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Der Doppelgänger

Chapter 8: 7. Kapitel
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About This Book

A timid titular councillor in St. Petersburg increasingly unravels after encountering a man identical to himself; the double gradually appears to mimic and replace him in official and social contexts, provoking mounting paranoia and an identity crisis. The narrative traces his escalating obsession, social anxieties, and futile attempts to defend rank and reputation, blending satirical observation with psychological intensity. Themes include the fragility of selfhood, rivalry and humiliation within bureaucratic society, and the unstable boundary between perception and madness.

„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch …“

„Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie! Ja! Nun ja, was ist dabei? Gar nichts! Ich sage: nach meiner vollen Überzeugung haben Sie keinen Anlaß, sich zu beunruhigen. Was liegt denn vor? Er ist ein Beamter wie andere, und es scheint ja, daß er ein tüchtiger Arbeiter ist. Er sagt, er heiße Goljadkin und sei nicht von hier und sei Titularrat. Er hat persönlich mit Seiner Exzellenz gesprochen.“

„Und wie hat sich Seine Exzellenz dazu gestellt?“

„Es ist nichts Besonderes darüber zu sagen. Der Mensch hat sich, wie man sagt, hinreichend ausgewiesen und seine Gründe dargelegt. Er hat gesagt: ‚So und so, Exzellenz; ich besitze kein Vermögen und möchte gern amtlich tätig sein, und es wäre mir eine besondere Ehre, wenn mir das unter Ihrer Leitung vergönnt wäre,‘ … na, und alles, wie es sich gehört; wissen Sie, er hat sich ganz geschickt ausgedrückt. Es muß ein kluger Mensch sein. Na, selbstverständlich hat er auch eine Empfehlung mitgebracht; ohne eine solche wäre es ja nicht gegangen …“

„Von wem war die denn? … Das heißt, ich meine, wer hat denn eigentlich bei dieser schändlichen Sache seine Hand im Spiele gehabt?“

„Ja, man sagt, es sei eine gute Empfehlung gewesen; man sagt, Seine Exzellenz habe mit Andrei Filippowitsch zusammen gelacht.“

„Mit Andrei Filippowitsch gelacht?“

„Jawohl; er habe gelächelt und gesagt, es sei gut, und er seinerseits sei nicht abgeneigt, wenn er nur seine dienstlichen Obliegenheiten treu erfüllen wolle …“

„Bitte, weiter! Sie beruhigen mich einigermaßen, Anton Antonowitsch; ich bitte Sie inständig: weiter!“

„Gestatten Sie, ich wundere mich wieder über Sie … Na ja, na, die Sache ist ja ganz unwichtig; das Ereignis ist weiter nicht wunderbar; ich sage: beunruhigen Sie sich nicht; man braucht daran nichts bedenklich zu finden …“

„Nein. Ich möchte Sie noch fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz weiter nichts hinzugefügt hat … zum Beispiel etwas, was mich betrifft.“

„Das heißt, gewiß! Ja freilich! Oder vielmehr nein, nichts, Sie können ganz beruhigt sein. Wissen Sie, das ist ja selbstverständlich, daß die Sache sehr auffallend ist, und zuerst … ja, sehen Sie, ich zum Beispiel habe sie zuerst fast gar nicht beachtet. Ich weiß wirklich nicht, warum ich sie nicht eher beachtet hatte, als bis Sie mich darauf aufmerksam machten. Aber übrigens, Sie können ganz beruhigt sein. Seine Exzellenz hat nichts Besonderes gesagt, gar nichts gesagt,“ fügte der gutmütige Anton Antonowitsch hinzu, indem er sich von seinem Stuhle erhob.

„Also, Anton Antonowitsch, ich möchte …“

„Bitte, entschuldigen Sie mich! Ich habe schon zu viel Zeit mit diesen Kleinigkeiten verplaudert, und da ist eine wichtige, eilige Sache. Die muß ich notwendig fertigmachen.“

„Anton Antonowitsch!“ rief Andrei Filippowitschs Stimme in höflichem Tone. „Seine Exzellenz wünscht Sie zu sprechen.“

„Sofort, sofort, Andrei Filippowitsch; ich komme sofort.“ Anton Antonowitsch ergriff einen Pack Akten und lief zuerst zu Andrei Filippowitsch und dann in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz.

„Also wie liegt denn die Sache?“ dachte Herr Goljadkin bei sich. „Also wie steht mein Spiel? Was macht der Himmel jetzt für ein Gesicht? … Es steht nicht übel; die Sache hat eine sehr angenehme Wendung genommen,“ sagte unser Held im stillen, indem er sich die Hände rieb und vor Freuden den Stuhl unter seinem Leibe nicht spürte. „Also ist meine Sache eine ganz gewöhnliche Sache. Also wird alles ein harmloses Ende nehmen und keine schlimmen Folgen haben. Es hat tatsächlich niemand etwas gemerkt, und meine Kollegen, diese Banditen, haben sich keine Dreistigkeiten herausgenommen; sie sitzen still da und beschäftigen sich mit ihren Akten; prächtig, prächtig! Ich habe diesen guten Menschen, unsern Anton Antonowitsch, sehr gern; ich habe ihn immer sehr gern gehabt und hochgeschätzt … Übrigens, ja … wenn man bedenkt … dieser Anton Antonowitsch … verlassen kann man sich doch nicht auf ihn: er ist doch schon ganz grau und vor Alter recht wackelig geworden. Das beste und wichtigste ist übrigens, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und die Sache so hat vorübergehen lassen. Das ist gut; das freut mich! Nur, warum mischt sich Andrei Filippowitsch da mit seinem Gelächter hinein? Was kümmert ihn die Sache? Dieser alte Fuchs! Immer ist er mir im Wege; immer sucht er einem einen Strich durch die Rechnung zu machen; immer kommt er einem in die Quere und ist einem hinderlich; immer ist er einem hinderlich und kommt einem in die Quere …“

Herr Goljadkin blickte wieder rings um sich und wurde wieder von neuer Hoffnung belebt. Er fühlte aber doch, daß ihn trotzdem eine ferne Ahnung von Unheil beunruhigte. Es kam ihm sogar der Einfall, sich selbst irgendwie an die Beamten heranzumachen, das Prävenire zu spielen, also etwa beim Herausgehen nach Schluß der Bureaustunden, oder indem er unter dem Vorwande einer geschäftlichen Anfrage an sie heranträte, gesprächsweise Andeutungen in folgender Art zu machen: „So und so, meine Herren, da ist so eine auffällige Ähnlichkeit, ein seltsamer Fall, die reine Komödie,“ also sich selbst über die ganze Sache lustig zu machen und auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. Aber unser Held sagte sich zum Schluß in Gedanken, in einem stillen, tiefen Pfuhl hätten die Teufel ihr Wesen. Übrigens war das bei Herrn Goljadkin nur ein vorübergehender Gedanke; er wurde noch rechtzeitig anderen Sinnes. Er sah ein, daß das so viel hieße, als die Gefahr herausfordern. „Das liegt nun einmal in deinem Charakter,“ sagte er zu sich selbst und klopfte sich leicht mit der Hand gegen die Stirn; „gleich bist du wieder fröhlich und treibst Mutwillen! Du bist eine biedere Seele! Nein, jetzt ist es schon das beste zu warten, Jakow Petrowitsch; jetzt wollen wir uns gedulden und warten!“ Nichtsdestoweniger war Herr Goljadkin, wie wir bereits erwähnt haben, wieder hoffnungsvoll und hatte ein Gefühl, als ob er von den Toten auferstanden wäre. „Es macht sich,“ dachte er; „es ist mir, wie wenn mir eine Zentnerlast von der Brust gefallen wäre! Nein, so ein Erlebnis! ‚Das Kästchen war nur einfach aufzuklappen‘.[2] Krylow hat recht … Krylow hat recht; dieser Krylow ist ein Fuchs, ein Schlaukopf und ein großer Fabeldichter! Aber was diesen Menschen anlangt, so mag er meinetwegen hier amtieren, und möge es ihm wohl bekommen, wenn er nur niemandem in die Quere kommt und mit niemandem Streit anfängt; mag er hier amtieren, ich habe nichts dagegen, ich bin einverstanden!“

Unterdessen verging die Zeit wie im Fluge, und ehe Herr Goljadkin sich dessen versah, schlug es vier. Die Amtsstunden waren zu Ende; Andrei Filippowitsch griff nach seinem Hute, und alle folgten wie üblich seinem Beispiele. Herr Goljadkin blieb unter dem Vorwande eines notwendigen Bedürfnisses noch eine kleine Weile zurück und ging absichtlich erst nach allen andern, als letzter, weg, als sich bereits alle nach verschiedenen Richtungen verteilt hatten. Als er auf die Straße hinaustrat, fühlte er sich wie im Paradiese, so daß bei ihm sogar der Wunsch rege wurde, einen Umweg zu machen und eine Strecke auf dem Newski-Prospekte zu gehen. „So geht es in der Welt!“ sagte unser Held. „Ein unerwarteter Umschwung der ganzen Sache! Auch das Wetter hat sich aufgeklärt; Kälte und Schlittenfahrt. Und die Kälte taugt für den Russen; der Russe verträgt sich mit der Kälte prächtig. Ich liebe den Russen. Auch ein bißchen Schnee ist da, der erste Spurschnee, wie ein Jäger sagen würde; da müßte man im ersten Spurschnee auf die Hasenjagd gehen! Ei weih! Na, wenn’s nicht ist, so schadet’s auch nichts!“

