Künstlerische Kultur.
Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen Schönheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen des Durchschnittsamerikaners auch schön sein.
Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß selbst hochgebildete Leute enttäuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal durch New York geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer, noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an öffentlichen Prachtbauten, noch etwa durch die glänzende elektrische Lichtreklame für ästhetisch besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen Kasten mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen schön zu wirken. Wenn man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der Dämmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie einen traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie vornehmlich das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft, sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack wird die ideale Schönheit der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder die Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn bestreiten. Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur als mechanische [pg 123]Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese Schönheit, Größe und künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es, die in weitaus den meisten Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen zerstört. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die geographische Lage bedingten überaus vernünftigen und klaren Plane angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der künstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben öden Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken; entzückende, grünbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt zwischen Metzger- und Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen Proportionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten Kasten für Bureau- und Werkstattzwecke, an deren Straßenfronten scheußliche rotgestrichene Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.
Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten Läden und der Residenz der Milliardäre, finden sich noch genug solcher barbarischen Scheußlichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die Nebenstraßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen selbst in den besseren Gegenden ein höchst langweiliges Einerlei. Auch die nüchternsten modernen Städte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe, fallen den amerikanischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch ihre strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während die enorm reiche Kommune New York bis heute noch [pg 124]nicht einmal eine anständige Pflasterung und Straßenreinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der Fünften Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein Stück Asphalt liegen geblieben ist. Oberflächliche Reparaturen werden in der Weise ausgeführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann schmilzt der Asphalt ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Ränder. Wem der Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue – oder besser noch auf den gepflasterten Hauptstraßen des nordöstlichen Teiles von Philadelphia – eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei der Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das wüste Durcheinander in der Außenseite seiner Städte so wenig zu genieren scheint, doch fast durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung England, für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster werden doch für den amerikanischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und was dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. In der Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich konservativ, und der Kolonialstil ist immer noch maßgebend. Das moderne deutsche Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man auch nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos zusammengewürfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurückgebliebenen deutschen Spießbürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung [pg 125]der Wohnräume als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben, die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. Ich habe Zimmer angetroffen, in denen überhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu gehörte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen Koffer zu packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch ein ungemein niedriges Möbel setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß man also auf einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis er an der Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener Rockingchairs und beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, neigen sich die stützenden Stühle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen den Lehnen durch; es ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, die nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch seitwärts schaukelten. Auf diesen heimtückischen Mokierstühlen kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren, wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich haben die immer praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.
So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben überall dieselbe ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die Common [pg 126]Wealth Avenue in Boston hinunter – nebenbei bemerkt eine der schönsten Straßen, die mir überhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich hier nur vornehme Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also von der Straße aus in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schönen schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden Homes von der Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer reizvoller Einzelheiten. Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen Sie wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier aus finden wir mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere Einrichtung konstatieren können.“ Und richtig, so war es auch. Aber nicht nur in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall in derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit demselben Blumenkübel darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber usw. usw. Immerhin kann man sich diese ermüdende Uniformität gefallen lassen, da sie doch wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt. Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den Palästen ungebührlich rasch reich gewordener Emporkömmlinge – gerade wie bei uns.
Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner Vergnügungen und künstlerischen Betätigungen doch noch recht unkultiviert zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der Photographie, im Buchgewerbe. Während [pg 127]die amerikanischen Museen zum weitaus größten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Künstler einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden Entwicklung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, das die Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch nicht überwunden hat, keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper als Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem völlig neuen Anblick dermaßen gefangen, daß er überhaupt für nichts anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: „Oh good Lord, what tits, what tits!“
Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich in der Öffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persönlich in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania): auf einer sehr hohen schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine elektrische Birne!
Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre Techniken vom Auslande gelernt und stark eigenartige [pg 128]Glanzleistungen auch nur in den bildenden Künsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige musikalische Spezialität, die sich zurzeit als echt amerikanisch ansprechen läßt, nämlich das Volkslied der Neger und der Ragtime (eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze und derbe Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurückzuführen. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß für gute Musik heute schon ein recht großes und verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, daß an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hörers erst seit wenigen Jahrzehnten von europäischen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man heute schon den „Parsival“ vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhörerschaft geben kann, und daß Konzertprogramme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, große Scharen anziehen und begeistern. Allerdings finden bei einer großen Masse selbst der höheren Schichten auch stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall – aber können wir das in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, daß bei uns kein Künstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde, dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir Deutschen dürfen uns rühmen, auf musikalischem Gebiet uns die Meistbegünstigung für unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen Musikanten aber auch arbeiten müssen, in welchen harten steinigen Boden haben sie oft ihre Pflug[pg 129]schar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden für ihre Saat zu bereiten.
Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich einen solchen Veteranen von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20–30 Jahren hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Löwe und Franz vorzusingen, da gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ nicht locker, er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Künstler mit einem vornehmen Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys mit dem Schießeisen vom Podium gejagt zu werden.
Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spärlich aus amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthäusler und Abenteurer in der Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit herübergebracht. Und bis die großen Kriege durchgekämpft, die Naturschätze erschlossen, das ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu tun, um Muße zu künstlerischer Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese Muße freilich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten aufgegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen [pg 130]schmückenden Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedüngten Kulturlandes. Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, in deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte sich an den Hemmungen, die sie zu überwinden hatte. Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Künstler ist ein geborener Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und Philistern, eine hochmütige Scheidewand errichtet.
Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem Instinkt des Künstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betätigung schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo immer gegenwärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt fertig übernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst vernünftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als Abkömmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverständlich eine angeborene Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen Einwanderer sich instinktmäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden. Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natürlich ihren Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt auf die Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum [pg 131]ist es selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten zunächst eigenartige Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwärtig schon vorhanden sind. Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, daß allein schon aus diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, daß geborene Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen können, deren ausländische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört und eine wirkliche chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln, aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst hervorgehen müßte.
Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise ein jugendlicher Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben möchte, das Hungerleiderdasein eines deutschen oder französischen Poeten zu führen, eine undenkbare komische Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider den Geschmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. Auch wenn er Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht rücksichtslos damit erschrecken, sondern es allmählich vorzubereiten suchen. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen [pg 132]Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für Ausnahmemenschen, besonders also für solche, die keine Sorge um das tägliche Brot mehr drückt. Man setzt auch voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei, also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten Gesellschaft mit normalen Manieren und auch einigermaßen normalen Gesinnungen. Es ist bezeichnend, daß der Name Bohemiens, der für Künstler- und Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten können, ihre festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts als französischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon deshalb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser gibt. Es kommt vorläufig auch noch selten vor, daß künstlerische, besonders literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist. In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler und Tapezierer ist – Hugo Bertsch heißt er – aber der schreibt Deutsch und ist aus Reichelsheim i. O. gebürtig.
Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit begonnen haben, sich von der herrschenden Prüderie und Konvention freizumachen und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu erobern, nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte Walter von unten heraufgekommen ist, gehörig gehungert und im Zentralpark gepennt hat, bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Färbung auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, [pg 133]obwohl er eine gute wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn gleichfalls als Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer, Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber wegen schlechter Aufführung von der Universität und der Militärakademie relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berühmten Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker, gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte sich zunächst als Rechtsanwalt.
Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, daß die künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glückliche Bewohner so gern alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgängige Ware zu liefern, und marktgängig ist, was dem Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschäft zu machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen. Dieser Geschmack heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es müssen daher auch ernste Schriftsteller, z. B. [pg 134]solche, die ihr soziales Gewissen auf das Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein. Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen Geschmacks bei dem amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ängstlich noch begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die Tagespresse die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital für sich.
Vom Theater im Yankeelande.
Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herübergenommen, nur daß die Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, was bei dem Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hüben wie drüben ist für das Drama hohen Stiles kein großes Publikum vorhanden, und darum suchen Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und Massenentfaltung anzulocken. Für das moderne Gesellschaftsdrama und das feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders häufig vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge – mit verschwindend wenigen Ausnahmen – vom Konventionellen zum Individuellen aufgerückt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für das Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein Stück läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist wohl allgemein bekannt, daß man drüben Theater mit wechselndem Repertoir bisher noch nicht kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, sobald seine Zugkraft erschöpft ist. Wer also drüben die Schauspielerei zum Beruf erwählt, der muß schon über [pg 136]recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der unheilbaren Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach künstlerischen Grundsätzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gründung des New Theatre. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger Schauspieler zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs ungeschickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung von Maeterlinks „Der blaue Vogel“ gesehen, die in bezug auf die darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf künstlerische Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten Spielzeit als vorläufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe für dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint der erheblichste und zugleich auch betrüblichste der zu sein, daß für das Schauspiel die Anzahl der künstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. Man ist es einfach noch nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die für den Besuch eines den Ansprüchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen, täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womöglich gar wegen einer Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in seinen häuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich alle möglichen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die große Oper, die muß wechselndes Repertoir [pg 137]haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage große Partien singen können; und außerdem gehört die große Oper auch mehr zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen Opfer bringen muß, als zu den bloßen künstlerischen Unterhaltungen. Ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel ebensogut möglich sein wie das Millionen verschlingende Metropolitan Opera House, sobald es bei dem hohen Adel und den Großwürdenträgern der demokratischen Gesellschaft de rigueur wäre, auch in diesem Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Bis dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales Drama des Yankeetums nach einer nationalen Bühne schreit, wird noch viel Wasser den Hudson hinunterlaufen.
Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem es vorläufig ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte als Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken. Im übrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die Leitung nicht gänzlich unfähig ist. Mit dem nötigen Geld kann man sich nicht nur die besten Sänger und Sängerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die Greenbacks (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wäre es möglich, ein genügend zahlreiches Personal von Sängern und Sängerinnen, darunter die berühmtesten Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die französischen französisch und die italienischen ita[pg 138]lienisch darzustellen?! Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise für unsere Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt wird. Es ist also selbstverständlich, daß keine Opernbühne Europas an Großartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem Theater Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an äußerem Glanz, sondern auch an echter künstlerischer Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, Berlin, München, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die großen Gefahren dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines hingebenden künstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte die Lust verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu tun. Aber schließlich wird überall mit Wasser gekocht, und eine ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls ungerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel Blendwerk abzutun. Die Herren Milliardäre bekommen für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst geliefert.
Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komödienspiel erlebt habe, fand ich in einem der fünf jiddischen Theater an der Bowery, dem New Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu Tausenden beieinander hocken. „The Miners“ (die Bergleute) hieß das Theater, unansehnlich von außen, eng, [pg 139]schmutzig und in allen Einrichtungen veraltet von innen. Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die besseren Leute im ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon ihr Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden, ärmlich und schäbig anzuschauen, mit steifen kleinen Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. Sie sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge, David Keßler, zu sehen, der zugleich der künstlerische und geschäftliche Leiter des Unternehmens ist. Das Stück hieß: „Jankel, der Schmied“, von David Pinsky, einem jüdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der jüdischen Kleinbürger in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bühne seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ kaum mehr dagewesen ist. Und diese heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schönheit, Licht und Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes Geschnatter vollführen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse und widrige Menschenseelen, sie nehmen all dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und begrüßen die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem [pg 140]Gelächter und begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen Kunst auch für den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls würdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher Darsteller; denn nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keßler, ist ein wirklich großer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen, als ob sie einfach sich selber ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne und die Sinne der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte ich die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig erstaunt aus seinem Munde zu hören, daß außer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner Truppe vorhanden seien, sondern daß er sich die Leute von überallher zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche komische Episodenspieler handelt tagsüber mit alten Hosen, diese schlichte sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemütstöne findet, ist vielleicht Dienstmädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzählt uns mit stolz aufleuchtenden Augen, daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen Sohn so weit gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem fremden Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glänzenden Zukunft entgegengehe. Am Schluß des Stückes bricht ein tobender Beifall los, der sich sonderbarerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch in gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf der Bühne erscheint, rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: [pg 141]„Speech, speech!“ Der derbe vierschrötige Gesell steht unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm in der Richtung, von wo der Ruf kam. „Wer Musik haben will,“ ruft er in kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist nicht der Ort für trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische Kunst mit heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um euch, meinen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich versucht, euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, mit dem Einfachsten und Verständlichsten habe ich angefangen, um euch vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!“
Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer sein, das russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hört sich allmählich hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu folgen, und so glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus echter Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe. Ganz still und beschämt saßen die Zuschauer da, und die jüngeren Leute besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht seines Volkes nach Kunst, nach tätiger Beteiligung an den höheren Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge hin, die [pg 142]jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf der deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit Begeisterung den Namen Max Reinhardts, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel hervorgezogen und zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit gegeben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten und kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit seinen besten Kräften immer eifriger an der Aufwärtsentwicklung der modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden und verließ unter donnernden Cheers die Bühne.
Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glück herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller Kulturen verschlagenen Orientalen, für ein starkes Talent zur Menschendarstellung, d. h. also zur künstlerischen Selbstentäußerung besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, daß in allen Kulturländern gerade das Theater von Angehörigen dieser Rasse überschwemmt wird. Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkräfte; denn es gibt genug jüdische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte des Glückes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner Begeisterung für die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Rätselraten und in raschen Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie für die Juristerei besonders geeignet erscheinen läßt und ihren Handelsunternehmungen und Geldspekulationen so oft einen kühn-fantastischen Anstrich verleiht, so mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemüt [pg 143]dieses Volkes lastete, die naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des künstlerischen Selbstbetruges über das gedrückte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und im Rampenlichte Könige, Helden und glückliche Liebhaber vorzustellen. Es ist überhaupt charakteristisch, daß gerade diejenigen Völker, deren Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestützt fühlen, am eifrigsten und mit dem größten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco stehende Bühnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an der großen Oper ihre nationale Kunst glänzend vertreten, aber auch sie werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehörigen der verschiedenen slawischen Volksstämme eifrig Liebhabertheater spielen. Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.
Repertoirschwierigkeiten der deutschen Bühne.
Reinhardt der Retter.
Aber seltsam muß es uns Deutsche berühren, daß dies ungeheure Neuland, als welches Deutschland es in musikalischer Beziehung überhaupt erst urbar gemacht und vollständig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der großen Oper und eines blühenden Konzertlebens glänzend aufgegangen ist, doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu erhalten vermag. Wenn man bedenkt, daß der herrschenden Yankeerasse mit ihren 20 400 000 Köpfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung gegenüberstehen, daß New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher Abstammung nach die zweitgrößte deutsche Stadt der Welt ist, so muß man sich baß verwundern, daß die wenigen stehenden deutschen Bühnen in den Vereinigten Staaten [pg 144]nicht nur künstlerisch immer mehr zurückgehen, sondern auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kämpfen haben. Bei längerem Hinschauen und ruhiger Überlegung wird diese traurige Tatsache allerdings verständlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu bedenken, daß die weitaus überwiegende Zahl der Einwanderer den wenig gebildeten Ständen entstammt, bei denen naturgemäß von einem starken Pflichtbewußtsein als deutsche Kulturträger nicht die Rede sein kann. Wenn nun schon die Väter der fremden Sprache und damit der fremden künstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befähigte Genießer und berufene Förderer des deutschen Dramas nur ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil übrig, dessen Mitglieder zudem über den ganzen weiten Kontinent verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit schönem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Töchter und Söhne mitspielen, sondern auch zugunsten einer öffentlichen Bühne tief in ihre Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere große Schwierigkeit auf: Für welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld gespendet, dieser rührende Eifer aufgewendet werden? Außer den paar akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Höhe der Bildung stehenden berufsmäßigen Kritikern haben doch nur verschwindend wenige Deutsch-Amerikaner ein [pg 145]so starkes Interesse an der Entwicklung speziell des Theaters, daß sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen wären. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und seiner Nachfolger gestützt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heißen mögen, deren Modeglanz oft schon verblaßt war, bevor ernsthafte Leute sich noch über ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das deutsche Theaterleben stark anregen, besaßen aber nicht die Kraft, zumeist auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die stärkste Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48 herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen Drama, die also unsere wichtigsten Kulturträger mit herüberbrachten, stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum herrschte. Von den aufregenden Kämpfen, die in den letzten vier Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen ließen und unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum überm Ozean kaum einen Hauch verspürt. Was ist begreiflicher, als daß der Leiter eines deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs möglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befürchten muß, sein Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stoßen und durch Frank Wedekind zu entrüsten, weil die angelsächsische Geistesenge und Prüderie bei langem Aufenthalt im Lande schließlich doch auch auf die kecksten Deutschen abfärbt, so wird er sich darauf beschränken, neben den Klassikern das harmlose Familien[pg 146]lustspiel und das gesinnungstüchtige Thesenstück zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum entrüsteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben vermögen, was sein Gemüt in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu denken geben könnte. Die sozialen Verhältnisse, auf denen das deutsche Familienstück beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder durch spießbürgerliche Beschränktheit entstehen, auch manche Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenöter in Uniform, der Backfisch, der schüchterne Kandidat usw. usw., sind ihm gänzlich fremd geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhältnisse auf der Bühne interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine unglücklichere Idee konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem Gebiete Abschreckenderes und Jämmerlicheres als eine Operette, mit unzulänglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten an Operettenbühnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern produziert, wird unfehlbar auf diesen Bühnen mit allem Pomp inszeniert und von den zugkräftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, daß in ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmaßen ruhig halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen verfügbaren Extremitäten zu zucken, zu schlenkern, zu stoßen und zu schleudern – kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmäßig [pg 147]in Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag, er ist einmal der herrschende geworden, und kein seßhafter amerikanischer Bürger wird sich eine Operette anders vorstellen können, denn als eine solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umständen eine deutsche Operette bieten, die für den Mangel an kostspieliger Inszenierung und geschmackvoller Kostümierung keineswegs durch glänzende Leistungen des Orchesters und der Sänger zu entschädigen vermag? Sie kann nur dazu beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit dürftiger Ausstattung und mittelmäßigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse für deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfähigkeit der deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drüben nur dadurch wieder erweckt werden, daß von Deutschland aus große Mittel aufgewendet werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glänzender Ausstattung in den deutschen Hauptstädten der Union zu ermöglichen. Mit zweiter Garnitur und mit abgeblaßten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn. Wenn Max Reinhardt seinen Plan verwirklicht, seinen „Ödipus“, „Faust“ und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz sicher nicht nur gute Geschäfte machen und persönlich einen großartigen Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen theatralischen Kunst wiederherstellen und [pg 148]für die Zukunft eine neue Möglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater ständig drüben zu erhalten. Die Amerikaner wollen zunächst einmal verblüfft sein; es muß ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muß auch das ganze gebildete Publikum englischer Zunge in dies Unternehmen locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muß vor Neid bersten und zu dem Geständnis gezwungen werden, daß es dergleichen in seinem Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees wird das Solidaritätsgefühl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die Schecks für einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge aufhäufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der großen Oper sich unsere ersten Sänger, Sängerinnen und Kapellmeister herüberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer großen Stils die Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler zu kaufen. Und wenngleich die große Sensation, die das deutsche Theater in Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge doch sogar die Denkfaulheit und die Prüderie des amerikanischen Durchschnittsmenschen besiegen und auch kühnere Neutöner unter den lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauß’ letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es wird sogar – was schließlich doch wohl das Beste dabei ist – wieder ein tüchtiges Stück Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung Amerikas geleistet werden können.