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Der Dreispitz

Chapter 28: 25. Garduña's Stern.
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About This Book

A comic novella recounts the attempted seduction of a miller’s wife by a vain local magistrate and the ensuing tricks, misunderstandings and public humiliation that restore domestic order. Interwoven episodes portray village customs, festivals, military episodes and sly folk humor, while the narrative shifts between ribald farce and sober reflection. Humble villagers and petty officials trade cunning stratagems that expose vanity and social pretension. The text balances vivid rural detail, songs and local color with a satirical view of authority and a moral emphasis on fidelity, shrewdness and the comic restitution of social equilibrium.

»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem er hinter einem Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña Frasquita?«

»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem Herrn, der liegt im Sterben.«

»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?«

»Es ist, wie du hörst, Garduña.«

»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu dieser Stunde?«

»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt zum Arzt,« antwortete die Seña Frasquita, indem sie die Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und Garduña mit einem Fußtritt antrieb.

Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie eben gesagt hatte, sondern den, welcher zum nächsten Dorfe führte.

Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch nicht, sondern lief spornstreichs nach der Mühle, während er bei sich dachte:

»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht mehr thun! Aber er ist ein unseliger Mensch! Das ist auch gerade eine schöne Gelegenheit, um krank zu werden! — Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es nicht mehr beißen kann.«


22.

Garduña vervielfältigt sich.

Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor gerade an, wieder zum Bewußtsein zu kommen, und versuchte, sich vom Boden zu erheben.

Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete Kerze, welche Sr. Gnaden aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte.

»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage.

»Wer?«

»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.«

»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich glaube, in nicht sehr guter Laune!«

»Ach, Garduña, ich sterbe.«

»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels willen!«

»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz durchweicht, die Kälte geht mir durch Mark und Bein.«

»Na ja, und nun kommen Sie damit!«

»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.«

»Ich sage nichts, Herr.«

»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.«

»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön ich alles besorgen werde.«

So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff er mit der einen Hand das Licht, mit der anderen nahm er den Corregidor unter den Arm, trug ihn in das Schlafzimmer hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins Bett, lief nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte nach der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die Kleider seines Herrn hinunter, breitete sie auf den Lehnen einiger Stühle aus, zündete eine Lampe an, hing sie am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem Schlafzimmer zurück.

»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob das Licht in die Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu leuchten.

»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... Morgen hänge ich dich auf, Garduña!«

»Warum, Herr?«

»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du denn, daß, als ich deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, ich glaubte mich allein in das Bett zu legen, nachdem ich das Sakrament der heiligen Taufe zum zweitenmale empfangen? — Morgen hänge ich dich auf!«

»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña Frasquita...«

»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das ist alles, was ich mit deinen Ratschlägen erreicht habe. — Ich sage dir, morgen früh hänge ich dich auf!«

»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« antwortete der Alguacil.

»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du mich hier darniederliegen siehst?«

»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita unmöglich so unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie Ew. Gnaden erzählen, da sie doch in die Stadt gegangen ist, um einen Arzt zu holen.«

»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt gegangen ist?« rief Don Eugenio erschrockener als je aus.

»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...«

»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! Weißt du, zu welchem Zwecke die Seña Frasquita in die Stadt gegangen ist? Um alles meiner Frau zu erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, mein Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch denken! Ich glaubte, sie wäre nach dem Dorfe zu ihrem Manne gegangen, und da er dort in gutem Verwahrsam ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt zu gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter Fußgänger, und rette mich vom Verderben. Du mußt es vermeiden, daß die schreckliche Müllerin mein Haus betritt.«

»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, wenn ich es erreiche?« fragte der Alguacil.

»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz gute Schuhe schenken, die mir zu groß sind. Ich will dir alles schenken, was du willst.«

»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. In einer halben Stunde bin ich zurück, nachdem ich die Navarresin ins Gefängnis gesperrt habe. Nicht umsonst bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!«

Sprach's und verschwand die Treppe hinunter.

Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade während der Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war und durchs Schlüsselloch Gesichte sah.

Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette schwitzen und Garduña nach der Stadt laufen, wohin ihm Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und dem Mantel folgen sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger, um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem Dorfe zu folgen.


23.

Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.

Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf ihrer Reise von der Mühle nach dem Dorfe zustieß, war der Anblick einer Person, welche mitten in einem Saatfelde Feuer schlug, was ihr einen heillosen Schrecken verursachte.

»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? Wenn er mich anhielte?« dachte die Müllerin.

In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei.

»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin weiter. »Hier herum ist doch kein Obstgarten, keine Koppel! Gott im Himmel! heute Nacht scheinen die Kobolde ihr Wesen zu treiben!«

Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es in jenem Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei zu erwidern.

»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß ihr eine lange Nadel ins Kreuz.

Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung fürchtete, so führte sie das Tier vom Wege ab und ließ es durch die Saat laufen.

Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der Feuer schlagende Mann und der zuerst schreiende Esel etwas Zusammengehöriges bildeten, und daß diese Wesenheit in der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen war.

»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« rief die Müllerin und lachte über ihre Furcht und die des andern.

Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um elf Uhr nachts an das Haus des Dorfschulzen.


24.

Ein König von damals.

Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem er seinen Rücken dem seiner Ehehälfte zuwendete und, wie unser unsterblicher Quevedo sagt, auf diese Weise die Figur des österreichischen, zweiköpfigen Adlers bildete, als Toñuelo an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte und den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, die von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange.

Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche das Aufstehen und Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, wiederzugeben und versetzen uns in den Augenblick, in dem die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die Schläfrigkeit von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker, der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem Gähnen ausrief:

»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie hierher? Hat Ihnen Toñuelo nicht gesagt, daß Sie in der Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der Obrigkeit?«

»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. »Ich muß ihn auf der Stelle sehen. Sie sollen ihm sagen, daß seine Frau hier ist.«

»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Könige sprecht.«

»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin nicht zum Scherz aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, was mir widerfährt. Und zur Genüge weiß ich, warum man meinen Mann arretiert hat.«

»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer Mann ist nicht arretiert, sondern schläft ruhig in diesem seinem Hause, und ist behandelt worden, wie ich achtbare Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und hierhereile... Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen zugestoßen ist. Haben Sie sich gefürchtet, allein zu schlafen?«

»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß mir weder Euer Ernst, noch Euer Scherz gefällt. Das, was mir passiert ist, ist sehr einfach — Ihr und der Señor Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und Ihr seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne daß ich zu erröten brauche, und der Herr Corregidor liegt in der Mühle im Sterben.«

»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener aus. »Frau, wißt Ihr, was Ihr sagt?«

»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen und wäre beinahe ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung geholt, oder was weiß ich. Das ist Sache der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es dem Könige zu erzählen...«

»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, Manuela, Mädchen, geh und sattle mir das Maultier. Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle. Wehe Euch, wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!«

»Señor Alkalde! Señor Alkalde!« rief in diesem Augenblicke Toñuelo aus, der mehr tot als lebendig eintrat. »Tio Lucas ist nicht im Strohstall. Sein Esel ist auch nicht an der Krippe, und die Hofthür ist offen... Der Vogel ist davongeflogen.«

»Was sagst du da?« schrie Señor Juan Lopez.

»Heilige Jungfrau von Carmen! Was wird in meinem Hause passieren?« rief die Seña Frasquita aus. »Laßt uns eilen, Señor Alkalde, laßt uns keine Zeit verlieren! Wenn mein Mann den Corregidor zu dieser Stunde trifft, dann schlägt er ihn tot.«

»Glaubt Ihr denn, daß der Tio Lucas in der Mühle ist?«

»Wie soll ich es nicht glauben? Ich sage noch mehr ... Als ich kam, habe ich mich mit ihm, ohne ihn zu kennen, gekreuzt. Ohne Zweifel war er es, der inmitten eines Saatfeldes Feuer angeschlagen hat. Mein Gott, wenn man bedenkt, daß die Tiere mehr Verstand haben als die Menschen. Denn Ihr müßt wissen, Señor Juan, unsere beiden Eselinnen haben sich erkannt und sich begrüßt, während mein Lucas und ich uns weder begrüßt, noch erkannt haben.«

»Das ist mir ein schöner Lucas, Ihr Lucas,« erwiderte der Alkalde. »Nun, wir werden ja gleich unterwegs sein und bald zu beschließen haben, was mit euch allen zu machen ist. Mit mir könnt Ihr aber nicht spielen! Ich bin der König! Aber nicht ein König, wie wir ihn in Madrid haben, oder im Prado, sondern wie der einst in Sevilla, den sie Pedro den Grausamen nannten. Du, Manuela! bring mir den Stock und sage deiner Frau, daß ich fortgehe.«

Die Magd, die eigentlich hübscher war, als es sich für die Alkaldin und die Moral schickte, gehorchte, und da das Maultier des Herrn Juan Lopez gesattelt war, so machten sich die Seña Frasquita und er, von dem unvermeidlichen Toñuelo gefolgt, auf den Weg nach der Mühle.


25.

Garduña's Stern.

Wir wollen ihnen vorauseilen, da wir ja Vollmacht haben, schneller als irgend ein anderer zu gehen.

Garduña, der die Seña Frasquita in allen Straßen der Stadt gesucht hatte, befand sich bereits auf dem Rückwege nach der Mühle.

Der schlaue Alguacil war auf dem Wege im Hause des Corregidors gewesen, wo er alles sehr ruhig gefunden hatte. Die Thüren waren ebenso geschlossen, wie mitten am Tage, wie es Gebrauch zu sein pflegt, wenn die Obrigkeit ihre geheiligten Pflichten außerhalb vollzieht. Auf dem Treppenabsatz und im Vorsaal schliefen andere Alguacilen und Beamte, die ruhig ihren Herrn erwarteten; als sie aber Garduña hörten, wachten einige von ihnen auf und fragten ihn, der ihr Haupt und Vorgesetzter war:

»Kommt der Herr schon?«

»Nicht im Entferntesten! Bleibt nur ganz ruhig. Ich will nur wissen, ob irgend etwas vorgefallen ist.«

»Nichts.«

»Und die Señora?«

»Schläft in ihren Zimmern.«

»Ist nicht vor kurzem eine Frau durch diese Thüren gekommen?«

»In der ganzen Nacht ist niemand vorübergekommen.«

»Nun, so laßt auch niemand eindringen, wer es auch sei und was er auch sagen möge. Im Gegenteil! Legt sogar Hände an den Morgenstern, wenn er etwa kommen und sich nach dem Herrn oder der Frau erkundigen sollte, und führt ihn ins Gefängnis.«

»Es scheint, daß Ihr heute auf der Jagd nach besonderen Vögeln seid,« fragte einer von den Häschern.

»Auf Edelwild,« fügte ein anderer hinzu.

»Auf das edelste,« fügte Garduña feierlich hinzu. »Denkt doch nur, wenn der Herr Corregidor und ich selbst die Treiber machen. Also, auf Wiedersehen, und paßt gut auf!«

»Gehen Sie mit Gott, Herr Bastian,« antworteten alle und grüßten Garduña.

