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Der alte Trapper

Chapter 8: Sechstes Kapitel. Hartherz
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About This Book

The narrative follows an elderly trapper and a caravan of emigrants crossing a vast prairie after a territorial acquisition, tracing their search for water, firewood, and forage. Episodes include a mysterious tent, the storming of a rock stronghold, a prairie fire, a duel between chiefs, a village sojourn, a legal hearing, and a final reconciliation. The work balances action and everyday frontier detail while examining relationships of family loyalty, courage, and conscience amid the pressures of settlement encroaching on untamed land.

Der Indianer legte einen Finger nachdrücklich auf des Trappers runzlige Hand. „Die Farbe des Reisenden ist weiß,“ sagte er; „sind die Gedanken seines Herzens gleich den Worten seines Mundes?“

„Der Wahkonda der Weißen hat Ohren, die sich dem Lügner verschließen. Sieh dir mein Haupt an, es gleicht der schneebedeckten Fichte und wird bald im Grabe ruhen. Warum sollte ich mit einer Unwahrheit vor das Antlitz des Großen Geistes treten?“

Der Pawnee warf den Schild über die Schulter, legte die Hand auf die Brust und neigte sich mit würdevoller Anmut vor dem greisen Haar, das der alte Jäger entblößt hatte.

Während Inez vom Esel stieg und Ellen, Middleton und der Bienenjäger sich zum Lagern anschickten, setzten die beiden ihre Unterhaltung fort, in die der Doktor ab und zu in englischer Sprache eine seiner weisen Bemerkungen einzuflechten bemüht war.

„Ja, ja,“ nickte der alte Jäger im Laufe des Gesprächs, „die Pawnees sind eine weise und große Nation, und ihre alten Krieger wissen sicherlich viel Herrliches von den Taten der Vorfahren zu berichten. Die Jäger und Trapper, die ich zuweilen sehe, reden oft von einem mächtigen und berühmten Häuptling deines Volkes.“

„Mein Volk besteht nicht nur aus Weibern. Tapfere Krieger sind nicht spärlich in unseren Dörfern.“

„Das glaube ich. Aber der Ruhm des Häuptlings, den ich meine, geht weit über den eines gewöhnlichen Kriegers hinaus; er wäre selbst eine Zierde des einst so mächtigen, jetzt leider verschollenen Delawarenvolkes gewesen.“

„Solch ein Krieger wird auch einen Namen haben.“

„Sie nennen ihn Hartherz, nach der unerschütterlichen Festigkeit seiner Seele, und der Name gebührt ihm, wenn alles wahr ist, was man von ihm erzählt.“

Der Indianer schaute den Alten an, als wolle er die Tiefen seines Herzens erforschen.

„Hat das Bleichgesicht diesen Krieger meines Volkes schon gesehen?“

„Nein. Vor vierzig Jahren waren Krieg und Blutvergießen mein Beruf, heute bin ich alt und schwach.“

Ein lauter Ruf des unverwüstlichen Paul unterbrach das Gespräch. Der Bienenjäger kam heran, ein indianisches Streitroß am Zügel führend.

„Das ist ein Pferdchen!“ jubelte er. „Kein General in ganz Kentucky kann sich eines solchen Gauls rühmen! Und die Pracht des spanischen Sattels! Und Mähne und Schweif ganz mit Silberkugeln durchflochten! Und solch ein Traber muß aus der Krippe eines Wilden fressen! Ist's nicht ein Jammer, alter Trapper?“

„Sachte, mein Junge, sachte,“ antwortete der Jäger. „Die Loups sind ihrer Pferde wegen berühmt. Das ist in der Tat ein Roß, das nur einem großen Häuptling gehören kann. Der Jüngling hier ist sicher der Sohn eines solchen, vielleicht der des gewaltigen Hartherz selber.“

Der junge Pawnee hatte bei dieser Unterbrechung weder Ungeduld noch Mißfallen gezeigt, und als seiner Meinung nach das Pferd genugsam betrachtet und bewundert worden war, trat er herzu, nahm Paul den Zügel aus der Hand wie ein Mann, der gewohnt ist, daß alles nach seinem Willen geht, und schwang sich mit vollendeter Meisterschaft in den Sattel. Hier fühlte er sich augenscheinlich noch ruhiger und sicherer als zuvor. Er ließ das edle Tier mit graziösestem Hufsatz vor- und rückwärts gehen und musterte dabei angelegentlich und sorgfältig jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft.

„Will mein Bruder mir sagen,“ begann der Trapper von neuem, „ob die Häuptlinge der Pawnees fremde Gesichter in ihren Dörfern gern sehen?“

„Wann hat mein Volk je vergessen, dem fremden Wanderer Nahrung zu reichen?“ entgegnete stolz der junge Krieger.

„Wenn ich meine Töchter zu den Hütten der Loups führe, werden die Squaws sie bei der Hand nehmen? Und werden die Krieger mit meinen jungen Männern rauchen?“

„Das Land der Bleichgesichter liegt hinter ihnen,“ versetzte der Indianer. „Warum wandern sie der sinkenden Sonne zu?“

„Die weißen und die roten Männer sind Freunde. Kommen nicht auch die Omahaws und die Tetons freundschaftlich in die Dörfer der Loups, wenn das Kriegsbeil zwischen ihnen begraben ist?“

„Die Omahaws sind willkommen, aber die Tetons sind Lügner, die in der Sonne schlafen, weil sie sich fürchten, nachts die Augen zu schließen!“ rief der Pawnee. „Sieh,“ fuhr er fort, auf die grausige Zierde seiner Beinkleider deutend, „ihrer Skalpe sind so viele, daß die Loups darauf treten. Laß die Sioux im Schnee wohnen, die grünen Ebenen und die Büffel kommen Männern zu!“

Jetzt wendete sich der Trapper zu dem Hauptmann Middleton, der die beiden Sprecher bisher aufmerksam beobachtet hatte.

„Er hat sein Geheimnis verraten,“ sagte er. „Dieser junge Krieger folgt als Kundschafter der Fährte der Sioux, er ist auf dem Kriegspfade, was ich übrigens sogleich an seinen Pfeilspitzen und seiner Malerei erkannt habe.“

Darauf setzte er das Gespräch mit dem Pawnee fort.

„Mein Bruder hat recht,“ nickte er. „Die Sioux sind Spitzbuben, darin sind die Männer aller Farben und Nationen einverstanden. Die Leute aber, die von der aufgehenden Sonne kommen, sind keine Sioux; sie wünschen die Dörfer der Loups zu besuchen.“

„Das Haupt meines Bruders ist weiß,“ versetzte der Indianer mit einem Ausdruck von Mißtrauen in seinem stolzen Blick, „seine Augen haben viel geschaut. Was sieht er dort drüben? Ist es ein Büffel?“

„Das kann eine Wolke sein, die sich am Horizonte zeigt.“

„Nein, es ist ein Berg, und auf ihm stehen die Hütten der Bleichgesichter. Mögen die Töchter meines Bruders ihre Füße bei dem Volke ihrer Farbe waschen.“

„Die Augen der Pawnees sind scharf, da sie auf solche Entfernung eine weiße Haut erkennen.“

Der Indianer wendete sich langsam dem Trapper zu. „Kann mein Bruder jagen?“ forschte er nach einer Pause.

