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Der deutsche Roman seit Goethe

Chapter 16: Rückblick.
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About This Book

Eine Reihe von Vorträgen bietet eine leicht zugängliche Übersicht über die Entwicklung des deutschen Romans seit Goethes Zeit. Der Autor definiert den Roman als komplexe Erzählung, die ein Weltbild vermittelt, und erörtert Formfragen wie Prosa versus Vers sowie die Abgrenzung zur Novelle. Es folgen Kapitel zu Vorgeschichte, Goethes Bedeutung, Romantik, Volkserzählung, tendenziellen und objektiven Zeitromanen, historischem Roman, Stimmungsdichtung, Naturalismus, Problem‑ und Gesellschaftsroman sowie Dekadenz und Symbolismus. Methodische Unterschiede zwischen psychologischer Tiefenzeichnung und milieuhafter Darstellung sowie praktische Hinweise zur Lektürewahl runden die Darstellung ab.

Rückblick.

Aber es ist an der Zeit, daß wir den Überblick über die mannigfach gestaltete Gegenwartssituation auf dem Gebiet des Romans abbrechen. Nur Einiges, nur Bedeutenderes ist erwähnt worden. Nur das, was für die Skizzierung der Gesamtentwicklung von Bedeutung zu sein schien.

Von Goethe sind wir ausgegangen. Er muß uns als der Schöpfer des modernen deutschen Romans gelten. Ich erinnere kurz an die drei Gesichtspunkte, nach denen diese Bedeutung Goethes skizziert wurde: die psychologische Tiefe, die Art, wie seine Romane zum Zeitbild werden, und die engste Verbindung von Handlung und Gedanke, in alledem aber die unbestrittene Kraft der Wirklichkeitserfassung. Wie hat Goethe mit dieser seiner Kunst gewirkt?

Wenn man von der Romantik absieht, so darf man das Urteil wagen, daß die gesamte Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert eine Geschichte der Verarbeitung der von Goethe herstammenden Anregungen gewesen ist. Über dieser gesamten Geschichte steht das Wort »Wirklichkeit« geschrieben. Wie war noch bei Wieland der beste Roman nichts als eine äußerliche Verkleidung moralischer Gedanken! Das ist nun anders geworden, fast mit einem Schlage anders. Vorüber die sentimentale Schwärmerei, vorüber die Zeit der moralischen Erzählung ohne eigenen Wert des Erzählten! Der Roman sieht die Welt, wie sie ist, und zeichnet die Welt, wie sie ist. Anfänglich ist ihm freilich die Wirklichkeitszeichnung noch nicht das letzte Ziel. Vielmehr gliedert man sie ein in die Darlegung der eigenen Tendenzen. Man will die Ursprünglichkeit der ländlichen Natur gegenüber städtischer Verbildung schildern — so Immermann, so Auerbach; man will am Bestehenden Kritik üben, es zu bessern, — so im politisch-religiös-moralischen Gebiet die Zeitromane der Jungdeutschen, so vom Standpunkt des Volkserziehers ein Jeremias Gotthelf, — so in der Weise des erfahrenen und klugen Mannes, der anderen des eigenen Irrens Früchte auf allen Gebieten menschlichen Lebens vermitteln will, Gottfried Keller; — so mit der Absicht, an der Darstellung der Wirklichkeit die eigenen politischen und religiös-sittlichen Anschauungen zur Geltung zu bringen, Friedrich Spielhagen.

Diese erste große Epoche kann man also kurz als die Zeit der Darstellung der Wirklichkeit im Dienste bestimmter Absichten bezeichnen. Ihr folgte eine zweite große Periode, in welcher die Darstellung der Wirklichkeit selbst, ohne Einmischung von Nebenzwecken, als letztes Ziel galt. Man darf diese Periode gewiß mit dem Aufblühen des historischen Romans eröffnen. Leichter war es ja, in der Vergangenheit untendenziös zu bleiben als wenn man mitten aus der Gegenwart heraus seinen Stoff nahm. Der kulturgeschichtliche Roman beansprucht in diesem Zusammenhang eine gewichtige Stelle. Aber nicht der geschichtliche Roman allein suchte die Wirklichkeit als Wirklichkeit zu schildern. Schon bei Freytags »Soll und Haben« tritt in der Gegenwartszeichnung die Tendenz in den Hintergrund. Und dann beginnt diejenige Strömung, welche nichts geben will als Photographien, die lediglich schildernde Erzählung. Zu ihr kann man manches von den Werken des sog. Naturalismus rechnen — wenngleich auch hier die Kunst, das Wirkliche zu sehen, noch keineswegs zur Vollkommenheit ausgebildet ist —, zu ihr aber auch vieles, was weniger naturalistisch als realistisch ist, so z. B. manche Sachen von Fontane. Diese Strömung ist, wenn schon ihre Überwindung bereits ziemlich energisch verkündet worden ist, noch keineswegs überwunden.

