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Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3) cover

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)

Chapter 5: Das Pokerschiff.
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About This Book

A young immigrant recounts comic and often harsh episodes of life in America, from cramped ship crossings and first impressions of New York to seasonal work in the South, itinerant labor on railways and early attempts in journalism on the Pacific coast. The memoir blends humorous anecdotes with sharper observations about poverty, ambition, cultural clashes and the lure of wanderlust, tracing a passage from naive arrival through hardship, self-reliance and occasional small triumphs. Vivid street and workplace portraits alternate with road‑and‑rail adventures and reflective notes on identity, work and the social landscape encountered abroad.

»Thank you!« sagte der Künstler.

Und die junge Dame an der Kasse präsentierte mir mit bezauberndem Lächeln eine Rechnung von fünf Dollars und packte mir eine Haarbürste, eine Zahnbürste und eine Dose mit Pomade fein säuberlich ein. Ich fiel beinahe in Ohnmacht. All' das Zeug hatte ich nickenderweise in aller Unschuld gekauft! Ich wollte protestieren, ich wollte – – da sah mich die junge Dame mit einem süßen Blick an, mit einem Blick, der einen Eisblock hätte schmelzen können. Da tat auf einmal die Fünf-Dollarrechnung gar nicht mehr weh. Ich bezahlte nicht nur, sondern ich bezahlte mit Vergnügen.

Stundenlang wanderte ich ziellos umher, beschauend, staunend. Mir kam's vor, als sehe eine Straße wie die andere aus, als herrsche überall das gleiche verwirrende Getöse, das gleiche Getümmel. Ein Eindruck verwischte den andern. Ich fing an müde und vor allem hungrig zu werden. Da sah ich ein Schild mit grellen roten Buchstaben: Restaurant. Schleunigst trat ich ein.

An kleinen Tischen saßen Männer, in angestrengter Arbeit vornüber gebeugt. Sie aßen krampfhaft darauf los, als sei dies ein Preisessen, mit einem tüchtigen Preis für den, der zuerst fertig würde. Speisekarten gab's nicht. Dafür hingen überall an den Wänden Plakate mit Namen von Gerichten, und riesengroße Schilder besagten, daß hier ein Einheitspreis herrsche. Was man auch aß, alles kostete fünfundzwanzig Cents.

»Was ist's Ihrige?« brüllte der Kellner im Vorbeijagen.

»Beefsteak!« schrie ich ihm nach.

»Medium?« brüllte er zurück.

»Yes!« schrie ich auf gut Glück, denn ich hatte keine Ahnung, was "medium" bedeuten sollte. (Das Wort ist ein echt amerikanischer Spezialausdruck, Restaurantjargon, und heißt "mittel", halb durchgebraten.)

»Tee, Kaffee, Milch?« erkundigte sich der Ganymed, vom anderen Ende des Lokals herüberschreiend.

»Bier!« rief ich entrüstet.

»Nix Bier!« johlte er zurück. »Tee, Kaffee, Milch …«

»Milch!« schrie ich. Ich war empört. Nicht einmal ein Glas Bier konnte man also bekommen! Wäre ich meinem Englisch nicht so mißtrauisch gegenübergestanden, so hätte ich dem Kellner gründlich meine Meinung über seine unkommentmäßigen Getränke gesagt!

Nach wenigen Sekunden schon stürzte er auf meinen Tisch los. Ich starrte ihn in jähem Erstaunen an. Der Mensch mußte im Nebenberuf Jongleur sein, denn er balanzierte auf ausgestrecktem linkem Arm eine Pyramide von hochaufgetürmten Schüsseln und Schüsselchen mit allerlei Gerichten, mit einer Selbstverständlichkeit, als sei für ihn das Gesetz der Schwerkraft aufgehoben. Von den dutzend Schüsseln, die da auf seinem Arm schwebten, nahm er die oberste und warf sie mir hin. Jawohl – warf sie mir hin. Die Platte glitt über das Tischtuch und rutschte niedlich in Position vor meinen Platz. Der reine Zaubertrick. In gleicher Art kam ein Schüsselchen mit gebratenen Kartoffeln gerutscht und ein Glas Milch. Dann warf er mir ein rosa Pappstück hin mit dem gestempelten Aufdruck: 25 Cents. Das war die Rechnung. Man bezahlte an einer kleinen Kasse.

Ich glaube, ich habe sehr rasch gegessen. Erstens war ich hungrig und das Beefsteak ausgezeichnet, und zweitens steckte die Schnellesserei an. Man konnte in der nervösen Hast dieser Futterstelle mit Dampfbetrieb so etwas wie beschauliche Gemütlichkeit nicht bewahren.

Wieder stand ich in dem Straßenlärm. Über das hohe eiserne Gerüst in der Straßenmitte donnerten alle Augenblicke Eisenbahnzüge. Es fing an dunkel zu werden. Lichter flammten auf, das Meer von Reklameschildern und Plakaten hell beleuchtend. Denn ein Laden reihte sich hier an den andern. Die Straßenfront war eine ununterbrochene Folge von Schaufenstern, von Trödelläden, Kneipen, Kleidergeschäften, Bazaren, Theatern. Und ein jeder versuchte seinen Nachbarn durch grelle Anpreisung zu übertrumpfen; hier glitzerten hunderte von Glühlämpchen in einem Schaufenster, dort lenkte ein schwingendes Feuerrad die Aufmerksamkeit auf billigen Schmuck, da sollte ein lichtumrahmter Farbenklecks einer Tänzerin mit flatternden Jupons und rosabestrumpften Beinen in ein Varieté locken. Cheap, billig, war das Motto der Straße. Billig, billig – stand überall in Rot und Grün und Gelb angeschrieben – billig, schrien an jedem zweiten Fenster Buchstaben aus Glühlampen geformt. Billig, billig …

Die Straße war die Bowery, das Viertel der Armut, des Lasters, des billigen Vergnügens. Das wußte ich freilich damals nicht. Ich sah nur, wie erbärmlich der lichtumflutete Tand in den Fenstern war – wie das Geschäft der Straße hinter dem Pfennig herhetzte – wie die Menschen sich drängten und starrten und gafften. Energische jüdische Herren versuchten, mich in ihre Kleidergeschäfte hineinzuziehen, eine junge Dame rempelte mich an, ein Mann, der aus einer Bar hinausgeworfen wurde, sauste an mir vorbei und hätte mich beinahe mitgerissen. Matrosen johlten. Neben Herren, die trotz ihrer Seidenhüte und trotz der Brillantbusennadeln merkwürdig gewöhnlich aussahen, drängten sich Gestalten in halbzerrissenen Kleidern, Neger, Dirnen, barfüßige Kinder. An den Ecken lungerten Männer und Frauen, riesige Polizisten schritten langsam auf und ab. Man war wie eingekeilt. Denn auch der Straßenrand bildete eine einzige Linie von Licht und Verkaufsbuden, von rollenden Läden. An jedem der kleinen Wagen steckte eine Petroleumfackel, und der rote Schein stach sonderbar von den weißen Lichtfluten der Bogenlampen ab. Da waren Obstverkäufer und Blumenhändler und Limonadekarren. Ein behäbig aussehender Mann in weißer Schürze hatte einen riesigen Kessel um sein Bäuchlein geschnallt, einen tragbaren Ofen. Man sah die glühenden Kohlen auf dem Rost. Er wanderte hin und her am Straßenrand, aus Leibeskräften schreiend: Wiener Wurst – Wiener Wurst, gentlemenhot Wiener Wurst. Da kam ein wanderndes Restaurant, ein kleines Häuschen auf Rädern von einem Esel gezogen, das sandwiches und beefsteaks anpries. Daneben stand das Tischchen eines Händlers, der Spielkarten verkaufte. Die Straße war eine Hölle von Lärm und Getümmel und Gerüchen – ich wurde gestoßen und gedrängt, bis ich mir so hilflos vorkam wie ein biederer Bauer aus Feldmoching auf dem Münchener Oktoberfest …

Da ertönte ein Trompetenstoß und helle Frauenstimmen sangen, das Gedröhne übertönend:

Hallelujah –
Hallelujah, this is the day of the Lord.
Hallelujah – Hallelujah!

Vier Mädchen in den häßlichen Hüten und den blauen Jacken der Heilsarmee standen an der Straßenecke, eine amerikanische Flagge ausgespannt in den Händen. Die Straßenbummler scharten sich um sie, und dann und wann warf jemand ein Geldstück in die Flagge. Da – jetzt sangen die schönen Mädchenstimmen in deutscher Sprache:

»Flieh' doch die Versuchung,
Die Leidenschaft brich!
Glaub' immer an Jesum,
Er rettet auch dich.«

Salbungsvoll, marktschreierisch, unangenehm. Und doch – wie das klang … In dieser Straße. Unter diesen Menschen!


Das Auswandererhaus lag grau und nüchtern da. In der drückenden Abendschwüle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen Räumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoßendes. So wanderte ich noch umher trotz aller Müdigkeit. Ganz in der Nähe fand ich einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebüsch und breiten Bänken, ein grünes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen des Hafens und den Häusermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war noch ein Plätzchen auf einer Bank, neben einem Liebespärchen, lachenden, schwatzenden jungen Menschen.

