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Der Berg der Läuterung

Chapter 6: Der Mieter
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About This Book

A collection of five short stories that probe moral and emotional states through intimate vignettes. Scenes trace interactions between the comfortable and the dispossessed, unveil quiet hypocrisies of polite society, and introduce uncanny or allegorical elements — a parlour doll speaks, enigmatic figures provoke reflection — to expose inner doubts, regret, and yearning. Narrative voices alternate between close psychological observation and symbolic imagery, emphasizing contrasts of wealth and want, appearances and conscience, and portraying gradual processes of moral and spiritual reckoning.

Der Mieter

E

»Es wird behauptet, daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.

Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und das taten sie alles nur ihm zuliebe.

Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit, wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht, die Herrn Pleß oblag, aber bis zu einem gewissen Grade läßt sich beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in dem man sie verrichtet.

Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen. Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so ungefähr die allgemeine Meinung.

Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat — denn das war Pleß nach und nach geworden — den Betreffenden ganz erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«

Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte — wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und das war schließlich doch auch etwas!

Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein, der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt — du lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den Zahlen und der Familie zu erholen.

Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.

Der Herr Oberrechnungsrat — diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm er kurz vor Ausbruch des Krieges — sammelte insgeheim Bücher. Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden — beileibe! Dazu reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben: Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne, Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen — wie wohlfeil damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit Büchern austapeziert.

In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte, das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er verzichtete.

In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte, dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.

Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.

Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war. Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen, es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen Boden fand.

Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und scheuchten sie weit fort.

Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein, ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens Kinder mit der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder, freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.

Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein, das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren, frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die Bücher.

Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln, das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren. Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort gab es freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug — aber es blieb eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.

Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können — erst nachträglich sah er es ein — wäre wenigstens diesem Zustand Dauer beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende nehmen.

Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten Lesetisch.

Verschlossen und gequält saß er da und las und las — aber selten und immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.

So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.

Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn Pleß ins Vaterherz.

Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er fast ununterbrochen im Amt.

In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so hatte seine Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.

Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«

Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit denen er ihn anstierte.

»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten ...«

Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner Arbeit zu.

Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht eintraf.

Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter, weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein sauber mundiertes Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.

Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie eine Raupe, die sich eingesponnen hat.

Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre. Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr — was frommte es ihm, sein eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen pflegte.

Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so lästig zu werden, daß er schließlich doch nach Hut und Stock griff. Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen, hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.

Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.

Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich, indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was er früher wert gewesen.

Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte, aus denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder Vernunft angenommen hätten.

Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen sie allmählich sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf, las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher betrogenen Volkes.

Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet, die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt. Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?

O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.

Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es lag ihm für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi, die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit zuzulegen.

Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt — um sie brauche er sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte, und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit dem zufrieden zu geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.

So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt das immer zum Nachdenken Anlaß.

Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines neuen Bandes — wieviel Farbe hatte das alles in sein Leben gebracht! Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing, wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.

Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden, wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.

Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen, ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte — ein jeder, der Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können — das mußte gerade er als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache an.

Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde! Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm? So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren — aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens Leben.

Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!

»Ja, wieso denn? Die Wohnung —«

»Bitte, hier die Legitimation.«

Himmel! Die städtische Wohnungskommission!

Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind, während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die Herren hindurchgeleitete.

Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten. Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.

»Jawohl, dies ist das Schlaf — das Schlaf —«

»Sie sind Witwer?«

»Leider, leider!«

»Alleinbewohner?«

»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«

»Wer ist die Resi?«

»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«

»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«

Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.

»Und hier?«

»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«

»Ihrer Tochter —?«

»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«

»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«

Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.

»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.

»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.

»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der Kommission war, sich an Pleß.

»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich ... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...! anno ...«

»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen allgemeinen Überblick.«

»Eins — zwei — drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der Protokollführer schrieb auf.

»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«

Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.

»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«

»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«

»Dies die Küche?«

Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder ins Schloß.

»Und hier, die Tür nebenan?«

»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines ... bescheidenes ...«

»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.

»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«

»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war mir ein ganz besonderes ...«

Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen würde.

Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich darf wohl hoffen —? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich —?«

»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.

Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe hinunter und waren fort.

Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.

»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie mir nicht in den Suppentopf geguckt haben — sonst alles! Nein, da hört sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«

»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.

Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission, offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen, ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte auch jeder der Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen. Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-, Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.

Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er ängstigte sich.

»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer —? Wer weiß, am Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«

»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«

»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich — »verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich nicht! Sie hätten ja fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen —!? No also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«

Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick daraus würde drehen können.

Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt: »Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«

Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen (denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin zubilligen müsse.

Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung fürchtete.

Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind wirklich aus dem Wasser!«

Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie, was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären, die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab', und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben, bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein Abstauben überhaupt auf. So — das tät' ich ihnen ordentlich unter die Nasen reiben! — Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie — wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«

Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand ständiger Erregung befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit, das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.

Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern packen.«

Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.

»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! — Ja, haben Sie denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.

