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Der Doppelgänger

Chapter 14: 13. Kapitel
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About This Book

A timid titular councillor in St. Petersburg increasingly unravels after encountering a man identical to himself; the double gradually appears to mimic and replace him in official and social contexts, provoking mounting paranoia and an identity crisis. The narrative traces his escalating obsession, social anxieties, and futile attempts to defend rank and reputation, blending satirical observation with psychological intensity. Themes include the fragility of selfhood, rivalry and humiliation within bureaucratic society, and the unstable boundary between perception and madness.

„Leben Sie wohl, Exzellenz!“ rief auf einmal Herr Goljadkin der jüngere. Unser Held fuhr zusammen, bemerkte in dem Gesichte seines Feindes den spöttischen Zug und schob, lediglich um von ihm loszukommen, in die ihm hingestreckte Hand des Verworfenen zwei Finger der seinigen hinein; aber nun … nun überstieg die Unverschämtheit Herrn Goljadkins des jüngeren alles Maß. Nachdem er die beiden Finger des älteren Herrn Goljadkin ergriffen und zunächst gedrückt hatte, erlaubte sich der Unwürdige, unmittelbar vor den Augen des älteren Herrn Goljadkin seinen schamlosen Scherz vom Vormittag zu wiederholen. Das Maß der menschlichen Geduld war erschöpft …

Er hatte das Taschentuch, mit dem er sich die Finger abgewischt hatte, bereits wieder in die Tasche gesteckt, als Herr Goljadkin der ältere endlich zur Besinnung kam und ihm in das anstoßende Zimmer nachstürzte, wohin sein unversöhnlicher Feind nach seiner häßlichen Gewohnheit schleunigst geflüchtet war. Als ob nicht das geringste geschehen wäre, stand er am Büfett, aß Pastetchen und sagte wie der tugendhafteste Mensch der deutschen Konditorfrau Liebenswürdigkeiten. „In Gegenwart von Damen geht es nicht,“ dachte unser Held und trat, außer sich vor Erregung, ebenfalls an das Büfett heran.

„Aber wirklich, das Frauchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“ begann Herr Goljadkin der jüngere von neuem seine unpassenden Späße; er rechnete wahrscheinlich auf Herrn Goljadkins unendliche Geduld. Die dicke Deutsche ihrerseits blickte ihre beiden Kunden mit ihren zinnernen, geistlosen Augen an; sie verstand offenbar kein Russisch und lächelte höflich. Bei den Worten des schamlosen jüngeren Herrn Goljadkin flammte unser Held auf wie Feuer, und außerstande sich länger zu beherrschen, stürzte er endlich auf ihn los in der offensichtlichen Absicht, ihn zu zerreißen und auf diese Art ein für allemal mit ihm fertig zu werden; aber Herr Goljadkin der jüngere war nach seiner unwürdigen Gewohnheit schon weit weg: er hatte Reißaus genommen und befand sich schon vor der Haustür. Als Herr Goljadkin der ältere nach der ersten momentanen Erstarrung, die ihn natürlicherweise überkommen hatte, wieder zur Besinnung kam, lief er selbstverständlich spornstreichs hinter seinem Beleidiger her, der bereits in die Droschke gestiegen war, die auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher augenscheinlich mit ihm unter einer Decke steckte. Aber in diesem selben Augenblicke kreischte die dicke Deutsche, die ihre beiden Kunden davonrennen sah, laut auf und klingelte aus Leibeskräften mit ihrer Glocke. Fast im schärfsten Laufe wandte sich unser Held um, warf ihr das Geld für sich und für den schamlosen Menschen, der nicht bezahlt hatte, hin, ohne etwas heraus zu verlangen, und ermöglichte es trotz dieses Aufenthaltes doch, obgleich wieder nur mit größter Eile, seinen Feind zu erreichen. Indem er sich mit aller Kraft, die ihm die Natur gegeben hatte, an den Schmutzflügel der Droschke anklammerte, lief unser Held eine Weile auf der Straße mit und suchte dabei auf den Wagen heraufzuklettern, den der jüngere Herr Goljadkin aus aller Kraft wie eine Festung verteidigte. Unterdes trieb der Kutscher mit der Peitsche, den Zügeln, dem Fuße und mit Zurufen seinen steifbeinigen Klepper an, der ganz unerwartet in Galopp fiel, wobei er auf das Mundstück biß und nach seiner schlechten Gewohnheit bei jedem dritten Schritte mit den Hinterbeinen ausschlug. Endlich gelang es unserem Helden, sich auf die Droschke hinaufzuschwingen, das Gesicht seinem Feinde zugewandt, mit dem Rücken gegen den Kutscher gestemmt, Knie an Knie mit dem Schamlosen; mit der rechten Hand hielt er den schäbigen Pelzkragen an dem Mantel seines verworfenen, erbitterten Feindes fest gepackt.

So fuhren die beiden Feinde eine Weile schweigend dahin. Unser Held konnte kaum Luft bekommen; der Weg war sehr schlecht, und er hüpfte bei jedem Schritte in die Höhe, in Gefahr, den Hals zu brechen. Überdies wollte sein erbitterter Feind sich immer noch nicht überwunden geben, sondern bemühte sich, seinen Gegner in den Schmutz hinunterzustoßen. Um das Maß der Unannehmlichkeiten voll zu machen, war ein greuliches Wetter. Der Schnee fiel in dichten Flocken und versuchte auf jede Weise unter den offenstehenden Mantel des wirklichen Herrn Goljadkin zu dringen. Ringsherum war es so dunkel, daß man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Es war schwer zu erkennen, wohin und durch welche Straßen sie fuhren. Herr Goljadkin hatte dabei die Empfindung, als widerfahre ihm etwas, was ihm schon bekannt sei. Einen Augenblick lang versuchte er sich zu erinnern, ob er nicht schon gestern so etwas geahnt habe, z. B. im Traume … Endlich war sein peinliches Gefühl bis auf den höchsten Grad der Agonie gestiegen. Sich an seinen erbarmungslosen Gegner drückend, wollte er aufschreien. Aber der Schrei erstarb ihm auf den Lippen … Es war ein Augenblick, in welchem Herr Goljadkin alles vergaß und sich sagte, all dies mache gar nichts; es vollziehe sich auf irgendwelche unerklärliche Weise, und sich dagegen zu sträuben, sei unter solchen Umständen unnütz und ganz verlorene Mühe … Aber plötzlich und beinahe in demselben Augenblicke, als unser Held zu diesem Resultate gelangt war, änderte ein unvorhergesehener Stoß die ganze Lage der Dinge. Herr Goljadkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und rollte ein Stückchen davon, wobei er sich im Augenblick des Falles ganz mit Recht bewußt war, daß er wirklich sehr zur Unzeit hitzig geworden sei. Nachdem er endlich aufgesprungen war, sah er, daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand mitten auf einem Hofe, und unser Held erkannte auf den ersten Blick, daß sie sich bei der Tür eben des Hauses befanden, in welchem Olsufi Iwanowitsch wohnte. Gleichzeitig bemerkte er, daß sein Feind schon die Stufen zur Haustür hinanstieg und wahrscheinlich zu Olsufi Iwanowitsch wollte. In seinem unbeschreiblichen Seelenschmerze wollte er schon hineilen, um seinen Feind einzuholen, besann sich aber zu seinem Glücke verständigerweise noch rechtzeitig eines andern. Ohne daß er vergessen hätte, den Kutscher zu bezahlen, rannte Herr Goljadkin auf die Straße und lief, so schnell er konnte, blindlings davon. Der Schnee fiel wie vorher in dichten Flocken; wie vorher war es feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern stürmte dahin, stieß dabei alle Leute auf dem Wege um, Männer, Frauen und Kinder, und prallte seinerseits selbst von Frauen, Männern und Kindern zurück. Um ihn herum und hinter ihm erschollen erschrockene Worte, Kreischen und Schreien … Aber Herr Goljadkin war, wie es schien, ohne Besinnung und mochte auf nichts achten … Er kam erst wieder zu sich, als er sich schon bei der Semjonowski-Brücke befand, und zwar nur deshalb, weil er ungeschickterweise zwei alte Hökerfrauen mit ihren landläufigen Waren angestoßen und umgeworfen hatte und mit ihnen zusammen zu Fall gekommen war. „Das hat nichts zu sagen,“ dachte Herr Goljadkin; „das kann sich alles noch ganz gut gestalten,“ und griff sogleich in die Tasche, um sich wegen der umhergestreuten Pfefferkuchen, Äpfel, Erbsen und mannigfachen anderen Dinge mit einem Rubel loszukaufen. Plötzlich ging Herrn Goljadkin ein neues Licht auf; er fühlte in der Tasche den Brief, den ihm am Vormittag der Schreiber eingehändigt hatte. Da ihm unter anderm einfiel, daß sich in der Nähe ein ihm bekanntes Restaurant befinde, so lief er, ohne einen Augenblick zu zaudern, dorthin und nahm an einem Tischchen Platz, auf dem zur Beleuchtung ein Talglicht brannte; ohne sich dann um irgend etwas zu kümmern und ohne auf den Kellner zu hören, der herantrat, um seine Bestellung entgegenzunehmen, erbrach er das Siegel und begann den untenstehenden Brief zu lesen, der ihn in das allerhöchste Erstaunen versetzte:

„Edler, für mich leidender, meinem Herzen lebenslänglich
teurer Mann!

„Ich leide, ich gehe zugrunde, — rette mich! Jener verleumderische, intrigante und durch seine nichtswürdige Denkweise bekannte Mensch hat mich mit seinen Netzen umstrickt und zugrunde gerichtet! Ich bin gefallen! Aber er ist mir zuwider, während Du … Man hat uns getrennt, meine Briefe an Dich abgefangen, — und all das hat der sittenlose Mensch getan, indem er seine einzige gute Eigenschaft ausnutzte, die Ähnlichkeit mit Dir. Jedenfalls kann man ein häßliches Äußeres besitzen und doch durch Geist, starke Empfindung und angenehme Manieren fesseln … Ich gehe zugrunde! Man wird mich gewaltsam verheiraten, und am allermeisten intrigiert hier mein Vater und Wohltäter, der Staatsrat Olsufi Iwanowitsch, wahrscheinlich in der Absicht, meinen Platz in der vornehmen Gesellschaft einzunehmen und sich meiner Konnexionen zu bedienen … Aber ich habe meinen Entschluß gefaßt und sträube mich mit allen Mitteln, die mir die Natur verliehen hat. Erwarte mich mit Deinem Wagen heute Punkt neun Uhr vor den Fenstern von Olsufi Iwanowitschs Wohnung. Bei uns ist heute Ball, und der schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen, und wir werden fliehen. Es gibt ja auch noch andere Stellen im Staatsdienst, wo man dem Vaterlande Nutzen bringen kann. In jedem Falle denke daran, mein Freund, daß die Unschuld schon durch ihre Unschuld stark ist. Lebewohl! Erwarte mich mit dem Wagen vor der Haustür! Pünktlich um zwei Uhr nachts werde ich mich in den Schutz Deiner Umarmung flüchten.

