Zwölfte Scene.
Die Vorigen. Albert. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)
Marie. Weh!
Vater Ziemens. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!
Marie. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! (ab.)
Vater Ziemens. Geh' ihr nach, Mütterchen!
Frau Ziemens. Es wird sie tödten! (ab.)
Dreizehnte Scene.
Vater Ziemens. Albert. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und sieht dumpf vor sich hin.)
Vater Ziemens. . . .Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind allein.
Albert. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner Lage . . .
Vater Ziemens. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!
Albert. Inwiefern?
Vater Ziemens. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann — verzeih'! oh, oh!
Albert. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das Bündel schnüren?
Vater Ziemens. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .
Albert. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!
Vater Ziemens (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und sterbend gesenkt! . .
Albert (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)
Vater Ziemens (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen Scheidestunde — hörst Du?
Albert. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter Wille, daß ich geh'.
Vater Ziemens. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!
Albert. Die Vernunft war's, seine Stärke!
Vater Ziemens. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!
Albert. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!
Vater Ziemens. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.
Albert. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!
Vater Ziemens. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? Albert, Albert!
Albert. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.
Vater Ziemens. O Du hast ein steinern Herz!
Albert. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)
Vater Ziemens. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in Ewigkeit!
Dritter Akt
Abtheilung I.
Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.
Erste Scene.
Blashammer mit Zitterwitz am Arm, Adelgunde nachfolgend.
Blashammer. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (Adelgunde setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)
v. Zitterwitz. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .
Blashammer. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.
v. Zitterwitz. Er wird sich noch bezwingen.
Blashammer. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .
v. Zitterwitz. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .
Blashammer. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre Fragen?
v. Zitterwitz. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .
Blashammer. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!
v. Zitterwitz. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd stehen.)
Blashammer. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.
v. Zitterwitz. Ah so! ah so!
Blashammer. Keine Zeit verloren.
v. Zitterwitz (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel Vergnügen mein Fräulein.
Blashammer (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!
Zweite Scene.
Die Vorigen ohne v. Zitterwitz.
Blashammer (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)
Adelgunde. Was fehlt Dir mein Vater?
Blashammer. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.
Adelgunde. Woher kommt das?
Blashammer. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .
Adelgunde. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.
Blashammer. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose Nächte . . .
Adelgunde. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.
Blashammer. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.
Adelgunde. Hier?
Blashammer. Ja.
Adelgunde. Aber mein Vater.
Blashammer. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall.
Adelgunde. Was soll ich dazu sagen!
Blashammer. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die Hand.
Adelgunde (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!
Blashammer. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's sein . . .
Adelgunde. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.
Blashammer. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)
Adelgunde (nachrufend). — Papa?
Blashammer. Meine Tochter?
Adelgunde. Wer ist denn der Herr Candidat?
Blashammer (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .
Adelgunde. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)
Blashammer (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.
Adelgunde. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.
Blashammer ab.
Vierte Scene.
[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]
Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.
Der Doctor. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.
v. Zitterwitz. Ich bleibe hier in der Nähe.
Der Doctor. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies Sträußchen zu sammeln.
Adelgunde. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?
Der Doctor. Au hasard
Adelgunde (annehmend). Ich danke.
Der Doctor. Toutes les dames meritent également notre adoration.
Adelgunde. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.
Der Doctor. Point du tout, Mademoiselle . . . oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?
Adelgunde. Avec plaisir.
Der Doctor. Auf das Buch der Bücher.
Adelgunde. Par exemple!
Der Doctor. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.
Adelgunde. Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois alors . . .
Der Doctor. Ich bin Ihr ergebenster Diener.
Adelgunde. — comment d'après ce princip, arriveriez vous à une inclination individuelle?
Der Doctor. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!
Adelgunde. Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez une reponse à toutes les questions . . . .
Der Doctor. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.
Adelgunde. Cela vous deplait?
Der Doctor. Ich stehe beschämt . . . .
Adelgunde. Mais vous n'êtes pas philosoph?
Der Doctor. Wohl war ich's.
Adelgunde. Eh bien?
Der Doctor. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave Burschenseele.
Adelgunde. Depuis quand? s'il vous plait.
Der Doctor. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.
Adelgunde Et après?
Der Doctor. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr ernst.
Adelgunde. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.
Der Doctor. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.
Adelgunde. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
Der Doctor. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine gültigere giebt —
Adelgunde. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.
Der Doctor (lächelnd). Mein Fräulein . . . .
Adelgunde. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“
Der Doctor. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.