„Vor langen Jahren war ich ein Jäger, jetzt bin ich nur noch ein armseliger Trapper.“

„Wenn die Büffel die Prärie bedecken, kann er sie sehen?“

„Ei gewiß; ist's doch leichter, einen Büffel zu sehen, als ihn zu erlegen.“

„Wenn der Schnee fällt und die Hütten der Langmesser bedeckt, kann mein Bruder dann die Flocken sehen?“

„Meine Augen sind nicht mehr die besten, aber es gab eine Zeit, wo die Schärfe und die Schnelligkeit meines Blickes mir einen Namen verschaffte.“

„Die roten Männer finden die Langmesser ebenso schnell, wie die Bleichgesichter den trabenden Büffel gewahren, oder die Flocken des fallenden Schnees. Geh'! Ein Pawnee ist nicht blind, er braucht euer Volk nicht lange zu suchen!“

Der junge Krieger schwieg und wendete, plötzlich aufhorchend, sein Antlitz der offenen Prärie zu. Noch einmal blickte er sich um und musterte, wie mit einem inneren Entschlusse kämpfend, zweifelnd die Gesichter Nathaniel Bumppos und seiner Gefährten, dann jagte er in gestrecktem Galopp davon und war bald hinter der nächsten Bodenerhebung verschwunden.

Die Hunde, die seit einigen Minuten eine deutliche Unruhe gezeigt hatten, folgten ihm eine Strecke, dann aber kehrten sie um und setzten sich nieder, aufs neue ihr Geheul anstimmend.

In der Ferne aber erhob sich ein donnerndes Getrappel wie von unzähligen Hufen. Eine Staubwolke wälzte sich daher, und bald sahen unsere Abenteurer eine Herde Büffel heranstürmen, die der erfahrene Trapper auf zehntausend Tiere schätzte. Auf des Alten Rat zog man sich in das Sumpfgehölz zurück, da die Büffel gerade auf den Lagerplatz zukamen und jeden niedergetreten haben würden, der ihnen nicht aus dem Wege ging.

Gewaltig und unwiderstehlich, wie eine Flutwelle des Meeres, brauste die ungeheure Masse der Büffel vorüber; den Beschluß des Zuges machte eine Menge einzeln dahertrabender Tiere, ganz so, wie auch eine große Armee ihre Nachzügler und Invaliden im Gefolge hat.

„Das sind die letzten,“ sagte der Trapper, aus dem Gehölz heraustretend, „und seht, da zeigt sich auch schon ein Rudel hungriger Wölfe, um über diejenigen Tiere herzufallen, die krank sind oder beim Rennen und Springen Verletzungen erlitten haben. Ha! Da sehe ich auch Reiter, so wahr ich ein Sünder bin! Schaut, dort halten sie bei einem gestürzten Büffel, um ihm mit ihren Pfeilen den Garaus zu machen. Unser Pawnee wußte, daß seine Genossen auf der Jagd waren; er wird sich ihnen angeschlossen haben ... Oho! Das sind aber keine Pawnees! ... Sie tragen Eulenflügel am Kopfe ... Feinde sind's, eine Bande der spitzbübischen Sioux! Fort, ins Versteck, Leute! Wenn die Schufte uns sehen, dann ziehen sie uns aus bis auf die Haut, und wenn's ihnen einfällt, nehmen sie uns zum Zeitvertreib auch das Leben. Zurück ins Dickicht!“

Die Gesellschaft folgte dieser Warnung ohne Zögern, wobei jedes Geräusch sorgfältig vermieden wurde. Nur der Esel, den der Naturaliensammler hinter sich herzog, schritt einher, als gäbe es gar keine Sioux in der Welt.

„Wir müssen Eurem Reittier den Hals abschneiden, Freund,“ sagte der Trapper, „es könnte uns sonst verraten.“

„Was?“ versetzte der kleine Mann erschrocken, „meinen Asinus wollt Ihr schlachten? Das wäre fürwahr eine unchristliche Grausamkeit!“

„Wollt Ihr lieber, daß sechs Christenmenschen einem Esel zum Opfer fallen?“ entgegnete der Trapper. „Denkt doch, wenn das Tier zu schreien anfinge, dann wär's gerade, als riefen wir mit Trompetenschall die Sioux herbei.“

„So ist's,“ nickte der Bienenjäger. „Der Esel muß sterben.“

„Verehrungswürdigster Jäger und liebe Freunde,“ sagte der Doktor, kummervoll von einem zum anderen blickend, „ich bürge für die Verschwiegenheiten meines Asinus! Schlachtet ihn nicht! Kein zweites Geschöpf hat so viel gute Eigenschaften wie er. Er ist so treu und gelehrig, so unermüdlich, so willig und so geduldig! Wir haben so mancherlei miteinander erlebt und durchgemacht, daß sein Tod mich bitter schmerzen würde! Habt Erbarmen mit ihm, hochgeschätzter Jäger; denkt, wie es Euch ums Herz sein würde, wenn man Euch auf solche Weise von Eurem guten Hektor trennen wollte!“

Dieses Wort gab den Ausschlag. Der Trapper räusperte sich, als sei ihm plötzlich etwas in die Kehle gekommen, dann sagte er: „Das Tier soll nicht sterben, doch müssen wir es stumm machen. Bindet ihm das Maul mit dem Halfter zu, für das übrige wird die göttliche Vorsehung sorgen.“

Paul vollzog des Trappers Gebot, und dieser begab sich zum Rande des Gehölzes, um die Indianer zu beobachten, die inzwischen näher herangekommen waren. Er vermochte einige derselben, darunter Weucha, wiederzuerkennen. Der letztere war mit einem Gefährten bis zu der Stelle gelangt, wo der unglückliche Asa seinen Tod gefunden hatte. Den scharfen, geübten Augen der Wilden blieben die Spuren des grausigen Ereignisses nicht verborgen. Sie untersuchten dieselben, ohne von den Pferden zu steigen, und endlich stießen sie fast zu gleicher Zeit einen Ruf aus, der dem Klagegeheul der Hunde nicht unähnlich war, und der die übrige Schar im Nu um sie versammelte.

Angesichts der jetzt so nahe drohenden Gefahr hielten die im Gehölz Verborgenen jetzt leise einen Kriegsrat; Paul war für Kampf auf Leben und Tod, der vorsichtigere Middleton aber, wie auch der Doktor und der Trapper stimmten für friedliche Maßregeln.

„Was man mit Gewalt nicht erreichen kann,“ meinte der letztere, „muß man durch seinen Witz zu erlangen suchen. Die Vernunft macht den Menschen stärker als den Büffel, und schneller als den Elchhirsch. Bleibt also hier und haltet euch verborgen. Mein Leben und meine Habseligkeiten gelten weniger als so viele jüngere Menschenleben; überdies weiß ich mich mit der indianischen Verschlagenheit abzufinden. Deshalb will ich allein hinaustreten. Vielleicht kann ich die Aufmerksamkeit der Sioux von diesem Fleck ablenken und euch Gelegenheit zur Flucht schaffen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten warf der Greis seine Büchse über die Schulter und machte sich gemächlichen Schrittes auf den Weg, das Gehölz an einer Stelle verlassend, die den Blicken der Sioux verborgen war, so daß dieselben nicht wissen konnten, ob er überhaupt aus dem Dickicht gekommen war oder nicht.