Zu dritt stelle ich neben diese beiden großen Entwicklungsgänge, die einander übrigens auch nicht geradezu abgelöst haben, zu einer Gruppe gesellt, eine Reihe von anderen Erscheinungen. Ihre gemeinsamen Charakteristika sind: erstens: die Darstellung der Wirklichkeit ist ihnen nicht Selbstzweck. Darin harmonieren sie mit Gruppe I. Aber anderseits, zweitens, haben sie nicht in dem Grad wie Gruppe I ein enges Verhältnis zu der Zeit, in der sie stehen. Ihnen ist die Hauptsache Stimmung oder Gedanke; die Wirklichkeit, welche sie darum doch wahr genug erfassen, ist ihnen lediglich der Stoff zur Entwicklung von beidem. Wenn nicht das lyrische Moment vorwiegt, so ist es das Problem, welches sie durchzuführen suchen.

Endlich könnten wir eine vierte Gruppe bilden aus denjenigen Erzählungen, welchen gleichfalls (wie der Gruppe I) die Tendenz fehlt, welchen ebenso wie der Gruppe II die Wirklichkeitsschilderung nicht der oberste Zweck ist, welche aber auch nicht wie Gruppe III Stimmung oder Problem an dem Stoff der Wirklichkeit sich entfalten lassen, sondern einfach durch die äußere Verknüpfung von Ereignissen mit mehr oder minder energischer Benützung des Psychologischen zu wirken suchen. Hierher gehört auch der normale Unterhaltungsroman.

Gemessen an der großen Aufgabe des Romans, ein Weltbild zu geben, haben die Erscheinungen dieser Gruppen nicht alle gleichen Wert. Die letzte hat jedenfalls den geringsten; denn je mehr sie sich auf das äußere Geschehen konzentriert, um so mehr verzichtet sie auf Tiefe des Gedankens, ja Tiefe des Blicks. Sie kann einzelne feine Bemerkungen ermöglichen; sie kann das Gemüt ein wenig affizieren; sie kann die Nerven spannen. Aber diese Gruppe mit ihren zahlreichen Schöpfungen entbehrt des tieferen Gehalts. Was könnte daran zum Nachdenken anregen? Was unseren Blick für die Zustände der Welt schärfen? Was unseren Gesichtskreis erweitern? Eins nur kann diese Art Romane: unterhalten. Im besten Fall ist diese Unterhaltung anregend, im schlimmsten aufregend. Wer hat nicht einmal eine Stunde, in welcher er nichts will als eben nur unterhalten werden? Aber es scheint Menschen zu geben, welche den Roman zu nichts anderem als zum Unterhaltungsmittel gebrauchen. Ja, ich gestehe, daß in mir schon oft der furchtbare Verdacht aufgestiegen ist, daß weitaus die meisten Romanleser ihn so und nicht anders benützen. Da kann es dann kommen, daß Herr Soundso in die Leihbibliothek schickt und um irgend ein Buch bitten läßt; — welches Buch ihm geschickt wird, ist ihm ganz gleich. Diese Art Romane sind Schiffen mit ganz geringem Tiefgang zu vergleichen, Schiffen, die eben darum an jeder Küste anlegen können, — aber für die Fahrt aufs hohe Meer sind sie völlig unbrauchbar. Wer sich selber zum flachen, sandigen Strand machen will, der lasse diese Schiffe ohne Tiefgang kommen! Der meide die Gedankenanstrengung bei tieferer Lektüre! Der erkläre nur, daß er Romane nicht liest, um denken zu müssen! Der genieße die Zeitungsromane von Fortsetzung zu Fortsetzung! (Übrigens bieten manche Zeitungen, wie besonders die »Tägliche Rundschau«, meist nicht derartigen, sondern besseren Stoff.)