Adelgunde. Das ist mir neu.
Der Doctor. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten Würdenträger, intelligenten Leute comme il faut leugnen ihn.
Adelgunde. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie glauben?
Der Doctor. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach vergolten —
Adelgunde. So murren Sie nicht?
Der Doctor. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.
Adelgunde. Sie sind barock.
Der Doctor. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
Adelgunde setzt sich und seufzt.
Der Doctor. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.
Adelgunde. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.
Der Doctor (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.
Adelgunde. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
Fünfte Scene.
Die Vorigen. Blashammer.
Blashammer. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.
Der Doctor. Traun, Sie kommen ein wahrer Deus ex machina uns zu Hülfe.
v. Zitterwitz. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten Herrschaften . . .
Blashammer. Nur näher getreten.
v. Zitterwitz. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.
Der Doctor. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.
v. Zitterwitz. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier allein —
Der Doctor. — Was außerordentlich auffiel —
v. Zitterwitz. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu lauschen.
Der Doctor. Sehr schmeichelhaft.
Sechste Scene.
Die Vorigen. Questenberg.
Questenberg. Man ließ mich rufen . . .
v. Zitterwitz. Leider kommen Sie zu spät.
Questenberg. Was gab's?
v. Zitterwitz. Ein äußerst interessantes Gespräch.
Questenberg. Es handelte sich?
v. Zitterwitz. Von nichts geringerem als . . .
Blashammer. Erstaune!
v. Zitterwitz. — als von Liebe!
Der Doctor. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.
Questenberg. Mein Sohn legt mir Ehre ein.
Blashammer. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.
Adelgunde. A la bonne heure!
Der Doctor. Es wird erbaulich . . .
Blashammer. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, als . . .
Adelgunde. Papa!
Blashammer. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.
Der Doctor (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!
v. Zitterwitz. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören Sie?
Questenberg. Es ist wohl gerathen?
Blashammer. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.
v. Zitterwitz. Nur nicht hier im armseligen Pavillon —
Questenberg. Der Herr Regierungsrath hat Recht.
v. Zitterwitz. Gehen wir in den Saal!
Questenberg (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!
v. Zitterwitz (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)
Abtheilung II.
Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.
Siebente Scene.
Der Doctor (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!
Achte Scene.
Der Doctor. Marie.
Marie. Grüß' Gott!
Der Doctor. Danke.
Marie (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
Der Doctor. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .
Marie. Ich kann steh'n.
Der Doctor. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)
Marie. Ich will kurz sein.
Der Doctor. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ?
Marie. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .
Der Doctor. Ich ahne schon . . .
Marie. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen Vers von mir.
Der Doctor. Sie heißen — ?
Marie. Marie Ziemens.
Der Doctor. Darf ich den Augen traun!
Marie. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
Der Doctor. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!
Marie. Kaum glaublich.
Der Doctor. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
Marie. Ach!
Der Doctor. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?
Marie. O sprechen Sie nicht so.
Der Doctor. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen — gleich!
Marie. Pfui.
Der Doctor. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!
Marie. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
Der Doctor. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
Marie. Ich bin Braut.
Der Doctor. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
Marie. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
Der Doctor. Bedarf er meiner Hilfe?
Marie. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.
Der Doctor. Es soll gescheh'n.
Marie. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn —
Der Doctor. Nur Lohn des Verdienst's.
Marie. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!
Der Doctor. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —
Marie. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
Der Doctor. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei von Eifersucht ist?
Marie. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!
Der Doctor. So können wir schnell fertig werden.
Marie. Nun? . .
Der Doctor. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.
Marie. O weh, ein schlechter Handel.
Der Doctor. Nicht für mich.
Marie. Würde den Ihr Herr Vater billigen?
Der Doctor. Mit Händeklatschen.
Marie (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
Der Doctor. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .
Marie. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
Der Doctor. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?
Marie. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .
Der Doctor. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
Marie. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!
Der Doctor. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!
Marie. Schonung, Herr Doctor! —
Der Doctor. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?
Marie. Ziemlich gut.
Der Doctor. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.
Marie. Danke.
Der Doctor. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —
Marie. Es war mein letzter Tropfen.
Der Doctor. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . Nur her das Glas.
Marie. Ich schlag's in Trümmer.
Der Doctor. Das hieße mich verachten.
Marie. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!
Der Doctor. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
Marie. Sie wissen's.
Der Doctor. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
Marie. Lassen Sie mich nur fort.
Der Doctor. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)
Marie. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.