„Dein bis zum Grabe!
Klara Olsufjewna.“

Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Minuten lang wie betäubt. In furchtbarer Pein, in schrecklicher Aufregung, bleich wie Leinewand, ging er mit dem Briefe in der Hand mehrmals im Zimmer auf und ab; um die Mißlichkeit seiner Lage voll zu machen, bemerkte unser Held nicht, daß er in diesem Augenblicke der Gegenstand ausschließlicher Aufmerksamkeit aller im Zimmer Anwesenden war. Seine unordentliche Kleidung, die Aufregung, die er nicht zu unterdrücken vermochte, die Art, wie er im Zimmer hin und her ging oder, richtiger gesagt, lief, die Gestikulationen, die er mit beiden Händen ausführte, vielleicht auch einige rätselhafte Worte, die er selbstvergessen vor sich hin sprach, alles diente wahrscheinlich sehr wenig zu Herrn Goljadkins Empfehlung bei den Besuchern des Lokals, und sogar der Kellner begann ihn mißtrauisch zu betrachten. Als unser Held wieder zur Besinnung gekommen war, bemerkte er, daß er mitten im Zimmer stand und in beinah unanständiger, unhöflicher Art einen ältlichen Herrn von sehr achtbarem Äußern anstarrte, der sein Mittagessen verzehrt, sein Gebet vor dem Heiligenbilde verrichtet, sich dann wieder hingesetzt hatte und seinerseits ebenfalls seine Blicke nicht von Herrn Goljadkin abwandte. Verwirrt sah unser Held um sich und bemerkte, daß alle, geradezu alle, ihn mit mißtrauischer Miene, die nichts Gutes erwarten ließ, anblickten. Auf einmal verlangte ein pensionierter Militär die „Polizei-Nachrichten“. Herr Goljadkin zuckte zusammen und errötete: unwillkürlich schlug er dabei die Augen zu Boden und sah dabei, daß sein Kostüm sich in einem unanständigen Zustande befand, der nicht einmal innerhalb seiner vier Wände erträglich gewesen wäre, geschweige denn an einem öffentlichen Orte. Seine Stiefel, seine Beinkleider und die ganze linke Seite waren über und über voll Schmutz; der Steg am rechten Bein war abgerissen, und der Frack wies sogar an vielen Stellen Löcher auf. In tiefstem Seelenschmerze trat unser Held an den Tisch heran, an dem er den Brief gelesen hatte, und sah, daß der Kellner sich ihm näherte und ihn mit einem sonderbaren, dreisten Gesichtsausdruck beharrlich anblickte. Fassungslos und ganz niedergeschlagen begann unser Held den Tisch zu mustern, neben dem er jetzt stand. Auf dem Tische standen die noch nicht weggeräumten Teller von dem Mittagessen, das jemand dort eingenommen hatte; ebendort lag eine beschmutzte Serviette, sowie ein Messer, eine Gabel und ein Löffel, die soeben benutzt worden waren. „Wer mag hier zu Mittag gegessen haben?“ dachte unser Held. „Bin ich es wirklich selbst gewesen? Sehr wohl möglich! Ich habe zu Mittag gegessen und selbst nichts davon gemerkt; was soll ich nur anfangen?“ Aufblickend gewahrte er neben sich den Kellner, der ihm etwas sagen wollte.

„Wieviel bin ich schuldig, lieber Freund?“ fragte unser Held mit zitternder Stimme.

Ein lautes Gelächter erscholl rings um Herrn Goljadkin; sogar der Kellner lächelte. Herr Goljadkin merkte, daß er sich auch hiermit blamiert und eine furchtbare Dummheit gemacht hatte. Infolge dieser Erkenntnis wurde er so verlegen, daß er genötigt war, nach seinem Taschentuche in die Tasche zu greifen, wahrscheinlich um nur irgend etwas zu tun und nicht so zwecklos dazustehen; aber zu seinem und aller Anwesenden Erstaunen zog er statt des Taschentuches ein Fläschchen mit der Arznei heraus, die ihm Krestjan Iwanowitsch vor vier Tagen verschrieben hatte. „Medizin aus derselben Apotheke,“ ging es Herrn Goljadkin durch den Kopf … Plötzlich fuhr er zusammen und schrie beinah auf vor Schreck. Ein neues Licht ergoß sich vor seinem geistigen Blicke … Die dunkelrote, widerliche Flüssigkeit schimmerte in unheilverkündendem Glanze vor Herrn Goljadkins Augen … Das Fläschchen fiel ihm aus den Händen und zerbrach. Unser Held schrie auf und sprang vor der umherspritzenden Flüssigkeit ein paar Schritte zurück … er zitterte an allen Gliedern, und der Schweiß brach ihm an den Schläfen und auf der Stirn aus. „Also ist mein Leben in Gefahr!“ Unterdessen war im Zimmer eine Bewegung und Verwirrung entstanden; alle umringten Herrn Goljadkin, alle redeten zu ihm, einige faßten ihn sogar an. Aber unser Held stand stumm und regungslos; er sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts … Endlich riß er sich von dem Flecke, wo er stand, los, stürzte aus dem Restaurant hinaus, stieß alle, die sich bemühten, ihn festzuhalten, zurück, warf sich beinah besinnungslos in die erste beste Droschke und fuhr eilig nach Hause.

Im Flur seiner Wohnung traf er den Kanzleidiener Michejew mit einem amtlichen Schreiben in der Hand. „Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles,“ antwortete unser Held, der völlig erschöpft war, mit matter, trauriger Stimme; „das ist etwas Amtliches …“ Das Schreiben enthielt in der Tat die von Andrei Filippowitsch unterzeichnete Anweisung für Herrn Goljadkin, die in seinen Händen befindlichen Akten an Iwan Semjonowitsch abzuliefern. Nachdem er den Brief in Empfang genommen und dem Kanzleidiener ein Zehnkopekenstück gegeben hatte, ging Herr Goljadkin in seine Wohnung hinein und sah, daß Petruschka in seinem Verschlage dabei war, all seine Sachen auf einen Haufen zusammenzulegen, offenbar in der Absicht, Herrn Goljadkin zu verlassen und als Jewstafis Nachfolger in Karolina Iwanownas Dienst zu treten, die ihn seinem Herrn abwendig gemacht hatte.

12. Kapitel

Petruschka trat, sich hin und her wiegend, ins Zimmer; seine Haltung hatte etwas sonderbar Nachlässiges, sein Gesicht zeigte die triumphierende Miene eines Knechtes. Man konnte ihm ansehen, daß er etwas vorhatte und sich in seinem Rechte fühlte; er sah aus wie ein Fremder, d. h. wie der Diener eines andern Herrn, nicht wie Herrn Goljadkins bisheriger Diener.

„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann unser Held, immer noch außer Atem, „was ist jetzt die Uhr, mein Lieber?“

Petruschka ging schweigend hinter die Scheidewand, kam zurück und meldete in einem wenig dienermäßig klingenden Tone, es sei bald halb acht.

„Nun schön, mein Lieber, schön! Nun, siehst du, mein Lieber … Dann möchte ich dir sagen, mein Lieber, daß unser wechselseitiges Verhältnis jetzt zu Ende ist.“

Petruschka schwieg.

„Also da nun jetzt unser wechselseitiges Verhältnis zu Ende ist, so sage mir doch jetzt aufrichtig, sage mir wie ein Freund dem Freunde, wo du gewesen bist, mein Lieber!“

„Wo ich gewesen bin? Bei guten Leuten bin ich gewesen.“

„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Ich bin mit dir stets zufrieden gewesen, mein Lieber, und werde dir auch ein gutes Zeugnis ausstellen … Nun, bist du denn jetzt bei denen im Dienst?“

„Nun ja, Herr! Sie wissen es ja selbst. Ein guter Mensch lehrt einen nichts Schlechtes.“

„Ich weiß, mein Lieber, ich weiß. Heutzutage sind gute Leute selten, mein Freund; die mußt du zu schätzen wissen, mein Freund. Nun, wie sind sie denn?“

„Das wissen Sie ja … Aber bei Ihnen, Herr, kann ich jetzt nicht länger dienen; das werden Sie ja selbst wissen.“

„Ich weiß, mein Lieber, ich weiß; ich kenne deinen Eifer und deine Dienstwilligkeit; ich habe das alles gesehen, mein Freund, habe das alles bemerkt. Ich schätze dich hoch, mein Freund. Ich schätze einen guten, ehrenhaften Menschen hoch, wenn er auch ein Diener ist.“

„Nun ja, das weiß ich. Unsereiner muß natürlich dahin gehen, wo es besser ist; das wissen Sie selbst. Das ist nun einmal nicht anders. Was soll ich machen? Sie wissen, Herr, einen guten Menschen muß man haben.“

„Nun schön, mein Lieber, schön! Ich kann dir das nachfühlen … Nun also, da hast du dein Geld und dein Zeugnis. Jetzt wollen wir uns küssen, lieber Freund, und voneinander Abschied nehmen …“

„Jetzt, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen einzigen Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljadkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, es kommt alles mögliche vor. Kummer verbirgt sich auch in vergoldeten Palästen, mein Freund; dem kann man nirgendhin entfliehen. Du weißt, mein Freund, ich bin, wie ich meine, immer freundlich gegen dich gewesen …“

Petruschka schwieg.

„Ich bin, meine ich, immer freundlich gegen dich gewesen, mein Lieber … Nun, wieviel Wäsche haben wir denn jetzt, mein Lieber?“

„Es ist alles ordnungsmäßig vorhanden. Sechs Stück leinene Hemden; drei Paar Socken; vier Vorhemdchen; eine flanellene Unterjacke; zwei Unterhosen. Sie wissen ja selbst alles. Ich habe nichts von Ihren Sachen, Herr … Ich hüte das Eigentum meines Herrn mit aller Sorgfalt. Sie haben mich manchmal gescholten, Herr, wegen … hm … gewiß … aber solche Sünde habe ich niemals auf mein Gewissen geladen, Herr; das wissen Sie selbst, Herr …“

„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube dir. Aber ich meine das auch gar nicht, mein Freund, ich meine das gar nicht, siehst du. Es handelt sich um etwas anderes, mein Freund …“

„Ja, Herr, das kennen wir schon. Als ich noch beim General Stolbnjakow in Dienst stand und entlassen wurde, weil die Herrschaft nach Saratow reiste … sie hatten da ein Gut …“

„Nein, mein Freund, ich meine das gar nicht; ich sage nichts Derartiges … Glaube so etwas nicht, mein lieber Freund …“

„Jawohl. Sie wissen ja selbst: unsereinen kann man auf das leichteste fälschlich beschuldigen. Aber mit mir ist man überall zufrieden gewesen. Da waren Minister, Generale, Senatoren, Grafen. Ich bin bei allen möglichen Herren gewesen, beim Fürsten Swinjatschkin, beim Obersten Pereborkin, beim General Njedobarow; der verreiste auch, auf sein Stammgut reiste er, zu unsern Bauern. Jawohl …“

„Ja, mein Freund, ja, schön, mein Freund, schön. Siehst du, ich verreise jetzt auch, mein Freund … Jeder hat seinen verschiedenen Lebensweg, mein Lieber, und kein Mensch weiß, auf was für einen Weg er geraten wird. Nun, mein Freund, sei mir jetzt beim Umkleiden behilflich; lege mir meinen Uniformrock zurecht … auch andere Beinkleider, Bettlaken, Bettdecken, Kissen …“

