Um die Zeit, als die Emigranten ihre Felsenburg verließen, saßen etwa in Kanonenschußweite von derselben zwei Männer in einer kleinen, von einem Bache durchrieselten Bodensenkung, eifrig beschäftigt, eine herzhafte Mahlzeit einzunehmen. Dieselbe bestand in dem saftigen Fleische eines Büffelhöckers, der sachkundig von dem erlegten Wilde abgelöst und zwischen erhitzten, mit Erde bedeckten Steinen, nach der uralten Sitte der Wildnis, gar gemacht worden war. Die Schmausenden waren der Trapper und der Bienenjäger. Letzterer lobte die Kochkunst seines alten Gefährten mit wahrer Begeisterung, wobei er unermüdlich mit vollen Backen kaute; der Trapper, der bald gesättigt war, hörte lächelnd zu und versorgte dabei seinen treuen Hektor mit den weichsten und leckersten Bissen. Auf ein leises, warnendes Knurren des klugen Tieres blickte er um sich und gewahrte in einiger Entfernung einen kleinen Mann, der frei, wenn auch mit zögernden Schritten, herankam. Als Paul Hover den Fremden erspähte, stopfte er die saftigen Fleischstücke mit verdoppeltem Eifer zwischen seine weißen Zähne, als fürchte er, zu kurz zu kommen, wenn noch ein Dritter einen Anteil an dem Büffelhöcker beanspruchen sollte. Dem Trapper schien jedoch das Erscheinen des Unbekannten ganz willkommen zu sein.
„Nur näher, Freund,“ rief er demselben entgegen, „nur näher! Wenn der Hunger Euch führte, dann seid Ihr an den rechten Ort gelangt. Fürchtet Euch nicht, wir sind Christenmenschen und genießen mit Dank, was Gott uns bescherte.“
„Ehrwürdiger Jäger,“ antwortete Obed Bat, der auf einer seiner botanischen Exkursionen an diesen Ort gekommen war, „ich freue mich dieser Begegnung, da ich Euch bereits, wenn auch nur dem Ansehen nach, kennengelernt habe. Wir beide lieben die Natur und ihre wunderbaren Erzeugnisse, wir sollten daher in Freundschaft verbunden sein.“
„Aha, Ihr seid der Doktor, von dem ich in Ismael Buschs Lager reden hörte,“ entgegnete der Trapper. „Setzt Euch her und esset und dann sagt uns, was Ismael unter dem weißen Zelte mit sich führt, das er so scharf und bissig bewacht wie eine Bärin den Ort, wo ihr Junges schläft.“
„Habt Ihr davon auch gehört?“ versetzte der Doktor, den Bissen wieder sinken lassend, den er eben mit lüsterner Miene zum Munde führen wollte, während Paul mit anscheinend immer zunehmendem Appetit dem Fleische zusprach.
„Nein, gehört habe ich nichts, aber gesehen habe ich das Zelt, und weil ich nachschauen wollte, was sich darunter verbirgt, hat man mich beinahe gebissen.“
„So, also gebissen!“ sagte der gespannt aufhorchende kleine Mann. „Dann muß es also doch ein Raubtier sein. Ein Bär, ein Ursus horridus ist's nicht, dafür verhält es sich zu ruhig; ein Hund, ein Canis latans, kann's auch nicht sein, denn den hätte seine Stimme längst verraten. Andererseits aber kann doch Ellen Wade nicht mit einem Raubtier auf so vertrautem Fuße stehen. Hm, zum Locken anderer Tiere bei der Jagd haben sie's mitgenommen, wie sie sagen ... hm ... Verehrungswürdigster Jäger, ich muß Euch offen gestehen, daß dieses rätselhafte Tier, das tagsüber in einem Wagen und nachts in dem Zelte verwahrt wird, mir bereits mehr Kopfzerbrechen verursacht hat als sämtliche Vierfüßler der Naturgeschichte zusammen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich es noch nicht zu klassifizieren vermochte.“
„Ihr meint also, Ismael führe ein reißendes Tier unter jenem Zelte mit sich herum?“ fragte der Trapper augenscheinlich belustigt.
„Ich meine nicht nur, ich weiß es genau,“ versicherte Doktor Battius mit großem Ernste, „denn Ismael Busch selber hat es mir gesagt.“
Paul Hover lachte kauend laut auf. Der Trapper aber schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Dahinter steckt irgend ein Geheimnis,“ sagte er ruhig. „Ismael läßt keinen Unberufenen dem Zelte nahekommen, ein Tier aber brauchte er nicht so ängstlich zu verbergen. Ein Tier kann's auch gar nicht sein, sonst hätte mein Hektor mir längst davon erzählt, denn seine Nase ist noch so unfehlbar wie einst, in seinen jungen Jahren.“
„Bildet Ihr Euch ein, Euer Hund sei klüger als ein Mann von meinen Kenntnissen?“ rief der Doktor halb unverständlich, da er den Mund voll Büffelfleisch hatte. „Wie soll solch ein Köter zum Beispiel die Klasse, Gattung, Art und Geschlecht eines Tieres feststellen? Wie kann er wissen, was selbst studierten und gelehrten Leuten verborgen ist?“
„Wie er das wissen kann?“ lächelte der alte Trapper. „Gebt acht; hört Ihr nicht ein Geräusch dort in dem Gesträuch am Bache? Seit fünf Minuten schon raschelt und knackt es da. Was für ein Geschöpf mag sich dort wohl regen?“
„Hoffentlich kein Raubtier!“ rief der Doktor erschrocken. „Ihr führt Büchsen mit Euch, Freunde; macht sie schußfertig, denn auf meine kleine Vogelflinte ist nur wenig Verlaß.“
„Die Büchsen können wir immerhin zur Hand nehmen,“ versetzte der Alte, nach der seinen langend. „Hektor, mein Hundchen, wer kommt da? Sollen wir die Kreatur stellen oder laufen lassen?“
Der Hund, der durch die Bewegungen seiner Ohren den erfahrenen Jäger längst von dem Herankommen eines fremden Geschöpfes Kenntnis gegeben hatte, erhob den Kopf, schnüffelte ein wenig, gähnte dann und streckte sich ruhig wieder nieder.
„Es ist ein Mensch!“ rief der Trapper, „wenn ich mich noch auf meinen Hektor verstehe.“
Jetzt sprang Paul Hover blitzschnell auf, und sein Gewehr anschlagend, rief er mit drohender Stimme:
„Hervor da, Freund oder Feind!“
„Ein Freund bin ich, ein Weißer und ein Christ,“ kam die Antwort aus dem Gebüsch, und im nächsten Augenblick trat ein Mann aus demselben ins Freie. Ruhigen Schrittes kam er heran, forschend und vorsichtig die drei Freunde mit seinen Blicken messend. Er war noch jung; auf dem schwarzlockigen Haupte saß ihm keck eine Soldatenmütze mit verblichener Goldquaste. Über einer blauen Uniform trug er ein dunkelgrünes, gelb eingefaßtes Jagdhemd, dazu hirschlederne Hosen und indianische Mokassins. In der rotseidenen Schärpe steckte ein langer Dolch, am Leibriemen hingen zwei lederne Halfter mit Pistolen darin, und ein schweres Soldatengewehr nebst Pulverhorn und Kugeltasche vervollständigten seine Bewaffnung. Auf dem Rücken führte er einen Tornister mit sich, gezeichnet mit dem Stempel der Vereinigten Staaten, U. S. (United States), welche Buchstaben den Amerikanern den scherzhaften Beinamen „Onkel Sam“ zugezogen haben.
