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Der Dreispitz

Chapter 19: 16. Ein Unglücksvogel.
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About This Book

A comic novella recounts the attempted seduction of a miller’s wife by a vain local magistrate and the ensuing tricks, misunderstandings and public humiliation that restore domestic order. Interwoven episodes portray village customs, festivals, military episodes and sly folk humor, while the narrative shifts between ribald farce and sober reflection. Humble villagers and petty officials trade cunning stratagems that expose vanity and social pretension. The text balances vivid rural detail, songs and local color with a satirical view of authority and a moral emphasis on fidelity, shrewdness and the comic restitution of social equilibrium.

»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an sich zu wiegen, und da ist er gefallen.«

»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig Wasser und Essig?«

»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er konnte, aufstand.

Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen konnte, hinzu:

»Das sollt Ihr mir bezahlen.«

»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen zerbrochen.«

»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.«

»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur Müllerin wendete.

Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß die Seña Frasquita ganz traurig wurde.

Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte.

Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu brüten.

»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus.

Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei mancher Schlag die Ohren traf:

»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.« Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend, brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!« stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch scheltend.

»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die Navarresin arglistig schmeichelnd.

Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen — all sein Zorn schmolz sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir ab, mein Schatz!«

In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden.


12.

Zehnten und Erstlinge.

Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte, zu diesem:

»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.«

Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen, ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht zitterte, zu ihm sagte:

»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die wir in diesem Jahre pflücken...«

Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z. B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.

Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der Prälaten von damals:

»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen, lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die Erstlinge essen.«

»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.

»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn. »Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!«

»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita und darauf die übrigen Anwesenden.

»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.«

Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen, lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf.

»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,« bemerkte der Akademiker.

»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.«

Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:

»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«

»Tu dixisti« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »Excusatio non petita, accusatio manifesta — Qualis vir, talis oratio. — Aber satis jam dictum, nullus ultra sit sermo. Oder, was dasselbe ist: Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß sie mir nicht gut bekommen.«

Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen.

Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden:

»Sr. Hochwürden fasten...«

Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen hatte.

Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war, obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, nota bene wie die Väter die Zeiten der Großväter beneidet hatten — da rief der Papagei fünf Uhr... und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil, und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten.


13.

Da sagte die Krähe zum Raben.

Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in die Stadt zurückgekehrt.

Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht nicht weiter stören wollen.

Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere, begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr. Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet, oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts, noch im göttlichen Gehirn.

Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner Verwandten begab.

Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte, welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten.

»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken, wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?«

»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte Reitersleute sehen?«

»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«

»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«

»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden Gardinenpredigt deutlich heraushörte.

»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.«

»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts Unschuldigeres geben, als...«

»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«

»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar.

»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«

»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.«

»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.

»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung.

»Und wenn nicht,« sagte der Prediger de officio, »so fragt nur den Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«

»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus.

»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.«

»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.

Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.

»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite.

»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen, Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.«

»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.«

»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und er schlug mit dem Klopfer an die Thür.

Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand — er war breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen — ging er langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an seinen Chorbruder dachte:

»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,« fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!«


14.

Garduñas Ratschläge.

Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem Amte gar nicht schickte.

»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell wie dieses Licht sehen...«

Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales erhellte.

»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don Eugenio seufzend.

»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«

»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.«

»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht, während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner Häßlichkeit krepiert ist.«

Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.

»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres Neffen erreichen kann.«

»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige Hoffnung.«

»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu werden.«

»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!« schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem Untergebenen sprach.

»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña.

»Antworte mir nicht!«

Garduña verbeugte sich.

»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun, weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«

Garduña schwieg.

Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du nicht auch, daß ich recht thue?«

»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«

»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt gehört... Bist du ganz sicher?«

»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer! Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«

»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn du mich in eine Sackgasse bringst!«

»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser, ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!«

»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du störst mich,« brüllte der Corregidor. »Aber um auf unser früheres Gespräch zurückzukommen,« fügte er, den Ton ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt einviertel auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die Señora benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und zum Schlafen nicht erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis zum Zapfenstreich zu arbeiten habe und nachher eine geheime Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. Mit einem Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne irgend welchen Verdacht hinlegt. Unterwegs sage dem andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot herbringe. Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken zu lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige von den Klößen schickt, die es heute gegeben hat, und sage dem Alguacil, daß er mir aus dem Wirtshause ein halbes Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es niemand sieht. — Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz gut um halb neun Uhr sein kannst.«

»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus.