So gab Herr Goljadkin seinem Entzücken Ausdruck; aber dabei hatte er doch immer noch ein kitzelndes Gefühl im Kopfe, das mit Kummer Ähnlichkeit hatte, und manchmal verspürte er am Herzen ein Saugen, gegen das er kein Linderungsmittel wußte. „Übrigens, wir wollen noch einen Tag warten und uns dann erst freuen. Was ist denn eigentlich los? Na, wir wollen die Sache überlegen, die Sache ansehen. Na, also laß uns einmal überlegen, mein junger Freund, laß uns einmal überlegen! Also da ist ein ebensolcher Mensch wie du, ein ganz ebensolcher. Na, was hat es damit auf sich? Wenn ein solcher Mensch da ist, brauche ich darüber zu weinen? Was geht es mich an? Ich habe damit nichts zu schaffen; ich pfeife darauf, Punktum! Er ist nun einmal da, Punktum! Mag er amtieren! Na, da wird nun gesagt, das sei ein Wunder und eine Seltsamkeit wie die siamesischen Zwillinge … Na, was sollen dabei die Siamesen? Allerdings, die sind Zwillinge; aber auch große Männer haben manchmal ihre Wunderlichkeiten gehabt. Es ist sogar aus der Geschichte bekannt, daß der berühmte Suworow wie ein Hahn krähte … Na, das tat er alles aus Politik; auch große Feldherrn … aber was sollen hier die Feldherrn? Ich bin ein gewöhnlicher Mensch und weiter nichts und will niemanden kennen und verachte im Gefühle meiner Unschuld den Feind. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf. Mein Charakter ist rein, aufrichtig, anständig, freundlich, sanft …“

Plötzlich verstummte Herr Goljadkin, brach ab und zitterte wie ein Blatt; ja, er schloß sogar für einen Augenblick die Augen. Da er jedoch hoffte, daß der Gegenstand seiner Furcht einfach eine Augentäuschung sei, so öffnete er schließlich die Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. Nein, es war keine Augentäuschung! … Neben ihm trippelte sein Bekannter vom Vormittag, lächelte, schaute ihm ins Gesicht und wartete, wie es schien, auf eine Gelegenheit, um ein Gespräch anzufangen. Es kam jedoch nicht dazu. Auf diese Art gingen sie beide etwa fünfzig Schritte. Herrn Goljadkins ganzes Bemühen ging dahin, sich möglichst fest in seinen Mantel einzuhüllen, sich möglichst tief in ihn zu vergraben und den Hut so weit als nur irgend möglich auf die Augen herabzuziehen. Um die Beleidigung vollständig zu machen, waren auch der Mantel und der Hut seines Freundes genau von derselben Art wie diejenigen, die Herr Goljadkin auf den Schultern und auf dem Kopfe trug.

„Mein Herr,“ sagte unser Held endlich, indem er sich bemühte, fast im Flüstertone zu sprechen, und seinen Freund nicht ansah, „es scheint, daß wir verschiedene Wege haben … Ich bin sogar überzeugt davon,“ sagte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. „Ich bin auch überzeugt, daß Sie mich vollständig verstanden haben,“ fügte er zum Schluß in ziemlich strengem Tone hinzu.

„Ich möchte gern …“ erwiderte endlich Herrn Goljadkins Freund, „ich möchte gern … ich hoffe, Sie werden mich großmütig entschuldigen … ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll … meine Umstände … ich hoffe, Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen … es schien mir sogar, als ob Sie heute morgen, von Mitleid bewegt, an mir Anteil nähmen. Ich meinerseits habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt; ich …“ Hier wünschte Herr Goljadkin in Gedanken, sein neuer Kollege möchte in die Erde versinken.

„Wenn ich wagen könnte zu hoffen, daß Sie, Jakow Petrowitsch, mir gütiges Gehör schenken würden …“

„Wir … wir sind hier nicht ungestört. Wir … wollen lieber in meine Wohnung gehen,“ versetzte Herr Goljadkin. „Wir wollen jetzt auf die andre Seite des Newski hinübergehen; dort werden wir beide bequemer gehen können. Und dann wollen wir eine Seitengasse einschlagen … das wird das beste sein.“

„Schön. Schlagen wir die Seitengasse ein, wenn es Ihnen so gefällig ist!“ erwiderte Herrn Goljadkins demütiger Gefährte schüchtern, wie wenn er durch den Ton seiner Antwort zum Ausdruck bringen wollte, daß er nicht wählerisch sein dürfe und in seiner Lage bereit sei, sich auch mit einer Seitengasse zu begnügen. Was Herrn Goljadkin anlangt, so begriff er gar nicht, was mit ihm vorging. Er traute seinen eigenen Sinnen nicht. Er war von seinem Erstaunen noch nicht wieder zu sich gekommen.


[2] Der Schlußvers einer Krylowschen Fabel. Jemand sucht vergebens nach dem Mechanismus zum Öffnen eines Kästchens, das einen solchen gar nicht besitzt, sondern sich einfach aufklappen läßt. Anmerkung des Übersetzers.

7. Kapitel

Erst auf der Treppe und vor der Eingangstür zu seiner Wohnung gewann er einigermaßen seine Fassung wieder. „Ach, ich Schafskopf!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken; „wohin führe ich ihn nun? Ich stecke selbst den Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka denken, wenn er uns zusammen sieht? Was wird dieser Halunke sich jetzt zu denken erdreisten? Und er ist so argwöhnisch …“ Aber zur Reue war es bereits zu spät; Herr Goljadkin klopfte, die Tür öffnete sich, und Petruschka nahm dem Gaste und dem Hausherrn die Mäntel ab. Herr Goljadkin warf aus dem Augenwinkel flüchtige Blicke nach Petruschka und bemühte sich, seine Miene zu ergründen und seine Gedanken daraus zu erraten. Aber zu seinem größten Erstaunen sah er, daß sein Diener gar nicht daran dachte, sich zu wundern, sondern im Gegenteil so etwas erwartet zu haben schien. Allerdings machte er auch jetzt ein Gesicht wie ein Wolf, schielte zur Seite hin und tat, als ob er jemand fressen wollte. „Hat sie denn heute alle jemand behext?“ dachte unser Held. „Es ist, als ob ein Dämon herumgegangen wäre! Es muß unbedingt mit dem ganzen Volke heute etwas Besonderes los sein. Hol’s der Teufel, was ist das für ein qualvoller Zustand!“ Während Herr Goljadkin dergleichen dachte und überlegte, führte er den Gast zu sich ins Zimmer und forderte ihn höflich auf, Platz zu nehmen. Der Gast befand sich anscheinend in äußerster Verlegenheit; er war sehr schüchtern, verfolgte unterwürfig alle Bewegungen seines Wirtes, haschte nach seinen Blicken und bemühte sich, wie es schien, aus diesen zu entnehmen, was derselbe denke. Eine gewisse Gedrücktheit, Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit kam in allen seinen Gebärden zum Ausdruck, so daß er, wenn der Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblicke große Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte, der aus Mangel an eigenen Kleidern fremde angezogen hat: die Ärmel rutschen hinauf; die Taille sitzt beinah im Genick, und er schiebt alle Augenblicke die kurze Weste auf seinem Leibe zurecht; bald windet und dreht er sich rechts und links, bald sucht er sich irgendwo zu verstecken, bald sieht er allen in die Augen und horcht, ob die Leute nicht von seiner Situation sprechen, sich über ihn lustig machen, sich seiner schämen, — er errötet und wird fassungslos, und sein Ehrgefühl leidet schwer … Herr Goljadkin hatte seinen Hut auf das Fensterbrett gestellt; durch eine unvorsichtige Bewegung fiel der Hut auf den Boden. Der Gast stürzte sofort hin, um ihn aufzuheben, reinigte ihn sorgsam vom Staube und stellte ihn vorsichtig auf den früheren Platz; seinen eigenen aber stellte er auf den Fußboden, neben den Stuhl, auf dessen äußerstem Rande er demütig Platz genommen hatte. Dieser geringfügige Vorgang öffnete Herrn Goljadkin einigermaßen die Augen; er sah nun ein, daß der andere ihn sehr nötig hatte, und zerbrach sich daher nicht mehr den Kopf darüber, wie er mit seinem Gaste ein Gespräch anfangen solle, sondern überließ, wie es sich gebührte, alles diesem selbst. Aber der Gast seinerseits fing nicht an zu reden; ob er zu schüchtern war oder sich ein wenig schämte oder aus Höflichkeit darauf wartete, daß der Wirt den Anfang mache, blieb dahingestellt und war schwer zu entscheiden. In diesem Augenblicke kam Petruschka herein, blieb in der Tür stehen und blickte nach derjenigen Seite hin, die der, wo sich sein Herr und der Gast befanden, ganz entgegengesetzt war.

„Befehlen Sie, daß ich zwei Portionen Mittagessen hole?“ fragte er mit seiner heiseren Stimme in nachlässigem Tone.

„Ich … ich weiß nicht … Sie … ja, hole zwei Portionen, mein Lieber!“

Petruschka ging weg. Herr Goljadkin sah seinen Gast an. Der Gast errötete bis über die Ohren. Herr Goljadkin war ein gutmütiger Mensch und legte sich daher in der Güte seines Herzens sogleich eine Anschauung zurecht:

„Er ist ein armer Mensch“, dachte er, „und erst einen Tag in seiner Stelle; wahrscheinlich hat er vorher viel leiden müssen; nur gut, daß er einen anständigen Anzug besitzt; aber Geld zum Mittagessen wird er nicht haben. Ach mein Gott, wie niedergeschlagen er aussieht! Na, das schadet nichts: das hat sogar sein Gutes …“ — „Verzeihen Sie, daß ich …“ begann Herr Goljadkin, „gestatten Sie übrigens die Frage, wie ich Sie nennen darf!“

„Ich … ich … heiße Jakow Petrowitsch,“ erwiderte der Gast fast flüsternd, als wenn er sich schämte und um Verzeihung dafür bäte, daß er ebenfalls Jakow Petrowitsch heiße.

„Jakow Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, der nicht imstande war, seine Aufregung zu verbergen.

„Ja, ganz richtig … Ich bin Ihr Namensvetter,“ antwortete Herrn Goljadkins demütiger Gast, indem er sich dazu aufraffte, zu lächeln und in scherzendem Tone zu reden. Aber er fiel sogleich in seine unterwürfige Haltung wieder zurück, als er die sehr ernste und etwas bestürzte Miene seines Wirtes wahrnahm und merkte, daß dieser jetzt zu Scherzen nicht aufgelegt sei.