Die Indianer gewahrten ihn bald. Furchtlos und äußerlich ruhig und gleichgültig kam er auf sie zu; als er ihnen nahe genug war, um sich verständlich machen zu können, blieb er stehen, setzte den Kolben seiner Büchse auf die Erde und erhob die mit der Fläche nach außen gekehrte Hand als Zeichen des Friedens. Hektor stand neben ihm, die Indianer mißtrauisch und mit leisem Geknurr beobachtend.

Als der alte Jäger sich von den Sioux erkannt sah, schritt er weiter vor, bis er wiederum dem Häuptling Mahtoree Auge in Auge gegenüberstand.

„Wo sind die jungen Männer meines Bruders?“ fragte der Teton, finsteren Blickes die unbeweglichen Züge des Trappers durchforschend.

„Die Langmesser ziehen nicht in Scharen auf den Biberfang,“ versetzte dieser; „ich bin allein.“

„Dein Haar ist weiß, aber deine Zunge ist gespalten,“ entgegnete der Häuptling. „Mahtoree ist im Lager der Bleichgesichter gewesen, er weiß, daß du nicht allein bist. Wo sind dein junges Weib und der Krieger, den ich auf der Prärie fand?“

„Ich habe kein Weib. Ich sagte meinem Bruder bereits, daß das Frauenzimmer und ihr Freund mir fremd seien. Die Worte eines Greises, der einst ein Krieger war, sollten gehört und nicht vergessen werden.“

„Mein Bruder ist ein Krieger gewesen?“ fragte der Teton, dessen strenge Züge keinen seiner Gedanken verrieten.

„Die Dakotas haben nicht so viel lebendige Krieger geschaut, als ich erschlagene gezählt habe. Doch was soll die Erinnerung an vergangene Zeiten, wenn die Glieder steif und die Augen stumpf werden?“

Der Häuptling warf einen durchbohrenden Blick auf des Trappers Antlitz; als er in dessen Auge dem Ausdruck vollster Wahrhaftigkeit begegnete, da faßte er die Hand des Greises und legte sich dieselbe sanft auf das gebeugte Haupt als Zeichen der Achtung, die dem Alter und den Erfahrungen desselben gebühre. Dann aber kam er auf den ersten Gegenstand des Gesprächs zurück.

„Wenn mein Vater seine jungen Männer in jenem Gehölz versteckt hat,“ sagte er mit einem kaum merklichen Lächeln, „so möge er sie nun hervorrufen. Ein Dakota fürchtet sich nicht; Mahtoree ist ein großer Häuptling; ein Krieger, dessen Haupt weiß ist und der bald in das Land des Großen Geistes gehen wird, kann keine Zunge mit zwei Enden haben wie eine Schlange.“

„Dakota, ich habe keine Lüge geredet. Seit der Große Geist mich zum Manne machte, lebe ich in der Wildnis ohne Heim und Familie. Ich bin ein Jäger, der einsam seinen Pfad wandelt.“

„Gut. Mein Vater ist ein guter Schütze. Möge er auf jenes Gehölz zielen und Feuer geben.“

Einen Augenblick nur zögerte der alte Mann, dann erhob er die lange Büchse, um den Verdacht des schlauen Häuptlings zu zerstreuen. Sein Blick suchte sich einen Stamm in dem Dickicht aus. Auf diesen richtete er den Lauf und feuerte, dann setzte er mit bebenden Händen das Gewehr ab. Sein angstvoll lauschendes Ohr fürchtete in jedem Moment das Geschrei von Weiberstimmen zu vernehmen. Als jedoch alles ruhig blieb, da atmete er auf, und, den Kolben auf die Erde stoßend, wendete er sich zu Mahtoree.

„Ist mein Bruder zufriedengestellt?“ fragte er.

„Mahtoree ist ein Häuptling der Dakotas,“ antwortete der verschlagene Indianer, die Hand auf die Brust legend. „Er weiß, daß ein Krieger, der an den Beratungsfeuern geraucht hat, bis sein Haar weiß geworden ist, nicht ein Gefährte der Landstreicher sein kann. Mein Vater ist sehr alt; was er tut ist gut, was er redet ist weise. Jetzt sage er mir nur noch, ob er ganz sicher ist, daß die Langmesser, die in der Prärie herumlaufen und ihr Vieh suchen, ihm ganz fremd sind?“

„Dakota, ich lebe ganz allein; ich habe mit Bleichgesichtern nichts zu schaffen, es sei denn —“

Er unterbrach sich, denn am Rande des Dickichts ward es lebendig, und hervor traten Middleton mit Inez, dahinter Paul Hover mit Ellen, und den Beschluß machten der Doktor Battius und sein Esel. Alle sechs kamen eilig auf die Indianer zu.

Aber noch ein anderer Anblick ward ihm. Um eine entfernte Ecke des Gehölzes herum kam ein Zug bewaffneter Männer, der Squatter Ismael Busch und seine reisigen Söhne. Dieselben nahten sich augenscheinlich in der Absicht, den Raub ihres Viehes blutig zu rächen.

Mahtorees dunkles, flammendes Auge rollte von der einen Gruppe der Heranziehenden zur anderen. Er war mit den Seinen im ersten Moment eine Strecke zurückgewichen, den alten Jäger zwingend, ihnen zu folgen. Dieser hatte inzwischen schnell erkannt, daß Middleton und seine Gefährten ihre Deckung nur verlassen hatten, um den verzweifelten Versuch zu machen, bei den Sioux Schutz gegen die Emigranten zu finden. Sogleich schickte er sich an, einen günstigen Empfang der Flüchtigen vorzubereiten.

„Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ sagte er, schnell gefaßt. „Die Langmesser senden ihre Weiber nicht auf den Kriegspfad. Ich weiß, daß die Dakotas mit jenen Fremdlingen, die vor den Büchsen der Emigranten Schutz bei dem großen Mahtoree suchen, am Lagerfeuer rauchen werden.“

„Die Langmesser sind willkommen,“ versetzte der Häuptling würdevoll und geschmeichelt. „Die Pfeile meiner jungen Männer bleiben in den Köchern.“

Der Trapper winkte Middleton heran. Die Flüchtlinge beschleunigten ihre Schritte und befanden sich bald in der Mitte der Sioux, von denen einige absaßen, um den Frauen ihre Pferde anzubieten. Bald saß Ellen, von Paul emporgehoben, auf einem der Tiere, und Middleton leistete seiner Inez denselben Dienst.

„Kennt mein Bruder Krieger von roter Farbe, deren Herz böse ist?“ begann der Trapper, als auch der Doktor seinen geliebten Esel bestiegen hatte und nun mit einem Gefühl der Sicherheit um sich blickte.

„Der Herr des Lebens hat Häuptlinge, Krieger und Weiber geschaffen,“ antwortete der Teton, mit diesen drei Bezeichnungen, seiner Meinung nach, alle Abstufungen des Menschengeschlechts, von der erhabensten bis zur niedrigsten, umfassend.

„Ganz recht. Er schuf auch Bleichgesichter, die böse sind; so jene, die mein Bruder dort heranziehen sieht.“

„Wollen die zu Fuß auf ihre schlimmen Taten ausgehen?“ höhnte der Häuptling, während sein funkelnder Blick verriet, daß er sehr wohl wußte, was jene zwang, sich so kümmerlich zu behelfen.

„Ihre Reittiere haben sie verloren, aber Pulver, Blei und Decken sind noch genug in ihrem Besitz,“ versetzte der Trapper. „Sieht mein Bruder dort den blauen Punkt am Rande der Prärie? Noch weilt der Strahl der sinkenden Sonne auf ihm.“

„Mahtoree ist kein blinder Maulwurf.“

„Gut. Das ist ein Felsenberg, und auf ihm befinden sich die Güter der Langmesser.“

Des Wilden Auge erschimmerte in freudigem Triumph; er zählte die Gestalten im Zuge Ismaels.