„Soll ich alles in ein Bündel zusammenbinden?“

„Ja, mein Freund, ja; meinetwegen binde es in ein Bündel zusammen … Wer weiß, was uns noch begegnen kann. Und jetzt, mein Lieber, geh und hole mir einen Wagen …“

„Einen Wagen?“

„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen recht geräumigen, und auf bestimmte Zeit. Aber denke nur nichts Schlimmes, mein Freund …“

„Wollen Sie weit wegfahren?“

„Ich weiß es nicht, mein Freund; das weiß ich selbst noch nicht. Ich glaube, es wird auch nötig sein, ein Federbett mit dazu zu legen. Was meinst du, mein Freund? Ich will deinem Rate folgen, mein Lieber …“

„Wollen Sie denn gleich wegfahren?“

„Ja, mein Freund, ja. Es ist ein Umstand eingetreten, der es erforderlich macht … so ist das, mein Freund, so ist das …“

„Ich weiß Bescheid, Herr; da bei uns im Regimente kam mit einem Leutnant dasselbe vor; er entführte eine Gutsbesitzertochter …“

„Entführte? … Wie! Mein Lieber, du …“

„Ja, er entführte sie, und in einem andern Dorfe ließen sie sich trauen. Alles war im voraus vorbereitet. Es fand eine Verfolgung statt; aber der Fürst nahm für sie Partei, der selige Fürst; na, und da wurde die Sache gütlich beigelegt …“

„Sie ließen sich trauen, ja … wie kommst du denn darauf, mein Lieber? Woher weißt du denn das, mein Lieber?“

„Na, das kann man schon wissen! Die ganze Welt ist voll von Gerüchten, Herr. Wir wissen alles, Herr … Natürlich, wer wäre ohne Sünde? Aber ich möchte Ihnen jetzt sagen, Herr … erlauben Sie, daß ich Ihnen das ganz einfach, so auf Dienerart sage: wenn die Sache nun einmal so weit gekommen ist, dann möchte ich Ihnen sagen, Herr: Sie haben einen Feind, einen Nebenbuhler, Herr; und es ist ein starker Nebenbuhler, das können Sie glauben!“

„Ich weiß, mein Freund, ich weiß; du weißt es selbst, mein Lieber … Nun also, ich verlasse mich auf dich. Was sollen wir nun tun, mein Freund? Was rätst du mir?“

„Sehen Sie, Herr, wenn Sie also jetzt sozusagen auf diese Manier vorgegangen sind, Herr, dann müssen Sie nun noch einiges kaufen, — na, also Bettlaken, Kissen, ein anderes, zweischläfriges Federbett, eine gute Bettdecke, — sehen Sie, gleich hier unten bei unserer Nachbarin; sie ist eine Bürgerfrau, Herr; die hat einen guten Damen-Fuchspelz zu verkaufen; den könnte man sich ansehen und kaufen; man könnte gleich hinuntergehen und ihn sich ansehen. Sie werden so etwas jetzt brauchen, Herr; es ist ein guter Damenpelz, ein Fuchspelz mit Atlas überzogen …“

„Nun schön, mein Freund, schön; ich bin einverstanden, mein Freund; ich verlasse mich auf dich, verlasse mich vollständig auf dich; meinetwegen auch den Fuchspelz, mein Lieber … Nur recht schnell, recht schnell! Um Gottes willen recht schnell! Ich will auch den Fuchspelz kaufen; nur, bitte, recht schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen, mein Freund! Beeile dich, schnell mein Freund! …“

Petruschka ließ das noch nicht ganz fertiggestellte Bündel mit Wäsche, Kissen, einer Bettdecke, Laken und allerlei Kram, das er zusammensuchte und zusammenband, im Stich und rannte Hals über Kopf aus dem Zimmer. Unterdessen griff Herr Goljadkin noch einmal nach dem Briefe; aber er vermochte nicht, ihn zu lesen. Seinen armen Kopf in beiden Händen haltend, lehnte er sich gegen die Wand. Er war nicht imstande, an irgend etwas zu denken oder irgend etwas zu tun; er wußte selbst nicht, was mit ihm vorging. Endlich, da er sah, daß die Zeit verging und weder Petruschka noch der Damenpelz erschien, entschloß sich Herr Goljadkin, selbst hinzugehen. Als er die Flurtür öffnete, hörte er unten Lärm, Reden, Streiten … Einige Nachbarinnen schwatzten, schrien und räsonierten über etwas, — und Herr Goljadkin wußte schon worüber. Dann wurde Petruschkas Stimme vernehmbar, und darauf hörte man jemandes Schritte. „Mein Gott, sie rufen noch die ganze Welt her!“ stöhnte Herr Goljadkin, in Verzweiflung die Hände ringend, und stürzte in sein Zimmer zurück. Dort sank er fast besinnungslos auf das Sofa nieder und drückte das Gesicht in das Kissen. Ein Weilchen lag er so da; dann sprang er auf, zog, ohne auf Petruschka zu warten, die Überschuhe und den Mantel an, setzte den Hut auf, ergriff seine Brieftasche und lief Hals über Kopf die Treppe hinunter. „Du brauchst nichts zu tun, mein Lieber, gar nichts! Ich werde es selbst besorgen, werde alles selbst besorgen. Deiner bedarf ich vorläufig nicht, und inzwischen wird sich die Sache vielleicht gut gestalten,“ sagte Herr Goljadkin murmelnd zu Petruschka, dem er auf der Treppe begegnete; dann lief er auf den Hof und aus dem Hause hinaus; der Herzschlag stockte ihm; er hatte noch keinen Entschluß gefaßt … Wie sollte er sich verhalten, was sollte er tun, wie sollte er in der jetzigen kritischen Lage vorgehen? …

„Das ist die Frage: wie soll ich vorgehen, Herr du mein Gott? Mußte auch das alles noch passieren!“ rief er endlich verzweifelt, während er ziellos aufs Geratewohl die Straße entlang schlich. „Mußte auch das alles noch passieren! Wäre das nicht passiert, wäre gerade das nicht passiert, dann hätte sich noch alles in Ordnung bringen lassen; mit einem Mal, mit einem Schlage, mit einem einzigen geschickten, energischen, festen Schlage hätte es sich in Ordnung bringen lassen. Ich lasse mir einen Finger abschneiden, wenn es sich nicht hätte in Ordnung bringen lassen! Und ich weiß sogar, auf welche Weise das gegangen wäre. Das hätte ich so gemacht: ich hätte … hm … ich hätte gesagt: ‚So und so, mein Herr; ich weiß mir, mit Erlaubnis zu sagen, nicht anders zu helfen; aber solche Sachen gehen hier nicht, mein Herr, mein geehrter Herr; solche Sachen gehen hier nicht, und mit Aneignung eines fremden Namens ist bei uns nichts zu erreichen; wer sich einen fremden Namen aneignet, mein Herr, der ist ein … hm … ein Nichtswürdiger und bringt dem Vaterlande keinen Nutzen. Verstehen Sie wohl? Verstehen Sie wohl, mein geehrter Herr?‘ So müßte das gemacht werden … Aber nein, was sage ich da? … das ist ja gar nicht das Richtige, ganz und gar nicht das Richtige … Was schwatze ich denn da für Unsinn, ich Dummkopf! Ich bin ja geradezu ein Selbstmörder! Du bist ja geradezu ein Selbstmörder; das ist ganz und gar nicht das Richtige … Da siehst du nun, du verworfener Mensch, da siehst du nun, wie die Sache jetzt läuft! … Wo soll ich nur jetzt bleiben? Was soll ich nur jetzt anfangen? Wozu bin ich jetzt noch zu gebrauchen? Ja, wozu bist du jetzt noch zu gebrauchen, du armer Teufel, du unwürdiges Subjekt? Nun, was soll jetzt werden? Ich muß einen Wagen nehmen; also nimm einen Wagen und laß ihn bei ihr vorfahren; sonst macht sie sich die Füßchen naß, wenn kein Wagen da ist … Ja, wer hätte das gedacht? O weh, mein Fräulein, o weh, mein gnädiges Fräulein! Das ist nun ein Mädchen von gesitteter Aufführung! Das ist nun unser vielgelobtes Dämchen! Sie haben sich ja vorzüglich aufgeführt, gnädiges Fräulein, das muß man sagen, vorzüglich! … Das kommt aber alles von der unmoralischen Erziehung her, und wenn ich das jetzt alles überlege und erwäge, so sehe ich, daß es von nichts anderem herkommt als von der Sittenlosigkeit. Man hätte dieses Mädchen von klein auf, hm … und hätte ihr auch manchmal die Rute zu kosten geben sollen; aber statt dessen haben sie sie mit Konfekt und allerlei Süßigkeiten vollgestopft, und der Alte selbst hat ihr immer vorgesungen: ‚Du mein Engelskind, einem Grafen werden wir dich zur Frau geben!‘ … Aber nun sieht man, zu was für einem Pflänzchen sie sich bei dieser Erziehung entwickelt hat; jetzt hat sie sich dekuvriert; nun wissen wir, wie es steht! Statt sie von klein auf zu Hause zu behalten, haben sie sie in ein Pensionat gegeben, zu einer französischen Emigrantin, einer Madame Falbala, und da hat sie nichts Gutes gelernt, bei dieser Emigrantin Falbala; nun sieht man, was dabei herausgekommen ist. Nun freut euch! Jetzt heißt es nun: ‚Sei mit einem Wagen um die und die Stunde vor den Fenstern und singe ein gefühlvolles spanisches Liedchen; ich erwarte dich und weiß, daß du mich liebst, und will mit dir fliehen, und wir wollen zusammen in einer Hütte leben.‘ Aber das geht schließlich doch nicht; wenn die Sache so weit gediehen ist, mein gnädiges Fräulein, so geht das denn doch nicht; es ist durch die Gesetze verboten, ein ehrenhaftes, unschuldiges Mädchen aus dem Elternhause ohne Einwilligung der Eltern wegzuführen! Und schließlich: warum auch? Wozu? Was liegt für eine Nötigung vor? Mag sie doch denjenigen heiraten, den zu heiraten ihr gebührt und ihr vom Schicksal bestimmt ist; dann ist die Sache erledigt. Ich aber bin ein Mann in amtlicher Stellung und kann für eine solche Tat meine Stellung verlieren; vor Gericht kann ich deswegen kommen, mein gnädiges Fräulein! So steht die Sache, wenn Sie es noch nicht gewußt haben! Aber das ist alles das Werk dieses deutschen Frauenzimmers. Alles geht von dieser Hexe aus; sie hat diesen ganzen Wirrwarr angestiftet. Da wurde ein unschuldiger Mensch verleumdet, und Weiberklatschereien und erlogene Geschichten über ihn in Umlauf gesetzt, und zwar auf Andrei Filippowitschs Rat; daher ist alles gekommen. Warum hätte sonst Petruschka Anlaß, sich hineinzumischen? Was geht ihn die Sache an? Was braucht der Halunke sich damit abzugeben? Nein, ich kann das nicht tun, gnädiges Fräulein, schlechterdings nicht, um keinen Preis … Sie müssen mich diesmal schon entschuldigen, gnädiges Fräulein. Das kommt alles von Ihnen her, gnädiges Fräulein; das kommt alles nicht von der Deutschen her, ganz und gar nicht von der Hexe, sondern einfach von Ihnen; denn die Hexe ist eine gute Person und ist an nichts schuld; aber Sie, mein gnädiges Fräulein, sind daran schuld, — so ist das! Sie, gnädiges Fräulein, bringen mich fälschlich in schlechten Ruf … Da geht ein Mensch zugrunde, da verschwindet ein Mensch vollständig und vermag sich nicht zu behaupten, — wie kann da von Hochzeit die Rede sein! Und wie wird das alles enden? Und wie soll ich das alles jetzt einrichten? Ich würde viel darum geben, wenn ich das wüßte!“