„Gestatten … gestatten Sie mir die Frage, welchem Umstande ich die Ehre zu verdanken habe …“

„Da ich Ihre Großmut und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn der Gast schnell, aber in schüchternem Tone, indem er sich ein wenig von seinem Stuhle erhob, „so habe ich es gewagt, mich an Sie zu wenden und Sie um Ihre … um Ihre Bekanntschaft und Gönnerschaft zu bitten …“ schloß der Gast, der es schwierig fand sich auszudrücken und nach Worten suchte, die einerseits nicht zu schmeichlerisch und unterwürfig klängen, um nicht sein eigenes Ehrgefühl zu verletzen, andrerseits aber auch nicht zu kühn wären und ungehörigerweise den Anspruch auf Gleichstellung erhöben. Im allgemeinen konnte man sagen, daß Herrn Goljadkins Gast sich wie ein Bettler aus gutem Stande in einem geflickten Frack und mit einem ordnungsmäßigen Paß in der Tasche benahm, der noch keine Übung darin gewonnen hat, wie es sich gehört, die Hand auszustrecken.

„Sie setzen mich in Verlegenheit,“ erwiderte Herr Goljadkin, indem er sich selbst, seine Wände und den Gast betrachtete; „womit könnte ich denn … das heißt, ich will sagen, in welcher Beziehung kann ich Ihnen eigentlich mit irgend etwas dienen?“

„Ich habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt, Jakow Petrowitsch, und habe (verzeihen Sie mir großmütig!) meine Hoffnung auf Sie gesetzt … habe gewagt, meine Hoffnung auf Sie zu setzen, Jakow Petrowitsch. Ich … ich fühle mich hier ganz wie verloren, Jakow Petrowitsch; ich bin arm, habe sehr viel gelitten, Jakow Petrowitsch, und bin hier noch neu. Da ich erfahren hatte, daß Sie zu den Ihnen angeborenen vortrefflichen Eigenschaften Ihrer schönen Seele auch noch mit mir denselben Namen führen …“

Herr Goljadkin runzelte die Stirn.

„… auch noch mit mir denselben Namen führen und mit mir aus demselben Orte stammen, so entschloß ich mich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzutragen.“

„Gut, gut, ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf erwidern soll,“ antwortete Herr Goljadkin verlegen. „Wissen Sie, wir wollen nach Tische darüber reden …“

Der Gast verbeugte sich; das Mittagessen wurde gebracht. Petruschka stellte alles in Ordnung auf den Tisch, und Gast und Wirt schickten sich an, sich zu sättigen. Das Essen dauerte nicht lange, denn sie beeilten sich: der Wirt, weil er sich unbehaglich fühlte und sich außerdem über das schlechte Mittagessen schämte (er schämte sich zum Teil deswegen, weil er den Gast gern gut bewirtet hätte, teils deswegen, weil er zu zeigen wünschte, daß er nicht wie ein Bettler lebe), und der Gast seinerseits, weil er sich in schrecklicher Verwirrung und äußerster Verlegenheit befand. Nachdem er einmal Brot genommen und seine Schnitte aufgegessen hatte, scheute er sich, die Hand nach einer zweiten Schnitte auszustrecken; er genierte sich, von den Speisen ein besseres Stückchen zu nehmen, und versicherte alle Augenblicke, er sei gar nicht hungrig, das Mittagessen sei vorzüglich, er für seine Person sei völlig zufrieden und werde bis zum Grabe daran denken. Als das Essen zu Ende war, zündete Herr Goljadkin sich seine Pfeife an und offerierte die andere, die er sich für Freundesbesuch hielt, dem Gaste; beide setzten sich einander gegenüber, und der Gast begann seine Erlebnisse zu erzählen.

Die Erzählung des jüngeren Herrn Goljadkin dauerte drei oder vier Stunden. Die Geschichte seiner Erlebnisse setzte sich übrigens aus den unbedeutendsten und, wenn man sich so ausdrücken kann, miserabelsten Einzelheiten zusammen. Es handelte sich dabei um amtliche Tätigkeit irgendwo bei einem Gerichte, bei einer Gouvernementsregierung; um Staatsanwälte und Präsidenten; um irgendwelche Bureau-Intrigen; um die Schändlichkeit eines Tischvorstehers; um einen Revisor; um einen plötzlichen Wechsel der Person des Chefs; darum, daß Herr Goljadkin der zweite ganz unschuldig hatte leiden müssen; um seine alte Tante Pelageja Semjonowna; darum, daß er infolge verschiedener Intrigen seiner Feinde seine Stelle verloren hatte und zu Fuß nach Petersburg gewandert war; darum, daß er hier in Petersburg viel Not und Elend durchgemacht, lange erfolglos eine Stelle gesucht, sich auf das kümmerlichste beholfen, beinah auf der Straße gewohnt, altes, vertrocknetes Brot gegessen und dazu seine Tränen geschluckt, auf dem nackten Fußboden geschlafen hatte, und daß endlich irgendein guter Mensch es übernommen hatte, für ihn zu sorgen, ihn empfohlen und ihm großmütig seine jetzige Stellung verschafft hatte. Herrn Goljadkins Gast weinte bei dieser Erzählung und trocknete sich die Tränen mit einem blaukarierten Taschentuche ab, das große Ähnlichkeit mit Wachstuch hatte. Er schloß damit, daß er Herrn Goljadkin seine derzeitige Lage mit völliger Offenheit darlegte und ihm gestand, daß er kein Geld habe, um davon in nächster Zeit zu leben und sich anständig einzurichten, ja nicht einmal um sich ordentlich zu equipieren. Er fügte noch hinzu, er könne nicht einmal das Geld für Stiefel auftreiben und die Uniform habe er sich von jemand auf kurze Zeit geliehen.

Herr Goljadkin war gerührt und fühlte aufrichtiges Mitleid. Obgleich die Geschichte seines Gastes eine so öde Geschichte war, fielen alle Worte derselben auf sein Herz wie himmlisches Manna. Die Sache war die, daß Herr Goljadkin nun seine letzten Zweifel vergaß, sein Herz wieder dem Gefühl der Freiheit und der Freude überließ und sich schließlich im stillen selbst einen Dummkopf schalt. Alles war so natürlich! Was hatte er da für Anlaß sich zu grämen und zu beunruhigen? Nun ja, es war da tatsächlich ein kitzlicher Punkt vorhanden, gewiß; aber das war ja kein Unglück: das konnte einen Menschen nicht in Unehre bringen, seinen Ruf nicht beflecken, ihm seine Karriere nicht verderben, wenn doch der betreffende Mensch keine Schuld trug, sondern die Natur selbst die Hand im Spiele hatte. Außerdem bat der Gast um seine Protektion; der Gast weinte; der Gast klagte das Schicksal an; er schien so harmlos zu sein, so ohne Bosheit und Falsch, ein kläglicher, unbedeutender Mensch, und wie es schien, schämte er sich jetzt selbst, obgleich vielleicht in anderer Hinsicht, über die seltsame Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er benahm sich auf die denkbar beste Weise, bemühte sich eifrig, seinem Wirte alles zu dank zu machen, und zwar wie jemand, der von Gewissensbissen gequält wird und fühlt, daß er sich dem andern gegenüber schuldig gemacht hat. Wenn z. B. die Rede auf irgendeinen zweifelhaften Punkt kam, so stimmte der Gast sogleich Herrn Goljadkins Meinung zu. Wenn er durch ein Versehen mit seiner Meinung irgendwie in Gegensatz zu Herrn Goljadkin geriet und dann bemerkte, daß er vom richtigen Wege abgekommen war, so korrigierte er das, was er gesagt hatte, sofort, interpretierte es und gab unverzüglich zu verstehen, daß er alles genau in derselben Weise beurteile wie sein Wirt, ebenso denke wie dieser und alles mit ganz denselben Augen ansehe wie dieser. Kurz, der Gast machte alle möglichen Anstrengungen, um sich Herrn Goljadkins Wohlwollen zu erwerben, so daß dieser schließlich zu der Ansicht gelangte, sein Gast sei in jeder Hinsicht ein sehr liebenswürdiger Mensch. Inzwischen wurde Tee gebracht; es war zwischen acht und neun Uhr. Herr Goljadkin fühlte sich in vortrefflicher Stimmung; er war heiter geworden, machte Scherze, ging ein wenig aus sich heraus und ließ sich endlich in ein sehr lebhaftes, angeregtes Gespräch mit seinem Gaste ein. Herr Goljadkin liebte es, wenn er guter Laune war, manchmal etwas Unterhaltendes zu erzählen. Das tat er auch jetzt: er erzählte seinem Gaste viel von der Residenz, von ihren Vergnügungen und Schönheiten, vom Theater, von den Klubs, von dem Brülowschen Gemälde[3], daß zwei Engländer expreß aus England nach Petersburg gekommen seien, um das Gitter des Sommergartens zu besehen, und sogleich wieder zurückgefahren seien, vom Dienste, von Olsufi Iwanowitsch und von Andrei Filippowitsch, daß sich Rußland von Stunde zu Stunde mehr der Vollkommenheit nähere, und daß jetzt hier die schönen Wissenschaften in Blüte ständen, von einer Anekdote, die er kürzlich in der „Nordischen Biene“ gelesen hatte, und daß es in Indien eine ganz außerordentlich starke Riesenschlange gebe, zuletzt von dem Baron Brambäus[4]) usw. usw. Kurz, Herr Goljadkin war völlig zufrieden, erstens weil er ganz beruhigt war, zweitens weil er seine Feinde nicht nur nicht mehr fürchtete, sondern sogar bereit war, sie jetzt alle zum Entscheidungskampfe herauszufordern, drittens weil er jetzt selbst in eigener Person jemandes Protektor geworden war, und schließlich weil er ein gutes Werk tat. Er war sich übrigens innerlich bewußt, daß er in diesem Augenblicke noch nicht ganz glücklich war, daß in ihm noch ein Wurm saß, wenn auch nur ein ganz kleiner, der auch jetzt noch sein Herz quälte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olsufi Iwanowitsch war ihm äußerst peinlich. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn manches von dem, was gestern geschehen war, nicht geschehen wäre. „Indessen es hat ja nicht viel zu bedeuten!“ sagte unser Held sich schließlich und nahm sich im stillen fest vor, sich künftig gut zu führen und ähnliche Fehler nicht wieder zu begehen. Da Herr Goljadkin jetzt sehr gut gelaunt war und sich auf einmal fast völlig glücklich fühlte, so kam er sogar auf den Einfall, das Leben zu genießen. Petruschka mußte Rum bringen, und es wurde ein Punsch gebraut. Gast und Wirt leerten jeder ein Glas und ein zweites. Der Gast benahm sich noch liebenswürdiger als vorher und gab viele Beweise seiner Aufrichtigkeit und seines trefflichen Charakters; er ging kräftig auf Herrn Goljadkins vergnügte Stimmung ein, schien sich nur über dessen Freude zu freuen und blickte ihn wie seinen wahren und einzigen Wohltäter an. Eine Feder und ein Blättchen Papier ergreifend, bat er Herrn Goljadkin nicht zuzusehen, was er schreiben werde, und zeigte dann, als er fertig war, selbst seinem Wirte alles, was er geschrieben hatte. Es ergab sich, daß es eine vierzeilige Strophe war, von sehr gefühlvollem Inhalt, in schönem Stil und mit guter Handschrift geschrieben und augenscheinlich von dem liebenswürdigen Gaste selbst verfaßt. Die Verse lauteten:

