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Der Bürger

Chapter 5: IV
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About This Book

The narrative follows a teenage gymnasium student who confronts the pressures of a conservative bourgeois household and his own timidity. Small incidents—hesitation before buying a provocative pamphlet, encounters with stark social inequality, and family prescriptions about career and conduct—awaken philosophical doubts and moral unrest. He constructs arguments against the existence of God, feels a growing impulse to oppose social injustice, and resists relatives who envision a safe bureaucratic future for him. The work traces the inward conflict between conscience, social expectation, and a burgeoning desire for intellectual and ethical independence.

IV

Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen, zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.

Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not. Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.

Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad. ‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die Leute darin leben ... stinkts!‘

Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.

‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘

Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.

‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘

Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf. Der Tag war schön gewesen.

‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘

Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum Fenster hinaus.

An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“ Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.

Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete, einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch heraus.

Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.

„... Denn überall haben in Wirklichkeit die Monopolisten die ganze Macht: eine Macht, so unbeschränkt, daß auch die Schule, Kanzel, Presse, öffentliche Meinung, Polizei, Militär, Justiz, der ganze Staat ihr Staat ist und die Regierungen in allen Vaterländern nur die Schatten der Monopolinhaber sind, Schatten, die, wie der Schatten eines beweglichen Gegenstandes, jede Bewegung dieser Allmächtigen mitmachen müssen. Schon stehen die Monopolinhaber aller Vaterländer wieder vor dem Knopf, und die Schatten blicken unverwandt auf die Monopolinhaber, bereit und gezwungen, den Krieg – Krieg um Rohstoffquellen, Eisenbahnkonzessionen, Absatzmärkte, um den Weltprofit – zu erklären in dem Moment, da jene auf den Knopf drücken“, schloß der Agitator, der unter dem dösenden Gaslicht auf einem Küchenhocker saß, seinen Vortrag.

Katharinas Zimmer war sehr niedrig. Der Agitator erhob sich, vorsichtig, um mit dem Kopfe nicht anzustoßen an den Gasarm. „Nicht nur für einzelne Menschen, Genosse Jürgen, auch für das Proletariat gibt es, da die ökonomischen Voraussetzungen zur Ablösung der kapitalistischen Konkurrenz-Profitwirtschaft durch die proletarische Bedarfswirtschaft längst gegeben sind, immer wieder das, was du Schicksalspause nennst – weltpolitische Situationen nämlich, in denen das Proletariat sich entscheiden kann für die soziale Revolution oder für einen imperialistischen Krieg, in dem Millionen fallen. Das Weltproletariat steht immer wieder in dieser Schicksalspause. Wie wird es sich das nächste Mal entscheiden?“

Und während er seine Notizen einsteckte: „Der Genosse Jürgen! ... Unsere Bezirksführer! Und hier: Unser Vertrauensmann.“

Die neun standen an der Wand lang, hockten auf dem Fußboden und dem Fenstersims. Zwei rauchten aus kurzen Pfeifen den Tabak, dessen dunkelblauer Qualm, von dem Spaziergänger unverhofft im Freien eingeatmet, gut riecht und im Zimmer wie Gift beißt.

Jürgens Augen folgten dem Blicke des Agitators, der lächelnd sagte: „Ihr beide kennt einander ja schon sehr lange, hast du mir erzählt.“

Katharinas Gesicht, das außerhalb des Lichtkreises hinter der Schreibmaschine im Schatten hing, sah übermüdet aus. Neben ihr stand ein grauer Emailteller mit kaltgewordenem Kraut und kaltgewordenen Fettbrocken, an der Rückwand ein Gaskocher und ihr schmales Eisenbett.

Fühlbar stand die Wirkung des Vortrages im Zimmer und sichtbar in den Blicken der neun Bezirksführer.

