Die Bedeutung des Romans.
Wer läse heutzutage nicht Romane? Gewiß, es gibt Romanverächter. Aber sie sind weiße Raben. Jeder Gebildete liest sie, Mann wie Frau. Leihbibliotheken, Romanzeitungen, Familienblätter aller Arten und Richtungen machen den Roman leichter zugänglich als irgend eine andere Literaturgattung. Und zu der Masse der minder Gebildeten findet der Roman seinen Weg durch die Riesenauflagen der Tageszeitungen und der Gegenstände der Kolportageliteratur.
Man liest Romane, aber — man studiert nicht den Roman. Ich rede nicht von den Fachmännern der Literaturgeschichte. Den gebildeten Romanleser klage ich an.
Wer beschäftigt sich mit der Geschichte des Romans? Das Wichtigste aus der Geschichte des Liedes und des Dramas gehört zum eisernen Bestand des Wissens-Inventars eines gebildeten Menschen; und schon die Schule legt den Grund dazu. Aber wie viele haben ein geschultes Urteil über die Bedeutung der wesentlichen Romanerscheinungen?
Wir forschen nach der Ursache dieses merkwürdigen Kontrastes zwischen der ungeheuren Nachfrage nach dem Roman selbst und der geringen Neigung, sich wissenschaftlich mit ihm zu befassen. Es gibt nur eine Erklärung: man unterschätzt den Roman. Das ist ja psychologisch zu verstehen. Für unendlich viele ist er nichts als ein Mittel zur Vertreibung der Langeweile. Sie verlangen nichts anderes von ihm, als daß er sie unterhalte. Sie wählen daher aus dem Leichten das Leichteste. Unreife Geister suchen in ihm ein Mittel pikanten Genusses. Stunden, die für harte Pflichten bestimmt sind, werden der Lektüre geopfert. So verbindet sich für nicht wenige Leser mit dem Begriff Roman so etwas wie schlechtes Gewissen. Und das beeinflußt wieder das Urteil über den Roman selbst.
Aber was hat der Roman als Literaturgattung damit zu schaffen, wenn ihn Unreife als Weg zum falschen Zweck gebrauchen? Wenn sie das Seichte aus seinen Schätzen heraussuchen und das Gehaltvolle liegen lassen? Schon um des unermeßlichen Einflusses willen, den er auf breite Schichten übt, ist der Roman aller Beachtung wert. Aber auch nach seinem Eigenwert steht er nicht zurück. Er ist anerkannt als vollberechtigtes Glied der epischen Dichtung. Man streitet darüber, ob die Prosaform zu seinem Wesen gehöre oder nicht. Nun, es gibt Romane in Versform. Was sind jene Gedichte der höfischen Zeit des 12. Jahrhunderts mit ihren Heldenpaaren Floris und Blancheflur, Tristan und Isolde, dazu jene Erzählung vom Grafen Rudolf, der in den Kreuzzug geht, anderes, als Liebesromane nach französischem Muster? Aber trotzdem wird freilich festzuhalten sein, daß die Prosaform die für den Roman normale, ja für den ausgebildeten Roman einzig mögliche ist. In seinem Werte verliert er dadurch nicht; denn die Prosa ist Kunstform, gerade so gut wie der Vers. Was aber dem Roman seine ganz besondere Bedeutung verleiht, das ist gerade seine Eigenart innerhalb des Gebietes der epischen Dichtung.