„Solltest je du mein vergessen,

Niemals doch vergeß ich dein;

Viel begibt sich wohl im Leben,

Doch vergiß auch du nicht mein!“

Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljadkin seinen Gast, und nachdem er seinen Gefühlen völlig freien Lauf gelassen hatte, weihte er selbst seinen Gast in mehrere seiner Geheimnisse ein, wobei Andrei Filippowitsch und Klara Olsufjewna die Hauptthemata waren. „Na, du und ich, wir passen zusammen, Jakow Petrowitsch,“ sagte unser Held zu seinem Gaste; „wir beide, Jakow Petrowitsch, wollen leben wie die Fische im Wasser, wie zwei leibliche Brüder; wir wollen List anwenden, Freundchen, wollen zusammen List anwenden; wir wollen unsererseits eine Intrige gegen sie einfädeln … gegen sie eine Intrige einfädeln. Aber von denen vertraue du dich niemandem an! Ich kenne dich ja, Jakow Petrowitsch, und verstehe deinen Charakter; du erzählst einem gleich alles; du bist eine redliche Seele! Halte dich von denen allen fern, Bruder!“ Der Gast war damit völlig einverstanden, dankte Herrn Goljadkin und vergoß zuletzt ebenfalls Tränen. „Weißt du was, lieber Jakow,“ sagte Herr Goljadkin mit leiser, zitternder Stimme, „zieh für einige Zeit zu mir, oder auch für immer! Wir passen zusammen. Wie denkst du darüber, Bruder? Rege dich nicht darüber auf und murre nicht darüber, daß zwischen uns jetzt ein so sonderbares Verhältnis besteht; zu murren ist Sünde, Bruder; die Natur hat es so gewollt. Und Mutter Natur ist freigebig; ja, so ist es, Bruder Jakow! Ich sage das, weil ich dich liebe, dich brüderlich liebe. Aber wir beide, lieber Jakow, wollen mit List verfahren und unsererseits Minen anlegen und es ihnen gehörig besorgen.“ Von dem Punsche waren schließlich drei, ja vier Gläser auf jeden der beiden gekommen, und nun wurde sich Herr Goljadkin zweier Empfindungen bewußt: der einen, daß er außerordentlich glücklich sei, und der andern, daß er nicht mehr auf den Beinen stehen könne. Der Gast wurde selbstverständlich eingeladen, dort zu übernachten. Ein Bett wurde, so gut es ging, aus zwei Reihen von Stühlen zusammengestellt. Herr Goljadkin der jüngere sprach den Gedanken aus, daß man unter einem befreundeten Dache selbst auf dem nackten Fußboden sanft schlafe; er jedenfalls werde, wo es sich auch träfe, mit Ergebenheit und Dankbarkeit schlafen; jetzt fühle er sich wie im Paradiese; er schloß mit der Bemerkung, er habe in seinem Leben viel Unglück und Leid zu ertragen gehabt; alles habe er ruhig hingenommen und geduldig ausgehalten, und wer kenne die Zukunft? Vielleicht werde er noch mehr zu leiden haben. Herr Goljadkin der ältere machte dagegen Einwendungen und wies darauf hin, daß man all seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der Gast stimmte ihm völlig bei und sagte, daß natürlich niemand so gut und mächtig sei wie Gott. Hier bemerkte Herr Goljadkin der ältere, daß die Türken in gewisser Hinsicht recht daran täten, den Namen Gottes sogar im Schlafe anzurufen. Darauf äußerte er, er sei mit manchen Gelehrten nicht einverstanden, die gegen den türkischen Propheten Mohammed allerlei Verleumdungen vorbrächten, erkannte ihn als einen großen Politiker in seiner Art an und ging dann zu einer sehr interessanten Beschreibung einer Barbierstube in Algier über, von der er in einem Büchelchen unter „Allerlei“ gelesen hatte. Der Gast und der Wirt lachten herzlich über die Einfalt der Türken, konnten aber nicht umhin, ihren durch das Opium hervorgerufenen Fanatismus zu bewundern … Der Gast begann endlich sich zu entkleiden, und Herr Goljadkin ging hinaus hinter die Scheidewand, zum Teil aus Gutherzigkeit, um den Gast, der vielleicht kein anständiges Hemd anhabe, nicht in Verlegenheit zu setzen, da er ohnehin schon genug gelitten habe, und zum andern Teil um sich nach Möglichkeit Petruschkas zu vergewissern, ihn zu sondieren und ihn wenn möglich durch freundliche Worte aufzuheitern, damit alle glücklich wären und keine Spur von Verstimmung zurückbliebe. Es muß bemerkt werden, daß Herr Goljadkin sich immer noch ein wenig über Petruschka beunruhigte.

„Lege dich jetzt schlafen, Petruschka!“ sagte Herr Goljadkin sanft, indem er in die Abteilung seines Dieners hereintrat. „Lege dich jetzt schlafen, und morgen um acht Uhr wecke mich! Hörst du, Petruschka?“

Herr Goljadkin sprach in außerordentlich mildem, freundlichem Tone. Aber Petruschka schwieg. Er war in diesem Augenblick damit beschäftigt, sein Bett zu machen, und wendete sich nicht einmal zu seinem Herrn um, was er doch schon aus Respekt gegen ihn hätte tun müssen.

„Hast du gehört, was ich sage, Petruschka?“ fuhr Herr Goljadkin fort. „Lege dich jetzt schlafen, und morgen, Petruschka, wecke mich um acht Uhr; verstehst du?“

„Ich werde schon daran denken; große Sache!“ brummte Petruschka vor sich hin.

„Nun, nun, Petruschka; ich sage das ja nur so, damit auch du ruhig und glücklich sein kannst. Siehst du, wir sind jetzt alle glücklich; da möchte ich, daß auch du ruhig und glücklich wärest. Jetzt aber wünsche ich dir Gute Nacht. Schlaf dich aus, Petruschka, schlaf dich aus: es hat ein jeder von uns seine Mühe und Arbeit … Und weißt du, lieber Freund, mach dir keine Gedanken darüber, daß …“

Herr Goljadkin hatte den Satz angefangen, hielt dann aber inne. „Sage ich auch nicht zu viel?“ dachte er. „Fordere ich auch nicht die Gefahr heraus? So mache ich das immer; ich gehe immer zu weit.“ Unser Held ging, sehr unzufrieden mit sich selbst, aus Petruschkas Raume hinaus. Außerdem fühlte er sich durch Petruschkas Respektlosigkeit und Grobheit etwas beleidigt. „Man redet freundlich mit einem solchen Halunken, der Herr erweist ihm eine Ehre, und er hat kein Gefühl dafür,“ dachte Herr Goljadkin. „Übrigens findet man diese gemeine Gesinnung bei dieser ganzen Menschenklasse!“ Etwas schwankend kehrte er in das Zimmer zurück, und da er sah, daß sein Gast sich schon vollständig hingelegt hatte, setzte er sich für einen Augenblick zu ihm auf das Bett. „Aber das mußt du doch bekennen, lieber Jakow,“ begann er flüsternd und mit dem Kopfe wackelnd, „du hast dich doch mir gegenüber vergangen, du schändlicher Mensch! Weißt du, Namensvetter, du hast doch … hm …“ fuhr er in familiärem, scherzendem Tone fort. Nachdem er endlich freundschaftlich seinem Gaste Gute Nacht gesagt hatte, schickte sich Herr Goljadkin an, schlafen zu gehen. Der Gast schnarchte unterdessen schon. Herr Goljadkin seinerseits begann sich ins Bett zu legen und flüsterte dabei lächelnd vor sich hin: „Du bist heute betrunken, mein Täubchen, Jakow Petrowitsch, du Lump, du armer Schlucker; daß du ein armer Schlucker bist, besagt ja schon dein Familienname!! Na, worüber freust du dich denn? Morgen wirst du ja weinen, du Plärrliese! Was soll ich mit dir anfangen?“ Nun aber machte sich eine recht sonderbare Empfindung in Herrn Goljadkins ganzem Wesen geltend, etwas, was mit Zweifel oder Reue Ähnlichkeit hatte. „Ich habe des Guten zuviel getan,“ dachte er; „nun brummt mir der Kopf, und ich bin betrunken; und du hast dich nicht beherrschen können, du Dummkopf! Was hast du für einen Haufen dummes Zeug zusammengeschwatzt, und dabei möchtest du noch intrigieren, du Halunke! Allerdings ist Beleidigungen zu verzeihen und zu vergessen die erste Tugend; aber die Sache steht doch schlecht! Ja, so ist das!“ Hier stand Herr Goljadkin auf, nahm das Licht und ging auf den Zehen noch einmal hin, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er in tiefem Nachdenken über ihn gebeugt da. „Ein unangenehmes Bild! Der reine Spott, der reine Spott; das steht fest!“

Endlich legte sich Herr Goljadkin definitiv schlafen. In seinem Kopfe brummte, sauste und summte es. Das Bewußtsein schwand ihm … Er machte Anstrengungen, an etwas zu denken, sich an etwas sehr Interessantes zu erinnern, eine sehr wichtige, heikle Frage zu lösen; aber er konnte es nicht. Der Schlummer senkte sich auf sein armes Haupt herab, und er schlief ein, wie gewöhnlich Leute einschlafen, die nicht gewohnt sind, bei einem freundschaftlichen abendlichen Zusammensein fünf Gläser Punsch zu trinken.