»Mein Stern geht unter,« murmelte dieser beim Hinausgehen. »Sogar die Frauen täuschen mich. Die Müllerin geht nach dem Dorfe zu ihrem Manne, statt nach der Stadt zu kommen... Armer Garduña, was ist aus deiner Spürnase geworden?«

Und so sprechend, machte er sich wieder auf den Rückweg nach der Mühle.

Wohl hatte der Alguacil recht, wenn er seinen alten Spürsinn vermißte, denn auch einen Mann übersah er, der sich in jenem Augenblicke hinter einigen in der Nähe der Stadt befindlichen Weiden versteckte und in den Bart oder vielmehr in seinen roten Mantel murmelte:

»Aufgepaßt, Pablo! Da kommt Garduña! Er darf mich nicht sehen.«

Es war Tio Lucas, als Corregidor gekleidet, der sich der Stadt zuwendete und von Zeit zu Zeit seine diabolische Phrase wiederholte:

»Auch die Corregidora ist reizend!«

Ohne ihn zu sehen ging Garduña vorüber, und der falsche Corregidor verließ sein Versteck und verschwand im Orte.

Kurz darauf kam der Alguacil bei der Mühle an, wie wir schon angedeutet haben.


26.

Reaktion.

Genau so, wie Tio Lucas ihn durch das Schlüsselloch gesehen hatte, verharrte auch jetzt noch der Corregidor im Bett.

»Wie gut ich schwitze, Garduña! Ich habe mich dadurch vor einer Krankheit geschützt!« rief er aus, als er den Alguacil ins Zimmer treten sah. »Und die Seña Frasquita? Hast du sie angetroffen? Begleitet sie dich? Hast du mit der Herrin gesprochen?«

»Die Müllerin, gnädiger Herr,« antwortete Garduña mit gedrückter Stimme, »hat mich armen Mann getäuscht und ist nicht nach der Stadt gegangen, sondern nach dem Dorf, um ihren Mann aufzusuchen. — Verzeihen mir Euer Gnaden die Dummheit...«

»Um so besser, um so besser!« sagte der Madrileñer mit vor Bosheit funkelnden Augen. »Dann sind wir gerettet. Noch bevor es tagt, sollen Tio Lucas und die Seña Frasquita, aneinander gekettet, in den Kerker der Inquisition wandern, und dort sollen sie verfaulen, ohne irgend jemand die Abenteuer dieser Nacht zu erzählen. — Bringe mir meine Kleider, Garduña, denn sie müssen schon trocken sein. Bringe sie mir und zieh mich an. Der Liebhaber wird sich jetzt in den Corregidor verwandeln.«

Garduña ging in die Küche hinunter, um die Kleider zu holen. —


27.

Im Namen des Königs.

Inzwischen hatten sich die Seña Frasquita, Señor Juan Lopez und Toñuelo der Mühle genähert und kamen wenige Minuten darauf in derselben an.

»Ich werde vorausgehen,« rief der Dorfschulze aus. »Zu was bin ich denn die Autorität? Folge mir, Toñuelo, und Ihr, Seña Frasquita, wartet an der Thüre, bis ich Euch rufe.«

Also ging der Señor Juan Lopez unter die Weinlaube, wo er beim Mondschein einen fast buckligen, wie den Müller gekleideten Mann bemerkte, mit Jacke und Beinkleid von braunem Tuch, schwarzer Binde, blauen Strümpfen, der murcianischen Felbelmütze und dem Mantel auf der Schulter.

»Das ist er!« schrie der Alkalde. »Im Namen des Königs! Ergebt Euch, Tio Lucas!«

Der Mann mit der Jagdmütze wollte sich nach der Mühle zurückwenden.

»Halt!« rief nun Toñuelo, indem er sich auf ihn stürzte, am Halse packte, ihm mit dem Knie einen Stoß ins Rückgrat versetzte und ihn so zur Erde riß.

Zugleich aber warf sich eine Art von wildem Tier auf Toñuelo, und indem es ihn um den Leib faßte, zog es ihn auf das Steinpflaster und fing an, ihn zu ohrfeigen.

Es war die Seña Frasquita, die nun ausrief: »Landstreicher! Laß meinen Lucas los!«

Aber in diesem Augenblicke warf sich eine Person, die soeben, einen Esel am Halfter führend, erschienen war, entschlossen zwischen die beiden und versuchte Toñuelo zu retten...

Garduña war es, der den Alguacil des Dorfes für Don Eugenio de Zuñiga hielt und zu der Müllerin sagte:

»Señora, haben Sie Achtung vor meinem Herrn!«

Und rücklings warf er sie auf den Alkalden.

Als die Seña Frasquita sich auf diese Weise zwischen zwei Feuern befand, versetzte sie Garduña einen solchen Stoß vor den Magen, daß er so lang wie er war auf den Boden fiel.

Mit ihm waren es nun schon vier Personen, die sich auf der Erde herumwälzten.

Inzwischen verhinderte Juan Lopez den mutmaßlichen Tio Lucas am Aufstehen, indem er ihm einen Fuß auf die Nierengegend pflanzte.

»Garduña! Zu Hilfe! Im Namen des Königs! Ich bin der Corregidor!« schrie endlich dieser letztere, als er fühlte, daß die mit Stierhaut bekleidete Pfote des Alkalden ihn buchstäblich zermalte.

»Der Corregidor? Das ist aber auch wahr!« sagte Señor Juan Lopez ganz erstaunt.