Der Doctor. Ein unromantischer Einfall!
Marie. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.
Der Doctor. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.
Marie. Herr Doctor . . .
Der Doctor. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .
Marie. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.
Der Doctor. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
Marie. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
Der Doctor. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)
Marie. Leben Sie wohl. (ab.)
Neunte Scene.
Der Doctor. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!
Zehnte Scene.
Der Doctor. Questenberg.
Questenberg. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
Der Doctor. So so, la la!
Questenberg. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.
Der Doctor. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.
Questenberg. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.
Der Doctor. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn einigermaßen verschonen.
Questenberg. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
Der Doctor. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.
Questenberg. Mein Sohn!
Der Doctor. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.
Questenberg. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und —
Der Doctor. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!
Questenberg. Du weißt aber nicht —
Der Doctor. Ich mag von nichts wissen!
Questenberg. Welch' Wagestück!
Der Doctor. Unsinn!
Questenberg. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu mischen.
Der Doctor. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
Questenberg. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse —
Der Doctor. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, da!
Questenberg. Mein Sohn, es ruinirt uns.
Der Doctor. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!
Questenberg (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt schüchtern ein.)
Der Doctor. . . .Verlassen Sie mich jetzt.
Questenberg. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
Eilfte Scene.
Der Doctor. Albert.
Der Doctor. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die Herablassung.
Albert. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid entweihe . . .
Der Doctor. Bist Du kein Politiker?
Albert. Ein wenig.
Der Doctor. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, bedenke das und —
Albert. Das wäre eine Politik des Fluches!
Der Doctor. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!
Albert. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
Der Doctor. Es lebe die Association!
Albert (ernst). Sie lebe!
Der Doctor. Nieder mit den Rentnern!
Albert. Fort mit den Privilegien!
Der Doctor. Es falle das Herrenthum!
Albert. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.
Der Doctor (lacht ironisch).
Albert. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?
Der Doctor. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
Albert. Vielleicht! . .
Der Doctor (lacht wieder).
Albert. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
Der Doctor. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
Albert (wirft sich zornig in den Sessel).
Der Doctor. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —
Albert. Er that wohl, vollkommen wohl.
Der Doctor. Wirklich — ei, ich meine er that übel.
Albert. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.
Der Doctor. Albert!
Albert. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
Der Doctor. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?
Albert. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.
Der Doctor (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?
Albert. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu triumphiren . . .
Der Doctor. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was er Dir giebt.
Albert. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht beurtheilen.
Der Doctor. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)
Albert (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?
Der Doctor (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.
Albert. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie zuzumessen!
Der Doctor. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!
Albert. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .
Der Doctor. Was hast Du Albert?
Albert (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?
Der Doctor (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.
Albert. So hatte er doch Furcht —
Der Doctor. Inwiefern?
Albert. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, blutärmsten Paria!
Der Doctor. Du sprichst Unverständliches.
Albert. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .
Der Doctor. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.
Albert. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
Der Doctor (bei Seite). Was hab' ich gethan!
Albert. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!
Der Doctor (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst Du mir verzeih'n.
Albert. Zur Sache.
Der Doctor. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .
Albert. Auf Grund? ich bin gespannt.
Der Doctor. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von mir?
Albert. Von Ihnen?
Der Doctor. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?
Albert. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
Der Doctor. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit —
Albert. Nun wohl.
Der Doctor. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
Albert. Bei welcher Gelegenheit?
Der Doctor. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
Albert. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?
Der Doctor. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt verließ und zur Universität abging.
Albert. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
Der Doctor. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische mir gestern erschien!
Albert. Wo?
Der Doctor. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein zu nennen! . .
Albert. Ich hörte genug, Herr Doctor.
Der Doctor. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.
Albert. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.
Der Doctor. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!
Albert. O, Sie haben nie geliebt!
Der Doctor. Du meinst!
Albert. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
Der Doctor. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
Albert. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.
Der Doctor. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!
Albert (lacht).
Der Doctor (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte ich ihn ohne Umstände fordern . . .
Albert. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!
Der Doctor. Du bist ein Gott!
Albert (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!
Der Doctor (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. — (laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?
Albert. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier unterzeichnete?
Der Doctor. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
Albert. Beim ewigen Heil!
Der Doctor. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.
Albert. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
Der Doctor. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber, Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
Albert. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.
Der Doctor. Personen im Nebensaal . . .
Albert. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
Der Doctor. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.
Albert. Zu Befehl, Herr Doctor.
Der Doctor. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.
Albert. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)