[3] Gemeint ist das berühmte Bild „Der letzte Tag Pompejis“, jetzt im Russischen Museum Alexanders III. Anmerkung des Übersetzers.

[4] Das Pseudonym, unter dem der Schriftsteller Senkowski mehrere Romane veröffentlichte. Anmerkung des Übersetzers.

8. Kapitel

Wie gewöhnlich erwachte Herr Goljadkin am andern Tage um acht Uhr; nachdem er erwacht war, erinnerte er sich sogleich an alle Ereignisse des gestrigen Abends; bei dieser Erinnerung runzelte er die Stirn. „Wie ein rechter Dummkopf habe ich mich gestern benommen!“ dachte er, während er sich vom Bett erhob, und blickte nach dem Bette seines Gastes hin. Aber wie groß war sein Erstaunen, als nicht nur der Gast, sondern sogar auch das Bett, auf dem der Gast geschlafen hatte, aus dem Zimmer verschwunden war! „Was stellt das vor?“ schrie Herr Goljadkin beinah laut auf. „Wie geht das zu? Was hat jetzt dieses neue Ereignis zu bedeuten?“ Während Herr Goljadkin noch verständnislos mit offenem Munde nach dem leeren Fleck hinsah, knarrte die Tür, und Petruschka kam mit dem Teebrett herein. „Wo ist er, wo ist er?“ fragte unser Held kaum hörbar und zeigte mit dem Finger nach der Stelle hin, die gestern dem Gaste angewiesen worden war. Petruschka gab zuerst keine Antwort und sah seinen Herrn sogar nicht einmal an, sondern wandte seine Augen nach der Ecke rechts, so daß Herr Goljadkin selbst genötigt war, nach der Ecke rechts hinzublicken. Nach einigem Stillschweigen indes antwortete Petruschka grob mit heiserer Stimme: „Der Herr ist nicht zu Hause.“

„Du Dummkopf! Ich bin ja doch dein Herr, Petruschka!“ stotterte Herr Goljadkin und sah seinen Diener mit weit geöffneten Augen an.

Petruschka antwortete nichts, blickte aber Herrn Goljadkin so an, daß dieser bis über die Ohren errötete; denn dieser beleidigende, vorwurfsvolle Blick konnte die Stelle eines wirklichen Schimpfwortes vertreten. Herr Goljadkin streckte die Waffen. Endlich erklärte Petruschka, „der andere“ sei schon vor anderthalb Stunden weggegangen und habe nicht warten wollen. Diese Antwort klang allerdings wahrscheinlich und glaubwürdig; es war klar, daß Petruschka nicht log, und daß sein beleidigender Blick und der von ihm gebrauchte Ausdruck „der andere“ nur eine Folge des ganzen bekannten widerwärtigen Umstandes waren; aber dennoch verstand Herr Goljadkin, wenn auch nur undeutlich, daß da etwas nicht geheuer war, und daß das Schicksal für ihn noch irgendeine nicht ganz angenehme Gabe bereit hielt. „Nun gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich; „wir werden seinerzeit das alles durchschauen … Ach, Herr du mein Gott,“ stöhnte er zum Schlusse in ganz anderem Tone, „warum habe ich ihn eingeladen? Wozu habe ich das getan? Ich stecke ihnen ja selbst meinen Kopf in die Schlinge und ziehe die Schlinge selbst zu! Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Daß du doch auch gar nicht das Maul halten kannst; nein, du mußt dich verplappern wie so ein dummer Junge, wie ein Kanzlist, wie ein Plebejer ohne Rang und Würden, wie ein jämmerlicher Waschlappen, du Schwätzer, du altes Weib! … All ihr Heiligen! Und sogar Verse hat er geschrieben, der Gauner, und mir seine Liebe erklärt! Wie könnte ich nun, hm … Wie könnte ich nun dem Gauner in anständiger Manier die Tür weisen, wenn er wiederkommt? Es gibt ja da natürlich viele verschiedene Redewendungen und Hilfsmittel. Ich könnte sagen: ‚So und so, bei meinem geringen Gehalte …‘ Oder ich könnte ihm Bange machen und sagen: ‚In Erwägung dieses und dieses Umstandes sehe ich mich genötigt, Ihnen mitzuteilen, daß Sie die Kosten der Wohnung und der Beköstigung zur Hälfte tragen und das Geld im voraus zahlen müssen.‘ Hm! nein, hol’s der Teufel, nein! Das würde meine Ehre beflecken. Das ist nicht recht zartfühlend! Vielleicht könnte ich es so machen: ich könnte Petruschka instruieren, daß er ihn irgendwie ärgern, ihn nachlässig und grob behandeln solle, und ihn mir auf diese Art vom Halse schaffen? Ich müßte sie so zusammenhetzen … Nein, hol’s der Teufel, nein! Das ist gefährlich, und ferner, wenn man es aus einem andern Gesichtspunkte betrachtet … es ist ganz und gar nicht schön! Ganz und gar nicht schön! Aber wenn er nun nicht wieder herkommt? Auch das wäre übel! Ich habe ihm gestern abend gar zu viel ausgeschwatzt! … Ach, schlimm, schlimm! Ach, wie schlimm steht meine Sache! Ach, ich Dummkopf, ich verdammter Dummkopf! Kannst du nicht lernen, wie du dich benehmen mußt? Kannst du nicht endlich zur Vernunft kommen? Na, wenn er nun aber herkommt und absagt? Ach, gebe Gott, daß er käme! Ich würde sehr froh sein, wenn er käme …“ So überlegte Herr Goljadkin, während er seinen Tee trank und fortwährend nach der Wanduhr blickte. „Jetzt ist es drei Viertel auf neun; nun ist es Zeit zu gehen. Aber was wird nun geschehen? Was wird mir passieren? Ich möchte gern wissen, was sich da eigentlich Besonderes hinter dem Vorhang verbirgt, was für Absichten und Pläne sie haben, und was für Steine sie mir in den Weg werfen wollen. Es wäre gut, wenn ich erfahren könnte, was für ein Ziel eigentlich diese ganze Bande im Auge hat, und welches der erste Schritt ist, den sie unternehmen wollen …“ Herr Goljadkin konnte es nicht länger aushalten; er warf die noch nicht ausgerauchte Pfeife hin, zog sich an und ging in den Dienst, um womöglich die Gefahr aufzudecken und sich über alles durch seine persönliche Anwesenheit Gewißheit zu verschaffen. Aber Gefahr war vorhanden: das wußte er selbst, daß Gefahr vorhanden war. „Aber auch diese Nuß werden wir schon knacken!“ sagte Herr Goljadkin, indem er den Mantel und die Überschuhe im Vorzimmer ablegte; „nun werden wir all diese Dinge sofort durchschauen.“ Nachdem er in dieser Weise zu handeln beschlossen hatte, machte unser Held seinen Anzug zurecht, nahm eine wohlanständige Dienstmiene an und wollte eben in das anstoßende Zimmer treten, als plötzlich gerade in der Tür sein Bekannter und Freund von gestern mit ihm zusammenstieß. Herr Goljadkin der jüngere schien Herrn Goljadkin den älteren nicht zu bemerken, obwohl sich beinahe ihre Nasen berührten. Herr Goljadkin der jüngere war, wie es schien, sehr beschäftigt, hatte es eilig, irgendwohin zu kommen, und war außer Atem; er hatte eine solche Amts- und Geschäftsmiene, daß, wie es schien, jeder auf seinem Gesichte lesen konnte: „Mit einem besonderen Auftrage betraut …“

„Ach, Sie sind es, Jakow Petrowitsch!“ sagte unser Held und ergriff seinen gestrigen Gast am Arme.

„Später, später! Entschuldigen Sie mich; sagen Sie mir später, was Sie wünschen!“ rief Herr Goljadkin der jüngere, indem er vorwärts strebte.

„Aber erlauben Sie, Jakow Petrowitsch; ich meine, Sie wollten … hm …“

„Was gibt’s denn? Sagen Sie schneller, was Sie wünschen!“

Hier blieb Herrn Goljadkins gestriger Gast, anscheinend nur ungern und mit großem Widerstreben, stehen und hielt sein Ohr Herrn Goljadkin gerade an die Nase.

„Ich muß Ihnen sagen, Jakow Petrowitsch, daß ich über Ihr Benehmen erstaunt bin … ein Benehmen, wie ich es ja wohl nicht erwarten konnte.“

„Alles hat seine gewiesene Form. Melden Sie sich bei dem Sekretär Seiner Exzellenz, und wenden Sie sich dann, wie es in der Ordnung ist, an den Herrn Kanzleivorsteher. Haben Sie eine Bittschrift? …“

„Sie … ich weiß gar nicht, Jakow Petrowitsch … Sie setzen mich einfach in Verwunderung, Jakow Petrowitsch! Sie erkennen mich gewiß nicht, oder Sie machen infolge Ihres angeborenen heiteren Temperamentes einen Scherz.“

„Ah, Sie sind es!“ erwiderte Herr Goljadkin der jüngere, als wenn er Herrn Goljadkin den älteren eben erst erkannt hätte. „Also Sie sind es? Na also, haben Sie gut geschlafen?“

Hier lächelte Herr Goljadkin der jüngere ein wenig; aber er lächelte in einer amtlichen, förmlichen Manier und durchaus nicht so, wie es sich gehört hätte, da er doch jedenfalls Herrn Goljadkin dem älteren zu Dank verpflichtet war; und nachdem er so in amtlicher, förmlicher Manier gelächelt hatte, fügte er hinzu, er seinerseits freue sich sehr, daß Herr Goljadkin gut geschlafen habe. Dann verbeugte er sich ein wenig, trippelte ein wenig an ein und derselben Stelle umher, blickte nach rechts und nach links, schlug darauf die Augen zu Boden, richtete sie nach der Seitentür, und nachdem er hastig flüsternd bemerkt hatte, er habe einen besonderen Auftrag, schlüpfte er in das Nachbarzimmer und war verschwunden.

