Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf, bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –
* * *
Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork auslief.
Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.
Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen.
Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden Wolkenfeld.
Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die „Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ...
Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern.
„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt.
Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...
Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche Räume führen.
Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah. Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges messen konnte.
Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach zu halten.
„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“
In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend: „Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein.
Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.
Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.
Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete.
„Genug!“
Die Luke schloß sich.
„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“
Der Bankier sah sich noch einmal um.
Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.
Armdick.
„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der Bankier treuherzig.
„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck, hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion gewonnen ...“
Der Rundgang war beendet.
Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern zischte, abzukühlen ...
Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die „Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion ausgeschaltet.
Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...
Schön und tiefblau war die Nacht.
Ein lauer Windzug strich.
Das Firmament glitzerte.
Hie und da fiel eine Sternschnuppe.
„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“
Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.
Dann suchte er seine Kabine auf.
Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft – stampften, stampften die Maschinen.
* * *
„Du, von was leben die da oben eigentlich?“
Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an einen Deutschen heran.
„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist, hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“
Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und schippte seine Kohlenbrocken weiter.
„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich dir ...“
„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die. Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein ... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“
Ein Schwarzer trat hinzu.
„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland, ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr, Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen. Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“
Schweigend starrten die Drei in die Glut.
Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff läuft –
Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff schneller läuft ...
Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff Volldampf läuft!“
Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.
Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied zu Ende:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“
– – –
Die Maschinen stampften.
Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.
* * *
Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –
„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“
Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt entfernt, ein Anderer wird.
Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.
Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und sachverständige Zuschauer.
Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.
Nachrichten aus aller Welt:
Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen, was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen wurde es einem ins Ohr geflüstert.
* * *
Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.
Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund. Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich geschrieben.
Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände, küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin, die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.
Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio Carracarras Hände!
Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.
Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war nur das eine zu berichten:
Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche, sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik, zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.
Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:
„Einfach Apollo!“
War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen ...!?
Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich einen Augenblick lang gut, ganz gut ...
Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen.
Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie gegenüber ausgesprochen hätte ...
* * *
So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der „Columbia“ in Europa.
Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton einlaufen.
Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion angekündigt.
Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.
Welch eine Ueberraschung!
Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen räkelten.
Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.
Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die „Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.
Der Filmstreifen wickelte sich ab:
Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre ... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte, hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft, und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten Gesichtern übergestülpt und –
Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!
Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:
„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“
Erntefelder.
Bauern, die Garben binden.
Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen hindurchschritt ...
Das Bordpublikum klatschte.
Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert.
Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte:
„Wir oder sie ...“
* * *
Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...
* * *
Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.
Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.
Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, Sportsleute, Schaupieler.
Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im Klubsessel.
Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte.
Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.
Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet gelungen.
Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter, sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als „öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen.
Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu:
„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“
Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals wand.
Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.
Ein Glas klingelte dreimal schrill.
Ein allgemeines Gesumme:
„Ah, eine Ansprache ...“
Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus tönten dumpf und krächzend.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ... Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm – die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter, Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre, sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun, meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“
Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen, Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein.
„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“
Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.
Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.
Einige rülpsten laut.
Andere gurgelten.
Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.
Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:
„Rhizinus!“
Und zum Henker gewandt:
„Danach tranchiert ...“
Gleich darauf erschollen Hochrufe:
„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...
„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten! ...“
Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen hingen.
„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“
„Hoch! Hoch!“
„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“
Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand.
„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was! ...“
Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:
„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes
Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend.
„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“
Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.
Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der Kette verschwinden.
„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...
Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...
* * *
An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht.
„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann werden und verträgt keinen Schluck nicht.“
Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert.
„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“
Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.
„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“
Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß.
Kotzte.
„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“
Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“
Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.
„Hihihi!“
„Hahaha!“
„Huhuhu!“
„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e gefällig!?
„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon einmal so ein Kotzen gesehen?!
„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion, Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“
Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet, mußte sich das Kotzen mitansehen.
„Direkt eine Sehenswürdigkeit!
„Ein Meister seiner Art!
„Ein richtiges Kotzwunder!
„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!
„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was ...
„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“
Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte.
„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel besonderes Eintrittsgeld erheben ...
„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.
„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder anwesend!?“
Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und aus der Kotz-Vorstellung abgeführt.
„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei gekommen.
Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte ihn.
„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf, mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas zu bieten!?“
Es war inzwischen Morgen geworden.
Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch.
„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“
Einige lagen bereits am Boden.
Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:
„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“
Lautlose Stille trat ein.
Man hörte Schnarchen.
„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“ witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin.
„ssssst!“
Ein Glas klingelte schrill dreimal.