So überlegte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er auf einmal zur Besinnung kam, bemerkte er, daß er irgendwo in der Liteinaja-Straße stand. Es war schauderhaftes Wetter, Tauwetter mit Schnee und Regen, genau so wie in jenem unvergeßlichen Augenblicke, als in der furchtbaren mitternächtlichen Stunde alle Leiden des Herrn Goljadkin begannen. „Wie kann man jetzt reisen?“ dachte Herr Goljadkin im Hinblick auf das Wetter; „da holt sich ja jeder Mensch den Tod … Herr du mein Gott! Na, und wo soll ich jetzt z. B. einen Wagen herbekommen? Da an der Ecke ist, wie es scheint, etwas Schwärzliches zu sehen. Wir wollen mal zusehen und es untersuchen … Herr du mein Gott!“ fuhr unser Held fort, indem er seine schwachen, wankenden Schritte nach der Seite hin lenkte, wo er etwas Wagenähnliches sah. „Nein, ich werde es so machen: ich werde hingehen, ihm, wenn es möglich ist, zu Füßen fallen und ihn untertänigst bitten: ‚So und so‘, werde ich sagen; ‚in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände meiner vorgesetzten Behörde. Exzellenz, beschützen Sie einen Unglücklichen, und erweisen Sie ihm eine Wohltat! So und so, und dies und das, es ist eine gesetzwidrige Handlung; richten Sie mich nicht zugrunde; ich nehme Sie zu meinem Vater an; verlassen Sie mich nicht … retten Sie meine Ehre und meinen guten Namen … retten Sie mich vor diesem Bösewicht, diesem verworfenen Menschen … Er ist ein anderer Mensch, Exzellenz, und ich bin auch ein anderer Mensch; er ist eine Person für sich, und ich bin ebenfalls ein Mensch für mich, wahrhaftig, ich bin ein Mensch für mich, Exzellenz, wahrhaftig, ein Mensch für mich; so ist das. Ihm gleichen kann ich nicht; haben Sie die Güte, das zu ändern; befehlen Sie, daß das geändert und diese gottlose, eigenmächtige Namensaneignung aufgehoben werde … Das ist kein gutes Beispiel für andere, Exzellenz. Ich nehme Sie zu meinem Vater an; gewiß muß eine Behörde, eine humane Behörde, die für ihre Untergebenen sorgt, solche Bestrebungen unterstützen … Es liegt darin sogar etwas Ritterliches. Ich nehme Sie, die humane Behörde, zu meinem Vater an, lege mein Schicksal in Ihre Hände und werde gegen Ihre Entscheidung keinen Widerspruch erheben; ich vertraue mich Ihnen an und werde mich selbst von dieser Angelegenheit ganz zurückziehen.‘ So will ich sagen.“

„Nun, mein Lieber, bist du Droschkenkutscher?“

„Jawohl.“

„Ich möchte einen Wagen für den Abend haben, mein Freund.“

„Wollen Sie weit fahren?“

„Für den Abend, für den Abend. Wohin es nötig sein wird, mein Lieber, wohin es nötig sein wird.“

„Wollen Sie vielleicht aus der Stadt fahren?“

„Ja, mein Freund, vielleicht auch aus der Stadt. Ich weiß es selbst noch nicht sicher, mein Freund; ich kann es dir nicht bestimmt sagen, mein Lieber. Siehst du, mein Lieber, vielleicht gestaltet sich alles gut. Man weiß ja, wie das so geht, mein Freund …“

„Jawohl, Herr, gewiß. Gott gebe jedem Gutes!“

„Ja, mein Freund, ja; ich danke dir, mein Lieber. Nun, wieviel bekommst du denn, mein Lieber?“

„Wollen Sie jetzt gleich fahren?“

„Ja, jetzt gleich, d. h. nein, an einer Stelle mußt du ein Weilchen warten … nur ein kleines Weilchen mußt du warten, nicht lange, mein Lieber …“

„Ja, wenn Sie mich für die ganze Zeit nehmen, dann kann ich es bei dem Wetter nicht unter sechs Rubeln machen …“

„Nun gut, mein Freund, gut; ich werde dir dankbar sein, mein Lieber. Na also, dann fahre mich jetzt, mein Lieber!“

„Steigen Sie ein; erlauben Sie, ich will den Sitz hier noch ein bißchen zurechtmachen; so, jetzt, bitte, steigen Sie ein! Wohin befehlen Sie, daß ich fahren soll?“

„Nach der Ismailowski-Brücke, mein Freund.“

Der Kutscher kletterte auf den Bock und hatte bereits seine beiden mageren Gäule, die er mit Gewalt von dem Futterkasten mit Heu weggerissen hatte, in der Richtung nach der Ismailowski-Brücke in Bewegung gesetzt, als auf einmal Herr Goljadkin die Schnur zog, den Wagen halten ließ und den Kutscher flehentlich bat, umzuwenden und nicht nach der Ismailowski-Brücke, sondern nach einer anderen Straße zu fahren. Der Kutscher wendete nach der angegebenen Straße hin um, und nach zehn Minuten hielt Herrn Goljadkins neu angenommener Wagen vor dem Hause, in dem Seine Exzellenz wohnte. Herr Goljadkin stieg aus dem Wagen, bat den Kutscher dringend, ein Weilchen zu warten, lief selbst mit angstvollem Herzklopfen nach der zweiten Etage hinauf und zog die Klingel; die Tür öffnete sich, und unser Held befand sich im Vorzimmer Seiner Exzellenz.

„Ist Seine Exzellenz zu Hause?“ fragte Herr Goljadkin den Diener, der ihm geöffnet hatte.

„Was wünschen Sie?“ fragte der Diener, indem er Herrn Goljadkin vom Kopf bis zu den Füßen musterte.

„Ich möchte, mein Freund, hm … Mein Name ist Goljadkin, Titularrat Goljadkin. Ich möchte mich aussprechen …“

„Da müssen Sie warten; das geht jetzt nicht …“

„Mein Freund, ich kann nicht warten; meine Angelegenheit ist wichtig und duldet keinen Aufschub …“

„Von wem kommen Sie denn? Haben Sie Akten?“

„Nein, mein Freund, ich komme in einer persönlichen Angelegenheit … Melde mich, mein Freund; sage nur, ich wollte mich aussprechen. Ich werde dir dankbar sein, mein Lieber …“

„Es geht nicht; ich darf niemand annehmen; es ist Besuch da. Bitte, kommen Sie am Vormittag um zehn Uhr!“

„Melde mich doch, mein Lieber; ich kann nicht warten; es ist unmöglich … Du wirst es zu verantworten haben, mein Lieber …“

„Na, geh doch und melde ihn! Du willst wohl die Stiefelsohlen schonen, was?“ sagte ein anderer Diener, der sich auf einer Wandbank herumrekelte und bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte.

„Die Stiefelsohlen werde ich mir dabei nicht ablaufen. Aber er hat befohlen, niemand anzunehmen, weißt du das? Für den Herrn da ist der Vormittag die richtige Zeit.“

„Melde ihn nur! Du denkst wohl, die Zunge wird dir davon abfallen?“

„Na, dann werde ich ihn melden; die Zunge wird mir davon nicht abfallen. Aber er hat es verboten; wie gesagt, er hat es verboten. Kommen Sie in das Zimmer dort!“

Herr Goljadkin trat in das erste Zimmer; auf dem Tische stand eine Uhr. Er blickte danach hin: es war halb neun. Das Herz in der Brust schmerzte ihn. Er wollte schon umkehren; aber gerade in diesem Augenblicke rief der langaufgeschossene Diener, auf der Schwelle des folgenden Zimmers stehend, mit lauter Stimme Herrn Goljadkins Namen aus. „Hat der eine Kehle!“ dachte unser Held in unbeschreiblicher Beklemmung. „Er hätte doch sagen sollen: ‚So und so, er ist gekommen, um sich untertänigst und ganz ergebenst auszusprechen … hm … haben Sie die Güte ihn zu empfangen!‘ Aber jetzt ist die Sache verdorben; meine ganze Angelegenheit ist zunichte geworden. Übrigens … ja … nun, es macht nichts …“ Indes war zu Überlegungen keine Zeit. Der Diener wandte sich um, sagte: „Bitte, treten Sie näher!“ und führte Herrn Goljadkin in das Arbeitszimmer.

Als unser Held eintrat, hatte er eine Empfindung, als sei er blind geworden; denn er sah absolut nichts … Nur zwei oder drei Gestalten flimmerten undeutlich vor seinen Augen. „Na ja, das sind die Gäste,“ fuhr es ihm durch den Kopf. Endlich begann unser Held den Stern auf dem schwarzen Fracke Seiner Exzellenz deutlich zu unterscheiden; dann gelangte er stufenweise dazu, auch den schwarzen Frack zu erkennen; schließlich gewann er die volle Sehkraft wieder …

„Was gibt es?“ sagte eine bekannte Stimme über dem gebeugt dastehenden Herrn Goljadkin.

„Titularrat Goljadkin, Exzellenz.“

„Nun? …“

„Ich bin gekommen, um mich auszusprechen …“

„Wie? … Was?“

„Ja, so ist es. Hm … ich bin gekommen, um mich auszusprechen, Exzellenz …“

„Aber Sie … wer sind Sie doch?“

„Herr Gol-gol-goljadkin, Exzellenz, Titularrat.“

„Nun, also was wünschen Sie?“

„Nämlich … hm … ich nehme die Behörde zu meinem Vater an; ich selbst werde mich von dieser Angelegenheit ganz zurückziehen, und beschützen Sie mich vor meinem Feinde … Das wollte ich sagen.“

„Was bedeutet das?“

„Es ist bekannt …“

„Was ist bekannt?“

Herr Goljadkin schwieg; sein Kinn begann ein wenig zu zucken.