„Ist das eine tolle Geschichte! …“ flüsterte unser Held, der einen Augenblick ganz starr war; „ist das eine tolle Geschichte! Was soll das nur vorstellen? …“ Herr Goljadkin hatte ein Gefühl, als ob ihm Ameisen über den ganzen Leib liefen. „Übrigens,“ fuhr er im stillen fort, während er in sein Dienstlokal ging, „übrigens habe ich so etwas ja schon lange gesagt; ich habe schon lange geahnt, daß er mit besonderen Aufträgen werde betraut werden … gerade gestern habe ich gesagt, daß er unzweifelhaft ein Mensch sei, den man zu besonderen Aufträgen gebrauchen werde.“

„Haben Sie Ihr gestriges Aktenstück fertiggestellt, Jakow Petrowitsch?“ fragte Anton Antonowitsch Sjetotschkin Herrn Goljadkin, als dieser sich neben ihn setzte. „Haben Sie es hier?“

„Jawohl,“ erwiderte Herr Goljadkin flüsternd und sah seinen Tischvorsteher mit etwas verwirrter Miene an.

„Nun gut! Ich erkundige mich deswegen danach, weil Andrei Filippowitsch schon zweimal danach gefragt hat. Seine Exzellenz kann das Aktenstück jeden Augenblick verlangen …“

„Es ist fertig.“

„Na, das ist schön!“

„Anton Antonowitsch, ich meine, ich habe meine Pflicht immer ordnungsmäßig erfüllt, und ich freue mich über die Aufträge, die mir von meinen Vorgesetzten erteilt werden und erledige sie mit aller Sorgfalt.“

„Jawohl. Nun, was wollen Sie denn damit sagen?“

„Nichts Besonderes, Anton Antonowitsch. Ich möchte nur bemerken, Anton Antonowitsch, daß ich … d. h. ich wollte sagen, daß Übelwollen und Neid täglich ihre widerwärtige Nahrung suchen und niemanden verschonen …“

„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, wen meinen Sie denn mit Ihren Andeutungen?“

„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen geraden Weg gehe und es verachte, Schleichwege zu benutzen, daß ich kein Intrigant bin, und daß ich, wenn anders es mir erlaubt ist, dies auszusprechen, mit gutem Grunde darauf stolz sein darf …“

„Jawohl. Alles ganz richtig, und ich stimme Ihrer Meinung aus voller Überzeugung bei; aber gestatten Sie auch mir, Ihnen zu bemerken, Jakow Petrowitsch, daß persönliche Anzüglichkeiten in guter Gesellschaft nicht erlaubt sind. Was man hinter meinem Rücken von mir sagt, das will ich gern ertragen; denn auf wen wird nicht hinter seinem Rücken geschimpft? Aber ins Gesicht (nehmen Sie es mir nicht übel!) lasse ich mir keine Grobheiten sagen, mein Herr. Ich bin im Staatsdienst grau geworden, mein Herr, und lasse mir auf meine alten Tage keine Grobheiten sagen …“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich … Sehen Sie doch, Anton Antonowitsch, Sie haben mich, wie es scheint, nicht ganz verstanden, Anton Antonowitsch. Aber ich bitte Sie, Anton Antonowitsch, ich kann es mir meinerseits nur zur Ehre anrechnen …“

„Nun bitte ich aber, auch mich zu entschuldigen. Ich habe meine Lebensart noch nach der alten Mode gelernt. Nach Ihrer neuen Mode umzulernen, damit ist es für mich zu spät. Für den Dienst des Vaterlandes hat mein Verstand bisher, wie es scheint, ausgereicht. Ich besitze, wie Sie selbst wissen, mein Herr, das Ehrenzeichen für fünfundzwanzigjährige vorwurfsfreie dienstliche Tätigkeit …“

„Ich empfinde das alles … ich empfinde das alles meinerseits vollkommen, Anton Antonowitsch. Aber davon redete ich nicht; ich sprach von der Maske, Anton Antonowitsch …“

„Von der Maske?“

„Das heißt, Sie scheinen wieder … ich fürchte, daß Sie auch hier wieder den Sinn unrichtig auffassen, das heißt den Sinn meiner Worte, wie Sie selbst sagen, Anton Antonowitsch. Ich behandle nur das Thema, das heißt, ich stelle den Gedanken hin, Anton Antonowitsch, daß die Menschen, die eine Maske tragen, heutzutage recht häufig geworden sind, und daß es jetzt schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen …“

„Na, wissen Sie, so schwer ist das nun gerade nicht. Manchmal ist es sogar ganz leicht, und manchmal braucht man gar nicht weit zu suchen.“

„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich sage … ich sage von mir selbst, daß ich z. B. eine Maske nur anlege, wenn es nötig ist, d. h. einzig und allein beim Karneval und in fröhlicher Gesellschaft, im eigentlichen Sinne gesprochen, daß ich aber nicht vor den Leuten alle Tage mit einer Maske umherlaufe, in einem andern, übertragenen Sinne gesagt. Das war’s, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“

„Na, wir wollen von dieser ganzen Sache vorläufig abbrechen, und ich für meine Person habe auch keine Zeit mehr,“ erwiderte Anton Antonowitsch, erhob sich von seinem Platze und suchte einige Aktenstücke zum Vortrage bei Seiner Exzellenz zusammen. „Ihre Angelegenheit wird, wie ich annehme, bald und rechtzeitig zur Klarheit gelangen. Dann werden Sie selbst sehen, gegen wen Sie Ihre Vorwürfe zu richten und wen Sie anzuklagen haben, und deshalb bitte ich Sie ganz ergebenst, mich mit weiteren privaten Erörterungen und Gesprächen, die der dienstlichen Tätigkeit Eintrag tun, zu verschonen …“

„Nein, Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljadkin, der ein wenig blaß geworden war, dem sich Entfernenden nach, „nein, Anton Antonowitsch, so etwas ist mir nicht in den Sinn gekommen!“ — „Was stellt das vor?“ fuhr unser Held, nachdem er allein geblieben war, im Selbstgespräche fort; „was weht hier auf einmal für ein Wind, und was bedeutet dieser neue Winkelzug?“ In demselben Augenblicke, als unser bestürzter, fassungsloser Held sich anschickte, eine Antwort auf diese neue Frage zu suchen, ließ sich von dem Nachbarzimmer her Geräusch hören, eine Art von geschäftlicher Bewegung wurde wahrnehmbar, die Tür öffnete sich, und Andrei Filippowitsch, der kurz vorher in dienstlicher Angelegenheit in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz gegangen war, erschien atemlos in der Tür und rief Herrn Goljadkin. Dieser, der wußte, um was es sich handelte, und Andrei Filippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang von seinem Platze auf, beeilte sich pflichtgemäß aufs äußerste, das verlangte Schriftstück endgültig zurechtzumachen und in Ordnung zu bringen, sowie auch sich selbst instand zu setzen, um sich mit dem Schriftstück und mit Andrei Filippowitsch in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz zu begeben. Auf einmal schlüpfte, beinahe unter Andrei Filippowitschs Armen hindurch, der währenddessen gerade in der Tür stand, Herr Goljadkin der jüngere ins Zimmer, geschäftig, atemlos, amtseifrig, mit wichtiger, streng dienstlicher Miene, und stürzte geradeswegs auf Herrn Goljadkin den älteren los, der auf nichts weniger als auf einen solchen Überfall gefaßt war …

„Die Papiere, Jakow Petrowitsch, die Papiere … Seine Exzellenz hat danach gefragt; haben Sie sie auch in Bereitschaft?“ schnatterte der Freund Herrn Goljadkins des älteren halblaut und hastig. „Andrei Filippowitsch wartet auf Sie …“

„Das weiß ich auch ohne Sie, daß er auf mich wartet,“ erwiderte Herr Goljadkin der ältere ebenfalls eilig und flüsternd.

„Nein, Jakow Petrowitsch, ich bin nicht so; ich bin durchaus nicht so, Jakow Petrowitsch; ich bin Ihnen zugetan, Jakow Petrowitsch, und von herzlicher Teilnahme erfüllt.“

„Mit dieser Teilnahme bitte ich Sie ergebenst mich zu verschonen. Erlauben Sie, erlauben Sie …“

„Sie müssen selbstverständlich einen Umschlag herummachen, Jakow Petrowitsch, und bei der dritten Seite ein Lesezeichen einlegen; erlauben Sie, Jakow Petrowitsch …“

„So erlauben Sie doch endlich …“

„Aber da ist ja ein Tintenfleck, Jakow Petrowitsch; haben Sie nicht den Tintenfleck bemerkt?“

Hier rief Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin zum zweiten Male.

„Sofort, Andrei Filippowitsch; ich möchte nur noch einen Augenblick … es ist hier … Mein Herr, verstehen Sie nicht Russisch?“

„Das beste wird sein, ihn mit dem Federmesser zu beseitigen, Jakow Petrowitsch; überlassen Sie es lieber mir; rühren Sie ihn lieber nicht selbst an, Jakow Petrowitsch, sondern überlassen Sie es mir! Ich will selbst mit dem Federmesser …“

Andrei Filippowitsch rief Herrn Goljadkin zum dritten Male.