»Der Corregidor!« wiederholten alle.

Und schnell waren alle Niedergeworfenen auf den Füßen.

»Alle ins Gefängnis!« rief Don Eugenio de Zuñiga.

»Alle an den Galgen!«

»Aber, Herr,« warf Señor Juan Lopez ein und kniete vor ihm nieder. »Verzeihen mir Euer Gnaden, daß ich Sie gemißhandelt habe. Wie konnte ich nur Euer Gnaden unter dieser gewöhnlichen Kleidung vermuten?«

»Barbar!« erwiderte der Corregidor. »Etwas mußte ich doch anziehen! Weißt du nicht, daß man mir meine Sachen geraubt hat? Weißt du nicht, daß eine Räuberbande, die Tio Lucas befehligt...«

»Sie lügen!« rief die Navarresin.

»Hört einmal, Seña Frasquita,« sagte Garduña zu ihr und rief sie beiseite. »Mit der Erlaubnis des Herrn Corregidors und der ganzen Gesellschaft. Wenn Ihr die Geschichte nicht in Ordnung bringt, dann werden wir alle aufgehängt, und Tio Lucas zuerst.«

»Ja, was ist denn geschehen?« fragte Seña Frasquita.

»Tio Lucas geht zu dieser Stunde als Corregidor verkleidet in der Stadt umher... und weiß Gott, ob er nicht in dieser Verkleidung sogar bis in das Schlafzimmer der Corregidora gedrungen ist.«

Und in wenigen Worten erzählte ihr der Alguacil das uns bereits Bekannte.

»Jesus!« rief die Müllerin aus. »So hält mich mein Mann also für entehrt! So ist er also in die Stadt gegangen, um sich zu rächen! Vorwärts, vorwärts, laßt uns in die Stadt gehen und rechtfertigt mich in den Augen meines Lucas!«

»Wir wollen in die Stadt gehen und verhindern, daß dieser Mann meiner Frau all die eingebildeten Dummheiten wiedererzählt,« sagte der Corregidor und schritt auf eine der Eselinnen zu. »Helft mir ein wenig beim Aufsteigen, Señor Alkalde.«

»Ja, wir wollen nach der Stadt gehen,« fügte Garduña hinzu, »und gebe der Himmel, Herr Corregidor, daß Tio Lucas sich begnügt hat, mit der Herrin zu sprechen.«

»Was sagst du, Unglücklicher?« brach Don Eugenio de Zuñiga aus. »Glaubst du, daß er fähig wäre...«

»Zu allem!« antwortete Seña Frasquita.


28.

Ave Maria purísima! Las doce y media, y sereno![8]

So rief durch die Straßen der Stadt derjenige, welcher dazu berechtigt war, als die Müllerin und der Corregidor, jedes auf einem Mülleresel, der Señor Juan Lopez auf seinem Maultier, die beiden Alguacilen zu Fuß, an der Hausthür des Corregidors ankamen.

Die Thüre war geschlossen.

Man konnte sagen, daß für jenen Tag sowohl für die Regierung wie für die Regierten alles zu Ende war.

»Schlimm das!« dachte Garduña.

Er klopfte zwei- oder dreimal mit dem Klopfer an die Thüre.

Eine kleine Weile verging, die Thüre wurde nicht geöffnet, niemand antwortete.

Die Seña Frasquita war bleich wie Wachs.

Der Corregidor hatte schon alle Nägel von beiden Händen abgebissen.

Niemand sagte ein Wort.

Bum... Bum... Bum... Schläge und wieder Schläge an die Thüre der Wohnung, welche die beiden Alguacilen und Señor Juan Lopez nach einander verabfolgten. Und nichts, niemand antwortete, niemand öffnete die Thüre. Nicht eine Fliege rührte sich.

Nur das leise Plätschern eines Röhrbrunnens auf dem Hofe des Hauses drang zu ihnen herüber.

So verflossen Minuten, wie Ewigkeiten so lang. Endlich, gegen ein Uhr, wurde im zweiten Stockwerk ein Fenster geöffnet und eine weibliche Stimme fragte:

»Wer ist da?«

»Das ist die Stimme der Amme,« murmelte Garduña.

»Ich!« antwortete Don Eugenio de Zuñiga. »Öffnet.«

Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein.

»Und wer sind Sie?« entgegnete die Amme.

»Nun, hörst du es denn nicht? Ich bin es, der Herr ... der Corregidor!« —

Eine zweite Pause.

»Geht mit Gott!« antwortete die gute Frau. »Mein Herr ist vor etwa einer Stunde nach Hause gekommen und hat sich gleich niedergelegt. Legt Euch auch nur ins Bett und schlaft den Rausch aus, den Ihr im Kopfe habt.«

Und knallend schloß sich das Fenster.

Die Seña Frasquita bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

»Amme!« donnerte der Corregidor außer sich. »Hört Ihr nicht, daß ich Euch sage, Ihr sollt die Thüre öffnen? Hört Ihr nicht, daß ich es bin? Wollt Ihr, daß ich Euch auch aufhänge?«

Das Fenster öffnete sich von neuem.