„Ich komme als ein friedlicher Reisender,“ nahm der Fremdling das Wort, als er bei den Dreien angelangt war und sich auf einen freundlichen Wink des Trappers niedergelassen hatte, um gleichfalls dem leckeren Mahle zuzusprechen. „Und da Ihr das Recht habt, zu erfahren, wem Ihr Eure Gastfreundschaft zuteil werden lasset, so seht hier meine Legitimation.“
Damit zog er aus einer inneren Brusttasche ein Pergament hervor und reichte es dem alten Jäger.
„Ich kann nicht lesen, Freund,“ lehnte dieser lächelnd ab, „auch genügt mir Euer Antlitz als Legitimation.“ „Gebt her,“ rief jetzt Doktor Battius neugierig, „ich lese alles, und wenn es lateinisch wäre.“
Er nahm das Pergament und entfaltete es.
„Ei, ei,“ sagte er, „was haben wir denn hier? Ei, Mann, das ist ja die Unterschrift des Präsidenten Jefferson, gegengezeichnet vom Kriegsminister! Hm! Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine Bestallung für den Hauptmann der Artillerie Duncan Unkas Middleton.“
„Was sagtet Ihr da?“ fragte lebhaft der Trapper, der bis jetzt noch keinen Blick von den Zügen des jungen Fremden verwendet hatte. „Wie ist der Name? Nennt ihn noch einmal! War's nicht Unkas? Wie? Unkas sagtet Ihr?“
„Unkas ist mein Name,“ sagte der junge Mann nicht ohne einen Anflug von Stolz. „Ich und ein Onkel von mir tragen ihn zum Gedächtnis eines indianischen Häuptlings und eines großen Dienstes, den ein wackerer Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen meiner Familie erwiesen.“
„Unkas! Sagtet Ihr Unkas?“ wiederholte der Trapper, sich schnell erhebend und dem gleichfalls aufstehenden Gaste das dunkle Lockenhaar mit bebender Hand aus der Stirn streichend. „Meine Augen sind alt und nicht mehr so scharf wie damals, als ich selber noch ein Krieger war ... aber ich erkenne doch noch die Züge des Vaters in denen des Sohnes. Ich erkannte das Antlitz sogleich, als Ihr aus dem Gebüsch kamt, aber ich wußte nicht, wo ich die Ähnlichkeit früher gesehen. Sagt mir, Knabe, welchen Namen trägt Euer Vater?“
„Mein Vater führte denselben Namen wie ich; er focht als Offizier im Revolutionskriege; meiner Mutter Bruder hieß Duncan Unkas Heyward.“
„Wieder ein Unkas! Wieder ein Unkas!“ rief der Trapper in zitternder Erregung. „Und dessen Vater?“
„Hieß ebenso, allerdings ohne den Namen des indianischen Häuptlings. Er war es und meine Großmutter, denen jener große Dienst, den ich erwähnte, erwiesen wurde.“
„Ich wußte es! Oh, ich wußte es!“ jubelte der alte Mann mit beinahe versagender Stimme, während eine tiefe Bewegung in seinen sonst so starren Zügen arbeitete. „Oh, ich wußte es! Ob Sohn oder Enkel, es ist gleich; das Blut, die Art lassen sich nicht verbergen! Sagt mir, Knabe — der, den sie allein Duncan Heyward nennen, lebt der noch?“
Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf.
„Er starb hochbetagt und hochgeehrt,“ antwortete er.
„Hochbetagt,“ murmelte der Trapper, auf seine mageren Hände niederschauend. „Ja, hochbetagt. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, Knabe, nicht wahr? Und auch wohl gehört, wenn er von Unkas und von der Wildnis redete?“
„Gar oft hat er mir davon erzählt,“ nickte der junge Mann, der nicht wußte, wo der Trapper mit seinen Fragen hinauswollte.
Die Augen des Alten glänzten seltsam. „Kommt,“ drängte er, „setzt Euch hier neben mich und laßt mich wissen, was Euer Großvater gesagt hat, wenn er sich an jene Tage im Urwalde erinnerte.“
Lächelnd folgte der andere dieser Aufforderung, während Paul sich ohne weiteres an seiner freien Seite niederließ.
„Tut dem Trapper immerhin den Gefallen, Fremder,“ sagte der Bienenjäger, „alte Leute hören gern von alten Zeiten plaudern, und ich kann wohl sagen, daß auch ich selber Wohlgefallen daran finde.“
„Wenn ich alles berichten wollte, würde Euch die Zeit lang werden,“ versetzte Middleton, „auch ist die Geschichte reich an Blutvergießen und all den anderen Schrecken indianischer Kriegführung.“
„An so etwas sind wir in Kentucky gewöhnt,“ meinte Paul, „außerdem machen ein paar Skalpierungen eine Geschichte nur noch interessanter.“
„Aber er erzählte Euch doch von Unkas, nicht wahr?“ fing der Trapper wieder an. „Und wie dachte und redete er über den Knaben, daheim in seinem reichen, vornehmen Hause und umgeben von allen Bequemlichkeiten der Kolonien?“
„Er sprach, denke ich mir, genau so, wie er gesprochen haben würde, hätte er seinem Freunde Auge in Auge gegenüber gestanden.“
„Was? Nannte er den Wilden seinen Freund? Den armen, nackten, bemalten Krieger des Waldes nannte er seinen Freund? Er war nicht zu stolz, den heidnischen Indianer seinen Freund zu nennen?“
„Nein, im Gegenteil, er rühmte sich mit Stolz dieser Freundschaft. Ich sagte Euch ja bereits, daß er seinem Erstgeborenen den Namen dieses Freundes gab und dabei den Wunsch äußerte, daß der Name wie ein Erbteil für alle Zeit in der Familie bleiben möge.“
„Das war recht gehandelt,“ nickte der Greis in freudiger Rührung, „das war eines Mannes und eines Christen würdig. Er pflegte den Delawaren wegen seiner Schnelligkeit zu bewundern — sprach er auch davon?“
„Gewiß; er nannte ihn oft den ‘Flinken Hirsch’, Le Cerf Agile; das war ein Beiname, der dem Häuptling gegeben war.“
„Richtig. Und kühn und furchtlos war er, nicht, Knabe?“ fuhr der Trapper fort, ganz glückselig darüber, hier das Lob dessen zu hören, den er in vergangener Zeit allem Anschein nach herzlich geliebt hatte.
„Kühn und großherzig, tapfer und ohne Furcht,“ bestätigte Middleton. „Wenn mein Großvater Muster echten Heldenmutes und wahrer Mannestreue anführen wollte, dann nannte er stets den Häuptling Unkas und dessen Vater, einen edeln Krieger, dem wegen seiner Weisheit der Beiname ‘die Große Schlange’ verliehen worden war.“
„Damit ließ er ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren,“ rief der Greis. „Doch war das alles, Knabe? Wußte Euer Großvater nicht noch mehr zu berichten?“
„Doch. Die Erzählungen, bei denen auch meine gute Großmutter —“
„Ha,“ unterbrach ihn der Trapper, dessen Antlitz unter einer neuen Erinnerung förmlich strahlte, „ich weiß, sie hieß Alice! Wie deutlich sehe ich das schöne Kind vor mir! Ihr blondes, lichtes Haar schimmerte wie Gold, ihr Auge war blau wie der Himmel, und ihre Haut so rein wie der Winterschnee auf der Prärie! Hab' ich nicht recht?“
Der junge Offizier zuckte lächelnd die Achseln; als junges Mädchen hatte er seine Großmutter freilich nicht mehr gekannt.