„Ein Krieger fehlt,“ sagte er.

„Sieht mein Bruder jene Geier? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der Prärie? Das war das seine.“

„Genug. Mahtoree ist ein weiser Häuptling.“

Auf des Tetons Wink brachte einer der Krieger ein Pferd für den Trapper herbei, das dieser nicht ohne Widerwillen bestieg; dann setzte die Schar sich in Trab und eilte, von Mahtoree geführt, in gerader Richtung dem Felsenberg zu. Ismael und die Seinen feuerten, die Absicht der Sioux erkennend, Salve auf Salve hinter denselben her, bis der zornige Squatter einsah, daß dies nur unnütze Munitionsverschwendung war. So mußten sie sich denn damit begnügen, mit möglichster Geschwindigkeit gleichfalls dem Felsenberge zuzulaufen.

Fünftes Kapitel Der Präriebrand


Der Abend wurde dunkler, und bald war der einsame Felskegel in der Ferne nicht mehr von dem grauen Gewölk zu unterscheiden. Trotzdem verfolgten die Indianer mit der Sicherheit geübter Spürhunde ihren Weg. Die Gefangenen, denn etwas anderes waren unsere Freunde vorläufig nicht, mußten sich in der Mitte des Trupps halten und konnten sich dabei nicht verhehlen, daß sie auf das schärfste bewacht wurden.

Wo es sich jedoch um List und Gegenlist handelte, da war der unter Rothäuten aufgewachsene und alt gewordene Trapper den verschlagenen Sioux völlig gewachsen. Vom Beginn des Rittes an war er fest entschlossen, wenn irgend möglich, mit seinen Schutzbefohlenen nach Einbruch der Dunkelheit die Bande der diebischen Sioux zu verlassen, denn es widerstrebte ihm, sich an einem Raub- und Plünderungszuge zu beteiligen, sei dies auch nur durch bloße Anwesenheit; andererseits aber hatten sie von Ismaels Schar nichts mehr zu fürchten, da sie jetzt beritten waren.

Es gelang ihm, sich unauffällig an Middleton heranzumachen. In drei Worten hatte er demselben seine Absicht kundgetan, während er sich äußerlich den Anschein gab, als rede er mit dem Hauptmann über die verschiedenen Pferde der Wilden.

Der junge Offizier ging mit Eifer auf den Plan ein.

„Klopft Eurem Tier den Hals und lächelt dabei und tut so, als lobtet Ihr die Mähre; neigt Euer Ohr aber dabei näher zu mir herüber,“ fuhr Nathaniel Bumppo fort, seine Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. „Schont das Tier nach Möglichkeit, damit es hernach aushält, wenn es gilt. Vor allem achtet auf das Signal: Wenn Ihr meinen Hektor zum erstenmal aufheulen hört, dann haltet Euch bereit; hört Ihr ihn zum zweitenmal, dann schiebt Euch seitwärts aus dem Haufen, beim drittenmal aber jagt Ihr nordwärts querfeldein davon. Habt Ihr mich genau verstanden?“

„Vollkommen,“ versetzte Middleton. „Gebe Gott nur, daß es gelinge!“

Der Bienenjäger, den der Alte demnächst von dem Plan in Kenntnis setzte, war ebenfalls ganz einverstanden mit der Flucht, die seinethalben je eher je lieber unternommen werden konnte. Anders der Doktor. Der kleine Mann schreckte vor dem Wagnis zurück und war erst für dasselbe zu gewinnen, nachdem der Trapper ihm die Schrecknisse angedeutet hatte, die in den Dörfern der Sioux möglicherweise seiner harren könnten, und als deren größtes der zaghafte Naturforscher die Aussicht betrachtete, gewaltsam mit einem halben Dutzend alter, häßlicher und mit reichem Kindersegen behafteter Kriegerwitwen verheiratet zu werden.

Darauf wendete der Trapper sich an den ihm zunächst reitenden Indianer, der ihn seit einigen Minuten mit finsterem Argwohn beobachtet hatte.

„Kennt mein Bruder das Tier, auf dem dieses Bleichgesicht reitet?“ fragte er, auf des Doktors Asinus deutend, in der Siouxsprache.

Der Teton betrachtete den Esel; derselbe war ihm in der Tat eine Erscheinung, die ihm noch nie vorher zu Gesicht gekommen. Mit einem zweiten Blick musterte er lange und eingehend den Doktor selber.

„Hält mein Bruder diesen Reiter für einen Krieger der Bleichgesichter?“ fing der Trapper nach einer kleinen Pause wieder an.

„Ein Dakota ist kein Narr!“ lautete die kurze Antwort.

„Die Dakota sind ein weises Volk, ihre Augen sind immer offen,“ nickte der alte Jäger zustimmend. „Ich bin daher sehr erstaunt darüber, daß sie den großen Medizinmann der Langmesser bisher nicht gesehen haben.“

„Hugh!“ kam es über die Lippen des erstaunten und bestürzten Kriegers.

„Der Dakota weiß, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ fuhr der Trapper fort. „Möge er seine Augen weiter auftun. Sieht er nicht einen sehr mächtigen Zauberer?“

Der Wilde hatte sich längst im stillen darüber gewundert, was die Weißen, aller Kriegersitte zuwider, mit ihren Weibern in die Prärie geführt haben konnte. Zum Kampfe konnten sie nicht ausgezogen sein. Er hatte davon gehört, wie die Menahascha oder Langmesser — die Yankees — von den Wascheomantiqua oder Spaniern das weite Gebiet gekauft hatten, in welchem sein Volk seit der grauen Vorzeit frei und unbehelligt herumgeschweift war. Seinem einfachen Verstande war es unbegreiflich geblieben, wie es zuging, daß eine Nation eine solche Gewalt über die Besitztümer einer anderen Nation erlangen konnte, und zwar auf friedlichem Wege; daher kam ihm jetzt, bei den Worten des Trappers, der Gedanke, daß Zauberei dabei im Spiel gewesen sein könnte, und daß diese Bleichgesichter sich vielleicht aufgemacht hätten, um durch Anwendung übernatürlicher, unheimlicher Kräfte ihre habsüchtigen Zwecke noch weiter zu fördern. Da er nun aber, wie alle seinesgleichen, im höchsten Grade abergläubisch war, gab er alle Zurückhaltung auf, ließ allen Stolz fahren und zeigte sich als das unwissende Naturkind, das er in Wirklichkeit war.