Der Park lag in weichem Halbdunkel. Draußen auf allen Seiten flutete es von Licht, von den Tausenden von Lichtpünktchen im Hafen bis zu dem grellen Bogenlampenschein der Citystraßen. Rot und gelb und weiß blitzte es auf – Feuerräder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen Fenstern und Hunderten von Glühlampen aussahen wie schwimmende Lichtmassen; ein Meer von Licht überall. Und, wie aus weiter Ferne kommend, ein dumpfes Getöse, der vibrierende Ton des nächtlichen New York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus Milliarden von Einzelgeräuschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher Ton, bald wie leises Flüstern, bald anschwellend zu dröhnendem Tumult …

Da kam aus Müdigkeit und Verlassensein das Heimweh über mich. Auf der Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an meine Mutter. Einen lustigen Brief. Über den Barbier und das Restaurant und die Bowery.


Das Pokerschiff.

Zwischen New York und Texas. – Vom amerikanischen Nationallaster. – »Fine game, dieses Poker!« – Die Weisheit des Bluffens. – Key West und Johnny Young aus San Antonio. – Eine bissige Bemerkung über Millionäre. – Im Salon! – Good bye, Miss Daisy … – Dies ist Texas, mein Sohn!

»There you are! Good bye!« sagte der zappelige kleine Agent der Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir zu und verschwand im Gewühl.

Ein Höllenlärm herrschte auf dem Pier trotz der frühen Morgenstunde. Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum Pier. Säcke, Kisten, Fässer schienen in der Luft umherzufliegen; Dampfwinden kreischten. Eine dröhnende Stimme von der Kommandobrücke trieb fluchend zur Eile an. Rußig und ungewaschen sah der schwarze Dampfer mit den grellroten Schornsteinbändern aus. Zwischen dahinstürmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgütern kletterte ich an Deck, ohne daß eine Menschenseele sich um mich kümmerte. Hier gab's keine väterliche Fürsorge wie beim Norddeutschen Lloyd – keine Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten Stewards, die einem Plätze anwiesen … Ein Mann in Hemdärmeln (dafür trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldberänderte Offiziersmütze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mäßig großen Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend einem Gepäckstück belegt. Da kam ein Mann in weißer Jacke die Treppe herunter.

»Wo ist mein Platz?« fragte ich ihn.

»Hier!« sagte er und deutete auf die Kojen.

»Aber da liegen doch überall Sachen!«

»Dann ist kein Platz mehr da!« meinte der Steward seelenruhig.

»Aber ich habe doch bezahlt!«

»Well, das macht nichts aus,« erklärte der Steward. »Für Ihr Geld kommen Sie nach Galveston. Schlafen können Sie, wo's Ihnen beliebt. In den Kojen oder auf dem Boden oder auf dem Verdeck!«

Und pfeifend stieg er die Treppe empor.

Ich sah um mich. Kein Mensch war im Zwischendeck, trotzdem überall Koffer und Bündel lagen. Am andern Ende der Kojenreihen entdeckte ich aber eine Tür und trat in einen großen, halbdunklen, durch einige Glühbirnen schlecht erleuchteten Raum, in dem ein paar dutzend Leute vor einem hohen Bartisch standen.

»Da ist noch einer,« sagte der Mann hinter der Bar. »Was ist Ihre Spezialität, Herr?«

Ich sah ihn fragend an.

»Was wollen Sie trinken, mein' ich,« erklärte der Mann. »Sie sin' wohl 'n Fremder?«

»Jawohl,« sagte ich. »Sehr.«

»Well, das macht nichts. Der Herr hier traktiert. Was ist das Ihrige?«

»Ein Glas Bier.«

»Schluck's hinunter, sonny!« sagte einer der Trinkenden. »Jawohl – ich traktiere. Und es wird nicht das letztemal sein, daß dieser gute alte Junge hier« (er schlug sich auf die Brust) »auf diesem gesegneten Schiff eine Runde bezahlt. Soll sich der Mensch vielleicht nicht freuen, wenn er aus New York herauskommt? Im Winter ist es so kalt, daß man Millionär sein muß, um die Kohlenrechnung zu bezahlen; im Sommer ist es so heiß, daß man dreimal im Tag den Sonnenstich bekommt und nachts im Eiskasten schlafen muß. Mit den Löhnen ist's Essig, weil das italienische Pack von drüben zu billig arbeitet, und ein solides kleines Geschäftchen kann man auch nicht machen, weil alles schon gemacht ist, was es in der Geschäftslinie nur gibt. New York ist ungemütlich. Verdamm' New York, sag' ich. Hat einer von den Herren 'was dagegen?«

»Ich nicht,« meinte der Mann hinter der Bar. »New York kann für sich selber aufpassen. Groß genug ist es.«

»Das ist wahr. Ein großer, unappetitlicher, rauchiger Haufen von einer Stadt ist es. Von Wolkenkratzern und elektrischem Licht kann ich nicht leben, sag' ich. Texas für mich, meine Herren, wo ich der Schlauere bin, und nicht New York, wo die anderen alle die Schlaueren sind. Texas für mich, sag' ich.«

Da freute ich mich diebisch, weil ich jedes Wort mühelos verstand, und trank vergnügt das winzig kleine Glas Bier aus.

»New York hin, New York her,« sagte ein Mann neben mir, ein prachtvolles Menschenexemplar, riesengroß, mit breiten Schultern und einem merkwürdig weichen Gesichtsausdruck. »Ich rutsche jetzt zum drittenmal auf dieser verdrehten Mallorylinie nach Texas hinunter. Wenn ich dort bin, kalkulier' ich mir zusammen, daß ich wieder in New York sein möchte, und wenn ich glücklich wieder in New York bin, läßt es mir keine Ruhe, bis ich mein Fahrgeld nach Galveston wieder bezahlt habe. Wenn ich in Texas auf einem Gaul sitze, möcht' ich in einem New Yorker Varieté sein, und wenn ich in New York sechs Monate lang richtige Mahlzeiten gegessen habe, werd' ich ganz verrückt nach Texasmaisbrot und Texasspeck. Ich hab' noch nicht die richtige Ruhe, denk' ich mir.«

Die Männer lachten schallend auf.

»So geht's uns allen,« rief einer. »Ich pfeif' auf die richtige Ruhe. Um die zu haben, müßte ich entweder Millionär sein oder tot und begraben. Dies ist ein großes Land, und meiner Mutter Sohn will dort sein, wo etwas los ist. Gefällt's mir nicht in der einen Stadt, geh' ich in eine andere, und sind im Osten die Zeiten schlecht, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß sie auch im Westen schlecht sein müssen. Das Glück läuft einem nicht nach. Immer hinter drein! Entfernung spielt bei mir keine Rolle. Immer hinter drein, meine Herren, und der Teufel holt den, der zuletzt kommt.«


»Deutscher sind Sie? Und erst vierundzwanzig Stunden im Land? Dann lassen Sie die Finger davon!« grinste der Riese.

Er war mit mir an Deck gegangen. Während der Sam Houston (so hieß der Texasdampfer) sich durch das Hafengewirr schlängelte, nannte er mir die gewaltigen Wolkenkratzer bei Namen und pries in begeisterten Reden die Vortrefflichkeit der New Yorker Varietés und lobte die Appetitbrötchen der New Yorker Bars. Als aber die Wolkenkratzer untertauchten in einer einzigen gewaltigen Steinmasse, als die hin- und herhuschenden Dampfer seltener wurden und die Millionenstadt langsam am Horizont verschwand, wurde er ungeduldig.

»Gehen wir 'runter!« hatte er gesagt und mir erklärt, daß sich auf dem alten Kasten die Zeit natürlich nur durch Pokerspielen totschlagen lasse.

»Aber spielen Sie ja nicht mit!«

Ich fühlte mich beleidigt. Wenn man die Bänke der Obersekunda neben dem Sohn eines amerikanischen Konsuls gedrückt hat, so ist man in die Anfangsgründe des amerikanischen Nationallasters eingeweiht! Die Geheimnisse der Paare und der vier Asse und des Flush und des Bluffens waren mir längst keine Geheimnisse mehr. Selbstverständlich würde ich pokern!!

Überall auf dem Boden des Barraumes waren wollene Decken ausgebreitet, und auf den Decken saßen und kauerten die Männer von vorhin, in kleinen Gruppen von vier und fünf, mit Karten in den Händen, mit ernsten Gesichtern. Vor jedem lagen kleine Häuflein Silbergeld und zerknüllte Dollarscheine. Biergläser und Whiskyflaschen standen umher.

»Na, nun will ich aber meinen Hut aufessen, wenn das nicht unanständige Eile ist!« schmunzelte der Riese. »Das gesegnete Schiff ist noch gar nicht richtig unterwegs, und da fangen die schon mit dem Pokern an. Sechs Partien! Hoh!! Und ich will meinen Hut noch einmal aufessen, wenn das nicht eine sehr vergnügte Reise wird! 's ist doch ein wahrer Segen, daß diesmal keine Frauen und Kinder im Zwischendeck sind.«

Fünf Minuten später war ich mit Jack (so hieß der Riese), Tommy (so hieß der Barmann) und zwei anderen schon mitten im eifrigsten Pokerspielen, und in weiteren zehn Minuten hatte ich unter dem schallenden Gelächter der Runde meinen ersten Bluff verloren … Jack hatte nämlich vier Asse!

»Gegen vier Asse anzubluffen ist Pech!« sagte Jack trocken. »Tun Sie's nicht wieder.«

Es war ganz still im Barraum; kein lautes Wort wurde gesprochen. Nur die Silberstücke klirrten. Die Männer hockten regungslos da, mit halb verschleierten Augen. Kalt wie Eis. Die Karten glitten über die weiche Decke, die Dollars sammelten sich zu einem Häuflein an, Banknoten wurden in den pot geworfen – bis die Hand des Gewinners das Geldhäuflein an sich raffte; hin und her wanderten das Silber und die grünen Noten.