„Die Gefahren und Abenteuer, die sie auf jenen Fahrten durch die Urwälder zu überstehen gehabt,“ so fuhr er fort, „hatten sich ihrem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt, ebenso die Gestalten der Freunde, die sie begleitet und beschützt hatten.“
Der Trapper wendete das Gesicht zur Seite, als kämpfe er mit seinen Empfindungen; nach einer kleinen Weile richtete er seine ehrlichen Augen wieder auf den jungen Gast.
„Diese Freunde, Knabe — sagt, waren das alles nur Rothäute? Waren Duncan Heyward und die Tochter Munros die einzigen Weißen bei dem Zug durch den Urwald?“ fragte er.
„Nein, ein weißer Jäger, der zu den Delawaren gehörte, befand sich noch bei ihnen, ein Kundschafter der englischen Armee.“
„Aha, wahrscheinlich einer von jenen betrunkenen Taugenichtsen und Vagabunden, die sich so zahlreich in den Indianerdörfern herumtrieben und ihrer Farbe zur Schande gereichten,“ bemerkte der Alte, die Züge des Offiziers dabei lauernd beobachtend.
„Alter Mann,“ entgegnete dieser sehr ernst, „Eure weißen Haare sollten Euch wahrlich von solchen übeln Nachreden abhalten! Es gibt nicht viel Menschen auf der Erde, die an innerem Wert mit jenem Jäger sich messen dürfen. Im Gegensatz zu dem Grenzergesindel, das Ihr erwähntet, vereinigte er in sich alle Vorzüge der weißen wie der roten Rasse. Sein Gemüt war rein wie das eines Kindes, dabei stand er an Mut und Tapferkeit seinen indianischen Gefährten nicht nach und war ihnen an Kriegserfahrung sogar weit überlegen. Mein Großvater bedauerte stets, daß die Tugenden und edeln Charaktereigenschaften dieses Mannes bei der Lebensweise desselben so wenig Beachtung finden konnten; in anderer Stellung hätte er der Mitwelt sicher von großem Nutzen sein können, denn er war einer der besten Männer seiner Zeit.“
Während dieser Rede des jungen Mannes hatten die Augen des Trappers sich zu Boden gesenkt. Wie abwesend spielten seine Finger mit den Ohren des Hundes, auch ließ er zwecklos mehrmals das Schloß seiner Büchse schnappen.
„Euer Großvater hatte also den weißen Jäger doch nicht ganz vergessen?“ kam es endlich heiser über seine Lippen.
„So wenig hatte er ihn vergessen, daß heute bereits drei seiner Nachkommen auf den Namen des Kundschafters getauft sind.“
„Was? Auf den Namen des armen, ungebildeten Jägers? Die Reichen, die Großen, die Leute in Amt und Ehren und, was noch besser ist, die Gerechten und die Guten führen seinen wirklichen, richtigen Namen?“
„Mein Bruder und zwei meiner Vettern sind stolz darauf, sich nach jenem edeln Manne nennen zu dürfen.“
„Wirklich und wahrhaftig mit dem richtigen Namen, der mit einem N anfängt und mit einem L aufhört?“
„Mit demselben Namen,“ bestätigte der junge Mann lächelnd. „Nein, mein Freund, nicht das Geringste ist vergessen, das dem Gedächtnis des Trefflichen dienen kann. Sogar mein Jagdhund, der gegenwärtig hinter einem Stück Wild streift, stammt von einem Tier ab, das Nathaniel Bumppo einst meinem Großvater als Andenken aus der Ferne sendete, und einen besseren und zuverlässigeren Hund gibt's nicht in den ganzen Vereinigten Staaten.“
„Hektor,“ sagte der Alte mit vor Bewegung erstickter Stimme, „Hektor, mein Hundchen, hast du das gehört? Dein Fleisch und Blut ist in der Prärie!“
Er vermochte nicht länger an sich zu halten.
„Knabe,“ rief er, „jener Jäger, jener Kundschafter, bin ich! Ich bin Nathaniel Bumppo! Ein Krieger einst, jetzt ein elender Fallensteller!“
Und aus Quellen, die längst versiegt geschienen, brachen heiße Tränen hervor und strömten unaufhaltsam über seine welken Wangen. Er verbarg das Antlitz auf den Knien und schluchzte laut.
Erstaunt, tief gerührt und voll Ehrfurcht blickten die drei anderen auf ihn. Lange vermochte keiner ein Wort hervorzubringen.
„Es kann kein Zweifel obwalten,“ begann endlich der junge Offizier, der sich nicht schämte, die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den Augen zu wischen, „er ist es, sonst könnte er mit den Einzelheiten der Geschichte nicht so vertraut sein, die fast nur in meinem Verwandtenkreise bekannt ist.“
„Was der sagt, das ist so wahr wie das Evangelium!“ rief Paul Hover heftig, mit dem Ärmel über sein Gesicht fahrend. „Darauf will ich jederzeit meinen heiligen Eid leisten, wenn Ihr's verlangt!“
„Und wir hatten immer gemeint, daß er längst nicht mehr unter den Lebenden sei,“ fuhr der Offizier fort. „Mein Großvater starb in hohem Alter, und der war der Jüngere von beiden.“
Inzwischen hatte der Trapper seine Fassung wiedergewonnen.
„Daß ich noch auf Erden lebe, junger Mann,“ sagte er ernst, „ist der Wille des Herrn; achtzig Jahre und darüber hat er nach seinem weisen Ratschluß mich alt werden lassen. Daß ich der Mann bin, der ich sagte, das könnt Ihr mir glauben; warum sollte ich mit einer Lüge meine Tage beschließen?“
„Ich zweifle keinen Augenblick daran, ich bin nur voll vor Erstaunen über diese wunderbare Fügung. Aber sagt mir, ehrwürdiger und teurer Freund meiner Vorfahren, warum finde ich Euch hier in dieser Wüste, fern von den Bequemlichkeiten und der sicheren Ruhe der Zivilisation?“
„Ich kam hierher, um dem Klange der Axt zu entfliehen; dieser Prärie bleibt der Holzfäller fern. Aber laßt mich an Euch dieselbe Frage richten. Gehört Ihr zu dem Kommando, das die Regierung abschickte, die neu erworbenen Ländereien zu besichtigen?“
„Nein, meine Reise hat einen privaten Zweck.“
„Wenn ein Mann, dessen Augen und Körperkräfte zur Ausübung der Jagd nicht mehr hinreichen, mit Fallen und Schlingen in der Nähe der Biberteiche gefunden wird, so ist das nichts Seltsames; verwunderlich aber ist es, wenn ein Hauptmann der Artillerie die Prärie durchstreift, ohne auch nur einen von seinen Untergebenen bei sich zu haben.“
„Ihr werdet meine Gründe hierzu billigen, sobald Ihr sie kennengelernt habt; ich gedenke sie Euch darzulegen, vorausgesetzt, daß Ihr sie wissen wollt. Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich alle, die ich hier um mich sehe, für wackere Männer halte, die einem Hilfsbedürftigen gern mit Rat und Tat beistehen werden.“
„Laßt uns hören, wie wir Euch dienen können,“ antwortete der Trapper; Paul und der Doktor gaben ihre Zustimmung zu erkennen und lagerten sich bequem zurecht, den Neuigkeiten in aller Ruhe zu lauschen.