»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der sich wieder erinnerte, wer er war.

Garduña salutierte.

»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, wieder das Wort, »daß du um acht Uhr im Orte sein kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es ungefähr... ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...«

»Eine kleine...«

»Unterbrich mich nicht.«

Der Alguacil salutierte von neuem.

»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. »Folglich um Zehn. Glaubst du, daß um zehn...«

»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die Thür der Mühle klopfen.«

»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich wirst du dort sein...«

»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier wird im Graben sein. Ach, bald hätte ich vergessen! Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne Laterne.«

»Die Ratschläge haben mir auch gerade gefehlt! Glaubst du denn, daß ich zum erstenmale einen solchen Feldzug unternehme?«

»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen Ew. Gnaden nicht an die große Thür, die auf den Platz unter der Weinlaube führt, sondern an die kleine über dem Mühlgerinne.«

»Über dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre mal, das war' mir nicht eingefallen.«

»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne führt direkt in das Schlafzimmer der Müllersleute, und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie. So daß, sollte er unerwartet zurückkommen...«

»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir die Ohren nicht länger mit deinem Geschwätz.«

»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß Sie vor dem Morgengrauen unsichtbar werden. Jetzt wird es um sechs Uhr Tag.«

»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr bin ich wieder in meinem Hause... Aber wir haben genug gesprochen. Hebe dich weg von meinem Angesicht!«

»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, indem er zugleich dem Corregidor die Hand entgegenstreckte und andächtig die Augen zur Decke erhob.

Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert verschwand.

»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. »Hab ich doch vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel Karten mitbringen sollten! Damit hätte ich mich bis halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die Patience aufging.«


15.

Abschied in Prosa.

Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende sein, als Tio Lucas und die Seña Frasquita, nachdem sie alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt hatten, ihr Abendbrot verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat, einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen von den in dem bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben bestand und mit ein wenig Wein und vielem Gelächter auf Kosten des Corregidors begossen wurde; darauf sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott und sich selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, das die ganze Ruhe und den Frieden ihrer Herzen enthüllte:

»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist ein anderer Tag.«

In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen die große Mühlenthür.

Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an.

Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die Thür klopfen.

»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin und wendete sich nach der Thür.

»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas mit einer solchen Würde aus, daß Seña Frasquita ihm den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt, daß du nicht hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. Diese gehorchte und blieb im Hause.

»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der Hausflur aus.

»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der andern Seite des Portals.

»Was für eine Obrigkeit?«

»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.«

Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten Guckloch in der Thür genähert und erkannte beim klaren Schein des Mondes den ländlichen Alguacil des benachbarten Ortes.

»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil öffnen soll,« antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend.

»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; »da ich aber einen geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren bringe... Ich wünsche Euch einen guten Abend, Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger offiziellen Stimme hinzu und trat ein.

»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. »Laß einmal sehen, was für ein Befehl das ist. Señor Juan Lopez hätte auch eine andere passendere Stunde wählen können, um sich an Biedermänner zu wenden. Natürlich wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du noch einen Schluck?«

»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir sofort folgen. Lesen Sie den Befehl.«

»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem er das Papier an sich genommen, in die Mühle zurück.

»Du, Frasquita, leuchte mir.«

Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand hielt, fort und brachte die Lampe.

Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von seiner Frau losgelassenen Gegenstand und erkannte seine alte Donnerbüchse, die mit halbpfündigen Kugeln geladen wurde.

Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit und Zärtlichkeit an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er:

»Du bist Gold wert.«

Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña Frasquita die Lampe in die Höhe, ohne daß die Finger, welche sie hielten, auch nur vom leisesten Zittern bewegt wurden, und antwortete trocken:

»Laß nur, lies!«

Der Befehl lautete folgendermaßen:

»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (Q. D. G.[6]) besser zu dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller und hiesigen Bürger, daß er sofort nach Empfang dieses Schreibens vor mir erscheine, ohne irgend welchen Vorwand oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich warne, es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« Der Alkalde (Bürgermeister) Juan Lopez.

Und statt des Federzuges war ein Kreuz.