„Aber ich bitte Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Soweit ich sehe, ist ja überhaupt keiner da!“

„Und sogar ein gewaltiger Tintenfleck! Da ist er! Da, erlauben Sie, hier habe ich ihn gesehen, da, erlauben Sie mir, Jakow Petrowitsch; ich will ihn hier mit dem Federmesser … ich tue es aus Teilnahme, Jakow Petrowitsch … ich will mit dem Federmesser in bester Absicht … sehen Sie so; es wird sofort erledigt sein …“

In einem ganz kurzen Kampfe, der zwischen ihnen entstand, überwältigte Herr Goljadkin der jüngere Herrn Goljadkin den älteren und bemächtigte sich dann plötzlich ganz unerwartet ohne weiteres und jedenfalls ganz gegen den Willen seines Gegners des von dem Vorgesetzten verlangten Schriftstückes; statt aber mit dem Federmesser „in bester Absicht“ daran zu radieren, wie er Herrn Goljadkin dem älteren lügnerischerweise versichert hatte, rollte er es schnell zusammen, schob es unter den Arm, befand sich in zwei Sprüngen neben Andrei Filippowitsch, der von seinen Kniffen nichts bemerkt hatte, und eilte mit diesem in das Arbeitszimmer des Direktors hinein. Herr Goljadkin der ältere blieb wie angenagelt an seinem Fleck stehen, in der Hand das Federmesser, wie wenn er sich anschickte, etwas damit zu radieren …

Unser Held verstand sein neues Erlebnis noch nicht ganz. Er war noch nicht zur Besinnung gekommen. Er fühlte den Schlag, überlegte aber noch, was dieser zu bedeuten habe. In furchtbarer, unbeschreiblicher Erregung riß er sich endlich von seinem Platze los und stürmte davon, geradeswegs in der Richtung nach dem Arbeitszimmer des Direktors, wobei er unterwegs den Himmel anflehte, daß alles dies sich doch noch gut gestalten und weiter nichts zu bedeuten haben möge … In dem letzten Zimmer vor dem Arbeitszimmer des Direktors rannte er Nase gegen Nase mit Andrei Filippowitsch und seinem Namensvetter zusammen. Diese kamen beide bereits zurück; Herr Goljadkin trat zur Seite. Andrei Filippowitsch redete lächelnd und heiter. Herrn Goljadkins des älteren Namensvetter lächelte ebenfalls, fuchsschwänzelte, trippelte in respektvoller Entfernung von Andrei Filippowitsch einher und flüsterte ihm mit entzückter Miene etwas ins Ohr, worauf Andrei Filippowitsch sehr wohlwollend mit dem Kopfe nickte. Nun verstand unser Held auf einmal die Lage der Dinge. Die Sache war die, daß seine Arbeit (wie er später erfuhr) die Erwartungen Seiner Exzellenz beinah übertroffen hatte und wirklich zum festgesetzten Termine rechtzeitig fertig geworden war. Seine Exzellenz war außerordentlich zufrieden gewesen. Es verlautete sogar, Seine Exzellenz habe Herrn Goljadkin dem jüngeren seinen Dank, seinen warmen Dank ausgesprochen und gesagt, er werde sich bei vorkommender Gelegenheit dessen erinnern und es nicht vergessen … Natürlich war Herrn Goljadkins erste Regung, Protest einzulegen, mit aller Macht Protest einzulegen, bis an die äußersten Grenzen der Möglichkeit. Fast ohne von sich selbst zu wissen und blaß wie der Tod stürzte er zu Andrei Filippowitsch hin. Aber als dieser hörte, daß es sich um eine Privatsache Herrn Goljadkins handle, weigerte er sich, sie anzuhören, indem er in entschiedenem Tone bemerkte, er habe sogar für seine eigenen notwendigen Angelegenheiten keine freie Minute.

Die Trockenheit des Tones und die Schärfe der Zurückweisung befremdeten Herrn Goljadkin. „Es wird das beste sein, wenn ich die Sache von einer anderen Seite versuche … ich will lieber zu Anton Antonowitsch gehen.“

Zu Herrn Goljadkins Unglück war auch Anton Antonowitsch nicht anwesend; auch er war irgendwo anders irgendwie beschäftigt! „Also hat er mich nicht ohne Absicht ersucht, ihn mit Erörterungen und Gesprächen zu verschonen!“ dachte unser Held. „Darauf hat er abgezielt, der alte Fuchs! Wenn’s so ist, dann muß ich einfach wagen, mich mit meiner Bitte an Seine Exzellenz zu wenden.“

Immer noch blaß und mit dem Gefühl, daß sein Kopf sich in arger Verwirrung befinde, und sehr unsicher, wozu er sich eigentlich entschließen solle, setzte sich Herr Goljadkin auf seinen Stuhl. „Es wäre weit besser, wenn die ganze Sache eine harmlose Aufklärung fände,“ dachte er unaufhörlich für sich. „In der Tat, eine derartige dunkle Geschichte ist ganz unglaublich. Erstens ist es dummes Zeug, und zweitens kann es sich gar nicht begeben. Es ist wahrscheinlich nur so eine Einbildung von mir gewesen; oder die Sache hat ganz anders ausgesehen, als sie sich tatsächlich verhielt; oder ich bin gewiß selbst hingegangen … und habe mich da irgendwie für einen ganz anderen gehalten … Kurz, es ist eine ganz wunderliche Geschichte.“

Gerade in dem Augenblicke, als Herr Goljadkin zu dem Schlusse gelangt war, daß dies eine ganz wunderliche Geschichte sei, kam plötzlich Herr Goljadkin der jüngere ins Zimmer geflogen, mit Akten in beiden Händen und unter dem Arme. Nachdem er im Vorbeigehen ein paar notwendige Worte zu Andrei Filippowitsch gesprochen, mit noch jemandem ein bißchen geredet, einem andern ein paar Liebenswürdigkeiten gesagt und zu noch einem andern einige familiäre Bemerkungen gemacht hatte, schickte Herr Goljadkin der jüngere, der vermutlich keine überflüssige Zeit zu verschwenden hatte, sich anscheinend schon an, das Zimmer zu verlassen; aber zum Glücke für Herrn Goljadkin den älteren blieb er gerade in der Tür stehen und redete im Vorbeigehen mit zwei oder drei zufällig dort stehenden jungen Beamten. Herr Goljadkin der ältere stürzte geradeswegs auf ihn los. Kaum hatte Herr Goljadkin der jüngere dieses Manöver des älteren Herrn Goljadkin bemerkt, als er sofort in größter Unruhe um sich zu schauen begann, wohin er wohl möglichst schnell verschwinden könne. Aber unser Held hatte seinen Gast vom vorhergehenden Tage schon beim Ärmel gefaßt. Die Beamten, die um die beiden Titularräte herumstanden, traten auseinander und warteten neugierig, was nun kommen werde. Der alte Titularrat wußte sehr genau, daß die allgemeine Meinung nicht auf seiner Seite war; er wußte sehr genau, daß gegen ihn intrigiert wurde; um so mehr mußte er jetzt seinen Platz behaupten. Der entscheidende Augenblick war da.

„Nun?“ sagte Herr Goljadkin der jüngere, indem er Herrn Goljadkin den älteren ziemlich dreist ansah.

Herr Goljadkin der ältere konnte kaum atmen.

„Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich mir jetzt Ihr sonderbares Benehmen gegen mich erklären soll.“

„Schön! Fahren Sie fort!“ Dabei blickte Herr Goljadkin der jüngere rings um sich und blinzelte den Beamten, die um sie herumstanden, zu, wie wenn er ihnen zu verstehen geben wollte, daß jetzt gleich eine Komödie beginnen werde.

„Die Dreistigkeit und Unverschämtheit Ihres Benehmens gegen mich im jetzigen Augenblick dienen noch mehr zu Ihrer Überführung, mein Herr, als alle meine Worte. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen; Ihr Spiel steht schlecht …“

„Nun, Jakow Petrowitsch, dann sagen Sie mir doch einmal: wie haben Sie geschlafen?“ antwortete Herr Goljadkin der jüngere und blickte Herrn Goljadkin dem älteren dabei gerade in die Augen.

„Sie vergessen sich, mein Herr,“ sagte der Titularrat ganz verwirrt; er fühlte kaum noch den Boden unter seinen Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden …“

„Mein liebes Seelchen!“ versetzte Herr Goljadkin der jüngere, indem er Herrn Goljadkin dem älteren eine ungezogene Grimasse schnitt und ihm auf einmal ganz unerwartet in Form einer Liebkosung mit zwei Fingern an die ziemlich fleischige rechte Backe griff. Unser Held fuhr auf wie eine Feuerflamme … Kaum bemerkte der Freund des älteren Herrn Goljadkin, daß sein Gegner, an allen Gliedern zitternd, sprachlos vor Entrüstung, rot wie ein Krebs und bis zum äußersten gebracht, nahe daran war, sich zu einem physischen Angriff zu entschließen, als er ihm unverzüglich in der unverschämtesten Weise seinerseits zuvorkam. Nachdem er ihm noch ein paarmal auf die Backe geklopft, ihn noch ein paarmal gekitzelt und so den vor Wut Tollen und Regungslosen noch einige Sekunden lang zu nicht geringer Belustigung der umherstehenden jungen Leute geneckt hatte, versetzte Herr Goljadkin der jüngere mit empörender Unverschämtheit zu guter Letzt Herrn Goljadkin dem älteren einige Stüber auf das dralle Bäuchlein und sagte boshaft lächelnd und mit einer versteckten Anspielung zu ihm: „Was machst du für Streiche, Brüderchen Jakow Petrowitsch, was machst du für Streiche! Du hast mir ja vorgeschlagen, wir beide wollten zusammen intrigieren, Jakow Petrowitsch!“ Dann, ehe unser Held noch von dem letzten Angriffe ein wenig hatte zu sich kommen können, nahm Herr Goljadkin der jüngere auf einmal, nachdem er die umherstehenden Zuschauer durch ein leises Lächeln darauf vorbereitet hatte, eine sehr geschäftige, eifrige Dienstmiene an, schlug die Augen zur Erde nieder, krümmte sich zusammen, sagte eilig: „In besonderem Auftrage!“, schlug mit seinem kurzen Beinchen aus und huschte in das anstoßende Zimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte immer noch nicht recht zur Besinnung kommen.