Drittes Kapitel Die Erstürmung der Felsenburg
Wir kehren zu Ismael Busch und seinen Söhnen zurück, die am Abend dieses Tages von der Jagd ermüdet den Felsenberg und auf demselben ihre Wohnstätten wieder aufgesucht hatten. Nur einer fehlte, Asa, der Älteste. Man wußte nicht, ob er absichtlich sein Heimkommen verzögerte, oder ob er den Weg verloren hatte. Der Vater und die Brüder, überzeugt, daß der junge Riese sich wohlbehalten aus allen Fährlichkeiten ziehen würde, machten sich seinetwegen nicht viel Sorgen, die Mutter nur bangte sich um ihn, und in ihren Befürchtungen wurde sie durch Abiram, ihren Bruder, noch bestärkt, der allerlei von herumstreichenden Indianern vor sich hin murmelte, bis Ismael, die wachsende Angst seiner Frau wahrnehmend, ihm endlich Schweigen gebot.
Der Emigrant war übel gelaunt; das Geheimnis des Zeltes war verraten worden, und das beunruhigte ihn weit mehr als Asas Abwesenheit. Er zürnte mit Ellen Wade, die er beschuldigte, die Bewohnerin des Zeltes nicht streng genug bewacht zu haben. Nach einiger Zeit aber verlangte die Natur bei allen ihr Recht, und der Schlaf breitete seine Fittiche über das Lager.
Um Mitternacht sah Abner, der Wachthabende, eine dunkle Gestalt den Felsenhang heraufklimmen. Er erkannte in derselben bald den Doktor Obed Bat, der von seinem Ausfluge heimkehrte und unverweilt seine Schlafstätte aufsuchte. Hier lag er jedoch nur so lange, bis er sich überzeugt hatte, daß niemand mehr wachte; dann stand er leise auf und schlich dem Zelte zu. Schon war er demselben ganz nahe, da legte sich eine leichte Hand auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um, gewahrte aber zu seiner Erleichterung nur Ellen.
„Still, Kind,“ flüsterte er. „Ihr kommt mir gerade recht. Aber niemand darf uns sehen und hören. Hier, ich bringe einen Brief für die Dame dort drinnen. Gebt ihn ihr, ich warte hier draußen.“
Ellen nahm das Papier und schlüpfte ins Zelt. Bald darauf schaute sie aus der Türöffnung, winkte den kleinen Mann herbei und zog ihn eilfertig ebenfalls hinein.
Kaum graute der Morgen über der weiten Ebene, als auch schon Frau Esther mit lautem Ruf die Schläfer erweckte. Böse Träume hatten sie im Schlafe gequält, und als sie auch jetzt ihren Asa, ihren Lieblingssohn, nirgends in der Prärie zu erspähen vermochte, da ruhte sie nicht eher, bis die ganze Schar nach schnell eingenommenem Morgenimbiß sich aufmachte, den Vermißten zu suchen; auch bestand sie darauf, sich an dem Streifzuge zu beteiligen. Abiram machte den Vorschlag, man solle ihn als Wächter der Festung zurücklassen. Darauf ging man jedoch nicht ein; er hatte am Abend zuvor so viel von Indianerspuren geredet, daß er nun zeigen sollte, wo er dieselben wahrgenommen. Mit der Obhut des Lagers wurden die Töchter und Ellen betraut; nachdem man Signale verabredet und am Rande des Felsplateaus große Steine bereitgelegt hatte, die auf etwaige Angreifer hinabgestürzt werden sollten, zog man unter Führung Ismaels davon.
Doktor Battius, der sich dem Zuge angeschlossen, blieb nach kurzem Marsche, von einigen Pflanzen angelockt, in denen er botanische Merkwürdigkeiten zu erkennen meinte, hinter den anderen zurück, denen er auch bald aus dem Gesichte kam.
Nach Verlauf einiger Stunden langten die Streifenden vor einer sumpfigen Niederung an, die mit dichtem Gehölz und Buschwerk bestanden war. Noch berieten sie, nach welcher Richtung sie sich jetzt wenden sollten, als plötzlich in wildem Lauf ein Hirsch aus dem Dickicht hervorbrach; er war in die offene Prärie hinausgeflohen, ehe die Männer noch ihre Büchsen schußfertig machen konnten. Gleich darauf raschelte es wieder im Unterholz, und jetzt erschienen zwei Hunde, mit Eifer die Fährte des Wildes verfolgend.
„Es müssen Jäger in der Nähe sein,“ sagte Ismael, „und wenn ich mich noch auf Jagdhunde verstehe, so haben sie da ein Paar Tiere von allerbester Rasse.“
Der eine der Hunde war augenscheinlich bereits sehr alt, doch zeigte er noch immer ein Feuer, das dem seines Kameraden wenig nachgab. Der letztere wich bei einem Ausläufer des Gehölzes plötzlich von der Fährte ab; er blieb stehen, witterte mit erhobener Nase und ließ dann ein kurzes, unheimlich klagendes Geheul vernehmen, auf welches nun auch der andere Hund eilfertig herbeikam. Der erhob sogleich die Nase, witterte forschend gegen das Dickicht hin, setzte sich dann auf sein Hinterteil und begann so laut, so wehevoll und durchdringend zu heulen, daß Ismael und seine Angehörigen unwillkürlich erschauerten.
„Was mögen die Köter haben?“ sagte Abner verwundert. „Es muß etwas ganz Ungewöhnliches sein, das zwei solche treffliche Jagdhunde von ihrer Fährte ablenken kann.“
„Schießt sie tot, die Bestien!“ rief Abiram erbost. „Das alte Vieh da kenne ich, das ist der Hund des Trappers, des schleichenden Halunken, der, wie wir alle wissen, unser heimlicher Feind ist.“
Niemand hörte auf ihn, alle standen vielmehr wie gebannt, wie befallen von einem unerklärlichen Grausen.
Endlich nahm Ismael das Wort. „Kommt, Jungen, kommt,“ sagte er; „laßt die Hunde singen, solange es ihnen Spaß macht.“
Seine Frau aber widersprach ihm. „Nein, Kinder,“ rief sie in bebender Erregung, „geht nicht fort, bleibt hier! Das Geheul der Tiere hat mehr zu bedeuten, als wir uns denken, und ich ruhe nicht eher, bis ich die Ursache kennengelernt habe. Mir ahnt Schlimmes, noch aber weiß ich nicht, was.“
Sie war bei diesen Worten näher an die Stelle herangegangen, wo die Hunde jetzt rastlos in kleinem Kreise herumliefen und den Erdboden beschnupperten.