»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den Alguacil. »Wozu ist dieser Befehl?«

»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann von einigen dreißig Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, das Gesicht eines Räubers und Mörders, gerade kein Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich glaube, es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger vernommen werden. Na, ich weiß nicht recht, ich hab's nicht recht verstanden. Der Señor Juan Lopez wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und dran hängt.«

»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde morgen kommen.«

»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, ohne auch nur eine Minute zu verlieren. So lautet der Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben hat.«

Einen Augenblick lang herrschte Stille.

Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. Tio Lucas erhob die seinigen nicht vom Fußboden, wie wenn er dort etwas suchte.

»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« sprach er endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem Stall zu gehen und einen Esel zu satteln.«

»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. »Eine halbe Meile kann doch wohl jeder zu Fuß gehen. Außerdem ist die Nacht sehr schön und der Mond scheint. Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.«

»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.«

»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich werde das Tier satteln helfen.«

»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?«

»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo mit der Kälte eines seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die Obrigkeit.«

Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und ließ die unter seinem Mantel verborgene Büchse sehen.

»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch in den Stall gehst, um dein Amt auszuüben, so sei so gut und sattle auch den anderen Esel.«

»Wozu?« fragte der Müller.

»Für mich, ich gehe mit euch.«

»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete der Alguacil. »Ich habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, aber nichts weiter, und zu verhindern, daß Ihr ihm folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen Kopf. So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, Tio Lucas.« Und er wendete sich der Thür zu.

»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne sich zu regen.

»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita.

»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« fuhr Tio Lucas fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht gehört werden konnte.

»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, »und dem Herrn Corregidor Nachricht geben von dem, was hier geschieht?«

»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, »das nicht.«

»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin ungestüm.

»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat.

Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren von der Ruhe der Entschlossenheit und Energie, welche sich ihre Seelen gegenseitig mitteilten, so befriedigt, daß sie die Achseln zuckten und lachten.

Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an und wendete sich nach dem Stalle, indem er unterwegs spöttisch zu Toñuelo sagte:

»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig sein willst.«

Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte.

Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle auf einer schönen Eselin, vom Alguacil gefolgt.

»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas.

»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, schloß mit dem Schlüssel zu und schob den Riegel und die eiserne Stange vor. Und da war kein Lebewohl weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu auch?


16.

Ein Unglücksvogel.

Wir wollen dem Tio Lucas folgen.

Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile gegangen, der Müller auf seinem Esel, den der Alguacil mit seinem Stock der Autorität antrieb, als sie plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den Schatten eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf sie zukam.

Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde beleuchteten Himmel ab und war so klar zu erkennen, daß der Müller sofort ausrief:

»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und seinen Drahtbeinen.«

Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, hatte der Schatten, der jedes Zusammentreffen zu vermeiden schien, den Weg schon verlassen und war mit der Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das Feld gelaufen.

»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten Natürlichkeit.

»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger hinunterschluckend.

Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen war, fing an, in dem eifersüchtigen Geiste des Buckligen Gestalt und Form anzunehmen.

»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist des Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte Erklärung beweist mir, daß der erbärmliche alte, Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne Zweifel will er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, und darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle zu entfernen... Aber, was thut das? Frasquita ist Frasquita... und wird die Thür nicht aufmachen, und wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter. Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor gelänge, durch irgend welche Hinterlist meine Navarresin zu überraschen, so würde der arme Mann nicht mit heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist Frasquita. Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser wäre es doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.«

Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im Dorfe angekommen und wendeten sich dem Hause des Alkalden zu.


17.

Ein Dorfschulze.

Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann wie auch als Schulze die personifizierte Grausamkeit und der eitle Stolz war, wenn es sich nämlich um seine Untergebenen handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde, nachdem er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht Prügel verabreicht hatte, in Gesellschaft des Schreibers und des Küsters einen Krug Wein zu trinken, eine Operation, die bereits über die Hälfte jenes Abends in Anspruch genommen hatte, als der Müller vor ihm erschien.

»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich den Kopf, um die Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie geht's mit Eurer Gesundheit? Sekretär, schenkt dem Tio Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña Frasquita? Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit so langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer Mehl jetzt gut!... Das Roggenbrot sieht aus wie vom feinsten Weizen. Also... na... Setzt Euch und ruht aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.«

»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« antwortete Tio Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund aufgemacht hatte, dessen Argwohn aber immer größer wurde, als er den ihm zu Teil gewordenen freundschaftlichen Empfang nach einer so drohenden und dringenden Ordre sah.

