeht und sagt: Du, dein Weib paßt nicht für dich! so ist das ein schlechter Kerl, den man mit einem Rattenschwanz erdrosseln soll. Aber dir sage ich es doch, Wolf, und du erdrosselst mich nicht, wenn ich dir sage: Sie paßt nicht für dich!«

Der Wolfram murmelte: »Ich erdrossele Sie nicht.«

»Von der mußt du los, Junge!« rief der Professor.

»Aber wie?« seufzte der junge Mann.

»Scheidung! frisch! rasch! Heute besser als morgen.«

»Ehescheidung!« sagte der Adlerwirt. »Das geht nicht. Dieses Aufsehen!«

»Wenn sie dich in die Strafanstalt führen, das wird auch ein Aufsehen sein!«

Der Wolfram sprang empor.

»Verzeihe!« begütigte der Professor. »Das Wort war schlimm. So endet's bei dir nicht, so nicht. Du bist ein weicher Mensch, du wirst verderben und vergehen, und wer dich umbringt, der kommt auch nicht ins Zuchthaus, weil du dich vor Gram und Jammer selber verzehrst. Und der, welcher dich mit kleinen Dosen täglich vergiftet, hat noch den Triumph, als Leidtragender an deiner Grube zu stehen. — Wolf, wenn du bisher alle sieben Todsünden begangen, die eine mußt du sühnen, auf der Stelle, ohne Säumnis sühnen: daß du dieses Weib genommen hast!«

»Ich hätte mir ja leicht eine andere gewußt.«

»Eine andere!« sprach nun der Professor. »Wolf, eine andere laß einstweilen aus dem Spiele! Das ganze Firmament, habe ich gesagt, vermach' ich dir, nur den Halbmond nicht, der gehört den Türken. Und Türke wirst du keiner sein wollen. Jetzt eine andere! Das wäre hübsch! Erst scheiden, dann wieder binden!«

»Nicht mir zulieb' habe ich sie genommen.«

»Man merkt es wohl, Junge. Wäre auch nur ein bißchen Neigung da, es müßte sich anders zeigen.«

»Mein Vater wollte es so haben,« gestand nun der junge Adlerwirt, »ihm zuliebe bin ich hineingesprungen. Wir stehen schlecht, wir müssen uns mit ihrem Gelde aufhelfen.«

»Wolf,« sagte hierauf der Professor. »So lang dein Weib mißt, so lang mißt dein Unglück. Wo das Weib aufhört und das Geld anfängt, fängt in dir der Wicht an. — Schelm, armseliger! Das Geld! — Adlerwirtssohn. Ich habe dich als Kind auf den Armen getragen und dabei gesungen: Lieber Engel, werde ein braver Mensch! Hernach der wißbegierige Knabe! Der warmherzige Jüngling! Es war eine Freude. Er wird's! habe ich oft gejauchzt. — Na, und wie der Mann fertig ist, von dem man glaubt, daß er edle Früchte wird tragen — steht der heißhungrige Geldwolf da. Irr und toll könnt' einer werden!«

Da der Adlerwirt bei diesen herben Worten sich abgewendet hatte, fiel der alte kleine Professor vor ihm auf die Kniee, umfaßte seine Beine und rief: »Mußt mir's zugute halten, Wolf, mir tut deinetwegen das Herz so weh, daß ich schreien muß. Dem Vater zulieb'! Es war ja gut gezielt, aber es ist schlecht getroffen. Mein Wolf, glaube mir! Folge mir! Gehe heute noch ins Amt und laß dich scheiden!«

»Dann bin ich ein Bettler!« rief der Adlerwirt.

Der Professor stutzte. Als er seiner Verblüffung einigermaßen Herr geworden, sagte er in singendem Tone: »So, so. Also nur eine Ausrede ist der Herr Vater. Du selber willst Geld haben. Du willst lieber ein elender, verächtlicher Gauch sein, von deines Weibes Groschen zehrend, unter eines Weibes Fuß wimmernd, dich windend wie ein zertretener Wurm, anstatt mit gesunden Armen mannbar dir dein Brot zu verdienen! — Adlerwirt, ich mag dich nicht mehr.«

Er erhob sich rasch und ging quer über die Wiese hin durch das lange Gras, daß kaum sein Kopf manchmal hervorragte über den Germen und Rispen. —

Als der Wolfram nach Hause kam, gab's von Vaters Seite ein arges Wetter. Er ertrug's gleichgültig. Frau Kunigunde blieb drei Schritte vor ihm stehen und fragte: »Bist denn schon da, Wolfram? Hast dir die Socken lochig getreten, oder hat dich der Hunger nach Hause getrieben? Die Köchin soll dich nur sattfüttern, daß du wieder gehen kannst.«

In der heißen Wut über solchen Hohn tat der Wolfram schon den Mund auf, um sie zu fragen: wenn eins gehen müsse, welches von beiden? — Aber der alte Adlerwirt hielt ihn fest am Arm und raunte ihm zu: »Um Christi willen, schweig still! Wir müßten vom Haus ziehen wie ein paar Zigeuner. Kein Nagel auf dem Dach ist mehr unser Eigentum. Nur noch kurze Zeit Geduld! Hast du's schon gehört? Der Salmhofer liegt auf den Tod!«

Der Wolfram hat sich die Lippen blutig gebissen und geschwiegen.