„Abner! Abiram! Ismael!“ rief sie jetzt, „Ihr seid Jäger; sagt mir, was für ein Geschöpf es war, das hier seinen Tod fand. Hier sind auch Blutspuren — rühren die von einem Wolf her, oder von einem Panther?“
„Das muß ein Büffel gewesen sein,“ versetzte der Squatter, ruhig die Spuren betrachtend, die seine Frau in eine so große Aufregung versetzten; „ein starkes, gewaltiges Tier, das sieht man an der von seinen Hufen und Hörnern so tief aufgewühlten Erde.“
„Wer aber hat ihn erlegt?“ fuhr Esther fort. „Mann, wo sind die Überbleibsel? Die Wölfe verschlingen doch nicht auch die Knochen und das Fell? Ist das wirklich nur das Blut eines Tieres? Ich will eine Antwort haben!“
„Beruhige dich doch, Mutter,“ sagte Abner; „der Büffel wird in das Dickicht geflüchtet und dort verendet sein. Sieh nur die Aasvögel dort über den Baumkronen; die wittern bereits ihre Beute.“
„Das Tier muß noch lebendig sein,“ bemerkte der Vater, „sonst hätten die Geier sich darüber hergemacht. Dem Benehmen der Hunde nach zu urteilen, ist es eine gefährliche Bestie, vielleicht ein grauer Bär, und die Sorte hat ein zähes Leben.“
„Dann laß uns umkehren,“ drängte Abiram. „Wir stürzen uns sonst unnütz in Gefahr. Komm, Ismael.“
Die jungen Männer warfen verächtliche Blicke auf ihren Oheim, dessen Furchtsamkeit ihnen längst bekannt war; dann schritten sie vorsichtig noch näher an das Dickicht heran.
Ein heulender Wind hatte sich aufgemacht, und finstere Wolken jagten in wild zerrissenen Gebilden unter dem Himmel dahin. Die Aasvögel, die sich in ihrem kreisenden Fluge kaum gegen den Wind zu behaupten vermochten, schossen ab und zu zwischen die Baumwipfel hinab, aber nur, um im nächsten Moment wieder mit schreckensvollem Gekreisch emporzufahren; das gierig ersehnte Mahl war offenbar noch nicht bereit.
Die Mutter vermochte ihre Aufregung und Ungeduld endlich nicht mehr zu zügeln.
„Schickt die Hunde hinein!“ rief sie. „Enoch, Abner, Gabriel, ihr habt euch doch sonst vor allen Bären diesseits des großen Flusses nicht gefürchtet! Oder gebt mir anstatt dieser meiner Schrotflinte eine Büchse — ihr da, Ismael und Abiram! — dann will ich euch allen zeigen, wessen eine Grenzerfrau fähig ist!“
Jetzt zögerten die jungen Männer nicht länger; sie sprangen vorwärts und waren bald in dem Dickicht verschwunden. Der junge Hund folgte ihnen, der alte aber blieb, an allen Gliedern zitternd, am Rande des Buschwerks zurück.
Nach einer kleinen Weile erhoben sich die Aasvögel aufgestört mit wildem Geflatter und betäubendem Gekreisch; gleich darauf ertönte aus dem Dickicht ein doppelter Entsetzensschrei.
Die Mutter erbleichte. „Kommt zurück, meine Kinder!“ rief sie in Angst; „um Gotteswillen, kommt zurück!“
Und die Gerufenen kamen, aber langsam, mit verstörten Gesichtern und eine Bürde mit sich schleppend, die sie vor der Mutter Füßen niederlegten — den Körper des vermißten Asa, starr und tot, und mit den unverkennbaren Zeichen eines gewaltsamen Endes auf dem entstellten Angesicht.
Noch ein langes, klagendes Geheul stießen die Hunde aus, dann jagten sie auf der Spur des entflohenen Hirsches davon.
„Gebt Raum!“ stieß Esther mit heiserer Stimme hervor, indem sie alle anderen zurückdrängte. „Ich bin seine Mutter und habe das größte Recht an ihn! Wer hat diese Tat getan? Ismael! Abiram! Abner! Wer hat meinen Knaben erschlagen?“
Die Männer standen stumm und starr; sie aber setzte sich nieder und nahm das Haupt des Toten auf ihren Schoß. Wortlos und tränenlos blickte sie in ihres Sohnes Antlitz, und ihr Schweigen war beredter als das lauteste Jammern und Klagen.
„Das sind die Sioux gewesen,“ murmelte der Squatter nach langer Pause; „aber die Bluthunde sollen meiner Rache nicht entgehen!“
Die Brüder hatten inzwischen die tödliche Wunde gesucht und gefunden. Eine Kugel war dem Erschlagenen in den Rücken gedrungen und vorn auf der Brust wieder herausgefahren. Er mußte sich dann in das Dickicht geschleppt haben, nachdem er mit dem Mörder noch verzweifelt gekämpft hatte, denn die Brüder hatten ihn am Fuße eines Baumes sitzend gefunden, einen abgebrochenen Ast in der erstarrten Rechten.
„Er muß mit einem ganzen Haufen von Sioux zu tun gehabt haben,“ meinte Abiram, „denn einer, oder zwei und auch drei hätten ihn nicht bezwungen.“
„So wird's sein,“ nickte der Vater düster; „er war von guter Art und hat niemals einem lebenden Wesen, weder Mann noch Raubtier, den Rücken gewiesen.“
„Seht!“ rief Enoch, aus den Kleiderfalten des Leichnams ein Stück Blei nehmend. „Hier ist die Kugel!“
Ismael ergriff dieselbe und betrachtete sie lange und aufmerksam.
„Es kann nicht anders sein,“ sagte er endlich knirschend. „Diese Kugel stammt aus der Tasche des Trappers. Hier ist sein Merkzeichen: sechs kleine Löcher, in Form eines Kreuzes gestellt.“
„Meinen Eid darauf!“ rief Abiram triumphierend. „Kein anderer als der alte, schleichende Mensch ist Asas Mörder! Er hat mir das Merkzeichen selber gewiesen! Glaubst du nun, Ismael, was ich stets behauptet habe, daß der Trapper ein Spion der Rothäute ist?“
Die Kugel ging von Hand zu Hand, und keiner zweifelte länger an der Schuld des alten Jägers.
Endlich machte man sich daran, des Toten Grab zu graben. Stumm und tränenlos schaute die Mutter zu; kein Seufzer, kein Schrei entrang sich ihrem zerrissenen Herzen, als man die Grube zuwarf und die Erde festtrat, um zu verhindern, daß Raubtiere den Leichnam wieder ausscharrten.
„Esther,“ sagte der Squatter, als alles getan war, „tröste dich. Wir haben den Knaben erzogen, wir haben einen Mann aus ihm gemacht, wie es wenige an den Grenzen gibt, und nun haben wir ihn begraben. Als Eltern konnten wir nicht mehr tun. Laß uns nun gehen.“
Die Frau erhob sich und ließ sich willenlos fortführen. Die Schar machte sich auf den Heimweg. Nach langem Marsche kam endlich der Felskegel in Sicht. Man gab einen Schuß ab, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu erregen. Allein nichts regte sich auf der Höhe. Ein scharfer Windstoß fuhr über die Prärie. Man sah das weiße Zelttuch lose flattern — die Befestigungen desselben mußten sich gelöst haben — man sah es sich blähend erheben und dann, vom Winde erfaßt, den jenseitigen Abhang hinabfliegen.
„Die Mörder sind auch dort oben gewesen!“ rief die Mutter verzweiflungsvoll. „O meine armen Kinder!“
Ismael aber stürmte ohne ein Wort zu sagen über die Ebene zum Berge und diesen hinauf; seine Söhne folgten ihm in atemloser Hast.