»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn Ihr auch keine große Eile habt, dann könnt Ihr ja heute Nacht hier schlafen, und morgen früh machen wir dann unser Geschäft ab.«

»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit einer Ironie und einer Verstellung, die der Diplomatie des Herrn Juan Lopez um nichts nachgaben. »Da die Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb des Hauses zubringen.«

»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch dabei,« fügte der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den er zu täuschen glaubte. »Seid ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, nimm die halbe Fanega herunter, damit sich der Tio Lucas setzen kann.«

»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief der Müller aus, indem er sich setzte.

»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm das volle Glas.

»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.«

»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr Juan Lopez und trank die Hälfte des Weines aus.

»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas und trank die andere Hälfte.

»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage deiner Herrin, daß der Tio Lucas hier schlafen wird. Sie soll ihm ein Kopfkissen auf den Kornboden legen.«

»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich schlafe im Strohstall wie ein König.«

»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.«

»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn die Familie erst noch belästigen. Ich habe meinen Mantel.«

»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, daß sie es nicht hinlege.«

»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, indem er auf fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich gleich nachher niederlege. Gestern Abend habe ich sehr viel zu mahlen gehabt, und ich habe noch kein Auge seitdem geschlossen.«

»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. »Ihr könnt Euch niederlegen, wann Ihr wollt.«

»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« sagte der Küster und zog den Weinkrug an sich, um den Rest zu trinken. »Es muß wohl schon zehn Uhr sein, oder wenig wird daran fehlen.«

»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem er den Rest des noch für jene Nacht bestimmten Weins in die Gläser verteilt hatte.

»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion aus, indem er seinen Teil trank.

»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu und trank den seinen.

»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, führe Tio Lucas nach dem Strohstall.«

»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den Krug mit für den Fall, daß noch einige Tropfen darin geblieben wären.

»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, nachdem er noch alle Gläser untersucht.

Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das De profundis...............

»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein geblieben waren, »der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir können uns also ruhig hinlegen, und wohl bekomm's dem Herrn Corregidor!«


18.

Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.

Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem Strohstallfenster des Alkalden herab; das Fenster ging auf den Hof und war kaum vier Ellen vom Erdboden entfernt.

Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an der sechs oder acht Reittiere verschiedener Rasse, aber alle dem schwachen Geschlecht angehörig, angebunden waren; die Pferde, Maultiere und Esel vom starken Geschlecht hatten ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal.

Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los und ging, diese am Zügel nach sich ziehend, nach der Thür des Hofes, schob die Vorlegestange zurück, schloß das sie haltende Schloß auf, öffnete vorsichtig die Thür und war mitten auf dem Felde.

Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die Fersen in die Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der Richtung der Stadt dahin, aber nicht auf der offenen Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie wenn er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten wollte. Es war der Tio Lucas, der sich nach seiner Mühle begab.


19.

Stimmen in der Wüste.

»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der Murcianer, »ich bin aus Archena. Morgen früh gehe ich zum Herrn Bischof, um allem zuvorzukommen, und werde ihm alles erzählen, was heute Nacht hier vorgekommen ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, daß ich allein gehen soll, mir vom Dienst des Königs und von Falschmünzerei, von Hexen und Kobolden zu sprechen, um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und mich zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña hat diese Instruktionen von seiten des Corregidors nach dem Dorfe bringen müssen, und zu dieser Stunde hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine Frau eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die Thür der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn schon darin... Wer weiß... Aber, was sage ich denn da! Ich an meiner Navarresin zweifeln? O, das hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie... Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! — Aber was rede ich denn so dumm. Ist denn irgend etwas unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch mit mir verheiratet, obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!«

Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der arme Bucklige an, bitterlich zu weinen...

Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein Tier an, trocknete seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine Gerätschaften zum Rauchen hervor und machte sich eine Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann nahm er Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen gelang es ihm, Feuer zu erhalten.

In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von Schritten in der Gegend der Landstraße, die ungefähr einige dreihundert Ellen davon entfernt war.

»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man mich suchte, so würden mich diese Funken verraten haben.«

Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte sich hinter der Eselin. Aber die Eselin verstand die Sache nach ihrer Art und Weise und stieß ein lautes Geschrei der Befriedigung aus.

»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte ihr das Maul mit beiden Händen zuzuhalten.

Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von der Landstraße her.