»Fünf Dollars mehr …«

»Das – und noch fünf!«

»Halte ich – und fünf mehr!«

So wurde geflüstert; in gleichgültigem Ton, gelassen, ruhig. Und doch wußte sogar meine unerfahrene Jugend, daß unter der Maske äußerlicher Ruhe die Spielleidenschaft zittern mußte – aber wie diese Männer sich beherrschten! Wie sie mir imponierten! Wie ich sie beneidete um ihre kühle Ruhe und ihren eisernen Willen!

Nichts war natürlicher, als zu versuchen, es ihnen gleichzutun. Und ich gab mir große Mühe, recht unbefangen auszusehen. Meine Karten betrachtete ich nur so nebenbei, als interessierten mich ihre Werte eigentlich gar nicht, und mein Geld rollte so leichthin auf die Decke, als könne ich es nicht rasch genug loswerden. Es verflüchtigte sich auch wirklich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Aber das war mir nicht etwa eine Mahnung, vernünftig zu sein und aufzuhören, sondern ich spielte nur um so toller darauf los.

Um ein Uhr nachmittags kam der Steward und brachte das Essen. Kein Mensch ließ sich dadurch stören. Die Blechteller mit den Beefsteaks und den gebratenen Kartoffeln, die Blechtöpfe mit starkem schwarzem Kaffee wurden auf die Decken gestellt, als sei das selbstverständlich, und mit gleicher Selbstverständlichkeit holte sich der Steward von jeder Decke einen Vierteldollar aus dem Topf für seine Mühe, ohne ein Wort zu sagen. Man aß so nebenbei und spielte, spielte, spielte. Röcke wurden ausgezogen, Westen geöffnet, Kragen abgebunden. Berußte Heizer kamen aus dem Maschinenraum gestiegen und pokerten mit, Matrosen mischten sich unter die Spielergruppen. Der Barraum war eine Spielhölle. Ich verlor und gewann, gewann und verlor, rauchte unzählige Zigaretten, dachte an nichts als Karten und Geld. Um keinen Preis hätte ich meinen Platz auf der Wolldecke aufgegeben –

»Drei Dollars mehr …«

»Wer gibt?«

»Full house, my money –«

Als die schmutzige Heizerhand den Geldhaufen einstrich, in dem mein letztes Silberstück lag, kam der Schiffsingenieur die Zwischendeckstreppe herunter.

»Gentlemen!« rief er. »Dieses gesegnete Pokerschiff verschluckt nebenbei auch Kohlen und braucht Leute, die es mit Kohlen füttern. Ich möchte also die Herren Heizer der dritten Wache ersuchen, sich gefälligst dahin bemühen zu wollen, wohin sie gehören und zwar verdammt schnell. Runter mit euch, ihr Söhne von Spielkarten!«

»Pokerschiff ist gut,« sagte Jack. »Drolliger Junge, dieser Ingenieur. Wer gibt?«

Ich war am Geben. Und ich wechselte meinen letzten Zehndollarschein. Laß dich nicht verblüffen, sagte ich mir, nur ja nichts anmerken lassen! Was die anderen können, kannst du auch!


Spät nachts kletterten Jack und ich an Deck, denn im Kojenraum war es viel zu heiß zum Schlafen. Zwischen Fässern und Tauwerk vorne am Bug machten wir uns aus den Pokerdecken ein Lager zurecht.

»Good night!« sagte Jack.

Ich lag da und starrte in den Mond, und unklar stieg in mir die Ahnung auf, daß ich ein furchtbarer Esel gewesen sei. Reingefallen, mein Junge … Die Silberstücke und die Dollarnoten, mit denen am Morgen noch mein Geldtäschchen vollgepfropft gewesen war, trieben sich jetzt in den Taschen anderer Leute herum – mir waren nur ein paar Dollars übriggeblieben. Zu dumm – –

»Fine game, dieses Poker,« meinte der Riese neben mir, »famoses Spiel!«

Da lachte ich hell auf.

»Haben Sie gewonnen?«

»No.«

»Well, morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen desgleichen usw. Holen Sie sich's wieder. Bluffen Sie!«

Und im flimmernden Mondenschein, unter Wellengemurmel und Maschinengetöse, wurde mir zum ersten Male amerikanische Weisheit gepredigt, von einem einfachen Arbeiter. Poker war weiter nichts als ein Abklatsch des Lebens. Bluffen mußte man im Leben wie beim Pokern, nicht verblüffen lassen durfte man sich. Wenn man fünfzehn Cents in der Tasche hatte und nicht wußte, wo man seine nächste Mahlzeit herkriegen sollte, – mußte man aussehen und auftreten, als hätte man ungezählte Dollarnoten in der Tasche und einen offenen Kredit bei der nächsten Nationalbank. Dabei stellte man sich besser, als wenn man jedem Menschenkind entgegenschrie: Bemitleide mich, ich Ärmster habe nur noch fünfzehn Cents! Schneid mußte man haben. Beim Pokern mußte man durch eiserne Ruhe den Anschein erwecken, als hätte man ausgezeichnete Karten – im Leben mußte man sich arbeitskräftiger und klüger und besser stellen als man war. Nur nicht unterkriegen lassen! Glaub' an dich selbst, und die anderen werden an dich glauben. Sag' den Leuten, du seist stark, und man wird nicht gerne mit dir anbinden. Hilf dir selber, und alle Welt wird dir helfen. Bete nicht: Lieber Gott, hilf mir, ich bin ja so schwach – sondern bete: Lieber Gott, ich bin ja so stark, laß mich so bleiben! Und man mußte stets daran denken, daß das nächste Spiel das Glück bringen konnte, beim Pokern wie im Leben … Da schlief ich seelenvergnügt ein.

Wieder wurden die Decken ausgebreitet, und wieder rollten die Dollars, und wieder kamen die Heizer und die Matrosen in jeder dienstfreien Minute. Ich stand im Banne des Pokerschiffs wie jeder andere. Aus meinen wenigen Dollars wurde ein Silberhäuflein – dann schmolz es zusammen – dann wuchs es im ewigen Hin und Her. Der Tag verging mir wie im Flug. Drei Tage. Am dritten Tage kamen wir in Key West an. Als ein Schiffsoffizier in den Barraum hinunterrief, wer wolle, könne auf etwa zwei Stunden an Land gehen, sprang ich auf und eilte die Treppe empor.

Die anderen aber blieben sitzen und pokerten weiter.


Der amerikanische Prediger Talmage nannte einst in einer jener Sensationspredigten, die eine halbe Stunde nach Schluß des sonntäglichen Gottesdienstes in seiner berühmten Washingtoner Kirche an alle Zeitungen Amerikas telegraphiert wurden (von ihm selbst – gegen Honorar!), das Pokern die Nationalsünde der Vereinigten Staaten. Unzweifelhaft spiegle das Teufelsspiel um das goldene Kalb die besonderen Charaktersünden des Amerikaners getreulich wieder! Alle Glücksspiele zwar seien frevelhaft, doch dem Pokerspiel fehle sogar das versöhnende Moment des Leichtsinns. Das sei kein Glücksspiel mehr – sondern raffiniertes wohlberechnetes Sündigen! Mit bewußter Gier setze sich der Amerikaner an den Pokertisch und locke mit ehrbarem kaltem Lächeln dem armen Nebenmenschen (den man doch als Christ lieben müsse!) einen Dollar nach dem andern ab. Die Männer, die vier Asse in der Hand hielten und dabei ein betrübtes Gesicht machten, als hätten sie nicht einmal zwei Könige, um den armen Nächsten durch diese optische Vorspiegelung falscher Tatsachen saftig hineinzulegen – diese Männer seien schlimmere Sünder denn die Zöllner von dereinst! Ein moderner Tanz um das Goldene Kalb! Es illustriere im Kleinen die großen amerikanischen Sünden – die Goldgier; die Anmaßung, sich klüger zu dünken als der Nachbar; die Sucht, sich durch unehrliche Mittel zu bereichern, und vor allem einen frevelhaften Mangel an christlicher Nächstenliebe. Der Mann, der mit selbstzufriedenem Lächeln die sündigen Resultate eines niederträchtigen Bluffs einstreiche, sei der alte Pharisäer in moderner amerikanischer Auflage. Nur noch viel schlimmer! »Pokert nicht mehr, oh Amerikaner, und ihr werdet bessere Menschen werden!« – also predigte Ehrwürden Talmage – und ein vergnügtes Schmunzeln ging über das ganze Land. Denn jener Kampf im Pokerspiel von Selbstbeherrschung gegen Selbstbeherrschung, von Unverschämtheit gegen Unverschämtheit, von Geldwert gegen Geldwert und von Bluff gegen Bluff ist wahrlich typisch für die Art der Männer des Yankeelands, und Prediger Talmage hätte wissen können, daß seine Mitbürger gerade auf das stolz sind, was er ihre Nationalsünden nannte! Man lachte furchtbar über die Predigt. Und sie löste in jedem braven Amerikaner den frommen Wunsch aus, doch recht häufig als moderner Pharisäer mit frommem Augenaufschlag saftige Bluffresultate einstreichen zu können … Das ist eben die Nationalsünde!


Auf der Gangplanke des Sam Houston stieß ich mit einem Herrn in weißen Leinenkleidern und riesigem grauem Schlapphut zusammen.

»Pardon me,« sagte er.

»I beg your pardon,« antwortete ich.

»My fault!«

»Aha – Sie sind ein Deutscher! Well, ich bin Johnny Young aus San Antonio und meine Freunde behaupten, ich sei unerträglich neugierig. Also Sie sind Deutscher? Ferner glaube ich sagen zu können, daß Sie noch nicht lange im Lande sind?«

»N–nein!«

»Aha! Wußte doch, daß kein amerikanischer Schneider diesen Anzug gemacht hat. Es ist so einfach, ein Prophet zu sein, wenn man die Augen ein wenig offen hält und nur ein bißchen nachdenkt. Well, well. Sie haben gepokert und verloren?«

Ich sah ihn erstaunt an.