Haben Sie schon einmal versucht, mit kurzen Worten das Wesen des Romans zu bestimmen? Nun, jedenfalls schwebt uns allen eine Art Definition des Romans vor: wir denken ihn als komplizierte Erzählung. Kompliziert ist er nach Form und Inhalt: das scheidet ihn von der einfachen, schlichten Erzählung, von der kunstvollen, aber knappen, nur einem Faden der Entwickelung folgenden Novelle. Komplizierte Erzählung muß er sein, nicht etwa um der erhöhten Spannung willen, sondern weil er nur so seiner Aufgabe genügen kann. Diese Aufgabe aber ist, ein Stück Weltbild zu geben, sei es in engerem oder in weiterem Rahmen. Nil humani a me alienum puto, sagt der Roman. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Was das Getriebe der Welt ausmacht, was der Zeit ihr Gepräge gibt, die geschichtlichen Verhältnisse, die Kulturzustände, die gesellschaftliche Gliederung, die inneren bewegenden Fragen, die gesamte Weltanschauung, vor allem die Menschen, die in all diesen Verhältnissen mitten darin stehen, sie bestimmend und doch wieder durch sie bestimmt, — das alles gehört zum Apparat des Romans. Ein Weltbild gibt der Roman; darum kann er nie zeitlos sein, wie denn auch die Menschen nie zeitlos sind. Darum steht er in so engem Verhältnis zur Wirklichkeit; Roman einerseits — Märchen, Sage, Phantasie andererseits sind Gegensätze wie Feuer und Wasser. Er kann aus dem Weltbild, das er zeichnet, je nach Absicht recht verschiedene Züge vorzugsweise herausarbeiten — entweder mehr die innere Entwickelung der handelnden Personen oder mehr das Milieu, in dem die Menschen stehen. Er kann mehr Geschichte oder mehr Kultur oder mehr Weltanschauung geben — je nachdem. Aber er muß immer konkret sein in der Gestaltung, klar und scharf in der psychologischen Erfassung, fein und wahr in der Verknüpfung aller in sein Gebiet gehörenden Elemente. Er kann ein Weltbild der Vergangenheit darzustellen suchen, dann wird er zum historischen Roman. Oder er kann der Gegenwart den Puls fühlen. Ja, wenn er will, kann er tastend in die Zukunft greifen; freilich nicht ohne die akute Gefahr einer Grenzüberschreitung. Denn über das, was einst wirklich sein wird, haben wir im besten Fall begründete Vermutungen. Ob er in Vergangenheit oder Gegenwart weilt, — es steht ihm jedesmal frei, auf das äußere oder das innere Leben den Hauptakzent zu legen. Nur wird der historische Roman immer auch die äußeren Konturen der Zeitverhältnisse breiter schildern müssen als der moderne Roman, der vieles als bekannt voraussetzen kann. Auch nach der Methode, wie der Dichter seinen Gegenstand behandelt, müssen wir Unterschiede machen. Der eine schließt in zartem Empfinden von der Erzählung manches aus, was auch im Leben mit einem Schleier bedeckt zu werden pflegt; der andere steigt in die Tiefe und malt schonungslos und rücksichtslos Häßliches so gut wie Schönes, ja das Häßliche vielleicht mit noch größerer Liebe. Und wiederum: während mancher Roman nichts will als schildern, nichts als photographieren, legen andere in ihr Bild der Wirklichkeit Gedanken und Tendenzen hinein — politische, religiöse, sittliche. Sie zeichnen im Ausschnitt ein Stück Welt, auf dem sich gerade ein Problem zusammenballt, das seiner Lösung harrt; und sie geben solche Lösung oder predigen resignierten Verzicht auf solche Lösung. In all diesem aber gilt, welcher Art der Roman auch sei, ob welthistorisch, kulturhistorisch oder modern durch und durch, — ob idealistisch oder naturalistisch, — ob er mehr äußeres oder mehr inneres Erleben bringe, — ob er den Knoten im äußeren Laufe der Dinge sich schürzen läßt oder ob er Probleme der Weltanschauung wälzt, — in alledem gilt, daß der Roman von der wirklichen Welt nicht loskommen kann und nicht loskommen darf. Ein wirkliches Weltbild zu geben ist seine Aufgabe. Und diese Aufgabe gibt ihm einen hohen Wert. Nicht allein nach dem Grad, in welchem er dieser Aufgabe genügt, bestimmt sich seine Qualität; denn auch die künstlerische oder unkünstlerische Form hat da mitzusprechen. Aber vornehmlich ist es der Maßstab der Wirklichkeit, der an den Roman anzulegen ist. Der Wert aber, den er so gewinnt, besteht in der Kraft, mit der er den Blick schärft, in der weiten Umschau, die er über den eigenen engen Gesichtskreis hinaus dem Leser ermöglicht, in der Energie, mit welcher er zwingt, Fragen zu durchdenken, die sonst undurchdacht bleiben würden, endlich in der feinen, festhaltenden Form, in welcher er all dies vermittelt.
Ich brauche nicht erst zu erklären, daß es auch wertlose Romane gibt. Aus der Charakteristik des Romans, die ich zu bieten versuchte, erhellt das ganz von selbst. Ein Roman, der seiner ganzen Art nach nichts anderes kann, als Spannung der Nerven erzielen, ist wertlos. Aber man pflegt ja auch den Wert des lyrischen Gedichts nicht nach den Ergüssen der Friderike Kempner zu beurteilen. Also schätze man den Roman nicht ein nach dem platten Liebesroman, in dem sie sich schließlich aus alle Fälle kriegen, auch nicht nach dem pikant-lüsternen oder naturalistisch-frivolen Unterhaltungsroman und erst recht nicht nach dem haarsträubenden Hintertreppenroman! Der wirkliche Roman, der sich zur Aufgabe setzt, in möglichst vollendeter Darstellung ein Weltbild zu geben, ist jedenfalls als ein Bildungsmittel ersten Ranges zu werten.