»Aber was soll denn das heißen?« sprach die Amme. »Wer seid Ihr, daß Ihr so schreit?«

»Ich bin der Corregidor!«

»O, ich bin nicht so dumm! Habe ich Euch nicht gesagt, daß der Herr Corregidor schon vor zwölf Uhr nach Hause gekommen ist? Ich habe es doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er in das Zimmer der Herrin gegangen ist... Ihr wollt Euch nur über mich lustig machen... Aber wartet, Ihr sollt schon sehen, was Euch beschert wird.«

Und plötzlich öffnete sich die Thüre, und eine Wolke von Dienern und Angestellten, mit großen Knüppeln bewaffnet, stürzte sich auf die Draußenstehenden, und wütende Rufe erschallten:

»Wo ist der, welcher sich Corregidor nennt? Wo ist der Tölpel? Wo ist der Trunkenbold?«

Und in der Dunkelheit entspann sich ein solcher Kampf, ein so lauter Lärm, daß keiner den Andern verstehen konnte, und daß sowohl der Corregidor, wie Garduña, Señor Juan Lopez und Toñuelo nicht ohne Schläge ausgingen.

Das war schon die zweite Tracht Prügel, welche das Abenteuer jener Nacht Don Eugenio eingetragen hatte, außer dem Bade im Mühlgraben.

In geringer Entfernung von jenem Labyrinth weinte die Seña Frasquita zum erstenmale in ihrem Leben.

»Lucas, Lucas!« sagte sie. »Und du hast an mir zweifeln können. Und hast eine andere in deine Arme schließen können... Ach! unser Unglück ist grenzenlos!«


29.

Nach dem Gewölk... Reveille.

»Was hat dieser Lärm zu bedeuten?« sagte endlich eine ruhige, majestätische Stimme von angenehmer Klangfarbe, den Höllenlärm übertönend.

Alle erhoben die Köpfe und sahen eine schwarzgekleidete Dame auf dem Hauptbalcon des Hauses.

»Die Señora!« sagten die Dienstleute und unterbrachen ihre Prügelretraite.

»Meine Frau!« stotterte Don Eugenio.

»Laßt diese Herren eintreten... Der Herr Corregidor sagt, daß er es erlaubt,« fügte die Corregidora hinzu.

Die Diener gaben den Weg frei, und der Señor de Zuñiga und seine Begleiter traten in das Portal und stiegen die Treppe hinauf.

Wohl nie ist ein Verbrecher mit so unsicherm Schritte und so entstellten Zügen zur Richtstätte gegangen, wie der Corregidor, als er die Treppe seines Hauses hinaufging. Und doch fing schon der Gedanke an seine Schande an mit edler Selbstsucht all das durch ihn veranlaßte und ihn drückende Unrecht zu überragen und die ganze Lächerlichkeit seiner Lage mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen.

»Vor allen Dingen,« dachte er, »bin ich ein Zuñiga und ein Ponce de Leon! Wehe denen, die es vergessen haben. Wehe meiner Frau, wenn sie meinen Namen befleckt hat!«...


30.

Eine Dame von Stande.

Die Corregidora empfing ihren Gatten und seine ländlichen Begleiter im großen Saale des Amtsgebäudes.

Sie war allein, stand aufrecht, und ihre Augen waren fest auf die Thür gerichtet.

Es war eine Dame aus vornehmem Hause, noch ziemlich jung, von einer ruhigen, strengen Schönheit, mehr geeignet für den christlichen Pinsel, als für den ungläubigen Meißel, die mit der ganzen Vornehmheit und Ernsthaftigkeit jener Epoche gekleidet war. Ihr Kleid mit kurzem, engem Rock und bauschigen, hochstehenden Ärmeln war von schwarzem Bombasin, ein Tuch von weißen, etwas gelblichen Blonden verhüllte ihre bewundernswerten Schultern, und lange Handschuhe von schwarzem Tüll bedeckten ihre alabasterweißen Arme. Majestätisch wehte sie sich mit einem ungeheuren Fächer von den Philippinen Kühlung zu, und in der anderen Hand hielt sie ein Spitzentuch, dessen vier Ecken symmetrisch mit einer Regelmäßigkeit herunterhingen, die sich nur mit ihrer ganzen Haltung und jeder ihrer geringsten Bewegungen vergleichen ließ.

Die schöne Frau hatte etwas von einer Königin, mehr aber noch von einer Äbtissin in ihrer Erscheinung und flößte allen, die sie sahen, Verehrung und Furcht ein. Übrigens bewiesen der sorgfältige Anzug zu so ungewöhnlicher Stunde, der Ernst ihres Antlitzes und die vielen im Salon angezündeten Lichter, daß die Corregidora bemüht gewesen war, jener Scene eine theatralische Feierlichkeit und zeremonielle Färbung zu geben, welche mit dem rohen Abenteuer ihres Mannes um so schärfer kontrastierten.

Schließlich wollen wir noch hinzufügen, daß jene Dame Doña Mercedes Carrillo de Albornoz y Espinosa de los Monteros hieß und Tochter, Enkelin, Urenkelin, Ururenkelin, ja Enkelin im zwanzigsten Grade der Stadt war, als Sprößling von deren berühmten Conquistadoren. Ihre Familie hatte sie aus weltlicher Eitelkeit mit dem alten, begüterten Corregidor verheiratet, und sie, die sonst Nonne geworden wäre, weil eine innere Stimme sie dem Kloster zuführte, willigte in jenes schmerzbringende Opfer.

Zur Zeit hatte sie zwei Sprößlinge von dem verwegenen Madrileñer, und man munkelte, daß wieder »Mauren an der Küste zu sehen wären.«

Und damit wollen wir wieder zu unserer Geschichte zurückkehren.


31.

Die Strafe der Wiedervergeltung.