„Nun?“

„Ich hielt es für ritterlich, Exzellenz … Ich meinte, das sei hier ritterlich, und nehme meinen hohen Vorgesetzten zu meinem Vater an … ja, hm … beschützen Sie mich, ich fl-flehe darum mit Trä-änen, und daß solche Be-bestrebungen unter-unter-unterstützt werden mü-müßten …“

Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte eine kurze Zeit mit den Augen nichts unterscheiden. Die Brust war ihm wie zusammengepreßt. Er konnte kaum atmen. Er wußte nicht, wo er stand … Scham und Trauer erfüllten sein Herz. Dann war er eine Weile ganz benommen … Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit seinen Gästen sprach und mit ihnen anscheinend in entschiedenem, energischem Tone etwas erörterte. Einen von den Gästen erkannte Herr Goljadkin sofort. Das war Andrei Filippowitsch; den andern erkannte er nicht, indessen kam ihm das Gesicht ebenfalls bekannt vor; es war eine hohe, kräftige Gestalt, ziemlich bejahrt, mit sehr dichten Augenbrauen, starkem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem Blicke. Am Halse trug der Unbekannte einen Orden; im Munde hatte er eine Zigarre stecken. Der Unbekannte rauchte und nickte, ab und zu nach Herrn Goljadkin hinblickend, bedeutsam mit dem Kopfe, ohne die Zigarre aus dem Munde zu nehmen. Herrn Goljadkin wurde das einigermaßen unbehaglich; er wandte seine Augen zur Seite und erblickte dort noch einen sehr sonderbaren Gast. In einer Tür, die unser Held bis dahin für einen Spiegel gehalten hatte, wie ihm das manchmal begegnete, erschien er, — der Leser weiß schon, wer: der sehr nahe Bekannte und Freund des Herrn Goljadkin. Herr Goljadkin der jüngere hatte sich wirklich bisher in einem anderen, kleinen Zimmer befunden und war damit beschäftigt gewesen, schnell etwas zu schreiben; jetzt erschien er, weil dies offenbar nötig geworden war, mit Papieren unter dem Arme, trat zu Seiner Exzellenz heran, und in der Absicht, die Aufmerksamkeit ausschließlich auf seine Person zu lenken, brachte er es fertig, sich in das Gespräch und die Beratung einzudrängen. Seinen Platz hatte er nicht weit hinter Andrei Filippowitschs Rücken genommen, zum Teil verdeckt durch den Unbekannten, der eine Zigarre rauchte. Anscheinend interessierte sich Herr Goljadkin der jüngere außerordentlich lebhaft für das Gespräch, bei dem er zunächst den wohlgesitteten Zuhörer spielte, indem er mit dem Kopfe nickte, mit den Füßen trippelte, lächelte und alle Augenblicke Seine Exzellenz ansah, wie wenn er mit seinem Blicke um die Erlaubnis bitten wollte, ebenfalls ein Wörtchen dazugeben zu dürfen. „Du Schurke!“ dachte Herr Goljadkin und trat unwillkürlich einen Schritt weiter vor. In diesem Augenblicke wandte sich der Chef um und trat selbst in ziemlich unentschlossener Haltung auf Herrn Goljadkin zu.

„Nun gut, gut; gehen Sie in Gottes Namen! Ich werde Ihre Angelegenheit untersuchen; ich werde Ihnen jetzt einen Begleiter mitgeben …“ Hier blickte der Chef den Unbekannten mit dem starken Backenbarte an. Dieser nickte zum Zeichen der Beistimmung mit dem Kopfe.

Herr Goljadkin fühlte und verstand deutlich, daß man von seiner Person ganz und gar nicht die Meinung hatte, die man von ihr hätte haben sollen. „Auf die eine oder die andere Weise muß ich mich jedenfalls aussprechen,“ dachte er; „‚so und so,‘ werde ich sagen, ‚Exzellenz‘.“ Hier schlug er in seiner Ratlosigkeit die Augen zu Boden und sah zu seinem äußersten Erstaunen auf den Stiefeln Seiner Exzellenz einen weißen Fleck von beträchtlicher Größe. „Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljadkin. Bald indes kam er zu der Erkenntnis, daß die Stiefel Seiner Exzellenz keineswegs geplatzt waren, sondern nur das Licht stark zurückwarfen, ein Phänomen, das sich vollständig daraus erklärte, daß es stark glänzende Lackstiefel waren. „Das nennt man einen ‚Blick‘,“ dachte unser Held; „besonders hat sich diese Bezeichnung in den Ateliers der Künstler gehalten; an andern Stellen nennt man diesen Widerschein Lichtreflex.“ Hier schlug Herr Goljadkin die Augen in die Höhe und sah, daß es Zeit war zu reden, weil die Sache sonst sehr leicht einen schlimmen Ausgang nehmen konnte … Unser Held trat einen Schritt vor.

„Also … ja … Exzellenz,“ sagte er, „durch Annahme eines fremden Namens kann man in unserm Zeitalter nicht mehr obenauf kommen.“

Der Chef antwortete nichts, sondern zog stark an der Klingelschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.

„Er ist ein gemeiner, verworfener Mensch, Exzellenz,“ sagte unser Held; er wußte nicht von sich selbst, war halbtot vor Angst, wies aber dabei doch kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Zwillingsbruder, der in diesem Augenblicke neben Seiner Exzellenz herumtrippelte. „Nämlich … ja … ich deute auf eine bestimmte Person hin.“

Herrn Goljadkins Worten folgte eine allgemeine Bewegung. Andrei Filippowitsch und der Unbekannte nickten mit den Köpfen; Seine Exzellenz riß ungeduldig aus Leibeskräften am Klingelzuge, um seine Leute herbeizurufen. Jetzt trat Herr Goljadkin der jüngere seinerseits vor.

„Exzellenz,“ sagte er, „ich bitte untertänigst um Ihre Erlaubnis, reden zu dürfen.“ In der Stimme des jüngeren Herrn Goljadkin lag eine außerordentliche Entschlossenheit; sein ganzes Benehmen zeigte, daß er sich vollständig in seinem Rechte fühlte.

„Gestatten Sie mir die Frage,“ begann er von neuem, indem er in seinem Eifer der Antwort Seiner Exzellenz zuvorkam und sich diesmal an Herrn Goljadkin wandte, „gestatten Sie mir die Frage, ob Sie wohl auch wissen, in wessen Gegenwart Sie solche Ausdrücke gebrauchen. Vor wem stehen Sie, und in wessen Arbeitszimmer befinden Sie sich? …“ Herr Goljadkin der jüngere war in höchster Erregung, ganz rot und heiß vor Empörung und Zorn; es wurden sogar Tränen in seinen Augen sichtbar.

„Die Herren Bassawrjukow!“ schrie der Diener, der in der Tür des Arbeitszimmers erschien, aus voller Kehle. „Das ist eine gute Adelsfamilie, die aus Kleinrußland stammt,“ dachte Herr Goljadkin und fühlte gleichzeitig, daß ihm jemand in sehr freundschaftlicher Weise die Hand auf den Rücken legte; dann legte sich ihm noch eine andere Hand auf den Rücken; Herrn Goljadkins nichtswürdiger Zwillingsbruder lief geschäftig voran und zeigte den Weg, und unser Held sah klar, daß man ihn nach der großen Tür des Arbeitszimmers hinführte. „Genau so wie bei Olsufi Iwanowitsch,“ dachte er und fand sich schon im Vorzimmer. Um sich blickend, sah er neben sich zwei Diener Seiner Exzellenz und seinen Zwillingsbruder.

„Den Mantel, den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines besten Freundes!“ schnatterte der verworfene Mensch, indem er einem der Diener den Mantel aus den Händen riß und ihn mit diesen gemeinen, unanständigen Spottworten Herrn Goljadkin geradezu auf den Kopf warf. Während Herr Goljadkin der ältere sich aus seinem Mantel herauswickelte, hörte er deutlich das Gelächter der beiden Diener. Aber ohne auf etwas hinzuhören und Nebendinge zu beachten, verließ er das Vorzimmer und befand sich nun auf der erleuchteten Treppe. Herr Goljadkin der jüngere war ihm nachgekommen.

„Leben Sie wohl, Exzellenz!“ rief er Herrn Goljadkin dem älteren nach.

„Schurke!“ antwortete unser Held ganz außer sich.

„Na, ich lasse mir diese Bezeichnung gefallen …“

„Verworfener Mensch! …“

„Na, meinetwegen auch das …“ erwiderte dem würdigen Herrn Goljadkin sein unwürdiger Feind spöttisch und blickte mit der ihm eigenen Niederträchtigkeit von der Höhe der Treppe gerade und ohne mit den Augen zu zwinkern Herrn Goljadkin in die Augen, wie wenn er ihn bäte fortzufahren. Unser Held spie vor Empörung aus und lief vor die Haustür; er war so zerschmettert, daß ihm gar nicht zum Bewußtsein kam, wer ihm beim Einsteigen in den Wagen half, und wie es dabei zuging. Als er seine Gedanken wieder gesammelt hatte, sah er, daß er an der Fontanka entlangfuhr. „Also wohl nach der Ismailowski-Brücke?“ dachte er. Er hätte jetzt gern über noch etwas nachgedacht; aber das war ihm nicht möglich; es war etwas so Schreckliches, daß es sich gar nicht sagen läßt … „Nun, es macht nichts!“ sagte sich unser Held schließlich und fuhr nach der Ismailowski-Brücke.