»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken fort. »Das Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: El mayor mal de los males es tratar con animales.« (Das größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu thun hat.[7])

Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb ihn an und ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der Richtung fort, welche dem Orte, an dem das zweite Eselgeschrei laut geworden war, gerade entgegengesetzt war.

Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem antwortenden Tiere sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu fürchten schien, wie Tio Lucas vor ihr, denn auch sie bog vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die Saatfelder auf der anderen Seite desselben.

Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, grübelte er folgendermaßen weiter:

»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was für ein Leben führe ich seit einer Stunde! Alguacils werden zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören sich gegen meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und hier in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt hat, an der edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu zweifeln. Gott im Himmel, Gott im Himmel! gieb nur, daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita antreffe!«

So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis er endlich etwa gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten an der großen Thür der Mühle anlangte. Verdammt! die Thür der Mühle stand offen.


20.

Zweifel und Wirklichkeit.

Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine Frau dieselbe mit Schlüssel, Vorlegstange und Schloß schließen hören!

Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können!

Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? infolge einer Ordre? Oder wohlüberlegt und freiwillig, kraft einer vorhergegangenen Übereinstimmung mit dem Corregidor?

Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was erwartete ihn im Innern seines Hauses? War er mit der Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm dieselbe geraubt? Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie in den Armen seines Rivalen finden?

»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute die ganze Nacht hindurch nicht nach Hause kommen würde,« sagte Tio Lucas düster. »Der Alkalde des Ortes wird wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln zu schlagen, als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita all das? War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war sie das Opfer eines Betruges, einer Vergewaltigung, einer Nichtswürdigkeit?«

Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese grausamen Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig war, um den Platz unter der Weinlaube zu durcheilen.

Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, wie in allen ländlichen Gebäuden, war die Küche. In der Küche war niemand. Und doch brannte ein riesiges Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende Dezember geheizt wurde.

Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter eine brennende Lampe.

Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren Anstalten der Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem Todesschweigen, das im Hause herrschte?

Was war aus seiner Frau geworden?

Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas einige Kleidungsstücke gewahr, die auf den Lehnen einiger um den Kamin gestellten Stühle ausgebreitet lagen.

Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches Gebrüll aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, erstickten Seufzer verwandelt, in der Kehle stecken blieb.

Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit den Händen nach dem Halse, während er bleich, mit verzerrten Zügen, mit hervorgequollenen Augen und mit einem Entsetzen jene Kleider betrachtete, wie es der zum Tode verurteilte Verbrecher beim Anblicke des Armensünderhemdes empfinden muß.

Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, der turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das schwarzseidene Beinkleid, die weißen Strümpfe, die schwarzen Schnallenschuhe, und sogar der Stock, der Degen und die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors. Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner Schande, das Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch seines Glückes. Die schreckliche Donnerbüchse lehnte in demselben Winkel, in welchem sie die Navarresin vor Stunden gelassen hatte.

Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf sie zu und bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das Rohr mit dem Ladestock und fand, daß sie geladen war. Dann sah er nach dem Stein, und siehe da! er war an seinem Platze.

Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem Zimmer führte, wo er so viele Jahre mit der Seña Frasquita geschlafen, und murmelte dumpf:

»Da sind sie.«

Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt er inne und blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte.

»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und der hat dies gewollt!«

Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen Schritt. Da bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes Blatt auf dem Tische.

Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern halten, war das Werk eines Augenblicks!

Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der Seña Frasquita, von Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon unterzeichnet.

»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio Lucas, und steckte das Papier in den Mund, um sein Schluchzen zu ersticken und seiner Wut Nahrung zu geben. »Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie lieber hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder gehabt!... Das ist an allem schuld!«

Und der Unglückliche war wieder nahe daran, zu weinen. Aber bald wurde er wieder wütend und mit einer schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht mit der Stimme, schien er zu sagen:

»Hinauf, hinauf!«

Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit der einen Hand suchte er den Weg, mit der andern hielt er die Büchse, und zwischen den Zähnen hielt er das nichtswürdige Papier.

Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, als er sich der geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, durch einige Ritzen in deren Brettern und durch das Schlüsselloch etliche Lichtstrahlen.

»Da sind sie!« sagte er von neuem.

Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen Trank der Bitterkeit hinunterzuschlucken.

Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des Schlafzimmers selbst stand.

Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch.

»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung.

Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche im Zimmer husten.

Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors.

Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche fand er keine rettende Planke.

In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche Weise.

Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? Was ist alles Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße Lohe, die zuweilen im Herzen des Menschen brennt?

Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes hörte, fing er an sich zu beruhigen, denn so war seine Seele, wie wir schon an anderer Stelle bemerkten.

Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der Zweifel. Genau so, wie er es an jenem Nachmittage der Seña Frasquita gesagt hatte, von dem Augenblick an, wo er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine Seele war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden.

Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn schon bei der Beschreibung seines Charakters verglichen haben) tötete die Enttäuschung in ihm mit einem Schlage alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen seines Geistes und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region sehen, zu der er eben erst gekommen war. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie weniger tragisch, weniger streng und weniger selbstsüchtig war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's.

Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher Lage! Zweifel oder auch Hoffnung, was in dem Falle wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen Augenblick...

»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita gehustet hätte...«

In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, daß er die Kleider des Corregidors vor dem Kamin gesehen hatte, daß er die Thür der Mühle offen gefunden, daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen...

Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor Ungewißheit und Bangen zitternd.

Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am Kopfende des Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck sah er das äußerste Ende der Kopfkissen und auf den Kopfkissen den Kopf des Corregidors.

Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Müllers.

Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich.

»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er und richtete sich ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise und tastend, wie er die Treppe hinaufgestiegen war, dieselbe hinunter.

»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch überlegen. Ich habe noch zu allem Zeit,« überlegte er, während er hinunterschlich.

Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte er sich inmitten derselben nieder und verbarg das Gesicht in den Händen. So blieb er lange Zeit sitzen, bis ein leichter Schlag, den er auf einem Fuße fühlte, ihn aus seinem Nachdenken aufschreckte.

Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten war und ihm dieses Zeichen machte.

»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und blickte auf die Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. Alle Welt würde Mitleid mit ihnen haben, und mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um einen Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien noch eine unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte ihn aus unbegründeter Eifersucht getötet und dann ausgezogen und ins Bett gelegt. Sie würden weiter sagen, daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und ob sie mich nicht aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig Beweise von Herz und Verstand gegeben, wenn ich an meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle würden über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück ganz natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita so schön war. — Nichts, nein, Rache brauche ich, und nachdem ich mich gerächt habe, will ich triumphieren, verachten, lachen, viel lachen, über alle lachen, und so vermeide ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den man jetzt fast beneidet und der am Galgen so grotesk sein würde.«

So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht genau Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede stellte er die Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Armen und gesenktem Haupte auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf dem Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes in einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die seine Frau und den Corregidor dem Gelächter preisgeben sollte. Er suchte die Rache nicht in der Gerechtigkeit, in der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich weniger als das seine gegen alle Forderungen der Natur, der Gesellschaft und seiner eigenen Gefühle aufgelehnt hätte.

Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des Corregidors haften. Da richtete er sich auf...

Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen Heiterkeit, Freude und Triumph verklärt, bis er selbst auf eine entsetzliche Art anfing zu lachen, das heißt, es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch nur den geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, um nicht vor Lachen zu bersten, schüttelte sich wie ein von Krämpfen Befallener und ließ sich endlich in einen Stuhl fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude vorüber war; es war wirklich ein mephistophelisches Gelächter.

Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit fieberhafter Hast umzukleiden; seine Kleider legte er genau auf dieselben Stühle, auf denen die des Corregidors gelegen hatten, zog alle Kleinodien an, die jenem gehörten, bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, ergriff den Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle und ging auf die Stadt zu, indem er sich genau in derselben Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga zu thun pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, die er in Gedanken weiter auslegte.

»Auch die Corregidora ist reizend.«


21.

Achtung, Herr!

Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir uns mit dem, was in der Mühle vorgefallen ist, seit dem Augenblicke, in dem wir die Seña Frasquita allein ließen bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare Dinge wahrnehmen sollte.

Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit Toñuelo die Mühle verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, welche sich vorgenommen hatte, sich bis zur Rückkehr ihres Mannes nicht niederzulegen, und in dem im obern Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß, außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, ein jämmerliches Geschrei.

»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief eine Männerstimme in düsterm Tone der Verzweiflung.

»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit einem Entsetzen, das wir nicht zu beschreiben brauchen.

Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher uns Garduña schon erzählt hat, und die wirklich auf den obern Teil des Mühlgerinnes ging. Ohne zu zögern, öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe heischende Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem ungestüm dahinströmenden Graben auftauchte.