»Mercedes!« rief der Corregidor aus, als er vor seiner Frau erschien, »ich muß sofort wissen...«

»Oho, Tio Lucas, Ihr hier?« sagte die Corregidora, ihn unterbrechend. »Ist ein Unglück in der Mühle geschehen?«

»Señora, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt,« sagte der Corregidor wütend. »Bevor ich von meiner Seite irgend welche Erklärung abgebe, muß ich erst wissen, was aus meiner Ehre geworden ist.«

»Was geht das mich an? Habt Ihr sie mir vielleicht in Verwahrung gegeben?«

»Ja, Señora! Ihnen,« entgegnete Don Eugenio. »Die Frauen sind die Bewahrerinnen der Ehre ihrer Gatten.«

»Dann fragt doch Eure Frau danach... Da steht sie ja gerade und hört uns.«

Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben war, stieß eine Art von Gebrüll aus.

»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« fügte die Corregidora hinzu, indem sie sich mit erhabener Würde an die Seña Frasquita wendete.

Sie selbst schritt auf das Sofa zu.

Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze Größe in der Haltung der beleidigten und vielleicht doppelt beleidigten Gattin. Darum erhob sie sich im Augenblick zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen Triebe und bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur nicht etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld und Kraft Eile gehabt hätte, sich zu verteidigen... Große Eile hatte sie anzuklagen, sehr große... aber gewiß nicht die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu pflücken hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war nicht dort.

»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie sah, daß die Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt hatte, »ich habe Ihnen gesagt, daß Sie näher kommen und sich setzen sollen.«

Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer und gefühlvollerer Stimme ausgesprochen, als die erste. Fast konnte man sagen, daß die Corregidora beim Anblick des ruhigen Antlitzes und der männlichen Schönheit jener Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen, verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt.

Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für doppelte Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des Friedens und der Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem größten Erstaunen, daß ihre Seelen Gefallen aneinander fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen.

Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern die weißen Schneefelder auf den umhüllten Bergen.

Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat die Müllerin ein und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhles.

Da sie in der Mühle vorausgesehen hatte, daß sie in der Stadt vielleicht wichtige Besuche zu machen haben würde, so hatte sie ihre Kleider ein wenig geordnet und eine schwarze Flanellmantille mit großen Fransen übergeschlagen, die ihr wundervoll stand. Sie sah ganz wie eine Dame aus.

Der Corregidor dagegen hatte während dieser Episode vollständiges Stillschweigen beobachtet. Das Gebrüll der Seña Frasquita und ihr Erscheinen auf dem Schauplatze hatten ihn natürlich erschreckt. Jene Frau verursachte ihm jetzt mehr Entsetzen, als seine eigene.

»Nun also, Tio Lucas,« fuhr Doña Mercedes fort und wandte sich an ihren Gatten. »Hier ist die Seña Frasquita. Ihr könnt jetzt Euer Verlangen wiederholen.«

»Mercedes! um der Nägel Christi willen!« rief der Corregidor, »du weißt nicht, wessen ich fähig bin. Von neuem beschwöre ich dich, laß den Scherz beiseite und erzähle mir alles, was während meiner Abwesenheit vorgefallen ist. Wo ist dieser Mann?«

»Wer? Mein Gatte? Mein Mann ist eben im Begriff aufzustehen und wird wohl nicht mehr lange zögern.«

»Aufzustehen?« heulte Don Eugenio.

»Ihr wundert Euch darüber? Nun, wo sollte ein anständiger Mann denn zu dieser Stunde sein, wenn nicht in seinem Hause, in seinem Bett und an der Seite seiner rechtmäßigen Gattin, wie Gott es befiehlt?«

»Mercedes! Paß auf, was du sagst. Denke daran, daß man uns hört... Denke daran, daß ich der Corregidor bin!«

»Wenn Ihr auf diese Weise anfangt, Tio Lucas, so werde ich nach den Alguacilen schicken, damit sie Euch ins Gefängnis abführen,« entgegnete die Corregidora und stand auf.

»Ich ins Gefängnis? Ich? Der Corregidor der Stadt?«

»Der Corregidor der Stadt, der Vertreter der Gerechtigkeit, der Bevollmächtigte des Königs,« antwortete die hohe Dame mit einer Strenge und Energie, welche die Stimme des angeblichen Müllers vollständig erstickten, »kam zur schicklichen Stunde nach Hause, um von den edlen Aufgaben seines Amtes auszuruhen und morgen fortzufahren, die Ehre und das Leben der Bürger zu schützen, die Heiligkeit des Herdes und die Sittsamkeit der Frauen zu schirmen und zu verhindern, daß irgend jemand als Corregidor oder in anderer Weise verkleidet in das Schlafgemach einer fremden Frau eintrete, damit niemand die Tugend in ihrer sorglosen Ruhe überraschen könne, niemand ihren keuschen Schlaf mißbrauchen...«

»Merceditas! Was sagst du da?« zischte der Corregidor zwischen Lippen und Gaumen. »Wenn es wahr ist, daß dies in meinem Hause vorgekommen ist, so sage ich dir, daß du eine Treulose, eine sittenlose Person bist.«

»Mit wem spricht dieser Mensch?« unterbrach ihn die Corregidora verächtlich und ließ ihren Blick über die Umstehenden schweifen. »Wer ist der Wahnsinnige? Wer ist der Betrunkene? Kaum kann ich noch glauben, daß Ihr ein ehrlicher, anständiger Müller wie der Tio Lucas seid, trotzdem Ihr sein ländliches Kleid tragt. — Señor Juan Lopez, wißt,« fuhr sie fort, indem sie dem vernichteten Dorfschulzen ins Gesicht sah, »daß mein Mann, der Corregidor der Stadt, vor zwei Stunden nach Hause gekommen ist, mit seinem Dreispitz, seinem roten Mantel, seinem Kavaliersdegen und seinem Amtsstock... Die hier gegenwärtigen Dienstboten und Alguacilen sind aufgestanden und haben ihn gegrüßt, als sie ihn durchs Portal kommen, die Treppe hinauf und durchs Empfangszimmer schreiten sahen. Dann haben sie die Thüren geschlossen, und seit der Zeit ist niemand in meine Wohnung eingetreten, bis Sie ankamen. Ist das wahr? Antwortet ihr...«

»Es ist wahr, es ist sehr wahr,« antworteten die Amme, die Diener und die Polizeidiener, die alle, an der Salonthür gruppiert, jener eigentümlichen Scene beiwohnten.