Wie steht es nun aber um die drei anderen Gruppen und um ihr Verhältnis zur Aufgabe des Romans? Unfraglich entspricht ihr am klarsten die zweite Gruppe: Wirklichkeitsbild ohne Nebenabsichten. Wir freuen uns, daß diese Gruppe im deutschen Roman des neunzehnten Jahrhunderts so stark vertreten ist. Allerdings ist gleichzeitig zu bemerken, daß gerade in dieser Gruppe sich die starke Neigung zu Übertreibungen herausgebildet hat. Wir müssen verlangen, daß man uns als Wirklichkeit nicht bloß die Welt der Lebemänner, nicht bloß das Leben mit überreizten Nerven schildert. Wir müssen erwarten, daß man nicht bloß das Abstoßende und Ungesunde hervorzieht. Die Welt zu abscheulich zu malen, ist ein genau so großer Fehler wie der, sie zu licht zu malen. Das neunzehnte Jahrhundert hat hier die Aufgabe richtig erkannt, auch vielfach richtig angefaßt, aber es hat hier nicht die Extreme zu vermeiden gewußt. Die Losung »Naturalismus« mag getrost bleiben! Aber man vergesse nicht, daß »Naturalismus« von »Natur« herkommt!

Es bleiben die erste und die dritte Gruppe. Die erste kommt der eigentlichen Aufgabe des Romans vielfach ganz nahe. Es ist, von dieser Aufgabe aus betrachtet, durchaus nichts gegen die Geltendmachung einer bestimmten Tendenz gegenüber der geschilderten Zeit einzuwenden. Warum soll der Dichter nicht gleichzeitig zeichnen und das Gezeichnete beurteilen? Er verändert damit seine Aufgabe nicht; er fügt nur noch hinzu, was gleichfalls wertvoll sein kann: sein Urteil, seine Kritik. Erst dann beginnen die Schöpfungen dieser Romangruppe minder wertvoll zu werden, wenn unter der Tendenz die klare Erfassung der Wirklichkeit gelitten hat. Das kann auch den Dichtern passieren, die nichts wollen als die Welt zeichnen, wie sie ist. Ist doch jeder in der Gefahr, die Dinge allzusehr durch die eigene Brille zu sehen. Aber noch mehr in dieser Gefahr ist derjenige, welcher nur zeichnet, um seine Ansichten und Absichten klarzulegen. Solange im Tendenzroman die Zeit, die Wirklichkeit stärker ist als die Tendenz, so lange steht er auf der Höhe seiner Aufgabe. Er irrt erst dann ab, wenn die Tendenz stärker wird als die Wirklichkeit.

Weniger als Gruppe I und II scheint Gruppe III der von uns festgestellten Aufgabe des Romans zu entsprechen. Wo die lyrische Stimmung das beherrschende Element ist, kann ein Weltbild in scharfen Umrissen viel schwerer erwachsen. Dennoch ist es auch hier möglich; das zeigt besonders die wunderbare Vereinigung klarster Realistik mit feinster dichterischer Stimmung, welche Rosegger z. B. in den »Schriften des Waldschulmeisters« bietet. Das zeigt aber auch ein Werk wie Raabes »Hungerpastor«. Hat man doch dies Buch geradezu unter die Zahl der Zeitromane einreihen können! Weniger eng ist die Beziehung zur wirklichen Welt natürlich da, wo die lyrische Stimmung noch stärker herrschend wird, wie bei Storm oder in Raabes »Chronik der Sperlingsgasse«. Aber wer wäre so engherzig, diesen Dichtungen darum, weil sie vom eigentlichen Romancharakter abweichen, das Existenzrecht abzusprechen? Auch sie geben Wirklichkeit; auch sie zeichnen Menschen, wie sie sind. Vielleicht nur mit wenigen Strichen, vielleicht mehr mit Licht und Schatten als in scharfem Umriß, vielleicht nur in einzelnen Situationen. Aber sie zeichnen sie: die Stimmungswelt ist auch wirkliche Welt! Wenn der Stimmungsdichter nur Realist bleibt, dann hat er sein heiliges Recht. Ja, dann ist er eine notwendige Ergänzung der nüchternen und kühlen Realisten mit ihrer Genauigkeit und Gründlichkeit. Kann denn nicht manches Mal ein einziger Strich, der dem Bilde die rechte Stimmung gibt, viel wirksamer sein, als die Ansammlung von hundert Einzelheiten?