Ein noch junger Holzarbeiter, dessen Gesicht, eingetrocknet und kleiner geworden, schon einer gedörrten Frucht glich, sagte, leicht werde es ihm nicht fallen, an die Genossen in seinem Bezirke alles das klar und faßlich weiterzugeben. „Aber faßlich muß es sein, sonst verstehts niemand.“

Der Vertrauensmann, ein dunkelgesichtiger, stoppelbärtiger Metallarbeiter, an dessen rechter Hand zwei Finger fehlten, streckte diese Hand vor: „Vier Hauptpunkte mußt du festhalten“, sagte er, zählte an den Fingern her und mußte schon wieder beim Daumen beginnen: „Und viertens, daß die Arbeiterschaft gegen einen derartig gewaltigen Machtblock eben nur bei schärfster Disziplin und überhaupt nur durch eine ganz starke Organisation etwas ausrichten kann.“

Unter dem Sims, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, saß auf dem Fußboden ein schon bejahrter Kartonnagenarbeiter. Seine Hand rückte ununterbrochen und selbsttätig unsichtbare Gegenstände zehn Zentimeter seitwärts: Die arbeitende Hand machte den Griff, den sie ein Leben lang von früh bis abends in der Papier- und Kartonnagenfabrik des Herrn Hommes gemacht hatte.

„Beruhig du dich nur. Die Genossen in deinem Bezirk werden dich schon verstehen. Was dir deiner Lebtag auf die Haut brennt, das begreifst du leicht“, sagte er und setzte sich auf die arbeitende Hand, die sich Sekunden später wieder befreite und weiter ihre Arbeit tat.

„Wegen der Frauenlandeskonferenz! Weil sie eben in dieser Woche in vier Versammlungen das Referat hatte. Und auch sonst viel Arbeit, Sitzungen, Schreibereien und so ... Jetzt mußt du ein paar Tage ausspannen, Genossin Lenz.“

„Ich brauche nur Schlaf. Fünf Stunden!“

„Ja, ja, Schlaf“, sagte der Kartonnagenarbeiter und setzte sich wieder auf seine tätige Hand.

Katharina wandte das Gesicht Jürgen zu. Und es schien, als habe sie den Blick, mit den sie ihn vor acht Jahren im öffentlichen Parke angesehen hatte, in ihre Augen zurückgeholt. Sie lächelte, und hinter diesem Lächeln stand die Antwort auf seine damalige Frage: ‚Aber wie? Wie soll man sich aufopfern?‘

„Der ist erst fünf Tage später abtransportiert worden.“

Dann hörte Jürgen, wie der Metallarbeiter zu den zwei Pfeifenrauchern sagte: „Weil der Kriminaler, der mit dem Kopf ins Fenster gefallen ist, dabei ein Aug eingebüßt hat und deshalb die Reise nicht mitmachen konnte.“ Und trat zu den Dreien in die Fensterecke. Auch der Agitator war hinzugetreten.

„Wenn sie den packen – unter fünf Jahr gehts nicht ab“, sagte der Metallarbeiter noch.

Der Holzarbeiter mit dem vertrockneten, kleiner gewordenen Gesicht sprach schriftdeutsch: „In der Zeitung stand: Ein gutgekleideter, ungefähr fünfundzwanzigjähriger Mensch, Kaufmann oder Student, augenscheinlich ohne Kopfbedeckung.“

Und der Agitator: „Auch heute waren wieder Kriminalbeamte im Parteibureau ... In diese romantischen Polizeischädel geht es nicht hinein, daß die Aufgabe der modernen Arbeiterbewegung nicht darin besteht, Attentate zu organisieren und Attentäter gewaltsam zu befreien.“

Die Mütze hatte ich in der Tasche, dachte Jürgen und fragte: „Was sagten Sie eben?“

„Das Gefühl der Empörung übrigens, das diesen jungen Menschen zu dem Befreiungsversuch veranlaßte, ist dasselbe, das in allen Klassenkämpfern lebendig ist; aber die müssen, so schwer das ihnen auch wird, ihre Empörung oft in sich zurückhalten“, fuhr der Agitator fort, Blick vor sich hin gerichtet und in einem Tone, als dachte er, wie sehr viel leichter das Leben sein würde, wenn der Kampf um den Sozialismus in derartigen Taten bestehen könnte, anstatt in der jahrelangen, lebenslangen, zermürbenden, täglichen Hingabe.

„Ja, aber dazu noch wöchentlich zweimal Bildungskurs in der Jugendorganisation!“ rief bei der Rückwand ein Bezirksführer. Zwei andere sprachen über den letzten Lohnkampf, der die Transportarbeiter sehr geschwächt habe. Im Stock erklang das in sich erstickende Geschrei eines Säuglings.

Unter dem Brustbein empfand Jürgen einen immer schwerer werdenden Druck, als stecke er bis zum Kinn in dickflüssiger Moorerde.

„Wollen wir anfangen?“ fragte der Agitator. Und Katharina hob den Deckel von der Schreibmaschine.