»Hinaus mit euch allen!« rief Don Eugenio wutschnaubend. »Garduña! Garduña! Komm und nimm diese Elenden, die den Respekt vergessen, gefangen. Alle ins Gefängnis! Alle an den Galgen!«

Garduña war nirgends zu sehen.

»Übrigens, Señor,« fuhr Doña Mercedes fort, indem sie den Ton änderte und ihren Mann anzusehen und ihn als solchen zu behandeln geruhte, da sie fürchtete, der Scherz könnte vielleicht zu unheilbaren Resultaten führen, »nehmen wir einmal an, daß Sie Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon wären...«

»Ich bin es!«

»Nehmen wir einmal an, daß mich einige Schuld träfe, weil ich einen Mann, der als Corregidor gekleidet in mein Schlafzimmer drang, für Sie gehalten habe...«

»Infame Canaille!« schrie der Alte, griff mit der Hand nach dem Degen und fand nur den leeren Platz und die Binde des murcianischen Müllers.

Die Navarresin bedeckte mit einem Zipfel ihrer Mantille ihr Gesicht, um die Flammen der Eifersucht zu verbergen.

»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr Doña Mercedes mit einem unerklärlichen Gleichmut fort. »So sagen Sie mir doch erst eins, mein Herr! Hätten Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? Kommen Sie vielleicht aus der Beichte? Kommen Sie aus der Messe? Oder woher kommen Sie mit diesem Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo haben Sie die Hälfte der Nacht zugebracht?«

»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und stand, wie von einer Feder emporgeschnellt, auf und trat keck zwischen die Corregidora und deren Gatten.

Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit offenem Munde stehen, als er sah, daß die Navarresin ins Feuer trat.

Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte:

»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu geben. Ich verlange sie durchaus nicht von Ihnen. Hier kommt derjenige, der das Recht hat, sie von Ihnen zu fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.«

Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in ihr erschien Tio Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als Corregidor gekleidet, mit Stock, Handschuhen und Degen, wie er in den Ratssaal zu treten pflegte.


32.

Der Glaube versetzt Berge.

»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach der zuletzt Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach mit zusammengefallenem Munde, wie Don Eugenio de Zuñiga.

Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, den Saal und küßte die Hand der Corregidora.

Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des Tio Lucas mit dem wirklichen Corregidor grenzte ans Wunderbare.

Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor Juan Lopez ein Gelächter nicht zurückhalten.

Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und stürzte sich wie ein Basilisk auf Tio Lucas.

Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte den Corregidor mit ihrem eisernen Arm; und Seine Gnaden, im Andenken an einen andern Purzelbaum und das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich zurückwerfen, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten in Schach zu halten.

Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß seine Frau sich ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, und mit einem schrecklichen Lachen, so daß er die Hand aufs Herz legen mußte, weil es ihm zu springen drohte, sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend:

»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen schon die Ernennung geschickt?«

Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf ihre Mantille zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz einer Löwin, und ihre Augen wie zwei Dolche in die des falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm gerade ins Gesicht:

»Ich verachte dich, Lucas!«

Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine Geste, solch eine Bewegung, solch ein Ton der Stimme begleiteten jene Worte.

Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die Stimme seiner Frau hörte. Eine Art von Inspiration, wie die des religiösen Glaubens, war in seine Seele gedrungen und überflutete sie mit Licht und Freude. Und einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen und zu sehen geglaubt hatte und rief mit Thränen in den Augen und vollster Aufrichtung in der Stimme aus:

»Also bist du noch meine Frasquita?«

»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt bin ich deine Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage deine Heldenthaten dieser Nacht, und sie werden dir sagen, was du mit diesem Herzen gemacht hast, das dich so geliebt.«

Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, begann sie zu weinen.

Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen und sie mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme zu schließen.

Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña Frasquita an, sie zu küssen und sagte, schluchzend wie ein Kind, das Schutz bei seiner Mutter sucht:

»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!«

»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, die auch großmütig weinte.

»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und kämpfte mit seinen Thränen, wie wenn er sich schämte, sie zu vergießen.

»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, der sich durch das ansteckende Weinen der Übrigen erweicht fühlte, oder sich auf dem feuchten Wege, ich meine auf dem Wege des Weinens, zu retten hoffte. »Ach, ich bin ein Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der seinen Lohn empfangen hat!«

Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib des Señor Juan Lopez liebend umschlang.

Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles schien zu Ende zu sein, und doch hatte sich niemand erklärt.


33.

Nun, und du?

Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer wieder flott wurde, weil er anfing, sich dessen zu erinnern, was er durchs Schlüsselloch gesehen.

»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er.

»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die Corregidora aus. »Eure Frau ist eine Heilige.«

»Gut... ja... aber...«

»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet sehen, wie sie sich rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, sagte es mir das Herz, daß sie eine Heilige sei, trotz alledem, was Ihr mir erzählt hattet.«

»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas.