Ellen hatte inzwischen auf dem Felsen treue Wacht gehalten, dabei aber auch ihren Verkehr mit der Bewohnerin des Zeltes nicht vernachlässigt.
Es mochte eine Stunde seit dem Auszuge der Männer vergangen sein, als plötzlich ein halbes Dutzend Mädchenstimmen den Alarmruf erhob.
„Sieh, Ellen,“ riefen Ismaels Töchter, „dort zeigen sich fremde Männer in der Prärie! Ob es die Sioux sind?“
Zugleich griffen sie nach ihren Büchsen und den kurzen Hebeln, mit denen sie die Steine den Abhang hinabzustürzen gedachten.
Ellen schaute prüfend in die Weite. Aus der kleinen Gruppe von Männern, die sich in der Ferne zeigte, sonderte sich jetzt ein Mann ab und kam auf die Felsenburg zu. Schon legten Phöbe und Hetty, die beiden ältesten der Schwestern, mit geübter Hand ihre Büchsen an, als Ellen ihnen zurief:
„Schießt nicht! Das ist kein Feind, das ist ja unser alter Doktor Battius!“
Der kleine Mann kam heran, ein weißes Tuch an seinem Flintenlauf wie eine Parlamentärflagge schwenkend. Die übrigen Männer, drei an der Zahl, folgten ihm in einiger Entfernung. In Rufweite angelangt, erhob der Naturaliensammler seine krähende Stimme.
„Holla, da oben!“ rief er. „Im Namen der Vereinigten Staaten von Nordamerika fordere ich euch auf, die Festung zu übergeben!“
„Was redet Ihr da für Unsinn, Doktor?“ entgegnete Ellen. „Seid Ihr denn nicht unser Freund? Reiset Ihr denn nicht mit meinem Onkel auf Grund eines Vertrages —“
„Der Vertrag ist null und nichtig!“ rief Obed zurück. „Ismael Busch hat angegeben, er führe in jenem Zelte ein Tier mit sich, zur Anlockung des Wildes in der Prärie bestimmt. Ismael Busch hat mich belogen; jenes Tier ist kein Tier, sondern ein Frauenzimmer. Daher ist unser Vertrag null und nichtig, und wenn ihr eure Festung nicht sofort übergebt, dann wird sie ohne weiteres mit Sturm genommen!“
„Halt!“ nahm jetzt Paul Hover das Wort, denn er war einer der drei Männer, „der Doktor geht zu weit. Nicht nach eurer Festung gelüstet uns; wir wollen nur das Tier haben, das reißende, gefährliche Tier, das sich dort im Käfig unter jenem Zelte befindet! Das müßt ihr uns ausliefern!“
Ellen trat händeringend an die Brüstung.
„Du verlangst Unmögliches von mir, Paul,“ rief sie. „Ich habe Ismael Busch mit heiligem Eide schwören müssen, das Geheimnis des Zeltes keinem Menschen zu verraten, auch jeden Fluchtversuch der Gefangenen nach Kräften zu hindern. Wenn ihr trotzdem das Geheimnis durchschaut habt, so geschah dies nicht durch meine Schuld; meine Pflicht ist es aber, mich eurem Vorhaben zu widersetzen, solange Leben in mir ist!“
Eine kleine Weile noch ging das Parlamentieren hin und her. Auch Middleton und der Trapper beteiligten sich daran, Ellen aber und Ismaels Töchter blieben fest und drohten schließlich mit gewaltsamer Abwehr.
„Nun, wenn ihr's denn nicht anders wollt, dann mag's drauf ankommen!“ rief Paul und begann mit der Behendigkeit einer Katze den Felsen zu erklimmen, dabei vorsichtig jede Deckung benutzend, die ihn gegen die Kugeln der jungen Amazonen schützen konnte.
„Paul!“ kreischte Ellen angstvoll, „Paul, bleib zurück! Die Mädchen stürzen sonst Felsstücke auf dich hinunter, die dich unfehlbar zerschmettern müssen!“
„So treib das Gesindel doch davon!“ entgegnete der unerschrockene Bienenjäger. „Ich komme hinauf, und wäre der ganze Berg mit Hornissen bedeckt!“
„Ellen soll es nur wagen, uns zu hindern!“ rief jetzt Phöbe. „Wir wissen sehr wohl, daß sie es mit Euch hält; kommt sie uns zu nahe, so soll sie es bereuen. Hinunter mit euren Steinen, ihr Mädchen! Ich will den Mann sehen, der einen Fuß in Ismael Buschs Lager setzt, ohne seiner Töchter Einwilligung zu haben!“
„Ducke dich unter den Vorsprung, Paul!“ schrie Ellen in Herzensangst.
In diesem Augenblick öffnete sich der Zeltvorhang, und zum zweitenmal zeigte sich die wunderbare Frauenerscheinung auf dem höchsten Teile des Felsenberges.
„Im Namen Gottes beschwöre ich euch, von dem Streit abzulassen,“ rief sie mit wohllautender Stimme den Stürmern wie den Verteidigerinnen zu. „Vernichtet nicht Menschenleben, die ihr doch nie wieder ersetzen könnt!“
Aller Augen waren im Nu auf die Sprechende gerichtet.
„Inez, meine Inez!“ rief der Hauptmann Middleton ihr zu. „Habe ich dich endlich gefunden? Mein mußt du nun wieder werden, und wenn tausend Teufel diesen Felsen verteidigten! Vorwärts, braver Bienenjäger, vorwärts und gebt mir Raum!“
Damit sprang auch er den Abhang hinan. Die Mädchen waren durch die plötzliche Erscheinung der schönen, fremden Frau in ihrer Mitte so in Erstaunen gesetzt, daß sie erst an Gegenwehr dachten, als es bereits zu spät war. Wohl stürzten sie einen der Felsblöcke auf die Angreifer hinab, diese aber wichen demselben aus, und im nächsten Augenblick schwang sich Paul auf den flachen Gipfel hinauf, unmittelbar gefolgt von Middleton. Doktor Battius kam erst nachgeklettert, als die kriegerischen Mädchen bereits entwaffnet waren und mit gefesselten Händen und stumm vor Erstaunen zusehen mußten, wie der Hauptmann die ihm jubelnd entgegeneilende schöne Fremde in heller Freude an sein Herz schloß ...
Es ist hier am Platze, über diese beiden einige nähere Erklärungen zu geben. Der Hauptmann Middleton gehörte zu dem Truppenkörper, den die Regierung ausgesandt hatte, um das neu erworbene Terrain, den heutigen Staat Louisiana, zu besetzen. Hier kam er in Berührung mit einem der alteingesessenen kreolischen Grundherren, Don Augustin de Certavallos; die Bekanntschaft wurde zur Freundschaft, und als er eines Tages den Don um die Hand seiner Tochter, der schönen Inez, bat, da erfuhr er keine Ablehnung. Die Hochzeit wurde mit jener Pracht gefeiert, die sich für eine reiche kreolische Erbin geziemte. Middletons Glück aber war nur kurz, denn schon am nächsten Tage war seine junge Gattin spurlos verschwunden. Der Schmerz, das Entsetzen des Hauptmanns und des alten Don spotteten jeder Beschreibung. Alles Erdenkbare wurde aufgeboten, das Verschwinden der armen Inez zu erklären und ihre Spur zu entdecken, allein vergebens. Endlich, nach langen Wochen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, ward dem schwer geprüften Gatten durch einen dem Trunke ergebenen Vagabunden die Nachricht, daß seine Inez durch einen übel berüchtigten Menschen, den ehemaligen Sklavenhändler Abiram White, unter dem Beistande von dessen Schwager Ismael Busch geraubt und davongeführt worden sei. Ein Verwandter Don Augustins, dessen Bewerbungen Inez einst abgewiesen, hatte den zu allen Schandtaten fähigen Abiram mit einer großen Summe zu diesem Menschenraube bestochen.