Die zehn schritten durch die Finsternis, vor sich die fensterlosen Rückseiten schmaler, turmhoher, freistehender Mietskasernen: tote Silhouetten. Ein langer Güterzug kroch aus dem Arbeiterviertel heraus, ins flache Land hinein. Wasserglanz in dunkler Ferne und das gedämpfte Rasseln eines Schleppers, der eine Reihe Frachtschiffe stadtwärts zog. Der lange Pfiff der Lokomotive schlug einen Bogen durch die Nacht.

Geschrei brach ihnen entgegen, stieg an: ein Knäuel Wutgebrüll. Über allem die Frauenstimme, die wie die Verzweiflung selber schrie. Und als die zehn den Lichtkegel, der aus dem Parterrefenster auf die Straße fiel, erreicht hatten und ihn durchschritten, war es drinnen völlig still. Drückende Stille. Und dann Wimmern, Weinen, gestoßen ausbrechendes Geheul, fessellos, als weine die Verzweifelte alle Not ihres Lebens und das Leben selbst aus sich heraus.

Darüber entstand ein Gespräch. Ob der Mann die Frau und weshalb er sie wohl geschlagen habe, und warum sie gar so arg flenne. „Die Gründe kennt man“, sagte der Holzarbeiter.

„Ja, das sind im Grunde immer die selben.“

„Wie schön die Nacht ist.“

„Ja, wenn man so marschiert.“

Die neuen Backsteinhäuser des wachsenden Arbeiterviertels, gleichförmig, unverputzt, wie über Nacht hingestellt – lineare Straßen, bei den Feldern endend wie abgehauen –, stießen feuchten Kalkgeruch ab. Kein Fenster war erleuchtet. Die Arbeiter schliefen schon. Vor einer alten Villa, die eingeholt und überholt worden war von der wachsenden Stadt, stand ein Schutzmann mit einem Polizeihund.

Das Weinen war verendet. Die Schritte hallten im Gleichmaß.

„Aber Parteimitglied wurde ich – das sind jetzt sechsundzwanzig Jahre her“, erzählte der Kartonnagenarbeiter. „Seitdem hat sich viel geändert.“

Sechsundzwanzig Jahre, dachte Jürgen. Sechsundzwanzig Jahre.

Hohe, leuchtende Fenster, fünf lange Reihen übereinander, traten aus der Dunkelheit heraus. Die zehn schritten hinein in das Klipp-Klapp-Geräusch der Transmissionen: die Nachtschicht bei der Arbeit.

„Heut ist die Partei eine Macht ... Wenns auch langsam geht ... Mitbestimmungsrecht ... Die straffe Organisation ... Ja, viel Arbeit gewesen“, vernahm Jürgen, der mit dem Holzarbeiter und dem Metallarbeiter einige Schritte voraus war.

Schweigend über die kleine Eisenbrücke. Durch den kühlen Teergeruch. Auf der äußersten Spitze des zugebretteten Frachtschiffes im Kanal stand ein winziger Hund, der blickte. Schon durchbrach dort und hier das Lichtermeer die Baumkronen.

Jürgen konnte nicht durchatmen, als wären seine Lungen luftgefüllt und hermetisch verschlossen. Konnte nur vom Halse weg atmen. ‚Lebenslang außerhalb des Lebens zu stehen, bedeutet es. Und nur ein winziges Teilchen der großen Bewegung zu sein und gewesen zu sein.‘ Der Druck in seiner Brust wich nicht.

Sie gerieten in die Menge hinein, die das Theater verließ und dem Korso zustrebte. Es war erst zehn Uhr. Vor allen Cafés saßen die Gäste im Freien. Auch vor dem Grandhotel ruhten elegante Herren und elegante Damen in Korbsesseln und genossen die herrliche Sommernacht. Auf der funkelnden Weinterrasse, blumenüberhangen, von der Straße leicht abgesondert durch Lorbeerbäume, rollten die Kellner lautlos die Servierwagen an und ab, tranchierten Geflügel, öffneten Weinflaschen. Zu Verbeugungen erstarrte Fragen. Das Streichquartett spielte diskret.

Die vier Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster spritzten weißes Licht in die Menge – Studenten, junge Kaufleute, Fremde und Offiziere mit ihren Kokotten und Damen –, die straßauf, straßab bummelte, in so gemächlichem Tempo, daß die zehn wie ein marschierender Fremdkörper wirkten. Vor dem Juwelier blieben sie stehen. Alle zehn. Jürgen mit dem Blick zur Weinterrasse.