Endlich gelang es ihm, seine Gedanken wieder zu sammeln. Nachdem es ihm in einem Augenblicke zum Bewußtsein gekommen war, daß er zugrunde gerichtet und in gewissem Sinne vernichtet sei, daß er seine Ehre befleckt und seinen Ruf besudelt habe, daß er in Gegenwart fremder Personen verhöhnt und verspottet sei, daß ihn verräterischerweise derjenige beschimpft habe, den er noch gestern für seinen besten, zuverlässigsten Freund gehalten hatte, und daß er sich schließlich bodenlos blamiert habe: da stürzte Herr Goljadkin davon, um seinen Feind zu verfolgen. An die Zeugen seiner Beschimpfung mochte er im gegenwärtigen Augenblicke gar nicht denken. „Die stecken alle unter einer Decke,“ sagte er bei sich; „einer hilft dem andern, und einer hetzt den andern gegen mich auf.“ Als er indessen zehn Schritte gemacht hatte, sah unser Held ein, daß die ganze Verfolgung unnütz und vergeblich sein werde, und kehrte daher wieder um. „Du wirst mir nicht entgehen!“ dachte er; „du wirst seinerzeit schon deine Strafe erhalten; die Tränen der Schafe werden dem Wolfe teuer zu stehen kommen.“ Mit grimmiger Kaltblütigkeit und der energischsten Entschlossenheit ging Herr Goljadkin zu seinem Stuhle und setzte sich hin. „Du wirst mir nicht entgehen!“ sagte er noch einmal. Jetzt handelte es sich für ihn nicht mehr um passive Verteidigung; nein, er war zu kräftiger Offensive entschlossen, und wer Herrn Goljadkin in diesem Augenblicke sah, wie er, mit rotem Kopfe und kaum seine Aufregung bemeisternd, mit der Feder in das Tintenfaß fuhr, und mit welcher Wut er sich daran machte, die Worte auf das Papier zu werfen, der konnte schon im voraus erkennen, daß die Sache keinen harmlosen Ausgang nehmen werde und nicht wie ein einfaches Weibergezänk enden könne. In der Tiefe seiner Seele faßte er einen Entschluß, und in der Tiefe seines Herzens schwur er sich, ihn auszuführen. Allerdings wußte er noch nicht ganz genau, wie er dabei verfahren solle, d. h. richtiger gesagt, er wußte es überhaupt nicht; aber das war gleichgültig, das machte nichts aus! „Annahme eines falschen Namens und unverschämtes Benehmen, mein Herr, verhelfen in unserem Zeitalter nicht zum Erfolge. Annahme eines falschen Namens und unverschämtes Benehmen, mein Herr, führen zu nichts Gutem, sondern bringen zu Schaden. Grischka Otrepjew[5] war der einzige, der durch Annahme eines falschen Namens etwas erreichte, indem er das blinde Volk täuschte, mein Herr, und auch das dauerte nicht lange.“ Trotz dieses letzteren Umstandes beschloß Herr Goljadkin noch so lange zu warten, bis die Maske von einigen Gesichtern abfallen und dies und das zur Klarheit gelangen werde. Dazu war zunächst nötig, daß die Bureaustunden möglichst bald zu Ende gingen, und bis dahin beschloß unser Held nichts zu unternehmen. Dann aber, wenn die Bureaustunden zu Ende wären, dann, sagte er sich, werde er seine Maßregeln ergreifen. Dann werde er wissen, wie er bei der Durchführung dieser Maßregeln zu verfahren habe, wie er seinen ganzen Operationsplan entwerfen müsse, um das Horn des Stolzes zu zerbrechen und die Schlange zu zertreten, die sich von Moder nährt und den Kraftlosen verachtet. Daß man ihn beschmutzte wie einen Lappen, an dem man sich die unsauberen Stiefel abwischt, das konnte Herr Goljadkin nicht dulden. Dazu konnte er seine Einwilligung nicht geben, und besonders nicht in dem jetzt vorliegenden Falle. Hätte die letzte Beschimpfung nicht stattgefunden, so hätte unser Held sich vielleicht dazu entschlossen, seinem Herzen Zwang anzutun, er hätte sich vielleicht dazu entschlossen, zu schweigen, sich zu fügen und nicht allzu hartnäckig zu protestieren; er hätte dann wohl ein bißchen gestritten, sich ein bißchen beklagt, hätte bewiesen, daß er im Rechte sei; dann hätte er ein bißchen nachgegeben; dann hätte er vielleicht noch ein bißchen nachgegeben; dann hätte er ganz zugestimmt; dann, namentlich wenn die Gegenpartei feierlich erklärt hätte, daß er im Rechte sei, hätte er sich vielleicht sogar versöhnt, wäre ein bißchen gerührt geworden; es wäre vielleicht sogar (wer hätte es wissen können?) eine neue Freundschaft erwachsen, eine feste, warme Freundschaft, noch herzlicher als die gestrige Freundschaft, so daß durch diese Freundschaft schließlich die Unannehmlichkeit einer recht unziemlichen Ähnlichkeit der beiden Personen ganz übertönt worden wäre und die beiden Titularräte höchst vergnügt gewesen wären und bis zum Alter von hundert Jahren zusammen hätten leben können usw. Sprechen wir schließlich alles aus: Herr Goljadkin begann sogar, es ein bißchen zu bereuen, daß er für sich und sein Recht eingetreten war und sich dadurch sofort eine Unannehmlichkeit zugezogen hatte. „Wenn er klein beigäbe,“ dachte Herr Goljadkin, „wenn er sagte, daß er nur gescherzt habe, dann würde ich ihm verzeihen und um so eher, wenn er das laut eingestände. Aber ich lasse mich nicht wie einen alten Lappen beschmutzen. Ganz anderen Leuten habe ich nicht gestattet, mich zu beschmutzen; um so weniger werde ich erlauben, daß ein so heruntergekommener Mensch das versucht. Ich bin kein alter Lappen, mein Herr! ich bin kein alter Lappen!“ Kurz, unser Held hatte seinen Entschluß gefaßt. „Sie selbst, mein Herr, tragen die Schuld!“ Er hatte sich dazu entschlossen, Protest einzulegen, mit aller Macht Protest einzulegen, bis an die äußersten Grenzen der Möglichkeit. Das lag nun einmal in seinem Charakter! Daß man ihn beleidige, das konnte er unter keinen Umständen dulden, und noch weniger konnte er erlauben, daß man ihn wie einen alten Lappen beschmutze, und am wenigsten konnte er das einem ganz heruntergekommenen Menschen erlauben. Wir wollen übrigens nicht streiten, wir wollen nicht streiten. Wenn z. B. jemand Lust gehabt, ein starkes Verlangen verspürt hätte, Herrn Goljadkin in einen alten Lappen zu verwandeln, so wäre ihm das vielleicht gelungen, und er hätte ihn, ohne Widerstand zu finden, ungestraft in einen solchen verwandelt (Herr Goljadkin fühlte das manchmal selbst), und es wäre ein alter Lappen als Herrn Goljadkins Nachfolger herausgekommen, ein gemeiner, schmutziger, alter Lappen; aber das wäre kein gewöhnlicher alter Lappen gewesen, sondern ein alter Lappen mit Ehrgefühl, ein alter Lappen mit Begeisterung und Empfindsamkeit, wenn auch mit stummem Ehrgefühl und mit stummer Empfindsamkeit; und wenn auch diese Empfindsamkeit tief in den schmutzigen Falten dieses alten Lappens verborgen gewesen wäre, vorhanden wäre sie doch gewesen.

Die Stunden dauerten unglaublich lange; endlich schlug es vier. Gleich darauf standen alle auf und begaben sich, dem Vorgange ihres Vorgesetzten folgend, zu sich nach Hause. Herr Goljadkin mischte sich unter den Schwarm; seine Augen waren wachsam und ließen denjenigen, auf den er es abgesehen hatte, nicht aus der Acht. Endlich sah unser Held, daß sein Freund zu den Kanzleidienern hinlief, die die Mäntel austeilten, und nach seiner häßlichen Gewohnheit in Erwartung des seinigen um sie herumschwänzelte. Dies war der entscheidende Augenblick. Herr Goljadkin drängte sich, so gut es ging, durch den Schwarm hindurch und bemühte sich, um nicht zurückzubleiben, ebenfalls um seinen Mantel. Aber dem Freunde des Herrn Goljadkin wurde der seinige zuerst gereicht, weil er es auch hier fertig brachte in seiner Weise sich einzuschmeicheln, den Liebenswürdigen zu spielen, verbindlich zu flüstern und sich unwürdig zu benehmen.

Nachdem Herr Goljadkin der jüngere seinen Mantel umgeworfen hatte, sah er Herrn Goljadkin den älteren ironisch an, mit der unverhohlenen, dreisten Absicht, ihn zu ärgern; dann blickte er mit der ihm eigenen Frechheit rings um sich, trippelte zu guter Letzt noch einmal bei den andern Beamten umher, wahrscheinlich um einen vorteilhaften Eindruck zu hinterlassen, sagte dem einen ein freundliches Wort, flüsterte einem andern etwas zu, widmete einem dritten eine Respektsbezeigung, spendierte einem vierten ein Lächeln, gab einem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe hinunter. Herr Goljadkin der ältere eilte hinter ihm her, holte ihn zu seiner größten Freude noch auf der letzten Stufe ein und faßte ihn am Mantelkragen. Herr Goljadkin der jüngere schien ein wenig zu erschrecken und blickte betroffen rings um sich.

„Wie soll ich das auffassen?“ flüsterte er endlich Herrn Goljadkin mit schwacher Stimme zu.

„Mein Herr, wenn Sie überhaupt ein anständiger Mensch sind, so hoffe ich, Sie werden sich an unsere gestrigen freundschaftlichen Beziehungen erinnern,“ sagte unser Held.

„Ah, ja! Nun also: haben Sie gut geschlafen?“

Die Wut benahm Herrn Goljadkin dem älteren für einen Augenblick die Sprache.

„Ich habe allerdings gut geschlafen … Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, mein Herr, daß Ihr Spiel gründlich verdorben ist …“

„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde,“ antwortete kurz derjenige, der sich Herr Goljadkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljadkin. Nachdem er sich befreit hatte, eilte er hinaus, blickte um sich, sah eine Droschke, lief zu ihr hin, setzte sich hinein und war im nächsten Augenblicke den Augen Herrn Goljadkins des älteren entschwunden. Verzweifelt und von allen verlassen schaute der Titularrat sich nach allen Seiten um; aber es war keine andere Droschke da. Er machte den Versuch zu laufen; aber die Beine versagten ihm den Dienst. Mit niedergeschlagener Miene und offenem Munde, sich kraftlos zusammenkrümmend, lehnte er sich wie vernichtet an einen Laternenpfahl und blieb so einige Minuten lang auf dem Trottoir stehen. Man konnte glauben, daß es mit Herrn Goljadkin völlig aus sei.


[5] Der falsche Demetrius. Anmerkung des Übersetzers.