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Der Berg der Läuterung

Chapter 5: Die Sphinx
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About This Book

A collection of five short stories that probe moral and emotional states through intimate vignettes. Scenes trace interactions between the comfortable and the dispossessed, unveil quiet hypocrisies of polite society, and introduce uncanny or allegorical elements — a parlour doll speaks, enigmatic figures provoke reflection — to expose inner doubts, regret, and yearning. Narrative voices alternate between close psychological observation and symbolic imagery, emphasizing contrasts of wealth and want, appearances and conscience, and portraying gradual processes of moral and spiritual reckoning.

Die Sphinx

E

»Es war noch in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal, wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt, mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen. Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen, und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.

Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte, befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen, aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch, vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß, daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine, im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten Frau hätte sein können.

Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht, je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille, verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso, als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr, zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob. Äußerlich zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an, als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens, stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen Blick miteinander getauscht hätten.

Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen, meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus, wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.

Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte, erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt war, und zum Widerspruch gereizt die Seite der Gegenpartei ergriff, indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte, als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall, den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm, in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu, die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen Tag bei ihm ausharren würde.

Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung. Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen, so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte mir, daß ihre vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin, unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit, ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden. Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen: gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine mitleidige Teilnahme eher dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.

Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt. Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen, und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben nicht umhin konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung verlassen hatte.

Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich, zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914 uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden. Es genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife zu schürzen sich bemühte.

Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen, die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen. Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter, sich selbst und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen, daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben wollte.

Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen, im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit, von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher, rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor, auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand. Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig erduldeten Dienstbarkeit — es war doch einer jener großen, suchenden, von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn ich mich nicht gänzlich täuschte.

Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln, er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff, je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.

Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam, in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat, sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig, einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.

Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum, oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen, hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft, die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.

Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum der Evangelien« — dies war der Ausdruck, den er gebrauchte — hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit, wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und schöneren Zukunft.

Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen, der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt gelten mochte.

Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster, die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen, erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da, kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah, wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete, ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten, wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt wurde.

Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein mochten — wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze, wo das Menschenmögliche endet — tausendfach und eindringlicher als je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen, um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich, in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden, als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung, Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten miteinander gewetteifert — so lange in all solch frommem Abbruchtun und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt, läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der Weltlust verschlungen zu werden.

Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor, wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt, bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles, was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach, das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum — denn das Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich nicht in Begriffe fassen — allmählich die Überzeugung in mir fest, daß sie seine Geliebte sei.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine »Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.

Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf. Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.

Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum, daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick; etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir, so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns gezwungen sehen, anzuklagen.

Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen, irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette, die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem, goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte. Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick, den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.

Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten. Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte, ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß — was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.

Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen, verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig — so was füttern wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«

»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine Forderungen gründest?«

»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«

Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.

»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.

»Bedauernswert!«

»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«

In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt. »Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen lassen.«

Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte: »Was bringst du mir?«

»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«

Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:

We quench our longing, that we may be still,
Content with merely living,
But would we learn our hearts full scope,
Our lives must climb from hope to hope
And realize our longing.

»Das would macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre wahre Natur sich frei entfalten.«

»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher herausarbeiten.«

»Hast du eine Übersetzung versucht?«

»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen, als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden Sie selbst.«

Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:

Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen,
Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben,
Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte.
Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben
Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte,
Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen,
Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.

»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. — Nun wollen wir aber auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«

Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon ungehalten sein.«

Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er heftig.

»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.

»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch — was sinkt, soll man stoßen!«

Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden würde.

Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr leisten!«

Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter, die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...

Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit dem Elend, gehört es — wenigstens für hochstehende Menschen — nicht auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit, der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci, der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen — ist der etwa ein empfindsamer Schwächling?«

»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«

Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte auf alle Fälle meinen Eifer.

Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen, zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«

»So gibt es doch noch eine Pflicht?«

»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«

»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in Widerstreit gerät?«

»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«

Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde, immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.

Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt vielleicht — die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«

»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen! Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur einmal in Amerika an!«

»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.

»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern nichts davon wissen wollen.«

»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst, die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach der Tag der Befreiung an.«

Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ... Nur freilich — ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«

»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«

»Welches Rätsel?«

»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch. Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«

Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie, »daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«

Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung über alles!

»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob, entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und dasselbe?«

Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz erloschen ...

Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke — und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln. Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...

Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in dem sie wohnte.

Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt, noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen. Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben. Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill ... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.

Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben war.

Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen — aus Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen Ton gehalten — nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber, daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden weilte.

Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je vorausgesehen hätten.

Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«

Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus, schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren. Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte, schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können. Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.

Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.

»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.

»Wohin?«

»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend. »Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«

Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.

Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie wiedersehen ...

Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde. Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«, wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort »Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.

Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen, soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden waren.

Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe, blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten, wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt wären.

So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine »Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals, wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.

Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft, die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich, nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ. Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas. Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten, samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.

Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen hätte, Nachricht geben könne.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der, wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf die er mich aufmerksam mache — das mir wohlbekannte Telegramm war im Ausschnitt angeschlossen — sich auf das verschollene Paar beziehe.

So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch »Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf, die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends überschritten worden sei.

Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte, das er als Seelenforscher an der Sache nahm.

Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen, durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber, wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens einigermaßen zu revolutionieren.

An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg, an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen, meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen identisch seien.

Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet hat.

Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen, und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen, vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor, daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten hatten.

Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte, unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.

Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen, hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet, gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden. Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat, meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die Bergwanderung bildete.

In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.