13. Kapitel

… Das Wetter schien sich bessern zu wollen. In der Tat begann der nasse Schnee, der bisher in dichten Massen gefallen war, allmählich spärlicher zu werden und hörte zuletzt fast ganz auf. Der Himmel wurde sichtbar, und hier und da glänzten an ihm die Sterne auf. Aber es war immer noch naß, schmutzig, feucht und drückend, namentlich für Herrn Goljadkin, der ohnehin schon nur mit Mühe Atem holen konnte. Sein durchnäßter, schwer gewordener Mantel teilte allen seinen Gliedern eine unangenehm-warme Feuchtigkeit mit und lähmte durch sein Gewicht seine sowieso schon recht schwach gewordenen Beine. Ein fieberhaftes Zittern lief ihm wie ein Gekribbel bissiger Ameisen über den ganzen Körper; die Ermattung ließ einen kalten, krankhaften Schweiß aus allen Poren heraustreten, so daß Herr Goljadkin sogar vergaß, bei dieser passenden Gelegenheit mit der ihm eigenen Festigkeit und Entschlossenheit seine Lieblingsredensart zu wiederholen, daß er dennoch vielleicht, möglicherweise, irgendwie, wahrscheinlich, unbedingt obsiegen und alles sich gut gestalten werde. „Übrigens macht das alles vorläufig noch nichts,“ fügte unser starker, noch ungebeugter Held hinzu und wischte sich die kalten Wassertropfen vom Gesichte, die nach allen Seiten von der Krämpe seines runden Hutes herabflossen, der dermaßen durchnäßt war, daß er das Wasser nicht mehr festhalten konnte. Nachdem unser Held noch hinzugefügt hatte, daß das alles noch nichts zu bedeuten habe, versuchte er, sich auf einen ziemlich dicken Holzklotz zu setzen, der auf Olsufi Iwanowitschs Hofe neben einem Haufen Holz lag. Von spanischen Serenaden und seidenen Strickleitern konnte jetzt allerdings nicht die Rede sein; aber er konnte nicht umhin, an jenes bescheidene Winkelchen zurückzudenken, das zwar nicht sehr warm, aber dafür bequem und verborgen gewesen war. Denn jenes Winkelchen hatte, beiläufig bemerkt, jetzt viel Verlockendes für ihn, jenes Winkelchen auf dem Flur von Olsufi Iwanowitschs Wohnung, wo unser Held früher, beinah am Anfang dieser wahrhaften Geschichte, volle zwei Stunden lang zwischen einem Schranke und einem alten Wandschirm, zwischen allerlei unbrauchbarem Hausrat, Trödelkram und Gerümpel gestanden hatte. Die Sache war die, daß auch jetzt Herr Goljadkin bereits ganze zwei Stunden auf Olsufi Iwanowitschs Hofe stand und wartete. Aber was eine nochmalige Benutzung jenes früheren bescheidenen, bequemen Winkelchens anlangte, so gab es da jetzt mehrere Hindernisse, die es früher nicht gegeben hatte. Das erste Hindernis bestand darin, daß man dieses Plätzchen wahrscheinlich seinerzeit bemerkt und seit der Affäre auf dem letzten Balle bei Olsufi Iwanowitsch einige vorbeugende Maßregeln getroffen hatte; und zweitens mußte er doch auf das verabredete Zeichen von Klara Olsufjewna warten; denn irgendein solches verabredetes Zeichen mußte doch unbedingt dabei vorkommen. So war es immer zugegangen, und er sagte sich: „Wir sind nicht die ersten, die es so machen, und werden nicht die letzten sein.“ Herr Goljadkin erinnerte sich hierbei sehr apropos flüchtig an einen Roman, den er schon vor langer Zeit einmal gelesen hatte, wo die Heldin ihrem Alfred in ganz ähnlicher Lage das verabredete Zeichen dadurch gab, daß sie ein rosa Band ans Fenster knüpfte. Aber ein rosa Band konnte jetzt zur Nachtzeit und bei dem durch seine Feuchtigkeit und Unzuverlässigkeit bekannten Petersburger Klima nicht zur Anwendung kommen; das war, kurz gesagt, völlig unmöglich. „Nein, seidene Strickleitern kommen hier nicht in Frage,“ hatte unser Held gedacht, als er auf den Hof kam; „ich werde mich lieber hierher stellen, ganz allein, bescheiden und in der Stille … z. B. hier an diesen Platz,“ und er hatte sich ein Plätzchen auf dem Hofe ausgesucht, den Fenstern gerade gegenüber, bei einem aufgeschichteten Holzhaufen. Allerdings gingen auf dem Hofe viele fremde Leute umher, Stallknechte, Kutscher; dazu rasselten die Räder, schnaubten die Pferde usw.; aber trotzdem war der Platz wohlgeeignet: ob man ihn nun bemerkte oder nicht, jetzt wenigstens war der Vorteil der, daß die Sache gewissermaßen im Schatten vor sich ging und niemand Herrn Goljadkin sah, während er selbst geradezu alles sehen konnte. Die Fenster waren hell erleuchtet; es war eine vornehme Gesellschaft bei Olsufi Iwanowitsch. Musik war übrigens noch nicht zu hören. „Also findet kein Ball statt, sondern es sind aus irgendwelchem andern Anlaß Gäste geladen,“ dachte unser Held beklommenen Herzens. „Aber sollte es denn auch heute sein?“ ging es ihm durch den Kopf; „liegt auch kein Irrtum im Datum vor? Es könnte doch sein; möglich ist alles … Vielleicht war der Brief gestern geschrieben, gelangte aber gestern nicht in meine Hände, und zwar deswegen nicht, weil sich Petruschka da hineingemischt hat, dieser Halunke! Oder er war morgen geschrieben, d. h. es stand darin, daß ich … daß ich erst morgen alles tun sollte, d. h. mit dem Wagen warten sollte …“ Hier überlief es unsern Helden ganz kalt, und er griff in die Tasche, um den Brief herauszuholen und die Sache festzustellen. Aber zu seiner Verwunderung fand sich der Brief in der Tasche nicht vor. „Wie geht das zu?“ flüsterte Herr Goljadkin mehr tot als lebendig. „Wo habe ich ihn nur gelassen? Also habe ich ihn verloren? Das hat noch gefehlt!“ stöhnte er schließlich. „Wenn er nun aber jetzt in schlechte Hände fällt? (Ja, vielleicht ist er schon in schlechte Hände gefallen!) Herr Gott! Was kann das für Folgen haben! Die Folge wird sein, daß … O über mein unglückseliges Schicksal!“ Hier begann Herr Goljadkin wie Espenlaub zu zittern bei dem Gedanken, daß vielleicht sein unehrenhafter Zwillingsbruder, als er ihm den Mantel auf den Kopf warf, dabei gerade die Absicht verfolgt habe, den Brief zu entwenden, von dessen Existenz er irgendwie durch Herrn Goljadkins Feinde Wind bekommen habe. „Er wird ihn als Beweisstück weggenommen haben,“ dachte unser Held; „und was für ein schwerwiegendes Beweisstück ist er! …“ Nach dem ersten Anfall des Schreckens und der Erstarrung stieg Herrn Goljadkin das Blut in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend griff er sich an seine glühende Stirn, ließ sich auf seinen Holzklotz niedersinken und begann über etwas nachzudenken. Aber die Gedanken in seinem Kopfe vermochten nicht an einem Gegenstande haften zu bleiben. Irgendwelche Persönlichkeiten huschten vor seinem geistigen Auge vorüber; irgendwelche längst vergessenen Ereignisse kamen ihm bald undeutlich, bald klar ins Gedächtnis; irgendwelche Melodien dummer Lieder gingen ihm durch den Kopf … Es war eine Pein, eine unnatürliche Pein! „Mein Gott, mein Gott!“ dachte unser Held, als er einigermaßen zur Besinnung kam, und suchte das dumpfe Schluchzen in seiner Brust zu ersticken, „gib mir festen Mut bei der unergründlichen Tiefe meines Unglücks! Daß ich verloren bin, ganz vernichtet bin, daran kann kein Zweifel mehr bestehen, und das liegt ganz im natürlichen Laufe der Dinge; es kann eben nicht anders sein. Erstens habe ich meine Stelle verloren, unbedingt verloren, ich mußte sie mit Notwendigkeit verlieren … Nun, einigermaßen werde ich allerdings auch dann zurechtkommen. Mein Geld reicht fürs erste aus: ich nehme mir eine andere, kleine Wohnung … Petruschka wird nicht mehr bei mir sein. Ich kann mich auch ohne diesen Halunken behelfen … ich lebe dann eben als Chambregarnist; nun gut! Dann kann ich auch kommen und gehen, wann ich Lust habe, und kein Petruschka wird darüber brummen, daß ich zu spät nach Hause komme. Ja, so ist das; das ist ein Vorzug des Chambregarnistentums … Nun, das ist ja allerdings alles ganz gut; aber warum rede ich gar nicht über das, worauf es ankommt?“ Hier erhellte der Gedanke an die gegenwärtige Lage wieder Herrn Goljadkins Gedächtnis. Er blickte um sich. „Ach, Herr du mein Gott! Herr du mein Gott! Wovon rede ich denn da jetzt?“ dachte er ganz verstört und griff sich an den glühenden Kopf …

„Wollen Sie nicht bald fahren, Herr?“ sagte eine Stimme über dem Kopfe des dasitzenden Herrn Goljadkin. Herr Goljadkin fuhr zusammen; vor ihm stand sein Kutscher, ebenfalls völlig durchnäßt und durchfroren; vor Ungeduld und Langerweile war er auf den Gedanken gekommen, sich einmal nach Herrn Goljadkin hinter dem Holzhaufen umzusehen.

„Ich weiß nicht, mein Freund … ich werde bald fahren, mein Freund, sehr bald, sehr bald; warte noch ein bißchen! …“

Der Kutscher ging, etwas vor sich hin brummend, wieder weg. „Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljadkin, und die Tränen kamen ihm in die Augen. „Ich habe ihn doch für den ganzen Abend genommen; also kann ich … hm … ich bin jetzt in meinem Rechte … so ist das! Ich habe ihn für den ganzen Abend genommen; also ist die Sache in Ordnung. Wenn er auch so dasteht, das ist ganz gleich. Das hängt alles von meinem Belieben ab. Wenn ich fahren will, kann ich fahren, und wenn ich nicht fahren will, kann ich es unterlassen. Und wenn ich hier hinter dem Holze stehe, so ist auch dagegen nichts einzuwenden … und er darf sich nicht erdreisten, etwas darüber zu sagen; wenn der Herr Lust hat, hinter dem Holze zu stehen, nun, dann steht er eben hinter dem Holze … und damit befleckt er niemandes Ehre; so ist das! Ja, so ist das, mein Fräulein, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte, mein Fräulein, hm, in einer Hütte lebt in unserem Zeitalter niemand. So ist das! Und ohne Moralität kann man in unserem Zeitalter der Industrie nichts erreichen, mein Fräulein; dafür dienen Sie selbst jetzt als trauriges Beispiel … Also Ihrer Meinung nach soll ich das Amt eines Tischvorstehers bekleiden und in einer Hütte am Gestade des Meeres leben. Erstens, mein Fräulein, gibt es am Gestade des Meeres keine Tischvorsteher, und zweitens können wir beide mir keine Stelle als Tischvorsteher verschaffen. Denn gesetzt z. B. ich reiche eine Bittschrift ein und sage darin: ‚So und so, ich bitte, mich zum Tischvorsteher zu machen und mich vor meinem Feinde zu schützen …‘, dann werden Sie merken, mein Fräulein, daß es viele Tischvorsteher gibt, und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin Falbala sind, wo Sie Moralität gelernt haben, wofür Sie selbst als trauriges Beispiel dienen. Moralität, mein Fräulein, das bedeutet: zu Hause sitzen, seinen Vater ehren und nicht vorzeitig an Freier denken. Die Freier, mein Fräulein, werden sich zur rechten Zeit schon finden; so ist das! Gewiß, man muß unstreitig auch allerlei Fertigkeiten und Kenntnisse besitzen, als da sind: ein bißchen Klavierspielen, Französisch sprechen, Geschichte, Geographie, Religion und Rechnen, — so ist das! Aber mehr ist nicht vonnöten. Dazu kommt noch die Küche; zu dem Wissensgebiete eines jeden wohlgesitteten Mädchens gehört unbedingt auch die Küche! Aber was wird mit Ihnen werden? Erstens, mein schönes gnädiges Fräulein, wird man Sie nicht so einfach davonlassen, sondern eine Verfolgung veranstalten und Sie, wenn man Sie attrapiert hat, in ein Kloster stecken. Was dann, mein Fräulein? Was befehlen Sie mir dann zu tun? Befehlen Sie mir, mein Fräulein, nach Anweisung einiger dummer Romane auf einen nahegelegenen Hügel zu gehen und, nach den kalten Mauern Ihres Gefängnisses hinblickend, in Tränen zu zerfließen und schließlich so zu sterben, gemäß der Vorschrift einiger verdrehter deutscher Dichter und Romanschriftsteller? Ja, mein Fräulein? Aber gestatten Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft zu sagen, erstens, daß die Dinge sich nicht in dieser Weise vollziehen, und zweitens, daß ich am liebsten Sie und Ihre Eltern gehörig dafür durchhauen möchte, daß sie Ihnen französische Bücher zu lesen gegeben haben; denn aus französischen Büchern kann man nichts Gutes lernen. In denen steckt Gift, verderbliches Gift, mein Fräulein! Oder denken Sie etwa (gestatten Sie die Frage!), oder denken Sie etwa, wir werden ungestraft entfliehen können und dann zusammen in einer Hütte am Meeresstrande wohnen? Und dann fangen wir an zu girren und zu schnäbeln und von allerlei Gefühlen zu sprechen und verbringen so unser ganzes Leben in Zufriedenheit und Glück? Und dann stellt sich ein Kleines ein, und wir sagen: ‚So und so, Sie unser Vater Staatsrat Olsufi Iwanowitsch, da hat sich ein Kleines eingestellt; nehmen Sie also bei diesem passenden Anlaß Ihren Fluch zurück, und segnen Sie uns junges Paar!‘? Nein, mein Fräulein, da vollziehen sich die Dinge wieder nicht in dieser Weise, und der erste Punkt ist der, daß es kein Girren und Schnäbeln mehr gibt; hoffen Sie darauf nicht! Heutzutage, mein Fräulein, ist der Mann der Herr, und eine gute, wohlgesittete Frau muß ihm in allen Stücken zu Gefallen leben. Zärtlichkeiten aber, mein Fräulein, sind heutzutage in unserm Zeitalter der Industrie nicht mehr beliebt; die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt z. B. der Mann hungrig vom Dienste nach Hause; da sagt er dann: ‚Mein Herzchen, hast du nicht vor dem Mittagessen ein bißchen was zu essen, ein Schnäpschen zu trinken, ein Stückchen Hering zu essen?‘ Da müssen Sie dann ein Schnäpschen und ein Stückchen Hering gleich in Bereitschaft haben. Der Mann ißt das mit gutem Appetit; aber Sie sieht er gar nicht an, sondern er sagt: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen!‘ und vielleicht gibt er Ihnen in der Woche nur ein einziges Mal einen Kuß, und auch das nur mit gleichgültigem Wesen … So ist das jetzt bei uns, mein Fräulein! Und auch das nur mit gleichgültigem Wesen! … So wird das sein, wenn man es recht überlegt, wenn es nun einmal dahin gekommen ist, daß man die Sache in dieser Weise zu betrachten anfängt … Und was habe denn ich, ich damit zu schaffen? Warum haben Sie mich in Ihr launenhaftes Treiben hineingezogen, mein Fräulein? Sie schreiben: ‚Edler, für mich leidender und meinem Herzen in jeder Hinsicht teurer Mann‘ usw. Ja, erstens, mein Fräulein, passe ich gar nicht für Sie; Sie wissen selbst, daß ich mich auf Komplimente nicht verstehe, es nicht liebe, den Damen allerlei parfümierten Unsinn vorzuschwatzen, das seladonhafte Wesen nicht ausstehen kann und auch, offen gestanden, kein schönes Äußeres besitze. Lügenhafte Prahlerei und Ziererei werden Sie bei mir nicht finden; das gestehe ich Ihnen jetzt mit aller Offenherzigkeit. So ist das; ich besitze nur einen geraden, offenen Charakter und einen gesunden Verstand; mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf; so ist das! … Ich bewege mich unter guten Menschen ohne Maske, und um Ihnen alles zu sagen …“