„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand: mene menetekel upharsin. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“
Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske vollkommene Totenstille.
Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte.
Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.
Es gluckste.
Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.
– – –
Die Maschinen stampften.
* * *
Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.
Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt.
Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.
Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins strahlende Licht.
Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des Milliardärs zu machen.
Trat an den Amerikaner heran:
„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“
Und als der Amerikaner freundlich nickte:
„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“
Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich dicht an den Amerikaner heran.
„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem Maskenfest zu sehen ...?“
„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen, mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht geschaffen für Menschen meiner Art ...“
„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“
„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte ich mich mit Ihnen verabreden ...“
„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt haben, bevor es zu spät ist ...“
„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt, ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben, die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“
„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich, bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht, Ihnen Antwort zu geben ...“
Wieder schwieg der Bankier.
Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.
Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.
„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das an den beiden vorüberstrich.
„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind, hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie als Freund und Vater ...“
Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt.
Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er.
„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren!
„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren, phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt ...
„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter hervorgebracht hat.
„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...
„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!?
„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken!
„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und noch sind wir stark, stark genug! ...
„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch.
„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die abgründige Meertiefe dahinfährt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.
„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch in ihrem Schatten zusammensinkt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht sein ...
„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ...
„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat eine Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit.
„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!
„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den Kurswert der Zeit besitzt.
„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“
„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“
„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich dieser Welt überwölbt ...“
Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.
„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“
„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des „letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem, was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark genug, stark ...
„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat, schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“
Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.
„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus! ... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich –!?“
Die Maschine stampfte zurück.
Der Schiffskörper zitterte.
„Also!“
Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.
„Europa.“
„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“
„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen wird ...“
„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“
Die Schiffssirenen schrillten.
An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von Southampton ein. –
* * *
„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu, als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether hineinschnellte.
„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“
Die Flugzeugmotore donnerten.
„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ... Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben, nenne ich das ...“
Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes zu.
„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht wir dahingleiten, selbst spricht ...“
* * *
Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem ungeheueren Menschenstrom stecken.
Rote Fahnen wehten.
Rufe erschollen:
„Nieder mit dem Krieg!“
„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ... Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.
„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang ... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?! ... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ... Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“
Die beiden Freunde verabschiedeten sich.
„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir unendlich viel gegeben!“
„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat, jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus einem Guß ... Ich fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ... Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“
Die beiden Freunde umarmten sich.
* * *
Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.
Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige Male stattfindende Fremdenfahrt begann.
Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem Tage an der Exkursion teilnahmen.
Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld bequem zu erreichen.
Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie entwickeln werde.
Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt hatten.
Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte „Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen, stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.
Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort.
Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.
Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs selbst zurück. –
Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes Naturschauspiel zugleich.
Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener Person mitmachten. –
* * *
Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar überhaupt keine Fortschritte.
Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...
Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger in die Landschaft und begann:
„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“
„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal das ...“
Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.
An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.
„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“
Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.
Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.
Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.
Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.
Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ...
Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum, grimassierten und streckten die Zungen ...
Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt.
„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“
Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift, lauter deutsche Namen.
„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“
Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.
„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“
„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm Arc de Triomphe ... Mit einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“
Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor.
Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.
„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“ ...
„Wird sich das rentieren ...?“
„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut werden ...“
„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“
„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“
„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht ...“
Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden umfangen hielt, war gebrochen.
Die Autokolonne hielt.
Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.
„Ganz südlich!“ scherzte jemand.
Die Reisegesellschaft stieg aus.
Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.
Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.
„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte, furchtsam in die Arme hing.
„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“
Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher.
„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“
„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“
Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.
Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. –
* * *
Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.
Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.
Die Tafel lautete:
„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen Publikum
Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.
Die Hotel-Direktion.“
„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“
Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.
„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“
Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens Postkarten.
Andere richteten Fragen an die Kellner:
„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“
„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –
„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“
* * *
Das Diner war beendet.
Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.
„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“
Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen Schwur.
* * *
Wieder eine Tafel:
„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!
Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“
„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“
Der Führer ging den Pfahlweg voran.
Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.
Es mochten gegen fünfzig Personen sein.
„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete.
Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem hinein.
Man sah auf den ersten Blick:
Alles war hier für die Fremden zugerichtet.
Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.
Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten lassen.
Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett.
„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner Frau zu:
„Lasciate ogni speranza, voi chi entrate! – Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“
Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!?
Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt.
„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“
Auch der Milliardär staunte.
„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...
„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten –
„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften –
„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –
„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift wurden – –“
Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein.
Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen, sich selbst bemitleidend.
Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.
„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte der Professor.
Doch allmählich verstummten die Klagen.