Durch diese Kunde zu neuer Hoffnung erweckt, wählte Middleton eine Anzahl erlesener Männer aus seinem Kommando und machte sich mit diesen ungesäumt an die Verfolgung der Räuber. Es ward ihm nicht schwer, der Fährte des Wagenzuges der Emigranten nachzugehen, wenigstens so lange, bis dieser den harten, trockenen Boden der Prärie erreicht hatte. Hier verschwanden jedoch die Spuren, und er sah sich genötigt, seine Schar zu zerstreuen, damit jeder auf eigene Hand suche, und einen bestimmten Ort und Tag zu verabreden, um wieder zusammenzutreffen. Eine ganze Woche lang hatte er die Prärie bereits allein durchirrt, als er, wie wir gesehen haben, auf unsere drei Freunde stieß, die er durch die Erzählung seines Geschicks gar bald zu seinem Beistande gewonnen hatte...
Die Feste war erstürmt und Frau Inez befreit. Ismaels Töchter lagen gefesselt in einer der Hütten, Paul Hover hatte in lustigem Übermut auf der höchsten Spitze des Felsens, wie ein siegesstolzer Hahn, mit den Armen geschlagen und gereckten Halses ein schmetterndes „Kikeriki“ ertönen lassen. Die wieder vereinigten Gatten stiegen, gefolgt von dem Doktor, in die Ebene hinab, wo der Trapper, des letzteren Esel am Zügel, bereits ungeduldig ihrer harrte, und der Bienenjäger forderte Ellen auf, ihm gleichfalls dorthin zu folgen.
Hektor hatte inzwischen Zeichen von Unruhe von sich gegeben, und auch der jüngere Hund erhob seine Nase witternd gegen den Wind.
„Was ist's, Hundchen?“ fragte der alte Jäger den treuen Gefährten. „Sag's uns deutlich, Hektor.“
Der Hund knurrte und wies die Zahnstumpfe. Der Trapper verstand ihn.
„Wir dürfen nicht länger zögern,“ sagte er zu Middleton. „Hebt Eure Dame auf des Doktors Esel, und dann fort. Der Squatter und seine Brut sind kaum noch eine englische Meile oder zwei entfernt.“
Inez saß im Sattel, da trat Ellen an sie heran.
„Gott geleite Euch, Lady Inez,“ sagte sie tränenden Auges, die Hand der anderen ergreifend. „Vergesset das Unrecht, das mein Oheim Euch zugefügt hat —“
„Aber kommt Ihr denn nicht mit uns?“ fragte die junge Frau erstaunt.
„Ich kann nicht — ich darf nicht!“ schluchzte Ellen. „Ich würde in des Oheims Augen dadurch noch mehr als Verräterin dastehen, als dies jetzt schon der Fall sein muß. Ich kam als Waise zu ihm, und er hat in seiner Art gut an mir gehandelt; ich darf ihn in solcher Lage nicht verlassen.“
„Vorwärts!“ drängte der Trapper, „wir dürfen keine Minute mehr verlieren!“
Damit setzte er sich in Marsch; der Hauptmann, der den Esel führte, folgte ihm schnellen Schrittes, ebenso der Doktor.
Paul Hover aber blieb, auf seine Büchse gestützt, ruhig stehen. Ellen, die ihr Antlitz in den Händen verborgen hatte, gewahrte ihn erst, als die anderen schon weit weit fort waren.
„Um Gotteswillen, Paul, warum fliehst du nicht?“ rief sie in Angst.
„Weil ich das Fliehen nicht gewohnt bin.“
„Mein Oheim wird gleich hier sein, und von dem hast du keine Gnade zu erwarten.“
„Von seiner Nichte auch nicht, wie mir scheint. Mag er kommen und mir den Schädel einschlagen.“
„O Paul, wenn du mich lieb hast, dann fliehe!“
„Allein? Nein, eher will ich —“
„Wenn du dein Leben liebst, fliehe!“
„Ohne dich ist mein Leben mir gleichgültig.“
„Paul!“
„Ellen!“
Sie streckte laut aufweinend die Hände nach ihm aus. Da packte er sie um den Leib und riß sie, den anderen nacheilend, über die Prärie mit sich fort.
Viertes Kapitel Der Basilisk
Zwei Stunden waren vergangen, seit der Trapper mit seiner Gesellschaft dem Felsenberg den Rücken gekehrt hatte. Auf weitem Umwege hatte er, alle Deckungen des welligen Terrains mit kluger Sorgfalt benutzend, die Flüchtlinge bis in die Nähe eines sumpfigen Gehölzes geführt; in kurzer Entfernung von demselben machte Hektor, der, sich ab und zu umschauend, seinem Herrn stets vorangeschritten war, plötzlich halt und setzte sich, ein kurzes, klagendes Geheul ausstoßend, auf sein Hinterteil.
„Ja, Hundchen, ja,“ sagte der alte Jäger. „Ich kenne den Ort. Wir haben beide Grund, die Stelle nicht zu vergessen.“
Er war neben Hektor stehengeblieben, um die anderen herankommen zu lassen.
„In diesem Dickicht,“ rief er denselben zu, „können wir uns verbergen. Eher wird sich die Prärie in einen Wald verwandeln, als es Ismael und seinen Söhnen einfallen wird, uns hier aufzusuchen.“
„Das ist die Stätte, wo der erschlagene Mann gelegen hat,“ versetzte der Hauptmann, mit innerlichem Grausen die Umgebung betrachtend.
„Ganz recht. Unser Freund Bienenjäger mag ins Gebüsch gehen und nachsehen, ob der Leichnam bereits beseitigt ist oder nicht; ich beruhige derweil die Hunde.“
„Was? Ich?“ rief Paul, in sein zottiges Lockenhaar greifend. „Das sollte mir einfallen! Ich will im dünnsten Baumwollenzeug mitten in einen weiserlosen Schwarm hineinspringen — und ein Mann, der das tut, fürchtet sich wahrhaftig auch vor Ismael und seinen ungeschlachten Söhnen nicht — aber mit Leichen und Totengebeinen will ich nichts zu tun haben!“
Da trat der kleine Doktor hervor.
„Wenn hier eine Leistung erforderlich ist, zu der feste Nerven gehören,“ sagte er ruhig, „so bin ich der Mann dazu.“
Der Trapper schaute ihn an.
„Könnt Ihr dem Tode ohne Beben ins Gesicht sehen?“ fragte er. „Oder muß ich selber hingehen, auf die Gefahr hin, daß die Hunde ein Geheul anstimmen, das uns verraten kann?“
„Ihr zweifelt?“ entgegnete der Gelehrte in stolzer Bescheidenheit. „Ehrwürdiger Trapper, Ihr kennt mich noch lange nicht.“
Damit eilte er spornstreichs in das Dickicht. Es vergingen einige Minuten, und schon begann der alte Jäger, der nur mit Mühe die Hunde ruhig erhalten konnte, ungeduldig zu werden, als Doktor Battius eiligst wieder zum Vorschein kam, dabei aber mit allen Zeichen einer großen Erregung unausgesetzt hinter sich blickend.
