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Der Berg der Läuterung

Chapter 4: Das Rotkehlchen
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About This Book

A collection of five short stories that probe moral and emotional states through intimate vignettes. Scenes trace interactions between the comfortable and the dispossessed, unveil quiet hypocrisies of polite society, and introduce uncanny or allegorical elements — a parlour doll speaks, enigmatic figures provoke reflection — to expose inner doubts, regret, and yearning. Narrative voices alternate between close psychological observation and symbolic imagery, emphasizing contrasts of wealth and want, appearances and conscience, and portraying gradual processes of moral and spiritual reckoning.

Das Rotkehlchen

M

»Meine alten Tage die hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern. Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«

Immerhin —! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein ausschweifender Märchentraum?

Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe — »man«, jener dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«, das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens) eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten sich die hohen Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört, Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan« das Fell über die Ohren zu ziehen.

Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte? Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen Gemeinschaft gewesen?

Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen, die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der Geschäftsladen sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen, manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei, angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt, die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« — wie der Volksmund ihn getauft hatte.

Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr, in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn so ausgesucht und köstlich hatten sie bloß geschmeckt, all die erwähnten ambrosischen Näschereien — einst, vor Jahren, in besseren Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und Tellermütze hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen, Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln, Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar (nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen Weltfreude öffnete.

Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!

Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während der Tochter — Anna hieß sie — immer nur ein munteres Liedchen auf den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.

Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte, das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!

Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein Henkeltöpfchen für die Küche — die kleinste Selbstverständlichkeit erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche. Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten. Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch — ein merkbarer Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen. Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen? Der Schnaberl mit seinem kleinen, behutsamen, etwas schwermütigen Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.

Aber der häßliche Gedanke — so rasch aufgeblitzt, war auch schon im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war, schnöde verschachern?

Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron« genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten Eltern sein. Und nun —! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der unwürdige Einfall?

Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen einen noch die eigenen Kinder aus, oder — in Anbetracht des schuldigen Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder aus den Wolken hervorspitze.

All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte Herr Ziervogel mit scharfer Bürste Herz und Nieren von allen Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand? Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn, so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.

Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen Erde!«

Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer Zeit ein kleiner Junge krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen: »Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«

Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin, oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben (und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit. Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.

Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der Vater ihr erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht, daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde, sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck, welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und sorgenvoller blicken.


Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.

Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und dort, in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt, angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen hiervon — waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.

Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam, Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen- und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt, treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube, mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend, zitternd, der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten, Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen, Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen — und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.

Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll, der an der Drehbank steht.

Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene und allmählich schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies. Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch, das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen mußte.

Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen, gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen. Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an, mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir aus!«

Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen, die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der Magen darbte.

»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes ahnend. »Wie meinst du das?«

Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden hat man ohnedies schon dick satt — nicht wahr? Nun, und so steigt man halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«

Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort. Die Worte des Freundes gingen Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann: er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder — um lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte herrühren können.

Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse gespannt hatte — denn aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen haben, lieber unterdrückt werden.

Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben, das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei.

Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten, spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel, das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme und Enteignung des feindlichen Kügleins führte. Und sogar in ihrem Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher entzückten.

Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie, Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte, war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen, weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht leichtsinnig und wie kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste, was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel- und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten, erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier, oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen, wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte.

Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam erarbeitete Wohlstand über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe — denn einen Regenschirm besaß er längst nicht mehr — neben dem breiteren und noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle, beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, es zu verstehen ...

Auf dem Hinweg ins Amtsgebäude nämlich. Und auf diesem ganzen langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen, den Heimweg anzutreten.

So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen, das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug gestempelt hatten; 7. die vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war, sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.

Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich, sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen, und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.

Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit (leidender Form) wieder auf die Straße heraustraten. Ein lebendiger, riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten an den Wänden — so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern! Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte. Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde, dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten Haltestelle sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen Strom der gleitenden Erscheinungen ...

Aber plötzlich — Wunder über Wunder! — was schwebte seinen abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es — eine Luftspiegelung hatte es ihm vorgegaukelt — ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres. Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten! Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch, wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar? Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu, alles Überflüssige blieb verpönt!

Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach irgend einer kleinen Ausschweifung brachte ihm unversehens das Lied ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und — hol's der Geier! — einmal wollte er sich noch des Lebens freuen, eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen — einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben, ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal bloß, ein einziges Mal noch im Leben!

»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause —«

Er zog die Uhr, wollte sie ziehen — und griff ins Leere! Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein ... er knöpfte den Überrock auf — um Gottes, Christi, Himmels willen!

»Bock —! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ... Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr —!«

Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle goldene Uhr! Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch! Die wertvolle goldene Kette auch!

Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude, meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm; wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.

»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht erwischen!«

Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an. Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet, daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.

»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte Bock verdrossen.

Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war, ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige und — im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers — etwas gewalttätige Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...

Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen Überredung zurückwich.

Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit im Höllenpfuhl weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan, an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel und Bedenken so ziemlich überwunden.

Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden Behausung zu erkennen gab.


Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut' besorgen kannst, auf morgen; während sein Freund im Gegenteil dem Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade übereilt zu werden brauche.

Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke, in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen selbstverständlich.

In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie. Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar auf dem Fußboden überraschenderweise — denn wie lange schon war kein Strahl Sonne zu sehen gewesen! — urplötzlich eine grelle Lichttafel ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise ertönen — das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie jubelnd ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten. Vergeblich! Es schwebte trotzdem jener gewisse Hauch von Schwermut darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.

Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das halbunterdrückte Lachen — sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es war, urkomisch vor —; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll. Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den Schnabel stopfte.

Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich, einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit kläglicher Stimme: »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«

»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,« sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen anfing, die Hände auf dem Rücken.

»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«

»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen. »Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich ebensogut dabei.«

»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«

Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und daß der Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater, wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«

Erschrocken hielt sie inne.

»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? — gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die Sonne« — er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß, auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt ebenso plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«

Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete? Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.

Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden, und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das unwillkürliche Bedürfnis fühlt.

»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«

»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich dich.«

»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte. Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine Schuld einfordern kommt!«

Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme unglaublich rasch über so etwas hinweg.

Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht, weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich rechtzeitig zu empfehlen.

»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er, »daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«

»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel, schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.

»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum — glaubst du, das störe seine Laune? Ich — obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk', wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft —! Und er —? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran — kannst du das für möglich halten? — Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«

Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen — die Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.

»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,« sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.

»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten — wie? Ein Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ... Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,« wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«

»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.

»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder waren.«

»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«

»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz widerrechtlich ...«

»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«

»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt! Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht. Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«

»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,« loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich ... mit dem ...«

Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen, daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt nie ... Das heißt —« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«

»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her, sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«

»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,« bockte Bock dagegen.

Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle recht bedauerlich.

Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne, die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden. Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei, erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.

»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu Großvätern machen könnten!«

Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an. Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte, lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich, indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand, allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.

Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft, die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft, wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu verschließen.

Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen, wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete, schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben zu verwechseln — mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust schwenkend.

Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte, handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu, und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden, wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«

Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn gehört hätten, die der treue Kamerad — ein Großindustrieller, der die Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt — nach erfolgreich abgelegter Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des Familienglückes.

Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise lag — was noch niemals vorgekommen — auf eines jeden Tisch ein Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht zum Essen, habe auswärts zu tun!«

Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.

»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn- und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch, lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier, eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen. Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu' pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg, damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder, bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich, heimgekehrt sein.«

Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken. Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte, wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande. Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an seine hehre Aufgabe hingibt.


Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend, daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen Gugelhupf zu backen.

Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war, Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu schreiten.

Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand, den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie, unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«

Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte, so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er sich.

»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein Gitter, immer ein Käfig ...«

»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit einem Blick in die Ferne.

Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt, seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte, dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon, daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte, die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher Verklärung leuchtete.

»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!« bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«

»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«

»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix. »Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«

Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben. Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.

So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.

Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...

In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern entstieg dem gewaltig hinziehenden Strome, der hier wohl an die vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll, von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh verwandelte Jo.

»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu — in einer halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also aufgepaßt! Eins ... zwei ...«

»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst dir die Sache einfacher vor, als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund, am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was anderes ausdenken.«

»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst. Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen? Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein Ende zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt, noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte — ich habe nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen. Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir gefällt, und was du nicht lassen kannst!«