»Ja? Stimmt's? Nein, ich bin kein Zauberer. Alles pokerte. Und natürlich pokerten Sie mit. Und natürlich verloren Sie!«

Wir schritten in weichem feinem Sand dahin, auf einem breiten Weg, eingesäumt von Palmen in endloser Reihe. Die dunkelgrünen Fächerwipfel stachen scharf ab von dem gelben Sand und dem tiefblauen wolkenlosen Himmel. Die Luft war feucht und schwül. Holzhütten tauchten auf. Im Hintergrunde schimmerten weißgetünchte Häuser. Es war wie ein Märchen – die Palmen ringsum, die schwere Luftschwüle, das grelle Tropenlicht; der merkwürdige Mann neben mir mit den weißen Haaren und dem frischen Gesicht, der vom ersten Augenblick an einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Ich glaube, ich wäre ihm blindlings gefolgt, irgendwohin. Er war als junger Mensch in Key West gewesen. Während wir unter den Palmen dahinschritten erzählte er von den Milliarden und Abermilliarden Zigarren, die alljährlich in dem Hüttengewirr des Inselstädtchens von den geschickten Fingern kleiner Creolinnen verfertigt werden; von den Schmugglern Key Wests, von den Wreckern, von den Flibustiern, von Kämpfen mit Zollkuttern, vom Menschenriffraff der Florida Keys – von den Spielen Key Wests hinter verschlossenen Türen, bei denen Berge von Gold sich auf den Tischen häufen und jeder Spieler den Revolver schußgerecht vor sich auf dem Tisch liegen habe. Die Flibustier Floridas segeln Waffentransporte nach einsamen Landungsplätzen an der kubanischen Küste, wo Leute warten, die sehr arm sind, aber trotzdem für Waffen sündhaft viel Geld übrig haben. Revolutionäre. Die gibt's immer da drüben. Oft genug jagt ein Kriegsschiff solch einem Segler ein halbes Dutzend Granaten in den Leib. Aber die Waffen werden mit Gold aufgewogen – und solange Key West steht, wird es seine Flibustier haben, ebenso wie es stets das Hauptquartier der Wrecker sein wird. Das sind desperate Schiffskapitäne mit kleinen Segelbooten und einer Mannschaft von Inselnegern, die mit Taucheranzügen umgehen können. Sie kreuzen still und unauffällig an der Küste. Wenn ein Schiff an den gefährlichen Bänken strandet, so ist bald ein Wrecker da und schickt seine Taucher hinab, die alles nach oben befördern, was des Nehmens wert ist, ohne sich lang darum zu scheren, wem die Ladung gehört. Der Wrecker betrachtet alles als gute Beute. Er wird ein reicher Mann, wenn es ihm gelingt, Onkel Sam's Kanonenbooten zu entwischen.

Ich hörte in atemloser Spannung zu. Johnny Young lachte, als er endete, und sah mich vergnügt an.

»Ja, ja – ich hab' was übrig für rapides Leben trotz meiner sechzig Jahre. Herrgott, wär' ich noch jung! Könnt' ich noch einmal mittollen! Sehen Sie, ein anderer würde Ihnen sagen, Sie seien verflucht leichtsinnig gewesen, Ihre junge Nase in Pokerkarten zu stecken und Ihr bißchen Geld zu verlieren, anstatt die Centstücke zusammenzuhalten für die Not der ersten Zeiten in einem neuen Land. Ich sage: Das Geld, das ein junger Mensch wie Sie mitbringt, ist so wertlos für ihn wie altes Papier! Es hindert ihn nur im Lebenskampf. Denn je schneller er vor das Problem gestellt wird, entweder zu hungern oder Geld zu verdienen, desto rascher lernt er Land und Leute und Art kennen. Das mag bittere Medizin sein, aber es ist gute Medizin. Ich kann unsere Millionäre nicht leiden, die einem in salbungsvollen Memoiren vorlügen, wie fleißig sie in die Kirche zur Sonntagsschule gingen, wie sie Pfennig für Pfennig sich zusammensparten, wie sie mit ihrem so erworbenen Erstlingskapital von hundert Dollars sich weitere hundert Dollars hinzuerarbeiteten, wie sie in harter Plage und getreuer Pflichterfüllung steinreiche Leute wurden. Das ist verdammter Schwindel. Mit dem Bravsein und dem Pfennigfuchsen hat noch kein großer Kaufmann Menschenkenntnis und Wagemut gelernt. Geh' hinaus ins Land, würde ich zu einem jungen Mann sagen. Laß dir das Leben um die Ohren pfeifen und lerne das Menschenpack kennen, so wie es ist und nicht wie's in frommen Bilderbüchern steht. Ist einer stark, dann kann er starke Medizin vertragen, und ist einer schwach, dann ist's nicht schade um ihn.«

Meine Augen müssen vor Begeisterung geleuchtet haben. Wie wunderbar mußte es sein, mitten im Leben zu stehen und zu sehen und zu lernen und stark zu sein. Mir war's, als springe Kraft und Selbstvertrauen von dem alten Mann auf mich über. Da schrillten vom Deck die mahnenden Pfeifensignale des Dampfers.

»Ich wollte Ihnen ja noch einen Rat geben,« sagte Herr Johnny Young aus San Antonio. »Beinahe hätte ich's vergessen. Gehen Sie zum Zahlmeister und lösen Sie sich eine Karte für einen Kajütenplatz nach. Der Unterschied für die Strecke Key West–Galveston wird nicht besonders groß sein. Es ist gescheiter, bequem untergebracht zu sein, statt auf hartem Boden zu schlafen und das Geld beim Pokern zu verlieren. So. In einer halben Stunde geht der Dampfer. Ich habe noch dringende Privatgeschäfte.«

Und mit einem verabschiedenden Kopfnicken tauchte er in das Hüttengewirr.

Ich aber rannte glückselig zum Dampfer und sprang an Deck. Im Bureau zeigte ich dem Purser meine Anweisung auf die Schiffskasse. (Mein Vater hatte, durch Vermittlung des Norddeutschen Lloyd, arrangiert, daß mir bei der Ankunft in Galveston fünfhundert Mark ausbezahlt werden sollten.) Zuerst machte er Schwierigkeiten, weil das Geld erst in Galveston fällig war, als ich ihm aber erklärte, daß ich von Key West ab im Salon zu fahren wünsche, wurde er sehr liebenswürdig. Verdiente doch der Dampfer dabei Geld.


Meine Koffer ließ ich aus dem Schiffsraum holen, zwei Anzüge ließ ich mir aufbügeln von der Stewardeß, ich fiel über die Waschschüssel in der eleganten kleinen Kajüte her, ich probierte ein halbes Dutzend Kravatten, ich machte Toilette wie ein Backfisch vor seinem ersten Ball. Während ich den kunstvollen Knoten der Halsbinde schlang, dachte ich an den schmutzigen Barraum und die pokernden Menschen in Hemdärmeln. Wie war's denn nur möglich gewesen! Die Stewardeß bekam ein Trinkgeld, das sie einen Knix machen ließ. Im verlassenen Rauchsalon drehte und wand ich mich in eitler Selbstgefälligkeit vor dem Spiegel – bewunderte im Eßzimmer die überladene Einrichtung in Weiß und Gold, das strotzende Silber auf dem Bufett – promenierte auf dem segeltuchüberspannten Kajütendeck unter eleganten Damen und Herren – ließ mir vom Steward einen bequemen Deckstuhl bringen und schlürfte aus spitzem Champagnerkelch Sherry mit Eis und Sodawasser. Da schritt schwerfällig Jack der Riese unten übers Deck. Er sah mich sitzen, betrachtete mich, betrachtete mich noch einmal, schüttelte den Kopf und sagte laut und vernehmlich:

»Jetzt will ich aber verdammt sein!«

Beim supper stellte mich Mr. Johnny Young als seinen jungen Freund vor, frisch vom Vaterland. Ich machte Verbeugungen nach rechts und nach links und erzählte von deutschen Gymnasien und deutschen Offizieren. Und bediente ritterlich die Dame zu meiner Rechten, Miß Daisy Benett, aus Dallas, Texas.

»Wie tapfer von Ihnen, daß Sie dieses gräßliche Zwischendeck studierten!« sagte Miß Daisy.

»Es war sehr interessant,« murmelte ich.

Wie der verlorene Sohn kam ich mir vor, der endlich von den Träbern wieder zu menschenwürdigem Leben übergeht. Jedes breakfast, jedes dinner, jedes supper war mir ein Freudenfest, das ich mit tausend Wonnen auskostete, nicht um der vielen Gänge und der mancherlei Delikatessen willen, sondern weil ich mir so vornehm schien. So gut angezogen. So tadelloses Benehmen. So ganz gute Kinderstube. Hans im Glück war ich sieben Tage lang. Miß Daisy geruhte, mein Englisch drollig zu finden und konstatierte, ich sei ein guter Junge. Aber artig sein! Ich schleppte ihr Stühle und Decken und Bücher auf Deck und versorgte sie für ein halbes Jahr mit Schokolade und Bonbons. Droben auf dem Promenadedeck verplauderten wir die sommerschwülen Nächte und starrten zusammen ins Meer. Und in der allerletzten Nacht rauchten wir Zigaretten und tranken eisgekühlte Erdbeerbowle und –

»It's good bye, my boy …«

»Und good bye, Miß Daisy –«

»Wie jung Sie sind, my boy, und – ja, wie neugierig ich doch bin! Wie's Ihnen wohl ergehen wird?«

Da lachte ich, lustig und leichtsinnig, als sei's ein Scherz, und sprudelte hervor, wie wenig Geld ich hätte, und wie ich so gar nicht wüßte, was beginnen.