„Möge mein Vater mich anschauen!“ sagte er, bittend die Hände ausstreckend. „Ich bin ein wilder Mann der Prärie, mein Leib ist nackt, meine Hände sind leer, meine Haut ist rot. Ich habe die Pawnees bekämpft, die Omahaws, die Konzas, ja, auch die Langmesser. Unter Kriegern bin ich ein Mann, unter Zauberern aber nur ein Weib. Mein Vater möge reden; die Ohren des Teton sind offen. Er lauscht wie ein Hirsch auf den Tritt des Kuguars.“

„Gott verzeihe mir, daß ich mit der Unwissenheit dieses armen Heiden mein Spiel treibe,“ murmelte der Trapper vor sich hin; „es geschieht aber, um Menschenleben zu retten und die Teufeleien der Bösen zu vereiteln ... Teton,“ fuhr er in der Indianersprache fort, „ich frage dich, ist jener nicht ein großer Zauberer? Wenn die Dakotas weise sind, dann hüten sie sich, seine Kleider anzurühren und dieselbe Luft mit ihm zu atmen. Sie wissen sehr wohl, daß der böse Geist Wakonschecheh seine Kinder liebt und nicht zugibt, daß ihnen ein Leid geschieht.“

Diese mit feierlichem Ernst gesprochenen Worte hatten zur Folge, daß der Krieger nicht nur sogleich sein Pferd aus der gefährlichen Nähe trieb, sondern auch das Gehörte den Genossen mitteilte. Es währte gar nicht lange, da war der ganze Nachtrab, unter dem der Doktor sich befunden hatte, nach vorn geeilt, so daß der große Medizinmann sich mit dem alten Jäger allein befand.

„Seht Ihr den funkelnden Stern dort, im Norden, etwa vier Büchsenlängen über dem Horizont?“ sagte jetzt der letztere zu Obed Bat.

„Den da? Der gehört zu der Konstellation —“

„Haltet den Mund von Eurer Konstellation, Mann! Ob Ihr den Stern seht, will ich wissen; ja oder nein.“

„Ja.“

„Gut. Sobald ich Euch allein lasse, bleibt Ihr auf dem Flecke halten, bis die Wilden Euch aus dem Gesicht sind. Dann empfehlt Ihr Euch dem Himmel und reitet davon, immer auf jenen Stern zu. Verstanden? Jeder Zoll Weges, den Ihr zurücklegt, bedeutet einen Tag längeres Leben für Euch, vergeßt das nicht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten trabte der alte Jäger den anderen nach, und bald befand er sich wieder in der Mitte des Haufens. Kaum hatte Mahtoree ihn erspäht, als er auf ihn zukam.

„Wo ist Euer Zauberer?“ fragte der Häuptling in strengem Tone.

„Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne angeben?“ entgegnete der alte Jäger ruhig. „Die Wege eines großen Medizinmannes sind nicht die gewöhnlicher Menschen.“

„Das graue Haupt möge auf meine Worte achten,“ versetzte der andere. „Die Dakotas wählten kein Weib zu ihrem Häuptling. Wenn Mahtoree die Macht eines großen Zauberers spürt, dann wird er zittern; bis dahin aber wird er mit seinen eigenen Augen sehen und nicht die eines Bleichgesichts borgen. Wenn Euer Zauberer nicht am Morgen wieder bei seinen Freunden ist, dann sollen meine jungen Männer ihn suchen. Eure Ohren sind offen; ich habe gesprochen.“

Der Trapper atmete auf; bis zum Morgen war eine lange Frist.

Nach einer Weile kam der Felskegel in Sicht; man war demselben in der nächtlichen Finsternis ganz nahe gekommen. Die Indianer machten halt. Schon aber hatte die wachsame Esther auf ihrer hohen Warte das Nahen der Schar wahrgenommen.

„Wer ist da unten?“ rief sie mit gellender, furchtloser Stimme. „Sioux oder Teufel, antwortet! Uns ist vor euch nicht bange!“

Die Indianer verhielten sich ganz still. Der Trapper aber hielt diesen Moment für geeignet zur Flucht. Er redete einige freundliche Worte zu dem neben seinem Pferde am Boden liegenden Hektor, und dieses treue Tier antwortete mit einem kurzen Aufheulen.

Auch die kriegerische Frau auf der Höhe des Felsens hatte diesen Laut vernommen.

„Ja, winselt nur und verstellt eure Stimmen, ihr Höllenhunde!“ rief sie höhnisch herab. „Ich kenne euch! Wartet, ihr sollt gleich Licht haben, damit ihr bei eurem Satanswerk besser sehen könnt! Die Kohlen her, Phöbe! Dein Vater und die Jungen sollen erfahren, daß wir sie hier brauchen, um die Gäste zu empfangen.“

Sie redete noch, da loderte auf des Felskegels höchstem Gipfel auch schon eine mächtige Flamme empor, weit in die Prärie hinausleuchtend. Zugleich hörte man das vielstimmige, trotzige Gelächter der Verteidigerinnen, gefolgt von dem zweiten und gleich darauf auch von dem dritten Aufheulen des Hundes.

„Heran, Ismael, mein Mann!“ schrie oben die unverwüstliche Squatterfrau. „Heran, das rothäutige Gesindel zu züchtigen, das dir all dein Eigentum samt Frau und Kindern rauben will!“

Aus der Ferne erscholl ein mächtiger, antwortender Ruf, der weiblichen Besatzung verkündend, daß Hilfe im Anzuge war. Esther erhob mit triumphierendem Geschrei die Arme, deutlich zeichnete sich ihre Gestalt gegen den roten Feuerschein ab — da tauchte hinter ihr der Häuptling Mahtoree auf, gefolgt von dreien seiner Krieger. Im nächsten Augenblick lagen die mutigen Frauenzimmer gefesselt und wehrlos am Boden, die Schar der Sioux aber brach in ein ohrzerreißendes Freudengeheul aus.

Von den Wilden unbeachtet lösten sich zur selben Zeit drei Pferde von dem Reiterknäuel los; sie entfernten sich zuerst im Schritt, bald aber griffen sie aus und jagten mit Sturmeseile über die Ebene dahin; sie trugen unsere Freunde, den Trapper und die beiden Paare, Paul und Ellen, Middleton und Inez.

Fort ging es, so schnell die Pferde laufen konnten, immer in der Richtung auf den Nordstern zu. Nachdem man bereits eine tüchtige Strecke hinter sich gebracht hatte, erspähte Pauls scharfes Auge einen dunkeln Gegenstand etwas abseits von der Richtung; er machte den Trapper darauf aufmerksam, in der Meinung, daß es ein kranker Büffel, vielleicht auch ein Stück von Ismaels geraubtem Vieh sei. Man ritt vorsichtig herzu.

„Wenn es kein Ding der Unmöglichkeit wäre,“ rief der Trapper plötzlich, „dann würde ich sagen, daß wir hier nichts anderes als den Mann vor uns haben, der nach Insekten und Eidechsen sucht, unseren Freund, den Doktor!“

„Warum ein Ding der Unmöglichkeit?“ fragte Middleton. „Hattet Ihr ihm denn nicht dieselbe Richtung angegeben, die auch wir verfolgen?“

„Freilich, aber ich hieß ihn nicht, aus seinem Esel einen Schnelläufer zu machen, der selbst ein Pferd übertrifft. Was doch die Furcht nicht alles zuwege bringt! Heda, Freund Doktor, wie habt Ihr es fertiggebracht, vor uns hier zu sein? Euer Esel ist wahrhaftig ein Wundertier!“

„Mein Asinus ist hin!“ antwortete Obed Bat trauervoll. „Er ist wahrlich nicht träge gewesen, jetzt aber weigert er sich, auch nur noch einen Schritt zu tun. Da liegt er. Es droht gegenwärtig doch keine Gefahr von seiten der Wilden?“

„Das weiß ich nicht. Die Sache steht schlecht zwischen dem Squatter und den Tetons, auch kann ich keine Bürgschaft für die Sicherheit unserer Skalpe übernehmen. Euer Esel ist über seine Kräfte angestrengt worden, das war weder menschlich noch weise von Euch; was wolltet Ihr beginnen, wenn Euer Leben jetzt von der Fortsetzung des Rittes abhinge?“

„Ihr zeigtet mir doch den Stern —,“ wendete der kleine Mann schüchtern ein.