O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den vielen Büchern, die er besäße, eine ganze Bibliothek ...

»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte ungehalten.

Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.

Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen —? Dann würde ich Ihnen empfehlen, suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät, und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf Kindern hineinbekommen!«

Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden, daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel. Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung, daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht ausdrücklich auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den eingepaßten Regalen standen — was wäre aus denen geworden, wenn es der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld —?

Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer freiwillig abgebe — bleibe ich dann im übrigen ungestört?«

»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.

Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber in diesem Augenblicke — beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag, der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu verschmelzen versprach.

Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen sozialen Öles gesalbt.

Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen Bekannten bei sich aufnahm — dies kleine Opfer konnte er wirklich bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in reifliche Erwägung ziehen werde.

Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.

Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege, dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht zweitausend Kronen und mehr — welche Summe für einen Festbesoldeten auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl, Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert, einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?

Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.

Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören würde, bloß ein Bekannter zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der Seite seines Bettes stand!

Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen. Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war, hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt, von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht sozusagen für den Retter dieses Menschen halten zu dürfen, war doch er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz — mußte es auf der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche Frucht tragen würde?

Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen ließ.

Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob, stand wie gerufen der Gesuchte selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.

»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück Weges.«

»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«

»O — bitte, bitte!«

Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine Wohnung von vier Zimmern hätte ...

»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.

»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem Zufall übersehen ...«

»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.

»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß, etwas unsicher geworden, und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.

Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und staunte ihn groß an.

»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht! Gemacht! Das heißt — was verlangen Sie dafür?«

»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen — ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn ziehen.«

Abermals blieb Scheinemann stehen.

»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein! Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine! Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«

Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich einziehen?«

»Wann es Ihnen paßt.«

»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! — Pardon!« rief er plötzlich in Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten, wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt: Gemacht! Gemacht!«

Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.

Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten —? Gab es jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...

Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes zu verhüllen pflegen — was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...

Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem passe.

Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi: »Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter. Morgen früh zieht er ein.«

Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte, verkündete nichts Gutes.

Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann, bescheiden.«

»Ein bißchen klein —!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«

»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«

»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«

Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie gekommen, in ihrer Küche.

Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran, das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu fahren.

Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon zu Gesicht bekommen?«

»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi empört.

Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben. Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt, und das andere sein Bureau.

»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«

Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und sah sie mit aufgerissenen Augen an.

»Tippmamsell —? Bureau —? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett hineinschieben?«

»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«

»So —? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«

»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand mit dem Suppentopf.

Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak er zusammen — die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte. Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür. Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.

Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist denn gekommen?«

»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner Treu', das hat sie g'sagt!«

»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung nahe.

»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein, so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in der Hoffnung!«

Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit, sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das Päckchen.

Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.

Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.

Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch, daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger Mieter hereingesetzt würde, möglicherweise sogar der angedrohte Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.

Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert, im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe von Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...

Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese — Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«

Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie, die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der Hand gefallen, vor lauter Scham.

»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab' ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er — ist daneben im Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig, wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«

An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst. Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese Gedanken sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.

An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt: »Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange getreten. Denn im Bücherzimmer saß — Herr Scheinemann!

Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.

»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern. »Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer! Und Bücher haben Sie — mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab', sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«

Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort, während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere, der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie denn wirklich schon Rechnungsrat —? Und sogar schon a. D.? Wie ist denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«

»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die Regierung nicht pariert, so gibt's ganz einfach Streik. Verstanden? Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert. Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien' ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn, den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent dazu.«

»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum heißt sie Kondor?« fragte er.

»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten — kurz, mit allem, womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig welches. — Gibt es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher ...«

»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein, wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt, einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«

»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß, seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.

»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel. Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer. Meine Braut — wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor — bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten. Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser. Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr zu dermachen.«

Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.

»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«

»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert — dreißig, vierzig Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum, Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens — Ihren Rock und Hut sollten Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat. Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«

In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum gewesen war — Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins Genick versetzt.

»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin, so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-, dreitausend Kilo im ganzen — spielt gar keine Rolle, was? Also gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat — ja richtig, der Casanova!«

Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür aufgeschlossen — den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte, hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt konnte man das Abladen von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke gewälzt.

Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr an ...

Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne, der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.

Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat, standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.

Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe. Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen, Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.

Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war, irgendwo in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer, als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte, zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.

Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem, was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und suchten ein anderes Ziel.

Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände, um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles, was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft und Vereinigung ist uns erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht zurückgeflossen ist ins All.

In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...

Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.

Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war, unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren- und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten, legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt am Samstag würde abgeholt werden.

Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend: »Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«

Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt, es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch eine Gasausströmung verursacht hatten.

So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug, um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.

»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es sich eingeschlichen!«

Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint, Sie merken gar nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«

Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer erfüllte.

»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«

»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat vor sich hinsinnend.

»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«

»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende gemacht werden!«

Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung ehestens zu räumen.

Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach seiner Meinung keine andere mögliche Antwort darauf als die, sich zu empfehlen.

Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen, anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür, als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.