Auf einmal fuhr Herr Goljadkin zusammen. Der rötliche, völlig durchnäßte Bart seines Kutschers blickte wieder zu ihm hinter das Holz.

„Ich komme gleich, mein Freund; weißt du, mein Freund, sogleich; sofort komme ich, mein Freund!“ antwortete Herr Goljadkin mit zitternder, gramvoller Stimme.

Der Kutscher kratzte sich im Nacken, strich sich dann den Bart glatt und trat einen Schritt vor. Hierauf blieb er stehen und blickte Herrn Goljadkin mißtrauisch an.

„Ich komme sofort, mein Freund; ich will nur … siehst du, mein Freund … ich will nur noch ein wenig … siehst du, mein Freund, ich will nur noch eine Sekunde hier … siehst du, mein Freund …“

„Wollen Sie vielleicht überhaupt nicht mehr fahren?“ sagte endlich der Kutscher, indem er entschlossen an Herrn Goljadkin herantrat.

„Doch, mein Freund; ich komme gleich. Siehst du, mein Freund, ich warte nur noch …“

„Na, gut …“

„Siehst du, mein Freund, ich … Aus welchem Dorfe bist du denn, mein Lieber?“

„Wir sind Leibeigene …“

„Hast du eine gute Herrschaft? …“

„Es geht …“

„Ja, mein Freund, bleib nur noch ein bißchen bei mir, mein Freund! Siehst du, mein Freund, bist du schon lange in Petersburg?“

„Ich fahre schon ein Jahr …“

„Und geht es dir gut, mein Freund?“

„So ziemlich.“

„Ja, mein Freund, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Einen guten Menschen kannst du jetzt lange suchen, mein Freund. Heutzutage sind gute Menschen selten geworden, mein Lieber; ein guter Mensch hält dich sauber, mein Lieber, und gibt dir zu essen und zu trinken. Aber siehst du, manchmal fließen Tränen auch auf das Gold, mein Freund … siehst du, hier hast du ein bedauernswertes Beispiel vor dir; so ist das, mein Lieber …“

Dem Kutscher schien Herr Goljadkin leid zu tun. „Na, wenn Sie wollen, werde ich noch warten. Wollen Sie denn noch lange hierbleiben?“

„Nein, mein Freund, nein; ich werde jetzt, weißt du, hm … ich werde jetzt nicht mehr warten, mein Lieber … Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich schenke dir Vertrauen. Ich werde hier nicht mehr warten …“

„Werden Sie vielleicht überhaupt nicht mehr fahren?“

„Nein, ich fahre nicht mehr, mein Freund, nein; aber ich danke dir, mein Lieber … so ist das. Wieviel bekommst du denn, mein Lieber?“

„Was wir abgemacht haben, Herr, das müssen Sie mir auch geben. Ich habe lange gewartet, Herr; Sie werden ja einen armen Menschen nicht zu Schaden bringen wollen, Herr.“

„Nun, da hast du dein Geld, mein Lieber, da hast du es!“ Damit gab Herr Goljadkin dem Kutscher die ganzen sechs Rubel. Er entschloß sich nun im Ernst, keine Zeit weiter zu verlieren, sondern sich davonzumachen, um so mehr da die Sache bereits endgültig entschieden und der Kutscher entlassen war und es folglich keinen Zweck mehr hatte, länger zu warten; so verließ er denn den Hof, ging durch den Torweg, wandte sich links und begann, ohne sich umzusehen, keuchend und froh davonzulaufen. „Vielleicht gestaltet sich noch alles gut,“ dachte er, „und ich bin auf diese Art dem Unheil entronnen.“ Wirklich war es Herrn Goljadkin auf einmal sehr leicht ums Herz geworden. „Ach, wenn sich doch alles gut gestalten wollte!“ dachte unser Held, obwohl er selbst wenig daran glaubte. „Nun will ich, hm …“ dachte er. „Nein, ich will es lieber so machen; ich will die Sache von einer andern Seite angreifen … Oder soll ich lieber so verfahren? …“ Während sich unser Held so mit seinen Zweifeln abmühte und zur Klarheit zu gelangen suchte, war er bis zur Semjonowski-Brücke gelaufen und faßte nun den verständigen, endgültigen Beschluß, wieder umzukehren. „Das wird das beste sein,“ sagte er sich. „Ich will die Sache lieber von einer anderen Seite angreifen, d. h. folgendermaßen: ich werde ganz einfach unbeteiligter Beobachter sein, weiter nichts; ich bin nur ein Beobachter, eine unbeteiligte Person; dann mag sich dort begeben, was da will, ich trage keine Schuld daran. So ist das! So soll es jetzt sein!“

Nachdem unser Held beschlossen hatte umzukehren, führte er diesen Beschluß auch aus, um so mehr, da er seiner glücklichen Idee zufolge jetzt die Rolle einer ganz unbeteiligten Person übernommen hatte. „Das ist besser; einerseits bin ich für nichts verantwortlich, und andrerseits sehe ich alles Nötige mit an … so ist das!“ Also die Rechnung war durchaus richtig und die Sache damit erledigt. Beruhigt schlich er wieder in den friedlichen Schatten des ihn schützenden Holzstoßes und begann, aufmerksam nach den Fenstern hinzuschauen. Diesmal brauchte er nicht lange zu schauen und zu warten. Auf einmal machte sich an allen Fenstern gleichzeitig eine sonderbare Bewegung bemerklich, Gestalten wurden sichtbar, die Vorhänge zurückgeschlagen, ganze Gruppen von Menschen drängten sich an Olsufi Iwanowitschs Fenstern; alle blickten sie auf den Hof hinaus und suchten dort etwas. Durch seinen Holzstoß geschützt, begann unser Held seinerseits ebenfalls neugierig die allgemeine Bewegung zu verfolgen und streckte, lebhaft interessiert, seinen Kopf nach rechts und links vor, wenigstens soweit es ihm der kurze Schatten des ihn verbergenden Holzstoßes erlaubte. Auf einmal bekam er einen großen Schreck, fuhr zusammen und hätte sich vor Bestürzung beinahe auf dem Fleck, wo er stand, hingesetzt. Es schien ihm oder richtiger er erriet auf das bestimmteste, daß sie da nicht irgendetwas und irgendwen suchten, sondern ganz einfach ihn, Herrn Goljadkin. Alle blickten sie nach seiner Seite hin. Davonzulaufen war unmöglich; man hätte ihn gesehen … Ängstlich drückte sich Herr Goljadkin so dicht wie möglich an das Holz und bemerkte jetzt erst, daß der verräterische Schatten ihm treulos geworden war und ihn nicht mehr ganz verbarg. Mit dem größten Vergnügen wäre unser Held jetzt in ein Mauseloch zwischen dem Holze gekrochen und hätte dort friedlich gesessen, wenn es nur möglich gewesen wäre. Aber es war entschieden unmöglich. In seiner Pein begann er schließlich, mit Entschlossenheit geradezu nach allen Fenstern hinzusehen, weil ihm das noch als das beste erschien. Und plötzlich wurde er glühend heiß vor Scham. Man hatte ihn deutlich bemerkt; alle zusammen hatten ihn bemerkt; alle winkten ihm mit den Händen; alle nickten ihm zu; alle riefen ihn; da klappten ein paar Luftscheiben und wurden geöffnet; einige Stimmen schrien ihm zugleich etwas zu … „Ich wundere mich, warum man diesem dummen Mädchen nicht von klein auf die Rute gegeben hat,“ murmelte unser Held ganz fassungslos vor sich hin. Auf einmal kam er (man weiß schon, wer) die Stufen vor der Haustür herabgelaufen, im bloßen Uniformrock, ohne Hut, atemlos, hastig, trippelnd und hüpfend, wahrscheinlich um seine gewaltige Freude darüber an den Tag zu legen, daß er Herrn Goljadkin endlich erblickt hatte.

„Jakow Petrowitsch,“ schnatterte der durch seine Niederträchtigkeit bekannte Mensch. „Jakow Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Es ist hier kalt, Jakow Petrowitsch. Bitte, kommen Sie doch in die Wohnung!“

„Nein, Jakow Petrowitsch, nein, das tut mir nichts, Jakow Petrowitsch,“ murmelte unser Held in demütigem Tone.

„Nein, das geht nicht, Jakow Petrowitsch; alle lassen Sie bitten, lassen Sie ganz ergebenst bitten; sie erwarten uns. ‚Machen Sie uns die Freude,‘ haben sie zu mir gesagt, ‚und bringen Sie Jakow Petrowitsch her!‘ So ist das!“

„Nein, Jakow Petrowitsch, sehen Sie, ich … ich würde am besten tun, wenn ich … Ich würde am besten nach Hause gehen, Jakow Petrowitsch,“ sagte unser Held, der ein Gefühl hatte, als ob er auf gelindem Feuer geröstet würde, und ganz starr war vor Scham und Angst.