„Sagte ich Euch etwa, Ihr solltet den Stern heute noch erreichen? Geht! Ihr schwatzt viel gelehrtes Zeug über die Geschöpfe Gottes, aber Ihr seid unwissend wie ein Kind, wenn es sich um die Kenntnis ihrer Gaben und Instinkte handelt. Was sagt Ihr, Hauptmann Unkas — wir müssen entweder diesen Mann im Stich lassen, oder aber so lange Unterschlupf suchen, bis sein Esel sich wieder erholt hat.“

„Ehrwürdigster Jäger!“ rief der geängstigte Obed. „Ich beschwöre Euch bei allem, was uns gemeinschaftlich heilig ist, und das ist doch nicht wenig —“

„Fürchtet nichts,“ unterbrach ihn der Trapper. „So alt ich geworden bin, habe ich noch keinen Bruder in der Not verlassen, und mit Euch werde ich sicherlich nicht den Anfang machen.“

Man überlegte und kam überein, den Esel so zu fesseln, daß er sich nicht entfernen konnte, und ihn dann hier zurückzulassen, wo er Gras in Fülle hatte und sich erholen konnte. Nach des alten Jägers Berechnung war man bis jetzt ungefähr zwanzig englische Meilen geritten, und da Frau Inez über Erschöpfung klagte, so beschloß man, in einiger Entfernung von dieser Stelle, an einem Orte, wo das Gras so hoch stand wie Schilfrohr, und wo der Trapper früher bereits mehrmals ein sicheres Versteck vor den Indianern gefunden hatte, Rast zu machen.

Langsam ritten die Flüchtlinge diesem Ziele zu; der alte Jäger war abgestiegen, um die Spuren der Pferde nach Möglichkeit unkenntlich zu machen. Auf dem von ihm bezeichneten Platze angelangt, schaffte man sich durch Entfernung des Grases eine Klärung und richtete auf derselben die Lagerstätten her, die von Middleton, Paul Hover und den Frauen sogleich aufgesucht wurden, während der Trapper und der Doktor sich ein wenig abseits niederließen, um einige Schnitte von dem Reste des Büffelhöckers als Abendmahlzeit zu vertilgen.

Am folgenden Morgen ging die Sonne hinter einem seltsamen, dichten und mißfarbenen Dunste auf, dessen Ursache Paul und der Hauptmann sich nicht zu erklären vermochten. Der Trapper jedoch blieb nicht lange darüber im Zweifel.

„Das ist Feuer!“ rief er. „Die Prärie brennt! Die roten Teufel haben sie in Brand gesteckt, um uns zu vernichten!“

„Gott sei uns gnädig!“ sagte Middleton entsetzt. „Wir müssen fliehen, wir haben keine Sekunde zu verlieren!“

Damit wollte er auf seine Frau zueilen. Der Alte aber hielt ihn zurück.

„Wohin wollt Ihr fliehen?“ versetzte er ruhig. „Selten ist eine Gefahr so dringend, daß man nicht noch Zeit hätte, sie recht zu erwägen und ins Auge zu fassen. Kommt mit mir auf jenen kleinen Hügel, von wo wir die Ebene überschauen können.“

Middleton erkannte, daß er nichts Besseres tun konnte, als sich dem alten, erfahrungsreichen Trapper zu fügen; auch der Bienenjäger war bald zu dieser Ansicht gelangt. Sie ließen den Doktor bei den geängsteten Frauen und folgten ihrem greisen Führer zu der Bodenerhebung.

Der Ausblick von hier aus war wohl geeignet, auch das stärkste Herz erbeben zu lassen. Der ganze Horizont war ein Kreis von dichtem Qualm und emporzüngelnden Flammen, die mit reißender Schnelligkeit von allen Seiten herangerückt kamen.

„Da haben wir uns getäuscht, als wir meinten, unsere Fährte vor den Sioux verborgen zu haben,“ sagte der Trapper, langsam in die Runde blickend. „Die Teufel haben gleichzeitig auf allen Seiten das Gras in Brand gesteckt, um uns auszuräuchern, als wären wir Panther oder Kuguare. Wie das Wasser eine Insel umfaßt, so sind wir vom Feuer umringt.“

„Laßt uns aufsitzen und reiten!“ rief der Hauptmann in Verzweiflung.

„Wohin, Knabe? Sind unsere Tetonpferde Salamander, die unverletzt durch das Feuer laufen können? Und hinter jenen Flammen lauern die Sioux mit ihren Pfeilen und Speeren und Messern. Wenn ich nur wüßte, auf welcher Seite die Schufte liegen!“

„Durch die Sioux schlagen wir uns durch!“ rief Paul, seine Ellen umfassend, denn auch die Frauen und der Doktor waren inzwischen herangekommen.

Der Alte schüttelte den Kopf, während sein Blick über den Flammenkreis schweifte.

„Mit Gewalt richten wir gegen diese Übermacht nichts aus,“ entgegnete er, „das wißt ihr so gut wie ich. Aber nun ist genug geredet, jetzt müssen wir handeln.“

„Zu spät!“ rief der Offizier. „Die Flammen sind kaum noch eine Viertelmeile entfernt, und der Wind treibt sie gerade auf uns zu!“

„Die Flammen fürchte ich nicht,“ versetzte der Trapper. „Wenn ich den Rothäuten so sicher zu entkommen wüßte wie dem Feuer da, dann könnten wir uns schon jetzt als gerettet betrachten. Wenn Ihr damals dem Waldbrande auf dem Visionsberge beigewohnt hättet — doch wir müssen die Hände rühren. Greift zu, alle, und reißt das Gras hier ringsherum aus, damit wir auf nackten Erdboden zu stehen kommen!“

„Wollt Ihr dem Feuer durch solche Kinderei Einhalt tun?“ rief Middleton ungeduldig.

Ein schwaches Lächeln huschte schattenhaft über des Greises verwittertes Antlitz.

„Euer Großvater war ein anderer Mann als Ihr,“ antwortete er. „Der hätte gesagt, daß ein Soldat im Angesicht des Feindes nichts Besseres tun könnte als gehorchen.“

Der Hauptmann fühlte den Vorwurf tief; ungesäumt machte er sich an die Arbeit, dem Beispiel Pauls und der Frauen folgend, und nach wenigen Minuten war ein Fleck von zwanzig Fuß Durchmesser von jeglicher Vegetation entblößt. Jetzt führte der Alte die Frauen an das eine Ende dieses Fleckes und gebot den Männern, die leicht Feuer fangenden Gewänder derselben mit Decken zu verhüllen. Sobald dies geschehen war, begab er sich an den entgegengesetzten Rand des Grases, wählte eine Handvoll der dürrsten Halme und wickelte dieselben um die Pfanne seiner Büchse. Der Schlag des Steines entzündete den trockenen Knäuel; er warf die kleine Flamme in das Gras, trat in die Mitte der ausgerodeten Fläche zurück und wartete ruhig auf die Wirkung.

Dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Die Flamme griff schnell um sich und züngelte gefräßig in die Prärie hinaus.

Der alte Jäger erhob den Finger und lachte in seiner lautlosen Weise.