„Irgend etwas hat ihn erschreckt,“ sagte der Trapper. „Nun, Freund, was ist's?“
„Ein Basilisk!“ stammelte der kleine Mann ganz verstört. „Ein Tier von der Ordnung serpens! Ich meinte bisher, er lebe nur in der Fabel, allein die Natur übertrifft selbst die kühnsten Phantasien des Menschen!“
„Besinnt Euch, Mann,“ ermahnte der Jäger; „die Furcht läßt Euch Zeug schwatzen, das unsereiner nicht verstehen kann. Was habt Ihr gesehen?“
„Ein Untier, ein lusus naturae, ein ganz unerhörtes Geschöpf!“ rief der Doktor. „Ein Tier mit fürchterlichen Augen und von einer Farbe, von einer Farbe, die —“
„Zeigt mir Euer Untier,“ unterbrach ihn der alte Jäger, in das Dickicht eindringend; „wenn's eine Schlange ist, dann wollen wir ihr bald die Wege weisen.“
Der Doktor schlüpfte hinter ihm her. „Da,“ flüsterte er, ängstlich auf einen Blätterhaufen deutend, „da liegt das Tier!“
Ruhig wendete der Alte den Blick nach der angegebenen Richtung. Teilweis von den dürren Blättern verhüllt, zeigte sich dort ein rundlicher Gegenstand, gleichsam ein lebendiger Ball mit unheimlich funkelnden Augen und dabei so bunt, daß er alle Regenbogenfarben aufzuweisen schien. Ein Basilisk war's nicht, auch nicht eine Schlange, das erkannte der Doktor jetzt aus den Worten, die der Trapper an das Wesen mit den glitzernden Augen richtete.
„Komm heraus aus deiner Deckung, Freund,“ sagte der Alte, der die Büchse schußfertig in den Händen hielt, in der Dakotasprache, „die Prärie hat Raum auch noch für einen anderen Krieger.“
Die Augen des Balles, der nichts anderes war als der glattgeschorene Kopf eines Indianers, funkelten wilder, aber der am Boden Liegende rührte sich nicht.
Der Trapper lächelte still vor sich hin und untersuchte das Pulver auf der Pfanne. Dann erhob er ganz langsam die Waffe, drückte die Wange an den Kolben und zielte auf die glitzernden Augen.
„Ich bin für den Frieden, Freund,“ sagte er dabei, „aber auch für Krieg, ganz wie du willst ... Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,“ fuhr er fort. „Das ist kein Mensch; na, wenn ich jetzt in den Blätterhaufen hineinfeuere, dann geschieht wenigstens kein Unglück.“
Noch eine Sekunde — da raschelten die Blätter, und ein hochgewachsener Indianer stand mit einem Sprunge auf seinen Füßen, in der Linken den Bogen, in der Rechten den leichten Speer. „Hugh!“ rief der rote Krieger leise.
Der Trapper überzeugte sich mit schnellem Blick, daß nicht noch andere Rothäute in der Nähe waren, dann schritt er mit friedfertig ausgestreckter Hand dem Indianer entgegen, der keine Spur von Erregung zeigte.
Derselbe war eine kräftige, männlich schöne Gestalt, nur spärlich bekleidet mit einem Überwurf aus gegerbtem Hirschfell und Hosen aus scharlachrotem Tuchstoff, die vom Knie abwärts bis auf die Mokassins mit menschlichen Skalpen dicht besetzt waren. Die nackten Teile seines Oberkörpers wiesen die Kriegsbemalung auf, ebenso sein Gesicht und der Schädel, von dessen Höhe eine lange Skalplocke stolz und herausfordernd herabfiel. Auf dem Rücken trug er einen Köcher mit Kuguarfell überzogen, an dem noch der Schweif hing, und seine Ausrüstung wurde vervollständigt durch einen Schild aus Tierhäuten, der mit Malerei bunt verziert war.
„Ist mein Bruder weit von seinem Dorfe?“ begann der Trapper in der Sprache der Pawnees, denn als einen solchen hatte sein erfahrenes Auge den jungen Krieger an der Malerei erkannt.
„Bis zu den Städten der Langmesser ist es weiter,“ lautete die lakonische Antwort.
„Was tut ein Pawnee-Loup in solcher Entfernung von seinem Flusse und ohne ein Pferd an einem so öden Orte wie dieser?“
„Können die Weiber und Kinder der Bleichgesichter leben, ohne das Fleisch des Bisons zu essen? Man hungerte in meinem Wigwam.“
„Mein Bruder ist noch zu jung, um schon einen Wigwam versorgen zu müssen,“ entgegnete der alte Jäger, forschend dem anderen in das unbewegliche Antlitz schauend; „ich glaube aber, er ist tapfer, und so wird schon mancher Häuptling ihm seine Tochter zum Weibe angeboten haben. Er hat sich jedoch geirrt,“ fuhr er fort, auf den Pfeil deutend, den des Indianers Hand zugleich mit dem Bogen hielt; „mit solch einer losen und widerhakigen Spitze wird er keinen Büffel töten. Oder wünschen die Pawneekrieger den armen Tieren böse und nie heilende Wunden beizubringen?“
„Den Büffeln nicht, aber den Sioux, die in der Prärie umherschleichen.“
Der Trapper, dem der junge Krieger wohlgefiel, suchte sich die Freundschaft desselben zu sichern; wenn es zum Kampfe mit den Emigranten kommen sollte, dann war der Beistand eines solchen Streiters nicht zu verachten.
„Meine Kinder sind müde,“ nahm er wieder das Wort, auf seine in kurzer Entfernung wartenden Begleiter weisend, „wir wollten hier lagern und essen. Nimmt mein Bruder diesen Ort für sich in Anspruch?“
„Vom großen Flusse her kommen Leute und erzählen uns, daß die Prärie jetzt zu den Jagdgründen der Langmesser gehöre.“
„Das habe auch ich von den Jägern und Trappern am La-Platte-Flusse gehört.“
„Auch wird gesagt, daß weiße Krieger den Fluß hinaufziehen, um zu sehen, ob sie bei ihrem Kauf nicht betrogen sind.“
„Das trifft leider gleichfalls zu, und bald werden die verwünschten Holzfäller kommen, um den Wald, der so weit und herrlich an dem westlichen Gestade des Mississippi sich ausbreitet, für immer zu vernichten.“
„Wo waren die Häuptlinge der Pawnee-Loups, als dieser Handel abgeschlossen wurde?“ fragte der junge Krieger, während ein Ausdruck zorniger Wildheit über seine Züge glitt. „Darf man eine Nation verkaufen wie ein Biberfell?“
„Ja, und wo waren Ehrlichkeit und Recht und Wahrheit bei diesem Handel?“ entgegnete der Alte erregt. „Aber die Macht ist Recht heutzutage auf Erden, und was die Gewalthaber tun, das müssen die Schwachen gutheißen. Wenn die Gesetze Wahkondas so viel gälten wie die Gesetze der Langmesser, dann, Pawnee, gehörte euch die Prärie so unbestritten wie dem größten Häuptling der Langmesser sein Wohnhaus!“