»Fight your way, my boy,« sagte Daisy. »Schlag' dich durch!«

Gelbe Sandbänke tauchten am Morgen auf, immer klarer hervortretend in langgezogenen Streifen; das tiefe Blau des Golfmeeres wurde heller, grünlicher. Gegen Mittag waren wir mitten im Hafenlärm. Scharf umrissen lagen im grellen Sonnenlicht die Häusermassen Galvestons da.

Dutzende von Negern sprangen an Deck, als der Sam Houston am Pier anlegte, priesen Hotels an und bemächtigten sich der Gepäckstücke der Passagiere. Während der Menschenstrom die Gangplanken hinabflutete, guckte ich noch einmal in den Zwischendecksraum. Da waren die Decken, da rollte das Geld, da waren die Männer und lachten einen Schiffsoffizier aus, der, purpurrot im Gesicht, mit der Hafenpolizei drohte, wenn sie nicht sofort mit dem verdammten Pokern aufhören und sich zum Kuckuck scheren würden.

»Zehn Dollars mehr!« hörte ich eine tiefe Baßstimme sagen –

Dann ging ich von Bord. Unten am Pier riß mir ein baumlanger Neger den Koffer aus der Hand.

»City of Galveston, Herr? Feinstes Hotel!«

Ich schlenderte hinter ihm drein, an Mr. Johnny Young aus San Antonio vorbei, der eben in einen Wagen stieg. Abschiednehmend lüftete ich den Hut. Johnny Young nickte mir lächelnd zu und deutete mit weitausholender Armbewegung auf das Getriebe.

»Dies ist Texas, my son


Mein letzter Dollar.

Den Weg zur Arbeit finden – den Wegweiser … – Wär' ich nur ein Schuster! – Beim Herrn Kanzleichef im deutschen Konsulat. – Auf dem Telegraphenamt. – Das letzte Silberstück. – Der gute Samariter. – Nun fängt ein neues Leben an …

In der Situation lag Humor:

Wie machte man es eigentlich, sich das Leben um die Ohren pfeifen zu lassen? Was taten Glückssoldaten denn, wenn ihnen das Geld ausging? Wo stand nun der Wegweiser, der zu Arbeit und tätigem Leben wies?

Bruder Leichtfuß fand den Wegweiser nicht –

Tag für Tag war ich in der backofenheißen Inselstadt umhergewandert, im Hafengetriebe, in menschenwimmelnden Hauptstraßen, staunend, starrend, und wurde mit jedem Tag verwirrter, hilfloser. Frau Logika dozierte mit sonnenklarer Deutlichkeit, daß etwas geschehen müsse, irgend etwas, denn selbst Bruder Leichtfuß (der seelenruhig im besten und teuersten Hotel Galvestons wohnen blieb) erkannte die große Wahrheit, daß das Leben Geld kostet. Und das Geld schwand dahin und bald würd' mir's ergehen wie dem armen Mann im schwarzen Walfisch zu Askalon.

Den Wegweiser finden – den Wegweiser …

Stundenlang jeden Tag stöberte ich im Hotelvestibül den Anzeigenteil der Zeitungen durch. Da wurden Schneider verlangt, und nach Schustern war rege Nachfrage, und um Bäckergesellen schien man sich zu reißen; aber irgend eine Stellung, die ich hätte ausfüllen können, stand niemals in der Zeitung. Mehr als einmal dachte ich: Wärst du nur ein Schuster oder doch wenigstens ein Schneider! Keinen Pfennig schienen mein Latein und mein Griechisch und die ganze humanistische Bildung in dieser Texasstadt wert zu sein. Herrgott, man konnte doch nicht wildfremde Menschen fragen, ob sie vielleicht etwas für einen zu tun hätten! Wie machte man es? Stundenlang quälte ich mich mit der Abfassung eines Stellengesuches. Gebildeter junger Deutscher sucht – – Ja, was denn eigentlich? Was konnte ich denn leisten?

Da kam die große Idee. Das deutsche Reich unterhielt in den großen Städten des Auslandes deutsche Konsuln, um deutschen Reichsangehörigen mit Rat und Tat beizustehen. Natürlich! Dorthin mußte ich gehen und dort würde mir geholfen werden! Ich ließ mir im Hotel die Adresse geben und rannte spornstreichs nach dem Konsulat, drückte ganz aufgeregt vor Freude auf die Türklinke und –

»Können Se nich' anklopfen?« schrie mir eine Stimme entgegen.

In einem kahlen Raum mit zwei gelbangestrichenen Stehpulten, den Bildern des Kaisers und der Kaiserin und einer riesigen Holzbarriere saß auf hohem Drehstuhl ein Mann, der mich wutentbrannt über seine Brille hinweg anfunkelte. Hinter seinen beiden Ohren steckten Federhalter.

»Was wollen Se?«

»Ich wünsche, den deutschen Konsul zu sprechen.«

»Is' nich' da. Un' überhaupt – sagen Se nur, was Se wollen. Ich bin der Kanzleichef.«

Da genierte ich mich gewaltig und wußte nicht recht, wie ich's anstellen sollte.

»Ich bin soeben erst aus Deutschland angekommen und –«

»Nu ja und was wollen Se hier?«

Die Frage verblüffte mich. »Ich weiß eben nicht … ich möchte Rat erbitten –«

Der Kanzleichef kletterte von seinem hohen Sitz herab und stellte sich vor mich hin.

»So? So–oh? Haben Se Papiere?«

Mein deutscher Reichspaß machte den Gestrengen um eine Nuance freundlicher.

»Na, und?«

In meiner Verlegenheit tappte ich sofort in medias res hinein. »Ja, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Rat geben könnten. Ich habe nämlich nur noch sehr wenig Geld und –«

Da gab sich der Kanzleichef einen förmlichen Ruck. In strenger Mißbilligung glotzten mich die brillenbewehrten Äuglein an, und schnarrend, schnell, als ob er Auswendiggelerntes herunterleiere, sagte er:

»Der Deutsche, der nach Amerika kommt, hätte erstens lieber in Deutschland bleiben sollen. Zweitens kann das deutsche Konsulat ihm keine Arbeit verschaffen, denn es hat keinen Einfluß auf den Arbeitsmarkt und muß als Behörde es ablehnen, sich mit Arbeitsvermittlung zu beschäftigen!«

»Aber –«

»Drittens verfügt das Konsulat über keinerlei Mittel zu Unterstützungszwecken. Tja – wenn Sie kein Geld mehr haben, können Se wiederkommen und 'ne Karte an den deutschen Verein haben. Dort kriegen Se 'n Vierteldollar und 'n Mahlzeitticket.«

»Herr – seh' ich so aus?« sagte ich wütend. Mir war, als müßte ich in den Boden sinken. Dieser Mann war ein Barbar, ein Prolet, ein – –

»Tja – das kann man nich' wissen!«

Er grinste mich an und ich starrte ihn an.

»Wollen Se sonst noch was wissen?«

»Herr, ich bin humanistisch gebildet!« schrie ich, knallte die Tür zu und stolperte die Treppenstufen hinunter. Ein Hohngelächter gellte mir nach. Mit zornrotem Kopf lief ich die Straße entlang. Dem Konsul würde ich schreiben und ihm gründlich meine Meinung über das Betragen seines Kanzleichefs sagen! Meinem Vater würde ich schreiben und ihn bitten, sich beim bayerischen Ministerium zu beschweren und –

Herrgott, was anfangen!

Heute war Wochenende, und nach Bezahlung der Wochenrechnung im Hotel würde mir wahrscheinlich kein Geld mehr übrig bleiben. Was tun – was tun? Ich nahm mir vor, aus dem Adreßbuch deutschklingende Namen von Kaufleuten herauszuschreiben und die um Rat zu bitten, so schwer's auch sein würde. Irgend etwas mußte sich doch finden … Wenn sich aber nichts fand! Wenn ich da stand ohne Geld? Bittere Gedanken stiegen in mir auf und formten sich zu bitteren Vorwürfen. Trotz allem und trotz allem – war es recht gewesen, daß man mich aufs Geratewohl hinausgeschickt hatte in die weite Welt? Und auf einmal kam mir in meiner Verzweiflung der Gedanke, daß das Geld in meiner Tasche das einzige Bindeglied zwischen mir und der Hilfe in der Heimat war. Heute konnte ich noch telegraphieren, morgen würde ich das Geld für das Kabeltelegramm nicht mehr haben …

Ich ging aufs Telegraphenamt. Auf einer Fensterbank in einem stillen Winkel beschrieb ich ein Formular nach dem andern, nur um eines nach dem anderen zu zerreißen. »Sofort Kabelgeld.« Nein, so war's nicht richtig; einen Grund wenigstens mußte man angeben, kurz und klar, denn natürlich kostete jedes Wort viel Geld. »Hilflos, erbitte Kabelgeld.« Dieses Formular zerriß ich schnell, kaum geschrieben, so schämte ich mich vor mir selber. Hilflos. Wie das klang. Nein: »Bitte hundert Dollars Hotel City Galveston, da Arbeitssuche noch erfolglos.« Wieder zögerte ich. Ich stellte mir vor, wie das Dienstmädchen das Telegramm ins Wohnzimmer bringen würde – Ich bildete mir ein, mein Vater würde die Achseln zucken und irgend etwas Scharfes, Häßliches sagen, und meine Mutter würde bitten … Wenn ich meiner Mutter kabelte? »Noch erfolglos schlimm daran schnell hundert Dollars Hotel City Galveston.« Hundert Dollars waren freilich sehr viel Geld und –

»Nein!« sagte ich auf einmal, so laut, daß vorbeigehende Herren mich neugierig anstarrten.