„Nun sollt Ihr sehen, wie das Feuer durch Feuer bekämpft wird,“ sagte er. „Wie manch liebes Mal habe ich mir auf diese Weise einen Weg durch verwachsene Strecken gebahnt, wenn ich zu träge war, mit den Händen zuzugreifen.“

„Aber bringt Ihr uns dadurch den Feind nicht nur noch näher auf den Leib, anstatt ihn fernzuhalten?“ fragte der Hauptmann erschrocken.

„Seid Ihr so leicht zu versengen? Euer Großvater hatte eine festere Haut. Wartet's nur ruhig ab.“

Die Erfahrung des alten Jägers bewährte sich auch hier. Das von ihm entzündete Feuer verbreitete sich schnell nach allen Seiten und erweiterte, dem Präriebrande entgegenlaufend, den freien Raum, in dem unsere Flüchtlinge sich befanden. Derselbe wurde bald so groß, daß sie nur noch wenig von der Hitze spürten. Als die beiden Flammengebiete in der Entfernung aufeinander stießen, da mußte der Brand notwendigerweise erlöschen, denn weder vor sich noch hinter sich fand er noch Nahrung, da die Prärie jetzt nichts weiter als eine geschwärzte, von jeder Vegetation entblößte Fläche war.

Der Hauptmann und der Bienenjäger konnten kaum Worte finden, dem Trapper für das so einfache und doch so wirkungsvolle Rettungsmittel zu danken.

Der Alte lachte still in sich hinein. „Ja, ja,“ nickte er, „man weiß sich noch immer zu helfen; man ist ja auch alt genug geworden. Aber nun seht nach den Pferden, Freunde. Eine halbe Stunde wollen wir noch warten, um den Boden abkühlen zu lassen, dann aber müssen wir auf und davon. Der Doktor kann meinen Gaul besteigen, sein armer Esel wird, wie ich fürchte, den Brand nicht überlebt haben. Schaut unterwegs nur immer scharf nach Osten aus, dort muß sich der Fluß zeigen; sein blanker Spiegel wird auch trotz des Qualmes, der sich noch stundenlang auf der Prärie hin und her wälzt, bald zu erkennen sein.“

Nach Ablauf der festgesetzten Frist machte die Gesellschaft sich wieder auf den Weg, hastig und lautlos, denn der alte Jäger hatte Schweigen anempfohlen. Der Qualm war allerwärts so dicht, daß auf zweihundert Schritt kein Feind mehr wahrzunehmen gewesen wäre. Nur der Doktor ließ ab und zu leise Klagen über den Verlust seines treuen Esels hören. Man hatte einige Meilen zurückgelegt, als man auf die Überreste eines verbrannten Pferdes stieß. Die Frauen und die jungen Männer erschauderten bei der Betrachtung derselben und bei dem Gedanken, wie leicht auch ihnen solch ein grausiges Geschick hätte zuteil werden können, und inniger wurde das Dankgefühl gegen den greisen Jäger in ihrem Herzen.

Der aber betrachtete forschend den Boden rings um den Kadaver. Die Gegend war sumpfig und die Erde daher, trotz der darüber hingeeilten Glut, weich und feucht.

„Hier sind die Abdrücke seiner Hufe,“ sagte er, umherspähend; „und hier auch der eines Mokassins, so wahr ich ein Sünder bin! Der Reiter hat alles aufgeboten, sein armes Tier von der Stelle zu bringen, aber es liegt in der Natur eines solchen Geschöpfes, daß es in Feuersgefahr kopfscheu und störrisch wird. Wo mag der Reiter hingekommen sein?“

„Dort drüben liegt noch ein Pferd!“ rief jetzt Paul Hover.

Der Trapper blickte nach der angegebenen Richtung.

„Meiner Treu,“ sagte er, „der Knabe hat recht. Sollten die Tetons in ihre eigene Falle geraten sein?“

Sie näherten sich dieser zweiten Entdeckung. Schon von weitem begann Hektor zu knurren und seine Zahnstumpfe zu zeigen.

„Ruhig doch, Alter,“ ermahnte ihn sein Herr. „Was soll ich denn von dir denken? Schämst du dich nicht, hier ein gebratenes Pferd anzuknurren, gerade als wenn du die Fährte eines grauen Bären gefunden hättest? ... Aber was sehe ich? Das ist kein Pferd, das ist eine Büffelhaut mit den Haaren nach innen ... Das Feuer ist darüber hingelaufen, ohne sie zu verbrennen.“

Er trat hinzu und stieß die Haut mit dem Fuße an. Dieselbe bewegte sich, wurde zur Seite geworfen, und unter ihr sprang mit Blitzesschnelle ein indianischer Krieger hervor.

Sechstes Kapitel Hartherz


Es war der junge Pawnee, den die erstaunte Gesellschaft so plötzlich und unerwartet vor sich stehen sah. Eine Minute lang musterte man sich gegenseitig, stumm, forschend und mißtrauisch, dann brach der Trapper das Schweigen.

„Die Sache ist klar,“ sagte er. „Der Junge ist im Schlaf von dem Feuer überrascht worden und hat, nachdem er sein Pferd verloren, unter der Haut eines frisch geschlachteten Büffels Schutz gefunden. Gar nicht übel, wenn man kein Pulver hat, um ein Gegenfeuer anzuzünden. Ein gescheiter, tüchtiger Bursche, den ich wohl als Reisegefährten haben möchte. Mein Bruder ist willkommen,“ fuhr er in der Pawneesprache fort. „Die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Waschbär.“

„Die Tetons sind Hunde,“ antwortete der junge Indianer rollenden Blickes. „Wenn der Kriegsruf der Pawnees in ihren Ohren ist, dann heult die ganze Nation.“

„So ist es. Die Spitzbuben sind uns auf der Fährte, und ich freue mich, einen Krieger gefunden zu haben, der den Tomahawk zu führen weiß und jene Schufte nicht liebt. Will mein Bruder meine Kinder in sein Dorf geleiten? Wenn die Tetons unserer Spur folgen, werden meine jungen Männer ihm beistehen, sie zu bekämpfen.“

Der Pawnee betrachtete jeden einzelnen der Gesellschaft mit durchdringendem Blick, dann antwortete er:

„Mein Vater ist willkommen. Die jungen Männer meines Volkes sollen mit seinen Söhnen jagen, und die Häuptlinge werden am Beratungsfeuer mit dem Graukopf rauchen. Die Pawneemädchen werden seinen Töchtern ins Ohr singen.“

„Und wenn wir den Tetons begegnen?“ fragte der Trapper, der bei diesem neuen Bündnis völlig klar sehen wollte.

„Die Feinde der Langmesser sollen die Streiche des Pawnee fühlen.“

„Es ist gut. Möge mein Bruder jetzt mit mir Rat halten, damit unser Weg zu seinem Dorfe nicht gewunden, sondern gerade sei wie der Flug der Tauben.“

Der Pawnee nickte und folgte dem alten Jäger auf die Seite. Die Unterredung, in der bilderreichen und würdevollen Sprache der Indianer geführt, war nur kurz.