„Nein, nein, nein, nein!“ schnatterte der widerwärtige Mensch. „Nein, nein, nein, unter keinen Umständen! Kommen Sie!“ sagte er energisch und zog Herrn Goljadkin den älteren zur Haustür hin. Herr Goljadkin der ältere wollte ganz und gar nicht mitgehen; aber da alle nach ihm hinsahen und es dumm herausgekommen wäre, wenn er sich widersetzt und sich gesträubt hätte, so ging unser Held doch mit; übrigens kann man eigentlich nicht sagen, daß er ging, da er schlechterdings selbst nicht wußte, was mit ihm geschah. Aber es war ja nun doch schon alles egal!

Ehe unser Held noch einigermaßen zur Besinnung kommen und sich zurechtmachen konnte, befand er sich schon im Saale. Er war blaß, zerzaust, sein Anzug in Unordnung; seine trüben Augen irrten über die ganze Menge hin, — o weh: der Saal und alle Zimmer, alles, alles, war dicht gedrängt voll! Es war eine Unmasse von Menschen da, ein ganzer Flor von Damen. Alle Anwesenden strebten zu Herrn Goljadkin hin; alle umdrängten ihn; alle schoben Herrn Goljadkin vorwärts, der sehr wohl merkte, daß sie ihn in einer bestimmten Richtung fortschoben. „Doch nicht zur Tür?“ ging es ihm durch den Kopf. In der Tat schoben sie ihn nicht zur Tür hin, sondern geradeswegs zu Olsufi Iwanowitschs bequemem Lehnstuhl. Neben dem Lehnstuhl stand auf der einen Seite Klara Olsufjewna, blaß, matt, traurig, aber in prachtvoller Toilette. Besonders fielen Herrn Goljadkin die kleinen weißen Blümchen in ihrem schwarzen Haar in die Augen, was einen ganz außerordentlichen Effekt machte. Auf der andern Seite des Lehnstuhles stand Wladimir Semjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinem neuen Orden im Knopfloch. Zwei von den Gästen hatten Herrn Goljadkin untergefaßt und führten ihn, wie schon oben gesagt ist, geradeswegs zu Olsufi Iwanowitsch, und zwar auf der einen Seite Herr Goljadkin der jüngere, der eine höchst wohlanständige, wohlwollende Miene angenommen hatte, worüber unser Held sich unsagbar freute, auf der andern Seite Andrei Filippowitsch mit sehr feierlichem Gesichtsausdruck. „Was soll das?“ dachte Herr Goljadkin. Als er sah, daß man ihn zu Olsufi Iwanowitsch führte, da war es ihm, als ob ihm ein Blitz plötzlich alles erleuchtete. Der Gedanke an den entwendeten Brief fuhr ihm durch den Kopf. In namenloser Angst stand unser Held vor Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl. „Wie wird es mir jetzt gehen?“ dachte er bei sich. „Selbstverständlich werde ich alles frei heraus sagen, mit einer Aufrichtigkeit, die von vornehmer Gesinnung zeugt; so und so, usw.“ Aber was unser Held anscheinend fürchtete, trat nicht ein. Olsufi Iwanowitsch empfing Herrn Goljadkin, wie es schien, sehr gut; er streckte ihm zwar nicht die Hände entgegen; aber er wiegte, indem er ihn anblickte, sein graues, Ehrfurcht einflößendes Haupt mit ernst-trauriger und zugleich wohlwollender Miene hin und her. So schien es wenigstens Herrn Goljadkin. Es schien diesem sogar, als ob in Olsufi Iwanowitschs trüben Blicken eine Träne glänzte; er hob die Augen in die Höhe und sah, daß auch an den Wimpern der dicht daneben stehenden Klara Olsufjewna ein Tränchen glitzerte, daß mit Wladimir Semjonowitschs Augen etwas Ähnliches vorging, daß sogar Andrei Filippowitschs unerschütterliche, ruhige Würde sich von der allgemeinen, tränenreichen Anteilnahme nicht ausschloß, und daß endlich jener Jüngling, von dem wir früher einmal gesagt haben, daß er große Ähnlichkeit mit einem würdigen Rate hatte, den gegenwärtigen Augenblick schon dazu benutzte, bitterlich zu schluchzen … Oder kam das vielleicht Herrn Goljadkin alles nur so vor, weil er selbst ausgiebig weinte und deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die kalten Backen liefen? … Schluchzend, mit den Menschen und dem Schicksal ausgesöhnt und im gegenwärtigen Augenblicke von Liebe erfüllt nicht nur zu Olsufi Iwanowitsch und allen Gästen zusammen, sondern sogar zu seinem so unheilbringenden Zwillingsbruder, der jetzt überhaupt nicht unheilbringend und nicht einmal wie Herrn Goljadkins Zwillingsbruder aussah, sondern wie ein ganz unbeteiligter und äußerst liebenswürdiger Mensch, wollte sich unser Held zu Olsufi Iwanowitsch wenden und ihm in rührender Weise sein Herz ausschütten; aber die Fülle der Gefühle, die sich in seinem Herzen angesammelt hatten, war zu groß: er konnte kein Wort herausbringen, sondern zeigte nur mit einer sehr ausdrucksvollen Handbewegung schweigend auf sein Herz … Endlich führte Andrei Filippowitsch, wahrscheinlich um dem grauhaarigen alten Manne eine allzu große Aufregung zu ersparen, Herrn Goljadkin ein wenig beiseite und überließ ihn dort anscheinend völlig sich selbst. Lächelnd und etwas vor sich hinmurmelnd, ein wenig erstaunt, aber jedenfalls mit den Menschen und dem Schicksal fast ganz ausgesöhnt, begann unser Held in irgendwelcher Richtung sich durch die dichte Masse der Gäste fortzubewegen. Alle machten ihm Platz; alle sahen ihn mit einer sonderbaren Neugier und einer unerklärlichen, rätselhaften Teilnahme an. Unser Held ging in ein anderes Zimmer: überall wandte sich ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu; er nahm undeutlich wahr, wie ein ganzer Schwarm sich hinter ihm her drängte, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie alle leise untereinander über irgendwelchen sehr interessanten Gegenstand sprachen, die Köpfe schüttelten und flüsternd disputierten. Herr Goljadkin hätte gern gewußt, worüber sie da stritten und flüsterten. Sich umblickend, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljadkin den jüngeren. Er fühlte sich gedrungen, ihn an der Hand zu fassen und beiseite zu führen, und bat hier den andern Jakow Petrowitsch inständig, ihm bei allen seinen künftigen Unternehmungen behilflich zu sein und ihn in kritischen Lagen nicht im Stich zu lassen. Herr Goljadkin der jüngere nickte würdevoll mit dem Kopfe und drückte Herrn Goljadkin dem älteren warm die Hand. Unserem Helden zitterte das Herz in der Brust von dem Überschwang seiner Gefühle. Er konnte kaum Atem holen; er hatte die Empfindung, daß ihn etwas furchtbar beengte, daß alle diese auf ihn gerichteten Augen ihn gewissermaßen niederdrückten und erstickten … Herr Goljadkin sah im Vorbeigehen jenen Rat, der eine Perücke auf dem Kopfe trug. Der Rat schaute ihn mit einem ernsten, prüfenden Blick an, der sich durch die allgemeine Teilnahme nicht hatte milder stimmen lassen … Unser Held faßte schon den Entschluß, gerade auf ihn zu zu gehen, um ihn anzulächeln und sich unverzüglich mit ihm auszusprechen; aber dieser Vorsatz kam nicht zur Ausführung. Für einen Augenblick vergaß Herr Goljadkin sich selbst und alles andere fast vollständig; er verlor sowohl das Gedächtnis als auch die Empfindung … Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich in einem weiten Kreise der ihn umgebenden Gäste herumdrehte. Auf einmal wurde Herr Goljadkin von dem andern Zimmer aus gerufen; dieser Ruf pflanzte sich schnell durch die ganze Menge fort. Alle gerieten in Aufregung, alle begannen geräuschvoll zu reden, alle stürzten zu der Tür hin, die in den ersten Saal führte; unsern Helden trugen sie beinah auf den Händen ebendorthin, wobei der hartherzige Rat mit der Perücke zufällig Seite an Seite mit Herrn Goljadkin ging. Endlich ergriff er ihn bei der Hand und veranlaßte ihn, sich neben ihn zu setzen, dem Sitze Olsufi Iwanowitschs gegenüber, jedoch in ziemlich beträchtlicher Entfernung von demselben. Alle, die in den Zimmern anwesend waren, setzten sich in mehreren Reihen um Herrn Goljadkin und Olsufi Iwanowitsch herum. Alles wurde still und ruhig; alle beobachteten ein feierliches Schweigen; alle blickten Olsufi Iwanowitsch an, offenbar in Erwartung von etwas sehr Ungewöhnlichem. Herr Goljadkin bemerkte, daß neben Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl und ebenfalls dem Rate gegenüber der andere Herr Goljadkin und Andrei Filippowitsch Platz genommen hatten. Das Schweigen dauerte ziemlich lange; man wartete tatsächlich auf etwas. „Genau so wie in einer Familie, bevor einer eine weite Reise antritt; man brauchte jetzt nur aufzustehen und zu beten,“ dachte unser Held. Auf einmal entstand eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach alle seine Überlegungen. Etwas längst Erwartetes war eingetreten. „Er kommt, er kommt!“ wurde in der Menge gerufen. „Wer kommt denn?“ fuhr es Herrn Goljadkin durch den Kopf, und ein sonderbares Gefühl ließ ihn zusammenfahren. „Es ist Zeit!“ sagte der Rat, indem er Andrei Filippowitsch bedeutsam ansah. Andrei Filippowitsch warf seinerseits dem alten Olsufi Iwanowitsch einen Blick zu. Olsufi Iwanowitsch nickte würdevoll und feierlich mit dem Kopfe. „Erheben wir uns!“ sagte der Rat und veranlaßte Herrn Goljadkin zum Aufstehen. Alle erhoben sich. Darauf ergriff der Rat Herrn Goljadkin den älteren bei der Hand und Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin den jüngeren, und so führten sie die beiden vollkommenen Ebenbilder durch die Menge, die sie in gespannter Erwartung umgab, feierlich aufeinander zu. Unser Held blickte erstaunt um sich; aber man hielt ihn sogleich davon ab und wies ihn auf Herrn Goljadkin den jüngeren hin, der ihm die Hand entgegenstreckte. „Man will uns miteinander versöhnen,“ dachte unser Held und hielt gerührt seine Hand Herrn Goljadkin dem jüngeren hin; dann, dann streckte er auch den Kopf zum Kusse vor. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljadkin … In diesem Momente schien es Herrn Goljadkin dem älteren, daß sein treuloser Freund lächelte und der ganzen umstehenden Menge schnell und listig zublinkte, daß ein boshafter Zug auf dem Gesichte des unedlen Herrn Goljadkin des jüngeren zum Ausdruck kam, und daß er sogar im Augenblicke seines Judaskusses eine Grimasse schnitt … In Herrn Goljadkins Kopfe dröhnte es; vor den Augen wurde es ihm dunkel; es kam ihm vor, als ob eine Unmenge, eine ganze Reihe ganz ähnlicher Goljadkins lärmend durch alle Türen des Saales hereindränge; aber es war zu spät … Der Verräter hatte ihm schon einen schallenden Kuß gegeben, und …