Plötzlich bekam er einen Schlag gegen das Herz. Sagte zweimal den Satz: „Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.“ Sah an sich hinunter, überzeugte sich, daß er sorgfältig gekleidet war, und drehte sich wieder um zum Schaufenster.

„Also, auf morgen!“ rief der Holzarbeiter noch zurück und lächelte bekannt und dennoch fremd.

Die erste Geige sprang mit einem unerwarteten, funkelnden Saltomortale aus der Begleitung heraus, jubelnd empor. Ein übriggebliebener Gedanke irrte noch in Jürgen umher, wurde immer wieder zurückgestoßen, schrie lautlos und gellend das Wort ‚Schicksalspause‘. „Das ist es ja nicht. Das ist ja unwichtig“, murmelte Jürgen und zog die Handschuhe über.

Erst als er schon vor einem weißgedeckten Tischchen auf der Weinterrasse saß, gegenüber zwei schweigsamen, schönen Engländerinnen, bemerkte er Adolf Sinsheimer und noch drei Schulkameraden, die, elegant zurückgelehnt, ihre seidenen Strümpfe sehen ließen und, die ganzen Oberkörper langsam vorbeugend, Jürgen grüßten. Er setzte sich zu ihnen.

Stand sechs Stunden später auf der Straße. Die Vögel pfiffen schon. Die Menschen schliefen noch. „Nun, und jetzt? ... Ich war betrunken.“

Er dachte, von Ekel geschüttelt, an die Szene in dem orientalischen Salon, in dem er mit den Schulkameraden gewesen war. Sah die Amsel an, die auf dem Staketenzaun saß. Seine Knie wurden weich. Er mußte sich auf die Steintreppe setzen. „Das Ganze hat nicht mehr und nicht weniger zu bedeuten, als mein imaginäres Duell mit Karl Lenz.“

Die Amsel sperrte weit den gelben Schnabel auf: „Das stimmt. Und stimmt doch nicht.“

„Denn einmal, meinst du, nicht wahr ...“

„Eben das meine ich!“

Jürgen hatte das Empfinden, in die Tiefe zu stürzen, und fuhr aus dem Schlummer. „Wenn das so weiter geht, werde ich einmal nichts mehr selbst entscheiden können. Das Schicksal wird mir keine Pause mehr gewähren.“

Am Nachmittag – sie hatten eben Kaffee getrunken – blickte Jürgen nachdenklich die im Sessel schlummernde Tante an, lehnte sich auch in den Sessel zurück, Wange auf dem gehäkelten Schutzdeckchen.

Die Heiligenbilder an den Wänden hielten die segnenden Hände erhoben über die beiden. Auch der Vogel im Käfig ließ die Schlafhäutchen über die Augen herab. Die blauen und silbernen und goldenen, kopfgroßen Glaskugeln im Garten funkelten in der Nachmittagssonne. Eine Wolke zog still am Himmel hin. Der Perpendikel sagte: Rich...tig, rich...tig.

Das fadendünne Drahtseil lief von Jürgens bequemem Backenstuhl weg, in viel tausend Meter Höhe vorbei an den in Not und Kampf Stehenden dieser Welt. Jeder hielt sein gepeinigtes Herz in der Hand. Da, wo das Seil endete – in ungeheuer weiter Ferne –, leuchtete Katharinas Stube. Auf Jürgen zu, in blauer, gefährlicher Höhe, bewegten sich die neun Proletarier und erwarteten Jürgen so gläubig, daß er nicht widerstehen konnte, das fadendünne, schwindelhohe Seil ebenfalls zu besteigen.

Ein paar Meter vor ihm balancierte, vom Absturze bedroht, ein Mensch auf dem Seile. Jürgen erkannte in dem gefährlich Schwankenden sich selbst, rief sich an in kaltem Schrecken.

Da marschiert er mit den neun Proletariern den Korso hinauf, sieht die promenierende Menge, die vier lichtspritzenden Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster. Hört die Streichmusik, erkennt die Melodie.

Die Schicksalspause tritt ein.

‚Also, auf morgen!‘ sagt der Holzarbeiter.

Diese photographische Genauigkeit! Ich sah im Traume sogar die gelbe Rose in Adolfs Knopfloch, deren tatsächliches Vorhandensein mir gestern nicht einmal in der Wirklichkeit bewußt geworden war, denkt Jürgen, der träumte, erwacht zu sein. Steckt sich die Rose ins Knopfloch.