»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte der nichtswürdige Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.«

»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können Sie es wagen? Was wollen Sie hier zu dieser Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt, aber doch unwillkürlich zurückweichend.

»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, indem er hinter ihr in das Gemach glitt. »Du sollst alles wissen. Beinahe wäre ich ertrunken. Schon trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur, sieh, wie ich zugerichtet bin.«

»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita mit der äußersten Heftigkeit. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe ich alles! Was geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen? Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also haben Sie meinen Mann festnehmen lassen?«

»Höre, Frau!«

»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, Herr Corregidor! Gehen Sie sofort, oder ich stehe nicht für Ihr Leben!«

»Was sagst du?«

»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im Hause; doch ich genüge, um ihm die Achtung zu verschaffen. Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder in das Wasser zurückwerfe.«

»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht taub,« rief der Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird es auch wohl einen Zweck haben. Ich will den Tio Lucas, den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen hat, in Freiheit setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!«

»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!«

»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier bringe ich dir die Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer an, und dann wollen wir weiter sprechen. Übrigens, während meine Kleider trocknen, werde ich mich in dies Bett legen...«

»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie um meinetwillen gekommen sind? Also nun gestehen Sie schon, daß Sie darum meinen Lucas gefangen nehmen ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer nur von mir gedacht!«

»Frasquita! Ich bin der Corregidor!«

»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die Frau meines Mannes und die Herrin meines Hauses. Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren fürchte? Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis ans Ende der Welt, um gegen einen unverschämten Alten, der seine Autorität durch den Schmutz schleift, Gerechtigkeit zu verlangen. Und ganz besonders weiß ich mir morgen meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora zu gehen.«

»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der Corregidor, der anfing, die Geduld zu verlieren und seine Taktik änderte. »Du wirst nichts von alledem thun, denn ich werde dir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ich sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.«

»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer Stimme aus.

»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil erwachsen. Zufällig habe ich in der Stadt zurückgelassen, daß ich heute Nacht auf die Jagd nach Verbrechern ginge. Also, sei nicht thöricht... und liebe mich... wie ich dich anbete.«

»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin und warf die Arme zurück und den Körper vorwärts, wie wenn sie sich auf ihren Gegner stürzen wollte.

»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, um mich von deinen Drohungen und deiner Schönheit befreit zu sehen,« antwortete der Corregidor voller Furcht und zog ein Paar Taschenpistolen hervor.

»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die Ernennung meines Neffen!« sagte die Seña Frasquita und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn, Herr, da ist die Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick, ich will nur das Feuer anzünden.«

Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und war in drei Sprüngen unten.

Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, weil er fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. Da er aber viel langsamer ging, so traf er, als er in die Küche gelangte, schon auf die Navarresin, die auf dem Wege war, zu ihm zurückzukehren.

»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« rief die unerschrockene Frau aus und trat einen Schritt zurück. »Nun denn, Achtung, Herr, ich bin fertig.«

Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse entgegen, welche in dieser Geschichte eine so bedeutende Rolle spielt.

»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie der Corregidor, halb tot vor Schreck. »Das mit meiner Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh, die Pistolen sind nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung ... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir ... Sie ist dein, umsonst, ganz umsonst...«

»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen wird sie mir dazu dienen, das Feuer zum Frühstück meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch will ich selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche Hand zertreten, die seinen Namen auf dies ekle Papier geschrieben hat... So, ich habe es gesagt! Verlassen Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon steigt mir das Blut in den Kopf.«

Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede.

Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren verdreht, und ein Fieberschauer schüttelte seinen Körper. Schließlich fing er an, mit den Zähnen zu klappern, und von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte er zu Boden.

Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten Kleider, die heftige Scene im Schlafzimmer und die Furcht vor der von der Navarresin auf ihn gerichteten Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten erschöpft.

»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, der hier an der Grabenhecke sein muß... Ich darf nicht in diesem Hause sterben.«

Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb wie tot.

»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña Frasquita los. »Herr im Himmel, das ist noch das Tollste von allem! Was fange ich jetzt mit diesem Menschen in meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich ihm selbst die Thür geöffnet habe... O nein, ich darf nicht hier bei ihm bleiben. Ich muß meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in Allarm bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.«

Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die Büchse fort, ging nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen Esel von der Halfter, sattelte ihn, so gut es ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang trotz ihrer. Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete sich nach dem Grabenrande.

»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie sich der Stelle näherte.