Nein!

Mochte es gehen wie es wollte. Ganz recht hatten sie da drüben im geliebten alten München – hatten Kummer und Sorgen genug gehabt mit mir. War weiter nichts als verdammte Anstandspflicht, sie mit meinen Affären nicht mehr zu behelligen.


Die Wochenrechnung war fällig. Die Wochenrechnung, die mein letztes Geld verschlang. Der Mann im Hotelbureau strich gleichgültig Banknoten und Silber ein und fragte mich ebenso gleichgültig, ob ich irgend welche besonderen Wünsche hätte und ob ich noch längere Zeit zu bleiben gedächte.

»Weiß noch nicht,« sagte ich.

Ich setzte mich auf einen der Rohrstühle im Rauchzimmer, paffte eine Zigarette und befühlte verstohlen den harten Silberdollar in meiner Westentasche. Das war mir übrig geblieben – ein Dollar. Ein einziges Silberstück stand zwischen mir und dem Nichts. Ich biß die Zähne zusammen und versuchte, nachzudenken. Es war etwa drei Uhr nachmittags. Zuerst mußt du deine Uhr und ein paar Anzüge versetzen oder verkaufen, sagte ich mir. In Amerika wird's wohl auch Leihhäuser geben. Aus dem Hotel mußte ich noch heute fort, natürlich; irgendwo mußte man doch billiger wohnen können. Ich beschloß, einen Polizisten darüber zu befragen. Und dann mußte ich Arbeit suchen, mußte Arbeit finden, sonst – Daran zu denken, an das andere, an das, was geschah, wenn ich keine Arbeit fand, wagte ich nicht. Ich kam mir so verlassen vor, so hilflos, so – –

Da sprach mich ein Herr an, der neben mir saß, weit zurückgelehnt im Schaukelstuhl mit übergeschlagenen Beinen. Den schneeweißen Filzhut mit riesiger Krämpe hatte er weit in den Nacken geschoben, und die schlanke Gestalt umschlotterte ein bequemer Anzug aus dünner Rohseide. Scharfgeschnittenes Gesicht. Lustig blinzelnde Augen. Es sei furchtbar heiß heute. Ob ich die Hitze nicht vertragen könne? Ich sähe miserabel aus. Ob ich mich nicht wohl fühlte?

»Nein. Ja. Doch!« stotterte ich verwirrt.

»Well, sollten einen Whisky nehmen! Feine Sache, so 'n kleiner Whisky, wenn man nicht ganz allright ist. Kommen Sie mit mir zur Bar! – So! Mann, vorhin sahen Sie ja kreideweiß aus. Besser jetzt?«

»Ja, danke,« murmelte ich.

»And that's allright,« lächelte der Texaner, sich bequem gegen die Bar lehnend. »Sie sind frisch von drüben? Ja? Kam mir nämlich so vor. Mein Vater ist auch von Deutschland nach Texas gekommen. Hm ja, ich spreche aber lieber englisch. Was wollen Sie hier beginnen?«

»Das weiß ich eben nicht!« platzte ich heraus.

»Kann ich mir denken!« meinte er. Er sah mich nachdenklich an und kaute an seiner Zigarre. »Well, lassen Sie uns wieder ins Rauchzimmer gehen, wenn's Ihnen recht ist. Bißchen plaudern. Ja?«

Wir setzten uns in die weichen Rohrstühle, ich und der erste Mensch in dieser Texasstadt, der sich um mich kümmerte.

»Well – und wie gefällt's Ihnen im guten alten Texas?«

»Gar nicht!« stöhnte ich.

Da lachte er auf und schlug sich aufs Knie. »Mann, erzählen Sie 'mal, wenn Sie wollen. Will mich ja nicht aufdrängen. Würd' Ihnen aber gerne einen Rat geben.«

Bruder Leichtfuß ließ sich nicht lange nötigen in seinem Jammer und sprudelte hervor, wie schlecht es ihm ginge und wie erbärmlich er daran sei.

»Ist nichts dabei. Gar nicht schlimm!« sagte der Texaner gleichmütig, als ich geendet hatte. Und dann brach er auf einmal in schallendes Gelächter aus.

»Hoh – Sie haben also wirklich kein Geld mehr?«

»N–nein!«

»Und dann wohnen Sie im besten Hotel!« Er lachte Tränen.

»Ich will heute noch ausziehen.«

»Wohin denn? Ohne Geld?«

»Ich muß eben Sachen versetzen.«

»Ach so!« Er lachte und lachte.

»Was soll ich denn sonst anfangen?«

Der Texaner zündete sich umständlich eine neue Zigarre an. »Unsinn!« sagte er. »Bessere Männer als Sie sind schon ohne Geld dagesessen. Is' nix dabei. Müssen eben arbeiten. Das bißchen Geld zum Leben verdienen kann jedes Kind. Was können Sie denn eigentlich?«

Da sprudelte ich mein ganzes bißchen Lebenslauf hervor.

»Schwierig!« sagte er. »Sehr schwierig. Aber auch für den dicksten Baum ist eine Axt gewachsen. Ich glaub' nicht, daß Galveston etwas für Sie ist. Hier drängt sich alles zusammen. Hm ja, Sie sind also grasgrün im Land, sind Ihr Leben lang auf Schulbänken gesessen, und haben noch nie 'was gearbeitet. Wollen Sie denn arbeiten – irgend etwas?«

»Natürlich!«

»Sicher? Irgendwelche Arbeit?«

»Alles!«

»Na, dann kommen Sie mit auf unsere Farm!«

Ich ließ mich in den Stuhl zurückfallen und schnappte förmlich nach Luft. Siedendheiß lief es mir über den Körper. Ich konnte kaum sprechen.

»Auf Ihre Farm?« stotterte ich. »Sprechen Sie – sprechen Sie im Ernst?«

»Selbstverständlich.«

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken – – «

»Unsinn, Mann. Ist ein ganz einfaches Geschäft. Sie sind jung und Sie sind stark und Sie können ganz zweifellos arbeiten, wenn Sie wollen. Der "alte Mann" und ich haben alle Hände voll Arbeit auf der Farm. Weiße Männer sind selten und teuer in der Erntezeit, und die Neger hier unten sind die faulsten Stricke auf der ganzen Gotteswelt. Abgemacht? And that's allright!« Und er streckte mir die Rechte zum Handschlag hin.

Stundenlang konnte ich nicht einschlafen in dieser Nacht. Ich sah mich auf galoppierendem Pferd dahinjagen – sah mich arbeiten draußen in frischer Luft – sah mich als freien Mann, der durch seiner Hände Arbeit sein Brot verdiente … Der Texaner hieß Charles Muchow. Die Farm seines Vaters lag hundert Meilen nördlich von Galveston, bei dem Städtchen Brenham, und morgen schon wollte er die Rückreise antreten, ich mit ihm. Er hatte einen neuen Farmwagen und einen Rotationspflug in Galveston gekauft. Wie's mir wohl ergangen wäre, wenn nicht der Zufall mich mit ihm zusammengeführt hätte? Jetzt hatten die Sorgen ein Ende und das neue Leben begann. Vom ersten Augenblick an hatte mir der junge Texaner mit seinem merkwürdigen Selbstbewußtsein und der unerschütterlichen Ruhe gefallen, und während der langen Abendstunden im Rauchzimmer waren wir beinahe Freunde geworden. Er nannte mich Ed, ich nannte ihn Charley.

»Das Mistern ist nicht Mode in Texas,« hatte er gesagt, »und Ihr gesegneter Name ist zu vertrackt. Sagen wir Ed. Kurz und klar – einfach Ed!«

Früh am nächsten Morgen weckte er mich, und nach dem Frühstück ging's zum Bahnhof der Santa Fé Eisenbahn. Die Wagen unseres Zuges trugen in goldenen Lettern die Inschrift: Lone Star Express – Einsamer-Stern-Expreß. Wir stiegen ein. Ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und statt Bänken oder Polstersitzen standen in langen Reihen, je zwei und zwei nebeneinander, bequeme Lehnstühle mit weichen Ledersitzen, die sich in alle möglichen Lagen zurechtschrauben ließen. Auf den Rücken der Stühle vor uns waren kleine Flaggen mit einem Stern in der Ecke eingepreßt, und darunter stand wieder in Goldbuchstaben »Lone Star Express«; kleine blaue Sterne auf rotem Grund bildeten den Deckenschmuck des Wagens; überall, an den Wänden, an den Türen prangte die Flagge mit dem einsamen Stern – das Wahrzeichen des Staates Texas.

Der Expreß jagte dahin. Zwischen weiten, weißglänzenden Flächen. Aus tiefblauem Himmel brannte die Sonne, drückend heiß schon, trotz des frühen Morgens. Unübersehbar, bis an den Horizont reichend, dehnten sich die ungeheuren Massen von tiefem Grün; Gebüsch, Sträucher, in schnurgeraden endlosen Reihen, dazwischen in feinen Strichen die schwarze Erde. Über dem massigen Grün lag es wie frisch gefallener Schnee, hingestreut in riesigen Flocken, in silberleuchtenden Schneebällen. Wie Silberfäden und Spinngewebe breitete sich die weiße Schönheit über das ganze Land.

Wir fuhren durch das Reich des Königs Baumwolle.


Im Reich des Königs Baumwolle.