Sitzt mit Adolf Sinsheimer und den drei Schulkameraden auf der Weinterrasse. Plötzlich verdichten sich die vier Körper in einen Körper, auf dessen Hals die vier Köpfe stecken.

Alle vier Gesichter haben den selben zotigen Zug um den Mund, denkt Jürgen. ‚Wie Männer, wenn sie eine wehrlose Frau auf der Straße ansehen. Den selben, das Menschenauge schändenden Blick, den kein Tier dieser Erde hat.‘

Alle vier Münder gleichzeitig sprechen ein furchtbares Wort: Ein Menschenschrei, gefangen im Kellergewölbe. Dann nimmt der Vierköpfige ein kleines Küchenmesser mit brauner Holzschale aus der Westentasche und stemmt Jürgens Schädeldecke auf.

Die Hauptmasse des Gehirns reißt er mit der Hand heraus. Das Hängengebliebene kratzt er mit dem Küchenmesser sorgfältig ab.

Dabei hört der zu maßlosem Entsetzen Erstarrte die erste Geige im Weinrestaurant jubelnd in die Höhe steigen.

Der Vierköpfige wickelt ein sorgfältig verpacktes, neues Gehirn aus, um das herum – wie um eine Sektflasche die Steuerbanderole – das Fabrikzeichen klebt, preßt es in Jürgens offenen Kopf hinein und paßt die Schädeldecke wieder auf.

Schmerz und Entsetzen verschwinden augenblicklich.

Die Schulkameraden sind jetzt wieder alle vier da. Als fünfter sitzt Jürgen bei ihnen, spricht wie sie, denkt, lacht wie sie, hat den selben zotigen Zug um den Mund, den selben Blick, weiß das alles und fühlt sich wohl dabei.

Nur der Menschenschrei im Kellergewölbe, der wie gefangener Gesang klagend weiter tönt, stört ihn. Deshalb leert er die bis zum Rande mit Sekt gefüllte große, weiße Kaffeekanne auf einen Zug. Steht plötzlich in dem orientalisch ausgestatteten Salon, in dem fünf halbbekleidete Mädchen auf Ottomanen liegen. Schaudert zurück, weil die Brüste mit kurzhaarigem Pelze bewachsen sind. Und erwachte wirklich.

Der Vogel und die Tante schliefen noch. Und die still am Himmel hinziehende Wolke hatte noch nicht einmal die Krone des Nußbaumes im Garten passiert. Die selbe Fliege saß noch auf der weißen Kaffeekanne und saugte an dem selben Tropfen, der an dem Schnabel hing.

Als ob der Entschluß, der seinem ganzen weiteren Leben eine andere Richtung geben mußte, sekündlich in Jürgens Empfinden übergegangen wäre, hatte sich mit dem Entschlusse unversehens sein ganzes Körpergefühl verwandelt. Gang und Glieder waren schwer geworden. Alles Gewesene und die Umwelt hatten an Gewicht verloren.

Jürgen, entschlossen, sich auf sich zu nehmen, verließ, ein schweres Ganzes, die Villa, um nicht mehr zurückzukehren.

Sein Gefühl wußte, was er auf sich nahm. Dieses Gefühlsbewußtsein lastete von dem ersten Schritte an, den er außerhalb des Gartens tat, so schwer in ihm, als hätte es seit Jahren sein Wesen bestimmt. Das Bisherige war versunken. Dahin gab es kein Zurück mehr.

Er möge ein bißchen warten, rief Katharina durch die verschlossene Tür, trat schnell vom Arbeitstisch weg in die Mitte des dunklen Balkenkreuzes, das den Fußboden vierteilte.

Beide Hände in den Taschen des Sweaters, blickte sie prüfend rundum in ihrem großen Parterrezimmer, ohne sich vom Platze zu bewegen. Die geblümte Tapete, älter als Katharina, war mit vielen kreisrunden Rostflecken übersät, an vielen Stellen gesprungen und mit Markenpapier zusammengeklebt. Nur eine Gasflamme brannte an dem Doppelarm.

Nachdenklich strich sie sich mit dem dünnen Mittelfinger über die braune, gebogene Braue, berührte dabei die Lippe mit der Zungenspitze, wie vor Jahren an dem Abend, da sie, stehend in ihrem Mädchenzimmer, den Entschluß, für immer das Elternhaus zu verlassen, gefaßt und sofort ausgeführt hatte.