„Dieser junge Krieger,“ erklärte der Trapper seinen erwartungsvollen Freunden nach dem Schluß der Beratung, „ist auf Kundschaft gegen die Sioux aus. Da seine Begleiter nicht zahlreich genug waren, um es mit den Feinden aufzunehmen, hat er dieselben heimgesandt, um Verstärkung aus den Dörfern zu holen. Der Junge muß ein tapferes Herz haben, da er ganz allein den Spitzbuben auf den Fersen blieb. Aber er hat mir noch mehr mitgeteilt. Der verschmitzte Mahtoree hat, anstatt sich in einen Kampf gegen den Squatter einzulassen, mit ihm Frieden geschlossen, so daß nun die gesamte Halunkenbande, die weiße wie die rote, brüderlich vereint hinter uns her ist.“

Das war eine beunruhigende Nachricht, und es galt nun vor allem, die Flucht so rasch als möglich fortzusetzen. Der Pawnee warf sich die Büffelhaut über die Schultern und übernahm die Führung. Es ging nun geradeswegs zum Flusse, dessen Ufer nach Verlauf einer Stunde erreicht war. Es war einer der hundert Nebenströme des Mississippi, nicht tief, aber wasserreich und reißend.

Es galt jetzt, über das breite Wasser hinüberzukommen.

„Oft habe ich diesen Fluß durchwatet, ohne das Knie zu netzen,“ sagte der Alte, „jetzt aber ist die Flut durch die Wasser aus den Bergen geschwollen. Unsere Siouxpferde schwimmen jedoch wie die Hirsche.“

„Trotzdem möchte ich Ellen nicht ihrem Rücken in diesem strudelnden und tobenden Hexenkessel anvertrauen,“ entgegnete der Bienenjäger.

„Recht, Knabe,“ nickte der Trapper. „Wir müssen auf etwas anderes für die Frauenzimmer denken.“

Er wendete sich zu dem Pawnee und erklärte diesem die entstandene Schwierigkeit. Der junge Pawnee hörte ernst und aufmerksam zu; dann aber warf er seine Büffelhaut auf die Erde und begann sogleich, unter dem Beistande des schnell auf seine Gedanken eingehenden Jägers und mit Hilfe von Riemen und leichten Holzstäben ein Fahrzeug daraus herzustellen, das zwar eher einem umgekehrten Regenschirm als einem Boote glich, dennoch aber sich als durchaus zweckentsprechend herausstellte.

Middleton und Paul Hover prüften das Fahrzeug auf seine Sicherheit und Tragfähigkeit, dann stiegen Inez und Ellen hinein. Der Pawnee, der eins der drei Rosse bestiegen hatte, ritt ins Wasser, stieß seine Lanze durch den obersten Rand des Fahrzeugs und bugsierte dasselbe mit großer Kraft und Geschicklichkeit in den Strom hinaus. Der Hauptmann und der Bienenjäger folgten auf ihren Pferden, und alle erreichten glücklich das jenseitige Ufer.

Hier löste der Pawnee die das Fahrzeug zusammenhaltenden Bänder, warf sich die Haut wieder über den Rücken, nahm die Holzstäbe in die Hand und ritt in den Fluß zurück, den Doktor und den Trapper zu holen.

„Jetzt weiß ich, daß diese Rothaut unser volles Vertrauen verdient,“ sagte der alte Jäger zu seinem Genossen. „Wäre er ein Teton oder ein Mingo, dann hätte er uns im Stich gelassen und wäre mit unserem besten Pferde auf und davon gegangen. Ich fürchtete schon so etwas, als ich ihn das Tier auswählen sah, aber ich tat ihm unrecht. Der Junge ist ehrlich; und hat man solch eine Rothaut erst einmal zum Freunde, dann bleibt er das, solange man ihn offen und aufrichtig behandelt.“

Der Pawnee landete, das Boot wurde wiederhergestellt, und jetzt nahmen der Trapper, sein Hund und der Doktor darin Platz, der letztere freilich nur mit Zittern und Zagen.

„Ehrwürdiger Jäger,“ stammelte der kleine Mann, angstvoll auf die wirbelnde Flut blickend, „dieses Fahrzeug ist so gänzlich unwissenschaftlich bereitet, daß eine innere Stimme mich abhält, ihm zu trauen. Das Schiff hat ja weder Form noch Proportionen.“

„So schön wie ein Rindenkanu ist es freilich nicht,“ versetzte der alte Mann lächelnd, „man kann aber Ruhe und Bequemlichkeit ebensogut in einem Wigwam wie in einem Palast finden.“

„Ja, aber ein Machwerk, das so jeglicher Wissenschaft Hohn spricht —“

Der Doktor unterbrach sich mitten im Satze, denn von der Uferseite her, die sie soeben verlassen hatten, ertönte ein Geschrei, so durchdringend und übernatürlich, daß er mit offenem Munde und entsetzten Augen lauschen mußte. Der junge Pawnee spitzte die Ohren wie ein Hirsch, denn der Ton war ihm neu und rätselhaft; der Trapper aber hatte das Geschrei sogleich erkannt. Er schaute zurück und sah des Doktors Esel in gestrecktem Galopp daherkommen, zu übermäßiger Eile angetrieben von Weucha, dem Sioux, der auf seinem Rücken saß.

Die Blicke des Tetons und die der Flüchtlinge begegneten sich. Der erstere stieß einen laut gellenden Ruf aus, der im nächsten Augenblick fünfzig seiner Genossen zum Flußufer brachte, die sofort anhuben, einen Hagel von Pfeilen den Entweichenden nachzusenden. Die Geschosse fielen jedoch harmlos ins Wasser, da das Fahrzeug inzwischen bereits über die Hälfte der Strombreite durchmessen hatte. Jetzt erschien auch die hohe Gestalt Mahtorees unter der Schar der Verfolger. Mehr als einmal erhob der Trapper die lange Büchse zum Schusse, aber immer wieder ließ er sie sinken, als widerstrebe es ihm, Menschenblut zu vergießen. Die Augen des jungen Pawnee aber funkelten wie die eines Kuguars bei dem Anblick so vieler Feinde; er schwenkte mit verächtlicher Gebärde die Rechte hoch in der Luft und ließ dabei schallend den Kriegsruf seines Volkes ertönen. Diese Herausforderung war mehr, als die Tetons ertragen konnten; wie Wasserratten stürzten sie sich in den Fluß, der gleich darauf wie besät mit den dunkeln Gestalten der Reiter und der Rosse erschien.

Obgleich der Pawnee seine und seines Pferdes Kraft auf das äußerste anstrengte, so verringerte sich die Entfernung zwischen den Flüchtlingen und den Verfolgern dennoch von Minute zu Minute. Am jenseitigen Ufer erschienen jetzt Middleton und der Bienenjäger, die ihre Schutzbefohlenen in einem kleinen Dickicht untergebracht hatten.

„Zu Pferde!“ rief ihnen der Trapper zu. „Macht, daß ihr mit den wehrlosen Frauen davonkommt, und laßt uns in der Hand des allmächtigen Gottes!“

„Ei was, bückt Euch lieber, alter Freund!“ rief Paul Hover zurück. „Bückt Euch tief in den Kahn hinein; der rote Satan ist gerade hinter Euch, und Euer Kopf verbirgt mir das Ziel! Bückt Euch, sage ich, und gebt den Weg frei für eine Kentuckykugel!“

Der Greis blickte schnell hinter sich und gewahrte ganz in der Nähe den wilden Mahtoree, der in seiner Ungeduld allen anderen vorausgeeilt war. Er bückte sich, und des Bienenjägers Büchse krachte. In demselben Moment aber hatte der Häuptling sich auch schon vom Pferde herab und ins Wasser geworfen; das Tier aber, von der Kugel getroffen, bäumte sich hoch auf und trieb dann mit dem reißenden Strome fort, das Wasser mit seinem Blute färbend.