Das Städtchen aus Sand und Holz. – Im Texasladen. – Mr. Muchow Senior. – Der Kampf mit dem Schimmel. – Ein Sommer beim König Baumwolle. – In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen … – Baumwollpflücken und Baumwollmühle. – Die Reklamereiter. – Nigger Slim. – Im deutschen Klub. – Wie aus dem Wald das Feld wurde. – Der Neger. – Die amerikanische Krankheit des Wandertriebs.

»Brenham!« riefen die Kondukteure.

Wir schritten durch tiefen weichen Sand. Da und dort standen Schuppen, bald aus rohen Brettern, bald aus grauem Rollblech; dazwischen Lagerplätze, angefüllt mit Bretterhaufen und Kohlen und langen Reihen von Fässern. Vor uns zeichnete ein rotes Gebäude aus nackten Ziegelsteinen sich scharf gegen den blauen Himmel ab, inmitten eines weiten Straßenvierecks von Häusern aus Holz, die von Farben flammten. An allen Wänden waren Inschriften in Rot und Gelb und Grün und Weiß, Reklame in Worten, in Bildern; von den Dächern flatterten Fahnen mit den Namen von Firmen neben Sternenbannern. Bunt, schreiend, grell war das Bild. Reiter auf galoppierenden Pferden jagten über den Sandboden vor den Häusern, Männer in farbigen Hemden, rote und blaue Tücher um den Hals geschlungen, den Sombrero im Nacken. Zwischen ihnen fuhren in scharfem Trab leichte zweirädrige Wägelchen. Pferde überall. Über dem hölzernen Fußweg die Häuserreihen entlang lief, Haus mit Haus verbindend, eine auf Holzpfosten erbaute Überdachung, eine Art Loggia, ein Wandelgang. An den Pfosten waren Hunderte von Pferden angebunden, fertig gesattelt. Aus Sand und Holz und Farben und Pferden bestand das Städtchen. Die sausenden Reiter, die Neger, die da herumstanden, die grellen Farben, das Hasten und Jagen – mir war, als stünde ich vor dem Tor einer Wunderwelt.

»Müssen zuerst nach Robert Brothers,« sagte Charley. »Dort wird der alte Mann sein.«

Die Herren Gebrüder Robert hausten in einem Laden im Wandelgang. Auf schmutzigem rohem Bretterboden und an verwahrlosten Wänden standen und hingen Tausende der verschiedensten Dinge; Haufen von Pflügen, Sätteln, Wolldecken, Schaufeln, Kleidern, Pyramiden von Hüten. Silberverziertes Zaumzeug bedeckte den Boden. Fässer mit Mehl, Kisten mit Tabak, Säcke mit Zucker und Salz standen überall herum. Auf dem Handgriff eines Pfluges balanzierte mit verlockender Grandezza ein Seidenhut, und zwischen allerlei Lederzeug waren Revolver und Gewehre achtlos hingeworfen; auf einem Whiskyfaß prangte ein pompös befederter Damenhut, und in einer Schachtel teilten sich Patronen den Raum mit friedlichen Biskuits. Und überall, wo nur ein Plätzchen frei war, hockten auf Fässern und Kisten Männer mit Pfeifen zwischen den Zähnen und Gläsern mit Bier in den Fäusten.

»Hello!« sagte Charley. »Da ist er ja!« Er schritt auf einen Winkel zu.

»Guten Tag, Vater!«

»Guten Tag, Charley,« sagte eine Gestalt in derbem blauem Leinen. »Deinen alten Vater haben sie beim Würfeln so hereingelegt, daß er für die ganze Gesellschaft die drinks bezahlen mußte. Kein Narr ist so schlimm wie ein alter Narr, mein Junge!«

»Wie du meinst, Vater. Dies ist ein junger Deutscher. Heißt Ed. Freund von mir.«

»Verdammt angenehm!« sagte der Alte.

»Er kommt mit uns auf die Farm.«

»Wie du meinst, Charley,« antwortete der Alte. »Frisch von drüben, nicht? Well – well … Kauf' ihm, was er braucht, Charley. Was ich noch sagen wollte, die Mexikaner mit den Ponys sind da, und ich hab' um einen Schimmel gehandelt. Wollen nachher hinfahren.«

Der alte Mann mit dem struppigen grauen Bart blinzelte mir vergnügt zu.

Ich stand da, schüchtern wie ein kleiner Junge, und sagte kein Wort. Und ließ mich von einem Warenhaufen zum andern zerren, ließ mir einen breitrandigen grauen Sombrero mit silberbeschlagenem ledernem Hutband kaufen, blaue baumwollene Arbeitskleider, derbe Stiefel und lederne Reitgamaschen, eine Pfeife und einige Päckchen Tabak.

Dann half ich, unsere Koffer auf den grünen Farmwagen packen und kletterte ungeschickt auf den Wagensitz neben den alten Muchow. Die beiden Maultiere spitzten die langen Ohren, streckten die glattgeschorenen Schwänze mit den komischen Haarbüscheln an den Enden kerzengerade in die Höhe, und los ging es. Wir sausten die Häuserreihen entlang, bogen um eine Ecke und hielten mit einem Ruck vor einem winzigen hölzernen Kirchlein. Hunderte von Pferden tummelten sich auf dem großen freien Sandplatz neben der Kirche, in drängender Masse, in buntfarbigem Knäuel, fortwährend umkreist von Reitern in gestrickten Jacken und spitzigen zuckerhutförmigen Hüten, die mit gellenden Zurufen und knallenden Peitschenhieben die Tiere zusammengedrängt hielten. Keines der Pferde stand ruhig; sie galoppierten durcheinander, wieherten und bissen sich.

»Die weiße Stute dort in der Ecke!« sagte der alte Muchow. »Dreißig Dollars!«

Ein Mexikaner, der zu uns herangeritten war, nickte, gab seinem Gaul die Sporen und sauste in den Pferdeknäuel hinein. Rechts und links stoben die Tiere auseinander. Nun hatte er den Schimmel erreicht, der den Kopf hochwarf, mit einem gewaltigen Satz durch die Reihen der Pferde brach und in sausendem Galopp auf uns zujagte. Charley saß ruhig auf seinem Fuchs und schwang in immer größer werdenden Kreisen den Lasso. Die Schlinge zischte durch die Luft, fiel über den Hals des Pferdes, spannte sich. Ein scharfer Ruck, und wie vom Blitz getroffen, brach der Schimmel zusammen. Im Nu waren Charley und der Mexikaner über ihn her, legten ihm einen dicken Strick in kunstvollen Schlingen über Hals und Maul, banden das andere Ende des Strickes an den Wagen und –

»Fahr zu, Vater!« schrie Charley. »So schnell du kannst. Wir haben ihn!«

Die Peitsche klatschte auf die Maultiere, der Schimmel wurde emporgerissen, und in tollem Jagen ging es vorwärts. Das verängstigte Tier stürmte gegen den Wagen an, aber da war Charley schon neben ihm, und in schweren Schlägen sauste die Peitsche auf den Schimmel nieder. Er schreckte zusammen, machte einen jähen Satz zur Seite, wurde wieder fortgerissen durch den Strick, der ihm das Maul zusammenschnürte. Immer wieder wehrte er sich und immer wieder siegte der winzige Knoten über die riesige Kraft des Tieres.

Brenham lag hinter uns. Da und dort tauchten noch vereinzelte Holzhütten auf, auf einsamen sandigen Strecken. Dann kam Wald, dann kamen grüne Felderstrecken, dann wieder Sand, dann ging's durch einen Bach, daß das Wasser hoch aufspritzte. Der alte Mann stand hochaufgerichtet vorne im Wagen, die Pfeife zwischen den Zähnen, und peitschte auf die Maultiere ein; Charley galoppierte neben dem Schimmel her und drängte ihn vorwärts, wenn er sich sträuben wollte; ich war nach hinten geklettert und scheuchte mit fuchtelnden Armen und geschwungenem Hut das Pferd zurück, wenn es in seiner Angst auf den Wagen einstürmte. Ich war toll vor Aufregung, sah nichts, hörte nichts, hatte nur Augen für den Kampf mit der wilden Kreatur, die immer wieder zerrte und sich aufbäumte und fortgerissen wurde und mit weißem Schaum bedeckt war. Mir war, als seien nur Minuten vergangen, als wir vor einem Drahtzaun so jäh anhielten, daß ich gegen die Wand geschleudert wurde. Als ich heruntersprang, hatte Charley schon den langen Strick vom Wagen gelöst und um einen Baum geschlungen. Das weiße Pferd stand zitternd still und starrte uns aus erschreckten Augen an.

»Und das ist allright!« sagte Charley. »Ed, Sie haben geschrieen, als ob Sie am Spieße stäken!«

Inmitten des Drahtzauns waren Gebäude aus Holz; ein Wohnhaus mit einer breiten Veranda, Ställe, an einer Seite offen, in denen Pferde und Maultiere standen, ein paar Hütten. Ein Neger eilte herbei, öffnete ein Tor aus Rahmenwerk und Stacheldraht und führte den Wagen hinein. Eine alte Frau und zwei Mädchen kamen. Wir gingen ins Haus, setzten uns an einen Tisch in einem Zimmer, an dessen Wänden Gewehre und Lederzeug hingen, und aßen. Gekochten Speck gab es und Maisbrot und gebackene Süßkartoffeln, deren gelbes Fleisch genau so schmeckte wie Kastanien. Beim Essen wurde ausgemacht, daß ich alles frei haben sollte und fünfzehn Dollars im Monat.

Wir gingen in den Hof. Charley betrachtete nachdenklich den Schimmel, der an seinem Strick zerrte.