Auch jetzt machte sie diese Doppelgebärde, als habe sie einen Entschluß gefaßt, entzündete den zweiten Glühstrumpf, schloß das Fenster, von dem aus die fernblinkenden roten und blauen Lichter des Rangierbahnhofes und der Eisenbahnwerkstätte zu sehen waren, und zog den Vorhang zu. Mehr Verschönerungsmöglichkeiten gab es nicht.

Im Zimmer, nun abgeschlossen von der Außenwelt, war es ganz still. Nur das Herz klopfte. Schon mittenweges zur Tür, kehrte sie noch einmal um, setzte sich, Hand auf dem Herzen, und staunte.

Hinter der verschlossenen Tür stand Jürgen in schwerer Ruhe.

Sie schob, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, beide Hände sofort wieder in die Sweatertaschen, erkannte an Jürgens Blick sofort, daß der Grund seines Besuches ein anderer war, und nahm die Hände wieder heraus.

Er hatte ihr nicht die Hand gereicht. Er saß schwer am Tisch und erzählte, ohne Einleitung, sachlich und ohne Scham, als schildere er das Erlebnis eines andern, was sich gestern mit ihm ereignet hatte. Dabei machte seine Hand, die schwer auflag, kleine verstärkende Bewegungen. Auch als er, bemüht, sich und ihr das gestern Geschehene verständlich zu machen, in großen Zügen sein bisheriges Leben erzählte, schilderte er die Leiden, die Demütigungen und die nicht durchgekämpften Kämpfe des Kindes und Jünglings so, als spräche er von einem beliebigen anderen.

So ergab sich, während sie die Abendsuppe bereitete auf dem Gaskocher, der auf einem niedrigen Kistchen stand, so daß sie öfters in tiefer Kniebeuge sitzen mußte, ein Gespräch über Einzel-Ich und Umwelt.

Einst, vor Jahren, als sie noch nicht Sozialistin gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, was geschehen würde, wenn einmal eine ganze Generation nicht als machtlose Kinder, sondern, ungebrochen durch falsche Erziehung, Autorität und Umwelt, gleich als Zwanzigjährige geboren werden und so auf dem Kampfplatz erscheinen würde. Mit der Kraft ihres unverbogenen Wesens würde diese Generation ohne Schwierigkeit das Ganze über den Haufen werfen.

„Leider aber kommt der Mensch als wehrloser Säugling auf die Welt“, schloß sie und lächelte froh, als sei diese Wehrlosigkeit das Erfreulichste, das dem Säugling geschehen könne. Das Herz klopfte nicht mehr.

Sie gab sich Mühe, besonders gut zu kochen, fragte, ob er die Hafersuppe lieber dick oder dünn, süß oder weniger süß esse.

„Das ist mir ganz gleich. Ich habe noch niemals Hafersuppe gegessen.“ Er beobachtete, wie sie herumhantierte, sich tief zu Boden beugte, wieder senkrecht stand. ‚Glatt und fest wie ein junges Baumstämmchen, junges Nußbaumstämmchen‘, fiel ihm ein.

Sie stand, ein rechter Winkel, über den Gaskocher gebeugt. Von jetzt an wirst du vermutlich sehr oft Hafersuppe essen, dachte sie, während sie die zwei dampfenden, zu vollen Suppenteller vorsichtig durch das Zimmer trug zum Tisch, der am Fenster stand.

Jürgen, tief dabei, die Summe seines bisherigen Erlebens, Erleidens, Erkennens zu ziehen, bereitet und gewillt, von nun an klaren Bewußtseins zu handeln, bedurfte in dieser Stunde, da er im Rückblick auf sein Leben schon und erst den Aufbruch zu sich selbst begann, noch des Verweilens bei den Ursachen, bestrebt, ihr Ineinandergreifen fehlerlos zu erkennen.