Noch weniger ist zu leugnen, daß der Problemroman innerhalb der Aufgabe des Romans bleibt. Er will ja Fragen des wirklichen Lebens aufwerfen und beantworten! Er geht weniger in die Breite als in die Tiefe, — in die Tiefe der seelischen Rätsel, in die Tiefe der gesellschaftlichen Fragen. Gewiß, ihm ist der Stoff nur Mittel zum Zweck; die Hauptsache ist ihm der Gedanke. Aber so wenig im Tendenzroman die Tendenz notwendig die Wirklichkeitserfassung hindern muß, so wenig im Problemroman das Problem. Im Gegenteil: erst das ist der rechte Problemroman, der seine Fragen ganz aus der Wirklichkeit herauswachsen läßt. Es gibt manchen Problemroman mit recht oberflächlichen Problemen; aber das soll uns nicht hindern, anzuerkennen, daß gerade der Problemroman eine außerordentlich wertvolle Methode bedeutet, die Weltvorgänge in ihren tiefsten Gründen anzusehen und darzustellen.

Das Gesetz der Wirklichkeit regiert also tatsächlich überall im deutschen Roman des 19. Jahrhunderts, in allen seinen wichtigeren Erscheinungen. Verschiedene Methoden seiner Befolgung sind eingeschlagen worden; aber das Gesetz selbst ist in Geltung geblieben. Und gegenüber denjenigen Richtungen, welche dieses Gesetz wissentlich oder unwissentlich ignorieren, haben wir einfach sein geheiligtes und anerkanntes Recht geltend zu machen.

Schwieriger ists für unsere Zeit, die Grenzen in der Befolgung dieses Gesetzes festzulegen und festzuhalten. Die Auswüchse des Naturalismus wie die Dekadencedichtung übertreiben. Sie bevorzugen einseitig einige wenige Gebiete der Wirklichkeit; und sie wählen gerade diejenigen, wo die gesunde Natur sich vergebens suchen läßt. Ihnen gegenüber fordern wir, daß die Totalität der Wirklichkeit zur Geltung komme. Wir fordern auch, daß, ohne daß das Vorhandensein von Krankheitszuständen ignoriert werde, der Standpunkt, von dem aus geschildert wird, derjenige der Gesundheit sei. Wir erwarten nichts von dem differenzierten, nervös gewordenen Naturalismus. Aber wir erwarten alles von einem im gesunden Volksempfinden, in der echten Natur wurzelnden Realismus.

Ich brauche nicht mehr auszuführen, daß das 19. Jahrhundert auch in der Form des Romans uns kräftig vorwärts gebracht hat. Was Goethes »Wahlverwandtschaften« zuerst versuchten, die Ineinandersetzung von Gedanke und Handlung — das ist zwar längst nicht überall zur Durchführung gekommen, aber es ist leitendes Motiv geblieben. Man verabscheut mehr und mehr die Darlegung von Gedanken ohne Handlung, wie noch Gutzkow sie liebte, man empfindet jene spannenden Handlungsromane ohne Gedanken, so sehr sie noch heute wuchern, als minderwertig. Man hat in vielen Romanen Spielhagens, dazu in solchen von Kretzer, in »Frau Sorge« und in anderen Vorbilder in der formellen Gestaltung. Und ob immer wieder das Erworbene in Frage gestellt wird, das Ziel ist gesteckt und darf nicht vergessen werden.

Eins aber muß zum Schluß nochmals gesagt werden: es wird alles darauf ankommen, daß in der deutschen Lesewelt der Sinn für den wertvollen Roman geweckt und, wo er lebendig ist, gepflegt werde. Jedes Volk hat schließlich den Roman, den es verdient. Seien wir anspruchsvoll! Lehnen wir alles ab, was uns nicht fördert, ohne Rücksicht auf Person und Tendenz! Dann wird des Seichten weniger werden und die Dichter werden mehr Raum und mehr Mut gewinnen, die in sich die Kraft fühlen, dem deutschen Volk wirklich etwas zu sagen. Verlangen wir viel vom Roman, so wird er uns viel geben!