»Ich reit' ihn doch!« brummte er. »Eigentlich sollte er über Nacht an dem Baum angebunden bleiben und nichts zu fressen und nichts zu saufen bekommen. Dann wär' er morgen mürbe. Aber das ist eine Schinderei. Ich will ihn schon kriegen. Sie können mitreiten, wenn Sie wollen.«

Ob ich wollte!

Jim der Neger sattelte mir ein Pferd. Während ich aufsaß, warfen er und der alte Muchow dem Schimmel Leinen um die Füße und hielten sie straff gespannt. Das Tier konnte sich nicht rühren. Charley trat vorsichtig heran, legte ihm Decke und Sattel auf und schnürte die Gurte mit aller Kraft zusammen. Dann sprang er selbst auf. Die Leinen wurden losgelassen und der Strick um den Hals des Pferdes durch einen raschen Schnitt gelöst. Zitternd stand es da. Mit einem Male machte es einen gewaltigen Satz, drehte sich im Kreise, bockte, schüttelte sich. Aber der Reiter auf seinem Rücken saß fest. Ein schallender Peitschenhieb. Und das Tier brüllte auf und jagte davon – mein Pferd im Galopp hinterdrein.

Beim ersten Sprung wäre ich fast aus dem Sattel geschleudert worden, und ich hatte instinktiv mit beiden Fäusten in die Mähne gegriffen, ums liebe Leben zupackend. Bald aber fühlte ich, daß ich breit und sicher saß, merkte, daß das Pferd unter mir in ruhiger Stetigkeit galoppierte: spürte in meinen Beinmuskeln, wie es sich dehnte und streckte. Langsam beugte ich mich vor und drückte die Schenkel an. Da schoß Molly vorwärts, dem weißen Flecken mit dem schwarzen Punkt da vorne nach.

Holtergepolter ging's über den Sandboden, in Grasland hinein, über grüne Stauden hinweg, hinter dem weißen Flecken her, der größer und deutlicher wurde und jetzt wieder erkennbar war als Mann und Pferd.

Das Grün der Felder flog vorbei, Grasboden kam wieder, dann Sand. Da sah ich, daß der Mann vor mir sich mit aller Kraft in die Zügel legte, bis der Schimmel herumflog und verzweifelt aufbäumte, sich im Kreis drehend. Aber das harte Eisen in seinem Maul blieb erbarmungslos und – neue Schmach! – Sporen wurden ihm in die Seiten gestoßen, und Peitschenhiebe hagelten auf ihn nieder, Schlag auf Schlag …

Noch wehrte sich der Schimmel. Während ihn das Eisen im Maul und die Peitsche in großen Kreisen über den Sand trieb, duckte er mitten im Jagen zur Seite, ballte sich zusammen wie eine Katze und sprang in die Höhe. Der Sattelgurt hielt, der Mann blieb sitzen. Mehr Peitsche! Mehr Sporen! Immer enger wurden die Kreise, die Schleifen. Dreimal, viermal ging die tolle Jagd an mir vorbei. Mir schien es, als verlangsame sich das sinnlose Dahinschießen, als gebe sich das Pferd geschlagen. Aber das duldete der Mann auf seinem Rücken nicht. Unaufhörlich arbeitete seine Peitsche.

Da brach mit einemmal das Pferd mitten im Lauf zusammen. Der Reiter glitt leicht aus dem Sattel. Ich galoppierte hin. Da stand Charley zu dem Schimmel hinabgebückt, und das Tier wieherte leise und rieb die rosige Schnauze an seinem Ärmel und beschnupperte seine Hand. Mann und Pferd waren schweißbedeckt und schmutzüberzogen; dem Pferd zitterten die weißen Schaumflocken auf dem Leib – auf des Mannes Gesicht lag der Staub in dicker Kruste.

»Der Schimmel ist mein,« sagte Charley. »Texas Girl soll die Stute heißen, Texasmädel. Du bist ein gutes Pferd, Texasmädel, und ich denke, wir beide brauchen die Peitsche nicht mehr.«

Er stand auf, und der Schimmel folgte ihm wie ein Hündchen.

Langsam gingen wir zurück. Es war Spätnachmittag, und die Sonne brannte nicht mehr so heiß wie mittags in Brenham. Aber noch lag es wie zitterndes Geflimmer in der drückenden Luft. Wir schritten auf weiter Grasfläche. Vor uns streckten sich grüne Massen von Laubgebüsch mit Millionen von weißen Flecken, die Baumwollenfelder. Das Land gehörte zum größten Teil den Muchows. Fünf Zehntel waren mit Baumwolle bepflanzt, ein Zehntel mit Mais, ein Zehntel mit Zuckerrohr. Der Rest war Gras und Wald.

In Deutschland wär' die Farm ein Rittergut gewesen, der alte Mann mit den komisch schlotternden Hosen ein staatsstützender Agrarier, und Charley ein Gardeleutnant!

Hier unten in Texas wohnte der Besitzer von fast zwei Quadratmeilen Land in einem Holzhäuschen, das so aussah, als sei es in einem Tag zusammengenagelt worden, und aß in Hemdärmeln Speck und Kartoffeln zum Abendbrot.

In dem großen Zimmer, das als Wohnraum und Eßraum diente, stand auf rohem Bretterboden ein kostbares Piano, und über dem Piano hingen Tabakblätter zum Trocknen von der Decke herab – vor einem Schaukelstuhl aus Mahagoni lag ein Holzklotz als Fußschemel – eine zerbrochene Fensterscheibe war mit Papier zugeklebt; überall war die gleiche merkwürdige Mischung von teuren Dingen und primitivstem Behelfen. Das Haus hatte kein Fundament. Es war auf vier Ziegelsteinpfeilern errichtet, einen Meter hoch vom Erdboden, und in der Wohnstube konnte man hören, wie die Schweine unter dem Fußboden wühlten. Draußen auf dem Hof standen, achtlos in einer Ecke zusammengeschoben, landwirtschaftliche Maschinen, die Tausende wert sein mußten, ohne Dach und Fach, ohne jeden Schutz vor der Witterung. Vierzehn Pferde hausten in einem Schuppen, der an einer Seite offen war und vier Maultiere waren einfach an einen Zaun angebunden. Und am gleichen Zaun hing Sattelzeug, das von Silber strotzte …

»Well, Sie müssen sich verdammt komisch vorkommen!« sagte der alte Muchow, der Tränen gelacht hatte über Charleys Bericht von unserem Zusammentreffen in Galveston. »Schadet aber nichts. Wird sich schon machen. Arbeit schändet nicht, sag' ich. Wenn Sie erst 'mal ein bißchen Amerikaner geworden sind, können Sie vielleicht 'was Gescheiteres tun, als auf einer Farm zu arbeiten. Aber bei uns sind Sie willkommen. Sie arbeiten mit Charley das, was Charley arbeitet und – well, werden schon auskommen.«

Ich schlief oben im Dachraum zusammen mit dem jungen Muchow, denn Raum war knapp in dem Häuschen. Was ich alles träumte! Von Baumwollkönigen und Texas Girls und Sträuchern, auf denen weißes Silber wuchs, und genialen jungen Deutschen, die wunderbar schnell reich wurden. Da störte mich eine polternde Stimme in meinem Reichwerden.

»Hello, boys!«


Wir gingen in die Morgendämmerung hinaus, Säcke mit breiten Tragbändern über den Schultern, wassergefüllte Tonkrüge in den Händen. Ein Stückchen glühendroter Sonne war schon am Horizont zu sehen, und der feine weiße Nebel über dem Meer von Grün zog sich langsam in die Höhe. In wenigen Minuten hatten wir das Baumwollenfeld erreicht, das gepflückt werden sollte. Der alte Farmer und die beiden Mädchen tauchten sofort in die Buschreihen hinein.

»Du hängst dir den Sack um, so, daß du ihn neben dir herschleifst,« erklärte Charley, »und dann pflückst du mit beiden Händen die Früchte aus den Kapseln und steckst sie in den Sack. Und in zwei Stunden wird dir der Rücken so weh tun, daß du meinst, mit deinem Rückgrat sei irgend ein Malheur passiert. Aber das ist nur die Baumwollkrankheit und sie hört auf, wenn du dich erst einmal an das Bücken gewöhnt hast.«

Er fing an einer Sträucherreihe zu pflücken an, ich an der nächsten. Seine Arme arbeiteten wie Windmühlenflügel und seine Hände wühlten in den Baumwollbüschen, zupfend, greifend, pflückend … Wie feines, schneeweißes Haar sahen die Silberknollen aus. Sie steckten in vier zusammengewachsenen rundlichen Kapseln und ließen sich mit einem leisen Griff herauszupfen, so, wie reife Eicheln leicht aus ihren Bechern fallen. Dort, wo die Früchte aus den Kapseln herauswuchsen, waren sie fest und hart; die von den Fäden ganz umsponnenen Samenkügelchen konnte man deutlich fühlen. Aus dem festen Kern heraus aber quoll es seidenweich, faustgroß, in runden Bällen, von denen zwischen breitem Grün Dutzende und Aberdutzende an jedem der Sträucher saßen. Ich zupfte und zupfte, doch Charley war schon weit voraus. Da kam der Eifer des Wettbewerbs über mich. Mit flinken Fingern ging's in die weiße Pracht hinein, die Bälle einheimsend, so schnell es nur gehen wollte. Ich hatte nur Augen für meine Hände, die hastend vom Busch zum Sack und vom Sack zum Busch flogen. Bald fing mein Rücken zu schmerzen an, denn die Sträucher reichten einem nur bis zu den Schultern und man mußte fortwährend in gebückter Stellung stehen.