Er dachte: Der Sozialismus muß sich auf allen Gebieten des Lebens mit absoluter Notwendigkeit und Ausschließlichkeit ergeben aus dem Wahnsinn des Bestehenden. Die Rechnung muß stimmen. Und sagte:

„Es gibt nicht nur eine herrschende Klasse und unterdrückte Klassen; es gibt auch eine jeweils herrschende Generation, die durch alle Klassen durchgeht: Alle Erwachsenen nämlich, die, machtstrotzend, mit Hilfe der bestehenden Seelenmord-Gesellschaftsordnung, in der sie selbst tödlich verstrickt und untergegangen sind, die heranwachsenden Generationen abwürgen, entselbsten ... In diesem Sinne bilden alle Erwachsenen zusammen eine granitene Einheit, einen Wall, gegen den die Heranwachsenden vergebens anrennen, so lange anrennen, bis sie selbst entselbstete, lebende Leichen sind und Teile des Walles bilden gegen die neu heranwachsenden Generationen.“

Sie stand rückwärts und rieb, betrachtete den Löffel, rieb weiter, hauchte ihn an. Der verzinnte Blechlöffel bekam keinen Glanz.

„Denn wenn es auch eine Tatsache ist, daß jeder Mensch als ‚Reines Ich‘ geboren wird, ist es eine ebenso unumstößliche Tatsache, daß das Reine Ich ganz und gar unentwickelt, ganz und gar versunken und verschüttet und ertötet ist im Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts ... Aber wie steht es mit der Entwicklungsmöglichkeit des Ich im Proletarierkinde? Wie verhalten sich Umwelt und proletarische Eltern zu dem Ich im proletarischen Kinde und umgekehrt?“

Darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Katharina stand noch einmal auf, kramte lange in einer Schublade und legte dann eine Papierserviette vor Jürgen hin.

„Das ist aber eine sehr wichtige Frage. Auch hier müßte die Rechnung stimmen.“

Wahrscheinlich könne auch diese Frage nur von dem Standpunkte aus, daß es eine herrschende und eine ausgebeutete Klasse gäbe, richtig beantwortet werden, sagte Katharina. „Vielleicht sollte man diese Frage so stellen: Was erhält das bürgerliche Kind von der Umwelt dafür, daß es seinen Protest, sein Wesentlichstes: sein Ich und damit sein Schöpfertum und die Fähigkeit, das Leben auch psychisch zu erleben, aufgibt, sich unterordnet, sich der Umwelt anpaßt, selbst zu einem Teile der Umwelt wird gegen noch Protestierende? Und was tauscht das proletarische Kind gegen die Aufgabe seines schöpferischen Ich ein? Was widerfährt dem Bürgerkinde, wenn es versucht, zu kämpfen, zu protestieren? Und was geschieht in diesem Falle dem proletarischen Kinde? Erhalten beide und geschieht beiden das gleiche?“

Sie hörten, wie jemand absprang, das Fahrrad gegen die Mauer lehnte. Eine Sekunde später trat der junge Arbeiter ein, atmend, verschwitzt und seelenruhig lächelnd. „Die ganze Belegschaft der Hommesschen Papierfabrik ist in den Streik getreten, Genossin Lenz.“ Er wischte sich mit dem Taschentuch rund um den Hals. „Der Genosse Ingenieur läßt dir sagen, du sollst morgen früh um sieben Uhr in der Redaktion sein.“ Und da sie nickte, war er draußen.

Sie rief ihn zurück. Ob die Werkmeister und Vorarbeiter mitstreikten?

„Ah, wo werden denn diese Arschkriecher mitstreiken! Er will ja auch auswärtige Streikbrecher heranziehen. Aber unsere Streikposten stehen schon. Auch am Bahnhof! Die Polizei, selbstverständlich, ist auch schon aufmarschiert!“

„Da möchte ich gleich Streikposten stehen“, sagte Jürgen, „gegen Herrn Hommes.“

„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:

„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen, das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist, daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder total verschieden wirkt.“

Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht, weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder, bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum, Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“ Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.

Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“

„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft nicht hier.“

Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige, herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“

„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht, denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst, wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit, etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“

Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“

„Ja, und das wird Individualismus genannt.“

„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“

„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ... Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“

„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“

Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.

Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf dem langen, generationenlangen Marsche befanden.

„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über dem Herzen.

„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“

„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das Gefühl war vorher, war ja immer da.“

„Wie wir einander wiederfanden, du und ich! ... Wie schön, wie wunderbar ist das!“

Da schlug das Glück durch ihn durch, legte Jürgens Hand um ihren Nacken. So stand er, Blick in ihrem Blick, nahe seine Lippen dem kleinen, festen Mund. Ihr Körper gab nach, antwortete frei.

Dann sagte Jürgen, halb fragend: „Wo ich heute nacht schlafen werde, bei wem, das weiß ich freilich nicht.“