»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt zuerst sprechen. Denn die Wahrheit ist, daß du...«

Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer Achtung vor der Corregidora.

»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem allen Glauben verlor.

»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, der auch wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich jetzt um diese Dame. Ach, Merceditas! Wer hätte mir jemals gesagt, daß du...«

»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit dem Blicke messend.

Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die beiden Ehepaare wohl hundertmal dieselben Sätze.

»Und du?«

»Nun, und du?«

»Na, du!«

»Nein, du!«

»Aber, wie konntest du...«

Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, wenn nicht die Corregidora schließlich, ihre Würde wieder annehmend, zu Don Eugenio gesagt hätte:

»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit werden wir später ordnen. Das Dringendste ist in diesem Augenblick jedenfalls, Tio Lucas' Herzen den Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das ganz leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, die nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu rechtfertigen.«

»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete diese. »Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, von denen niemand sagen kann, daß sie bestochen worden sind...«

»Und wo sind diese?« fragte der Müller.

»Sie sind unten, an der Thür.«

»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis der Señora.«

»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...«

»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige Zeugen das!«

»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche Wesen.«

»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? Sei so gut und nenne mir ihre Namen.«

»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.«

»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!«

»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch das Zeugnis unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß ich nicht in der Mühle war, als du den Herrn Corregidor dort gesehen hast.«

»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...«

»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir zweifeln konntest. Als du heute Nacht vom Dorf nach der Mühle rittest, da eilte ich von unserm Hause nach dem Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber du warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem Saatfelde Feuer an.«

»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.«

»Da schrie dein Esel...«

»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, denn jedes Wort giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.«

»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom Wege her.«

»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu hören.«

»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten und wie gute Freundinnen begrüßten, während wir beide uns weder grüßten noch erkannten...«

»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.«

»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita fort, »daß wir beide erschraken und nach entgegengesetzten Richtungen entflohen. Nun siehst du doch wohl ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt wissen willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett angetroffen hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die noch feucht sein müssen, an, und sie werden es dir besser sagen als ich. Se. Gnaden ist in das Mühlgerinne gefallen, Garduña hat ihn entkleidet und dort gebettet. Willst du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu Hilfe riefest. Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung wissen willst... Aber vorläufig brauche ich nichts weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann werde ich dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor dieser Dame nicht mitteilen kann.«

»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die reinste Wahrheit!« rief der Señor Juan Lopez, der sich Doña Mercedes' Gunst erwerben wollte, da er wohl sah, daß sie das Corregimiento beherrschte.

»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn nacheifern wollte.

»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, daß die Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen waren.

»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller aus und ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. »Meine Frasquita! Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die Ungerechtigkeit und laß mich dich umarmen!«

»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete die Müllerin, den Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, muß ich erst deine Erklärung hören.«

»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña Mercedes.

»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der Corregidor hervor und versuchte sich aufzurichten.

»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora fort, indem sie ihren Mann verächtlich ansah, »als bis die Herren die Kleider gewechselt haben, und auch dann werde ich sie nur demjenigen geben, der sie zu hören verdient.«

»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der Murcianer zu Don Eugenio, und freute sich, daß er ihn nicht getötet hatte, wenn er ihn auch mit einem wahrhaft maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew. Gnaden ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während ich sie trug!«...

»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. »Ich dagegen wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, um, wenn mir die Erklärung meiner Frau nicht genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu lassen.«

Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die Versammlung mit einem sanften Lächeln, wie es den Engeln eigen, deren Aufgabe es ist, die Menschen zu bewachen.


34.

Auch die Corregidora ist reizend.

Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:

»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.«

Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen:

»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin, heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen, schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt wieder heimkehren sahen — als wir in dem daran stoßenden Alkoven, in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen! einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war (da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck hervor. — Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah, fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen, das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹ sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen. Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«

»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.

»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.

»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn... nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken konnte, daß Sie«...

»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.«

»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein Alguacil, der die Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes zu bemächtigen. »Der Tio Lucas, der uns, als er ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art und Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle für den Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten Absichten gekommen, und wenn die Señora nicht wach gewesen wäre... Stellen Sie sich nur vor, was da hätte passieren können«...

»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. »Du sagst nichts als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, um seine Anwesenheit im Schlafzimmer der Herrin zu erklären, mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher geführt. Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich nicht enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, so daß ihm die Hälfte der Worte im Halse stecken blieben. Ich selbst habe ihn mit Schmähungen und Schimpfworten überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr Mann ist, aber wenn man mit solchen Absichten«...

»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und stellte sich vor die Rednerin. »Was hättest du denn thun wollen? Hört mich, Seña Frasquita, und kommen wir zur Sache. Die Señora sagte und that alles, was sich gehörte, aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte, bemitleidete sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche Worte: ›Wenn auch Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen ist, Tio Lucas, und ich Euch diese Unverschämtheit nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein Mann doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren eigenen Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt durch Eure Verkleidung, Schmach mit Schmach vergolten habt. Wir können uns nicht besser an ihnen rächen, und die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können, wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß gefaßt hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was wir zu sagen und zu thun hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; und dem Sebastian Garduña habe ich einen solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. Simon- und St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen wird.«

Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier sprach, flüsterten sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig in die Ohren, umarmten und küßten sich alle Augenblicke und konnten verschiedene Male das Lachen gar nicht verbeißen.

Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber der Leser wird es sich wohl ohne große Mühe denken können, und wenn nicht der Leser, so doch die Leserin.